Archiv der Kategorie 'Siberia'

Bären in Kamtschatka – Teil I: Menschen hinterm Weidezaun

Bärenbeobachtung – Am Kurilensee in Kamtschatka

Ein bewaffneter Parkranger holt uns an der Hängebrücke am Fluss Osernaya ab. Unser Gepäck mit gesamter Küche liegt im Aluboot und die Fahrt geht zum Kurilensee. Wir laufen einen 12 Kilometer langen Weg durch ein Flusstal.

Heller Felsen aus Tuff
Fels aus hellem Tuff steht im Grünen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Majestätisch erheben sich links von uns weiße Felswände aus hellen Tuffgestein, eingebettet in Grün. Nach einem reichlich drei Stunden langen Marsch entlang des Flusses Osernaja kommen wir am sonnigen Nachmittag ans Ziel.

Fluss Osernaja-Vulkan Illjynski
Fluss Osernaja mit dem Vulkan Illjynski – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Blick, der sich auf den See öffnet, bietet ein fast langweiliges „Postkarten“-Wetter mit blauem Himmel; die brennende Sonne wirft violette Schatten. Am gegenüberliegenden Seeufer begrüßt uns ein alter, roter (weil Eisenoxid enthaltender) Vulkankegel, der Illjynski mit einer Höhe von 1577 m. Das Panorama wird durch einen Elektrozaun zerschnitten. Es ist ein Kuhweidezaun, wie wir ihn bei uns zu Hause kennen. Nur dass wir die Kühe sind – und die Bären frei herumlaufen.

Unsere verschiedenen Unterkuenfte
Unsere verschiedenen Unterkünfte – Foto: © Ullrich Wannhoff

In dem eingezäunten Grundstück sieht es aus wie bei uns: Wasserklosett, fabelhaft eingerichtete Küchen und Aufenthaltsräume für die ankommenden Gruppen. Unterkünfte in großen Zelten oder in modernen Holzhäusern.

Verbots- und Gebotsschilder
Verbots- und Gebotsschilder – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Elektrozaun beginnt die Inszenierung. sie erinnert mich an Theaterstücke von Goldoni, wo die Szenerie wie eine Guckkastenbühne aufgebaut ist. Der offene und einsehbare Uferstreifen – zweihundert Meter davon sind frisch gemäht. Dahinter beginnen die Weidenwälder, gemischt mit Steinbirken und Hochstauden, die die hohen Berghänge bedecken.

Baerenmutter mit vier Jungen
Bärenmutter mit vier Jungen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine Bärin mit vier Jungen kommt aus dem Weidengebüsch am Ufer und läuft von links nach rechts. Die Jungen sind in diesem Jahr geboren. Wieder von links nach rechts kommt noch eine Bärin mit zwei großen Jungen, die eventuell noch in diesem Jahr von der Mutter verlassen werden. Dann kommt ein Junggeselle auf die Bühne – schon von der Mutter entwöhnt. Er läuft von rechts nach links und ist ängstlicher als die anderen Bären.

Bootsanleger
Landebrücke – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am offenen Uferstreifen befindet sich die Anlegestelle für die Boote, die uns zu den Flussmündungen am See fahren, wo die Bären fischen. Aber vorher werden die beiden Elektrodrähte entkoppelt und dann wieder eingehängt und angeschlossen.

Baerenmutter mit Jungen im Gehen
Bärenmutter mit Jungem im Gehen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Mit dem Boot fahren wir recht dicht an den fischenden Bären vorbei, die uns keines Blickes würdigen, weil die Lachse viel wichtiger sind. Wie war das bei Brecht? „Zuerst das Fressen und dann die Moral“. Die Braunbären haben sich über die Jahrzehnte an uns Menschen gewöhnt.

Huette der Ranger
Hütte der Ranger – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ufer werden wir vom Bootsführer mit dem Ranger entlassen und stehen nun am Waldesrand und beobachten die Bären auf den Sandbänken mit den vom Fluss vorgeschobenen weichen Sedimenten. Hier sind die Laichplätze der Lachse (Nerka = Blaurückenlachs). Ein großer alter kampferprobter Bär ist „Platzhirsch“.

Baer kuehlt sich ab
„Platzhirsch“ Bär kühlt sich im Wasser des Kurilensees – Foto: © Ullrich Wannhoff

Läuft er über die Sandbänke, verschwinden alle Bären im Gebüsch. Verlässt er diesen Platz, kommen die jüngeren Bären zögerlich aus den Hochstauden.

