Archiv der Kategorie 'Steller'

Bären auf Kamtschatka Teil II – Jagd gestern und heute

Schwarze Bären … hat man auf ganz Kamtschatka in unbeschreiblicher Menge, und sieht man solche Heerdenweise auf denen Feldern umher schweifen. Im Frühjahr kommen sie haufenweise von den Quellen der Flüsse aus denen Gebürgen, wohin sie sich in Herbste der Nahrung wegen begeben, um daselbst zu überwintern.“ Solche Sätze und mehr finden wir bei Georg Wilhelm Steller, der 1739-1746 auf Kamtschatka war.
Die Itelmenen – eines der indigenen Völker auf Kamtschatka – erlegten die Bären mit Speeren, nachdem sie Fallgruben ausgehoben und mit einer Grasdecke überzogen hatten. Im Winter suchten sie die Bären in ihren Höhlen auf, wohin diese sich zur Winterruhe zurückzogen (Bären senken ihren Blutkreislauf auf ein Minimum). Die Itelmenen stießen mit Speeren durch die Erdhöhle.

Aufgespannte Baerenfelle, mit Salz eingerieben
Aufgespannte Bärenfelle, mit Salz eingerieben – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bären haben ausgetretene Pfade, die sie immer wieder benutzen, und dort werden Schlingen aufgestellt. Eine Fangmethode, die bis noch heute üblich ist. In einer Jagdhütte fand ich den Schädel eines so gefangenen Bären. Die Zähne waren stark abgenutzt, als der Bär sich von der Metallschlinge befreien wollte – ein hoffnungsloses Unterfangen.
Steller schreibt weiter: „Sie kommen an die Mündung derer Flüsse, stehen an den Ufern, fangen Fische und werfen sie nach dem Ufer und fressen sie zu der Zeit, wenn die Fische im Überflusse sind, nach Art der Hunde, nicht mehr von ihnen als den Kopf.“ Eine Beobachtung, die auch ich bei Raubtieren machte: oft bleibt das Fleisch liegen, und es fehlen die Köpfe.

Steller-Titelbild
Stellers Buch über Kamtschatka

Die nachfolgenden Expeditionen und Großwildjäger im 19. und Anfang des zwanzigsten Jahrhundert berichten von ähnlichen Erlebnissen, wie Steller sie beschrieb.
Der einzige Zar, der Kamtschatka aufsuchte, war Alexander III., der die Reformen seinen Vaters und die Einführung westeuropäische Rechtsstaatlichkeit wieder rückgängig machte. Er liebte die Jagd und den Fischfang. So hielt er sich 1882 zur Bärenjagd in Kamtschatka auf und veranlasste, in Süden der Halbinsel eine Schutzzone einzurichten, die bis heute erhalten blieb.

In den Naturparks Kamtschatkas sind die Baeren geschuetzt
In den Naturparks von Kamtschatka, wie hier am Kurilensee, sind die Bären geschützt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Viele wissenschaftliche Expeditionen erlegten Braunbären für europäische Museen. Unter anderem Sten Bergman, der Kamtschatka 1922 während der Interventionskriege aufsuchte.
Der schwedischen Zoologe schreibt: „Der alte Jäger [ein fünfzigjähriger Kamtschadal-Russe] hatte innerhalb einiger Augenblicke sechs Bären zur Strecke gebracht … Er aber zog ruhig sein Wetzstein hervor und begann sein Messer zu schärfen, während wir übrigen uns versammelten, um das Schlachtfeld zu besehen, über das der Nebel vom Meer hereinziehen begann.“

Aus Ullrich Wannhoffs Skizzenbuch 2016
Aus meinem Skizzenblock 2016 – © Ullrich Wannhoff

Das reichhaltige Nahrungsangebot der großen Bären machte sie früher wie heute zu einem der beliebtesten Jagdobjekte für Trophäenjäger. Ihre geringe Distanz zum Menschen und ihr friedliches Leben trug dazu bei. Zuerst wurden die stärksten Bären zu Opfern. Die scheueren und kleineren Bären überlebten. Über die Zeit werden die Gene der großen Bären verschwinden, und zurück bleibt eine Art Bär in mittlerer Größe. Ähnlich ist es bei unserem Rotwild, bei dem die stärksten und größten Tiere vor dreihundert Jahren von Adligen und Fürsten abgeschossen wurden. Übrig blieb heute eine kleinere, sehr scheue Rothirschart.

