Archiv der Kategorie 'Siberia'

Vulkane, Tang und Krebse

Evolutionsbeobachtungen im Gezeitengewässer auf der Beringinsel

Mein Fotoapparat mit Tele liegt verloren und unauffindbar in der Weite der Tundra. Grund genug, sich nicht nur mit Vögeln zu beschäftigen. Dazu kommt die wunderbare Lektüre von Raoul Schrott „Erste Erde Epos“, das ich vor meiner Reise zu lesen begann und dessen faszinierende Themen mich bis heute in Bann ziehen. Die Kommandeurinseln sind aus starken Vulkaneruptionen unter den Ozeanboden entstanden. Das Meer kochte und zischte, als vor Millionen Jahren diese glühende Inselgruppe als Landmasse sichtbar erschien. Noch viele hunderte Jahre vergingen, und die ersten Lebewesen besiedelten diese kargen Inseln, wie ich es heute noch beobachten kann. Ein Versuch, in dieser Kürze, und in Ansätzen, die Evolution wiederzugeben.

Blasentang-Feld
Blasentang-Feld – Foto © Ullrich Wannhoff

Graue, dunkle Wolkenbänke treibt der Wind über die aufbrausende See. Das wenige Licht wird nur durch die weißen Schaumkronen unterbrochen. Das grünlich, schwarze Meer verschluckt den schwarzen Basalt. Die starken Wellen zerren an den Algen. Ein großes helles, ockerfarbenes Blasentangfeld überzieht die Benthalzone. Im flachen Bereich der Gezeitenzonen bedecken Rotalgen und Grünalgen den erkalteten Lavaboden. Die letztere Algenart wanderte vor vielen Millionen Jahren an Land. Sie waren die ersten pflanzenartigen Gewächse, die unsere Erde begrünten, halb Tier, halb Pflanze. Die ersten richtigen Pflanzen waren die Leber- und Hornmoose, die sich von den Grünalgen abspalteten. Die Flechten an den Steinen bestehen aus Grünalgen und Pilzen.

Rotalgen
Rotalgen – Foto © Ullrich Wannhoff

Gruenalgen an einer Suesswassermuendung
Grünalge an einer Süßwassermündung – Foto © Ullrich Wannhoff

Krustenflechte
Krustenflechte – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Ebbe beginnt, und die schwarzen Lavafelder werden frei gelegt. Im Niedrigwasser finden wir Lebewesen, die an die Kambrium-Zeit erinnern. Das zurückgelassene Wasser ist von Kleinstlebewesen besiedelt.

Plattwuermer
Plattwürmer – Foto © Ullrich Wannhoff

Fast alle Arten sind lichtscheu. Erst nach längerem Hinschauen bemerkt man, wie die Lebewesen von einem Schatten zum nächsten huschen. Andere lauern unter den Hohlräumen der Steine. Solange das Ebbefeld frei lag, drehte ich viele, viele Steine um – und fand eine Vielfalt an Lebewesen, die aus einer Zeit stammen, wo Gondwana sich als tektonische Platte aus dem Meer hob.

Seeanemone
Seeanemone – Foto © Ullrich Wannhoff

Ich beobachte eine Seeanemone. In der Evolutionsgeschichte ist diese Art älter als die Plattwürmer. Seeanemonen besitzen keine Blut- und Kreislaufsysteme und mussten daher flach bleiben. Der Verdauungstrakt bildete sich heraus. Eine Weiterentwicklung sind die Peniswürmer, die ihren rüsselförmigen Kopf in ihren Hautmuskelsack verstecken können.

Peniswuermer ausgezogen
Peniswürmer in ausgezogener Form – Foto © Ullrich Wannhoff

Peniswurm
Peniswurm zusammengezogen – Foto © Ullrich Wannhoff

Die ältesten Spuren davon finden wir in Neufundland, einem Eldorado für Paläontologen, die das Kambrium lieben. Einen evolutionären Vorteil besitzt der Ringelwurm (in der Form ähnlich wie an Land der Tausendfüßler). Seine schnelle Fortbewegung erzeugen– anstelle von Füßen – die viele Borsten, die an den Ringmuskeln ansetzen und eine schlängelnde Fortbewegung ermöglichen, um seinen Feinden zu entkommen. Auf dem Foto schwimmt ein Ringelwurm ohne Kopf zielgerichtet weiter. Möglich, dass es noch kein zentrales Nervensystem gibt.

