Archiv der Kategorie 'Northwest Passage - Nordwestpassage'

Schokolade in der Arktis

English version here.

Kann man verhungern, wenn noch Schokolade da ist?

Die Funde am „Boat’s Place“ an der Erebus Bay auf King William Island und ihre Interpretationen bilden eines der vielen ungelösten Rätsel der verschollenen Franklin-Expedition. Während McClintocks Suche nach Spuren von Franklins Männern wurde bei einer Landexpedition unter Leutnant Hobson am 24. Mai 1859 ein unter der Schneedecke begrabenes Boot entdeckt, das auf einem Transportschlitten ruhte. Hobson legte das Boot frei. Er fand zwei menschliche Skelette und erstellte einen genauen Bericht über die Gegenstände, die sich im Boot befanden.

Auffindung des Bootes
Auffindung des Bootes – Abbildung aus der „Gartenlaube“, 1860

Sechs Tage später erreichte Kapitän McClintock den gleichen Ort. In seinem Bericht weist er, der sich viel mit der Optimierung von Lastschlitten auf Arktistouren beschäftigt hatte, auf das seiner Meinung nach „tote Gewicht“ der seltsamen Schlittenladung hin. An Lebensmitteln fanden sich noch ein Rest Tee – und etwa 40 Pfund Schokolade.

Gedenkstein fuer McClintock
Gedenkstein für McClintock an der Bellot Strait, gestiftet von seiner Familie

Es stellt sich die Frage: Kann man Hungers sterben, wenn man 40 Pfund Schokolade zur Verfügung hat? Offenbar ja.
Es handelte sich hierbei nicht etwa um zartschmelzend-cremige Milchschokolade, sondern um ein damals „Cocoa“ oder „ship’s chocolate“ genanntes Produkt. Geröstete Kakaobohnen wurden zerkleinert; dabei wurde Kakaobutter freigesetzt, so dass kein trockenes Pulver entstand, sondern ein Paste, die durch Abkühlung zu einem „Kuchen“ wurde. Nachdem Johannes van Houten 1828 ein Verfahren entwickelt hatte, der gemahlenen Masse Kakaobutter zu entziehen und anschließend wieder zuzusetzen, konnte die Masse – möglicherweise unter Zusatz von etwas Stärke aus Sago – zu kompakten Stücken gepresst werden.

Kakaobohnen
Kakaobohnen – Foto: Frank_Wouters, Wikipedia

Solche harten „Kuchen“ gehörte zu den übliche Rationen für Arktisexpeditionen, denn daraus ließ sich ein stärkendes Heißgetränk herstellen – in einer Zeit, da Kaffee für die Expeditionsteilnehmer noch kein Standardgetränk war! Damit konnte übrigens auch unangenehm schmeckendes Wasser aus den Schiffstanks trinkbarer gemacht – und dadurch Rum gespart werden. Wohl schon ab 1780 hatte die Britische Regierung regelmäßig festen „Cocoa“ von der Firma J.S. Fry & Sons als Standard-Schokoladenration für Seeleute geordert.

Frys_Cocoa
Werbung für Fry’s Pure Concentrated Cocoa – Abbildung: Wellcome Images

Johann August Miertsching, der von 1850 bis 1854 an einer Expedition zur Suche nach Franklin teilnahm, hat an Bord der HMS Investigator ebenfalls regelmäßig „Cocoa“ getrunken, den es morgens zum Frühstück gab – abends hingegen wurde Tee bereitet. Kaffee gab es nur ganz zu Anfang der Expedition zu besonderen Anlässen.

Johann August Miertsching
Johann August Miertsching

Miertsching, der mit seinen Kameraden 1853 die ebenfalls im Eis eingeschlosssene HMS Investigator verlassen und zu Fuß über Eis und Land wandern musste, beschreibt die schmale Tagesration für die ebenfalls bereits hungernden Männer: „1 Pfd. Schiffszwieback, 3/4 Pfund Fleisch u. 2 Loth Cacao nebst 1 Loth Zucker, und ½ gill Rum zum Grog. – Das Fleisch wird kalt u. natürlich hart gefroren verzehrt. Der geriebene Cacao u. Zucker wird mit Eis oder Schnee in einen Kessel gethan, u. über einer Spiritus-Lampe gekocht. “ (15. April 1853).