Blick zu den Artgenossen
Blickt zu seinen Artgenossen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dabei gibt es unter den kleineren Bären wieder eine Rangordnung. Ein recht junger Bär fischt erfolgreich einen Lachs und muss auf der Hut sein, schnell zu fressen, bevor Neider kommen. Den letzten Rest des Lachses verzehrt er im Wegrennen.

Baer holt sich Lachs
Junger Bär holt sich ein Lachs – Foto: © Ullrich Wannhoff

Unser großer Bär läuft in fast fünfzehn Meter Abstand an uns vorbei. Der Ranger hat schon den Schraubverschluss der Leuchtpatrone an der Hand. Das Gewehr ist noch über der Schulter. Wir halten den Atem an. Angst habe ich keine, aber mächtigen Respekt!

Baer_2m Abstand
Keine zwei Meter von uns „grast“ der Bär – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auf den Uferstreifen, der auf einer Länge etwa dreihundert Meter auf jeder Seite einsehbar ist, zähle ich etwa zwanzig Braunbären. Nach zwei Stunden werden wir mit dem Boot wieder abgeholt zur „Kuhweide“.

Baer auf Sandbank
Dreijähriger Bär auf der Sandbank – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auch wenn das alles ein wenig an „Zoofotografie“ erinnert, bleibt es doch ein schönes Erlebnis. Die Bärenmutter mit den vier Jungen hat sich so an unsere kleine Siedlung gewöhnt, dass sie ihre Jungen dicht am Elektrozaun säugt. Unter den Menschen ist sie sicherer, als in der freien Wildnis, wo ihr männliche Bären nachstellen.

Baer ohne Hast
Friedlich und ohne Hast läuft die Bärenmutter an uns vorbei – Foto: © Ullrich Wannhoff

An einem Tag zähle ich fünf ankommende Hubschrauber, aus denen „Busladungen“ von Menschen aussteigen.

Hubschrauber
Hubschrauber fliegen fast täglich ein und aus, je nach Wetter – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jedem sei es vergönnt, seinen Bären zu fotografieren – so wie ich es mit großer Freude tat.

kalter Nebel ueber dem Kurilensee
Ein kalter Nebel über den Kurilensee löst sich langsam auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff

Der zweite Teil zum Thema „Bären in Kamtschatka“ befasst sich mit der Jagd auf Bären früher und heute.

„Der Stille Fluss Kamtschatka“ – Aus dem Buchregal

Ullrich Wannhoffs Buch über eine ungewöhnliche Flussfahrt

Sein Freund Viktor hatte ihn in Petropawlowsk 3-fach gewarnt: vor dem Hochwasser, das die Ufer unzugänglich macht, vor den Mücken, die ihn zur Umkehr zwingen würden, und vor den Braunbären, die für Alleinreisende gefährlicher sind als für Gruppen. Der Maler, Naturfreund und -forscher Ullrich Wannhoff trat dennoch seine 400 km lange Paddeltour an: auf dem Fluss Kamtschatka bis zum Stillen Ozean. Er war ja kein Neuling mehr und hatte die Halbinsel im Fernen Osten Russlands schon viele Male bereist. Allerdings noch nie mit einem Kajak auf dem Fluss! Diese Fahrt hat er nun in einem neuen Buch voller Reminiszenzen über Natur, Geschichte und seine Paddelei beschrieben.

Rostiges Ufer
“Rostiges Ufer“ – © Ullrich Wannhoff

Mit Zelt und Rucksack, einem aufblasbaren Kajak und – angesichts der Warnungen – bemerkenswert viel gutem Mut trat er seine einsame Reise an. Die Bären mussten ihn wohl ausreichend in Ruhe gelassen haben, denn er kam heil zurück, und wer unseren Blog verfolgt, hat vielleicht hier oder hier schon über einige seiner Erlebnisse und Impressionen gelesen.

Rostiges Ufer
Jede Menge Mücken, auch im Zelt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Welche Probleme ihm die Mücken bereiteten, kann man vielleicht ahnen – oder man liest es besser nach: Kürzlich erschien Ullrich Wannhoffs Buch „Der stille Fluss Kamtschatka“. Hier geht es jedoch um wesentlich mehr als um Mücken …

Cover_Der_Stille_Fluss
Buch „Der stille Fluss Kamtschatka

Ullrich Wannhoff nimmt uns mit auf einen breiten und ruhig dahinfließenden Fluss. Seine Art des Reisens in der einzigartigen Flusslandschaft zwischen den Vulkangebirgen Kamtschatkas ermöglicht ihm reichlich Gelegenheit zur Naturbeobachtungen, und er hat Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten.

