Archiv der Kategorie 'Siberia'

Terra Incognita – KAMTSCHATKA

Neue Ausstellung von Ulli Wannhoff im Chemnitzer Naturkundemuseum

Für die Besucher der Ausstellung ist der Ferne Osten, Sibirien und die Halbinsel Kamtschatka meist „terra incognita“. Mit dem heutigen eurozentrischen Blick wissen wir oft weniger als das neugierige Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts; trotz Internet, Wikipedia und vieler Suchmaschinen, die auf richtiges – und falsches – Wissen hinweisen.

Polarfuchs
Polarfuchs (Präparat Naturkundemuseum Chemnitz) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Für mich ist die Ausstellung eine Reflexion der letzten zwanzig Jahre, die mein Leben nach der Wende bestimmten.
Die Ausstellung kann nur einen kleinen Einblick geben und eine Anregung, einen Anstoß – auf mehr, sofern es heute noch Neugierde gibt, wo ja alles im Internet mit einem Tastendruck erreichbar ist.

Seeadler
Riesenseeadler (Präparat, Leihgabe des Naturkundemuseums Berlin) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine Ausstellung wächst durch Dialoge, Fragen und Verwerfungen. Der Prozess ist vielleicht das Anregendste für alle Beteiligte und widerspiegelt auch die Komplexität, die nicht nur die junge geologische Erdgeschichte in Kamtschaka und die Naturprozesse aufzeigen, sondern auch unser heutiges Leben in seiner Vielfältigkeit und Veränderlichkeit.

Beim Aufbau der Ausstellung
Beim Aufbau der Ausstellung: die Kustodin Frau Dr. Thorid Zierold und der Plakat- und Schriftgestalter Evgeniy Potievsky – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wir haben die Ausstellung in drei Teile gegliedert. Der erste ist das „Vulkanmodell“ mit den verschiedenen Vegetationszonen und den Tieren, die ihre Nischen darin finden. Innerhalb einer kurzen Wegstrecke nach oben gestaltet sich ein vielseitiges Bild.
Je höher wir kommen, um so kühler die Luft – und dementsprechend kleiner werden Pflanzen und Tiere.

Vulkanmodell mit den verschiedenen Vegetationszonen
Vegetationszonen auf dem Vulkanmodell – Foto: © Ullrich Wannhoff

Von den Säugern leben unten im Tal Braunbär und Elch, und weit oben treffen wir noch die kleine Polarrötelmaus an. Sie wiederum hat Fressfeinde, den Raufußbussard und die Schneeeule, die sich in die Höhe wagen.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit den indigenen Völkern, die über viele tausende von Jahren die Halbinsel besiedelten, bevor der erste weiße Mann gewaltsam auftrat: Die Kosaken kamen Ende des 17. Jahrhunderts.

Modell Jaranga
Modell einer Jaranga – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auch in der Sowjetzeit gab es viel „Ungereimtes“. So wollten die Kommunisten ein neuen Typus Mensch in ihrem weiten Land kreieren, den „Homo Sowjetikus“, was mit dem Verlust der Tradition und der Identität der indigenen Völker verbunden gewesen wäre. Aber es gab auch Positives in dieser Gesellschaft, wie eine Grundversorgung, ärztliche Betreuung, der kollektive Zusammenhalt – dies alles ist heute mehr oder weniger in Auflösung begriffen.

Im Hintergrund: Wannhoffs Kamtschatka-Fotos
Kamtschatka-Fotos in der Ausstellung– Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach der Wende zog eine hohe Arbeitslosigkeit ein, und überteuerte Produkte zwangen und zwingen die kleinen Völker des Nordens zu einer Rückbesinnung auf die alte Jagdkultur und ein weitgehend autarkes Leben in der Wildnis, um nicht im Dorf dem Alkoholismus zu verfallen. Oft sind es die Frauen, die die Stärkeren sind und ein neues Leben anfangen. In der Ausstellung wird hauptsächlich die Materialkultur gezeigt.

Ausruestungsgegenstände für die Wildnis
Ausrüstungsgegenstände – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der dritte Teil ist die Isbuschka, das Hüttchen, das zu vielseitigen Zwecken benutzt wird und für uns Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig ist.