Kakao-Pulver
Pulverisierter Kakao – Foto: Blair, Wikipedia

Cocoa, gerieben und mit Zucker und Wasser zu einem Heißgetränk bereitet, war also etwas zum Aufwärmen und lieferte durch Kakaobutter und zugesetzten Zucker auch ein wenig Energie. Die hart gefrorene, recht bittere kompakte Masse, die am boat place gefunden wurde, taugte jedoch keineswegs dazu, die ausgehungerten Männer der Franklin-Expedition vor dem Hungertod zu bewahren. Dazu kommt: Bei der Einnahme größerer Mengen des Lebensmittels im festen Zustand hätten die Männer ganz sicher unter Verstopfung zu leiden gehabt.

Im Arktischen Eis
Im Eis der Arktis

In Miertschings Reisetagebuch kann man auch lesen, was zur üblichen Ladung einer „Schlittengesellschaft“ von 9 Personen auf einer Expedition über Land oder Eis gehört. Ein Großteil der von Hobson am „Boat Place“ vorgefundenen Gegenstände findet sich denn auch in Miertschings Auflistung: „…Bürste zum Beseitigen des Schnees von Zelt und Kleidern, Stiefelsohlen, Wachs, Borsten, Schuhmacherdraht, Nägel, Ahle, … nebst Seife, Handtüchern, Kämmen u.s.w. … Pfeffer, Saltz, Feuerzeug, Cotton u. Flanellbinden, Pflaster, … Augenwasser, Pillen u.s.w., Lancete, Opium Tincktur, Scheere, Nadeln u. Zwirn; … Das ganze Gewicht so einer Schlittenladung auf 42 Tage beträgt über 1000 Pfund.“ (17. April 1851).

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Es wurde viel darüber spekuliert, ob die Männer der Franklin-Expedition das Richtige taten, als sie die im Eis eingeschlossenen Schiffe aufgaben und in Richtung Süden zogen, um dadurch vielleicht zu überleben und mögliche Rettung zu finden. Besondere Zweifel daran, ob ihr Tun sinnvoll sei, ergaben sich aus den vielen scheinbar „unnützen“ Dingen, die die Ausgehungerten und Entkräfteten auf dem überladenen Schlitten mit dem schweren Boot über Land zogen. Aus den in Hobsons Bericht erwähnten Dingen hob man insbesondere Silberbesteck, Siegelring und Siegellack, eine goldene Kordel, Bücher, goldene Uhren, Seife, Kämme, Bürsten und Nadeln hervor. Waren diese Männer so töricht – oder gar geistig verwirrt?

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Abgesehen davon, dass diese Uhren in Wirklichkeit nicht golden, sondern lediglich in Silber eingefasst waren, stellt sich bei der Betrachtung aus heutiger Sicht heraus, dass sich in der Schlittenlast von Franklins Männern durchaus sehr viele nützliche und praktische Dinge befanden – Kompass, Messer, Streichhölzer, Schusterahle, gewachstes Garn, diverses Werkzeug, Handschuhe, Schneebrillen, Puverfläschchen (vermutlich mit Medikamenten), Halstücher, Gewehr und Munition, Angelschnur, Nähzeug, Scheren, dazu Nähnadel-Sets. Was man davon für die Wanderung nach Süden nicht selbst benötigte, hätte sich möglicherweise auch ganz gut als Tauschartikel einsetzen lassen, um dafür Lebensmittel erhalten, falls man auf Inuit traf.

McClintock_Cairn
McClintock Cairn, Fort Ross

Unter den Fundstücken befanden sich auch einige Bücher. Man kann darüber streiten, wie lebensnotwendig Bücher für von Kälte und Hunger geplagte Menschen sind. Wer kann schon beurteilen, welchen Wert ein Buch für Verzweifelte haben kann, um daraus Trost zu schöpfen, oder den Mut, noch nicht aufzugeben? Wie wichtig kann es für den Zusammenhalt von Menschen in äußerster Not sein, wenn jemand den anderen etwas aus einem Buch vorliest, oder wenn sie gemeinsam singen? Auch darüber lässt sich im Reisetagebuch Miertschings, der übrigens genau heute vor 199 Jahren geboren wurde, etwas erfahren.

posted by Mechtild Opel

Wanted! Gemälde gesucht!