Skizze_Moewe
Aus dem Skizzenbuch: Möwe – © Ullrich Wannhoff

Wir erfahren nicht nur, was Ullrich Wannhoff sieht und erlebt, sondern auch so einiges von dem, was ihm durch den Kopf geht. Der belesene, historisch und naturwissenschaftlich interessierte Künstler kennt auch die Berichte der Reisenden und Forscher, die bereits vor Jahrhunderten an diesen fernen Orten unterwegs waren. Historischer Hintergrund, Beobachtungen über die gegenwärtigen Verhältnisse im Kontrast zum Leben während der Sowjetzeit und im zaristischen Russland fließen in den Text ein, ebenso wie sein Dialog mit der Natur, Landschaftsimpressionen und Gedanken über Kunst.

Pastellskizze_Vulkangebirge zwischen Himmel und Fluss
Pastellskizze: Vulkangebirge zwischen Himmel und Fluss – © Ullrich Wannhoff

Lassen wir Ullrich Wannhof selbst zu Wort kommen, wenn er sich über sein Buch äussert:
„Georg Forster schreibt an seinen Verleger Spener: ‚dass der Mensch keine angeborne Ideen habe, sein Gedächtnis materiel sey, dass das ganze der Vernunft auf den erhaltenen sinnlichen Eindrücke beruhe…‘. Dies entspricht ganz meiner Weise, meine Beobachtungen aus dem Materiellen in sinnliche Konstruktionen zu verwandeln, also in Malerei oder in Worte.“

Skizze Vulkan
Aus dem Skizzenbuch – © Ullrich Wannhoff

„Ich bin sehr gerne allein und fröne meiner „Menschenallergie“, aber treffe ich auf Menschen, bleiben meine Beobachtungen nicht unberührt. Das Spagat zwischen Natur und Gesellschaft – wie weit kann und darf Natur (Evolution) in die Gesellschaft hineinfließen oder umgekehrt – bleibt immer wie eine Schere, die sich nicht schließt. Das reißt Gedanken auf, die wir von Georg Forster her gut kennen.“

Blick in den weißen Krater
“Blick in den weißen Krater“ – © Ullrich Wannhoff

„Der Versuch, ein einheitliches „Gebäude“ zu formulieren, bleibt Fragment. Auch dieses Buch ist eine Collage von vielem, wo Naturwissenschaft und Kunst im Streit liegen – und wohl noch nie so weit auseinander lagen, wie in der heutigen, spezialisierten Zeit. Das Vorhaben, dies zu kitten, bleibt ein hilfloser, romantischer Versuch, mehr nicht…“

Collage im Skizzenbuch
Collage mit Teebeutel „Kreis im Quadrat“ – © Ullrich Wannhoff

Es wird klar, dass Ullrich Wannhoffs Buch kein herkömmliches Abenteuerbuch ist – trotz der so abenteuerlich anmutenden Unternehmung – sondern ein Versuch, ganz Verschiedenartiges zusammenzubringen: das unmittelbare Erleben, die Kunst, Reflexionen über Naturwissenschaft und Geschichte: es ist zu großen Teilen ein Gedanken-Buch.

Trittsiegel von Baer und Mensch
Trittsiegel von Bär und Mensch – Foto: © Ullrich Wannhoff

Doch auch der Alltag des Paddlers im fremden Land kommt nicht zu kurz, mit seinen schönen Seiten wie auch seinen Problemen. Wir können seine Freude miterleben, wenn er Vögel beobachtet; er lässt uns an seinen Begegnungen mit den Bewohnern Kamtschatkas teilnehmen; plastisch schildert er die vergebliche Suche nach einem Platz zum Kampieren am überfluteten Ufer oder seine mühseligen Bestrebungen, die Batterien für seine Kamera aufzuladen. Es ist höchst interessant, was er unternimmt, um von den Bären ungeschoren zu bleiben. Und was mit seinen beiden Kameras im Verlauf der Reise geschieht, das verraten wir hier nicht. Nachlesen!

posted by Mechtild Opel

P. S. Ullrich Wannhoff paddelte auch in Deutschland, z.B. auf Spree und Peene, nochmals auf der Spree und dem Dämeritztsee und auf der Oder, sowie in Kanada – als Eremit auf dem Second Christopher Lake und an verschiedenen Meeresbuchten, und er hatte dort am Saisonende im Herbst einen ganzen Provinzpark für sich allein.

