Archiv der Kategorie 'Miertsching'

Johann August Miertsching – Zum Gedenken

Dieser Tage können wir in ganz Deutschland viel Grün und farbige Blüten sehen – unzweifelhaft hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass heute vor 139 Jahren in der Oberlausitz das Thermometer unter -10°C anzeigte.
Der Winter von 1874/75 suchte die Oberlausitz in ungewöhnlicher Strenge heim. Bereits seit November hatte fast durchweg, mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen, scharfer Frost geherrscht, der auch Ende März noch anhielt. Kein Frühling war in Sicht, als das Leben des damals noch nicht einmal 58-jährigen Johann August Miertsching am 30. März 1875 in Kleinwelka bei Bautzen überraschend zu Ende ging.

Bruederhaus in Kleinwelka
Als junger Mann wohnte Miertsching im Brüderhaus in Kleinwelka

In Kleinwelka hatte der 1817 in Gröditz geborene und aufgewachsene Sorbe Miertsching seine Jugendjahre verbracht, hier hatte er das Schusterhandwerk erlernt und war als junger Mann in die Herrnhuter Brüdergemeine, eine protestantisch geprägte Religionsgemeinschaft, aufgenommen worden. 27jährig wurde er in den Missionsdienst berufen und reiste über London mit dem Segelschiff „Harmony“ nach dem Norden Labradors, in die Missions-Siedlung Okak.

Missions-Siedlung Okak
Die Missionsstation Okak im Norden Labradors

Hier war Miertsching zunächst im Schuldienst tätig und begann sogleich Inuktitut, die Sprache der Inuit, zu lernen. Er unterrichtete die Kinder in Lesen und Schreiben, aber auch in Geografie und Musik; nach einiger Zeit hielt er auch Predigten in Inuktitut. Und natürlich war er, wie auch andere Missionare, mit den notwendigen Alltagsverrichtungen in dieser harschen subarktischen Umgebung befasst: etwa dem Anbau von Gemüse in Frühbeet und Garten, oder dem Herbeischaffen von Brennholz aus den bewaldeten Regionen weiter südlich.
Nach fünfjährigem Dienst in Labrador war Miertsching gerade erstmals auf Urlaub zu seiner Familie in Gröditz heimgekehrt, als er schon wenige Tage später die Anfrage für eine ganz andere Mission erhielt: Er sollte im Auftrag der britischen Admiralität als Dolmetscher eine Schiffsexpedition in die Arktis begleiten, um die seit drei Jahren auf der Suche nach der Nordwest-Passage verschollene Franklin-Expedition zu finden.

Die HSM Investigator wird verlassen
Die HMS Investigator in der Prince of Wales Strait, Nordwestpassage

Die Einzelheiten über dieser Expedition auf dem Segelschiff HMS Investigator – die Beschwernisse durch Stürme, Eis und Kälte, die Entbehrungen, Hunger und Not, die unglaublichen Leistungen der Expeditionsteilnehmer, die sich, als ihr Schiff mehrere Winter im Eis eingefroren blieb, nach Gewaltmärschen durch die arktischen Einöden schließlich retten konnten, kann man im Reisetagebuch Miertschings nachlesen. Einige Erwähnungen hinsichtlich dieser Zeit findet man auch hier auf dem Blog.

Titelblatt Reisetagebuch Miertsching
Titelblatt des Reisetagebuchs von J.A. Miertsching

Über seine Leistungen und Verdienste bei der Expedition soll an dieser Stelle nicht gesprochen werden, aber wir wollen zumindest erwähnen, dass die überlieferten Aufzeichnungen der Seeleute und Offiziere an Bord der HMS Investigator und der Rettungsschiffe der Royal Navy dem sorbischen Schuhmacher und Missionar höchste Wertschätzung zuteil werden lassen. Er gehörte zu den auserwählten Seeleuten, die für aussergewöhnliche Leistungen die von Queen Victoria gestiftete „Arctic Medal“ erhielten.

