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HMS Terror: Wrack identifiziert

Unterwasserarchäologen bestätigen Identität des Wracks

Nach dem Fund eines Schiffswracks in der Terror Bay vor King William Island durch die Besatzung der „Martin Bergmann“ (Arctic Research Foundation) haben Archäologen von Parks Canada die Fundstelle aufgesucht.

HMS Terror -Gemaelde Chambers 1837
HMS Terror – Gemälde von George Chambers, 1837

Wie der Unterwasser-Archäologe Ryan Harris in der heutigen Pressekonferenz erklärte, haben schwierige Wetterverhältnisse den Beginn der archäologischen Untersuchungen am Wrack verzögert. Erst am 17.9. konnten lediglich drei Tauchgänge stattfinden, wobei die Sichtverhältnisse unter Wasser wegen der wetterbedingten Aufwirbelungen sehr schlecht waren. Das Deck des Wracks ist nicht nur mit einer Menge von Ablagerungen, sondern auch mit reichhaltigem Bewuchs von Meerespflanzen bedeckt, wie man sie in solch nördlichen Breitengraden kaum erwartet.


Immer noch an Ort und Stelle: ein Belegnagel
Immer noch an Ort und Stelle: ein Belegnagel – Foto: © Parks Canada

Dennoch konnten die Taucher typische Merkmale und Aufbauten britischer Forschungsschiffe des 19. Jahrhundert erkennen, die auch für HMS Erebus und Terror zutreffen. Der Rest der Untersuchungen stützt sich auf Scans mittels eines Seiten-Sonar und eines Fächer-Echolots. Schließlich verglich man die Scans mit dem historischen Archivmaterial, einschließlich der Schiffspläne. Das Ergebnis: Details wie die Anordnung des Bugspriets, der Ort und die Beschaffenheit des Steuers und die Größe der Speigatte belegen, dass es sich tatsächlich um HMS Terror handelt.


Oberlicht der Kapitaenskajuete und Steuerrad
Oberlicht der Kapitänskajüte, Steuerrad von HMS Terror – Foto: © Parks Canada

Nun geht es um den Schutz der Fundstätte von HMS Terror, die Kanadas Regierung mit der Regierung von Nunavut und den zuständigen Organisationen der Inuit erörtern wird – und um die weitere archäologische Erforschung, deren Fortsetzung wohl wieder auf ein winziges Zeitfenster im kurzen arktischen Sommer des kommenden Jahres warten muss.

Intaktes Fenster, aber schlechte Sicht-Blick in Croziers Kabine
Schlechte Lichtverhältnisse erschweren den Blick durch die intakte Fensterscheibe in Kapitän Croziers Kabine – Foto: © Parks Canada

posted by Mechtild Opel

Unglaublich – auch HMS Terror gefunden!

Updated:: Wrack wurde durch Unterwasserarchäologen von Parks Canada positiv identifiziert

Erfolg bei der diesjährigen Forschungsexpedition

Auch das zweite Wrack der Franklin-Expedition liegt weitgehend intakt auf dem Meeresgrund.
Das 1848 verlassene und aufgegebene Schiff wurde außerhalb der bisher bevorzugten Suchregionen von der Mannschaft der „Martin Bergmann“, dem Schiff der kanadischen Arctic Research Foundation, gefunden, nachdem sie einem Hinweis eines Inuk aus Gjoa Haven gefolgt war.

HMS Terror_Zeichung_George_Back
HMS Terror im Eis – von George Back

Von der in den unzugänglichen Regionen der kanadischen Arktis verschollenen und gescheiterten Franklin-Expedtion sind bisher nur wenige aufschlussreiche Relikte gefunden worden. Zunächst waren drei Gräber auf Beechey Island die einzigen Spuren der Expedition.

Grab John Torrington
Grabstein des 20jährigen Matrosen John Torrington, HMS Terror, auf Beechey Island

Aus weiteren Funden auf King Williams Island konnte man schließen, dass die Schiffe Erebus und Terror nordwestlich dieser Insel im Eis eingeschlossen wurden. Vermutlich dort starb auch Franklin. In der Hoffnung auf Rettung kämpften sich Teile der Mannschaft zu Fuß in Richtung Süden. Aber keiner der 129 Seeleute überlebte.
Mehr als 150 Jahre lang haben zahlreiche Forscher und Historiker versucht, aus den wenigen verfügbaren Informationen den Verlauf der Franklin-Expedition und die Gründe des Scheitern zu rekonstruieren, doch das meiste davon liegt noch immer im Bereich der Spekulation. 2014 wurde HMS Erebus viel weiter im Süden vor der Adelaide-Halbinsel gefunden. War das Schiff wieder bemannt und dorthin gesegelt worden?