Aus Niediecks Buch
Aus Niediecks Buch „Kreuzfahrten im Beringmeer“

Der Großwildjäger Paul Niedieck schreibt über „Mein stärkster Bär“ „ … so dass ich mich plötzlich nur noch wenige Schritte von dem schlafenden Bär befand, der grunzende Töne von sich stieß, die der Ausdruck des Behagens oder auch Schnarchern gewesen sein mögen. Ich ging nun etwas zur Seite, an eine Stelle, von der aus ich besser schießen konnte, und ließ meine Kugel fahren.“ Das war im Juni 1906 nördlich von Petropavlovsk, wo er mit Helfern und einem Boot mehrere Buchten abfuhren. Im Sommer war das Land in Kamtschatka schwer begehbar.

Niedieck_Jagdbeute
Paul Niedieck: „Unsere Strecke an Bären und Schafen“

Einen Bären in Kamtschatka zu erschießen ist in etwa, als würde ich bei uns eine weidende, friedliche Kuh erschießen. Mit Jagen hat das sehr wenig zu tun!!!
Niedieck brachte aus Kamtschatka und Alaska eine sehr beachtliche Sammlung für das Berliner Naturkundemuseum mit.

Paul Niedieck mit erlegtem Baeren
Paul Niedieck mit erlegtem Bären

Nach der Wende wurde der Bär stark bejagt – wegen der Galle, die illegal nach China ausgeführt wird. Für etwa 300 Bären pro Jahr werden Jagd-Lizensen ausgegeben, laut mündlicher Aussage. Wie weit illegal gejagt wird – keine Ahnung. Einige Jäger, wie Sergey Gorshkov, wurden zu Fotojägern, die sich heute für den Schutz und Erhalt der Tiere einsetzen.

posted by Ullrich Wannhoff

Zum Thema „Bären auf Kamtschtka“ kann man auch den Beitrag „Menschen hinterm Weidezaun“ lesen.

Mein russischer Freund Sergej

Auf der Visitenkarte von Sergej Pasenjuk steht „MENSCH“.
Ein großartiger Beruf!!! – Ein Universeller.

Serjey Pasenjuk - nachdenklich_Ulli_Wannhoff
Sergej Pasenjuk, nachdenklich – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej lebt seit über vierzig Jahre auf der Beringinsel, und auf dieser Insel arbeitete er als Jäger und Fischer. Nach dem die Kommandeurinseln, zu denen die Beringinsel gehört, 2002 Weltnaturerbe geworden sind, war die Jagdtätigkeit beendet. Er arbeitete dann für den Naturschutz. Jetzt ist er in Rente – ohne Ruhestand. In Russland am Ende der Welt wird man schon mit 55 Pensionär.

Eine Wand in Sergejs Atelier_Ulli Wannhoff
Eine Wand in Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Leidenschaften liegen aber nicht nur in diesen beiden Berufen. Er ist Allround-Künstler, Maler, Grafiker, Schriftsteller, Segler, Bootsbauer und Romantiker. Ein Mensch mit zwei goldenen Händen und einem klaren Kopf, der nicht in Alkohol ertränkt wird, wie bei vielen seiner Mitbewohner im Dorf Nikolskoje, das etwa 600 Einwohnern beherbergt.

Sergejs Atelier mit Ankerkette_Ulli Wannhoff
Sergejs Atelier, im Vordergrund eine Ankerkette – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wandmalerei an Sergejs Atelier
Wandmalerei an Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Erst im Nachherein bin ich ihm sehr dankbar. Wir segelten einst zu zweit 600 Meilen entlang der Alaska-Küste auf den historischen Spuren von Vitus Bering, und hatten großartige Erlebnisse mit der Yacht „Alexandria“, die den Namen seiner Frau trägt. Ihre Kosename ist Schura.

Portrait Sergej Pasenjuk
Porträt Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej zeigte mir seine Inseln, auf denen ich dann später allein wanderte, Beobachtungen anstellte, und wo viele Aufzeichnungen entstanden. Er öffnete mir die Inselwelt der Aleuten, die auf russischer Seite mit den Kommandeurinseln beginnen, auf amerikanischer Seite über Unalaska und Kodiak auf Kayak Insel enden.