Mein russischer Freund Sergej

Auf der Visitenkarte von Sergej Pasenjuk steht „MENSCH“.
Ein großartiger Beruf!!! – Ein Universeller.

Serjey Pasenjuk - nachdenklich_Ulli_Wannhoff
Sergej Pasenjuk, nachdenklich – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej lebt seit über vierzig Jahre auf der Beringinsel, und auf dieser Insel arbeitete er als Jäger und Fischer. Nach dem die Kommandeurinseln, zu denen die Beringinsel gehört, 2002 Weltnaturerbe geworden sind, war die Jagdtätigkeit beendet. Er arbeitete dann für den Naturschutz. Jetzt ist er in Rente – ohne Ruhestand. In Russland am Ende der Welt wird man schon mit 55 Pensionär.

Eine Wand in Sergejs Atelier_Ulli Wannhoff
Eine Wand in Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Leidenschaften liegen aber nicht nur in diesen beiden Berufen. Er ist Allround-Künstler, Maler, Grafiker, Schriftsteller, Segler, Bootsbauer und Romantiker. Ein Mensch mit zwei goldenen Händen und einem klaren Kopf, der nicht in Alkohol ertränkt wird, wie bei vielen seiner Mitbewohner im Dorf Nikolskoje, das etwa 600 Einwohnern beherbergt.

Sergejs Atelier mit Ankerkette_Ulli Wannhoff
Sergejs Atelier, im Vordergrund eine Ankerkette – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wandmalerei an Sergejs Atelier
Wandmalerei an Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Erst im Nachherein bin ich ihm sehr dankbar. Wir segelten einst zu zweit 600 Meilen entlang der Alaska-Küste auf den historischen Spuren von Vitus Bering, und hatten großartige Erlebnisse mit der Yacht „Alexandria“, die den Namen seiner Frau trägt. Ihre Kosename ist Schura.

Portrait Sergej Pasenjuk
Porträt Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej zeigte mir seine Inseln, auf denen ich dann später allein wanderte, Beobachtungen anstellte, und wo viele Aufzeichnungen entstanden. Er öffnete mir die Inselwelt der Aleuten, die auf russischer Seite mit den Kommandeurinseln beginnen, auf amerikanischer Seite über Unalaska und Kodiak auf Kayak Insel enden.

Stahlplastik von Sergej Pasenjuk_Ulli Wannhoff
Stahlplastik von Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Rastlosigkeit scheint einzigartig in ganz Kamtschatka zu sein, wo die Kommandeurinseln dazu gehören. Kaum ein Mensch kennt ihn nicht. Ich achte und liebe ihn mit all seinen vielseitigen Tätigkeiten.

Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang_Ulli Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jedes Mal bin ich überrascht. Mal baut er eine Baidarka, dann repariert er kleinere Boote und größere Yachten, dann malt und zeichnet er und plant größere Buchprojekte – die zum Teil realisiert wurden.

Sergejs Engel-Plastik bei Nacht_Ulli Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sein Erzählquell hat kein Ende. Eine Geschichte schichtet sich auf neue Geschichten und der Turm von Babel wird immer höher und ragt weit in unseren menschlichen Kosmos hinein.

Interieur im Bootshaus_Sergej Pasenjuk
Interieur im Bootshaus – Foto: © Sergej Pasenjuk

Seine Sammeltätigkeit ist unermüdlich. Viele Polarfuchs- und Seeotter-Schädel zieren Balkenleisten im Bootshaus. Draußen liegt ein Schädel vom Wal. Die Wände sind voll mit historischen Fotografien, Briefen von Freunden, alten Zeitungsausschnitten, sogar aus der Zeit Russisch-Amerikas. Die fand er unter Dielen der Abrisshäuser, die früher zur Russisch-Amerikanischen Kompagnie gehörten.

Sergej_Pasenjuk_Arbeit an der Stahlkonstruktion fuer die Seekuh
Arbeit an der Stahlkonstruktion für die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Alte Holzschindeln und Gebrauchsgegenstände gehören ebenfalls zu seinen Sammelobjekten. Er errichtet Denkmäler zu Ehren der toten Seeleute, die während der „Großen Nordischen Expedition“ unter der Führung Vitus Bering an Skorbut starben. Die Kanonen vom Schiff „St. Peter“ wurden von ihm neu präsentiert: Sie bekamen ein neues Untergestell und einen frischen Anstrich.

