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Miertsching – Měrćink – Мерчинг

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Johann August Miertsching zum 200. Mal – Anlass zur Würdigung dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Seit April findet man Näheres über Miertsching endlich auch auf Wikipedia.
Und darüberhinaus seit Mai auch auch in der obersorbischen „Wikipedija“, und nun seit gestern sogar in der russischen „Википедя“.
Heute besuchten wir seinen Geburtsort Gröditz, auf sorbisch Hrodźišćo.

Groeditz bei Weissenberg

Am Freitag halten wir einen Vortrag über Miertsching in Kleinwelka bei Bautzen, wo Miertsching sowohl seine Jugend als auch seinen Lebensabend verbrachte.

Nachtrag – für Sorbisch-Sprechende: „Jenički Serb w polarnej kónčinje“ był – Veröffentlichung in Serbske Nowiny, 14. Juni 2017

Seume kam nicht nach Karelien

1000 Seen, Nordenskiöld und die Leningrad Cowboys

Heute erhielt ich die Nachricht oder in neu-deutsch einen Newsletter über die geplante Eröffnung des neuen Hossa Nationalparks, der ungefähr in der Mitte Finnlands – rund 200 Kilometer von Oulu entfernt – an der Grenze zu Russland liegt.

Im Hossa Nationalpark
Kristallklares Wasser im 110 km² großen Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Mit Oulu ist meine erste Wahrnehmung von Finnland verbunden, lange bevor ich von dem Wunderläufer Paavo Nurmi, von Jean Sibelius oder von der finnischen Sauna gehört hatte.

Jean Sibelius
Eila Hiltunens Skulptur von Jean Sibelius, dem Schöpfer der „Finlandia“

Von einer Schiffsreise nach Oulu hatte mir meine Mutter ein Puukko als Andenken mitgebracht, einen traditionellen „Finnendolch“, der noch heute, Jahrzehnte später, im Bücherregal neben Büchern der finnischen Autoren Juhani Aho und Martti Larni liegt. Ahos Roman „Schweres Blut“, übrigens von Aki Kaurismäki – dem Regisseur der Filme über die schräge finnische Rockband „Leningrad Cowboys“ – als Stummfilm meisterhaft verfilmt, spielt in Karelien, genau der Landschaft, in der sich auch der Hossa Nationalpark befindet.

Mein Puukko
Mein Puukko, ein Geschenk meiner Mutter

Einer der ersten deutschen Autoren, der Finnland und seine wechselvollen Landschaften bereist hat, war Johann Gottfried Seume, der in seinem „Mein Sommer 1805“ berichtet: „Von da [Borgo, heute Porvoo] bis Helsingfors [Helsinki] ward es mir unerträglich heiß; weit heißer, als es mir um den Aetna und in der Lombardey geworden ist.“

Das Rathaus in Porvoo stand schon zu Seumes Zeiten
Das Rathaus in Porvoo stand schon zu Seumes Zeiten – Foto: kallerna

Das war im Hochsommer, wenn selbst im Süden Finnlands die Sonne kaum untergeht. An anderer Stelle schreibt er „Finnland ist eine ungeheure Granitschicht, zwischen welcher sich hier und da schöne fruchtbare bebaute Niederungen hinziehen.“ Die sprichwörtlichen tausend Seen erwähnt er nicht; denn er hatte wohl zu wenig vom Land gesehen.

Dom in Helsinki
Entstand erst nach Seumes Besuch: Dom in Helsinki

Von Helsinki war ihm nur erwähnenswert, dass der Postmeister deutsch sprach und „ein sehr gutes Haus hält“. Die heutige Hauptstadt war damals allerdings nur ein kleines Nest, das kurz danach im Russisch-Schwedischen Krieg von 1808 fast vollständig zerstört wurde.

Uspenski-Kathedrale in Helsinki
Die Uspenski-Kathdrale in Helsinki entstand in der Zeit der russischen Herrschaft

Was uns heute am Stadtbild von Helsinki gefällt, entstand unter russischer Herrschaft oder nach der Unabhängigkeit Finnlands im Jahr 1917. Nach der schwedischen bzw. russischen Vorherrschaft endete das jahrhundertelange Gezerre um Finnland endgültig erst nach dem zweiten Weltkrieg.

