Archiv der Kategorie 'Miertsching'

Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

Lt_Cresswell_ILN
Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel

Miertsching – Měrćink – Мерчинг

In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Johann August Miertsching zum 200. Mal – Anlass zur Würdigung dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Seit April findet man Näheres über Miertsching endlich auch auf Wikipedia.
Und darüberhinaus seit Mai auch auch in der obersorbischen „Wikipedija“, und nun seit gestern sogar in der russischen „Википедя“.
Heute besuchten wir seinen Geburtsort Gröditz, auf sorbisch Hrodźišćo.

Groeditz bei Weissenberg

Am Freitag halten wir einen Vortrag über Miertsching in Kleinwelka bei Bautzen, wo Miertsching sowohl seine Jugend als auch seinen Lebensabend verbrachte.

Nachtrag – für Sorbisch-Sprechende: „Jenički Serb w polarnej kónčinje“ był – Veröffentlichung in Serbske Nowiny, 14. Juni 2017

Schokolade in der Arktis

English version here.

Kann man verhungern, wenn noch Schokolade da ist?

Die Funde am „Boat’s Place“ an der Erebus Bay auf King William Island und ihre Interpretationen bilden eines der vielen ungelösten Rätsel der verschollenen Franklin-Expedition. Während McClintocks Suche nach Spuren von Franklins Männern wurde bei einer Landexpedition unter Leutnant Hobson am 24. Mai 1859 ein unter der Schneedecke begrabenes Boot entdeckt, das auf einem Transportschlitten ruhte. Hobson legte das Boot frei. Er fand zwei menschliche Skelette und erstellte einen genauen Bericht über die Gegenstände, die sich im Boot befanden.

Auffindung des Bootes
Auffindung des Bootes – Abbildung aus der „Gartenlaube“, 1860

Sechs Tage später erreichte Kapitän McClintock den gleichen Ort. In seinem Bericht weist er, der sich viel mit der Optimierung von Lastschlitten auf Arktistouren beschäftigt hatte, auf das seiner Meinung nach „tote Gewicht“ der seltsamen Schlittenladung hin. An Lebensmitteln fanden sich noch ein Rest Tee – und etwa 40 Pfund Schokolade.

Gedenkstein fuer McClintock
Gedenkstein für McClintock an der Bellot Strait, gestiftet von seiner Familie

Es stellt sich die Frage: Kann man Hungers sterben, wenn man 40 Pfund Schokolade zur Verfügung hat? Offenbar ja.
Es handelte sich hierbei nicht etwa um zartschmelzend-cremige Milchschokolade, sondern um ein damals „Cocoa“ oder „ship’s chocolate“ genanntes Produkt. Geröstete Kakaobohnen wurden zerkleinert; dabei wurde Kakaobutter freigesetzt, so dass kein trockenes Pulver entstand, sondern ein Paste, die durch Abkühlung zu einem „Kuchen“ wurde. Nachdem Johannes van Houten 1828 ein Verfahren entwickelt hatte, der gemahlenen Masse Kakaobutter zu entziehen und anschließend wieder zuzusetzen, konnte die Masse – möglicherweise unter Zusatz von etwas Stärke aus Sago – zu kompakten Stücken gepresst werden.

Kakaobohnen
Kakaobohnen – Foto: Frank_Wouters, Wikipedia

Solche harten „Kuchen“ gehörte zu den übliche Rationen für Arktisexpeditionen, denn daraus ließ sich ein stärkendes Heißgetränk herstellen – in einer Zeit, da Kaffee für die Expeditionsteilnehmer noch kein Standardgetränk war! Damit konnte übrigens auch unangenehm schmeckendes Wasser aus den Schiffstanks trinkbarer gemacht – und dadurch Rum gespart werden. Wohl schon ab 1780 hatte die Britische Regierung regelmäßig festen „Cocoa“ von der Firma J.S. Fry & Sons als Standard-Schokoladenration für Seeleute geordert.

Frys_Cocoa
Werbung für Fry’s Pure Concentrated Cocoa – Abbildung: Wellcome Images

Johann August Miertsching, der von 1850 bis 1854 an einer Expedition zur Suche nach Franklin teilnahm, hat an Bord der HMS Investigator ebenfalls regelmäßig „Cocoa“ getrunken, den es morgens zum Frühstück gab – abends hingegen wurde Tee bereitet. Kaffee gab es nur ganz zu Anfang der Expedition zu besonderen Anlässen.