Sergej_Pasenjuk_Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad
Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad – Foto: © Sergej Pasenjuk

Vor kurzem kam eine Mail, in der er berichtet, dass er mit Freunden das fast vollständig erhaltene Skelett einer Stellerschen Seekuh ausgegraben hat und im Bootshaus zusammenbaut. Hier sind die Bilder.

Sergej_Pasenjuk_Brustkorb der Seekuh
Brustkorb der Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Sergej_Pasenjuk_Seekuh_aufgehangen
Da hängt die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Es handelt sich eine Seekuh, die 1741 von dem deutschen Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, aber bereits kurze Zeit später ausgestorben war.

Sergej_Pasenjuk_Interieur mit Seekuh
Interieur mit Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Sergej_Pasenjuk_Seekuhschaedel mit Interieur
Seekuhschädel mit Interieur – Foto: © Sergej Pasenjuk

Ich bin dankbar, so einen agilen Typen zu kennen. Was für ein MENSCH, Sergej.

posted by Ullrich Wannhoff

Terra Incognita – KAMTSCHATKA

Neue Ausstellung von Ulli Wannhoff im Chemnitzer Naturkundemuseum

Für die Besucher der Ausstellung ist der Ferne Osten, Sibirien und die Halbinsel Kamtschatka meist „terra incognita“. Mit dem heutigen eurozentrischen Blick wissen wir oft weniger als das neugierige Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts; trotz Internet, Wikipedia und vieler Suchmaschinen, die auf richtiges – und falsches – Wissen hinweisen.

Polarfuchs
Polarfuchs (Präparat Naturkundemuseum Chemnitz) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Für mich ist die Ausstellung eine Reflexion der letzten zwanzig Jahre, die mein Leben nach der Wende bestimmten.
Die Ausstellung kann nur einen kleinen Einblick geben und eine Anregung, einen Anstoß – auf mehr, sofern es heute noch Neugierde gibt, wo ja alles im Internet mit einem Tastendruck erreichbar ist.

Seeadler
Riesenseeadler (Präparat, Leihgabe des Naturkundemuseums Berlin) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine Ausstellung wächst durch Dialoge, Fragen und Verwerfungen. Der Prozess ist vielleicht das Anregendste für alle Beteiligte und widerspiegelt auch die Komplexität, die nicht nur die junge geologische Erdgeschichte in Kamtschaka und die Naturprozesse aufzeigen, sondern auch unser heutiges Leben in seiner Vielfältigkeit und Veränderlichkeit.

Beim Aufbau der Ausstellung
Beim Aufbau der Ausstellung: die Kustodin Frau Dr. Thorid Zierold und der Plakat- und Schriftgestalter Evgeniy Potievsky – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wir haben die Ausstellung in drei Teile gegliedert. Der erste ist das „Vulkanmodell“ mit den verschiedenen Vegetationszonen und den Tieren, die ihre Nischen darin finden. Innerhalb einer kurzen Wegstrecke nach oben gestaltet sich ein vielseitiges Bild.
Je höher wir kommen, um so kühler die Luft – und dementsprechend kleiner werden Pflanzen und Tiere.

Vulkanmodell mit den verschiedenen Vegetationszonen
Vegetationszonen auf dem Vulkanmodell – Foto: © Ullrich Wannhoff

Von den Säugern leben unten im Tal Braunbär und Elch, und weit oben treffen wir noch die kleine Polarrötelmaus an. Sie wiederum hat Fressfeinde, den Raufußbussard und die Schneeeule, die sich in die Höhe wagen.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit den indigenen Völkern, die über viele tausende von Jahren die Halbinsel besiedelten, bevor der erste weiße Mann gewaltsam auftrat: Die Kosaken kamen Ende des 17. Jahrhunderts.

Modell Jaranga
Modell einer Jaranga – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auch in der Sowjetzeit gab es viel „Ungereimtes“. So wollten die Kommunisten ein neuen Typus Mensch in ihrem weiten Land kreieren, den „Homo Sowjetikus“, was mit dem Verlust der Tradition und der Identität der indigenen Völker verbunden gewesen wäre. Aber es gab auch Positives in dieser Gesellschaft, wie eine Grundversorgung, ärztliche Betreuung, der kollektive Zusammenhalt – dies alles ist heute mehr oder weniger in Auflösung begriffen.

