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Wo die Atemluft zu Nebel wird –
„Three Thousand“ von Asinnajaq

Update: Hier einige Impressionen vom Filmabend im Berlinale-Kino Zoopalast

Es sind nur 12 Minuten Film, doch welche Fülle und Intensität!
Zarte farbige, abstrakte Gebilde bewegen sich, fließen und setzen sich neu zusammen, während die ersten Sätze erklingen wie Musik, gesprochen in Inuktitut und gleich darauf in englischer Übersetzung, in denen Asinnajaq eigentlich Unfassbares umreißt: „…jetzt lebe ich, aber ich werde sterben, und es wird eine Welt geben, in der ich nicht existiere“. Wie Poesie klingen auch die nächsten Worte, doch sie sind auch konkret, einfache Realität: “Mein Vater wurde im Frühlings-Iglu geboren – halb aus Schnee, halb aus Tierhäuten. Ich wurde im Krankenhaus geboren, mit Gelbsucht und zwei Zähnen“. Zwei Sätze, die das Tempo der Zeit erfassen, einen Generationswechsel – einen kulturellen Umbruch.

Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char
Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char

Beim Klang von Inuit-Kehlgesang zerfließen die farbigen Gebilde, geben den Blick frei auf eine eisbedeckte Meeresbucht vor hohen Bergen, auf Pitsik, rohe rote Fische, die zum Trocknen aufgehängt sind, auf eine schneebedeckte Tundralandschaft, über die der Wind fegt. Ein Hundeschlittengespann, Iglus, Frauen bei der Arbeit, neugierige Kinder … – Szenen aus alten Dokumentarfilmen in Schwarzweiß: Impressionen aus dem Alltagsleben der Inuit vor Jahrzehnten.

Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek
Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek

Szenenwechsel: Das Schiff „Arctic“ kämpft sich durch raue See, Inuit bereiten den Landungssteg vor, Kapitän Bernier, ein bekannter Polarfahrer, defiliert in Uniform vor den am Rand versammelten Inuit, an die Süßigkeiten ausgeteilt werden: Bilder einer Zeit, in der koloniale Attitüden gegenüber indigenen Völkern offensichtlich waren – und in der einschneidende Umwälzungen eingeleitet wurden, wie in der Folge erkennbar wird.

Die Filmemacherin Asinnajaq
Die Filmemacherin Asinnajaq – Foto: Alex Tran

Die junge Inuit-Filmemacherin Asinnajaq ist Absolventin des NSCAD in Halifax, in Montreal geboren und aufgewachsen, aber der Welt ihrer Vorfahren fest verbunden. Sie verwendet Filmmaterial aus den Archiven des NFB (das National Film Board of Canada, das den Film auch produziert hat), darunter Dokumentationen, Propaganda- und Bildungsfilme wie auch Spielfilme von Inuit-Filmschaffenden; kombiniert mit Animationen schafft sie daraus eine faszinierende Collage.
Farbige Naturaufnahmen zeigen arktische Tiere, wie Karibus, die erstaunlicherweise in der schneebedeckten Tundra existieren können – genau wie die Inuit; trotz aller Unwirtlichkeit, der unerbittlichen Kraft der Natur in diesen hohen Breitengraden. Wir, weiter südlich lebend, gewöhnt an milderes Klima, könnten dort kaum überleben; die Inuit tun es seit Jahrtausenden, es ist ihre Heimat – die sich gerade radikal verändert.

Gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden
Ein Fourwheeler, gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden

Die „Videoschnipsel“ aus dem NFB-Archiv zeigen, wie die Inuit in erstaunlicher Weise, unter Nutzung der lokalen Ressourcen und mit einfachsten Mitteln ihr Leben meisterten und meistern. Viele der gezeigten Handlungen erscheinen uns nahezu archaisch. Das Abhäuten von Tieren, das Trocknen und Reinigen von Pelzen, das Schneiden von Lederriemen aber gehört noch immer zum Alltagsleben (wie auch der auf der Berlinale 2017 vorgestellte Film Angry Inuk zeigte) – dies auch in der großen arktischen Siedlung mit Supermarkt, Strom- und Wasserversorgung, farbenfrohen Häusern und modernen Küchen. Neugierige Kinder im Klassenzimmer, ein großes Fabrikgebäude in arktischer Landschaft und Inuit in der Essenspause in der Werkkantine stehen für den radikalen Umbruch. Der Fourwheeler hat das Hundeschlittengespann abgelöst, doch es ist noch immer Arktis; wo im Winter die Atemluft gefriert; wo auch die Kleinkinder wissen, dass ein totes Tier neben ihnen bedeutet, dass es etwas zu Essen gibt.

Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert
Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert in Zusammenarbeit mit Patrick Doan

Packend die Intensität der Szenen, die in schneller Folge wechseln – und doch immer wieder Ruhepole zeigen: eine behaarte Raupe im Tundragras; die Großmutter, die ein kunstvolles Behältnis aus trockenem Gras flicht. Das alles eingebettet in Schichten von traumartigen Animationen, die sich in Landschaftsbildern auflösen; Musik, anfangs weich und sanft, sphärische Klänge, konturiert durch den rauen, hektischen Kehlgesang (hier wirkt auch Tanya Tagaq mit) – bereichert durch Naturgeräusche. Es ist Poesie, und es ist Alltag. Und es wird zur Vision, wenn Asinnajaqs digitale Animationen in die Zukunft führen, in das Jahr Dreitausend: unter den Nordlichtern im Dunkel der Polarnacht – oder des Universums? – glüht eine futuristische Inuit-Siedlung auf; ein Elternpaar in traditioneller Kleidung, das Baby im Amauti, schaut von einem Berg auf die strahlende Lichtkuppel im Zentrum der Siedlung: Kontinuität und Hoffnung.

Filmposter, Ausschnitt
Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt

Three Thousand, eine Produktion des National Film Board of Canada, ist auf der Berlinale zu sehen:
Dienstag, 20.3.2018, 22:00 Uhr im Zoopalast, Hardenbergstraße 29A,
Freitag, 23.2.2018, 21:30 Uhr im Cinestar IMAX, Sony-Center, Potsdamer Straße 4.

posted by Mechtild Opel

Die Einsamkeit des Kapitäns

Gedanken am Geburtstag von Robert Le Mesurier McClure

Als Robert McClure am 28. Januar 1807 in Wexford (Irland) geboren wurde, war er bereits Halbwaise; daher trägt er auch den Namen von Le Mesurier, dem hochgestellten Freund des Vaters, der den Knaben adoptierte und einige Zeit für seine Erziehung und Ausbildung sorgte. Bei der Royal Navy musste McClure sich allerdings Aufstieg und Beförderungen hart und langwierig erkämpfen, ohne jede Protektion. Es dauerte bis 1850, dass er erstmals als Kapitän ein Schiff befehligte: HMS Investigator, die zusammen mit HMS Enterprise unter Kapitän Collinson zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition aufbrach.

Plymouth Harbour im 19. Jh - unbekannter Meister
Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister

Miertsching berichtet vom 18. Januar 1850, als er vor Beginn der Reise in Plymouth Sound bei den Schiffen eintraf: „Kapitän Collinson und sein Gast Comander McClure von dem Investigator hatten soeben ihr Mittagsmahl beendigt, und bewillkommten mich aufs freundlichste“. Die Kapitäne speisten also miteinander; war ihre Trennung von den Offzieren bei den Mahlzeiten, ebenso wie die Trennung letzterer von der „gewöhnlichen“ Mannschaft, eine Maßnahme, um die strikte Rangordung an Bord und die Disziplin zu wahren? „Die Officiere essen 2 Uhr, der Kapitain 4 Uhr Mittag“, schreibt Miertsching am ersten Reisetag. In welcher Situation befindet sich der wichtigste Entscheidungsträger an Bord der Investigator? Die Offiziere trafen sich im ward room oder gun room, leisteten dort einander Gesellschaft, lachten, scherzten, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinam ein. Der Kapitän dagegen, der eine sehr große Kabine hatte – in der sich natürlich auch Kartentisch und nautische Instrumente befanden – tafelte dort in der Regel mutterseelenallein, und nur selten, bei besonderen Anlässen wie etwa am Silvestertag 1851, lud er die Offiziere dazu ein.

Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte
Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London

Wie kollegial durfte und konnte damals ein Kapitän mit seinen Untergebenen umgehen? Man weiß, dass Kapitän Collinson mit den Offizieren von HMS Enterprise aneinander geriet, sie schließlich sämtlich unter Arrest stellte. Auch Admiral Belcher, dessen Kompetenz wohl im Gegensatz zu seiner Macht stand, hatte bei der Durchsetzung seiner Autorität Probleme. War etwa die eigene Position in Gefahr, wenn man sich mit anderen beriet und auf Kritik einging? Mir ist nicht bekannt, dass Kapitän Kellet, Kommandant von HMS Resolute, solchen Konflikten gegenüberstand. Doch welche Gratwanderung mag es sein, wenn das eigene Selbstvertrauen vielleicht nicht der hohen Verantwortung entspricht, wenn man zudem die jungen Offiziere für zu unerfahren hält, wenn ein Teil der Mannschaft ein disziplinloser Haufen ist, und man sein Gesicht, seine Autorität um jeden Preis wahren muss, bei Strafe von Meuterei?

HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson
HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson

Miertsching, der Außenseiter an Bord von HMS Investigator, ist eine Landratte, er ist kein Offizier, auch wenn er auf Anweisung des Kapitäns als solcher zu behandeln ist, und er versteht anfangs kaum Englisch. In den ersten Wochen und Monaten an Bord erlebt er ständige „Zänckerei zwischen dem Kapitän und den Officieren“ und hält sich nach Möglichkeit davon fern.
Doch wiederholt wird Miertsching vom Kapitän zu Tisch geladen. Sein Tagebucheintrag vom 8. Februar 1850 lautet: „Von Heute an soll ich jeden Mittag 12 Uhr zum Kapitain kommen, und mit ihm ein Glas Wein trinken (Luncheon). Meine Bücher und Schreibereien, die ganz naß und feucht sind, so wie meine Guittare soll ich von nun an in des Kapitains Kajüte haben.“ Zudem berichtet er in Abständen davon, dass er mit dem Kapitän zu Abend speiste. Warum diese Sonderbehandlung? Sucht der einsame McClure die Gegenwart eines anderen Einsamen? Sucht er gar Trost?

Der Geburtsort McClures, Wexford
Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia

Miertsching erlebt McClure in der Auseinandersetzung mit der Mannschaft als ungeduldig und jähzornig, zum Beispiel als bei einem Sturm die Takelage Schaden nahm, während der diensthabende Offizier unter Deck war: „Der Kapitain war wüthend böse; förmlicher Unmensch“, schreibt er am 15. Mai 1850, doch drei Tage später heisst es: „Der Kapitain war heute sehr freundlich, und ich mußte den Tag über in seiner Kabine sein. Unsere Unterhaltungen waren lang und interessant; es schien ihm Leid zu thun dass er sich dieser Tage so vergessen hatte“. Nach der Abfahrt von Hawaii in die Bering Strait ist Miertsching erleichtert: „Das unangenehme Verhältniß zwischen dem Kapitain und Officieren hatte sich in den wenigen Tagen in ein sehr angenehm und freundliches verwandelt… Der Kapitain war bei uns zu Tische…“.

McClure_National_Portrait_Gallery_London
Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London

Doch mit wem bespricht der Kapitän seine Entscheidungen? Aus Miertschings Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass er sich mit seinen Offizieren beraten hätte. Hingegen sucht er in schwierigen Situationen oft die Gegenwart des als Übersetzers eingestellten Herrnhuter Bruders. Ist da endlich einer, mit dem er mal reden, sich aussprechen kann, ohne in Gefahr zu laufen, dass dies seiner Autorität Abbruch tut?
Man sollte aber nicht glauben, dass der so „bevorzugte“ Miertsching nun immer mit dem Kapitän einer Meinung war. So beklagt er im Tagebuch am 30.11.1850: „Ich habe rheumatische Schmerzen in allen Gliedern und fortwährend ist mir kalt; zum Auswärmen oder Kleidertrocknen ist keine Gelegenheit, weil die Schiffsöfen nicht geheizt werden; denn der Kapitain glaubt, Wärme ist dem Menschen schädlich, sagt: die Eskimo haben keine Öfen und keine Feuer, sind dabei die gesündesten Menschen. Der Kapitain … feuert in seinem Stubenofen täglich 32 Pfund Steinkohlen“. Miertsching erwähnt auch seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kapitän, wenn dieser mit ihm etwa über die Bestrafung von Delinquenten und vor allem über religiöse Fragen diskutierte.

im arktischen Eis
Eis, wohin das Auge blickt

Nach der ungeplanten Trennung von HMS Enterprise war die 65-köpige McClure-Expedition bereits im Herbst 1850 auf das damals fehlende Glied der langgesuchten Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik gestoßen; doch die Männer mussten noch harte und entbehrungsreiche Jahre in einer der entlegendsten Gegenden der Arktis zubringen, bevor sie gerettet wurden. Ihr Schiff, HMS Investigator, musste schließlich im Eis der Arktis zurückgelassen werden, wo es Unterwasserarchäologen von Parks Canada erst 2010 fanden.

Finden des Wracks
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Die Zeit der Entbehrungen und Hoffnungslosigkeit wirkt sich auf das psychische Befinden der Männer aus – auch auf ihren Kapitän. Miertsching, der McClure oft zur Jagd und auf Spaziergängen begleitete, bemerkt in seinem Tagebuch: „Es thut mir Leid um unsern viel geprüften werthen Kapitain; er muß sich zwingen guten Muth zu zeigen.“ Im dritten Winter im vom Eis eingeschlossenen Schiff, in der Zeit von drastischen Hunger und um sich greifenden Skorbut, mit wenig Hoffnung auf Rettung, bringt Miertsching Verständnis für die schwierige Situation des Kapitäns auf: „Ach wie mag es dem von Sorgen und Kummer niederdrückenden Kapitain zu Muthe sein, wenn er seine einst so starken, rüstigen und gesunden, und nun kaum sich aufrecht haltenden dahinwelkenden Matrosen ansieht!