Bildnis Kapitain Crozier
Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier, Befehlhaber von HMS Terror

Die HMS Terror, die unter dem Kommando von Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier gestanden hatte, wurde nun am 3. September – ganz passend zum Namen des Schiffes – in der Terror Bay gefunden, knapp 100 km südlich der Position, in der sie einst im Eis eingeschlossen war. Weitgehend intakt, mit allen drei Masten noch stehend, ruht sie in 24 Meter Tiefe. War auch dieses Schiff wieder bemannt worden?

Karte King Williams Island, Auschnitt mit der Terror-Bay
Karte von King Williams Island, Auschnitt mit der Terror-Bay

An der diesjährigen „Mission Erebus and Terror 2016“ in verschiedenen Gebieten des kanadischen arktischen Archipels, die aufgrund der Eisbedingungen immer nur am Ende des Sommers stattfinden kann, sind neben der privaten gemeinnützigen Arctic Research Foundation mit dem Schiff Martin Bergmann und der Regierungsbehörde Parks Canada mit dem Forschungsboot Investigator auch der Eisbrecher Sir Wilfrid Laurier der Canadian Coast Guard und HMCS Shawinigan der Royal Canadian Navy beteiligt. Wäre doch eigentlich nett, wenn den Findern die vor 170 Jahren ausgelobte Summe von 10.000 Britischen Pfund zustehen würde!

Ausgelobte Belohnung fuer die Auffindung Franklins oder seiner Schiffe
Ausgelobte Belohnung für die Auffindung Franklins oder seiner Schiffe

posted by Mechtild Opel

Schokolade in der Arktis

English version here.

Kann man verhungern, wenn noch Schokolade da ist?

Die Funde am „Boat’s Place“ an der Erebus Bay auf King William Island und ihre Interpretationen bilden eines der vielen ungelösten Rätsel der verschollenen Franklin-Expedition. Während McClintocks Suche nach Spuren von Franklins Männern wurde bei einer Landexpedition unter Leutnant Hobson am 24. Mai 1859 ein unter der Schneedecke begrabenes Boot entdeckt, das auf einem Transportschlitten ruhte. Hobson legte das Boot frei. Er fand zwei menschliche Skelette und erstellte einen genauen Bericht über die Gegenstände, die sich im Boot befanden.

Auffindung des Bootes
Auffindung des Bootes – Abbildung aus der „Gartenlaube“, 1860

Sechs Tage später erreichte Kapitän McClintock den gleichen Ort. In seinem Bericht weist er, der sich viel mit der Optimierung von Lastschlitten auf Arktistouren beschäftigt hatte, auf das seiner Meinung nach „tote Gewicht“ der seltsamen Schlittenladung hin. An Lebensmitteln fanden sich noch ein Rest Tee – und etwa 40 Pfund Schokolade.

Gedenkstein fuer McClintock
Gedenkstein für McClintock an der Bellot Strait, gestiftet von seiner Familie

Es stellt sich die Frage: Kann man Hungers sterben, wenn man 40 Pfund Schokolade zur Verfügung hat? Offenbar ja.
Es handelte sich hierbei nicht etwa um zartschmelzend-cremige Milchschokolade, sondern um ein damals „Cocoa“ oder „ship’s chocolate“ genanntes Produkt. Geröstete Kakaobohnen wurden zerkleinert; dabei wurde Kakaobutter freigesetzt, so dass kein trockenes Pulver entstand, sondern ein Paste, die durch Abkühlung zu einem „Kuchen“ wurde. Nachdem Johannes van Houten 1828 ein Verfahren entwickelt hatte, der gemahlenen Masse Kakaobutter zu entziehen und anschließend wieder zuzusetzen, konnte die Masse – möglicherweise unter Zusatz von etwas Stärke aus Sago – zu kompakten Stücken gepresst werden.