In der Isbuschka
In der Isbuschka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Man wird erinnert an „Die Mythen des alten Tages“ von Michail Epstein. Er schreibt über das nationale Totem, über den Braunbären:
„ Es ließen sich viele symbolische Analogien finden von denen eine jede für sich genommen nichts zu erklären scheint, zusammen aber … Die althergebrachte Bodenhörigkeit des russischen Menschen – und die Angewohnheit des Bären, den ganzen Winter zu verschlafen. Der russische Ofen, auf dem man liegt und sich im Schlafe wärmt, das Leben vergeudet. – und die dunkle Behaglichkeit der Bärenhöhle, warm und eng wie im Mutterleib, mit zottigen Fellfetzen gepolstert. Der auf den Ofen bezogene Ritus der russischen Faulheit – und die Vorliebe für den Leckerbissen, den es umsonst gibt, die Diebesmanier, die Früchte fremdes Fleißes zu stehlen. Der Bär schleckt Honig, nährt sich von der Emsigkeit der Bienen. Schläfrigkeit und Urkraft. Ein Faulpelz und Leckermaul ist der Herr des Waldes. Ein Erdbrocken, der sich mit wildem Brüllen vom Boden losgerissen hat und alles unter sich zermalmt, doch dann und wann wieder in seine angestammte Lagerstatt zurücksinkt. Bodenständigkeit als Erbinstinkt des erdgeborenen Wesens.“

Braunbär, Naturkundemuseum Chemnitz
Braunbär, Präparat Naturkundemuseum Chemnitz – Foto: © Wolfgang Opel

In der Einladung steht geschrieben: „Naturforscher und Künstler“. Ich verstehe mich eher als teilhabender Beobachter in der Natur, verbunden mit meiner geschichtlichen und ornithologischen Recherche, und das eigene Erleben zu spüren und später nachzuempfinden. Dabei sind die morphologischen Beschaffenheiten der Tiere für mich wichtig.

Ulli Wannhoff
Eröffnung der Ausstellung – Foto: © Wolfgang Opel

Tausende von mir gesammelte Federn liegen in wissenschaftlichen Sammlungen. Für mich besitzen sie einen sinnlichen Charakter, aber sie beinhalten auch Gene für die Wissenschaft, auf deren Ergebnisse ich immer sehr gespannt bin. Wie fügen sie sich in der Evolution ein, in einem komplizierten Baukastensystem, als sei es von einem Gott geschaffen, der mich aber in der Natur nicht interessiert, sondern nur im kulturhistorischen Kontext.

posted by Ullrich Wannhoff

Zweimal Nischny Kamtschatsk am Fluß Kamtschatka

Den Fluss Kamtschatka vergleicht der Agronom Johann Karl Ehrenfried Kegel (1784-1863) mit der „Mutter Wolga“, in einem altrussischen Lied, das der Opernsänger Schaljapin im tiefen Bass sang. Im hellen Klang des Frauenchors im Hintergrund schwingt die Weite der Landschaft mit, die unsere Seelen erfüllt. Als er Russland nach der Oktoberrevolution 1917 verlassen hatte und als Emigrant die meiste Zeit in der USA und Paris lebte, fand er Trost in den alten Heimatliedern, in denen sich die Sehnsucht nach seinem großen Land widerspiegelt. So wie der Fluss Wolga die Bewohner mit Fisch versorgt, so werden die Itelmenen, Korjaken, Ewenen und Russen am Kamtschatka Fluss bis heute mit Fisch ernährt. Der Ethnograf Hans Findeisen spricht von „Fischbarbaren“.

Hund holt Blaurückenlachs aus dem Fluss
Hund holt Blaurückenlachs aus dem Fluss – Foto: © Ullrich Wannhoff

Millionen Lachse ziehen in den Fluss, in die Nebenarme zu ihren steinigen Geburtsorten, den Quellflüssen aus den Gebirgen entgegen. Bevor die Kosaken von den Itelmenen den „Jassak“ (eine Fellsteuer) erpressten, gab es an den Flussmündungen zum Kamtschatka Fluss viele kleine Siedlungen. Eine dieser Siedlungen lag an der Mündung des Jelovka, der von Norden kommend in den Kamtschatka Fluss einfließt, etwa 10 Kilometer westlich von der heutigen Ortschaft Kljutschi.

Ausgrabungsgegenstaende aus dem neuen Nischny Kamtschatsk
Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk am Fluss Raduga

Einer der ersten Kosaken, die 1697 von Norden gewaltsam in ein damals fast unentdecktes Land eindrangen, war Atlassow. Mit seinem Tross zog er an der größten Itelmenensiedlung vorbei. Später errichtete man unmittelbar an dieser Itelmenensiedlung ein Ostrog (russische Befestigung), dessen Palisadenumzäunung Schutz vor den Ureinwohnern bot. Im Ostrog mit den Namen Nishny Kamtschatsk befanden sich eine Kirche und die Wohnhütten der Kosaken. Außerhalb der Befestigung wurde später ein kleines Kloster erbaut.

auf der Karte sind beide Nischny Kamtschatsk eingetragen
Auf dieser Karte sind beide Nischny Kamtschatsk eingetragen © Ullrich Wannhoff