Stahlplastik von Sergej Pasenjuk_Ulli Wannhoff
Stahlplastik von Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Rastlosigkeit scheint einzigartig in ganz Kamtschatka zu sein, wo die Kommandeurinseln dazu gehören. Kaum ein Mensch kennt ihn nicht. Ich achte und liebe ihn mit all seinen vielseitigen Tätigkeiten.

Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang_Ulli Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jedes Mal bin ich überrascht. Mal baut er eine Baidarka, dann repariert er kleinere Boote und größere Yachten, dann malt und zeichnet er und plant größere Buchprojekte – die zum Teil realisiert wurden.

Sergejs Engel-Plastik bei Nacht_Ulli Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sein Erzählquell hat kein Ende. Eine Geschichte schichtet sich auf neue Geschichten und der Turm von Babel wird immer höher und ragt weit in unseren menschlichen Kosmos hinein.

Interieur im Bootshaus_Sergej Pasenjuk
Interieur im Bootshaus – Foto: © Sergej Pasenjuk

Seine Sammeltätigkeit ist unermüdlich. Viele Polarfuchs- und Seeotter-Schädel zieren Balkenleisten im Bootshaus. Draußen liegt ein Schädel vom Wal. Die Wände sind voll mit historischen Fotografien, Briefen von Freunden, alten Zeitungsausschnitten, sogar aus der Zeit Russisch-Amerikas. Die fand er unter Dielen der Abrisshäuser, die früher zur Russisch-Amerikanischen Kompagnie gehörten.

Sergej_Pasenjuk_Arbeit an der Stahlkonstruktion fuer die Seekuh
Arbeit an der Stahlkonstruktion für die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Alte Holzschindeln und Gebrauchsgegenstände gehören ebenfalls zu seinen Sammelobjekten. Er errichtet Denkmäler zu Ehren der toten Seeleute, die während der „Großen Nordischen Expedition“ unter der Führung Vitus Bering an Skorbut starben. Die Kanonen vom Schiff „St. Peter“ wurden von ihm neu präsentiert: Sie bekamen ein neues Untergestell und einen frischen Anstrich.

Sergej_Pasenjuk_Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad
Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad – Foto: © Sergej Pasenjuk

Vor kurzem kam eine Mail, in der er berichtet, dass er mit Freunden das fast vollständig erhaltene Skelett einer Stellerschen Seekuh ausgegraben hat und im Bootshaus zusammenbaut. Hier sind die Bilder.

Sergej_Pasenjuk_Brustkorb der Seekuh
Brustkorb der Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Sergej_Pasenjuk_Seekuh_aufgehangen
Da hängt die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Es handelt sich eine Seekuh, die 1741 von dem deutschen Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, aber bereits kurze Zeit später ausgestorben war.

Sergej_Pasenjuk_Interieur mit Seekuh
Interieur mit Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Sergej_Pasenjuk_Seekuhschaedel mit Interieur
Seekuhschädel mit Interieur – Foto: © Sergej Pasenjuk

Ich bin dankbar, so einen agilen Typen zu kennen. Was für ein MENSCH, Sergej.

posted by Ullrich Wannhoff

Bis zum Stillen Ozean und weiter

Die Seele des Flusses Kamtschatka trägt mich zum Stillen Ozean und weiter … meine „Kreuzfahrt“ mit einem aufblasbaren Gummi-Kajak

Vom 6. Juli bis 3. August 2013 ging meine Tour rund vierhundert Kilometer abwärts auf dem Fluss Kamtschatka, der zwei Vulkangebirgskämme trennt: die Vulkane im Westen sind außer dem Ischinskaya Sopka erkaltet, die im Osten hingegen aktiv – mit der höchsten Zentralgruppe um den Kljutschewskoi mit 4800 m. Mir ging es dabei nicht um den sportlichen Wert, viele Kilometer am Tage zu schaffen, sondern darum, die Vielfalt der Landschaft mit seiner Vogelwelt zu beobachten. An manchen Plätzen blieb ich zwei Tage und kreuzte den Fluss mehrmals, weil das andere Ufer jeweils spannender und lebhafter aussah.