Kakaobohnen
Kakaobohnen – Foto: Frank_Wouters, Wikipedia

Solche harten „Kuchen“ gehörte zu den übliche Rationen für Arktisexpeditionen, denn daraus ließ sich ein stärkendes Heißgetränk herstellen – in einer Zeit, da Kaffee für die Expeditionsteilnehmer noch kein Standardgetränk war! Damit konnte übrigens auch unangenehm schmeckendes Wasser aus den Schiffstanks trinkbarer gemacht – und dadurch Rum gespart werden. Wohl schon ab 1780 hatte die Britische Regierung regelmäßig festen „Cocoa“ von der Firma J.S. Fry & Sons als Standard-Schokoladenration für Seeleute geordert.

Frys_Cocoa
Werbung für Fry’s Pure Concentrated Cocoa – Abbildung: Wellcome Images

Johann August Miertsching, der von 1850 bis 1854 an einer Expedition zur Suche nach Franklin teilnahm, hat an Bord der HMS Investigator ebenfalls regelmäßig „Cocoa“ getrunken, den es morgens zum Frühstück gab – abends hingegen wurde Tee bereitet. Kaffee gab es nur ganz zu Anfang der Expedition zu besonderen Anlässen.

Johann August Miertsching
Johann August Miertsching

Miertsching, der mit seinen Kameraden 1853 die ebenfalls im Eis eingeschlosssene HMS Investigator verlassen und zu Fuß über Eis und Land wandern musste, beschreibt die schmale Tagesration für die ebenfalls bereits hungernden Männer: „1 Pfd. Schiffszwieback, 3/4 Pfund Fleisch u. 2 Loth Cacao nebst 1 Loth Zucker, und ½ gill Rum zum Grog. – Das Fleisch wird kalt u. natürlich hart gefroren verzehrt. Der geriebene Cacao u. Zucker wird mit Eis oder Schnee in einen Kessel gethan, u. über einer Spiritus-Lampe gekocht. “ (15. April 1853).

Kakao-Pulver
Pulverisierter Kakao – Foto: Blair, Wikipedia

Cocoa, gerieben und mit Zucker und Wasser zu einem Heißgetränk bereitet, war also etwas zum Aufwärmen und lieferte durch Kakaobutter und zugesetzten Zucker auch ein wenig Energie. Die hart gefrorene, recht bittere kompakte Masse, die am boat place gefunden wurde, taugte jedoch keineswegs dazu, die ausgehungerten Männer der Franklin-Expedition vor dem Hungertod zu bewahren. Dazu kommt: Bei der Einnahme größerer Mengen des Lebensmittels im festen Zustand hätten die Männer ganz sicher unter Verstopfung zu leiden gehabt.

Im Arktischen Eis
Im Eis der Arktis

In Miertschings Reisetagebuch kann man auch lesen, was zur üblichen Ladung einer „Schlittengesellschaft“ von 9 Personen auf einer Expedition über Land oder Eis gehört. Ein Großteil der von Hobson am „Boat Place“ vorgefundenen Gegenstände findet sich denn auch in Miertschings Auflistung: „…Bürste zum Beseitigen des Schnees von Zelt und Kleidern, Stiefelsohlen, Wachs, Borsten, Schuhmacherdraht, Nägel, Ahle, … nebst Seife, Handtüchern, Kämmen u.s.w. … Pfeffer, Saltz, Feuerzeug, Cotton u. Flanellbinden, Pflaster, … Augenwasser, Pillen u.s.w., Lancete, Opium Tincktur, Scheere, Nadeln u. Zwirn; … Das ganze Gewicht so einer Schlittenladung auf 42 Tage beträgt über 1000 Pfund.“ (17. April 1851).

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Es wurde viel darüber spekuliert, ob die Männer der Franklin-Expedition das Richtige taten, als sie die im Eis eingeschlossenen Schiffe aufgaben und in Richtung Süden zogen, um dadurch vielleicht zu überleben und mögliche Rettung zu finden. Besondere Zweifel daran, ob ihr Tun sinnvoll sei, ergaben sich aus den vielen scheinbar „unnützen“ Dingen, die die Ausgehungerten und Entkräfteten auf dem überladenen Schlitten mit dem schweren Boot über Land zogen. Aus den in Hobsons Bericht erwähnten Dingen hob man insbesondere Silberbesteck, Siegelring und Siegellack, eine goldene Kordel, Bücher, goldene Uhren, Seife, Kämme, Bürsten und Nadeln hervor. Waren diese Männer so töricht – oder gar geistig verwirrt?

