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Polar Bear Day und die Jagd auf Eisbären

Wieder einmal ist International Polar Bear Day, und viele Menschen machen sich Gedanken um die Zukunft der Eisbären.
Auch wir in unserem Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis.
97% der in der Klimaforschung Tätigen sind sich einig, dass die gerade stattfindende Erwärmung der Arktis besonders in den letzten Jahrzehnten durch uns Menschen erheblich verstärkt wird. Immer wieder aber versuchen sogenannte Klimawandel-Skeptiker, diesen Zusammenhang zu negieren. Zu ihnen gehören auch die Verteidiger der weltweiten Trophäenjagd, unter anderem auch auf Eisbären.

Jagd auf Eisbaeren - Sammelbild
Jagd auf Eisbaeren – Sammelbild

Die Jagd auf Eisbären ist eigentlich nur noch Vertretern indigener Völker gestattet. Leider ist es denen in Kanada möglich, Jagdlizenzen auf andere Jäger zu übertragen. Sehr zur Freude finanziell potenter Trophäensammler, die sich auf die wenigen Lizenzen und Quoten stürzen, die von den kanadischen Offiziellen jedes Jahr freigegeben werden.

Subsistenzjagd: ein erfolgreicher Inuit-Jäger
Subsistenzjagd: ein erfolgreicher junger Inuit-Jäger – Foto: © Levi Noah Nochasak

Während die Jagd durch die Inuit selbst infolge der vollständigen Verwertung der geschossenen Eisbären als nachhaltig bewertet wird, interessiert die Großwildjäger nur eine besonders imposante Trophäe. Den Rest überlassen sie großzügig ihren indigenen Jagdhelfern. Die USA hat den Import von Eisbärentrophäen und -produkten inzwischen verboten, doch ist der Import in die EU, China, die arabischen und andere Ländern weiterhin gestattet. Unglücklicherweise stellt die Trophäenjagd auf Eisbären – mangels anderer ausreichend gut bezahlter Jobs – eine wichtige Einkommensquelle für die Inuit dar.

Eisbaerenfelle
Eisbärenfelle beim Trocknen – Foto: Wikipedia, Hannes Grohe

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die schonungslose Jagd auf Eisbären weltweit zu einem erheblichen Bestandsrückgang geführt. So erlegte der bekannte norwegische Jäger Henry Rudi von 1908-1948 713 Eisbären – davon 252 in den Wintern 1946/47 und 1947/48. Er setzte dabei Selbstschussfallen und Giftköder ein.

Rudolf Kmunke_Eisbaerenjagd
Rudolf Kmunke: Eisbärenjagd

Rudi allein tötete damit ungefähr so viele Eisbären wie heutzutage in einer Jagdsaison in ganz Kanada zum Abschuss freigegeben werden. Als sogenannter Eisbärkönig hatte er sich damit einen aus heutiger Sicht zweifelhaften Ruhm erarbeitet.
Seit 1973 ist die Jagd auf Eisbären in Norwegen verboten und in den anderen Arktisstaaten streng reguliert, so dass sich die Bestände wieder erholen konnten.


Eisbaerfang
Eisbärfang, Svalbard (Spitzbergen)

Auch wenn sich Inuit und Wissenschaftler in Kanada einig sind, dass der derzeitige Bestand an Eisbären nicht durch die Jagd gefährdet ist, kann niemand prognostizieren, ob das angesichts der Folgen der fortwährenden Erwärmung so bleibt. Die Trophäenjagd auf Eisbären ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Auch wenn die Reiseanbieter von einer angeblich notwendigen Hege schwafeln, geht es letztendlich nur um attraktive Trophäen für die Sammlung nach dem zweifelhaftem Motto „Wer hat den größten …?“


Dekoration_Eisbaer
Eisbärfell als Dekoration – Robert Sedlacek: „Brumme nicht“

Fotos der im Internet verfügbaren Kataloge von Jagdanbietern zeigen, wie sich die „erfolgreichen“ Schützen manipulativ hinter den durch extreme Weitwinkelobjektive vergrößerte Eisbären präsentieren. Tierschützer und Wissenschaftler vermuten sicher zurecht, dass gerade solche Darstellungen wiederum Begehrlichkeiten wecken und damit indirekt Wilderei befördern, die besonders in der russischen Arktis stattfindet.