Das maritime Helsinki
Das maritime Helsinki

Der Südhafen von Helsinki liegt direkt im Zentrum und bietet freien Blick auf eine weite Bucht und Werftanlagen, wo mächtige Eisbrecher liegen, die daran erinnern, dass Finnland – obwohl es keinen direkten Zugang zum Polarmeer hat – an der Ostsee fast bis an den Polarkreis reicht.

Adolf Erik Nordenskioeld
Adolf Erik Nordenskiöld, aus einem Gemälde von Georg von Rosen, 1886

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich auch Finnen an der Entdeckung und Erschließung der Arktis beteiligt haben. Der in Helsinki geborene finnisch-schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld ist der bekannteste von ihnen. Unter seiner Führung gelang es dem schwedischen Expeditionsschiff Vega, 1878/79 erstmalig die Nordost-Passage von Europa entlang der Nordküste Sibiriens bis nach Asien zu befahren. Im Anschluss umrundete er noch ganz Asien, durchfuhr den Suez-Kanal und kehrte nach Stockholm zurück. Seinen Ruhm teilen sich nun Finnland und Schweden brüderlich.

Finnische Briefmarke Vega
Schwedische Briefmarke
In Finnland wie in Schweden wird Nordenskiöld geehrt

Etwas bescheidenere Entdeckungstouren bieten heute viele finnische Wandergebiete und Nationalparks an, wie neuerdings der von Hossa.

Finnlands Hossa Nationalpark
Spektakuläres Umfeld für Kajaktouren im Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Wer sich dort mit Kanu oder Kajak auf den Weg macht, wird zwar nicht wie seinerzeit Nordenskiöld auf Eisbären stoßen, sondern „bestenfalls“ auf den fast genauso großen Braunbären, der als Finnlands mythisches Nationaltier gilt. Vorsicht und Umsicht sind also auch in der finnischen Wildnis geboten.

Naturparadies mit freiem Eintritt - der Hossa Nationalpark
Naturparadies mit freiem Eintritt – der Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Herzlichen Dank an Visit Finland für die Anregung zu diesem Blog!

posted by Wolfgang Opel

Eisbären: ihre Zukunft und das Meereis

Dieser April, so fühlten wir, war viel zu kalt für uns hier in Deutschland. Fischer in Neufundland ärgern sich gerade über dichtes Packeis vor der Küste, wohingegen sich Touristikunternehmer über ein reiches Aufkommen an Eisbergen freuen.

Touristen erfreuen sich an einem Eisberg
Touristen erfreuen sich an einem Eisberg

Eis und Kaltluft im Frühling sollten jedoch keine Zweifel an der Tatsache der von Menschen verursachten globalen Erwärmung hervorrufen. Man braucht bloß mal einen Blick in die Arktis werfen. Nicht viele haben die Möglichkeit, dahin zu reisen, aber es reicht, sich aktuelle Fotos ansehen und die einschlägigen Zahlen und Daten über die Eisbedeckung und über das Tauen der Permafrostbodens zur Kenntnis nehmen.

Die Abnahme des arktischen Meereises
Abnahme des arktischen Meeeises – Sommer-Minima und Winter-Maxima
Image Credit: NASA/Goddard Scientific Visualization Studio


Nicht nur die Fläche, auch die Dicke der Meereisbedeckung ist dramatisch zurückgegangen (siehe Fußnote). Die Erwärmung in der Arktis beeinflusst in sehr komplexer Weise Wettererscheinungen, Wind- und Meeresströmungen in anderen Regionen der Erde. Derzeit bewegen sich Eismassen von der Davis Strait (zwischen Grönland und Baffinland) nach Süden und belagern die Küste Neufundlands.