Der Klutschewskoi - hoechster Vulkan Kamtschatkas
Der Klutschewskoi – höchster Vulkan Kamtschatkas – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zunächst fuhr ich mit dem Linienbus von der Gebietshauptstadt Petropavlovsk in Richtung Kosyrevsk, eine alte russische Siedlung aus dem 18. Jahrhundert. Der Busfahrer war so nett und ließ mich etwa 30 Kilometer vor dem Ort an der neu erbauten Brücke (fertiggestellt 2012) aussteigen. Dies war der Beginn einer Kreuzfahrt durch die ungezähmte Wildnis, wie ich sie hier schon seit zwei Jahrzehnten kenne. Das Wetter war warm und die dünne Wolkendecke sonnig durchtränkt, so dass mich am Ufer Wolken von Mücken und Bremsen begrüßten.

Beginn meiner Kreuzfahrt
Beginn meiner „Kreuzfahrt“ – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach zwei Stunden war alles so weit zurecht, dass ich starten konnte, um auf der Mitte des Flusses endlich die lästigen Insekten abzuschütteln – nicht alle, aber die meisten.
Das Hochwasser hat die Ufer stark strapaziert, ähnlich wie in Deutschland. Wegen der dünnen Besiedlung war das Leid der Menschen hier nicht so groß wie bei uns. Dazu kommt, das Russen anders mit Katastrophen umgehen als wir. Die Brücke wurde erst vorige Woche wieder für den Verkehr frei gegeben. Bis kurz hinter der Ortschaft Kljutschi ziehen sich Steinbirkenwälder hin. Mit mir zusammen schwammen entwurzelte Weiden, Erlen, Lärchen und Steinbirken den Fluss hinunter. Die meisten endeten im Kehrwasser und auf Inseln; die wenigsten schafften es in den großen Ozean.

Große Pappeln heben sich von der anderen Baumvegetation ab
Große Pappeln heben sich von der anderen Baumvegetation ab – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller berichtet 1741 vom gestrandeten Treibgut aus Kamtschatka, als er und die von Skorbut gebeutelten Seeleute unfreiwillig auf der damals unbewohnten Beringinsel landeten. Große Pappeln und stark vom Wetter zerfledderte Lärchen schauen aus dem Blätterkronendach der Steinbirkenwälder heraus und stehen wie Denkmäler in der Landschaft. In dieser Zeit einen trockenen Zeltplatz am Ufer zu finden gestaltete sich schwierig. Die Uferzonen sahen aus wie die Mangrovenwälder in den Tropen. Es war noch hell am Tage, und so nutzte ich die Zeit, um weiter zu paddeln, mit der Hoffnung verbunden, doch noch ein trockenes Plätzchen zu finden. Glück des Tüchtigen. Eine Sandbank war spärlich mit jungen Weiden besetzt. Huurraaah! Das Wort verschluckte sich, weil die Mücken die ganze Luft einnahmen. Da half auch kein russisches Antimückenspray mehr.

Muecken ueber Muecken
Mücken über Mücken – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier zeltete ich zwei Tage lang. Der Platz gefiel mir, und es waren viele Singvögelstimmen zu hören, die mein Interesse weckten. Aber auch frische Bärenspuren sah ich jede Menge, was mich wenig berührte, weil die Teddys einen in Ruhe lassen, solange man sich ihnen nicht in den Weg stellt. Ich ließ die Luft aus dem roten „Lachsboot“, faltete es zusammen und legte eine Plane darüber. Und das geschah jeden Tag. Morgens wieder aufblasen, was nur fünfzehn Minuten dauerte.

Trittsiegel, Baer und Mensch
Trittsiegel: Bär und Mensch – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Weite und Melancholie des Flusses trieb ich an drei Dörfern vorbei, wo ich meine Fotobatterie aufladen konnte und ein paar Lebensmittel bzw. frisches Wasser tankte. Der Kamtschatka-Fluss trägt viele weiche Sedimente (Asche) mit sich, die von den Vulkanen und seinen Nebenflüssen hineingetragen werden. Es empfiehlt sich nicht, dieses braune Wasser ohne Filter zu trinken (Durchfall usw.) Hinter dem Ort Kljutschi endet der Steinbirkenwald.

Seeschwalbengelege
Seeschwalbengelege – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier in der Nähe wurde 1728/29 das Schiff “St. Gabriel“ gebaut, unter der Leitung des Kapitäns Vitus Bering. Nur er allein – neben dem verstorbenen Zar Peter I. – kannte die geheimen Abmachungen bezüglich der Expedition. Hier gab es die letzten Lärchen, die man für den Bootsbau zur Ersten Kamtschatka-Expedition brauchte. 1731 wurde diese kleine Siedlung von den Itelmenen zerstört, woraufhin ein paar Kilometer flussaufwärts der Ort Kljutschi entstand. Das war in der Zeit, als Bering zur Zweiten Kamtschatka Expedition, auch Große Nordische Expedition genannt, startete.