Historische Postkarte
Eisbärtrophäe in einer historischen Postkarte

Die kanadische Regierung sollte endlich diese Art von fragwürdigem Jagdtourismus beenden und den unterstützenden Inuit-Jägern einen entsprechenden finanziellen Ausgleich und andere Erwerbsmöglichkeiten anbieten – zum Beispiel im Umweltschutz, bei der Eisbärenforschung oder bei Eisbärenbeobachtungen für Touristen. Das wäre dann ein gelungener Beitrag zum Internationalen Eisbär-Tag!

Eisbaeren-Tourismus
Eisbären-Tourismus – Foto: © Annette Conrad

posted by Wolfgang Opel

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Geburtstag in Eis und Schnee – Bernhard Hantzsch

Ein 140. Geburtstag ist eigentlich kein üblicher Jahrestag für öffentliches Gedenken und aufwändige Ehrungen. Dennoch soll heute an Bernhard Hantzsch – geboren am 12.1.1875 in Dresden – gedacht werden, einen nur noch wenig bekannten Ornithologen und Polarforscher, der vor etwas mehr als 100 Jahren auf der kanadischen Baffin-Insel auf tragische Weise ums Leben kam.

Der Dresdener Lehrer Bernhard Hantzsch
Der Dresdner Lehrer Bernhard Hantzsch – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz

Er war von Beruf Lehrer, doch zog es ihn immer wieder als Ornithologe in die Natur, ob in der unmittelbaren Umgebung seiner Heimatstadt Dresden, auf den Balkan, nach Island oder sogar nach Labrador.
Seine Labrador-Reise von 1906 betrachtete Hantzsch auch als Test für eine sorgfältig geplante und viel anspruchsvollere Expedition – der erstmaligen Durchquerung von Baffin Island durch einen „weißen“ Forscher.

An der Kueste von Baffin Island
An der Küste von Baffin Island

Bei der Planung orientierte er sich an berühmten Vorbildern wie Charles Francis Hall, der sich als erster Forscher überhaupt lediglich in Begleitung von Inuit auf die Suche nach Überlebenden der Franklin-Expedition begeben hatte, oder auch an Franz Boas. Letzterer war ein deutscher Geograf und Ethnologe, der sich als einer der ersten wissenschaftlich mit Baffin Island beschäftigt hatte und über seine Reise von 1883/84 das viel beachtete Werk Baffin Land veröffentlichte.

Eisberge vor Baffin Island
Eisberge vor Baffin Island

Bernhard Hantzsch gelang es, durch die Unterstützung von Museen und Universitäten, aber auch durch „Privatpersonen“ wie dem sächsischen König Friedrich August III, ausreichende finanzielle und Sachmittel für seine auf drei Jahre geplante Expedition einzuwerben.

Gefahr fuer die Schiffahrt - Eisberg vor Baffin Island
Eisberge wie dieser können Schiffen ziemlich gefährlich werden

Leider ging trotz der gründlichen Vorbereitung einiges schief. Das Schiff, auf dem sich Hantzsch in die Arktis begab, stieß mit einem Eisberg zusammen und ging unter. Glücklicherweise konnten sich alle Personen an Bord auf eine kleine Insel vor Baffin Island retten. Hantzsch verlor dabei aber einen großen Teil seiner Expeditionsausrüstung.

Blacklead Island
Zuflucht auf Blacklead Island

Eigentlich würde man vermuten, dass damit die Reise zu Ende war, doch nicht bei Hantzsch. Er hatte zuviel Zeit und auch eigene Geldmittel in diese Expedition investiert, um sich von diesem Missgeschick unterkriegen zu lassen. Mit Engagement versuchte er, Verlorenes durch geeignetes Ersatzmaterial zu ersetzen.