Johann August Miertsching 1854
Johann August Miertsching 1854

Bereits zwei Jahre nach seiner glücklichen Rückkehr aus der Arktis verließ Miertsching die Oberlausitz wieder, nachdem er kurz zuvor geheiratet hatte. Diesmal bleib er für lange Zeit weg: 12 Jahre lang diente er in der Herrnhuter Mission in Südafrika, wo er in den Stationen Elim und Genadendal vorwiegend den Handel betreute – teils unter misslichen Umständen in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit.

Genadendal
Missionsstation Genadendal, Südafrika

Von den sechs in Südafrika geborenen Kindern des Paares überlebten nur zwei Töchter; die älteste war, wie bei den Herrnhuter Missionaren üblich, bereits im Schulalter von den Eltern getrennt und in die Mädchen-Anstalt nach Kleinwelka geschickt worden.

Kleinwelka Maedchenanstalt
Die Mädchenanstalt in Kleinwelka

1869 verließ die Miertsching mit seiner Frau und der zweiten Tochter, damals gerade neun Monate alt, Südafrika und kehrte zurück nach Deutschland. Die Familie siedelte sich in Kleinwelka an und war so wieder vereint. Aus dem erträumten geruhsamen und glücklichen gemeinsamen Familienleben in der Heimat wurde jedoch nichts. Schon nach wenigen Monaten starb Miertschings Frau, die seit längerem gesundheitliche Probleme hatte. Glücklicherweise konnte Miertschings Halbschwester ihm in der Folgezeit bei Haushaltsführung und Kinderbetreuung unterstützen.

Grabstein Miertschings
Grabstein von Miertsching auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Die folgenden Jahre verbrachte Johann August Miertsching als Witwer in Kleinwelka – und boten ihm die gegebenen Umstände nicht viel Anlass zur Freude, so konnte er vielleicht etwas Zufriedenheit finden, wenn er von seinen im Ruhestand befindlichen Missionars-Kollegen aufgefordert wurde, von dem bedeutendsten Ereignis seines Lebens, der Reise in die Arktis und seinem Anteil an der Entdeckung der Nordwest-Passage zu erzählen. Miertsching wurde auf dem Gottesacker der Herrnhuter in Kleinwelka bestattet. Noch heute ist sein Grabstein dort erhalten. Seine Nachfahren leben weit verstreut in Kanada, den USA, Surinam und in Deutschland.

siehe auch Ein Sorbe in der Arktis oder Nordwestpassage vor 160 Jahren und „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator“ und weitere Beiträge in der Kategorie „Miertsching“.

by Mechtild Opel

„Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator

Wir verließen nun am 15. April unser Schiff Investigator und kamen am 2. Mai hier auf den Schiffen Resolute und Intrepid, Capitän Kellet, wohlbehalten an. Wir waren 29 Mann mit 4 Schlitten und 4 Zelten. Auf unserm Investigator hatten wir 2 Jahre lang uns mit sehr knapper Kost begnügen müssen, indem wir täglich nur ⅔ der bestimmten Schiffsportion erhalten konnten, und sind nun sehr froh und dankbar, dass wir uns endlich wieder alle Tage satt essen können.
Das schreibt Johann August Miertsching nach drei entbehrungsreichen Wintern im arktischen Eis, nun gerettet an Bord des Schiffes Resolute, Dealy Island, am 4. Mai 1853, in einem Brief nach Deutschland.

Schlitten verlassen HMs Investigator
1853: Schlitten verlassen HMS Investigator – Stich nach einer Zeichnung von S.G. Cresswell

Morgen geht von hier ein Schlitten mit dem Doctor nach der Bay of Mercy, um die auf dem Investigator zurückgebliebene Mannschaft aufzusuchen, und vielleicht alle hierherzubringen, in welchem Fall dann das Schiff seinem Schicksal überlassen wird. – Mit dieser Prognose behielt Miertsching recht; das Schiff HMS Investigator, seit zwei Jahren im festen Eis der Mercy Bay eingeschlossen, wurde tatsächlich verlassen und aufgegeben. Mit Ausnahme von fünf Besatzungsmitgliedern, die Unterernährung und Krankheiten nicht überlebt hatten und in der Arktis ihre letzte Ruhestätte fanden, wurde die gesamte Mannschaft gerettet und kehrte später nach England zurück.
Siehe auch unsere Blogs Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren: Mai 1853, Warten auf den Eisaufbruch in der Arktis – heute wie vor 160 Jahren.
(Über die Entdeckung der Nordwestpassage informiert auch unser Kanada-Lesebuch!)