HMS Investigator im Polareis
HMS Investigator im Polareis – Buchillustration

In dieser verzweifelten Lage mussten überaus schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr mit Segeltechnik und Navigation zu tun hatten: Wie klein darf und wie groß muss die Ration für den Einzelnen sein, damit alle, oder möglichst viele, überleben können? Harrt man an Bord des eingefrorenen Schiffes aus und hofft auf einen warmen Sommer und verhungert gemeinsam – oder muss das Schiff verlassen werden? Zumindest von Teilen der Mannschaft? Wen sendet man fort, wohin soll zu Fuß übers Eis oder Land gewandert werden, wo ist die Aussicht auf Rettung am größsten?

Leutnant Pim taucht auf - die Mannschaft ist gerettet
Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration

Wohl keiner von uns wüsste, was in einer so verzweifelten Lage zu tun wäre, und so ist es zwar heute einfach, aber nicht ganz gerecht, McClure für seine einsamen Enscheidungen zu verurteilen, auch wenn das Aufteilen der Mannschaft und Aussenden der kranken Männer zu Fuss mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Tod eines großen Teils bewirkt hätte. Vielleicht aber wäre es auch eine – wenn auch geringe – Möglichkeit des Überlebens, zumindest für Einige, gewesen? Und welche andere Chance hätte es denn noch gegeben, wenn nicht unvermutet Rettung aufgetaucht wäre? – Vier Männer der McClure-Expedition fanden ihren letzten Ruheplatz in der Arktis – nur vier; es hätten leicht auch viel mehr sein können, bedenkt man das Schicksal der Franklin-Expedition.

Das Grab von Thomas Morgan auf Beechey Island
Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut

Die Nordwestpassage wurde nicht von einer einzelnen Person entdeckt. Dutzende hatten ihren Anteil an der Kartierung der unbekannten Küsten und Meeresstraßen, und die „Passage“ ergab sich erst aus dem Zusammenfügen dieser Landkarten und Erkenntnisse. McClure und seine Männer aber waren zumindest die ersten, die die gesamte Nordwestpassage durchquerten, wenn auch auf mehreren Schiffen und teilweise zu Fuß. Bei aller berechtigten und vielleicht auch unberechtigten Kritik an der Person McClures ist dies eine der bemerkenswertesten Leistungen bei der Erforschung der Arktis.

Grabmal McClures auf dem Kensal Green Cemetery
Grabinschrift für McClure:
„In Memory of Vice Admiral Sir Robert John le M. McClure C.B. Born 28 January 1807 died 17 October 1873. As Captain of HMS ‚Investigator‘ AD 1850-54 he discovered and accomplished the Northwest Passage“ – „Thus we launch into this formidable frozen sea“ – „SPES MEA IN DEO“

posted by Mechtild Opel

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auch, wenn Sie oben, unter der Überschrift, auf die Schalftfläche „Miertsching“ klicken, und danach weitere, wenn Sie im Archiv der Kategorie Miertsching oben links auf „Älter“ klicken. Dort sind einige Seiten mit jeweils mehreren Artikeln verfügbar.

Gestrandet auf der Beringinsel: Die Yacht „Wild“

Am 18. September 2013 trieb ein Zweimaster führerlos bei starken Sturm gegen die steinige Küste der Beringinsel und zerschellte direkt am Ufer der einzigen Ortschaft Nikolskoje, die 1826 gegründet wurde und rund 700 Einwohner hat.

Pastellskizze von Ullrich Wannhoff
Meer – Pastellskizze © Ullrich Wannhoff

Mit Hilfe eines Kranes hievten Sergej und seine Freunde die Segelyacht an Land, ganz in der Nähe seines Ateliers. Die Backbordseite war aufgerissen und der Schiffskörper voller Wasser.

Yacht Wild - dahinter Sergejs Atelier
Die Yacht Wild, dahinter Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Fluss Gavanskaja bei Ebbe
Fluss Gavanskaya bei Ebbe – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Yacht ruht auf dem schönsten Uferplatz der Siedlung, direkt an der Flussmündung Gavanskaya Reka. Hier fliegen zwar nicht die gebratenen Tauben vom Himmel, aber die Lachse ziehen bei Flut vor der Haustür vorbei.