Hantzsch in Expeditionskleidung
Hantzsch in Expeditionskleidung – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz

Hantzsch besuchte eine Walfangstation am gegenüberliegenden Ufer des Cumberland Sounds, um einerseits erste Erfahrungen bei einer Schlittenreise im Winter zu sammeln und andererseits seine Bestände an Nahrung und Ausrüstung zu ergänzen. Auf der Rückreise verbrachte er seinen 35. Geburtstag in einem winzigen Iglu auf dem Eis – kein angenehmes Erlebnis, wie er in seinem Tagebuch berichtet.

Hier befand sich früher die Walfangstation Kekerten
Hier befand sich früher die Walfangstation Kekerten – Foto: Ansgar Walk

Trotz aller Widrigkeiten findet Hantzsch unter den Inuit erfahrene Begleiter für seine Expedition. Diese ist im ersten Abschnitt, der Durchquerung von Baffin Island zum Foxe Basin, erfolgreich. Die Reise geht dann weiter nach Norden, und man bezieht ein Winterlager, um günstigere Reisebedingungen abzuwarten.

Foxe Basin_Hantzsch River
Foxe Basin, Ausschnitt. Ein Fluss (ungefähr in der Mitte) trägt heute den Namen „Hantzsch River“ – Karte: NASA

Hier begeht Bernhard Hantzsch dann seinen 36. Geburtstag – bei miserablem Wetter, wie es im Tagebuch heißt: „-14°C im Haus“ (das natürlich aus Schnee gebaut ist). Trotz der Kälte schreibt er einen Brief an seine Eltern, der aber erst nach seinem Tod Dresden erreichen wird. In seinem Tagebucheintrag vom 12.1.1911 heisst es: „…Trübselig trete ich mein 37. Lebensjahr an. Wird es mir beschieden sein, dieses zu Ende zu führen?“ Es waren wohl Vorahnungen in Berücksichtigung der schwierigen Bedingungen für die Expeditionsteilnehmer: nagender Hunger und erbarmungslose Kälte.

Eisbaer auf Baffin Island
Eisbär, Baffin Island

Als es einem seiner Begleiter gelingt, einen Eisbären zu schießen, führt der Verzehr des Fleisches direkt in die letztendlich tödliche Erkrankung von Bernhard Hantzsch. Er stirbt Anfang Juni und seine Inuit-Begleiter bestatten ihn an dem Ufer des Flusses, der heute seinen Namen trägt: Hantzsch River.

Bernhard-Hantzsch-Schule Hartha
Auch die Schule in Hartha trägt heute den Namen „Bernhard Hantzsch“

Siehe auch Ein Dresdner in Labrador

posted by Wolfgang Opel

Neues von den Eisbären

In Churchill, der selbsternannten Eisbären-Hauptstadt der Welt, lief in den letzten Wochen der Tourismus auf Hochtouren. Inzwischen ermöglicht sogar Google Street View Einblicke in die kleine Arktisgemeinde an der westlichen Hudson Bay. Nirgendwo anders auf der Welt ist die Beobachtung von Eisbären in ihrer arktischen Umgebung so einfach, so gut organisiert und zudem auch noch vergleichsweise bequem und komfortabel, wenngleich auch kostspielig. Der sogenannte “Tundrabuggy” oder „Polar Rover“ ermöglicht die Begegnung mit den Königen der Arktis auch auf sehr kurzer Distanz.

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Polar Rover in Churchill

Die Touristensaison in Churchill ist nun zu Ende, denn auf dem Wasser der Hudson Bay bildet sich seit Mitte November wieder Eis, inzwischen schon fest genug für die Tatzen der Eisbären. Die hungrigen Tiere sind begierig, aufs Eis zu kommen, um endlich wieder den Ringelrobben und den Bartrobben nachstellen zu können. Sie hatten monatelang nichts Gutes zwischen die Zähne bekommen, seitdem im Juli das Eis verschwunden war.

