Archiv der Kategorie 'Northwest Passage - Nordwestpassage'

Julius von Payer – Entdecker und Maler

Vor hundert Jahren, am 29. August 1915, verstarb der österreichische Kartograf, Alpen- und Polarforscher und Kunstmaler Julius von Payer in Bled im heutigen Slowenien.

Julius von Payer
Julius von Payer, Foto von Fritz Luckhardt

Payer, 1842 im böhmischen Schönau geboren, besuchte eine Kadettenanstalt und später eine Militärakademie. Wie vielen jungen Männern seiner Zeit sollte ihm eine Karriere beim Militär Anerkennung bringen und ein Auskommen sichern. Payer verfügte über bemerkenswerte zeichnerische und bergsteigerische Talente, die ihm – auf Vermittlung des deutschen Kartografen August Petermann – 1869/70 die Teilnahme an einer Arktisreise nach Ostgrönland ermöglichten.

Payers Geburtshaus
Payers Geburtshaus in Teplice

Als erfahrenem Alpinisten gelangen ihm mehrere Erstbesteigungen; er kartografierte und unternahm mit Hundeschlitten schwierige Expeditionen entlang der Küste. Eine weitere Expedition führte ihn 1871 nach Spitzbergen und Nowaja Semlja. Die auf den beiden Expeditionen gesammelten Erfahrungen machten Payer zum geeigneten „Kommandanten an Land“ – neben dem „Kommandanten zur See“ Carl Weyprecht – bei der Österreich-Ungarischen Nordpolexpedition von 1872-74.

Endless. Franz-Josef-Land
Endless. Franz-Josef-Land – Foto von Christopher Michel

Bei dieser erreichte man zwar nicht wie gehofft den Nordpol, entdeckte jedoch Franz-Joseph-Land – was allerdings von der österreichischen Militärbürokratie zunächst angezweifelt wurde. Payer verließ daraufhin frustriert das Militär und wandte sich, seinen zeichnerischen Talenten gemäß, der Malerei zu.

Klentzer in Gesellschaft eines Baeren
Julius von Payer: “Klentzer in Gesellschaft eines Bären“, Zeichnung. Mehr zum Thema: „Eisbären- Wanderer auf dünnem Eis“

Eine gerade erschienene Biografie von Frank Berger widmet sich dem komplizierten und widersprüchlichen Lebenslauf Julius Payers. Das lesenswerte Buch liefert viele bisher unbekannte Details und geht besonders auch auf Payers Zeit als Maler und im Zusammenhang damit auf seine besondere Beziehung zur Expedition von John Franklin zur Entdeckung der Nordwest-Passage ein.

Frank Bergers Buch ueber Payer
Frank Bergers Buch über Payer erschien im Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2015

Gerade jetzt, während sich der Todestag Julius von Payers jährt, haben die Archäologen von Parks Canada ihre Tauchgänge an HMS Erebus, dem Schiff Franklins, wieder aufgenommen. Das Wrack war im vergangenen Herbst südlich von King William Island entdeckt worden. Über das genaue Schicksal der Besatzung, die nie wieder in die Heimat zurückkehrte, ist fast nichts bekannt. Bis heute konnten nur einige wenige Gräber und Überreste der Seeleute gefunden werden. Das einzige bisher vorliegende Dokument über das Schicksal der Expedition enthielt die Mitteilung, dass John Franklin am 11. Juni 1847 verstorben war.

Payer - Im Packeis der Arktis
Julius von Payer – Im Packeis der Arktis, Gemälde

Julius Payer war von dem tragischen Schicksal der Franklin-Expedition tief beeindruckt und wollte Franklin und seinen Seeleuten ein malerisches Denkmal setzen. Er reiste nach London und traf sich dort mit der Witwe Franklins, Jane Franklin, wie auch mit dem Kapitän Sir Francis Leopold McClintock, der mit seiner Such-Expedition nach den verschwundenen Schiffen bedeutende Erkenntnisse über deren Scheitern beitragen konnte.