Diese Ortschaft lag an einem wichtigen Knotenpunkt, daher gab es im Zusammenhang mit den strategischen Interessen von russischer Seite unterschwellig ständig Spannungen. Hier verliefen die Wege nach dem Norden Kamtschatkas, bis hin nach Anadyr. Ein anderer Weg ging flussaufwärts an den Jelovka Fluss bis zur Wasserscheide des westlich erkalteten Vulkangebirges (bis 2000m hoch). Hier gelangte man in Richtung Westen zur Küste des Ochotskischen Meeres.
Recht häufig zogen Kosakenverbände vorbei, die nicht nur in den Siedlungen den Jassak erpressten, sondern die Winternahrung den Itelmenen plünderten, ihre Vorratskammern ausraubten und sie für Transporte einsetzten, ohne dafür zu bezahlen. So waren Hungerzeiten vorprogrammiert. Oft konnten die Männer die nötige Nahrung für ihre Familien nicht beschaffen, weil die Kosaken sie für ihre Interessen einspannten. Von der Anzahl der Einwohner her hätte der Ort die Regionalhauptstadt werden können.

Herbstlicher Fluss Jelovka
Herbstlicher Fluss Jelovka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Ort Bolscheretsk lag strategisch noch besser und hatte den Zugang zum Ochotskischen Meer. Der Meeresweg zum Festland nach Ochotsk gestaltete sich direkter und einfacher als der nördlich gelegene schwierige Landweg zum Ostrog Anadyr an der Tschuktschenhalbinsel. Von Bolscheretsk gelangten alle Waren, die vom Festland kamen, in das Innere der Halbinsel und wurden über den Bolschaja Reka in die Bystrya transportiert, dann über die Wasserscheide in den Kamtschatkafluss.

Schiff_St._Gabriel
Schiff St. Gabriel mit dem blauen Andreas-Kreuz, Symbol für die russische Kriegsmarine. Mit dem Ausleger ein typisches Küstenfahrzeug, mit dem es möglich ist, in der Nähe der Küste zu kartografieren. Zeichnung © Ullrich Wannhoff

Diesen gleichen Weg nutzte Vitus Bering mit seinem Tross der Ersten Kamtschatka-Expedition, die im Verhältnis viel mehr zu transportieren hatte als die kleineren Kosakenverbände. Dazu wurden im Winter die Itelmenen, ihre Schlitten und Hunde mehr oder weniger gewaltsam eingespannt. Die Transportarbeiten zogen sich von Dezember 1728 bis März 1729 hin. Vitus Bering veranlasste, neben der Ortschaft Nischny Kamtschatsk für seine Mannschaft Unterkünfte zu errichten. Außerdem sollte hier das Schiff – die St. Gabriel – gebaut werden. Das flache Ufer war gut geeignet für den Schiffsbau. Es wurden mindesten 4.000 Hölzer gerodet. Soviel brauchte man für ein Schiff von dieser Größe sowie für die Unterkunftshäuser.

Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk
Weitere Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk am Fluss Raduga

Der Baustoff war das Holz der Lärchen, die es aufwärts am Jelovka-Fluss gab. Mit großer Sicherheit wurden die Hölzer geflößt. Da es hier keine Sägemühlen gab, mussten alle Bretter gebeilt werden, was einen großen Schwund hervorrief: Ein Baum – ein Brett. Für das Fällen und Sägen wurden großenteils die Ureinwohner herangezogen. Auch in europäischen Teil waren für diese Arbeit oft andere ethnischen Gruppen herangezogen worden. Dazu gab es Ukasse, die Peter I. verordnete und von der nachfolgenden Zarin fortgesetzt wurden.

Jelovka mit Schivelutsch
Der Fluss Jelovka. Im Herbst scheint Hintergrund der weiße Vulkan Schivelutsch heraus – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jetzt stehen die Lärchen nicht mehr dicht an dicht, sondern zwischen Steinbirken. Um diese Siedlung entstand ein Kahlschlag. All zu weite Wege hat man aus Zeitgründen vermieden. Natürlich ist die Lärche für die Ureinwohner ein wichtiger Brennstoff, der nach dem Holzeinschlag nicht mehr so einfach zur Verfügung stand; das bedeutete, das dafür weitere Wege zu gehen waren. Die Itelmenen wurden auch gezwungen ständig vorüber ziehende Kosaken aufzunehmen und zu bewirten.

Wals mit Steinbirken und Laerchen
Auch wenn die Lärchen versteckt sind: der Wald lieferte das wichtigste Material zum Bau des Schiffes St. Gabriel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der andauernde Druck rief bei den gutmütigen Itelmenen Gegendruck hervor. Ihre oft aussichtslose Lage trieb sie manchmal in den Selbstmord, aber es wuchs auch der Widerstand, der 1731 sich entlud. Die Itelmenen erfuhren, dass sich 60 Kosaken nach Tschukotka bewegten, um dort den Jassak einzutreiben. Diese Nachricht bewegte sie dazu, flussabwärts von Süden aus nach Norden alle russischen Häuser und die darin wohnenden Einwohner zu vernichten. Sie kamen bis nach Nischny Kamtschatsk und verwüsteten die russische Siedlung einschließlich des Klosters. Das erfuhren die Kosaken in Ust Kamtschatsk und schickten eine Kosakenbrigade in diese Richtung, die mit ihren Feuergewehren die Rebellen vernichteten.