Im Hintergrund: Wannhoffs Kamtschatka-Fotos
Kamtschatka-Fotos in der Ausstellung– Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach der Wende zog eine hohe Arbeitslosigkeit ein, und überteuerte Produkte zwangen und zwingen die kleinen Völker des Nordens zu einer Rückbesinnung auf die alte Jagdkultur und ein weitgehend autarkes Leben in der Wildnis, um nicht im Dorf dem Alkoholismus zu verfallen. Oft sind es die Frauen, die die Stärkeren sind und ein neues Leben anfangen. In der Ausstellung wird hauptsächlich die Materialkultur gezeigt.

Ausruestungsgegenstände für die Wildnis
Ausrüstungsgegenstände – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der dritte Teil ist die Isbuschka, das Hüttchen, das zu vielseitigen Zwecken benutzt wird und für uns Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig ist.

In der Isbuschka
In der Isbuschka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Man wird erinnert an „Die Mythen des alten Tages“ von Michail Epstein. Er schreibt über das nationale Totem, über den Braunbären:
„ Es ließen sich viele symbolische Analogien finden von denen eine jede für sich genommen nichts zu erklären scheint, zusammen aber … Die althergebrachte Bodenhörigkeit des russischen Menschen – und die Angewohnheit des Bären, den ganzen Winter zu verschlafen. Der russische Ofen, auf dem man liegt und sich im Schlafe wärmt, das Leben vergeudet. – und die dunkle Behaglichkeit der Bärenhöhle, warm und eng wie im Mutterleib, mit zottigen Fellfetzen gepolstert. Der auf den Ofen bezogene Ritus der russischen Faulheit – und die Vorliebe für den Leckerbissen, den es umsonst gibt, die Diebesmanier, die Früchte fremdes Fleißes zu stehlen. Der Bär schleckt Honig, nährt sich von der Emsigkeit der Bienen. Schläfrigkeit und Urkraft. Ein Faulpelz und Leckermaul ist der Herr des Waldes. Ein Erdbrocken, der sich mit wildem Brüllen vom Boden losgerissen hat und alles unter sich zermalmt, doch dann und wann wieder in seine angestammte Lagerstatt zurücksinkt. Bodenständigkeit als Erbinstinkt des erdgeborenen Wesens.“

Braunbär, Naturkundemuseum Chemnitz
Braunbär, Präparat Naturkundemuseum Chemnitz – Foto: © Wolfgang Opel

In der Einladung steht geschrieben: „Naturforscher und Künstler“. Ich verstehe mich eher als teilhabender Beobachter in der Natur, verbunden mit meiner geschichtlichen und ornithologischen Recherche, und das eigene Erleben zu spüren und später nachzuempfinden. Dabei sind die morphologischen Beschaffenheiten der Tiere für mich wichtig.

Ulli Wannhoff
Eröffnung der Ausstellung – Foto: © Wolfgang Opel

Tausende von mir gesammelte Federn liegen in wissenschaftlichen Sammlungen. Für mich besitzen sie einen sinnlichen Charakter, aber sie beinhalten auch Gene für die Wissenschaft, auf deren Ergebnisse ich immer sehr gespannt bin. Wie fügen sie sich in der Evolution ein, in einem komplizierten Baukastensystem, als sei es von einem Gott geschaffen, der mich aber in der Natur nicht interessiert, sondern nur im kulturhistorischen Kontext.

posted by Ullrich Wannhoff

Zweimal Nischny Kamtschatsk am Fluß Kamtschatka

Den Fluss Kamtschatka vergleicht der Agronom Johann Karl Ehrenfried Kegel (1784-1863) mit der „Mutter Wolga“, in einem altrussischen Lied, das der Opernsänger Schaljapin im tiefen Bass sang. Im hellen Klang des Frauenchors im Hintergrund schwingt die Weite der Landschaft mit, die unsere Seelen erfüllt. Als er Russland nach der Oktoberrevolution 1917 verlassen hatte und als Emigrant die meiste Zeit in der USA und Paris lebte, fand er Trost in den alten Heimatliedern, in denen sich die Sehnsucht nach seinem großen Land widerspiegelt. So wie der Fluss Wolga die Bewohner mit Fisch versorgt, so werden die Itelmenen, Korjaken, Ewenen und Russen am Kamtschatka Fluss bis heute mit Fisch ernährt. Der Ethnograf Hans Findeisen spricht von „Fischbarbaren“.

