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Kanada – 150 plus! Weit mehr als 150 Jahre Geschichte

In diesem Jahr feiert Kanada den 150. Jahrestag der Konföderation, des Staatsgebildes Kanada. Nicht alle Kanadier sehen den Festlichkeiten mit ungetrübter Freude entgegen – denn für die indigenen Völker Kanadas, die First Nations, Inuit, und die Métis, steht der Jahrestag der Staatsgründung auch für die vor etwa 150 Jahren nochmals verstärkt einsetzende Kolonisation.

Denkmal für Anne und Joe Henry Dempster Highway
Heritage Site der Tr‘ondëk Hwëch‘in First Nation – Denkmal für Joe und
Annie Henry am Dempster Highway, Yukon


Haida Heritage Centre in Skidegate
Haida Heritage Centre, Ḵay Llnagaay, Skidegate, Haida Gwaii, British Columbia

Die Geschichte der Ureinwohner im heutigen Kanada begann vor mindestens 12.000 Jahren – oder waren es gar 24.000? – als Völker aus Asien den amerikanischen Kontinent erreichten.

Beothuk_Centre_NL
Im Beothuk Interpretation Centre, Boyd’s Cove, Newfoundland

Hier lebten, bevor seit dem 17. Jahrhundert Franzosen und Briten das heute kanadische Territorium besiedelten, wahrscheinlich ca. 350.000 Menschen, die 50 verschiedene Sprachen verwendeten.

Mackenzie Hotel Inuvik mit Inukshuk
Ein Inukshuk (traditionelles Steinmal der Inuit) in Inuvik, Northwest Territories

Whetung Ojibwa Centre in Ontario
Das Whetung Ojibwa Centre, Curve Lake First Nation, Ontario

Die Erschließung des Landes durch die europäischen Siedler hatte gravierende Folgen für die Ureinwohner. Wegen Überjagung nahmen die Wildbestände ab, die Ureinwohner wurden abhängig von Handelsgütern – außer Lebensmitteln, Werkzeug, Waffen und Munition leider auch Alkohol, mit verheerenden Folgen. Sie lernten Schulden, Hunger und Elend kennen. Epidemien wie Tuberkulose, Masern und Pocken rafften einen großen Teil der indigenen Bevölkerung dahin; ganze Dörfer mussten aufgegeben werden.

Continuing Care Centre Kainai
Continuing Care Centre, Blood Tribe, Kainai First Nation, Stand Off, Alberta – Foto: © Geneviève Susemihl

Christliche Missionierung verstärkte den kulturellen Wandel, der durch die veränderte Lebensweise eingesetzt hatte.

Millbrook Cultural & Heritage Centre, Nova Scotia
Glooscap-Monument vor dem Millbrook Cultural & Heritage Centre bei Truro, Nova Scotia

The Forks Meeting Place, Winnipeg
Seit 6000 Jahren ein Treffpunkt: The Forks im Zentrum von Winnipeg

Um die Ressourcen des Landes für Ackerbau, Viehzucht und Industrie zu übernehmen und mittels Eisenbahnen zu erschließen, handelte die föderale Regierung Kanadas im 19. Jahrhundert Verträge mit den First Nations zu Landabtretung und zu ihrer Ansiedlung in Reservaten aus, wo sie „zivilisiert“ und assimiliert werden sollten. Als Gegenleistung wurden jährliche Geldzahlungen und die Sorge für Schulen, Ausbildung und wirtschaftliche Entwicklung zugesagt – ein nur unzureichend erfülltes Versprechen, was bis heute große Probleme nach sich zieht. In manchen Reservaten erinnern die Lebensbedingungen – von der Trinkwasserversorgung über die Wohnungssituation bis hin zum Zustand der Schulen – an die dritte Welt und entsprechen keineswegs den Standards im übrigen Kanada.

Camp Ashini Quebec
Camp Ashini – ein traditionelles Innu-Camp an der Côte-Nord, St. Lorenz-Strom, Quebec

Seit dem Indian Act von 1876 betrieb man über 100 Jahre lang eine Politik der kulturellen Assimilierung, die auf das Verschwinden der indigenen Sprachen, Lebensweise, religiösen Auffassungen und damit der gesamten Kultur zielte. Fast ebenso lange wurden Kinder der Ureinwohner zwangsweise von ihren Familien entfernt und in zumeist kirchlich geleitete residential schools (Internatsschulen) verbracht, wo sie häufig auch psychischen, physischen Misshandlungen und manchmal sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Das führte zu Entwurzelung, Traumatisierung und gebrochenen Lebensläufen mehrerer Generationen. Die Nachwirkungen – Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt – belasten die Entwicklungsmöglichkeiten, vor allem die der Kinder, bis heute.