Klutschewskaya Sopka, Srednaya Sopka und rechts Uschkowsky
Links der Klutschewskaya Sopka, der Srednaya Sopka und rechts Uschkowsky. Vom rechten Bildausgang noch zwanzig bis dreißig Kilometer entfernt lag bis 1731 das alte Nischny Kamtschatsk – Kupferstich aus Krascheninnikows Werk

Zu dieser Zeit war Bering schon in Petersburg und erstattete bei der Marine-Akademie Rapport über seine erste Seereise in Fernen Russland und darüber, ob Asien mit Amerika zusammenhängt oder nicht.
Die Siedlung war soweit niedergebrannt, dass man sich entschloss, am Fluss Raduga (russ. Regenbogen) einen neuen Ort zu gründen – mit gleichen Namen, Nischny Kamtschatsk. Er liegt zwischen zwei kleineren Gebirgskämmen in einem breiten feuchten Tal mit Blick auf den Schivelutsch.

Das neue Nischny Kamtschatsk mit dem rauchenden Schivelutsch
Das neue Nischny Kamtschatsk mit dem rauchenden Schivelutsch – Kupferstich aus Krascheninnikows Werk

Nach der Wende restaurierte man die Kirche, die früher nach der Gründung der Siedlung (etwa 1735-1739) aus zwei Kirchen bestand: Uspenski und Nikolajewski.

Uspenski-Kirche am Raduga Fluss
Uspenski-Kirche am Raduga Fluss

Aufgrund von Überschwemmungen am Radugafluss zur Schneeschmelze wurden aber viele Gebäude in Mitleidenschaft gezogen. Die Siedlung ist heute aufgegeben.
Wenn in der Literatur Nischny Kamtschatska angegeben wird, ist meist der zweite, später entstandene Ort gemeint. Die erste Siedlung, die Vitus Bering mit seiner Crew der Ersten Kamtschatka-Expedition kennen gelernt hat, ist fast aus dem Gedächtnis der Historiker verschwunden.

posted by Ullrich Wannhoff

Paddelsaison Teil II (von Berlin nach Kamtschatka …)

Das süße Spreewasser fließt in den Dämeritzsee – Sonnige Tierbeobachtungen

Meine kurze Schienenreise geht nach Hangelsberg über Erkner bis kurz vor Fürstenwalde.
Die Helligkeit stieg schnell aus dem blauen dunklen Himmelszelt auf, während ich auf der Zugtoilette mein verbrauchten Tee ausspüle. Mein müder Blick geht zum milchigen Fensterglas. Rotes leuchtet auf. Das Rote wird schnell gelb und die Strahlen erleuchten die flache Landschaft in warmen satten Farben und langen Schatten.

Flussnebel am Ufer der Spree bei Hangelsberg
Flussnebel am Ufer der Spree bei Hangelsberg – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach einer dreiviertel Stunde bin ich vor Ort, am Ufer der Spree. Die Feen auf den feuchten Wiesen bleiben unsichtbar, nur noch der tief hängende Nebelschleier ist zu sehen. Ich blase mein rotes Gummiboot auf. Zum Glück war das Gras gemäht. In Kamtschatka wäre ich am zeitigen Morgen wegen Nässe und Kühle an den feuchten Hochstauden bis auf die Haut durchweicht: Pflanzen, die bis zu drei Meter gegen den Himmel wachsen.

Neugierige Kuh
Neugierige Kuh – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Sonne saugt den feuchten Feen den Nebel weg, und die klare Luft bildet die Bilder scharf ab. Mit aufgeblasenen Luftpolstern sitze ich auf dem dunklen Wasser, und eine andere Art der Bewegung treibt mich federleicht in westliche Richtung. In einer halben Stunde beobachte ich fünf Biber. Sie alle sind mir nicht freundlich gesinnt.

Gelbe Wasserschwertlilie
Gelbe Wasserschwertlilie – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bevor die Pelztiere kurz vor dem Boot abtauchen, schlagen sie mit der breiten Schwanzflosse noch mal kräftig zu. Kamera wie Hemd werden unfreiwillig nass. Von Weitem sieht der Kopf des Bibers aus, wie dunkles Schwemmholz – nur das das Holzstückchen gegen die Strömung schwimmt. Meine ersten Biber sah ich in Nordalaska, mitten in der Stadt Anchorage auf dem See; die menschlichen Aktivitäten am Ufer berührten ihn kaum.

Abtauchender Biber
Wenn der Biber abtaucht, bleibt eine Spritzfontäne zurück – Foto: © Ullrich Wannhoff

Schwärme von Alt- und Jungstaren zwitschern aus den Baumkronen der hohen Eichen und Pappeln. Sie fliegen geschäftig hin und her und erinnern an die flirrende Flügelschläge der Kolbris. Möglich, das die Stare bei den erwärmenden Sonnenstrahlen in der Höhe viele Insekten antreffen und sich daran sättigen. Es mögen weit über tausend Vögel sein, die ich unterwegs bis zum Dämeritzsee beobachte.