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Abgesehen davon, dass diese Uhren in Wirklichkeit nicht golden, sondern lediglich in Silber eingefasst waren, stellt sich bei der Betrachtung aus heutiger Sicht heraus, dass sich in der Schlittenlast von Franklins Männern durchaus sehr viele nützliche und praktische Dinge befanden – Kompass, Messer, Streichhölzer, Schusterahle, gewachstes Garn, diverses Werkzeug, Handschuhe, Schneebrillen, Puverfläschchen (vermutlich mit Medikamenten), Halstücher, Gewehr und Munition, Angelschnur, Nähzeug, Scheren, dazu Nähnadel-Sets. Was man davon für die Wanderung nach Süden nicht selbst benötigte, hätte sich möglicherweise auch ganz gut als Tauschartikel einsetzen lassen, um dafür Lebensmittel erhalten, falls man auf Inuit traf.

McClintock_Cairn
McClintock Cairn, Fort Ross

Unter den Fundstücken befanden sich auch einige Bücher. Man kann darüber streiten, wie lebensnotwendig Bücher für von Kälte und Hunger geplagte Menschen sind. Wer kann schon beurteilen, welchen Wert ein Buch für Verzweifelte haben kann, um daraus Trost zu schöpfen, oder den Mut, noch nicht aufzugeben? Wie wichtig kann es für den Zusammenhalt von Menschen in äußerster Not sein, wenn jemand den anderen etwas aus einem Buch vorliest, oder wenn sie gemeinsam singen? Auch darüber lässt sich im Reisetagebuch Miertschings, der übrigens genau heute vor 199 Jahren geboren wurde, etwas erfahren.

posted by Mechtild Opel

Wanted! Gemälde gesucht!

Julius von Payers vermisster Zyklus zur Franklin-Expedition

Weite Bereiche der Arktis sind Ende Juni noch immer dicht mit Meereis bedeckt. Es ist viel zu früh für die Unterwasserarchäologen von Parks Canada, in die Arktis zu dem 2014 gefundenen Wrack von HMS Erebus und zur Suche nach der noch immer vermissten HMS Terror zurückzukehren.

Die Umrisse von HMS Erebus auf dem Monitor des Seitensonars
Die Umrisse von HMS Erebus auf dem Monitor des Seitensonars – © Parks Canada

Bevor wieder aktuellen Nachrichten zu den Schiffen die Medien beherrschen, soll auf ein ungeklärtes Phänomen aufmerksam gemacht werden: Das Verschwinden der Franklin-Gemälde von Julius von Payer.

Der Franklin-Zyklus
Payer war bereits ein berühmter Kartograf und Arktisforscher, als er sich entschloss, Kunstmaler zu werden. Dabei war es ihm von Beginn an ein Anliegen, das fast spurlose Verschwinden der Franklin-Expedition bildlich zu gestalten. Er konzipierte einen Zyklus von vier (oder fünf?) Monumentalgemälden mit den Arbeitstiteln:
Der Tod Franklins (Death of Franklin) 1889
Das Verlassen der Schiffe (Abandoning vessels) 1885
Gottesdienst auf dem Eis (Bible reading) 1888
Die Bai des Todes (Starvation Cove) 1883

Franklins Tod, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax“ /><br />
<font size= Franklins Tod, Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Ein angedachtes fünftes Gemälde sollte wohl das Auffinden von Überresten der Franklin-Expedition durch Francis Leopold McClintock im Jahr 1859 darstellen.

Gottesdienst auf dem Eis
Gottesdienst auf dem Eis, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Julius von Payer studierte an verschiedenen Kunstschulen und in Ateliers berühmter Maler. Er reiste mindestens zwei Mal nach London, um Skizzen und Studien für seine geplanten Gemälde anzufertigen. Auf einer Werft in Chatham besichtigte er Schiffe, die baugleich zu Erebus und Terror waren. Er besuchte Museen in Greenwich, studierte das Franklin-Denkmal am Waterloo Place in London und erhielt ein Kopfrelief von Kapitän Fitzjames von der HMS Erebus. Sophia Cracroft, Franklins Nichte, stellte Fotos von Kaptän Crozier von HMS Terror und anderen Seeleuten zur Verfügung. Von Frederick Schwatka, Leiter einer amerikanischen Suchexpedition, erhielt er eine Skizze von Starvation Cove, dem Fundort von Leichen und Überresten der Franklin-Expedition.