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Gesunder Eisbär, Coningham Bay

Nun kommt eine gute Zeit für die Eisbären, die, obwohl ausdauernde Schwimmer, im Wasser keine Chance haben, eine schwimmende Robbe zu erwischen. Die Jagd vom Eis aus haben sie dagegen perfektioniert, und fette Robben liefern ihnen im Winter und Frühjahr ausreichend Nahrung, um sich selbst Fettvorräte aufzubauen, mit denen sie die „Fastenzeit“ im Spätsommer und im Herbst überstehen können.

Eisbaeren auf duennem Eis_Annette Conrad
Eisbären – auf dünnem Eis

Die globale Erwärmung, die sich in der Arktis viel stärker auswirkt als in unseren gemäßigten Breiten, hat die Eisbären in Schwierigkeiten gebracht. Die Hudson Bay taut nun früher auf und die Eisdecke bildet sich später. Die Jagdsaison der hiesigen Bären auf dem Eis verkürzt sich dadurch, und sie verbringen viel mehr Zeit auf dem Land, wo sie nicht ausreichend oder gar nicht fressen.
Die Inuit in den Gemeinden an der Bay beklagen daher, dass sie von hungrigen Eisbären geradezu belagert werden – viel mehr als früher. Auf der Suche nach etwas Essbarem besuchen sie Mülldeponien und durchwandern sogar die Siedlungen, besonders nachts.

Eisbaer_Skulptur aus einer Inuit-Gemeinde - Kunst
Inuit-Kunst: Kleine Eisbären-Skulptur

Den Schlussfolgerungen mancher Inuit – es gäbe jetzt viel mehr Eisbären als früher, also müssten die Jagdquoten erhöht werden – folgen die führenden Eisbär-Forscher allerdings nicht, denn sie stützen sich wissenschaftliche Daten anstelle von anekdotischen Beobachtungen.
Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass die Zahl der Eisbären in der westlichen Hudson-Bay-Region rückläufig ist; die Bären sind zudem im Durchschnitt etwas kleiner und dünner als in den Jahrzehnten zuvor, und sie ziehen auch nicht mehr so viele Junge auf.

Reste eines verendeten Eisbären
Reste eines verendeten Eisbären, September 2012

Auch in anderen Regionen gibt es Probleme. Letzte Woche wurde eine Studie veröffentlicht, die 2001 begann und zeigt, dass die Anzahl der Eisbären in der südlichen Beaufortsee innerhalb von 10 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. Unter anderem beobachtete man dabei zwischen 2004 und 2007 80 Eisbärenbabys, von denen ganze zwei Tiere überlebten! Als Ursache des drastischen Rückgangs vermuten die Wissenschaftler, dass sich, anders als früher, das Packeis im Sommer jetzt viele hunderte Kilometer weit von der Küste zurückzieht; die Eisbären müssen entweder mit nach Norden ziehen, wo es viel weniger Robben gibt, oder sie schwimmen ans Land. Die hiesige Populationsgröße – 2004 waren es noch 1600 Eisbären – scheint sich seit 2007 bei etwa 900 zu stabilisieren.

Eisbäer im Berliner Zoo_Brotfuetterung
Zoo Berlin, Schau-Fütterung von Eisbären mit Brot

Werden diese Eisbären um die Mitte des Jahrhunderts ausgestorben sein, wenn es uns nicht gelingt, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren? Dieses Szenario halten Wissenschaftler für durchaus realistisch. Ob eines Tages die Eisbären in den Zoos sogar die letzten Vertreter ihrer Spezies sein könnten?
Die Fragen um die Zukunft des Eisbären und die unterschiedlichen Vorstellungen zu ihrer Beantwortung spielen auch in unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“ eine wichtige Rolle.