Sonnenuntergang_stilles Feuerwerk am Schivelutsch
Sonnenuntergang: stilles Feuerwerk am Schivelutsch – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zwischen Kljutschi und dem sich anschließenden Mittelgebirge (etwa 500-1200 m hoch) liegt ein breites Tal. Der Fluss formt sich vieladrig, und einige Nebenarme enden im See. Daraus ergaben sich im Vorfeld meine größten Befürchtungen – der Gedanke, unfreiwillig in einen der Seen zu landen, hämmerte in meinem Kopf. Bei der starken Strömung ist es fast unmöglich, wieder zurück zu paddeln. Diese große Sorge trieb mich dazu, diesen Abschnitt an einem Tag zu machen. Da ich kein GPS oder Kompass dabei hatte, war mir wichtig, den Vulkan Kljutschewskoi und die Sonne im Rücken zu haben, den Schivelutsch – eine uralte Vulkanruine auf der linken Seite – im Norden, und die Bootsspitze genau auf das Mittelgebirge im Osten gerichtet. Das war alles gut einsehbar, aber wegen der vielen Nebenarme – es gibt keinen erkennbaren Hauptarm – wusste ich trotzdem immer noch nicht, ob ich auf dem richtigen Weg war.

hinter mir liegt die hoechste Vulkangruppe
Hinter mir liegt die höchste Vulkangruppe – Foto: © Ullrich Wannhoff

Manchmal war der Fluss so breit wie ein See, und ich hatte das Gefühl, er fließt gar nicht mehr. Dann sah ich aber die Lachmöwen und Flussseeschwalben auf Treibholz sitzen, das Richtung Osten trieb. – Also nichts wie hinterher! Hier gab es weder andere Boote noch irgendwelche Seezeichen. Vor mir sah ich das dunkelgrüne Mittelgebirge mit den Schneefeldern in den Senken, die waren nicht weit weg. Als sich der Hauptstrom verschmälert, etwa auf die Breite der Elbe, und andere Flüsse zuflossen, atmete ich auf – geschafft! Es fiel mir ein Stein von Herzen, ich war genau richtig!

Karte
Selbst gezeichnete Karte — © Ullrich Wannhoff

Nun konnte ich am Abend in Ruhe mein Zelt aufschlagen und Tee trinken. Zu gerne wäre ich in dem breiten Tal geblieben, aber dort einen trockenen Zeltplatz zu finden, war unmöglich. Große Areale von Feuchtwiesen und Weiden über Weiden bestimmen die flache Landschaft. Ab und zu sitzen Riesenseeadler auf abgestorbenen, starken Ästen, und die weißen Wolken am blauen Himmel ziehen surreale Gebilde hinter sich.

Am Horizont wird es hell
Am Horizont wird es hell — Foto © Ullrich Wannhoff

Die nächsten Tage ging es durch das saftig grüne Gebirge, das mit Steinbirken bewachsen ist. Einfach großartig. Hinter mir sah ich die höchste Vulkangruppe Kamtschatkas. Beeindruckend wie die Berge am wolkenleeren Himmel stehen, wie ein Scherenschnitt, mit dem rauchenden Besemjany, einer der kleinen, aber aktivsten Vulkane. Nach dem Verlassen des Gebirges öffnet sich die Landschaft, wird flach und trägt typische Merkmale der Tundra, hat subalpinen Charakter. Viele niedrig wachsende Pflanzen, wie Krähenbeeren, Schwedischer Hartriegel, Weiden in Strauchform, Lilien – und die Seeluft. Die ersten Seehunde kommen mir entgegen. Lachse springen aus dem Wasser. Raubmöwen jagen anderen Möwen die Nahrung ab. Große Kamtschatkamöwen fliegen über mir. In der Ferne sehe ich den Fischereihafen, dessen Kräne aus Eberswalde bei Berlin sich schon lange nicht mehr drehen.