Meereis in der Arktis 2017_April30
Eiskarte vom 30. April 2017 – Image Credit: Canadian Ice Service

Die aktuelle Eiskarte zeigt eine hundertprozentige Eisbedeckung (weiss) nur noch im kanadischen Archipel; vor Neufundland aber gibt es nahe der Küste eine im Durchschnitt noch starke Eisbedeckung (hellgrau). Doch auch Eisbedingungen, die Fischerboote am Ausfahren hindern, sind nicht unbedingt immer gute Jagdgründe für Eisbären – siehe S. 185-194 in unserem Buch.
Bürgermeister, Polizisten und Einwohner der Küstendörfer machen sich Sorgen über eine neue Gefahr: Eisbären streunen um die Dörfer. Ein paar Unbedarftere hingegen zücken ihr Smartphone, hoffen auf ein Selfie mit Eisbär im Hintergrund und überlegen, ob sie das Tier nicht mit etwas Fleisch anlocken können.

Eisbär bei Catalina erschossen
Eisbär bei Catalina erschossen – Nachrichten vom 10. April 2017

Wo Eisbären und Menschen dicht aufeinandertreffen, ist ersterer in der Mehrzahl der Fälle schon so gut wie tot. Aus Sicherheitsgründen, wegen Gefahr für Leib und Leben oder in tatsächlicher Notwehr wird er erschossen. Nur in wenigen Fällen stehen die aufwendigen Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung, den Eisbären mittels Betäubungsspritze ruhig zu stellen und mit einem Helikopter in unbewohnte Regionen auszufliegen.

Kosten eines Eisbaer-Transports
Kosten für einen per Helikopter abtransportierten lebenden Eisbären führen zu erregten Diskussionen – Nachrichten vom 11. April 2017

Manchmal kann man einen Eisbären, der sich außerhalb seines natürlichen Habitats in die Nähe menschlicher Siedlungen begeben hat, mit Schreckschussmunition verjagen. In vielen Fällen aber kommt er bald wieder – aus Hunger oder aus Neugier: es riecht so interessant, wo Menschen wohnen, und man könnte vielleicht etwas zwischen die Zähne bekommen.

Eisbaeren auf dem Land haben Probleme
Wissenschaftler wird wegen der Eisbär-Sichtungen befragt

Die eisfreie Periode vor der Küste Labradors ist mittlerweile 18 Tage länger als noch vor 10 Jahren – daher sieht man die Eisbären, die nicht mehr auf dem Packeis nach Robben jagen können, vermehrt auf dem Land, wo sie nach Essbarem suchen. Sie fressen kleinere Tiere, Vogeleier und sogar Pflanzen (Vgl. Buch S. 193) – vielleicht genug zum Überleben, aber nicht ausreichend, um satt zu werden und hunderte Kilometer lange Schwimmstrecken (Vgl. Buch S. 172) zurück zum Eis zu überleben. Auch wenn nun gelegentlich in Neufundland, Labrador und anderswo mehr Eisbären in der Nähe von Siedlungen gesichtet werden als früher, sind dies nur selten starke, gesunde Tiere, die viel Nachwuchs (Vgl. Buch S. 199-205) hervorbringen werden.

Hungriger Eisbär auf Futtersuche
Hungriger Eisbär auf Futtersuche

(Fußnote) Die Fläche des arktischen Eises – im Sommerminimum – hat seit in den letzten 30 Jahren dramatisch abgenommen (1982: 7,5 Mio. km²; 2012: 3,4 Mio. km²; 2016: 4,1 Mio. km²); zudem hat die durchschnittliche Eisdicke stark abgenommen, so dass es auch im Wintermaximum viel weniger dickes, mehrjähriges Eis gibt als früher. Diese Verluste traten viel rascher ein als bisher prognostiziert; bleibt der gegenwärtige Trend erhalten, könnte es sein, dass wir bereits 2040 einen eisfreien Sommer in der Arktis erleben. Was das für das Weltklima und für uns alle bedeuten kann, will ich hier gar nicht diskutieren, sondern vorerst nur daran erinnern, dass die Zukunft der Eisbären mit der des arktisches Meereises verbunden ist.

Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf unser Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis.

posted by Mechtild Opel

Kanada – 150 plus! Weit mehr als 150 Jahre Geschichte

In diesem Jahr feiert Kanada den 150. Jahrestag der Konföderation, des Staatsgebildes Kanada. Nicht alle Kanadier sehen den Festlichkeiten mit ungetrübter Freude entgegen – denn für die indigenen Völker Kanadas, die First Nations, Inuit, und die Métis, steht der Jahrestag der Staatsgründung auch für die vor etwa 150 Jahren nochmals verstärkt einsetzende Kolonisation.