Payer_Monument Franklin
Julius von Payer – Der Tod von John Franklin, Foto eines verschollenen Gemäldes (Ausschnitt)

Nach seiner Rückkehr malte Payer einen Zyklus von vier Monumentalgemälden über die Franklin-Expedition, die aber seit Jahrzehnten nicht mehr auffindbar sind. Angeblich befanden sie sich in den 1950igern in belgischem Privatbesitz; seitdem ist ihr Aufenthaltsort unbekannt.
Vielleicht bringt ja das Gedenken anlässlich Payers 100. Todestages neue Hinweise auf den Verbleib der Gemälde, die einst nach ihrer Fertigstellung mit Preisen geehrt und mit großem Erfolg in verschiedenen bedeutenden Galerien gezeigt worden waren. Bekannt sind heute nur noch eine Kopie und eine Studie zu dem Gemälde mit dem Titel „Bay des Todes“, die das tragische Ende der letzten Überlebenden im Kampf mit Eisbären zeigen.

Payer_Starvation Cove
Julius von Payer – Die Bucht des Todes

Ansonsten gibt es von den Bildern nur noch Schwarz-Weiß-Reproduktionen, die einen ungefähren Eindruck von der Monumentalität und der Detailtreue der Gemälde vermitteln. Unter ihnen auch eine Darstellung des Todes Franklins an Bord der Erebus. Für die realistische Darstellung der Personen auf seinen Gemälden nutzte Payer Daguerreotypien von Franklin und seinen Offizieren, die 1845 kurz vor der Abreise der Schiffe angefertigt worden waren.
Die aktuelle Arbeiten am Wrack der HMS Erebus werden von vielen Interessierten in der ganzen Welt mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet – hofft man doch, Tage- und Logbücher im Wrack zu finden, die zur Aufklärung des Schicksals der gescheiterten Expedition beitragen könnten.

Payer - Grabmal
Grabmal von Julius von Payer – Foto von Unterillertaler

posted by Wolfgang Opel

Eistaucher auf Schatzsuche

Wracks im Polarmeer

Ein Schiffswrack kann eine wahre Schatzkammer sein. Zahlreiche wahre Berichte und noch viel mehr Gerüchte und Legenden existieren – etwa über Funde von unermesslich wertvollen Schätzen, Gold, Juwelen und dergleichen, im Bauch von gesunkenen Schiffen. Neben professionellen Archäologen ist daher weltweit auch die Gilde die Schatztaucher am Werk, immer in der Hoffnung auf wundersamen Reichtum.
Hier wollen wir jedoch über Schiffswracks reden, die zwar vermutlich weder Gold noch Juwelen verbergen, hingegen unschätzbar wertvolle Einblicke in die Geschichte geben und offene Fragen über ungeklärte Rätsel der Vergangenheit beantworten können – sogar wenn die betreffenden Gegenstände die Archäologen zunächst einmal vor neue Herausforderungen und Fragen stellen.


Live-Video: der leitende Archäologe Ryan Harris bei eine Weltpremiere –
direkt unter dem arktischen Eis gibt er eine erste Präsentation des Wracks der Erebus – Courtesy of Parks Canada

Das erst im Herbst 2014 geortete Wrack des Flaggschiffs der verschollenen Franklin-Expedition von 1845, HMS Erebus (siehe Blog Endlich gefunden – ist es Erebus oder Terror?), hat zweifellos das Potential einer Schatzkammer – zuallererst für die kanadischen Archäologen, die an seiner Erforschung beteiligt sind. Aber auch die Herzen von vielen Enthusiasten mit Interesse an der Geschichte der Polarforschung, auch aus anderen Ländern und Kontinenten, schlagen höher, sobald sie etwas über Fundstücke von Bord des Schiffes erfahren.

Taucher beim Bergen_des_Kanonenrohrs_Parks_Canada
Bergung eines Kanonenrohrs von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Im April startete Parks Canada eine noch nie zuvor dagewesene Aktion. Die Unterwasser-Archäologen, die dem Wrack von HMS Erebus im letzten Herbst wegen Stürmen, hohem Wellengang und zunehmender Eisbildung nur wenige Tauchstunden widmen konnten, gingen wieder ins eisige Nass. Diesmal allerdings unter einer meterdicken Eisdecke! Das Hindernis Eis wurde diesmal als Vorteil genutzt: es bot ein stabile Plattform für die Tauchgänge und machte es möglich, auch schwere Technik einzusetzen. Auf dem Eis direkt über dem Schiff konnte ein Arbeitszelt errichtet werden. Durch ein breites Loch, das ins Eis gesägt wurde, war es den Archäologen für eine knappe Woche möglich, weitere Untersuchungen am Wrack anzustellen.

Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe_Parks _Canada
Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Eismeer-Wasser ist im April auch kaum kälter als im September, Tauchen bei ca. -1°C Wassertemperatur ist jedoch immer eine Herausforderung. Marc André Bernier, Chef der Unterwasserarchäologen, sagt, dass man es nicht länger als eine Stunde unten aushalten kann. Das reichte – neben weiteren nötigen Vermessungen und Bestandsaufnahmen – zumindest dafür, dass die April-Expedition sogar einige bemerkenswerte Artefakte bergen konnte.

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Ryan Harris mit einem von HMS Erebus geborgenen Seilzughaken – Courtesy of Parks Canada

Dazu gehören nicht nur das Rohr eine Kanone und Bestandteile des Schiffes wie das Prismenglas eines Oberlichts und ein Seilzughaken aus Messing, sondern auch Gegenstände, die von den Menschen an Bord erzählen, wie Uniformknöpfe, ein Medizinfläschchen und sogar Porzellanteller.

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Porzellanteller von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Die interessierte Öffentlichkeit konnte bereits einen vorläufigen Blick in die Geschichte der Franklin-Expedition werfen, als die Artefakte im Mai kurzzeitig in der Ausstellung „Breaking the Ice“ im Canadian Museum of History in Gatineau (vormals bekannt als „Museum of Civilization) gezeigt wurden. Sie bedürfen aber vorerst weiterer konservatorischer Behandlung, damit sie wegen der nun veränderten Umgebungsbedingungen keinen Schaden nehmen.

Taucher am Wrack von HMS Investigator_Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

HMS Erebus ist nicht das einzige Wrack von geschichtlicher Bedeutung.
Als die Archäologen von Parks Canada im Jahre 2010 in der Mercy Bay das Wrack von HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesandten Schiffe – entdeckten und im Sommer 2011 eine Folgeuntersuchung unternahmen (siehe Blog Lost Beneath the Ice – Bildband über HMS Investigator ), sah es äußerlich ganz ähnlich aus wie bei HMS Erebus: umherliegende Planken und Holzteile auf dem Deck und neben dem Schiff, Sedimentablagerungen, Bewuchs durch Algen und Kelp. Vielleicht ist der pflanzliche Bewuchs bei der Erebus stärker, denn dort sind viel mehr lange Kelp-Bänder zu sehen – sie liegt ja auch in etwas südlicheren Gewässern.


Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Auch bei der Untersuchung der Investigator konnten bereits einige aufschlussreiche Gegenstände geborgen werden, und ihr zu erschließendes archäologisches Potential wird als gewaltig eingeschätzt.

Fundstuecke vom Wrack_HMS Investigator
Artefakte, gefunden auf HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die weiteren Untersuchungen dieser Schiffe werden nicht einfach sein. Früher wie heute sind die äußeren Bedingungen in der hohen Arktis eine große Herausforderung – hier nur einige Stichworte dazu: extremste und unberechenbare Witterungsverhältnisse, ungewöhnlich aufwändige Logistik wegen der Abgelegenheit der Fundorte und dem Fehlen jeglicher Infrastruktur, hochspezialisierte Technik, hoher Aufwand an Kosten, Einsatzbereitschaft, Mut zum Risiko und Ausdauer der beteiligten Personen.

Am Wrack der Maud in Cambridge Bay
Am Wrack der Maud in Cambridge Bay www.facebook.com/maudreturnshome

Derzeit zeigen die Unternehmungen an einem dritten arktischen Schiffswrack, wie unberechenbar die arktischen Bedingungen sind. Die „Maud“, die unweit von Cambridge Bay auf Grund liegt, (siehe Blog Amundsens Maud – bald wieder unterwegs) sollte bereits 2014 geborgen und nach Norwegen transportiert werden. Zeit- und Kostenplanung erwiesen sich als hinfällig, als die arktischen Eisverhältnisse einfach nicht mitspielten – der Sommer 2014 war etwas anders als „vorgesehen“. Noch immer liegt die Maud an Ort und Stelle. Vielleicht klappt es ja in diesem Sommer, die Eisverhältnisse geben vorerst Grund zu Optimismus. In den letzten Tagen schauten Taucher das Wrack schon mal von unten an.