Ringelwurm
Ringelwurm – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine weitere Entwicklung sind die Schnecken, deren gesamter Körper sich in einer harten Schale, in einem Häuschen befindet. Ihre Langsamkeit ist kein Nachteil, sonst würden sie heute nicht mehr leben. Gerne sitzen sie an Klippensteinen oder an den langblättrigen Braunalgen.

Meeresschnecken bedecken das Lavagestein
Meeresschnecken bedecken das Lavagestein – Foto © Ullrich Wannhoff

Meeresschnecken an Braunalgen
Meeresschnecken an Braunalgen – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine Meeresassel bildet auf dem Rücken eine harte Schale und kann somit ihre Weichteile schützen – damit besitzt sie einen existenziellen Vorsprung im „Wettrüsten“ mit anderen Arten.

Meerassel
Meeresassel – Foto © Ullrich Wannhoff

Millionen Strandflohkrebse leben in den Gezeitengewässern und am feuchten Ufer im nassen Sand oder vom Meer ausgeworfenen Tang.

Flohkrebs
Flohkrebs – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine andere Form der Fortbewegung haben die Einsiedlerkrebse. Sie nutzen die leeren Schneckengehäuse und stecken ihr leicht verletzbaren weichen, hinteren Körperteil hinein, so dass nur die wehrhaften Schere herausschauen – und ihre Fühler.

Einsiedlerkrebs
Wehrhafte Schere eines Einsiedlerkrebses – Foto © Ullrich Wannhoff

Noch viele Millionen Jahre vergingen, und die ersten Fische entwickelten sich. Ich beobachte in dem zurück gelassenen Wasser auf den Ebbefeldern Grundel und Wolfsfische. Noch weitere hundert Millionen Jahren vergingen bis zum Anthropozän, wo der Mensch aktiv in die Evolution eingreift und sein Gehirn der Datenbank abgibt.

posted by Ullrich Wannhoff

Ohne Wodka kein Fischen

Nachdem die Pelztierjäger die Seekuh ausgerottet hatten – weil das Fleisch wie Rindfleisch schmeckte, wie dies der deutsche Naturforscher Steller in seinen Tagebuchaufzeichnungen 1740/41 beschrieb – war das Nächstliegende, auf den Kommandeur-Inseln Lachse zu fangen.
Die Fische dienten als Grundnahrung bei der Überwinterung auf der einsamen Insel und als Proviant für die Weiterfahrten im kommenden Frühjahr. Die Expansion verlief Richtung Osten, zu den unbekannten Aleuten-Inseln und zum Festland Amerika, von den russischen Seeleuten und Abenteurern unter der Führung reicher Kaufleute über die Jahrzehnte nach und nach erobert.


Detail einer frühen Karte von Chitrow, einem Teilnehmer der Bering-Expedition, mit Beringinsel, Stellerscher Seekuh, Pelzrobbe und Seelöwe

Geblieben über die Zeit ist der Fischfang, heute der einzige Erwerb auf der Bering-Insel. Die Fisch-Behörde in Kamtschatka teilt den Familien und Fischerbrigaden auf der Insel die Fluss-Reviere zu. Das kann von Jahr zu Jahr recht unterschiedlich sein.

Fischer mit Hund
Fischer mit Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine der Brigaden nimmt mich freundlicher Weise mit zum Fluss Podutjosnaya an der Westküste der Beringinsel. Am zeitigen Morgen ziehen dunkle Wolken auf, als würden sie schlechte Nachrichten ankündigen. Ich steige auf die offene Ladefläche des URAL’s. Das ist ein sowjetischer LKW, der die Wende vom Sozialismus zum Raubkapitalismus überlebte und sich in allen technischen Museen Westeuropas gut machen würde. Der über die Jahre deutlich sichtbare Verschleiß verrät nichts Gutes.

Zwei Fischer
Zwei Fischer – Foto © Ullrich Wannhoff

Auf der Ladefläche werde ich übermütig begrüßt, auch von zwei Fischern, die ich aus früheren Jahren kenne. Die Wodkafahne ummantelt mich herzlich. Wir fahren den steilen Dorfberg hoch, um auf der anderen Seite talwärts in Richtung Meeresufer zu gelangen.

Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer
Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Blüten des Eisenhuts
Blüten des Eisenhuts – Foto © Ullrich Wannhoff

Danach geht es auf einer aufgewühlten, schlammigen Straße parallel zum Ufer entlang. Umsäumt wird die Piste von Hochstauden wie Bärenklau, Greiskraut, Disteln und blau blühenden Eisenhut. Während der Hund über die Holzplanke bellt, flattern die auf den weißen Dolden sitzenden Petschora-Pieper davon.

Petschora-Pieper
Petschora-Pieper – Foto © Ullrich Wannhoff

Nicht lange, und der URAL steht. Die lange Motorhaube wird geöffnet und die Suche nach dem Fehler beginnt. Nach ein paar Handgriffen wird die Haube zugeknallt.
Doch einige hundert Meter weiter steht das Fahrzeug wieder. Ratlos öffnen Fahrer und Beifahrer die Motorhaube. Kein Benzin will in den Motor. Warum nicht, geht die Pumpe nicht? Ein Blick in den bauchigen Tank unter der Ladefläche verrät das Übel. Das Sieb ist voller Schlamm, der kein Benzin durchlässt.

Die Suche nach dem Fehler
Die Suche nach dem Fehler – Foto © Ullrich Wannhoff

Reparatur
Reparatur – Foto © Ullrich Wannhoff

Nach der Reinigung läuft es wie geschmiert, und wir fahren durch die Flüsse. Das schnell fließende Wasser kommt von den Bergen und füllt das Meer. Sobald die rotierenden Räder des Fahrzeuges das Kiesbett der Flüsse erreichen, spritzen hunderte von Buckellachsen auseinander. Wer will schon überfahren werden und das noch unter Wasser. Während der Fahrt wird eine Wodkaflasche herumgereicht. Jeder hat wohlbehütet ein Gläschen unter seiner Jacke. „Ulli, ein bisschen Kultur muss sein“, und ich nicke lächelnd.

Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund
Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Wir beziehen die Hütte in der Podutjonaya Bucht, die Iwan, eine Aleut, vorher schon beheizt hatte. Es wird in Ruhe ausgiebig gefrühstückt. Keine Eile, warum auch? Man begutachtet den Fluss mit runzelnder Stirn. Zu wenig Fische und zu viele abgelaichte Lachse, wird mir mitgeteilt.
Die Fischer spannen ein Netz über den Fluss. Mit diesem Netz laufen die Männer dem Meer entgegen und ziehen es kurz zuvor kreisartig zusammen. Hunderte Lachse zappeln im Netz. Die Abgelaichten werden sofort ins Wasser geworfen, die anderen kommen in Kisten.

Kleine Ausbeute an Buckellachs
Kleine Ausbeute an Buckellachs – Foto © Ullrich Wannhoff

Aussortieren der Lachse
Aussortieren der Lachse – Foto © Ullrich Wannhoff

Leerer Bottich
Leerer Bottich – Foto © Ullrich Wannhoff

Drei große Bottiche stehen auf der Ladefläche. Nur einer wird mit den Kisten gefüllt. Der zweite Versuch bringt noch weniger. Sie ziehen das Ölzeug aus und rauchen. Anschließend fahren sie lustlos zurück. Nicht ganz. Eine Wodkaflasche wird herum gereicht.

Transport- und Passagierschiff Sawoiko
Transport- und Passagierschiff Sawoiko – Foto © Ullrich Wannhoff

Lachse in der Schwebe
Lachse in der Schwebe – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Im Dorf kommen die Lachse in verpackten Kisten in Kühlcontainer, und dort warten sie, bis das marode Schiff „Sawoika“ kommt. Es grenzt an Wunder, das dieses von Kamtschatka aus die Insel erreicht. Über dreißig Tonnen Lachs und Kaviar (in diesem Jahr viel zu wenig) verschwinden in den Ladeluken. Wohin danach? Keine Ahnung, vielleicht nach Moskau…

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Passagiere
Passagiere – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff
Hier gibt es mehr über die Beringinsel und Ullis Erlebnisse dort

Gestrandet auf der Beringinsel: Die Yacht „Wild“

Am 18. September 2013 trieb ein Zweimaster führerlos bei starken Sturm gegen die steinige Küste der Beringinsel und zerschellte direkt am Ufer der einzigen Ortschaft Nikolskoje, die 1826 gegründet wurde und rund 700 Einwohner hat.