Julius von Payers vermisster Zyklus zur Franklin-Expedition

Weite Bereiche der Arktis sind Ende Juni noch immer dicht mit Meereis bedeckt. Es ist viel zu früh für die Unterwasserarchäologen von Parks Canada, in die Arktis zu dem 2014 gefundenen Wrack von HMS Erebus und zur Suche nach der noch immer vermissten HMS Terror zurückzukehren.

Die Umrisse von HMS Erebus auf dem Monitor des Seitensonars
Die Umrisse von HMS Erebus auf dem Monitor des Seitensonars – © Parks Canada

Bevor wieder aktuellen Nachrichten zu den Schiffen die Medien beherrschen, soll auf ein ungeklärtes Phänomen aufmerksam gemacht werden: Das Verschwinden der Franklin-Gemälde von Julius von Payer.

Der Franklin-Zyklus
Payer war bereits ein berühmter Kartograf und Arktisforscher, als er sich entschloss, Kunstmaler zu werden. Dabei war es ihm von Beginn an ein Anliegen, das fast spurlose Verschwinden der Franklin-Expedition bildlich zu gestalten. Er konzipierte einen Zyklus von vier (oder fünf?) Monumentalgemälden mit den Arbeitstiteln:
Der Tod Franklins (Death of Franklin) 1889
Das Verlassen der Schiffe (Abandoning vessels) 1885
Gottesdienst auf dem Eis (Bible reading) 1888
Die Bai des Todes (Starvation Cove) 1883

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<font size= Franklins Tod, Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Ein angedachtes fünftes Gemälde sollte wohl das Auffinden von Überresten der Franklin-Expedition durch Francis Leopold McClintock im Jahr 1859 darstellen.

Gottesdienst auf dem Eis
Gottesdienst auf dem Eis, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Julius von Payer studierte an verschiedenen Kunstschulen und in Ateliers berühmter Maler. Er reiste mindestens zwei Mal nach London, um Skizzen und Studien für seine geplanten Gemälde anzufertigen. Auf einer Werft in Chatham besichtigte er Schiffe, die baugleich zu Erebus und Terror waren. Er besuchte Museen in Greenwich, studierte das Franklin-Denkmal am Waterloo Place in London und erhielt ein Kopfrelief von Kapitän Fitzjames von der HMS Erebus. Sophia Cracroft, Franklins Nichte, stellte Fotos von Kaptän Crozier von HMS Terror und anderen Seeleuten zur Verfügung. Von Frederick Schwatka, Leiter einer amerikanischen Suchexpedition, erhielt er eine Skizze von Starvation Cove, dem Fundort von Leichen und Überresten der Franklin-Expedition.

Taucher am Wrack von HMS Erebus - Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Erebus – Parks Canada – © Parks Canada

Bestens vorbereitet, malte Payer zunächst „Die Bay des Todes“, das ab 1883 mit viel Erfolg in Galerien europäischer Städten gezeigt wurde, überall großes Aufsehen erregte und mit Auszeichnungen dekoriert wurde. Leider konnte bis heute keine Abbildung dieses Gemäldes nachgewiesen werden. Die weiteren Gemälde folgten, und alle vier wurden 1896 in der Londoner Grafton Gallery ausgestellt. Dann verliert sich ihre Spur.

Das Verlassen des Schiffs
Das Verlassen des Schiffs, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Da Fotografie und Reproduktionstechnik zu der Zeit noch in den Kinderschuhen steckten, sind keine Reproduktionen dieser Gemälde bekannt. Es existieren heute nur noch Skizzen und Studien zu einigen dieser Gemälde. Der Zyklus wurde vermutlich komplett oder in Teilen nach USA verkauft. Payer malte dann 1897 eine zweite Variante der „Bai des Todes“, die heute in einem Prager Institut hängt.

Bai des Todes - Version von 1897
Bai des Todes – Version von 1897 im Geophysikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften zu Prag

Es gibt Hinweise, dass sich alle oder ein Teil der verschwundenen Gemälde noch bis nach dem zweiten Weltkrieg im Besitz der belgischen Sammler-Familie O‘Meara in Brüssel befunden haben. Durch das Auffinden des Wracks der HMS Erebus ist das Interesse natürlich groß, auch den Verbleib der Gemälde Payers aufzuklären. Immer wieder tauchen Studien und Varianten zu den Gemälden auf. Sie werden auf Ausstellungen in Wien (1973), Prag (2006) und in Teplice (2011 und 2015) gezeigt. Nur die Originale bleiben verschwunden.

Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde
Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde. Foto: Radek Svítil

Unklar ist auch, ob die 1973 in Wien ausgestellte Reproduktion von „Bai des Todes“ aus der Sammlung Dr. Felizitas Haindl die Version von 1883 oder von 1897 zeigte. Leider gibt es laut Aussage der Österreichischen Nationalbibliothek keine Reproduktion der Reproduktion mehr. Vermutlich war die Entwicklung der modernen Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Schuld“ am Vergessen der monumentalen Franklin-Gemälde von Payer. Der Kunstmarkt und das Interesse der Sammler hatte sich längst anderen Malern wie Cezanne, Picasso, Matisse oder den deutschen Expressionisten zugewandt.

Bai des Todes – vermutlich Studie von 1882 für das große Gemälde
Bai des Todes – vermutlich Studie für das große Gemälde, Sparkasse Teplice

Paintings wanted!
Doch wir (siehe auch Radek Svítil, Franklinova expedice) lassen nicht locker! Wer weiß etwas über den Verbleib der monumentalen Franklin-Gemälde von Julius von Payer?
Wesentlicher Unterschied zwischen den Varianten der „Bai des Todes“ von 1883 und 1897 ist übrigens eine zusätzlich im linken Teil des 1897er Gemälde aufgenommene Figur. Interessant dabei: Sie erinnert irgendwie an die Darstellung Frederick Schwatkas von Heinrich Wenzel Klutschak, einem der Teilnehmer der Schwatka-Expedition, der wie Payer aus Österreich stammte.

Frederick Schwatka
Frederick Schwatka, dargestellt von Heinrich W. Klutschak

posted by Wolfgang Opel
Siehe auch unser Blog Julius von Payer, Entdecker und Maler

Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten an Hall
Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Erebus und Terror verlassen England
Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Sir John Franklin-Portraet_rechts_von Kristina Gehrmann
Porträt von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart_ Obduktion
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

Nordwestpassage - Faktisches
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

posted by Mechtild Opel

Julius von Payer – Entdecker und Maler

Vor hundert Jahren, am 29. August 1915, verstarb der österreichische Kartograf, Alpen- und Polarforscher und Kunstmaler Julius von Payer in Bled im heutigen Slowenien.

Julius von Payer
Julius von Payer, Foto von Fritz Luckhardt

Payer, 1842 im böhmischen Schönau geboren, besuchte eine Kadettenanstalt und später eine Militärakademie. Wie vielen jungen Männern seiner Zeit sollte ihm eine Karriere beim Militär Anerkennung bringen und ein Auskommen sichern. Payer verfügte über bemerkenswerte zeichnerische und bergsteigerische Talente, die ihm – auf Vermittlung des deutschen Kartografen August Petermann – 1869/70 die Teilnahme an einer Arktisreise nach Ostgrönland ermöglichten.

Payers Geburtshaus
Payers Geburtshaus in Teplice

Als erfahrenem Alpinisten gelangen ihm mehrere Erstbesteigungen; er kartografierte und unternahm mit Hundeschlitten schwierige Expeditionen entlang der Küste. Eine weitere Expedition führte ihn 1871 nach Spitzbergen und Nowaja Semlja. Die auf den beiden Expeditionen gesammelten Erfahrungen machten Payer zum geeigneten „Kommandanten an Land“ – neben dem „Kommandanten zur See“ Carl Weyprecht – bei der Österreich-Ungarischen Nordpolexpedition von 1872-74.

Endless. Franz-Josef-Land
Endless. Franz-Josef-Land – Foto von Christopher Michel

Bei dieser erreichte man zwar nicht wie gehofft den Nordpol, entdeckte jedoch Franz-Joseph-Land – was allerdings von der österreichischen Militärbürokratie zunächst angezweifelt wurde. Payer verließ daraufhin frustriert das Militär und wandte sich, seinen zeichnerischen Talenten gemäß, der Malerei zu.