Denkmal für Anne und Joe Henry Dempster Highway
Heritage Site der Tr‘ondëk Hwëch‘in First Nation – Denkmal für Joe und
Annie Henry am Dempster Highway, Yukon


Haida Heritage Centre in Skidegate
Haida Heritage Centre, Ḵay Llnagaay, Skidegate, Haida Gwaii, British Columbia

Die Geschichte der Ureinwohner im heutigen Kanada begann vor mindestens 12.000 Jahren – oder waren es gar 24.000? – als Völker aus Asien den amerikanischen Kontinent erreichten.

Beothuk_Centre_NL
Im Beothuk Interpretation Centre, Boyd’s Cove, Newfoundland

Hier lebten, bevor seit dem 17. Jahrhundert Franzosen und Briten das heute kanadische Territorium besiedelten, wahrscheinlich ca. 350.000 Menschen, die 50 verschiedene Sprachen verwendeten.

Mackenzie Hotel Inuvik mit Inukshuk
Ein Inukshuk (traditionelles Steinmal der Inuit) in Inuvik, Northwest Territories

Whetung Ojibwa Centre in Ontario
Das Whetung Ojibwa Centre, Curve Lake First Nation, Ontario

Die Erschließung des Landes durch die europäischen Siedler hatte gravierende Folgen für die Ureinwohner. Wegen Überjagung nahmen die Wildbestände ab, die Ureinwohner wurden abhängig von Handelsgütern – außer Lebensmitteln, Werkzeug, Waffen und Munition leider auch Alkohol, mit verheerenden Folgen. Sie lernten Schulden, Hunger und Elend kennen. Epidemien wie Tuberkulose, Masern und Pocken rafften einen großen Teil der indigenen Bevölkerung dahin; ganze Dörfer mussten aufgegeben werden.

Continuing Care Centre Kainai
Continuing Care Centre, Blood Tribe, Kainai First Nation, Stand Off, Alberta – Foto: © Geneviève Susemihl

Christliche Missionierung verstärkte den kulturellen Wandel, der durch die veränderte Lebensweise eingesetzt hatte.

Millbrook Cultural & Heritage Centre, Nova Scotia
Glooscap-Monument vor dem Millbrook Cultural & Heritage Centre bei Truro, Nova Scotia

The Forks Meeting Place, Winnipeg
Seit 6000 Jahren ein Treffpunkt: The Forks im Zentrum von Winnipeg

Um die Ressourcen des Landes für Ackerbau, Viehzucht und Industrie zu übernehmen und mittels Eisenbahnen zu erschließen, handelte die föderale Regierung Kanadas im 19. Jahrhundert Verträge mit den First Nations zu Landabtretung und zu ihrer Ansiedlung in Reservaten aus, wo sie „zivilisiert“ und assimiliert werden sollten. Als Gegenleistung wurden jährliche Geldzahlungen und die Sorge für Schulen, Ausbildung und wirtschaftliche Entwicklung zugesagt – ein nur unzureichend erfülltes Versprechen, was bis heute große Probleme nach sich zieht. In manchen Reservaten erinnern die Lebensbedingungen – von der Trinkwasserversorgung über die Wohnungssituation bis hin zum Zustand der Schulen – an die dritte Welt und entsprechen keineswegs den Standards im übrigen Kanada.

Camp Ashini Quebec
Camp Ashini – ein traditionelles Innu-Camp an der Côte-Nord, St. Lorenz-Strom, Quebec

Seit dem Indian Act von 1876 betrieb man über 100 Jahre lang eine Politik der kulturellen Assimilierung, die auf das Verschwinden der indigenen Sprachen, Lebensweise, religiösen Auffassungen und damit der gesamten Kultur zielte. Fast ebenso lange wurden Kinder der Ureinwohner zwangsweise von ihren Familien entfernt und in zumeist kirchlich geleitete residential schools (Internatsschulen) verbracht, wo sie häufig auch psychischen, physischen Misshandlungen und manchmal sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Das führte zu Entwurzelung, Traumatisierung und gebrochenen Lebensläufen mehrerer Generationen. Die Nachwirkungen – Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt – belasten die Entwicklungsmöglichkeiten, vor allem die der Kinder, bis heute.