Expeditionscamp an der Mercy Bay
2011: Expeditionscamp an der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Der letzte historische Bericht über den Zustand des Schiffes stammte aus dem Jahr 1854. Frederic Krabbé, Leutnant der Britischen Admiralität, hatte HMS Investigator im April nochmals aufgesucht, um wichtige an Bord befindliche Gegenstände zu bergen, die man zurückgelassen hatte, als das Schiff im Jahr zuvor in der Mercy Bay im Norden von Banks Island aufgegeben worden war.
Krabbé berichtete, dass Wasser in den Schiffskörper eingedrungen und innen gefroren war; das Schiff hatte sich zwar 10 Grad nach Steuerbord geneigt, jedoch bisher allen Eispressungen standgehalten. Von den noch an Bord vorhandenen Vorräten wurde an der Küste ein Depot zur Nutzung durch künftige Explorer angelegt.

Archaeologen untersuchen das Depot
McClure Cache: Archäologen untersuchen das Depot – Photo: Courtesy of Parks Canada

Wahrscheinlich aber war das Schiff bereits kurz darauf gesunken, denn keiner der Forscher, die den Ort im frühen 20. Jahrhundert erreichten, hat es noch sichten können. Die Bucht war ständig von Eis bedeckt. In jüngster Zeit hat sich das infolge der globalen Erwärmung geändert: als im Juli 2010 eine archäologische Expedition von Parks Canada die Mercy Bay – heute Teil des Aulavik National Park – erforschte, war die Eisdecke großenteils aufgebrochen.

Mercy Bay eisfrei Luftbild 2011
Sommer 2011: die Mercy Bay ist fast eisfrei – Photo: Courtesy of Parks Canada

Man ließ ein Schlauchboot zu Wasser, und bereits nach wenigen Minuten waren die Umrisse des gesunkenen Schiffes erkennbar! Das Deck liegt nur acht Meter unter der Wasseroberfläche.

Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Über die Reise der HMS Investigator zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, die Entdeckung der Nordwestpassage unter Kapitän McClure und über die Wiederentdeckung und Erforschung des Wracks durch die Unterwasserarchäologen von Parks Canada berichtet der Bildband „Lost Beneath the Ice“, der vorige Woche in Ottawa vorgestellt wurde.

Bildband ueber HMS Investigator
Der neue Bildband über HMS Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Der Text fasst auf 38 Seiten bereits bekannte Informationen kurz zusammen; das reiche historische Bildmaterial verdeutlicht recht anschaulich die Seefahrt in der Arktis mit all ihren Risiken – nicht nur im 19. Jahrhundert; faszinierende Farbfotos geben einen Eindruck vom Zustand des Wracks heute sowie von den gefundenen Artefakten und zeigen die grandiose Arbeit des Archäologenteams, das in einem sehr engen Zeitfenster arbeiten musste.

Ryan Harris vor dem Tauchgang
Ryan Harris vor dem Tauchgang – Photo: Courtesy of Parks Canada

In einem Interview erzählte uns der Unterwasserarchäologe Ryan Harris von den aufregenden Tauchgängen – bei Wassertemperaturen zwischen +1 und -2°C – die manchmal bis 3 Uhr morgens andauerten. Jedes der sechs Teammitglieder tauchte vier mal am Tag für 60 bis 70 Minuten. Das günstige Wetter sowie Kerosinheizer in den Arbeitszelten sorgten dafür, dass man anschließend wieder warm werden konnte – und auch der Adrenalinschub, hervorgerufen durch das fast surreale Empfinden, an einem so abgelegenen Ort unter der Mitternachtssonne an einem derart geschichtsträchtigem Objekt zu arbeiten und damit eine emotionale Verbindung zu den Heroen der Vergangenheit zu bekommen – beispielsweise auf gleichen Planken zu stehen wie einst Kapitän McClure*.
*Interview mit Ryan Harris über die Erforschung des Wracks der HMS Investigator, unveröffentlichtes Manuskript