Klentzer in Gesellschaft eines Baeren
Julius von Payer: “Klentzer in Gesellschaft eines Bären“, Zeichnung. Mehr zum Thema: „Eisbären- Wanderer auf dünnem Eis“

Eine gerade erschienene Biografie von Frank Berger widmet sich dem komplizierten und widersprüchlichen Lebenslauf Julius Payers. Das lesenswerte Buch liefert viele bisher unbekannte Details und geht besonders auch auf Payers Zeit als Maler und im Zusammenhang damit auf seine besondere Beziehung zur Expedition von John Franklin zur Entdeckung der Nordwest-Passage ein.

Frank Bergers Buch ueber Payer
Frank Bergers Buch über Payer erschien im Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2015

Gerade jetzt, während sich der Todestag Julius von Payers jährt, haben die Archäologen von Parks Canada ihre Tauchgänge an HMS Erebus, dem Schiff Franklins, wieder aufgenommen. Das Wrack war im vergangenen Herbst südlich von King William Island entdeckt worden. Über das genaue Schicksal der Besatzung, die nie wieder in die Heimat zurückkehrte, ist fast nichts bekannt. Bis heute konnten nur einige wenige Gräber und Überreste der Seeleute gefunden werden. Das einzige bisher vorliegende Dokument über das Schicksal der Expedition enthielt die Mitteilung, dass John Franklin am 11. Juni 1847 verstorben war.

Payer - Im Packeis der Arktis
Julius von Payer – Im Packeis der Arktis, Gemälde

Julius Payer war von dem tragischen Schicksal der Franklin-Expedition tief beeindruckt und wollte Franklin und seinen Seeleuten ein malerisches Denkmal setzen. Er reiste nach London und traf sich dort mit der Witwe Franklins, Jane Franklin, wie auch mit dem Kapitän Sir Francis Leopold McClintock, der mit seiner Such-Expedition nach den verschwundenen Schiffen bedeutende Erkenntnisse über deren Scheitern beitragen konnte.

Payer_Monument Franklin
Julius von Payer – Der Tod von John Franklin, Foto eines verschollenen Gemäldes (Ausschnitt)

Nach seiner Rückkehr malte Payer einen Zyklus von vier Monumentalgemälden über die Franklin-Expedition, die aber seit Jahrzehnten nicht mehr auffindbar sind. Angeblich befanden sie sich in den 1950igern in belgischem Privatbesitz; seitdem ist ihr Aufenthaltsort unbekannt.
Vielleicht bringt ja das Gedenken anlässlich Payers 100. Todestages neue Hinweise auf den Verbleib der Gemälde, die einst nach ihrer Fertigstellung mit Preisen geehrt und mit großem Erfolg in verschiedenen bedeutenden Galerien gezeigt worden waren. Bekannt sind heute nur noch eine Kopie und eine Studie zu dem Gemälde mit dem Titel „Bay des Todes“, die das tragische Ende der letzten Überlebenden im Kampf mit Eisbären zeigen.

Payer_Starvation Cove
Julius von Payer – Die Bucht des Todes

Ansonsten gibt es von den Bildern nur noch Schwarz-Weiß-Reproduktionen, die einen ungefähren Eindruck von der Monumentalität und der Detailtreue der Gemälde vermitteln. Unter ihnen auch eine Darstellung des Todes Franklins an Bord der Erebus. Für die realistische Darstellung der Personen auf seinen Gemälden nutzte Payer Daguerreotypien von Franklin und seinen Offizieren, die 1845 kurz vor der Abreise der Schiffe angefertigt worden waren.
Die aktuelle Arbeiten am Wrack der HMS Erebus werden von vielen Interessierten in der ganzen Welt mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet – hofft man doch, Tage- und Logbücher im Wrack zu finden, die zur Aufklärung des Schicksals der gescheiterten Expedition beitragen könnten.