Taucher am Wrack von HMS Erebus - Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Erebus – Parks Canada – © Parks Canada

Bestens vorbereitet, malte Payer zunächst „Die Bay des Todes“, das ab 1883 mit viel Erfolg in Galerien europäischer Städten gezeigt wurde, überall großes Aufsehen erregte und mit Auszeichnungen dekoriert wurde. Leider konnte bis heute keine Abbildung dieses Gemäldes nachgewiesen werden. Die weiteren Gemälde folgten, und alle vier wurden 1896 in der Londoner Grafton Gallery ausgestellt. Dann verliert sich ihre Spur.

Das Verlassen des Schiffs
Das Verlassen des Schiffs, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Da Fotografie und Reproduktionstechnik zu der Zeit noch in den Kinderschuhen steckten, sind keine Reproduktionen dieser Gemälde bekannt. Es existieren heute nur noch Skizzen und Studien zu einigen dieser Gemälde. Der Zyklus wurde vermutlich komplett oder in Teilen nach USA verkauft. Payer malte dann 1897 eine zweite Variante der „Bai des Todes“, die heute in einem Prager Institut hängt.

Bai des Todes - Version von 1897
Bai des Todes – Version von 1897 im Geophysikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften zu Prag

Es gibt Hinweise, dass sich alle oder ein Teil der verschwundenen Gemälde noch bis nach dem zweiten Weltkrieg im Besitz der belgischen Sammler-Familie O‘Meara in Brüssel befunden haben. Durch das Auffinden des Wracks der HMS Erebus ist das Interesse natürlich groß, auch den Verbleib der Gemälde Payers aufzuklären. Immer wieder tauchen Studien und Varianten zu den Gemälden auf. Sie werden auf Ausstellungen in Wien (1973), Prag (2006) und in Teplice (2011 und 2015) gezeigt. Nur die Originale bleiben verschwunden.

Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde
Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde. Foto: Radek Svítil

Unklar ist auch, ob die 1973 in Wien ausgestellte Reproduktion von „Bai des Todes“ aus der Sammlung Dr. Felizitas Haindl die Version von 1883 oder von 1897 zeigte. Leider gibt es laut Aussage der Österreichischen Nationalbibliothek keine Reproduktion der Reproduktion mehr. Vermutlich war die Entwicklung der modernen Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Schuld“ am Vergessen der monumentalen Franklin-Gemälde von Payer. Der Kunstmarkt und das Interesse der Sammler hatte sich längst anderen Malern wie Cezanne, Picasso, Matisse oder den deutschen Expressionisten zugewandt.

Bai des Todes – vermutlich Studie von 1882 für das große Gemälde
Bai des Todes – vermutlich Studie für das große Gemälde, Sparkasse Teplice

Paintings wanted!
Doch wir (siehe auch Radek Svítil, Franklinova expedice) lassen nicht locker! Wer weiß etwas über den Verbleib der monumentalen Franklin-Gemälde von Julius von Payer?
Wesentlicher Unterschied zwischen den Varianten der „Bai des Todes“ von 1883 und 1897 ist übrigens eine zusätzlich im linken Teil des 1897er Gemälde aufgenommene Figur. Interessant dabei: Sie erinnert irgendwie an die Darstellung Frederick Schwatkas von Heinrich Wenzel Klutschak, einem der Teilnehmer der Schwatka-Expedition, der wie Payer aus Österreich stammte.

Frederick Schwatka
Frederick Schwatka, dargestellt von Heinrich W. Klutschak

posted by Wolfgang Opel
Siehe auch unser Blog Julius von Payer, Entdecker und Maler

Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten an Hall
Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Erebus und Terror verlassen England
Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Sir John Franklin-Portraet_rechts_von Kristina Gehrmann
Porträt von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart_ Obduktion
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

Nordwestpassage - Faktisches
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

posted by Mechtild Opel




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