Buch_eisbaeren_Wanderer auf duennem Eis

Mit ihren schwarzen Augen im weißen Pelz und den niedlichen Ohren sind Eisbärenbabys ein reizvoller Anblick, nahezu unwiderstehlich. Wer sich noch an „Knut“ im Berliner Zoo und den Rummel um ihn erinnert, den wird auch die fast kultische Verehrung nicht verwundern, die noch immer seltsame Blüten treibt, wie hier an einer Pinnwand im Berliner Naturkundemuseum.

Kult um Knut_Briefe
Kult um Knut

Seit Jahrhunderten sind die Menschen fasziniert von Eisbären, sie verkörpern Kraft, Gefahr, aber auch Schönheit. Für die Inuit, mit denen die Eisbären das Leben in einer Extremregion gemeinsam haben, waren sie seit mehreren tausend Jahren sowohl Jagdwild, das für Ernährung und Bekleidung genutzt wurde, als auch spiritueller Partner. Seefahrer aus Europa und Amerika jagten sie wegen der Pelze, um des Ruhmes willen oder um die Jungtiere an Zoos und Zirkusse zu verkaufen. In welcher Art heutzutage Eisbärenjagd praktiziert wird, kann man ebenfalls hier nachlesen.

historische Darstellung der Eisbaeren-Jagd
Eisbären-Jagd, historische Darstellung

Auf die Frage, was man tun kann, um die Eisbären zu retten, sagte der kanadische Eisbärenforscher Andrew Derocher neulich in einem Interview mit der Winnipeg Free Press, dass man sich zuerst über den Klimawandel informieren solle, und wenn man dieses Problem verstanden habe, solle man Einfluss auf die Politiker nehmen, damit die verstehen, dass man dieses Problem aus der Sicht von Fairness zwischen den Generationen lösen muss.
„Wir haben ein Zeitfenster, in dem wir zur Rettung der Eisbären aktiv sein können, aber worüber wir wirklich reden, ist, die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufrechtzuerhalten und nicht zu versuchen, den im globalen Kontext bereits Benachteiligten zu schaden. Jetzt geht es um Eisbären, aber in 10 oder 20 Jahren geht es um Menschen, die eine massenhafte Migration durchzumachen haben. Und dann müssen wir uns Sorgen um Menschen machen, nicht mehr nur um Eisbären.“

posted by Mechtild Opel

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Die Welt der Eisbären

Bevor wir in den Zodiac steigen, ziehen wir dicke Pullover und mehrere Schichten Jacken über. Der kalte Wind scheint von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Wir fahren tief in die Coningham Bay hinein; bald sind wir nahe genug am nebligen Ufer, um mit dem Fernglas dort Knochen zu erkennen: Wirbelsäulenteile von Walen. Und dazwischen ein Eisbär. Anfangs halte ich ihn für einen glänzenden Felsen, denn er bewegt sich nicht. Als wir nahe genug heran sind, schwinden alle Zweifel. Da steht ein Eisbär direkt über einem Stück abgenagten Walkadaver, man erkennt deutlich die Wirbelknochen des Meeressäugers.

Touristen und Eisbaeren
Alle Touristen wollen den Eisbären fotografieren

Nun sieht der Eisbär uns – er blickt her, aber zeigt sich nicht beeindruckt. Was mag in seinem Kopf vorgehen? Er behält die Ruhe, wartet ab, dann macht er etwas Verblüffendes: er setzt sich auf seine Beute. Eine Geste der Besitzverteidigung? Er bewegt den Kopf, schaut immer wieder her. Und dann verlässt er seinen Platz. Dass er absolut keine Angst hat, erkennen wir daran, dass er sich auf uns zu bewegt, ohne Hast. Langsam und gemessenen Schrittes kommt er näher.