Artefakt_Reparaturbeduerftiger Schuh
Gefunden an Bord des Wracks – ob der gelernte Schuhmacher Miertsching den Schuh reparieren wollte? – Photo: Courtesy of Parks Canada

Dass die aufwendigen Arktis-Expeditionen zur Suche nach den Schiffen Erebus, Terror und Investigator überhaupt stattfinden konnten – trotz staatlicher Sparmaßnahmen, die gravierende Einschnitte für die archäologische Forschung in Kanada zur Folge haben – ist wohl der symbolischen Bedeutung geschuldet, die die Harper-Regierung der Franklin-Expedition im Zusammenhang mit der „arktischen Souveränität“ (Kanadas Gebietsansprüchen in der Arktis) zumisst.

Taucher am Wrack der Investigator
Taucher am Wrack der Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Update: Siehe auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“
[Update 9.9.2014: Franklin-Schiff gefunden!]

posted by Mechtild Opel

Warten auf den Eisaufbruch in der Arktis – heute wie vor 160 Jahren

Kein Jahr ist wie das andere – trotz durchschnittlicher Erwärmung der Arktis wird die Schifffahrt auf der kanadischen Seite in diesem Jahr durch die Eissituation stark behindert. Im vergangenen Jahr hatte es im August einen sehr starken Arktischen Zyklon mit außergewöhnlichen Auswirkungen gegeben; in diesem Jahr sind bereits drei „stabile Zyklone“ aufgefallen; ob solche Wetterphänomene ursächlich dazu beigetragen haben können, dass sich feste Eisdecken und Treibeis dort konzentrieren, wo in den letzten Jahren die Durchfahrt im Sommer bereits ziemlich einfach war?

Ice conditions August 8-18 Canadian Arctic
Eisbedingungen in der kanadischen Arktis 8-18. August 2013 – Grafik: Courtesy of CIS, Environment Canada

Einige Segeljachten warten in der Gegend von Devon Island ungeduldig auf den Eisaufbruch, um ihr Ziel, das Passieren der Nordwestpassage, erreichen zu können; andere Unternehmungen, die eine Durchfahrt der Nordwestpassage von West nach Ost planten, sind bisher kaum vorangekommen. Eine ungewöhnlich starke Eisbedeckung ist für Segelschiffe und Ruderboote ein unüberwindbares Hindernis. Noch ist die übliche Saison der Eisschmelze nicht vorüber, doch deutet vieles darauf hin, dass dieser Sommer in der mittleren und nördlichen kanadischen Arktis deutlich kühler bleibt als in den Vorjahren.

Eisfelder
Treibeisfelder: Überall Eis

Vor 160 Jahren, 1853, warteten auch die Geretteten von der im Eis aufgegebenen HMS Investigator sehnlichst auf den Aufbruch des Eises. Sie befanden sich mittlerweise in Sicherheit, bei Dealy Island südlich von Melville Island in der westlichen Arktis, an Bord der festgefrorenen Rettungsschiffe HMS Resolute und HMS Intrepid. Sie wollten aber, nachdem sie drei Winter lang in der Arktis zugebracht und dabei Hunger, Kälte und Krankheit durchgestanden hatten, endlich zurück nach England.

Sportspiele der Mannschaften
Sportspiele der Schiffsmannschaften – zeitgenössische Grafik von G. McDougall

Die Schiffe waren längst segelfertig, alles war vorbereitet, aber das Eis regte sich nicht. Die Männer lenkten sich mit Sportspielen und Wettkämpfen an Land ab. Doch dann änderte sich das Wetter:

„18. August. Ein starker Wind wurde zu einem starken Sturm; … die unübersehbare Eisfläche wurde in wenigen Stunden in Stücke zerbrochen … das Steuerruder der Resolute und zwei kleine Boote von der Intrepid wurden … zertrümmert. Gegen Abend ließ der Sturm nach, und beide Schiffe saßen unbeweglich fest in den Eisschollen.“
„19. August. Mit dem Eis ostwärts getrieben. Beide Schiffe sind so mit Eisstücken umlagert, dass weder Segel noch Dampfmaschine zu brauchen sind.“
„21. August. Beide Schiffe liegen noch hülflos mit Eis umlagert und treiben mit demselben langsam nach Ost. Wir sind soweit entfernt vom Lande, dass wir dasselbe nicht sehen können. – Meinen vierten Geburtstag in diesem Eismeer verbrachte ich ganz in der Stille …“