Beschaedigte Backbordseite mit eingebauter Tuer
Beschädigte Backbordseite mit eingebauter Tür – Foto © Ullrich Wannhoff

Die etwa 15 Meter hohen Masten wurden abgetakelt und liegen nun bei Sergej im Schuppen. Auf der verletzten Backbordseite baute Sergej ein japanisches Bullauge ein, und auch eine Tür, die nun den Eingang in den Schiffskörper bietet.

Eingang zur Yacht
Eingang zur Yacht – Foto © Ullrich Wannhoff

Garderobe auf dem Schiff
Garderobe – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Treppe zum Deck wurde entfernt, so dass die Kajüte groß und geräumig wurde. Statt des Mastes schaut jetzt ein langes Ofenrohr heraus. Die Kajüte wurde mit historischen Fotos aus Alaska ausgeschmückt.

Inneneinrichtung der Yacht
Inneneinrichtung mit Bild und Uhr – Foto © Ullrich Wannhoff

Oelgemaelde Moby Dick
Ölgemälde Moby Dick – Foto © Ullrich Wannhoff

Ein selbstgemaltes Bild zu Melvilles „Moby Dick“, Bücher und viele interessante Utensilien bereichern den Raum und machen ihn urgemütlich.

Arbeitsplatz vor dem japanischen Bullauge
Arbeitsplatz vor dem japanischen Bullauge – Foto © Ullrich Wannhoff

Die ursprüngliche Inneneinrichtung ist zu 70% erhalten. Eine polnische Werft stellte Segelschiffe für die Sowjetunion her. Wir nehmen an, das die Yacht auf der Danziger Werft hergestellt wurde, so wie auch Sergejs kleines Segelschiff „Alexandra“, die neben sein Bootshaus aufgebockt steht und mit Google Earth unter „Beringinsel, Nikolskoje“ betrachtet werden kann. Mit der „Alexandra“ segelten wir 1998 an der Küste Alaska entlang, auf den historischen Spuren von Vitus Bering und der Zweiten Kamtschatka-Expedition.

Sergej begutachtet ob das Deck dicht ist
Sergej begutachtet, ob das Deck dicht ist – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Yacht mit den Namen „WILD“ kann bis 14 Personen aufnehmen. Auf Grund von Breite und Schnitt des Bootskörpers ist sie nicht die schnellste, und jetzt dient sie als feststehendes Quartier, ist mein Rückzugsgebiet vom Dorf.

Mein Arbeitsplatz
Mein Arbeitsplatz – Foto © Ullrich Wannhoff

Nur das Rauschen des Meeres und die Schreie der Beringmöwen erreichen die Yacht, sobald ich die Türe am Morgen öffne und vergeblich den Sonnenaufgang suche.

Normales Wetter, Blick auf die Piers
Normales Wetter, Blick auf die Piers – Foto © Ullrich Wannhoff

Regen, Nebelwolken und starke Winde wechseln sich ab. Kein Fotografie-Wetter, aber für mich als Maler ist der Wolkenhimmel beeindruckend.

Abendlicht
Abendlicht – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Dresdner Maler und Arzt Carus schreibt: „Wie ziehende Wolken im steten Wandel begriffen, so die inneren Zustände des Menschen. Alles, was in seiner Brust widerklingt, ein Erhellen und Verfinstern, ein Entwickeln und Auflösen, ein Bilden und Zerstören, alles schwebt in den Gebilden der Wolkenregionen von unseren Sinnen.“

Insel Toporok mit untergehender Sonne
Insel Toporok mit untergehender Sonne – Foto © Ullrich Wannhoff

So gehe ich jeden Tag ans Riff, wo der Wind die dunklen Wolken über mich her treibt. Die weiß schäumenden Wellen brechen an der erkalteten, schwarzen Lava, und ich warte auf helles Licht.

Brechende Welle am Kliff
Brechende Wellen am Kliff – Foto © Ullrich Wannhoff

Oft quält sich das Sonnenlicht nur spärlich durch die Wolkenbänke, und ein weißer Strich bleibt am dunklen Meereshorizont kleben. Kierkegaard schreibt: „Wolken sind Hirngespinste und Gedanken, was sind sie anderes? Sieh darum wird man alles anderen müde, doch der Wolken nicht.“

Patellskizze Meer und Wolken von Ullrich Wannhoff
Meer und Wolken – Pastellskizze © Ullrich Wannhoff

Sergejs Zeichnung - Yacht auf einer Tasse
Sergejs Zeichnung von der Yacht „Wild“ auf einer Tasse – Foto © Ullrich Wannhoff

Fast jeden Abend sitzen Sergej rauchend und ich Tee trinkend am heißen knisternden Kanonenofen und erzählen uns alte Geschichten von Freunden und Bekannten, die wir über die Jahrzehnte zwischen Alaska und Russland gemeinsam kennen lernten. Balzac schrieb, das man zweimal lebt: „Das erste Mal im wirklichen Leben, das zweite Mal in der Erinnerung“. So schwelgen wir in die Nacht, bevor die Müdigkeit uns übermannt.