Grosse Teichrose
Große Teichrose – Foto: © Ullrich Wannhoff

Das laute Gekräcke vom Teichrohrsänger ist nicht zu überhören. Mit Gesang hat das wenig zu tun, dafür laut und eindringlich. Dort wo sich die Teichrohrsänger befinden, ist der Kuckuck nicht weit, der seinen Wirt sucht und wohl schon längst gefunden hat. Ich sah, wie der Kuckuck einen Rotmilan ärgert. Meist sind es Krähen, die spielerisch um den Greifvogel fliegen oder ihn sogar attackieren, wenn er sich den Nestern nähert.

Junge Schwanenkinder unterm Mutterbauch
Junge Schwanenkinder unterm Mutterbauch – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Auenlandschaft befinden sich einzelnen Büsche, und manch Neuntöter sitzt beobachtend darauf und hält Ausschau nach Insekten. Ein wunderschöner Vogel, der offene Landschaften mit Strauchvegetation bevorzugt. Durch die intensive Landwirtschaft werden sie immer weniger.

Distelfalter
Distelfalter – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Sonne steigt und steigt und ich bevorzuge jetzt die schattigen Ufer der überhängenden Eichen, deren vereinzelte Blattgruppen im gleißenden Sonnenlicht punktuell hellgrün leuchten. Ein inneres Licht zwischen den größeren dunkelgrünen Blattgruppen, die bis fast ins Schwarze übergehen. Sie erinnern mich an dem französischen Maler Maurice de Vlamink (1876-1958), der tiefe schwarze Farben in das kräftige Grün seiner Bäume setzt. Ein Pinselduktus, der mir sehr nahe kommt. Diese Bilder sah ich in der Eremitage in Petersburg, wo sich die französische Malerei in der letzten Etage befindet. Kleine Räume ohne Stuck und Prunk. Einfach wunderschön.

Weisse Seerose
Weiße Seerose – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ein Rotfuchs mit seiner Beute flüchtet durch die blühende Wiese in Richtung Kiefernwald, während ich meinen Frühstückssalat genieße. Weiße Weiden- und Pappelsamen tanzen auf der dunklen Wasseroberfläche, bilden ein Knäuel und fliegen unbeschwert weiter, ohne ein Ziel zu haben.

Kopulierende Adonislibelle
Kopulierende Frühe Adonislibelle – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Mittagssonne verliert der Himmel seine Bläue und die flimmernde weiße Luft endet hinten am Wirtschaftswald voller hochgeschossener Kiefern, die in Reih und Glied stehen. Zarte blaue, grüne, rote, braune mosaikartige Edelsteine schwirren mit seidenen Flügeln dicht vibrierend an mir vorbei.

Larve mit frisch geschlüpfter Gebaenderter Prachtlibelle
Larve mit frisch geschlüpfter Gebänderter Prachtlibelle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ufer schlüpft eine Blauflügel-Prachtlibelle aus der braunen Larve und trocknet ihre Flügel. Auf den schmalen Schilfblättern sehe ich mehrere verlassene leere Larven mit Öffnungen, als würde eine Frau aus ihrem altmodischen Kleid schlüpfen, und ein neues frisches, farbiges Kleid kommt zum Vorschein; Männerpupillen vergrößern sich um ein Vielfaches.

ausgeschluepft - und zurueck bleibt die Libellenlarve
Ausgeschlüpft – und zurück bleibt die Libellenlarve – Foto: © Ullrich Wannhoff

Mindesten fünf farbenfreudige Libellenarten beobachte ich, deren Namen mir unbekannt bleiben, so wie eine Azurjungfer. In Europa gibt es 135 europäische Libellenarten.
In Kamtschatka fliegen viele Libellen bis weit in den September hinein über die Feuchtwiesen. Einer ihrer Hauptfeinde ist der Baumfalken, der im schnellen Flug diese Edelsteine erbeutet.

Libellenjaeger - Junger Baumfalke aus Kamtschatka
Libellenjägert – Junger Baumfalke aus Kamtschatka – Foto: © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff

Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka

Ende April und Anfang Mai paddelte ich kleine Abschnitte der Flüsse Havel, Spree, Oder und Peene ab, immer von dort, wo deren Ortschaften Anbindung haben an die Gleise, die mich wieder zurück brachten in die Metropole zum Berliner Ostbahnhof.

Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Kuestrin
Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Küstrin – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich fröhnte meiner Menschenallergie in der Stille der unterschiedlichen Landschaften, aus denen die Töne der Vögel geboren werden, die mit ihrem Gesang alljährlich akustisch ihre Räume abstecken, ähnlich wie der moderne Mensch mit seinem iPod unüberhörbar die Wege seiner langen arbeitsamen Tage abläuft.