Johann August Miertsching aus Gröditz in Sachsen, aus dessen Tagebuch diese Zitate stammen, hätte, als er im Januar 1850 seine Reise antrat, wohl kaum erwartet, dass er nach vier Jahren noch immer nicht zurückgekehrt sein würde. Die britischen Admiralität hatte ihn als Übersetzer für Inuktitut, die Sprache der Inuit (oder „Eskimo“, wie man damals sagte), angeheuert. Er nahm an Bord der HMS Investigator an der Suchexpedition teil, die das Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition aufklären sollte.
Auch seinen nächsten Geburtstag konnte Miertsching noch nicht zuhause feiern – er musste noch ein weiteres Jahr warten, dafür sorgten die schwierigen Eisbedingungen.
Das Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition aufklären soll auch die aktuelle Suchexpedition von Parks Canada, die in diesen Tagen begonnen hat.

Ryan Harris beim Herausholen des Seitensonars
Am Abend des ersten Tages der Suche wird das Seitensonar aus dem Wasser geholt – Foto Credit: T. Boyer, Parks Canada

Bei der Suche auf dem Meeresgrund nach den Schiffen „Erebus“ und Terror“ wird unter anderem ein Seitensonargerät eingesetzt. Bleibt zu hoffen, dass diese Expedition bei den Untersuchungen in den nördlicheren Sucharealen nicht auch noch durch die aktuellen Eisbedingungen behindert wird. Siehe auch Blog vom 11. August 2013, hier.

Datenerfassung vom Seitensonar
Der Unterwasserarchäologe Ryan Harris arbeitet noch spät in der Nacht, um die Daten des Seitensonars vom arktischen Meeresgrund zu erfassen – Foto Credit: Photo Canada

Update: Siehe auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“

[Update 9.9.2014: Franklin-Schiff gefunden!]

posted by Mechtild Opel

Northwest Passage, 160 years ago

Deutsche Version hier

Totally exhausted were the men of HMS Investigator, when they arrived at Dealy Island (near Melville Island, today: Canadian Arctic, Nunavut), in the beginning of May, 1853. They had made a long and strenous walk from the Bay of Mercy on Banks Island over the frozen Arctic Ocean, which took them more than 2 weeks. Now they were rescued and got finally enough food and warm clothing on board of the ships HMS Resolute and HMS Intrepid which were frozen in the ice. The men had barely escaped death by starvation and disease. Most were heavily affected by scurvy and had to lay in sickbed; only a few, such as Johann August Miertsching and Samuel Gurney Cresswell, felt something better.

Expedition ships in winter quarters
Expedition ships in their winter quarters – sketch by Walter William May, 1855

But just three days later, two of them, accompanied by a group of idle sailors from HMS Resolute, started their next walk: 300 miles eastward through the Arctic to HMS North Star near Beechey Island. Lieutenant Cresswell, on behalf of Captain McClure, should as soon as possible bring the news of finding the Northwest Passage, as well as accompany his insane companion Wynniatt, home to England.

19th century chart of Northwest passage
19th century’s chart of the Northwest passage

Johann August Miertsching, who also had already felt strong enough for the walk, would have loved to to go with his two companions without hesitation – to return home after three gruelling winters in the Arctic; but the commanding Captain Kellett from HMS Resolute wanted to have him available: being the only Inuktitut interpreter, Miertsching would be needed in the upcoming journey of the ships to inquire the Inuit on the coasts of Baffinland and Greenland regarding the fate of the lost Franklin expedition.

Muskoxen in defense position
Musk oxen in defense position – Photo Credit: US Fish and Wildlife Service

So Miertsching instead earned some merits as a successful hunter: Since we had now so many persons weak and sick with scurvy in both ships, everything was done to provide them with fresh meat, which is the best cure for scurvy; I was asked … by Capt. Kellett to go on the hunt … In May and June we shot muskoxen, caribou, snow hares and ptarmigans… . Which also brought him some advantage: he didn‘t need to spend his time in the stale air of the overheated and wet ships; he camped in a hunting tent instead and could enjoy the clear weather which was still quite cool, but altogether pleasant with many sunny hours.