Blick durchs Bullauge - mit Engelfigur
Blick durch das Bullauge, mit Engelfigur – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff

Friedhof – ein russisch geflickter Mantel

Impressionen von der Bering-Insel

Millionen Jahre brausen die Wellen gegen die Basaltriffe. Im Inneren der Insel liegen die Knochen der Seeleute, nicht länger als 276 Jahre. Die Knochen der anderen Lebewesen liegen tiefer vergraben, oder das Meer hat die Leichen und Kadaver am Ufer abgeräumt.
Unter dem maroden alten Schulgebäude liegt das Gräberfeld des 19. Jahrhunderts. In den Gehirnen der Funktionäre war kein Platz für Geschichte, obwohl es anderswo auf der Insel tausendmal Platz für die Schule gegeben hätte.

Vergangenheit - Unter dem Sowjetstern
Unter dem Sowjetstern (das Vergangene) – Foto © Ullrich Wannhoff

An dem grünen Holzgebäude nagen Wind, Schnee, Frost und der häufige Regen. Die Indigenen sind an Zahl viel zu gering, sich dagegen aufzubäumen. Das Blut ist über die Generationen vermischt. Wer sagt: „Ich gehöre dazu“, der lügt. Nur ein empirisches Kleid schaut aus dem russischen Mantel heraus. Zu wenig für eine Identität. Die Sowjetzeit löschte die russischen Orthodoxen Kreuze aus. Der Sowjetstern sticht gegen den grauen Himmel empor. „Der erlöscht nie“, dachten die Führer der bolschewistischen Partei und betäubten das Volk mit wirtschaftlichen Großtaten, die heute in absurden Landschaften brach liegen.

Orthodoxe Kirche
Orthodoxe Kirche und Wohnhaus – Foto © Ullrich Wannhoff

Der heutige Friedhof liegt an einer Bergschräge, unauffällig hinter dem Dorf, vor den aufgegebenen Kartoffelfeldern. Weit dahinter beginnt die Tundra mit einer breiten Feuchtwiese, die von Bächen zerfurcht wird. Lachse laichen. Das kalte Schmelzwasser fließt durch den See, und am Ende des Dorfufers erreichen die jungen Lachse das ersehnte Meer.

Graeberfeld der oorthodoxen Kirche
Gräberfeld der Orthodoxen Kirche – Foto © Ullrich Wannhoff

Orthodoxe Kreuze schmücken das überwachsene Gräberfeld. Das sowjetische Imperium hat sich verabschiedet. Die Sehnsucht nach dem alten russischen Mantel wird geflickt. Gogol erscheint als Gespenst des 19. Jahrhunderts. Wer kennt Gogol auf der Insel? – die düsteren Straßen von Petersburg, die windigen Ecken, wo das Elend der niederen Gesellschaft lebte? Der Geruch der Kanäle, der Dreck der Hinterhöfe, wo der Mensch die Ratten mitbrachte, während die Kuppeln und Dächer in Gold erglänzen?

Die neuen Grabsteine
Die neuen Grabsteine – Foto © Ullrich Wannhoff

Verschämt werden rote Sowjetsterne ausgetauscht gegen orthodoxen Kreuze. „In unserer Verwandtschaft gab es keine Kommunisten“, so oder ähnlich kann man es interpretieren. Die Kirche ist ihnen fremd.

Neues Grab
Ein neues Grab vom August 2017: Wladimir Fomin, Fischinspektor, der
die Natur und die Insel liebte – Foto © Ullrich Wannhoff


Der Ikonostas glitzert reich und neu. Wie ein unbekanntes Märchen einer fremden Welt steht das Bilderprogramm vor den Einwohnern. Wer schaut schon ins Wikipedia, um die Geschichte der russischen Orthodoxie zu verstehen? Nur das Gefühl sagt, ich gehöre dazu. Der Präsident weiß das zu nutzen.

Ikonostas
Ausschnitt vom Ikonostas – Foto © Ullrich Wannhoff

Lachspakete werden verfrachtet
Lachspakete werden verfrachtet – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Pfarrer steht mit seinem leeren Kinderwagen allein an der Pier und schaut melancholisch in die Weite. Zuvor transportierte er eine Kiste, die im Dampfer verstaut wurde. Dreißig Tonnen Lachse werden von den Fischern verfrachtet. Keiner kümmert sich um ihn. Der Dialog mit Gott findet in seinem schwarzen Mantel statt, und keiner sieht es.