Pastellskizze von Ullrich Wannhoff
Meer – Pastellskizze © Ullrich Wannhoff

Mit Hilfe eines Kranes hievten Sergej und seine Freunde die Segelyacht an Land, ganz in der Nähe seines Ateliers. Die Backbordseite war aufgerissen und der Schiffskörper voller Wasser.

Yacht Wild - dahinter Sergejs Atelier
Die Yacht Wild, dahinter Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Fluss Gavanskaja bei Ebbe
Fluss Gavanskaya bei Ebbe – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Yacht ruht auf dem schönsten Uferplatz der Siedlung, direkt an der Flussmündung Gavanskaya Reka. Hier fliegen zwar nicht die gebratenen Tauben vom Himmel, aber die Lachse ziehen bei Flut vor der Haustür vorbei.

Beschaedigte Backbordseite mit eingebauter Tuer
Beschädigte Backbordseite mit eingebauter Tür – Foto © Ullrich Wannhoff

Die etwa 15 Meter hohen Masten wurden abgetakelt und liegen nun bei Sergej im Schuppen. Auf der verletzten Backbordseite baute Sergej ein japanisches Bullauge ein, und auch eine Tür, die nun den Eingang in den Schiffskörper bietet.

Eingang zur Yacht
Eingang zur Yacht – Foto © Ullrich Wannhoff

Garderobe auf dem Schiff
Garderobe – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Treppe zum Deck wurde entfernt, so dass die Kajüte groß und geräumig wurde. Statt des Mastes schaut jetzt ein langes Ofenrohr heraus. Die Kajüte wurde mit historischen Fotos aus Alaska ausgeschmückt.

Inneneinrichtung der Yacht
Inneneinrichtung mit Bild und Uhr – Foto © Ullrich Wannhoff

Oelgemaelde Moby Dick
Ölgemälde Moby Dick – Foto © Ullrich Wannhoff

Ein selbstgemaltes Bild zu Melvilles „Moby Dick“, Bücher und viele interessante Utensilien bereichern den Raum und machen ihn urgemütlich.

Arbeitsplatz vor dem japanischen Bullauge
Arbeitsplatz vor dem japanischen Bullauge – Foto © Ullrich Wannhoff

Die ursprüngliche Inneneinrichtung ist zu 70% erhalten. Eine polnische Werft stellte Segelschiffe für die Sowjetunion her. Wir nehmen an, das die Yacht auf der Danziger Werft hergestellt wurde, so wie auch Sergejs kleines Segelschiff „Alexandra“, die neben sein Bootshaus aufgebockt steht und mit Google Earth unter „Beringinsel, Nikolskoje“ betrachtet werden kann. Mit der „Alexandra“ segelten wir 1998 an der Küste Alaska entlang, auf den historischen Spuren von Vitus Bering und der Zweiten Kamtschatka-Expedition.

Sergej begutachtet ob das Deck dicht ist
Sergej begutachtet, ob das Deck dicht ist – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Yacht mit den Namen „WILD“ kann bis 14 Personen aufnehmen. Auf Grund von Breite und Schnitt des Bootskörpers ist sie nicht die schnellste, und jetzt dient sie als feststehendes Quartier, ist mein Rückzugsgebiet vom Dorf.

Mein Arbeitsplatz
Mein Arbeitsplatz – Foto © Ullrich Wannhoff

Nur das Rauschen des Meeres und die Schreie der Beringmöwen erreichen die Yacht, sobald ich die Türe am Morgen öffne und vergeblich den Sonnenaufgang suche.

Normales Wetter, Blick auf die Piers
Normales Wetter, Blick auf die Piers – Foto © Ullrich Wannhoff

Regen, Nebelwolken und starke Winde wechseln sich ab. Kein Fotografie-Wetter, aber für mich als Maler ist der Wolkenhimmel beeindruckend.

Abendlicht
Abendlicht – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Dresdner Maler und Arzt Carus schreibt: „Wie ziehende Wolken im steten Wandel begriffen, so die inneren Zustände des Menschen. Alles, was in seiner Brust widerklingt, ein Erhellen und Verfinstern, ein Entwickeln und Auflösen, ein Bilden und Zerstören, alles schwebt in den Gebilden der Wolkenregionen von unseren Sinnen.“

Insel Toporok mit untergehender Sonne
Insel Toporok mit untergehender Sonne – Foto © Ullrich Wannhoff

So gehe ich jeden Tag ans Riff, wo der Wind die dunklen Wolken über mich her treibt. Die weiß schäumenden Wellen brechen an der erkalteten, schwarzen Lava, und ich warte auf helles Licht.