Pabineau Falls, New Brunswick
Stromschnellen (Pabineau Falls) im Oasapegel Heritage Park – Pabineau First Nation, New Brunswick

Seit den 1980er Jahren entstanden bei den First Nations und den Inuit politische Bewegungen zur Rückbesinnung auf kulturelle Werte, zum Retten und Wiedererlernen der eigenen Sprache und Traditionen und zur Selbstbestimmung. In jüngster Zeit benutzen vor allem junge, gut ausgebildete Angehörige der First Nations und Inuit das Schlagwort „Dekolonisation“, um grundlegende Rechte und Chancen für ihre Völker einzufordern.

Lennox Island Cultural Centre, PEI
Im Cultural Centre – Lennox Island First Nation, Prince Edward Island

Als Tourist hat man in allen Provinzen und Territorien Gelegenheit, sich auch über das „Kanada 150plus“ zu informieren – das Kanada der First Nations, Inuit und Métis.

Inukshuk bei Cape Dorset, Nunavut
Inukshuk – Wegzeichen nahe der Inuit-Siedlung Cape Dorset, Nunavut

Wanuskewin Heritage Park
6000 Jahre alt sind die archäologischen Funde im Wanuskewin Heritage Park bei Saskatoon, Saskatchewan – Foto: Wikipedia, Canadian2006

Siehe auch meine Artikel „150 oder 12.000 Jahre? Aus der Geschichte Kanadas“ sowie „Ahornblatt und Medicare. Bemerkungen zu Politik und Gesellschaft“, die im Heft 2/2017 des Magazins 360° Kanada erschienen sind – und natürlich unser „Kanada-Lesebuch“ (MANA-Verlag).

posted by Mechtild Opel

Angry Inuk – Alethea Arnaquq-Barils neuer Dokumentarfilm

Als ich diesen bewegenden Film letztes Jahr im September beim Atlantik Film Festival in Halifax sah, dachte ich: der muss unbedingt in Europa gezeigt werden!

Filmplakat Angry Inuk
Das Plakat für den Film „Angry Inuk“

Die BERLINALE mit dem NATIVe Programm, das in diesem Jahr auf die arktischen Regionen fokussierte, hat diesen Wunsch verwirklicht.

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NATIVe im Cinestar IMAX, Berlinale 2017

Die Jagd auf Robben ist ein kontroverses Thema, das seit Jahrzehnten in öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Bilder von den niedlichen weißen Kegelrobben-Babys, die ganz traurig gucken, und darüber, wie die arglosen Tierchen auf den Eisschollen des St.- Lorenz-Golfs erschlagen wurden, haben viele Europäer schon ziemlich oft gesehen, und diese Bilder tauchen immer wieder auf. Dafür sorgen die bekannten Tierschutzorganisationen, in deren Kampagnen und Spendenaufrufen gerade die Robbenjagd eine große Rolle spielt (obgleich die Jagd auf diese niedlichen Robben-Babys schon seit Jahrzehnten verboten ist und Robben im Nordatlantik nicht zu den bedrohten Tierarten gehören!).

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Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis

Bilder von deutschen Schlachthöfen, davon, wie man dort mit den Schweinen, Kälbchen und Rindern umgeht, sind hingegen so gut wie gar nicht präsent im öffentlichen Bewusstsein. Dabei wird dort – pro Tag! – ein Vielfaches der Tiere, die in der Arktis im ganzen Jahr erlegt werden, getötet – abgeschlachtet! Und das passiert bei uns quasi vor der Haustür, nicht in einer fernen Region. Und – aber? – auch viel näher am eigenen Magen.


Alethea Arnaquq-Baril
Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film

In dem berührenden Film der mutigen kanadischen Alethea Arnaquq-Baril, einer jungen Inuit-Mutter, sieht man unter anderem ihr engagiertes Bemühen – das leider vergeblich bleibt – mit Vertretern verschiedener Tierschutzorganisationen in Kontakt und in Dialog zu kommen. Deren Aktivitäten haben nämlich bewirkt, dass durch ein EU-Einfuhrverbot der Markt für Robbenfelle und damit eine wichtige Erwerbsquelle für die Inuit zusammengebrochen ist. Übrigens eine nachhaltige – denn der Robbenbestand in der Arktis ist nicht gefährdet.