Eisverhaeltnisse Ende Juni 2015_Canadian Ice Service
Eisverhältnisse Ende Juni 2015 – Courtesy of CIS, Environment Canada

Wir sind gespannt, wie es mit den arktischen Schiffswracks weitergeht. Es braucht nicht nur Zeit, Technik, risikobereite Wissenschaftler. Entscheidend wird wohl sein, ob die finanziellen Mittel bereitgestellt werden und wie wichtig die Schätze unter dem Eis den Geldgebern sind. Bei der Maud scheint alles klar zu sein – außer den Wetter- und Eisbedingungen, doch ist hier die Prognose nicht schlecht. HMS Erebus hat nicht nur weltweit historisch Interessierte auf den Plan gerufen, sonder auch die derzeitige kanadische Regierung scheint dem Schiff eine Symbolkraft für die Untermauerung kanadischer Hoheitsrechte in der Arktis zuzumessen.

Muskete - gefunden an Bord von HMS Investigator 2011
Muskete, gefunden an Bord von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die letztere Rolle könnte aber auch HMS Investigator zustehen – hat doch die Mannschaft dieses Schiff erstmals die Existenz einer Nordwestpassage durch die Arktis bewiesen. Auch das archäologische Potential von HMS Investigator ist unbestritten. An Bord des Schiffes war J. A. Miertsching – (siehe auch Blog Ein Sorbe in der Arktis, Amerika ist eine Insel und ältere Artikel der Kategorie Miertsching), der die Reise der Investigator als Dolmetscher für Inuktitut begleitete und über dessen Leben wir zur Zeit ein Buch schreiben. Vielleicht findet sich im Bauch des Wracks eines Tages sogar die verschollene erste Fassung seines Reisetagebuchs?

Update: – Soeben erschien mein Artikel „In die Geschichte tauchen. Der Fund von HMS EREBUS“ im Magazin Marineforum, Heft 07-08 2015, S. 59-61.

posted by Mechtild Opel

Amerika ist eine Insel …

Gedanken zum 140. Todestag von Johann August Miertsching

Gründlich satt hat Miertsching die Arktis im Herbst 1854. Fast fünf Jahre voller unvorstellbarer Leiden und Entbehrungen, der fast schon gewisse Tod und dann eine unglaubliche Rettung in letzter Minute liegen nun hinter ihm und der Mannschaft von HMS Investigator, die ihr Schiff eingefroren im Hohen Norden zurücklassen mussten. Endlich können sie die Zone des Eises an Bord eines Rettungsschiffes verlassen; „… so segelten wir weiter nach Süden, u. passierten gegen Abend die Linie des Polar-Kreises. Seit dem 27. Juli 1850, wo wir die selbe Linie in der Beringstraße überschritten, haben wir im Polarkreis zugebracht. Ach möchte ich nie wieder diesen Kreis betreten.“

Cresswell - HMS Investigator im Eis
Miertschings Schiff HMS Investigator im Eis – Zeichnung von S.G. Cresswell

Nun endlich liegt die ersehnte Heimat vor ihnen. Vier Wochen später sind sie in England, und Ende November erreicht Miertsching seinen Geburtsort Gröditz in der Oberlausitz.
Im Reisetagebuch zieht er ein Fazit dieser Reise, die sie zu den Entdeckern der lange gesuchten Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik machte: „Unser Schiff Investigator hat die Aufgabe, Franklins Schicksal ans Licht zu bringen, auch nicht lösen können, hat aber eine andre seit Jahrhunderten gestellt Aufgabe, an deren Lösung schon viele, und auch Franklin’s Expedition ein Opfer geworden sind, vollständig gelöst so daß man nun nicht nur eine sondern zwei ‚Nordwestliche Durchfahrten‘ weiß…“

Die Arktis mit moeglichen Schiffspassagen
Mögliche Schiffspassagen durch die Arktis – von Susie Harder, Arctic Council

„…Obgleich unser Schiff daselbst als ein bleibendes Denkmal für künftige Zeiten im Eismeer verblieben ist, so bleibt doch der Mannschaft desselben der Ruhm, die ersten und einzigen zu sein, die auf dem Wasser ganz um Amerika herumgekommen sind, und dadurch der Welt bewiesen haben, dass Amerika eine Insel ist.“
Jedoch vermutet Miertsching, dass die entdeckte Nordwestpassage „ganz zwecklos und für die Schifffahrt nicht zu benutzen“ sei, „solange dort ein so kaltes Klima und die See mit 50 bis 60 Fuß starckem Eis bedeckt ist“. Vorerst hatte er damit auch recht – aber heutzutage ist es soweit: die Arktis verliert zunehmend ihr „kaltes Klima“, immer mehr Segler, Kreuzfahrtschiffe und sogar Frachtschiffe haben die Passage erfolgreich befahren.