Kraene die sich nicht mehr drehen
Kräne, die sich nicht mehr drehen — Foto © Ullrich Wannhoff

Der nächste Abschnitt steht bevor: der Nerpitschnoe Ozero – zu deutsch „Seehundsee“. Meerwasser vermischt sich mit süßem in dem großen See, der mich nun für eine Woche im Bann hält. Danach geht es ins offene Meer. Noch nie bin ich so schnell gepaddelt wie bei Ebbe aus diesem Fluss. Ich hatte mir zuvor im Hafen bei einem Kapitän die Tidenzeiten aufgeschrieben. Die Leute waren sehr hilfsbereit, mit Ausnahme von Verkäuferinnen, die sich in den Privatgesprächen gestört fühlten, als ich etwas kaufen wollte.

Verladen der Lachse
Verladen der Lachse — Foto © Ullrich Wannhoff

Der Seenebel hat sich so tief gesenkt, dass ich nur nach Gehör paddle, das Wellenrauschen am Strand gibt mir die Orientierung. Dann ist auf einmal das Rauschen weg. Nanu? Keine Panik. Die Sonne muss im Rücken sein bzw. auf der rechten Seite, alles andere wären die unendlichen Weiten des Ozeans. Nach einer halben Stunde Paddeln ist immer noch kein dunkler Uferstreifen in Sicht. Urplötzlich zieht der Nebelvorhang auf. Ich sehe die glänzenden Tanks an der langen Landzunge und atme tief durch. Auf dem Schock hin schnell ans Ufer und das Zelt aufschlagen, auch wenn es erst Mittag ist. Danach bin ich noch zwei Tage an der Steilküste unterwegs, diesmal bei sehr guter Sicht.

Junge Sturmmoewe
Junge Sturmmöwe — Foto © Ullrich Wannhoff

Am vorletzten Tag mach ich mich auf den Weg zurück. Das Meer atmet heute etwas tiefer, und die Wellen heben und senken sich wie noch nie in den Tagen zuvor. Soll ich die langweilige flache Bucht abkürzen Richtung Flussmündung? Der Versuch ist es wert, und ich gewinne einige Stunden und kann meine Sachen trocknen, bevor die Flut in den Fluss eintritt.

Kamera fiel ins Wasser - Selbstgemalte Bilder
„Das grüne Meer“ — nachdem die Kamera ins tiefe Wasser gefallen war, mussten selbstgemalte Bilder her — © Ullrich Wannhoff

In der Mitte der Bucht sind die Wellen allerdings drei bis vier Meter hoch, aber ohne Schaumkronen. Mein Boot ist aber nur für einen Meter Wellenhöhe geeignet. So treibe und paddele ich wie in einer Nussschale in Richtung Flussmündung. Es kostet viel Kraft. Endlich schneiden sich die Wellen des Meeres mit dem Fluss. Klitschnass steige ich zwischen beiden Wellenbewegungen auf einer Sandbank aus und schiebe den „roten Lachs“ Richtung Flussufer.

Waschtag
Wäschetrocknen am Ufer — Foto © Ullrich Wannhoff

Freudig trockne ich meine Sachen. Guter Wind, schnelles Feuer. Es dauert nicht lange, da kommen freundliche Uniformierte auf mich zu. Kontrollieren meine Papiere. Ich frage: „Stimmt was nicht?“ „Ja, Sie brauchen eine Genehmigung für das Meer“. Im erschrockenen Ton erwidere ich „was? – habe ich nicht, weiß ich nicht“. Zwei Stunden vergehen, und viele neugierige Fragen prasseln auf mich ein, bis die Beamten den seltenen Vogel wieder frei lassen und ich bei Flut weiter in den Fluss paddeln darf …

posted by Ullrich Wannhoff
Siehe auch Die Seele des Flusses gebiert Landschaften

Shumagin Islands (Aleuten, Alaska)

Sehnsuchtsvoll segelte die Crew um Vitus Bering im August 1741 in Richtung Westen, denn dieser Kurs war in den Gehirnen der Seeleute mit den Gefühlen von Heimat und Geborgenheit verbunden. Die Heimreise war beschlossen und in einer „verfassten Schrift von dem ganzen Commando bis auf den Bootsmannsmaar (aber wie stets gewöhnlich, nicht von mir) unterschrieben“; so formulierte der ungeduldige Steller in seinem Reisejournal von Kamtschatka nach Amerika; denn er selbst möchte noch viel, viel mehr unbekanntes Land erkunden. Nachdem die Crew Kayak Island verlassen hatten, sichteten sie Anfang August häufig Inseln in nur wenigen Meilen Entfernung. Widrige kalte Westwinde behinderten ein schnelleres Vorwärtskommen. Oft versteckten sich die schroffen, felsigen grünen Inseln im Seenebel und tauchen plötzlich auf, um gleich wieder zu verschwinden. …