Fell einer Ringelrobbe
Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgepannt

Im Hohen Norden lebt man völlig anders als bei uns, wie der Film schon in der ersten Szene zeigt. Die Jagd ist dort Bestandteil des alltäglichen Lebens der Inuit. In bewundernswerter Weise verstehen sie seit Jahrhunderten, die wenigen vorhandenen Ressourcen in einer äußerst kargen Umwelt zu nutzen, in der von September bis Mai Winter ist, in der kein Getreide, kein Gemüse wachsen kann. Robbenfleisch ist das Grundnahrungsmittel für diejenigen Inuit, die an der Küste leben – d.h. für fast alle.

Lebensmittelkosten in der Arktis
Preise für Lebensmittel im Supermarkt in der kanadischen Arktis – Beispiele 2,5 kg Mehl 15$, 1,4 kg Reis 24$, ein Kopf Blumenkohl 12$, 6 Äpfel für 10$, 1,3 kg Fleisch für 73$

Heute leben Inuit in Siedlungen, müssen Miete, Steuern und ihre Rechnungen bezahlen, benötigen also Einkommen. Noch immer ist die Mehrheit der Inuit in der kanadischen Arktis auf die Jagd angewiesen. Wer einmal dort im örtlichen Supermarkt die Produkte und die Preise gesehen hat, weiß, dass Jagd nicht nur Bestandteil der Kultur, nicht nur normale Erwerbsarbeit ist, sondern für die Mehrheit der Arktisbewohner einfach auch überlebensnotwendig. Um den Hunger zu stillen! Wild findet man nur in größerer Entfernung von den Siedlungen, das Benzin für das Schneemobil, das Boot muss bezahlt werden. Der Verkauf der Robbenfelle und -Produkte trägt in unverzichtbarer Weise zum Lebensunterhalt bei.

Fellstiefel
Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefel

Gäbe es Alternativen, um den Lebensunterhalt zu verdienen? Im Hohen Norden Kanadas liegen Rohstoffe, wie Uran und Erdöl. Ihre massive Förderung bedeutet die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis. Der Film macht deutlich, dass die Inuit-Aktivisten ihre Umwelt für sich, ihre Kinder und ihre Enkel bewahren, die arktische Tierwelt und die grandiose Landschaft schützen wollen. Sie fühlen, dass sie mit Greenpeace und den Tierschutzorganisationen auf einer Seite sitzen sollten anstatt Zielscheibe ihrer Kampagnen zu sein – oder von ihnen ignoriert zu werden. Die eigentlichen Gegner? Diejenigen, die die Inuit zur Zustimmung bewegen wollen, für kurzzeitigen „Wohlstand“ die Rohstoff-Ressourcen auszubeuten, ihre nachhaltige Lebensweise aufzugeben und irreversible Eingriffe in die Natur zu gestatten.

Aaju Peter
Mit im Film: Aaju Peter, Designerin für Fellkleidung und Aktivistin für Inuit-Rechte

Die Inuit, ihrer kulturellen Tradition gemäß, zeigen sich normalerweise nicht „angry“ – im Sinne von lautem, lärmenden Protest. Sie bevorzugen es, höflich, bescheiden und mit nachvollziehbarer Argumentation auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Ob so ihre Stimme gehört wird? Dass Angry Inuk kürzlich beim Santa Barbara Film Festival mit dem „Social Justice Award“ geehrt wurde, gibt Hoffnung; man wünscht sich, dass der Film nicht nur vor Tierschutzorganisationen, sondern auch vor dem Europäischen Parlament gezeigt wird – und dass das dort beschlossene Einfuhrverbot für Robbenprodukte aufgehoben wird.

posted by Mechtild Opel

Tanya Tagaq – aus der Arktis nach Berlin

Mit einem grandiosen Konzert eröffnete Tanya Tagaq, eine Inuk aus Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay) in der kanadischen Arktis, das CTM-Festival in Berlin, das in diesem Jahr unter dem Motto „Fear – Anger – Love“ steht.

Tanya Tagaq beim CTM-Eröffnungskonzert
Die wunderbare Tanya Tagaq

Cambridge Bay
Cambridge Bay, Inuit-Gemeinde auf Victoria Island

Gemeinsam mit ihren musikalischen Partnern, dem Geiger Jesse Zubot und dem Schlagzeuger Jean Martin, begeisterte die Vokalistin das Publikum mit einer eindringlichen und bewegenden Performance.