Wasser im Boot
Wasser im Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Verglichen mit dem Kamtschatka-Fluss spüre ich die Kleinteiligkeit der Kulturlandschaft, aber auch Relikte der letzten Eiszeit, die in Ufernähe bis heute unberührt blieben. Während in den Uferzonen des Kamtschatka-Flusses unendlich viele junge Weiden im Wasser stehen, haben wir an der Oder einen weitläufigen Auenwald mit breiten Schilfflächen, die der Wind streichelt.

Schilfguertel
Schilfgürtel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Spreeufer beeindrucken die dicken Stämme der Kopfweiden, die im Sterben tiefe Furchen auf der Rinde hinterlassen; und am Fuße des Alten rollt sich der frische Farn aus und streckt sein leuchtendes, helles Grün dem Lichte zu, „schaut her, ich bin der Frühling“.

Weide mit Ente an der Spree bei Erkner
Weide mit Ente an der Spree bei Erkner – © Ullrich Wannhoff

Die Havel in Nähe Wannsee aber zeigt unser menschliches Gestalten. Barocke, klassizistische und historisierende Stilelemente der Architektur widerspiegeln die Kunstgeschichte der letzten dreihundert Jahre.

Große Wegschnecke
Große Wegschnecke – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die grünen Uferzonen sind im englischen Parkstil gestaltet und wir erfreuen uns an der Blütenpracht der Narzissen und Rhododendron-Sträucher. Revolutionen werden gemacht, um Altes in neuer Form zu konservieren. Der einfache heutige Mensch lebt bequemer, als viele Fürsten frühere Jahrhunderte. Und so paddle ich von Grundstück zu Grundstück, bis ich Potsdam erreiche.

Morgensonnengruss an die Hoeckerschwaene
Morgensonnengruß an die Höckerschwäne – Foto: © Ullrich Wannhoff

Drei Tage war ich auf dem schwarzen Wasser der Peene von Demmin nach Anklam und lauschte den vielseitigen Gesang der Vögel.

Entwurzelte Erle
Entwurzelte Erle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit dem Abschmelzen des Eispanzers (etwa zwei Kilometer hoch) vor 10.000 Jahren hat sich das Flussufer mit dem Erlenbruch und Mooren kaum verändert. Die Jäger und Sammler, die sesshaft wurden, siedelten sich etwas abseits vom Fluss, denn das Wasser ist nicht trinkbar – zu viele Schwebstoffe – und sehr torfhaltig, daher dunkel gefärbt. So entwickelte sich die Kulturlandschaft im Hinterland, und nur punktuell traute man sich ans Ufer; denn der Fluss ernährte die Menschen mit Fischen.

Abfliegender Kormoran
Abfliegender Kormoran. Abgestorbene Erlenbäume sind willkommenen Ruheplätze – Foto: © Ullrich Wannhoff

In Russland gibt es ein sehr altes Lied „Mütterchen Wolga“. Flüsse waren nicht nur die ersten Transportwege, sondern auch die Ernährer der am Ufer lebenden Menschen, und daran erinnert dieses einfache schwermütige Lied.

Wolkensuechtig
Wolkensüchtig – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der blaue Himmel mit seinen lustigen weißen Wolken, zusammen mit Vogelgezwitscher, erheiterte mein Gemüt. So paddle ich ohne Störung durch andere Kanufahrer oder gar Motorboote ganz allein durch die stille Flusslandschaft (die Saison ist noch nicht eröffnet), die kaum Fließgeschwindigkeit aufweist und meine Muskeln gegen den kühlen Wind beanspruchte. Einfach großartig.

junge Birkenblaetter
Verträumte junge Birkenblätter über der Peene – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens war mein Zelt mit dünnem Zuckerguß überzogen: Raureif verzauberte kurzzeitig die so grüne Landschaft mit Weiß. In ein, zwei Stunden leckte die Sonne alles Weiße ab. Die normalerweise versteckten kleinen Vögeln (Teichrohrsänger, Rohrschwill, Beutelmeise, Schilfrohrsänger, Zilpzap, Rohrammer), die man sonst nur hören kann, stiegen in der Morgenfrüh ganz hoch auf die Schilfstäbe, auf getrocknete Äste, die aus dem wiegenden Schilfmeer herausschauten, wärmten sich auf und sangen die Welt farbig.

Nest der Beutelmeise
Nest der Beutelmeise über dem Wasser auf Birkenzweigen hängend – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dort wo keine Menschen waren, fehlte Gott und ich genoss die Fülle der Natur und mein egozentrischer Blick wurde so klein wie ein Schilfhalm.