The Franklin Strait - Ice-free in Sept2012
Completely ice-free in September 2012: The Franklin Strait

It is well-known that HMS Resolute and Intrepid could not make it through the Arctic ice and were finally abandoned. But 160 years later, the situation has totally changed. In 2011 already 33 ships took their way through the Northwest Passage, and with the waterway nearly ice-free in the summer of 2012, there will be even a rowing expedition this summer to attempt the project: three Irishmen and a Canadian are planning to cross the 3,000-mile passage in one season, only with the help of their physical strength – the climate change could make it possible. The four men want to start already in early July from Inuvik in the Western Arctic to Pond Inlet (Baffin Iceland). They intend to row, working in shifts 24 hours a day and quoted 2-3 months for the tour. The expedition is sponsored by a alternative and sustainable power production company; it is intended to draw attention on the disastrous consequences of global warming.

More about the Northwest Passage, 160 years ago, will follow later. In the Kanada Lesebuch you can find a section dedicated to the discovery of the Northwest Passage.

posted by Mechtild Opel

Mythos Norden III – Künstler in der Arktis

Anfang August des Jahres 1816 lag die russische Brigg Rurik in einer weiten Bucht im Nordwesten Amerikas. Das Schiff unter Kapitän Otto von Kotzebue war auf einer mehrjährigen Weltumsegelung und suchte hier in Russisch-Amerika nach einer Einfahrt in die noch immer nicht entdeckte Nordwest-Passage. Zur Besatzung gehörten auch der Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso, der Arzt Johann Friedrich von Eschscholtz und der Zeichner und Maler Ludwig Choris (1795-1828). Selbst in dieser abgelegenen, erstmals von Europäern besuchten Gegend war man auf Menschen, Inupiat, getroffen, die von Kotzebue und Chamisso in ihren Berichten beschrieben und von Choris lebensnah porträtiert wurden.

Choris - Bewohner der Kotzebue Bucht
Ludwig Choris: Bewohner der Kotzebue-Bucht, 1816

Am 7. August ging der Kapitän gemeinsam mit seinen Forschern und einem Leutnant an Land, um den Ostteil der Bucht näher zu untersuchen. Man fand zwei unbewohnte Erdhütten, sammelte Artefakte und ließ im Austausch einige Werkzeuge zurück. Am nächsten Tag machte Dr. Eschscholtz bei der Untersuchung des Ufers eine ungewöhnliche Entdeckung. Choris notierte in seinem Tagebuch:
„Als man weiter spaziren ging am Ufer, bemerckte man, daß dieses von Eis wahr und nur aber paar fuß mit Erde bedeckt ist. Wir gingen alle hir um … Ich habe etwas davon gezeichnet.“

Choris_Eiskeile
Ludwig Choris: Eiskeile in der Kotzebue Bucht, 1816

In seiner „Reise um die Welt“, vor kurzem in einer Prachtausgabe mit 150 farbigen Lithographien von Ludwig Choris erschienen, diskutiert Chamisso die Entstehung dieser „sogenannten Eisberge“ und bestimmt sie als „angeschwemmtes Land“, das „bis zu einer großen Tiefe fest gefroren befunden worden ist“. Chamisso verweist dann auf ähnliche Eisformationen im Lenadelta und an der Mündung des Mackenzie Rivers, wo man ebenfalls wie auch hier im Kotzebue Sound „Überreste urweltlicher Tiere“ finden kann. Die Wissenschaft bezeichnet diese Eisformationen als Eiskeile (ice wedges).