Jean Martin und Tanya Tagaq
Jean Martin mit Tanya Tagaq

Jesse Zubot
Jesse Zubot an der Violine

Tanya Tagaqs Musik hat seine Wurzeln im Throat Singing der Inuit und ist heute im weiten Umfeld der Improvisierten Musik angesiedelt.

Fear - Anger - Love

Tanya Tagaq

Ihre Performance ist nur schwer mit Worten zu beschreiben, man muss sie einfach erleben.
Mit einer unglaublich variablen Stimme und viel Körpereinsatz entführt sie in die den meisten verschlossene Welt der Inuit, der arktischen Landschaft und der Tierwelt.

Tanya Tagaq im Konzert

Tanya Tagaq im Konzert

Die selbstbewusste, welterfahrene Tanya Tagaq studierte zunächst Kunst in Halifax; nun ist sie seit über 10 Jahren auf den Bühnen der Welt zu Hause. Gerade erschienen ist ihre vierte CD Retribution.

Tanya Tagaq im Konzert

Sie trat nicht nur dem mit Kronos Quartett und mit Björk auf, sondern auch mit der hierzulande zu Unrecht noch unbekannten kanadischen First Nations Elektronik-Band „A Tribe Called Red“, die Hip-Hop, Reggae, Electro House und traditionelle Rhythmen und Gesänge der Ureinwohner zusammenführt.

Recht auf traditionelle Jagd
Die Inuit kämpfen für ihre Kultur, zu der auch die Jagd gehört; für manche der einzige Weg, ihre Familie zu ernähren

Bei ihrer Biografie verwundert es nicht, dass sich Tanya Tagaq für die Rechte der Arktisbewohner einsetzt und darüber hinaus Feministin, Umwelt- und Bürgerrechtsaktivistin ist.

Tanya Tagaq

In Kürze wird man sie auf der Berlinale im Kurzfilm Tungijuq erleben können.

posted by Wolfgang Opel

Unterwegs am Rand der Welt: Haida Gwaii

Geneviève Susemihls Buch „Bären, Lachse, Totempfähle“

Wir hatten Haida Gwaii (bis 2010 bekannt unter dem kolonialen Namen Queen Charlotte Islands) vor einigen Jahren selbst besucht – darum waren wir auf dieses Buch besonders gespannt. Nicht nur ihre einmaligen Natur – Stichwort: nördlichster Regenwald der Erde mit den größten Schwarzbären weltweit – sondern auch durch die faszinierende Kultur der Haida – Stichwort: Totempfähle und Potlatch – macht diese seit über 12.000 Jahren bewohnten Inseln so interessant.

Bären, Lachse, Totempfähle
Bären, Lachse, Totempfähle – das neue Buch von Geneviève Susemihl

Die Autorin versteht es, ihre unmittelbaren Reiseeindrücke und -erlebnisse mit profunder Sachkenntnis zu verbinden. Mit ihrer lebendigen Erzählweise nimmt sie den Leser mit auf ihren Weg – vom Abschied von ihrer Familie in Mecklenburg, auf ihren Flug und zunächst zur Zwischenstation in Vancouver. Hier lernt man nicht nur ihre Freunde vor Ort kennen, sondern besucht mit ihr auch Bibliothek und Museen – und lernt damit zeitgenössische Skulpturen kennen und erfährt eine Menge über die traditionelle Gesellschaft der Haida, mit den beiden Abstammungslinien „Eagle“ und Raven“ und sehr komplexe Gesellschaftsstrukturen mit Clans, Chiefs und matrilinearer Erbfolge – und auch, was die berühmten totem poles zu erzählen haben.

Skulptur Frog Constellation von James Hart
Skulptur Frog Constellation von James Hart – Foto: © Geneviève Susemihl

Dass nicht immer alle Pläne aufgehen, weiß jeder, der sich auf Fernreisen abseits der ausgetretenen Pfade begibt. Das Wetter, die Jahreszeit und andere Gegebenheiten vor Ort machen auch der Autorin zu schaffen, als sie Haida Gwaii erreicht. Man kann förmlich mit ihr mitfiebern, ob sie ihre Ziele, wie etwa den Gwaii Hanaas Nationalpark, erreichen wird, und man kann sich mit ihr über ganz außergewöhnliche Begegnungen freuen.