Insel Unga
Insel Unga – Foto: Ullrich Wannhoff

… Steller beschreibt: „Es besteht diese Insel, so wie die andern alle, aus lauter erhabn, grün überwachsenen festen Felsen. Das Gestein ist meistens ein roher, grauer und gelblicher Graufels, an einigen Orten grauer Sandstein; so fand sich auch schwarzer, dicker Schieferstein.“ Die Steinstrukturen entstanden aus verschiedenen gepressten Ascheschichten, durch die Vulkantätigkeit der jüngeren Erdzeit Schicht für Schicht aufgesetzt. Wind, Regen, Schnee und Frost bilden in dem weichen Gestein bizarre Formen und Rillen, die an der Küste steil abbrechen; das härtere Gestein bildet sich wie Zinnen spitz nach oben heraus. Ich sah viele beeindruckende Basaltsäulen, die sich mehr oder weniger kristallartig in die Höhe erhoben. Die unteren Felspartien wurden über Millionen Jahre beharrlich von den Meereswellen ausgespült. Die zu der jetzigen Jahreszeit saftig grünen und sanften Täler waren von Gletschern aus einer der letzten Eiszeiten weich ausgeformt worden. …

Klippenausternfischer
Klippenausternfischer mit zwei Jungen – Foto: Ullrich Wannhoff

„Allerley Wasservögel sah man hier im Überfluß; als Schwäne [Zwergschwan (Cygnus columbianus)], zwey Arten von Urilen (Pelicani) [Rotgesichtmeerscharbe (Phalacrocorax urile) und Beringmeerscharbe (Ph. pelagicus)], Alken (Torda) [Dickschnabellumme (Uria lomvia) und Trottellumme (Uria aalge)], Enten, Schnepfen, Strandläufer, verschiedene Mewen [unter andern Beringmöwe (Larus glaucescens) und Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)], Taucher, darunter eine ganz besonderbare und unbekannte Gattung war, Grönländische Tauben [Taubenteise (Cepphus columba)], Seepapageien (Alca artica) [Hornlund (Fratercula corniculata)], Mitschagatten (Alca cirrata) [Gelbschopflund (Fratercula cirrhata)]; aber Landvögel waren nur Raben, Fliegenstecher (Grisola), Schneevögel (Emberiza nivalis) [Schneeammer (Plectrophenes nivalis)], Morasthüner (Tetrao Lagopus) [Alpenschneehühner (Lagopus mutus) oder Moorschneehuhn (Lagopus lagopus)] und sonst nicht das geringste zu sehen.“ In eckigen Klammern stehen die heutigen Namen.

Die von mir beobachteten Vögel fallen dagegen recht bescheiden aus: Elster, Singammer, Klippenausternfischer, Beringmöwen, Dreizehenmöwen, Weißkopfseeadler, Lummen, Rotschnabelalke, Schopfalke, Hornlunde, Gelbschopflunde und Taubenteiste, die ich auf der gegenüberliegenden großen Insel Unga beobachten konnte.

Zerfallene Kirche - Sitka-Fichte
Zerfallene Kirche mit einer Sitka-Fichte – Foto: Ullrich Wannhoff

In der Bucht befand sich einst eine Siedlung. Frühere Pelztierjäger hatten sich 1767(?) mit den Ureinwohnern, den Unangan (Qagaan Tayagungin), Gefechte geliefert, wobei auch Russen tödlich verletzt wurden. Die Russen wurden ständig aufgerieben und fanden auf der Insel keine Ruhe. Zu dieser Zeit gab es zwölf kleine Ansiedlungen, die sich auf sechs Inseln verteilten. Ende des 18. Jahrhundert löschte eine Riesenwelle einige Ansiedlungen aus. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhundert gab es nur noch eine Siedlung an der Südöstlichen Bucht von Unga, die bis 1959 bestand und danach aufgegeben wurde. Noch heute sind stille Zeugen da, die eingefallen ausgeblichenen grauen Holzhäuser, die in der Landschaft einen
besonderen Reiz ausüben. …

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

posted by Ullrich Wannhoff




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