Payer - Grabmal
Grabmal von Julius von Payer – Foto von Unterillertaler

posted by Wolfgang Opel

Eistaucher auf Schatzsuche

Wracks im Polarmeer

Ein Schiffswrack kann eine wahre Schatzkammer sein. Zahlreiche wahre Berichte und noch viel mehr Gerüchte und Legenden existieren – etwa über Funde von unermesslich wertvollen Schätzen, Gold, Juwelen und dergleichen, im Bauch von gesunkenen Schiffen. Neben professionellen Archäologen ist daher weltweit auch die Gilde die Schatztaucher am Werk, immer in der Hoffnung auf wundersamen Reichtum.
Hier wollen wir jedoch über Schiffswracks reden, die zwar vermutlich weder Gold noch Juwelen verbergen, hingegen unschätzbar wertvolle Einblicke in die Geschichte geben und offene Fragen über ungeklärte Rätsel der Vergangenheit beantworten können – sogar wenn die betreffenden Gegenstände die Archäologen zunächst einmal vor neue Herausforderungen und Fragen stellen.


Live-Video: der leitende Archäologe Ryan Harris bei eine Weltpremiere –
direkt unter dem arktischen Eis gibt er eine erste Präsentation des Wracks der Erebus – Courtesy of Parks Canada

Das erst im Herbst 2014 geortete Wrack des Flaggschiffs der verschollenen Franklin-Expedition von 1845, HMS Erebus (siehe Blog Endlich gefunden – ist es Erebus oder Terror?), hat zweifellos das Potential einer Schatzkammer – zuallererst für die kanadischen Archäologen, die an seiner Erforschung beteiligt sind. Aber auch die Herzen von vielen Enthusiasten mit Interesse an der Geschichte der Polarforschung, auch aus anderen Ländern und Kontinenten, schlagen höher, sobald sie etwas über Fundstücke von Bord des Schiffes erfahren.

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Bergung eines Kanonenrohrs von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Im April startete Parks Canada eine noch nie zuvor dagewesene Aktion. Die Unterwasser-Archäologen, die dem Wrack von HMS Erebus im letzten Herbst wegen Stürmen, hohem Wellengang und zunehmender Eisbildung nur wenige Tauchstunden widmen konnten, gingen wieder ins eisige Nass. Diesmal allerdings unter einer meterdicken Eisdecke! Das Hindernis Eis wurde diesmal als Vorteil genutzt: es bot ein stabile Plattform für die Tauchgänge und machte es möglich, auch schwere Technik einzusetzen. Auf dem Eis direkt über dem Schiff konnte ein Arbeitszelt errichtet werden. Durch ein breites Loch, das ins Eis gesägt wurde, war es den Archäologen für eine knappe Woche möglich, weitere Untersuchungen am Wrack anzustellen.

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Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Eismeer-Wasser ist im April auch kaum kälter als im September, Tauchen bei ca. -1°C Wassertemperatur ist jedoch immer eine Herausforderung. Marc André Bernier, Chef der Unterwasserarchäologen, sagt, dass man es nicht länger als eine Stunde unten aushalten kann. Das reichte – neben weiteren nötigen Vermessungen und Bestandsaufnahmen – zumindest dafür, dass die April-Expedition sogar einige bemerkenswerte Artefakte bergen konnte.

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Ryan Harris mit einem von HMS Erebus geborgenen Seilzughaken – Courtesy of Parks Canada

Dazu gehören nicht nur das Rohr eine Kanone und Bestandteile des Schiffes wie das Prismenglas eines Oberlichts und ein Seilzughaken aus Messing, sondern auch Gegenstände, die von den Menschen an Bord erzählen, wie Uniformknöpfe, ein Medizinfläschchen und sogar Porzellanteller.

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Porzellanteller von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Die interessierte Öffentlichkeit konnte bereits einen vorläufigen Blick in die Geschichte der Franklin-Expedition werfen, als die Artefakte im Mai kurzzeitig in der Ausstellung „Breaking the Ice“ im Canadian Museum of History in Gatineau (vormals bekannt als „Museum of Civilization) gezeigt wurden. Sie bedürfen aber vorerst weiterer konservatorischer Behandlung, damit sie wegen der nun veränderten Umgebungsbedingungen keinen Schaden nehmen.