Skedans - Baum umarmt umgestürzten Totempfahl
Im aufgegebenen Dorf Skedans – Baum umarmt umgestürzten Totempfahl –
Foto: © Geneviève Susemihl


Geneviève Susemihl nimmt uns mit auf ihre Spurensuche auf den weitläufigen Inseln, auch an Orte, zu denen keine Straßen führen. Dieses Buch wird den Naturliebhaber erfreuen, denn er findet darin, was üblicherweise bei Reiseberichten viel zu kurz kommt – fast alles über Tier- und Pflanzenwelt der Insel und des umgebenden Meeres, und selbst die geographischen und geologischen Eigenheiten des abgelegensten Archipels Nordamerikas am Rand der Kontinentalplatte werden vorgestellt. Wer beispielsweise schon immer wissen wollte, wie wichtig die Kelpwälder im Ozean sind, bekommt diese Information hier so ganz nebenbei, wenn während einer spannenden Bootsfahrt über die putzigen Seeotter berichtet wird, die einst wegen ihrer Pelze schonungslos gejagt und dabei fast ausgerottet wurden.

Im nördlichen Regenwald
Im nördlichen Regenwald: mächtige Zeder – Foto: © Geneviève Susemihl

Auf ihren Spaziergängen beobachtet die Autorin Raven, den Trickster; auf einer abenteuerlichen Wanderung ganz allein in der Wildnis wird uns Taan, den Herr des Waldes, vorgestellt – Gelegenheiten, uns die Mythologie der Haida wie auch aktuelle Konflikte nahezubringen. Hierzu gehören die umstrittene Trophäenjagd wie auch die skrupellose Abholzung des Regenwaldes mit ihren Folgen für Waldgesundheit und Lachsflüsse, sowie der Kampf der Haida um Schutzgebiete, um nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen des Landes und um ihre Teilhabe und Selbstbestimmung.

Zweisprachiges Strassenschild in Skidegate
Zweisprachiges Strassenschild im Haida-Dorf Skidegate –
Foto: © Geneviève Susemihl


In einer gelungenen Kombination von Geschichtswissen und eigener Anschauung macht das Buch deutlich, wie die Kultur der Haida der Kolonisierung getrotzt, in vielen Teilen überlebt hat und eine Erneuerung erfährt.
Viele Farbfotos, eine Übersichtskarte, praktische Reisehinweise sowie eine Liste mit weiterführender Literatur ergänzen das handliche, 284 Seiten starke Buch. Eine absolute Empfehlung für alle, die sich für die landschaftlich und kulturell so reizvolle Region an der Pazifikküste Kanadas und für die First Nations damals wie heute interessieren.

Kunstgalerie im Haida-Dorf Old Massett
Kunstgalerie und Totempfahl im Haida-Dorf Old Massett –
Foto: © Geneviève Susemihl


Das Buch „Bären, Lachse, Totempfähle“ von Geneviève Susemihl ist 2016 erschienen bei: traveldiary Verlag / 360° medien mettmann

posted by Mechtild Opel

Bären auf Kamtschatka Teil II – Jagd gestern und heute

Schwarze Bären … hat man auf ganz Kamtschatka in unbeschreiblicher Menge, und sieht man solche Heerdenweise auf denen Feldern umher schweifen. Im Frühjahr kommen sie haufenweise von den Quellen der Flüsse aus denen Gebürgen, wohin sie sich in Herbste der Nahrung wegen begeben, um daselbst zu überwintern.“ Solche Sätze und mehr finden wir bei Georg Wilhelm Steller, der 1739-1746 auf Kamtschatka war.
Die Itelmenen – eines der indigenen Völker auf Kamtschatka – erlegten die Bären mit Speeren, nachdem sie Fallgruben ausgehoben und mit einer Grasdecke überzogen hatten. Im Winter suchten sie die Bären in ihren Höhlen auf, wohin diese sich zur Winterruhe zurückzogen (Bären senken ihren Blutkreislauf auf ein Minimum). Die Itelmenen stießen mit Speeren durch die Erdhöhle.

Aufgespannte Baerenfelle, mit Salz eingerieben
Aufgespannte Bärenfelle, mit Salz eingerieben – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bären haben ausgetretene Pfade, die sie immer wieder benutzen, und dort werden Schlingen aufgestellt. Eine Fangmethode, die bis noch heute üblich ist. In einer Jagdhütte fand ich den Schädel eines so gefangenen Bären. Die Zähne waren stark abgenutzt, als der Bär sich von der Metallschlinge befreien wollte – ein hoffnungsloses Unterfangen.
Steller schreibt weiter: „Sie kommen an die Mündung derer Flüsse, stehen an den Ufern, fangen Fische und werfen sie nach dem Ufer und fressen sie zu der Zeit, wenn die Fische im Überflusse sind, nach Art der Hunde, nicht mehr von ihnen als den Kopf.“ Eine Beobachtung, die auch ich bei Raubtieren machte: oft bleibt das Fleisch liegen, und es fehlen die Köpfe.