Gott im Gespraech - mit Kinderwagen
Gott im Gespräch mit dem Kinderwagen – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff

Der schwarze Mann mit dem Hundeschlitten

Wie Leutnant Pim die „Investigators“ rettete

Vor 131 Jahren, am 30. September 1886, starb Bedford Clapperton Trevelyan Pim. Als Offizier der Royal Navy war er zwischen 1850 bis 1854 an der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition beteiligt. Dabei erwarb er sich durch außergewöhnliche Leistungen besondere Verdienste. Hier soll ausschließlich eine Episode aus dieser Zeit mit ihren Folgen beleuchtet werden – dass bestimmte Attitüden in Pims späteren Leben als ein Modellfall für koloniales und rassistisches Denken im viktorianischen Großbritannien betrachtet werden, ist ein ganz anderes Thema.

Bedford Clapperton Trevelyan Pim, zeitgenössisches Bildnis Bildnis
Bedford Clapperton Trevelyan Pim, zeitgenössisches Bildnis

Eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe, HMS Investigator, war seit 1850 mit 65 Mann an Bord vom Westen her, von der Bering Strait, in der Arktis unterwegs. Schon im ersten Winter, während das Schiff im Eis der Prince of Wales Strait festgefroren war, erbrachte eine Expedition des Kapitäns McClure über Land und Eis bis zum Ende dieser Wasserstraße die Gewissheit, dass die lange gesuchte Nordwestpassage tatsächlich existierte: Die fehlende Verbindung vom Westen, von der Bering Strait, zum Viscount Melville Sound, durch den Parry bereits 1820 vom Osten her Melville-Insel erreicht hatte, war nunmehr gefunden.

Melville Island, von Banks Island aus gesehen – Stich nach einer Zeichnung von S.G. Cresswell
Melville Island, von Banks Island aus gesehen – Stich nach S.G. Cresswell

Die Kunde davon konnte jedoch England nicht erreichen. Auch im Winter darauf war das Schiff wiederum fest vom Eis umklammert, diesmal in einer schmalen Bucht am Ufer von Banks Island in der Mercy Bay, die Lebensmittelvorräte waren geschrumpft, die Mannschaft litt an Hunger und Krankheiten. Im Frühjahr 1852 unternahm Kapitän McClure eine Schlittenreise nach Winter Harbour, dem einstigen Winterquartier von Parry. Er hoffte, dort ein britisches Schiff oder wenigstens ein Lebensmitteldepot vorzufinden. Stattdessen entdeckte er nur eine Nachricht mit Angaben darüber, wo man hunderte Kilometer weiter östlich Lebensmitteldepots angelegt hatte. McClure hinterließ ebenfalls eine Nachricht, die die Situation und Position von HMS Investigator beschrieb.

Mit Schlitten über Presseinrücken im Packeis – Cresswell
Mit Schlitten über Presseinrücken im Packeis – Stich nach S.G. Cresswell

Die britische Admiralität hatte zwischenzeitlich weitere Arktisexpeditionen ausgerüstet – nicht nur nach Franklin und seinen Leuten wurde gesucht, sondern nun auch nach HMS Investigator und ihrer Besatzung. Im Herbst 1852 waren HMS Resolute und HMS Intrepid nach Melville Island vorgestoßen und überwinterten dort vor Dealy Island. Ein Schlittentrupp suchte noch im Oktober Winter Harbour auf, wo McClures Nachricht entdeckt wurde. Aber der arktische Winter, der nun mit aller Härte einbrach, erlaubte es dem Befehlshaber Kapitän Kellet nicht, sofort Hilfe auszusenden.

Schlittenflagge_Leutnant Pim_angefertigt von Jane Franklin
Schlittenflagge für Leutnant Pim – © National Maritime Museum Collection

Im März 1853 erbot sich Leutnant Bedford Pim freiwillig, einen Schlittentrupp von Dealy Island zur Mercy Bay zu führen. Mit einem von sieben Männern gezogenen Lastschlitten und einem Hundeschlittengespann machten er und der Schiffsarzt Dr. Domville sich auf den Weg. Den Umgang mit Schlittenhunden hatte man von den Inuit in Westgrönland erlernt, von denen auch die Gespanne stammten. Extremes Wetter mit orkanartigen Schneestürme verzögerte das Vorankommen des Trupps um viele Tage. Der Lastschlitten war dem mühseligen Weg über die „Hummocks“, die Presseishügel, nicht gewachsen und zerbrach. Bei eisiger Kälte beschloss Pim, den Rest des Weges nunmehr allein mit dem Hundegespann und nur zwei Männern, Emmanuel Bidgood und Robert Hoyle, zurückzulegen.