Der Eisbaer naehert sich
Der Eisbär nähert sich

Dann kommt er ohne Hast noch näher an die Uferlinie, mit einwärts gesetzten Vorderfüßen und schwingenden Hüfte, und wir können die kraftvolle Pose des Eisbären bewundern. Er tritt mit seinen riesigen Tatzen ins flache Wasser, so als wollte er sagen: „Ich weiß zwar nicht, wer ihr seid und was ihr hier wollt, aber eins ist klar: Das hier ist mein Platz und meine Beute; bleibt lieber weg!“ …

Ruhender Eisbaer
Ruhender Eisbär

… Da die Eisbären, selbst wenn sie sich temporär an Land aufhalten, vom Meereis abhängig sind – für ihre Jagd und Ernährung wie für ihre Vermehrung – liegt die Zukunft der Eisbären da, wo die Zukunft des Polareises liegt. … Ob auch unsere Ur-Ur-Enkel noch Eisbären sehen können?

Hungriger Eisbaer
Hungriger Eisbär

Den vollständigen Artikel kann man im Sonderheft Norden des Magazins „360° Kanada“ nachlesen.

Mehr über die Welt der Eisbären erfährt man in „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“, das in Kürze im MANA-Verlag erscheint.

Siehe auch unser Blog „Eisbären auf dünnem Eis“

posted by Mechtild Opel

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Franz Joseph Lang – ein Arktisreisender von der Schwäbischen Alb

Am 17. Juli 1884 – vor 130 Jahren – erreichten sechs Überlebende der Lady Franklin Bay Expedition (1881-1884, unter der Leitung von Leutnant Adolphus Greely) mit den zu ihrer Rettung ausgesandten Schiffen Thetis und Bear den Hafen von St. Johns auf Neufundland. Die anderen 20 Teilnehmer der Expedition waren ab Januar 1884 während der Überwinterung auf Pim Island (an der Ostküste Ellesmere Islands im Norden Kanadas) infolge Erschöpfung und Hunger gestorben.

Pim Island im September 2012
Pim Island im September 2012

Die Überlebenden befanden sich in einem bedauernswerten Zustand. Schon bald nach ihrer Rückkehr gelangten Gerüchte über unglaublich schreckliche Ereignisse auf Pim Island in die Öffentlichkeit: Kannibalismus und die Hinrichtung eines Expeditions-Teilnehmers – des Deutschen Carl Heinrich Buck, der sich vor der Expedition in Charles Henry umbenannt hatte (siehe auch Mysterium um die Toten von Pim Island).

die Ueberlebenden der Greely_Expedition
Die Überlebenden der Greely-Expedition, oben rechts Franz-Joseph Lang

Zu den sechs Überlebenden gehörten neben dem Expeditionsleiter Leutnant Greely auch drei deutschstämmige Soldaten: Francis Long, eigentlich Franz Joseph Lang aus Böhmenkirch bei Göppingen, Georg Heinrich Christian Biederbick und Julius Robert Frederick.
Obwohl die Expedition als wissenschaftlich erfolgreich galt, endete sie in einer menschlichen Katastrophe. Greely hatte zunächst versucht, die Hinrichtung Henrys zu verheimlichen, und behauptete, am Kannibalismus weder beteiligt gewesen zu sein noch davon gewusst zu haben.
Doch sowohl die Erschießung Henrys als auch die Störung der Totenruhe waren durch die Kapitäne der Rettungsschiffe festgestellt und in einzelnen Fälle durch spätere Obduktionen bestätigt worden.

Galionsfigur der SS Bear
Die Galionsfigur der „SS Bear“

Der Versuch, die schrecklichen Ereignisse aufzuklären, ist bis heute nicht abgeschlossen. Sowohl die mit der Hinrichtung Henrys Beauftragten als auch die an Zerteilung und Verzehr der menschlichen Überreste beteiligten Expeditionsteilnehmer hatten sich wechselseitig zum Schweigen verpflichtet. Erst nach dem Tod Greelys ging David Brainard, damals der letzte der Überlebenden, mit der Information an die Öffentlichkeit, dass es auf dem Weg von der Lady Franklin Bay nach Pim Island den Versuch einer Meuterei gegen Greely gegeben hatte. Sie wurde wegen Brainards fehlender Bereitschaft abgebrochen; vielleicht aber hätte sie zumindest einigen das Leben retten können.