Pabineau Falls, New Brunswick
Stromschnellen (Pabineau Falls) im Oasapegel Heritage Park – Pabineau First Nation, New Brunswick

Seit den 1980er Jahren entstanden bei den First Nations und den Inuit politische Bewegungen zur Rückbesinnung auf kulturelle Werte, zum Retten und Wiedererlernen der eigenen Sprache und Traditionen und zur Selbstbestimmung. In jüngster Zeit benutzen vor allem junge, gut ausgebildete Angehörige der First Nations und Inuit das Schlagwort „Dekolonisation“, um grundlegende Rechte und Chancen für ihre Völker einzufordern.

Lennox Island Cultural Centre, PEI
Im Cultural Centre – Lennox Island First Nation, Prince Edward Island

Als Tourist hat man in allen Provinzen und Territorien Gelegenheit, sich auch über das „Kanada 150plus“ zu informieren – das Kanada der First Nations, Inuit und Métis.

Inukshuk bei Cape Dorset, Nunavut
Inukshuk – Wegzeichen nahe der Inuit-Siedlung Cape Dorset, Nunavut

Wanuskewin Heritage Park
6000 Jahre alt sind die archäologischen Funde im Wanuskewin Heritage Park bei Saskatoon, Saskatchewan – Foto: Wikipedia, Canadian2006

Siehe auch meine Artikel „150 oder 12.000 Jahre? Aus der Geschichte Kanadas“ sowie „Ahornblatt und Medicare. Bemerkungen zu Politik und Gesellschaft“, die im Heft 2/2017 des Magazins 360° Kanada erschienen sind – und natürlich unser „Kanada-Lesebuch“ (MANA-Verlag).

posted by Mechtild Opel

Angry Inuk – Alethea Arnaquq-Barils neuer Dokumentarfilm

Als ich diesen bewegenden Film letztes Jahr im September beim Atlantik Film Festival in Halifax sah, dachte ich: der muss unbedingt in Europa gezeigt werden!

Filmplakat Angry Inuk
Das Plakat für den Film „Angry Inuk“

Die BERLINALE mit dem NATIVe Programm, das in diesem Jahr auf die arktischen Regionen fokussierte, hat diesen Wunsch verwirklicht.

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NATIVe im Cinestar IMAX, Berlinale 2017

Die Jagd auf Robben ist ein kontroverses Thema, das seit Jahrzehnten in öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Bilder von den niedlichen weißen Kegelrobben-Babys, die ganz traurig gucken, und darüber, wie die arglosen Tierchen auf den Eisschollen des St.- Lorenz-Golfs erschlagen wurden, haben viele Europäer schon ziemlich oft gesehen, und diese Bilder tauchen immer wieder auf. Dafür sorgen die bekannten Tierschutzorganisationen, in deren Kampagnen und Spendenaufrufen gerade die Robbenjagd eine große Rolle spielt (obgleich die Jagd auf diese niedlichen Robben-Babys schon seit Jahrzehnten verboten ist und Robben im Nordatlantik nicht zu den bedrohten Tierarten gehören!).

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Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis

Bilder von deutschen Schlachthöfen, davon, wie man dort mit den Schweinen, Kälbchen und Rindern umgeht, sind hingegen so gut wie gar nicht präsent im öffentlichen Bewusstsein. Dabei wird dort – pro Tag! – ein Vielfaches der Tiere, die in der Arktis im ganzen Jahr erlegt werden, getötet – abgeschlachtet! Und das passiert bei uns quasi vor der Haustür, nicht in einer fernen Region. Und – aber? – auch viel näher am eigenen Magen.