Erdhummel
Erdhummel auf einer Wiesen-Bocksbart-Blüte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ende der Reise lief ich vom Bootshaus durch die intellektuelle Wüste Anklam Richtung Bahnhof. Jede Laterne war gespickt mit NPD-Plakaten. Andere Parteien gab es nicht! So stand ich fast verlassen an dem schön gestalteten, aber leerstehenden Backsteinbahnhof.

Leuchtender Raps
Leuchtender Raps – Foto: © Ullrich Wannhoff

Laute gewalttätige Musik schallte herüber, von zwei Jungen im Alter etwa 14-16 Jahre, die auf der Bank saßen. Alle verlassenen trostlosen Bahnhöfe in Mecklenburg erinnern an den Film „12 Uhr Mittags“. Die Sonne schien und der Schlagschatten überdeckte die beiden jungen Menschen, die dumpf, verloren auf der Verlierer-Bank saßen, die sich ihre Zukunft selber versperren, weil die Eltern ihnen keine Zukunft (Bildung) geben. Musikalische Pistolenschüsse aus dem Recorder durchzucken mein Herz, während die Bleichgesichter da sitzen mit leeren Augen im Gesicht, nicht wissend, was für eine großartige stille, weite Landschaft sie vor sich haben, mit einem unendlichen Horizont, der irgendwo weit hinten mit der Erde in Verbindung steht.

posted by Ullrich Wannhoff
Zu Ullis Paddeltour in Kamtschatka August 2013, und hier noch mehr über Sibirien und auch Ullis Unternehmungen dort.

Die rote Lava quillt aus der dunklen Erde

Wie Gedärme quillt die rote Lava aus der dunklen Erde – Erlebnisse auf Kamtschatka, Juni bis August 2013

Am Tage bedeckt Schneegeriesel die frisch erkaltete schwarze Lava, während einige Meter darunter die glühende Lava fließt.

Ende Juni 2013 überrascht uns der Winter
Ende Juni 2013 überrascht uns der Winter – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Oberfläche, die von der heißen Lava aufgerissen wird, erinnert an einen Schwarzweißfilm. Wasserdämpfe steigen nach oben und verflüchtigen sich in den dunklen blaugrauen Wolken die darüber ziehen und am Horizont mit Helligkeit durch die Sonne aufgesogen werden.

frische Lava bricht die erkaltete Kruste auf
Frische Lava bricht die erkaltete Kruste auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine spannungsvolle Lichtdramaturgie von grauen Schattierungen, die ein malerisches Bild ergeben und uns an Gerhards Richters künstlerische Werke erinnern, mit den gemalten Effekt der verschwommenen diffusen Ansichten einer Fotografie. Das lässt uns erahnen, welche Naturgewalten sich unter unseren Füßen bewegen.

erkaltete Lava
Erkaltete Lava – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die gerissene schwarzgraue Oberfläche blutet, und zähflüssige Lava leuchtet hindurch. Wie aufgerissene verletzte Körper, deren stillendes Blut Schorf bildet. Formen von schwarzen Gedärmen quellen nach außen und erinnern uns an Tierleiber in den gekachelten Schlachthöfen, wo die Bäuche der Tiere in der Länge aufgeschlitzt werden. In der vulkanologischen Fachsprache spricht man von Stricklava. Sie fließt um ihre eigene Achse und bildet strickähnliche Muster, je nach Fließgeschwindigkeit.

Stricklava
Stricklava: Die Lava dreht sich um die eigene Achse wie ein Strick – Foto: © Ullrich Wannhoff

Immer wieder bricht die verletzte, fast erkaltete Lava-Oberfläche auf, und Rotes stößt nach und wird mit nachfolgender Hitze von 1100°C gefüttert. Spannungen, die zerreißen, platzen – und das Ganze in Zeitlupentempo, ohne Eile. Geschwindigkeit ist fehl am Platze. Stetig und beharrlich drückt sich Rotes durch alle Ritzen, als gäbe es die informelle Kunst schon seit Millionen Jahren, bevor Jackson Pollock sie in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in seiner Garage auf Long Island entwickelte. Unserem Denken haften immer wieder metaphysische Metaphern an, deren Vergleiche uns in Gefühle ausbrechen lassen, die kaum regulierbar sind – oder?

innere gluehende Walze
Innere glühende Walze – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sich treppenartig übereinander stapelnd walzt die Lava ins Tal hinab. Baut sich auf bis 15 Meter hoch und wird begrenzt durch das Abkühlen an den Rändern. Schicht für Schicht quillt darüber, ohne wirklich sichtbar vorwärts zu kommen. Die Hitze unter den Fußsohlen zeigt uns die Gefahren auf. Jeder Schritt nach vorne kann das Ende unseres Lebens sein. Ein Leben, das wir in der Erdgeschichte wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen müssten und wahrscheinlich nicht finden. Ein aussichtsloses Unterfangen. Noch haben wir kein weiteres Leben im Kosmos gefunden…

Feuerschlund - Hoelle oder Paradies?
Feuerschlund – Hölle oder Paradies? – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Nacht bricht an und noch dunkler als die Wolken zieht sich der Himmel zu. Schon längst scheint die Sonne auf der anderen Seite der Erde. Ihr glühender Ball sichert uns das Leben auf der Erde und macht die Nacht zum Tag. Rhythmen des Schlafens und Wachens lösen sich ab.