Ein Schlittenhundegespann der Inuit
Ein Schlittenhundegespann der Inuit

Nach dem dritten entbehrungsreichen Winter im Eis hatte Kapitän McClure entschieden, einen Großteil der inzwischen durch Hunger und Skorbut geschwächten und teils schwerkranken Mannschaft von HMS Investigator zu wochen- oder monatelangen langen Fußreisen über das Eis auszusenden, „um ihr Leben zu retten“. Er hoffte, mit dem Rest, den 30 stärksten und gesündesten Männern, das Schiff im Sommer aus dem Eis zu befreien und heimwärts zu segeln.
Eine Gruppe mit dem ersten Offizier Hasswell sollte mit Reiseproviant für 45 Tage 800 km über Land und Eis nach Osten, nach Port Leopold auf Somerset Island wandern, „wo ein 1848 erbautes Haus nebst Lebensmittel, Kleidung und Steinkohlen im Uberfluß und ein kleines Dampfboot zu finden sei“.

Port Leopold mit der Ruine eines Handelsposten der Hudson's Bay Company
Port Leopold mit der Ruine eines Handelsposten der Hudson’s Bay Company

Eine zweite Gruppe mit dem Inuktitut-Dolmetscher Miertsching, dem zweiten Offizier Cresswell und sechs Kranken sollte entlang der Küste von Banks Island bis zu ihrem alten Winterplatz bei den Princess Royal Islands laufen, wo sich ein Boot und ein Lebensmitteldepot befanden. Dort sollten die Männer drei Monate bis zum Eisaufbruch warten, um dann mit dem Boot über die Dolphin & Union Strait zum Festland und landeinwärts nach Fort Good Hope, einem Posten der Hudson’s Bay Company zu gelangen. „Wenn ich diese unsre bevorstehende Reise, die Schwierigkeiten derselben, und uns selbst betrachte und alles erwäge, so ist es dem Verstande nach und menschlich geredet keine Möglichkeit, dass einer von uns lebendig England erreichen werde“ , schrieb Miertsching in seinem Tagebuch.

Karte zeigt die erwaehnten Orte
Karte: Canada_Northwest_Territories, Wikipedia

Der Abmarsch sollte am 15. April stattfinden. Die Männer im Winterquartier in der Mercy Bay waren bei den Reisevorbereitungen, als einer der Schwerkranken seinen Leiden erlag. Im hart gefrorenen Boden musste nun – es war der 6. April – ein Grab geschaufelt werden. Kapitän, Offiziere und einige aus der Mannschaft befanden sich daher an Land, als man einen beweglichen Punkt erblickte, der sich schnell annäherte, dahinter noch einen weiteren.

Arrival LieutenantPim April 1853
Die Ankunft von Leutnant Pim bei der Investigator, aus: Sunday at Home

Erst dachte man an Moschusochsen, bald vermutete man Inuit, doch der Fremde, in Pelzkleidung und schwarz im Gesicht, stellt sich zur Überraschung seiner Zuhörer in englischer Sprache vor: als Leutnant Pim vom Schiff Resolute unter Kaptain Kellet. Die Aufregung, die unbeschreibliche Erleichterung, die wiederauflebende Hoffnung der Männer ist wohl kaum vorstellbar für jemanden, der nicht gleichfalls solche Ausweglosigkeit und dann eine so plötzliche Wende erfahren hat. Selbst die Kranken vergaßen ihr Elend und sprangen aus den Hängematten, um Leutnant Pim die Hand zu drücken und sich zu bedanken: er hatte die „Investigators“ noch rechtzeitig vor dem Abmarsch in den fast sicheren Tod erreicht und damit gerettet.

Taucher am 2010 gefundenen Wrack von HMS Investigator
Taucher am 2010 gefundenen Wrack von HMS Investigator – © Parks Canada

Die Investigator wurde nun verlassen und schließlich aufgegeben, später sank sie auf den Grund des Meeres. Die Mannschaft begab sich zu Fuß zu den Rettungsschiffen Resolute und Intrepid. Die schließlich 60 Überlebenden mussten, mit Ausnahme von Lt. Cresswell und Maat Wyniatt, noch einen weiteren Winter im Eis verbringen, bis sie schließlich im Herbst 1854 London erreichten. – Und warum hatte Leutnant Pim ein schwarzes Gesicht? Vermutlich war es durch den Ruß des Brenners geschwärzt, mit dem unterwegs das Wasser für Tee geschmolzen und das Essen erwärmt wurde; an Waschen war unter den extremen Bedingungen wahrlich nicht zu denken.

(Anmerkung: Alle Zitate stammen aus Miertschings Reisetagebuch)

posted by Mechtild Opel




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