Taucher am Wrack von HMS Investigator_Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

HMS Erebus ist nicht das einzige Wrack von geschichtlicher Bedeutung.
Als die Archäologen von Parks Canada im Jahre 2010 in der Mercy Bay das Wrack von HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesandten Schiffe – entdeckten und im Sommer 2011 eine Folgeuntersuchung unternahmen (siehe Blog Lost Beneath the Ice – Bildband über HMS Investigator ), sah es äußerlich ganz ähnlich aus wie bei HMS Erebus: umherliegende Planken und Holzteile auf dem Deck und neben dem Schiff, Sedimentablagerungen, Bewuchs durch Algen und Kelp. Vielleicht ist der pflanzliche Bewuchs bei der Erebus stärker, denn dort sind viel mehr lange Kelp-Bänder zu sehen – sie liegt ja auch in etwas südlicheren Gewässern.


Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Auch bei der Untersuchung der Investigator konnten bereits einige aufschlussreiche Gegenstände geborgen werden, und ihr zu erschließendes archäologisches Potential wird als gewaltig eingeschätzt.

Fundstuecke vom Wrack_HMS Investigator
Artefakte, gefunden auf HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die weiteren Untersuchungen dieser Schiffe werden nicht einfach sein. Früher wie heute sind die äußeren Bedingungen in der hohen Arktis eine große Herausforderung – hier nur einige Stichworte dazu: extremste und unberechenbare Witterungsverhältnisse, ungewöhnlich aufwändige Logistik wegen der Abgelegenheit der Fundorte und dem Fehlen jeglicher Infrastruktur, hochspezialisierte Technik, hoher Aufwand an Kosten, Einsatzbereitschaft, Mut zum Risiko und Ausdauer der beteiligten Personen.

Am Wrack der Maud in Cambridge Bay
Am Wrack der Maud in Cambridge Bay www.facebook.com/maudreturnshome

Derzeit zeigen die Unternehmungen an einem dritten arktischen Schiffswrack, wie unberechenbar die arktischen Bedingungen sind. Die „Maud“, die unweit von Cambridge Bay auf Grund liegt, (siehe Blog Amundsens Maud – bald wieder unterwegs) sollte bereits 2014 geborgen und nach Norwegen transportiert werden. Zeit- und Kostenplanung erwiesen sich als hinfällig, als die arktischen Eisverhältnisse einfach nicht mitspielten – der Sommer 2014 war etwas anders als „vorgesehen“. Noch immer liegt die Maud an Ort und Stelle. Vielleicht klappt es ja in diesem Sommer, die Eisverhältnisse geben vorerst Grund zu Optimismus. In den letzten Tagen schauten Taucher das Wrack schon mal von unten an.

Eisverhaeltnisse Ende Juni 2015_Canadian Ice Service
Eisverhältnisse Ende Juni 2015 – Courtesy of CIS, Environment Canada

Wir sind gespannt, wie es mit den arktischen Schiffswracks weitergeht. Es braucht nicht nur Zeit, Technik, risikobereite Wissenschaftler. Entscheidend wird wohl sein, ob die finanziellen Mittel bereitgestellt werden und wie wichtig die Schätze unter dem Eis den Geldgebern sind. Bei der Maud scheint alles klar zu sein – außer den Wetter- und Eisbedingungen, doch ist hier die Prognose nicht schlecht. HMS Erebus hat nicht nur weltweit historisch Interessierte auf den Plan gerufen, sonder auch die derzeitige kanadische Regierung scheint dem Schiff eine Symbolkraft für die Untermauerung kanadischer Hoheitsrechte in der Arktis zuzumessen.

Muskete - gefunden an Bord von HMS Investigator 2011
Muskete, gefunden an Bord von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die letztere Rolle könnte aber auch HMS Investigator zustehen – hat doch die Mannschaft dieses Schiff erstmals die Existenz einer Nordwestpassage durch die Arktis bewiesen. Auch das archäologische Potential von HMS Investigator ist unbestritten. An Bord des Schiffes war J. A. Miertsching – (siehe auch Blog Ein Sorbe in der Arktis, Amerika ist eine Insel und ältere Artikel der Kategorie Miertsching), der die Reise der Investigator als Dolmetscher für Inuktitut begleitete und über dessen Leben wir zur Zeit ein Buch schreiben. Vielleicht findet sich im Bauch des Wracks eines Tages sogar die verschollene erste Fassung seines Reisetagebuchs?

Update: – Soeben erschien mein Artikel „In die Geschichte tauchen. Der Fund von HMS EREBUS“ im Magazin Marineforum, Heft 07-08 2015, S. 59-61.

posted by Mechtild Opel




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