Schiffe im arktischen Eis - Foto: Dr. Pablo Clemente Colon
Schiffe im arktischen Eis – Foto: Dr. Pablo Clemente Colon

Letzten Herbst hat das Transportschiff M/V Nunavik der kanadischen Firma Fednav mit einer Ladung Nickelerz selbstständig und ohne Beihilfe die Nordwestpassage durchquert – und damit Geschichte für die Frachtschifffahrt geschrieben. Schiffe dieses Typs können bis zu 1 Meter dickes Eis brechen und sich den Weg durch schmale Eiskanäle bahnen, sind also quasi Frachtschiff und Eisbrecher in einem, und können auf dem kurzen arktischen Weg zum Pazifik erhebliche Transportwege und -zeiten sowie Treibstoffkosten sparen.

Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas
Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas – von Susie Harder, Arctic Council

Wieder einmal blicken wir am 30. März – siehe auch unser Blog: „J.A. Miertsching zum Gedenken“ – auf das Leben von Johann August Miertsching zurück. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag nun zum 140. Mal! Inzwischen ist uns längst bewusst, dass die Jahre, die er in der Arktis mit der HMS Investigator auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition verbracht hat, zwar eine überaus wichtige Zeit in seinem Leben war, dass es aber ein bedeutsames „vorher“ und „nachher“ gab.

Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka
Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka

Viel zu wenig ist bisher bekannt über das Leben Miertschings außerhalb der Arktisreise. Wohl war er nach seiner glücklichen Rückkehr nach Deutschland, nach vier Wintern in den Schrecken des Eises und der Finsternis der Polarnacht, kurzzeitig so etwas wie eine Berühmtheit. Er wurde als Gast in Herrenhäusern und zum sächsischen König geladen, um von seinen Arktiserlebnissen zu berichten. Sein Reisetagebuch wurde in drei Auflagen gedruckt, ins Französische und Dänische übersetzt. Dennoch dauerte es nur einige Jahre, und er war so gut wie vergessen.

Kirche und Schule in Genadendal - Suedafrika
Kirche und Schule in Genadendal – Südafrika

Wie kam es dazu, dass der sorbische Schuhmacher überhaupt an einer britischen Arktisexpedition teilnahm? Warum kehrte er danach nicht an seinen vorherigen Wirkungsort bei den Inuit in Labrador zurück? Was geschah in den 12 Jahren, die Miertsching in Südafrika lebte?
All unsere Recherchen über Miertschings Leben, auch außerhalb der Arktisreise – ob in seiner heimatlichen sorbischen Oberlausitz, bei den Inuit in Labrador, oder später in Südafrika – werden in unser Buch über Miertschings Leben einfließen, das wir 2017, im Jahr seines 200. Geburtstags, veröffentlichen wollen.

Siehe auch In dieser eisigen Wüste, sowie „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator, Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren, Zuflucht in Whalers Point, Northumberland House und „Älteres“ (Link links oben im Archiv der Kategorie Miertsching)

posted by Mechtild Opel

„In dieser eisigen Wüste“ – Weihnachtsfest auf andere Art

Wir fielen vor Schreck fast aus dem Bett, als es um Mitternacht plötzlich laut donnerte und krachte. Es war der 24. Dezember, und zur Feier des Tages hatten wir in einem kleinen Restaurant im abgelegenen argentinischen Städtchen El Calafate – nahe der patagonischen Anden am Lago Argentino – zu Abend gegessen und, anstatt zu campen, uns ein Hotelzimmer gegönnt, und dazu eine Schachtel handgemachter Pralinen aus der örtlichen Chocolaterie und ein Fläschchen Likör aus Calafate-Beeren geleert. Das war unsere bescheidene „Bescherung“ – denn das eigentliche Weihnachtsgeschenk für unsere vierköpfige Familie war die Patagonienreise selbst gewesen.

Weihnachten auf der Suedhalbkugel - hier ist Sommer!
Weihnachten auf der Südhalbkugel: hier ist Sommer!

Schon um 11 lagen wir im Bett und schliefen.
Allerdings nicht lange. Auf Böller in der „heiligen“ Nacht vom 24. zum 25. waren wir – in Unkenntnis der hiesigen Bräuche – nicht gefasst, und erst recht nicht auf das dann noch fast zwei Stunden andauernden Gehupe, denn ein Autokorso lärmte unentwegt durch die Stadt.
Andere Länder, andere Sitten. Weihnachten schien für unsereins ohnehin nicht ganz zum Sommer der Südhalbkugel zu passen, auch wenn sich große Gletscher in der Nähe von Calafate befanden.
Dann schon eher zum Hohen Norden, zur Arktis?