Alethea Arnaquq-Baril
Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film

In dem berührenden Film der mutigen kanadischen Alethea Arnaquq-Baril, einer jungen Inuit-Mutter, sieht man unter anderem ihr engagiertes Bemühen – das leider vergeblich bleibt – mit Vertretern verschiedener Tierschutzorganisationen in Kontakt und in Dialog zu kommen. Deren Aktivitäten haben nämlich bewirkt, dass durch ein EU-Einfuhrverbot der Markt für Robbenfelle und damit eine wichtige Erwerbsquelle für die Inuit zusammengebrochen ist. Übrigens eine nachhaltige – denn der Robbenbestand in der Arktis ist nicht gefährdet.

Fell einer Ringelrobbe
Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgepannt

Im Hohen Norden lebt man völlig anders als bei uns, wie der Film schon in der ersten Szene zeigt. Die Jagd ist dort Bestandteil des alltäglichen Lebens der Inuit. In bewundernswerter Weise verstehen sie seit Jahrhunderten, die wenigen vorhandenen Ressourcen in einer äußerst kargen Umwelt zu nutzen, in der von September bis Mai Winter ist, in der kein Getreide, kein Gemüse wachsen kann. Robbenfleisch ist das Grundnahrungsmittel für diejenigen Inuit, die an der Küste leben – d.h. für fast alle.

Lebensmittelkosten in der Arktis
Preise für Lebensmittel im Supermarkt in der kanadischen Arktis – Beispiele 2,5 kg Mehl 15$, 1,4 kg Reis 24$, ein Kopf Blumenkohl 12$, 6 Äpfel für 10$, 1,3 kg Fleisch für 73$

Heute leben Inuit in Siedlungen, müssen Miete, Steuern und ihre Rechnungen bezahlen, benötigen also Einkommen. Noch immer ist die Mehrheit der Inuit in der kanadischen Arktis auf die Jagd angewiesen. Wer einmal dort im örtlichen Supermarkt die Produkte und die Preise gesehen hat, weiß, dass Jagd nicht nur Bestandteil der Kultur, nicht nur normale Erwerbsarbeit ist, sondern für die Mehrheit der Arktisbewohner einfach auch überlebensnotwendig. Um den Hunger zu stillen! Wild findet man nur in größerer Entfernung von den Siedlungen, das Benzin für das Schneemobil, das Boot muss bezahlt werden. Der Verkauf der Robbenfelle und -Produkte trägt in unverzichtbarer Weise zum Lebensunterhalt bei.

Fellstiefel
Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefel

Gäbe es Alternativen, um den Lebensunterhalt zu verdienen? Im Hohen Norden Kanadas liegen Rohstoffe, wie Uran und Erdöl. Ihre massive Förderung bedeutet die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis. Der Film macht deutlich, dass die Inuit-Aktivisten ihre Umwelt für sich, ihre Kinder und ihre Enkel bewahren, die arktische Tierwelt und die grandiose Landschaft schützen wollen. Sie fühlen, dass sie mit Greenpeace und den Tierschutzorganisationen auf einer Seite sitzen sollten anstatt Zielscheibe ihrer Kampagnen zu sein – oder von ihnen ignoriert zu werden. Die eigentlichen Gegner? Diejenigen, die die Inuit zur Zustimmung bewegen wollen, für kurzzeitigen „Wohlstand“ die Rohstoff-Ressourcen auszubeuten, ihre nachhaltige Lebensweise aufzugeben und irreversible Eingriffe in die Natur zu gestatten.

Aaju Peter
Mit im Film: Aaju Peter, Designerin für Fellkleidung und Aktivistin für Inuit-Rechte

Die Inuit, ihrer kulturellen Tradition gemäß, zeigen sich normalerweise nicht „angry“ – im Sinne von lautem, lärmenden Protest. Sie bevorzugen es, höflich, bescheiden und mit nachvollziehbarer Argumentation auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Ob so ihre Stimme gehört wird? Dass Angry Inuk kürzlich beim Santa Barbara Film Festival mit dem „Social Justice Award“ geehrt wurde, gibt Hoffnung; man wünscht sich, dass der Film nicht nur vor Tierschutzorganisationen, sondern auch vor dem Europäischen Parlament gezeigt wird – und dass das dort beschlossene Einfuhrverbot für Robbenprodukte aufgehoben wird.

posted by Mechtild Opel




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