Eiskeile im Lenadelta
Eiskeile im Lenadelta, 2010

Mammut-Stoßzähne im Lenadelta
Überreste von Mammuts an der Oyogos Yar Küste, Laptev Strait, Ostsibirien

Die Namen der Entdecker von damals findet man heute auf der Karte Alaskas: Kotzebue Sound, Eschscholtz Bay, Chamisso Island und Choris Peninsula. Die auf der Choris-Halbinsel gefundenen Artefakte werden übrigens auf Grund ihrer spezifischen Eigenschaften einer eigenen Kulturgruppe, der Choris culture (ca. 700 v. u. Z) zugeordnet. Viel Ehre für den damals erst 21jährigen Maler, der danach nie wieder in die Arktis fuhr und im Alter von nur 28 Jahren in Mexiko ermordet wurde.
34 Jahre später, Ende Juli 1850, beginnt genau hier im Kotzebue Sound die HMS Investigator unter Kapitän McClure ihre Fahrt in die Arktis, auf der letztendlich nach Jahrhunderten die Nordwest-Passage – siehe auch Kanada-Lesebuch – entdeckt wurde. An Bord der Herrnhuter Missionar Johann August Miertsching als Inuktitut-Übersetzer. Ob Miertsching seinerzeit bereits Chamissos „Reise um die Welt“, die Lithografien von Choris oder sogar die Karrikatur von E.T.A. Hoffmann kannte, ist nicht überliefert.

ETA Hoffmann - Reise zum Nordpol
E.T.A. Hoffmann: „Reise zum Nordpol“, Karikatur auf die Forschungsreise Chamissos

Der Künstler, der sich vermutlich am intensivsten mit dem Leben in der Arktis auseinandergesetzt hat, ist Rockwell Kent (1882-1971), ein amerikanischer Maler und Grafiker aus Neuengland. Er verbrachte viele Monate in entlegenen Regionen wie in Feuerland, Alaska und sowie mehrfach in Grönland, um zu zeichnen, zu malen und vor allem, um das einfache Leben abseits der Hektik der zivilisierten Welt zu erleben. In hunderten Gemälden, Grafiken, Illustrationen und mehreren Büchern verarbeitete Kent das Erleben der außergewöhnlichen Landschaften Grönlands und das Zusammenleben mit den Inuit.

Rockwell Kent Greenland hunter
Rockwell Kent – „Greenland Hunter“, 1933
Courtesy of St. Lawrence University (SLU Permanent Collection)


Rockwell Kent pflegte engste Kontakte zu seinen dortigen Nachbarn, den Grönland-Inuit. Wie bei seinen Freunden Rasmussen, Freuchen und anderen Arktisreisenden schloss das Partnerbeziehungen mit ein. Seine Beziehung zu Salamina machte Kent zum Gegenstand und Titel seines wohl bekanntesten Buches.

Rockwell Kent - Dirty Deborah
Rockwell Kent – „Dirty Deborah“, 1933
Courtesy of St. Lawrence University (SLU Permanent Collection)


Als Friedensaktivist war Rockwell Kent lange Zeit, besonders in den 1950er Jahren, in der offiziellen US-Gesellschaft nicht gern gesehen. Aus Ärger über diese Situation vermachte Kent viele seiner Gemälde und Grafiken sowjetischen Museen. Erst in den letzten Jahren besinnt man sich in den USA wieder auf die Bedeutung Rockwell Kents, des wichtigsten Realisten in der US-Kunst des 20. Jahrhunderts.

Karrat Fjord - Grönland
Karrat Fjord, Grönland – hier malte Rockwell Kent

Auch heute noch erregen „echte“ Eisberge trotz der ungezählten Darstellungen in Film und Fernsehen Aufmerksamkeit und Interesse der Reisenden. Nicht nur weil von ihnen erhebliche Gefahren für den Schiffsverkehr ausgehen können, sondern vor allem durch die phantastischen Formen und Farben der still dahin treibenden Riesen. Der Amerikaner A.D. Tinkham gehört zu den wenigen zeitgenössischen Malern, die sich immer wieder der Faszination dieser Eisriesen aussetzen. Besonders seine Darstellungen bei ungewöhnlichen Lichtverhältnissen, nachts bei Mondschein, im Nebel oder bei Sonnenauf- und –untergängen vermitteln eine Vorstellung von der Magie der arktischen Landschaften.

AD Tinkham Iceberg painting
A.D. Tinkham, „It is 3am and I am looking southeast“, Courtesy of A.D. Tinkham

posted by Wolfgang Opel

Hier finden Sie den Ersten und den Zweiten Teil dieses Beitrages.




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