Der Gletscher Perito Moreno
Der Gletscher Perito Moreno am Lago Argentino

Als der Oberlausitzer Johann August Miertsching, der eine britische Suchexpedition zur Auffindung der verschollenen Franklin-Expedition als „Eskimo“-Dolmetscher begleitet, im Jahr 1850 sein erstes Weihnachtsfest in der Polarnacht an Bord der im Eis eingefrorenen „HMS Investigator“ erlebt, fällt auch er fast aus allen Wolken. Er ist so befremdet, dass er im Tagebuch sein Missfallen nur knapp ausdrückt:
… aber leider ertönt in dieser eisigen Wüste kein Hosianna. Wie und auf welche Weise dieser Tag, u. überhaupt das Weihnachtsfest hier gefeiert wurde, halte ich nicht für werth in mein Tagebuch einzutragen, wird mir aber mein Leben lang im Andenken bleiben. … konnte aber die ganze Nacht wenig schlafen, wegen dem Lärm u. Specktackel, was von einigen, die zuviel und starck getruncken, die ganze Nacht hindurch verursacht wurde.

Seemaenner beim Feiern
Seemänner beim Feiern – Zeichnung von Georg Cruikshank

Auch ein Jahr später hat das arktische Eis die „Investigator“ noch im Griff. Seit September 1851 ist das Schiff in der Mercy Bay, im Norden von Banks Island, eingefroren. Miertsching ist inzwischen arg vom Heimweh geplagt und hängt Erinnerungen an die Feiern in der Brüdergemeine der Herrnhuter nach, und so ist das Fest an Bord wiederum eine Enttäuschung für ihn:
… Wir haben wieder ein fröhliches Weihnachtsfest gefeiert; aber welche Fröhlichkeit herrschte hier? Keine solche, wo sich ein wahrer Christ mitfreuen könnte; wenn das in England überall so gefeiert wird wie hier und auf andern Schiffen von Engländern, so sollte man doch dieses ein Freß- u. Sauffest nennen.“

Grog aus dem Eimer
Hier wird der Grog im Eimer angerichtet – zeitgenössische Illustration in „Aboard Ship“ von Charles Dickens

Die Hoffnung, die „Investigator“ im Sommer 1852 freizubekommen und zurück nach Europa zu segeln, sollte sich nicht erfüllen. Ein dritter Winter in der Arktis steht bevor, und diesmal ist nicht nur die Kälte, sonder auch der Hunger ein Feind. Die missliche Lage der im arktischen Eis gefangenen Männer hat sich durch den Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und Kerzen deutlich verschärft. Kann das Weihnachtsfest etwas Licht in die Dunkelheit der Polarnacht bringen und den Hoffnungslosen wieder ein wenig Freude bereiten?
Miertsching, obwohl ihm die Sitten und Bräuche der englischen Matrosen noch immer nicht zusagen, springt nahezu über seinem Schatten; er schildert das Fest, das zu Weihnachten 1852 an Bord des Schiffes veranstaltet wird, diesmal fast ohne kritische Worte – und sogar mit etwas Anerkennung für die Bemühungen der Crew:

traditioneller Plum Pudding
Plum Pudding, der traditionelle britische Weihnachtskuchen

Heute ist das fröhliche Weihnachtsfest; – ist es auch für mich fröhlich? – ach es liegt nur an mir selbst daß es nicht so ist wie es sein sollte u. könnte. … Das Unterdeck, die Wohnung der Matrosen, war auf’s geschmackvollste ausgeziert mit Flaggen u. Bildern, – von den Matrosen selbst gemalte u. gezeichnete Scenen unsrer verschiedenen Positionen auf der Reise u. im Eis; u. Fahnen sowie geschriebene Dencksprüche in Reim zierten die Wände; – auf jedem der Tische stand ein großer plum pudding, einen Berg vorstellend, auf welchen die kleinen seidenen von den Matrosen selbst verfertigten engl. Flaggen und Kriegswimpel wehten. Der Proviantmeister hatte gewußt ein viertel Moschusochsen aufzubewahren, dasselbe wurde nun als echt englisches roast Beaf produciert, welches eine unverhoffte Freude und vielen Spaß verursachte. … Es war ein angenehmer vergnügter Tag für jeden auf dem Schiff.“