Pim Island im September 2012
Ein düsterer Ort: hier befand sich einst das Camp der Greely-Expedition

Francis Long aus Böhmenkich war neben Brainard der körperlich und mental widerstandsfähigste der Mannschaft. Er hatte an der Schlacht am Little Bighorn teilgenommen, bei der 1876 die Truppen unter General Custer von Indianern unter der Führung von Sitting Bull, Crazy Horse und Häuptling Gull vollständig vernichtet worden waren. Long hatte überlebt, da er von Custer beauftragt worden war, zusätzliche Kräfte zur Hilfe zu holen, die allerdings zu spät kam, um Custers Soldaten beizustehen.

Sitting Bull
Häuptling Sitting Bull

Wahrscheinlich hatte Long bereits damals ausreichend Leid gesehen und erfahren, um dann die Ereignisse auf Pim Island durchstehen zu können. Er war der erfolgreichste Jäger der Expedition und oft stunden- und tagelang auf der Suche nach jagdbarem Wild unterwegs. Er war es auch, der genügend Kräfte hatte, um am 22. Juni eine Hügelkette in der Nähe des Camps zu besteigen und die Rettungsschiffe auf sich und die Überlebenden aufmerksam zu machen. Wohl keiner der Teilnehmer hätte die nächsten beiden Tage überlebt, denn Lebensmittel gab es schon seit Wochen nicht mehr.

Francis Long alias Franz Joseph Lang
Francis Long, alias Franz Joseph Lang

Nach der Heimkehr verschaffte Greely seinen Mit-Überlebenden Jobs und später auch Pensionen; vermutlich wurde ihm mit Schweigen über die Ereignisse auf Pim Island gedankt. David Brainard brachte es sogar vom Sergeanten zum Brigade-General. Er starb mit 89 Jahren. Einige Zeit danach fand man ein unbekanntes Notizbuch, das den letzten Teil seines Tagebuches mit den entscheidenden Ereignissen auf Pim Island enthielt. Dabei lagen zwei Patronenhülsen, die vermutlich von der Erschießung Henrys stammten. Auch Brainard hatte sich bis zu seinem Lebensende an das vereinbarte Schweigen über den Tod Henrys und über den Kannibalismus gehalten.

Ziegler-Expedition_Russel W. Porter
Die Ziegler-Expedition, Gemälde von Russel W. Porter

Unzufrieden mit der Beachtung seiner außergewöhnlichen Leistungen während der Greely-Expedition war aber Francis Long; er hatte seinen Mit-Überlebenden 1898 sogar mit der Aufdeckung der Umstände um Henrys Tod gedroht. Dazu kam es aber letztendlich nicht. Stattdessen nahm er – als einziger Teilnehmer der Greely-Expedition – sogar noch an zwei weiteren Arktisexpeditionen, den sogenannten Ziegler-Expeditionen 1901-1905 nach Franz-Josef-Land, teil.

Long auf Bärenjagd
Franz Joseph Lang auf Bärenjagd

Im Nachlass von Francis Long fand man keine Tagebuchaufzeichnungen. Hat es gar keine gegeben, oder sind sie „verloren gegangen“? Dass er sich genau an die dramatischen Ereignisse der Greely-Expedition erinnern konnte, kann man an seinem Bericht über die erfolgreiche Jagd eines Eisbären auf Pim Island im Internet nachlesen. Berichte über Meuterei, eine Hinrichtung und Kannibalismus wollte er vermutlich aber nicht veröffentlichen. Und noch heute – 130 Jahre nach den tragischen Ereignissen auf Pim Island – fällt es schwer, über die damaligen Geschehnisse auf Pim Island zu urteilen.

posted by Wolfgang Opel




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