Brechende Welle am Kliff
Brechende Wellen am Kliff – Foto © Ullrich Wannhoff

Oft quält sich das Sonnenlicht nur spärlich durch die Wolkenbänke, und ein weißer Strich bleibt am dunklen Meereshorizont kleben. Kierkegaard schreibt: „Wolken sind Hirngespinste und Gedanken, was sind sie anderes? Sieh darum wird man alles anderen müde, doch der Wolken nicht.“

Patellskizze Meer und Wolken von Ullrich Wannhoff
Meer und Wolken – Pastellskizze © Ullrich Wannhoff

Sergejs Zeichnung - Yacht auf einer Tasse
Sergejs Zeichnung von der Yacht „Wild“ auf einer Tasse – Foto © Ullrich Wannhoff

Fast jeden Abend sitzen Sergej rauchend und ich Tee trinkend am heißen knisternden Kanonenofen und erzählen uns alte Geschichten von Freunden und Bekannten, die wir über die Jahrzehnte zwischen Alaska und Russland gemeinsam kennen lernten. Balzac schrieb, das man zweimal lebt: „Das erste Mal im wirklichen Leben, das zweite Mal in der Erinnerung“. So schwelgen wir in die Nacht, bevor die Müdigkeit uns übermannt.

Blick durchs Bullauge - mit Engelfigur
Blick durch das Bullauge, mit Engelfigur – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff

Friedhof – ein russisch geflickter Mantel

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Seume kam nicht nach Karelien

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Bären auf Kamtschatka Teil II – Jagd gestern und heute

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Bären in Kamtschatka – Teil I: Menschen hinterm Weidezaun

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„Der Stille Fluss Kamtschatka“ – Aus dem Buchregal

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Mein russischer Freund Sergej

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Terra Incognita – KAMTSCHATKA

Neue Ausstellung von Ulli Wannhoff im Chemnitzer Naturkundemuseum

Für die Besucher der Ausstellung ist der Ferne Osten, Sibirien und die Halbinsel Kamtschatka meist „terra incognita“. Mit dem heutigen eurozentrischen Blick wissen wir oft weniger als das neugierige Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts; trotz Internet, Wikipedia und vieler Suchmaschinen, die auf richtiges – und falsches – Wissen hinweisen.

Polarfuchs
Polarfuchs (Präparat Naturkundemuseum Chemnitz) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Für mich ist die Ausstellung eine Reflexion der letzten zwanzig Jahre, die mein Leben nach der Wende bestimmten.
Die Ausstellung kann nur einen kleinen Einblick geben und eine Anregung, einen Anstoß – auf mehr, sofern es heute noch Neugierde gibt, wo ja alles im Internet mit einem Tastendruck erreichbar ist.

Seeadler
Riesenseeadler (Präparat, Leihgabe des Naturkundemuseums Berlin) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine Ausstellung wächst durch Dialoge, Fragen und Verwerfungen. Der Prozess ist vielleicht das Anregendste für alle Beteiligte und widerspiegelt auch die Komplexität, die nicht nur die junge geologische Erdgeschichte in Kamtschaka und die Naturprozesse aufzeigen, sondern auch unser heutiges Leben in seiner Vielfältigkeit und Veränderlichkeit.

Beim Aufbau der Ausstellung
Beim Aufbau der Ausstellung: die Kustodin Frau Dr. Thorid Zierold und der Plakat- und Schriftgestalter Evgeniy Potievsky – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wir haben die Ausstellung in drei Teile gegliedert. Der erste ist das „Vulkanmodell“ mit den verschiedenen Vegetationszonen und den Tieren, die ihre Nischen darin finden. Innerhalb einer kurzen Wegstrecke nach oben gestaltet sich ein vielseitiges Bild.
Je höher wir kommen, um so kühler die Luft – und dementsprechend kleiner werden Pflanzen und Tiere.