Malerisches Foto. das Leuchten in der Nacht
Malerisches Foto: Das Leuchten in der Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Vulkan spuckt und spuckt das Blut der Erde in den Himmel. Staunend stehen wir davor. Brachiale Gewalt öffnet sich nach oben. Glühende und geschmolzene rote Steine erkalten in der Luft, fallen fast geräuschlos auf die schrägen Hänge des Vulkans, der aus schwarzen Schlacke- und Aschefeldern besteht. Wärme, die nicht lange anhält, und das lockere „Gestein“ und Geröll erschwert das Laufen des Neugierigen, der unbedingt den Kraterrand erreichen möchte.

heisser Atem aus dem Spaltenausbruch des Tolbatschiks
Heißer Atem aus dem Spaltenausbruch des Tolbatschiks – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die rote Hitze wird in den Wolken reflektiert. In der Stadt spricht man von Lichtsmog. Rote glühende Lava funkelt punktuell auf der dunklen Aschenoberfläche, als würde eine Stadt im rot leuchtenden Lichtermeer untergehen.

rote Lavastroeme und weisse Vergletscherungen - Collage
rot: Lavaströme, weiß: die Vergletscherungen – © Ullrich Wannhoff

Je dunkler es wird, um so mehr leuchtende Punkte schälen sich in der Ferne als bewegte rote Walze stufenartig in das Tal, in südliche Richtung, in Richtung des toten Waldes, wo beim Seitenausbruch des Tolbatschik 1975/76 seine Asche den Bäumen die Luft wegnahm und sie vertrocknen ließ. Jedes zarte Ästlein zweigt sich sperrig und leblos vom Stamm. Mit den Jahren verbreiten sich junge Pionierpflanzen, die die schwarzen Aschefelder beleben. Wind und orkanartige Stürme verteilen den Samen, und die Insekten bestäuben unfreiwillig die kleinen Pflanzenpolster.

Bluehender arktischer Mohn
Blühender arktischer Mohn – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zurück zu den Lavafeldern, deren Dampf nicht nur Wasser, sondern unter anderem Fluor und Chlor enthält. Daraus bildet sich eine gelbe Kruste die von der Lava nach unten abtropft, ähnlich wie Stalaktiten. Bizarre Formen, die uns zum Staunen bringen, einfach großartig.

Fluor- und Chlorgase bilden die herrlichen Tropfen
Fluor- und Chlorgase bilden die herrlichen Tropfen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier ist die Erdoberfläche jünger als wir. Sie wurde in einem Spaltenausbruch in zweitausend Meter Höhe geboren. Später bildete sich in tieferer Region ein neuer Aschekegel heraus, in dessen Schlund mehrere rote Löcher kochen. Nur eine Lebensmüder könnte davon angesogen werden – Himmel und Hölle wird seine Seele aufnehmen.

Gluehendes Loch, darunter fliesst die Lava 40 Kubikmeter in der Sekunde
Glühendes Loch, darunter fließt die Lava 40 Kubikmeter in der Sekunde – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit 30. November 2012 bis Ende August 2013 kam es zu einem Spaltenausbruch des Vulkans Tolbatschik. Der Tolbatschik besteht aus dem 3.400 m hohen Ostryi (= spitzen) Vulkan und den Ploskii (= flachen) Vulkan von 3.000 m Höhe. Beide gehören zu der hohen Vulkangruppe im zentralen Teil Kamtschatka, die sich südlich um den höchsten Vulkan Klutschevskoi gruppieren.

Karte_Kamtschatka-Halbinsel mit Tolbaltschik
Karte Kamtschatka-Halbinsel mit Tolbaltschik – courtesy of NASA

Ein zwanzig Kilometer langer Lavastrom floss seither den Aschekegel hinunter und bildete drei Hauptströme. Anfang September 2013 wurde die Lavaproduktion eingestellt.

Am Horizont leuchtet die Erde
Am Horizont leuchtet die Erde – Foto: © Ullrich Wannhoff

Viktor Okrugin, Vulkanologe und mein bester russischer Freund auf Kamtschatka, sagte: „Ulli – jetzt müssen wir wieder etwa vierzig Jahre warten bis zum nächste Ausbruch.“ So war der Rhythmus der letzten Jahrzehnte. Die itelmenischen* Götter werden die Berichte in den Himmel schreien…
(* Itelmenen = Ureinwohner Kamtschatkas)
Der Vulkan ruht - Sept 2013 - Viktor Okrugin
Der Vulkan ruht – Sept 2013 – Foto: © Viktor Okrugin

posted by Ullrich Wannhoff




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