Hund holt Blaurückenlachs aus dem Fluss
Hund holt Blaurückenlachs aus dem Fluss – Foto: © Ullrich Wannhoff

Millionen Lachse ziehen in den Fluss, in die Nebenarme zu ihren steinigen Geburtsorten, den Quellflüssen aus den Gebirgen entgegen. Bevor die Kosaken von den Itelmenen den „Jassak“ (eine Fellsteuer) erpressten, gab es an den Flussmündungen zum Kamtschatka Fluss viele kleine Siedlungen. Eine dieser Siedlungen lag an der Mündung des Jelovka, der von Norden kommend in den Kamtschatka Fluss einfließt, etwa 10 Kilometer westlich von der heutigen Ortschaft Kljutschi.

Ausgrabungsgegenstaende aus dem neuen Nischny Kamtschatsk
Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk am Fluss Raduga

Einer der ersten Kosaken, die 1697 von Norden gewaltsam in ein damals fast unentdecktes Land eindrangen, war Atlassow. Mit seinem Tross zog er an der größten Itelmenensiedlung vorbei. Später errichtete man unmittelbar an dieser Itelmenensiedlung ein Ostrog (russische Befestigung), dessen Palisadenumzäunung Schutz vor den Ureinwohnern bot. Im Ostrog mit den Namen Nishny Kamtschatsk befanden sich eine Kirche und die Wohnhütten der Kosaken. Außerhalb der Befestigung wurde später ein kleines Kloster erbaut.

auf der Karte sind beide Nischny Kamtschatsk eingetragen
Auf dieser Karte sind beide Nischny Kamtschatsk eingetragen © Ullrich Wannhoff

Diese Ortschaft lag an einem wichtigen Knotenpunkt, daher gab es im Zusammenhang mit den strategischen Interessen von russischer Seite unterschwellig ständig Spannungen. Hier verliefen die Wege nach dem Norden Kamtschatkas, bis hin nach Anadyr. Ein anderer Weg ging flussaufwärts an den Jelovka Fluss bis zur Wasserscheide des westlich erkalteten Vulkangebirges (bis 2000m hoch). Hier gelangte man in Richtung Westen zur Küste des Ochotskischen Meeres.
Recht häufig zogen Kosakenverbände vorbei, die nicht nur in den Siedlungen den Jassak erpressten, sondern die Winternahrung den Itelmenen plünderten, ihre Vorratskammern ausraubten und sie für Transporte einsetzten, ohne dafür zu bezahlen. So waren Hungerzeiten vorprogrammiert. Oft konnten die Männer die nötige Nahrung für ihre Familien nicht beschaffen, weil die Kosaken sie für ihre Interessen einspannten. Von der Anzahl der Einwohner her hätte der Ort die Regionalhauptstadt werden können.

Herbstlicher Fluss Jelovka
Herbstlicher Fluss Jelovka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Ort Bolscheretsk lag strategisch noch besser und hatte den Zugang zum Ochotskischen Meer. Der Meeresweg zum Festland nach Ochotsk gestaltete sich direkter und einfacher als der nördlich gelegene schwierige Landweg zum Ostrog Anadyr an der Tschuktschenhalbinsel. Von Bolscheretsk gelangten alle Waren, die vom Festland kamen, in das Innere der Halbinsel und wurden über den Bolschaja Reka in die Bystrya transportiert, dann über die Wasserscheide in den Kamtschatkafluss.

Schiff_St._Gabriel
Schiff St. Gabriel mit dem blauen Andreas-Kreuz, Symbol für die russische Kriegsmarine. Mit dem Ausleger ein typisches Küstenfahrzeug, mit dem es möglich ist, in der Nähe der Küste zu kartografieren. Zeichnung © Ullrich Wannhoff

Diesen gleichen Weg nutzte Vitus Bering mit seinem Tross der Ersten Kamtschatka-Expedition, die im Verhältnis viel mehr zu transportieren hatte als die kleineren Kosakenverbände. Dazu wurden im Winter die Itelmenen, ihre Schlitten und Hunde mehr oder weniger gewaltsam eingespannt. Die Transportarbeiten zogen sich von Dezember 1728 bis März 1729 hin. Vitus Bering veranlasste, neben der Ortschaft Nischny Kamtschatsk für seine Mannschaft Unterkünfte zu errichten. Außerdem sollte hier das Schiff – die St. Gabriel – gebaut werden. Das flache Ufer war gut geeignet für den Schiffsbau. Es wurden mindesten 4.000 Hölzer gerodet. Soviel brauchte man für ein Schiff von dieser Größe sowie für die Unterkunftshäuser.

Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk
Weitere Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk am Fluss Raduga

Der Baustoff war das Holz der Lärchen, die es aufwärts am Jelovka-Fluss gab. Mit großer Sicherheit wurden die Hölzer geflößt. Da es hier keine Sägemühlen gab, mussten alle Bretter gebeilt werden, was einen großen Schwund hervorrief: Ein Baum – ein Brett. Für das Fällen und Sägen wurden großenteils die Ureinwohner herangezogen. Auch in europäischen Teil waren für diese Arbeit oft andere ethnischen Gruppen herangezogen worden. Dazu gab es Ukasse, die Peter I. verordnete und von der nachfolgenden Zarin fortgesetzt wurden.

Jelovka mit Schivelutsch
Der Fluss Jelovka. Im Herbst scheint Hintergrund der weiße Vulkan Schivelutsch heraus – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jetzt stehen die Lärchen nicht mehr dicht an dicht, sondern zwischen Steinbirken. Um diese Siedlung entstand ein Kahlschlag. All zu weite Wege hat man aus Zeitgründen vermieden. Natürlich ist die Lärche für die Ureinwohner ein wichtiger Brennstoff, der nach dem Holzeinschlag nicht mehr so einfach zur Verfügung stand; das bedeutete, das dafür weitere Wege zu gehen waren. Die Itelmenen wurden auch gezwungen ständig vorüber ziehende Kosaken aufzunehmen und zu bewirten.

Wals mit Steinbirken und Laerchen
Auch wenn die Lärchen versteckt sind: der Wald lieferte das wichtigste Material zum Bau des Schiffes St. Gabriel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der andauernde Druck rief bei den gutmütigen Itelmenen Gegendruck hervor. Ihre oft aussichtslose Lage trieb sie manchmal in den Selbstmord, aber es wuchs auch der Widerstand, der 1731 sich entlud. Die Itelmenen erfuhren, dass sich 60 Kosaken nach Tschukotka bewegten, um dort den Jassak einzutreiben. Diese Nachricht bewegte sie dazu, flussabwärts von Süden aus nach Norden alle russischen Häuser und die darin wohnenden Einwohner zu vernichten. Sie kamen bis nach Nischny Kamtschatsk und verwüsteten die russische Siedlung einschließlich des Klosters. Das erfuhren die Kosaken in Ust Kamtschatsk und schickten eine Kosakenbrigade in diese Richtung, die mit ihren Feuergewehren die Rebellen vernichteten.

Klutschewskaya Sopka, Srednaya Sopka und rechts Uschkowsky
Links der Klutschewskaya Sopka, der Srednaya Sopka und rechts Uschkowsky. Vom rechten Bildausgang noch zwanzig bis dreißig Kilometer entfernt lag bis 1731 das alte Nischny Kamtschatsk – Kupferstich aus Krascheninnikows Werk

Zu dieser Zeit war Bering schon in Petersburg und erstattete bei der Marine-Akademie Rapport über seine erste Seereise in Fernen Russland und darüber, ob Asien mit Amerika zusammenhängt oder nicht.
Die Siedlung war soweit niedergebrannt, dass man sich entschloss, am Fluss Raduga (russ. Regenbogen) einen neuen Ort zu gründen – mit gleichen Namen, Nischny Kamtschatsk. Er liegt zwischen zwei kleineren Gebirgskämmen in einem breiten feuchten Tal mit Blick auf den Schivelutsch.

Das neue Nischny Kamtschatsk mit dem rauchenden Schivelutsch
Das neue Nischny Kamtschatsk mit dem rauchenden Schivelutsch – Kupferstich aus Krascheninnikows Werk

Nach der Wende restaurierte man die Kirche, die früher nach der Gründung der Siedlung (etwa 1735-1739) aus zwei Kirchen bestand: Uspenski und Nikolajewski.

Uspenski-Kirche am Raduga Fluss
Uspenski-Kirche am Raduga Fluss

Aufgrund von Überschwemmungen am Radugafluss zur Schneeschmelze wurden aber viele Gebäude in Mitleidenschaft gezogen. Die Siedlung ist heute aufgegeben.
Wenn in der Literatur Nischny Kamtschatska angegeben wird, ist meist der zweite, später entstandene Ort gemeint. Die erste Siedlung, die Vitus Bering mit seiner Crew der Ersten Kamtschatka-Expedition kennen gelernt hat, ist fast aus dem Gedächtnis der Historiker verschwunden.

posted by Ullrich Wannhoff




kostenloser Counter