Schlitten verlassen HMS Investigator
Schlitten verlassen die Investigator – Zeichnung von S.G. Cresswell

Und noch ein weiteres Weihnachtsfest müssen Miertsching und seine Gefährten in der Arktis verbringen. Die im Eis gefangene „Investigator“ hatten sie im Frühjahr 1853 aufgeben müssen, aber vor dem fast schon sicheren Tod auf einem Hungermarsch durch arktische Weiten wurden sie bewahrt: Eine andere britische Schiffsexpedition auf der Suche nach Franklin konnte die Mannschaft retten und aufnehmen.

Wrack der HMS Investigator
Das Wrack der HMS Investigator (1853 im Eis der Arktis verlassen und später gesunken) wurde 2010 wieder gefunden — Foto: Parks Canada

Doch auch die rettenden Schiffe, HMS Resolute und HMS Intrepid, werden vom Wintereis umklammert gehalten. Miertsching ist wie seine Kameraden froh, überlebt zu haben; er hat sich inzwischen an die fremden Weihnachtsbräuche gewöhnt und findet sogar durchweg freundliche, wenn auch knappe Worte:

Weihnachtfeier auf britischem Kriegsschiff
Weihnachtsfeier auf britischem Kriegsschiff, Ende des 19. Jh.

Heute wurde das Heil. Christfest nach englischer Schiffsmanier mit Essen, Trincken u. Fröhligsein verbracht. Roast beef und plum pudding darf an diesen Tage nicht fehlen. Die Matrosen-Wohnungen in beiden Schiffen, waren sehr geschmackvoll mit Flaggen, Bildern und verschiedenen schön geschriebenen Motto’s ausgeziert.
Erst 1854 kann Miertsching das Weihnachtsfest endlich wieder in vertrauten Kreisen in seiner Familie und der Herrnhuter Brüdergemeine verbringen, nachdem er im Oktober 1854 zunächst nach England und von dort Ende November in die Oberlausitz zurückgekehrt war.

Herrnhuter Stern
Herrnhuter Adventsstern

posted by Mechtild Opel

Is it Terrebus or Error? It is HMS Erebus!!!

[2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden!]
Positiv identifiziert von Parks Canada:
Das Anfang September 2014 gefundene Schiffswrack ist HMS Erebus – das Schiff, auf dem 1845 der Expeditionsleiter Sir John Franklin reiste.
Sturm und hohe Wellen machten es den Tauchern schwer. Hier bekommt man eine Vorstellung von dem Wellengang, als Ryan Harris, leitender Unterwasser-Archäologe bei Parks Canada, das HD-Videokamerasystem zu seinem Kollegen Marc-Andre Bernier herabließ, der bereits im Wassser wartete.

Ryan Harris laesst Videosystem zu Wasser
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Bei den sieben Tauchgängen, die im September insgesamt noch möglich waren, bis die Wetter- und Eisbedingungen weitere Arbeiten unmöglich machten, konnten die Archäologen von Parks Canada verschiedene Untersuchungen am Wrack vornehmen.
Auf dem Foto sieht man, wie der Unterwasserarchäologe Filippo Ronca den Durchmesser der Mündung von einer der beiden Kanonen bestimmt, die am Wrack gefunden wurden – sie erwies sich als Sechspfünder.

Filippo Ronca beim Messen
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Obwohl die Taucher das Innere des Schiffes nicht aufgesucht haben, war es doch möglich, durch verschiedene Öffnungen hineinzusehen.
Ryan Harris untersucht ein Oberlicht. Es besteht aus runden Prismenglas in einer Messingfassung und ermöglichte, Tageslicht in den dunklen Raum unter dem Deck zu bringen.

Ryan Harris untersucht Oberlicht
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Ein zeitgenössisches Gemälde zeigt HMS Erebus beim Passieren von Eisbergen.

Erebus_Gemaelde
HMS ‚Erebus‘ passing through the chain of bergs, 1842
painting by Admiral Richard Brydges Beechey


See also Endlich gefunden – ist es Erebus oder Terror and Viel Glück und mündliche Überlieferung as well as the blog about last year’s search Erebus und Terror: Suche nach verlorenen Schiffen in der Arktis.
2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden

posted by Mechtild Opel




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