Steller-Titelbild
Stellers Buch über Kamtschatka

Die nachfolgenden Expeditionen und Großwildjäger im 19. und Anfang des zwanzigsten Jahrhundert berichten von ähnlichen Erlebnissen, wie Steller sie beschrieb.
Der einzige Zar, der Kamtschatka aufsuchte, war Alexander III., der die Reformen seinen Vaters und die Einführung westeuropäische Rechtsstaatlichkeit wieder rückgängig machte. Er liebte die Jagd und den Fischfang. So hielt er sich 1882 zur Bärenjagd in Kamtschatka auf und veranlasste, in Süden der Halbinsel eine Schutzzone einzurichten, die bis heute erhalten blieb.

In den Naturparks Kamtschatkas sind die Baeren geschuetzt
In den Naturparks von Kamtschatka, wie hier am Kurilensee, sind die Bären geschützt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Viele wissenschaftliche Expeditionen erlegten Braunbären für europäische Museen. Unter anderem Sten Bergman, der Kamtschatka 1922 während der Interventionskriege aufsuchte.
Der schwedischen Zoologe schreibt: „Der alte Jäger [ein fünfzigjähriger Kamtschadal-Russe] hatte innerhalb einiger Augenblicke sechs Bären zur Strecke gebracht … Er aber zog ruhig sein Wetzstein hervor und begann sein Messer zu schärfen, während wir übrigen uns versammelten, um das Schlachtfeld zu besehen, über das der Nebel vom Meer hereinziehen begann.“

Aus Ullrich Wannhoffs Skizzenbuch 2016
Aus meinem Skizzenblock 2016 – © Ullrich Wannhoff

Das reichhaltige Nahrungsangebot der großen Bären machte sie früher wie heute zu einem der beliebtesten Jagdobjekte für Trophäenjäger. Ihre geringe Distanz zum Menschen und ihr friedliches Leben trug dazu bei. Zuerst wurden die stärksten Bären zu Opfern. Die scheueren und kleineren Bären überlebten. Über die Zeit werden die Gene der großen Bären verschwinden, und zurück bleibt eine Art Bär in mittlerer Größe. Ähnlich ist es bei unserem Rotwild, bei dem die stärksten und größten Tiere vor dreihundert Jahren von Adligen und Fürsten abgeschossen wurden. Übrig blieb heute eine kleinere, sehr scheue Rothirschart.

Aus Niediecks Buch
Aus Niediecks Buch „Kreuzfahrten im Beringmeer“

Der Großwildjäger Paul Niedieck schreibt über „Mein stärkster Bär“ „ … so dass ich mich plötzlich nur noch wenige Schritte von dem schlafenden Bär befand, der grunzende Töne von sich stieß, die der Ausdruck des Behagens oder auch Schnarchern gewesen sein mögen. Ich ging nun etwas zur Seite, an eine Stelle, von der aus ich besser schießen konnte, und ließ meine Kugel fahren.“ Das war im Juni 1906 nördlich von Petropavlovsk, wo er mit Helfern und einem Boot mehrere Buchten abfuhren. Im Sommer war das Land in Kamtschatka schwer begehbar.

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Paul Niedieck: „Unsere Strecke an Bären und Schafen“

Einen Bären in Kamtschatka zu erschießen ist in etwa, als würde ich bei uns eine weidende, friedliche Kuh erschießen. Mit Jagen hat das sehr wenig zu tun!!!
Niedieck brachte aus Kamtschatka und Alaska eine sehr beachtliche Sammlung für das Berliner Naturkundemuseum mit.

Paul Niedieck mit erlegtem Baeren
Paul Niedieck mit erlegtem Bären

Nach der Wende wurde der Bär stark bejagt – wegen der Galle, die illegal nach China ausgeführt wird. Für etwa 300 Bären pro Jahr werden Jagd-Lizensen ausgegeben, laut mündlicher Aussage. Wie weit illegal gejagt wird – keine Ahnung. Einige Jäger, wie Sergey Gorshkov, wurden zu Fotojägern, die sich heute für den Schutz und Erhalt der Tiere einsetzen.

posted by Ullrich Wannhoff

Zum Thema „Bären auf Kamtschtka“ kann man auch den Beitrag „Menschen hinterm Weidezaun“ lesen.




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