Vulkanmodell mit den verschiedenen Vegetationszonen
Vegetationszonen auf dem Vulkanmodell – Foto: © Ullrich Wannhoff

Von den Säugern leben unten im Tal Braunbär und Elch, und weit oben treffen wir noch die kleine Polarrötelmaus an. Sie wiederum hat Fressfeinde, den Raufußbussard und die Schneeeule, die sich in die Höhe wagen.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit den indigenen Völkern, die über viele tausende von Jahren die Halbinsel besiedelten, bevor der erste weiße Mann gewaltsam auftrat: Die Kosaken kamen Ende des 17. Jahrhunderts.

Modell Jaranga
Modell einer Jaranga – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auch in der Sowjetzeit gab es viel „Ungereimtes“. So wollten die Kommunisten ein neuen Typus Mensch in ihrem weiten Land kreieren, den „Homo Sowjetikus“, was mit dem Verlust der Tradition und der Identität der indigenen Völker verbunden gewesen wäre. Aber es gab auch Positives in dieser Gesellschaft, wie eine Grundversorgung, ärztliche Betreuung, der kollektive Zusammenhalt – dies alles ist heute mehr oder weniger in Auflösung begriffen.

Im Hintergrund: Wannhoffs Kamtschatka-Fotos
Kamtschatka-Fotos in der Ausstellung– Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach der Wende zog eine hohe Arbeitslosigkeit ein, und überteuerte Produkte zwangen und zwingen die kleinen Völker des Nordens zu einer Rückbesinnung auf die alte Jagdkultur und ein weitgehend autarkes Leben in der Wildnis, um nicht im Dorf dem Alkoholismus zu verfallen. Oft sind es die Frauen, die die Stärkeren sind und ein neues Leben anfangen. In der Ausstellung wird hauptsächlich die Materialkultur gezeigt.

Ausruestungsgegenstände für die Wildnis
Ausrüstungsgegenstände – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der dritte Teil ist die Isbuschka, das Hüttchen, das zu vielseitigen Zwecken benutzt wird und für uns Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig ist.

In der Isbuschka
In der Isbuschka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Man wird erinnert an „Die Mythen des alten Tages“ von Michail Epstein. Er schreibt über das nationale Totem, über den Braunbären:
„ Es ließen sich viele symbolische Analogien finden von denen eine jede für sich genommen nichts zu erklären scheint, zusammen aber … Die althergebrachte Bodenhörigkeit des russischen Menschen – und die Angewohnheit des Bären, den ganzen Winter zu verschlafen. Der russische Ofen, auf dem man liegt und sich im Schlafe wärmt, das Leben vergeudet. – und die dunkle Behaglichkeit der Bärenhöhle, warm und eng wie im Mutterleib, mit zottigen Fellfetzen gepolstert. Der auf den Ofen bezogene Ritus der russischen Faulheit – und die Vorliebe für den Leckerbissen, den es umsonst gibt, die Diebesmanier, die Früchte fremdes Fleißes zu stehlen. Der Bär schleckt Honig, nährt sich von der Emsigkeit der Bienen. Schläfrigkeit und Urkraft. Ein Faulpelz und Leckermaul ist der Herr des Waldes. Ein Erdbrocken, der sich mit wildem Brüllen vom Boden losgerissen hat und alles unter sich zermalmt, doch dann und wann wieder in seine angestammte Lagerstatt zurücksinkt. Bodenständigkeit als Erbinstinkt des erdgeborenen Wesens.“

Braunbär, Naturkundemuseum Chemnitz
Braunbär, Präparat Naturkundemuseum Chemnitz – Foto: © Wolfgang Opel

In der Einladung steht geschrieben: „Naturforscher und Künstler“. Ich verstehe mich eher als teilhabender Beobachter in der Natur, verbunden mit meiner geschichtlichen und ornithologischen Recherche, und das eigene Erleben zu spüren und später nachzuempfinden. Dabei sind die morphologischen Beschaffenheiten der Tiere für mich wichtig.

Ulli Wannhoff
Eröffnung der Ausstellung – Foto: © Wolfgang Opel

Tausende von mir gesammelte Federn liegen in wissenschaftlichen Sammlungen. Für mich besitzen sie einen sinnlichen Charakter, aber sie beinhalten auch Gene für die Wissenschaft, auf deren Ergebnisse ich immer sehr gespannt bin. Wie fügen sie sich in der Evolution ein, in einem komplizierten Baukastensystem, als sei es von einem Gott geschaffen, der mich aber in der Natur nicht interessiert, sondern nur im kulturhistorischen Kontext.

posted by Ullrich Wannhoff




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