Johann August Miertsching
Johann August Miertsching

Miertsching, der mit seinen Kameraden 1853 die ebenfalls im Eis eingeschlosssene HMS Investigator verlassen und zu Fuß über Eis und Land wandern musste, beschreibt die schmale Tagesration für die ebenfalls bereits hungernden Männer: „1 Pfd. Schiffszwieback, 3/4 Pfund Fleisch u. 2 Loth Cacao nebst 1 Loth Zucker, und ½ gill Rum zum Grog. – Das Fleisch wird kalt u. natürlich hart gefroren verzehrt. Der geriebene Cacao u. Zucker wird mit Eis oder Schnee in einen Kessel gethan, u. über einer Spiritus-Lampe gekocht. “ (15. April 1853).

Kakao-Pulver
Pulverisierter Kakao – Foto: Blair, Wikipedia

Cocoa, gerieben und mit Zucker und Wasser zu einem Heißgetränk bereitet, war also etwas zum Aufwärmen und lieferte durch Kakaobutter und zugesetzten Zucker auch ein wenig Energie. Die hart gefrorene, recht bittere kompakte Masse, die am boat place gefunden wurde, taugte jedoch keineswegs dazu, die ausgehungerten Männer der Franklin-Expedition vor dem Hungertod zu bewahren. Dazu kommt: Bei der Einnahme größerer Mengen des Lebensmittels im festen Zustand hätten die Männer ganz sicher unter Verstopfung zu leiden gehabt.

Im Arktischen Eis
Im Eis der Arktis

In Miertschings Reisetagebuch kann man auch lesen, was zur üblichen Ladung einer „Schlittengesellschaft“ von 9 Personen auf einer Expedition über Land oder Eis gehört. Ein Großteil der von Hobson am „Boat Place“ vorgefundenen Gegenstände findet sich denn auch in Miertschings Auflistung: „…Bürste zum Beseitigen des Schnees von Zelt und Kleidern, Stiefelsohlen, Wachs, Borsten, Schuhmacherdraht, Nägel, Ahle, … nebst Seife, Handtüchern, Kämmen u.s.w. … Pfeffer, Saltz, Feuerzeug, Cotton u. Flanellbinden, Pflaster, … Augenwasser, Pillen u.s.w., Lancete, Opium Tincktur, Scheere, Nadeln u. Zwirn; … Das ganze Gewicht so einer Schlittenladung auf 42 Tage beträgt über 1000 Pfund.“ (17. April 1851).

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Es wurde viel darüber spekuliert, ob die Männer der Franklin-Expedition das Richtige taten, als sie die im Eis eingeschlossenen Schiffe aufgaben und in Richtung Süden zogen, um dadurch vielleicht zu überleben und mögliche Rettung zu finden. Besondere Zweifel daran, ob ihr Tun sinnvoll sei, ergaben sich aus den vielen scheinbar „unnützen“ Dingen, die die Ausgehungerten und Entkräfteten auf dem überladenen Schlitten mit dem schweren Boot über Land zogen. Aus den in Hobsons Bericht erwähnten Dingen hob man insbesondere Silberbesteck, Siegelring und Siegellack, eine goldene Kordel, Bücher, goldene Uhren, Seife, Kämme, Bürsten und Nadeln hervor. Waren diese Männer so töricht – oder gar geistig verwirrt?

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Abgesehen davon, dass diese Uhren in Wirklichkeit nicht golden, sondern lediglich in Silber eingefasst waren, stellt sich bei der Betrachtung aus heutiger Sicht heraus, dass sich in der Schlittenlast von Franklins Männern durchaus sehr viele nützliche und praktische Dinge befanden – Kompass, Messer, Streichhölzer, Schusterahle, gewachstes Garn, diverses Werkzeug, Handschuhe, Schneebrillen, Puverfläschchen (vermutlich mit Medikamenten), Halstücher, Gewehr und Munition, Angelschnur, Nähzeug, Scheren, dazu Nähnadel-Sets. Was man davon für die Wanderung nach Süden nicht selbst benötigte, hätte sich möglicherweise auch ganz gut als Tauschartikel einsetzen lassen, um dafür Lebensmittel erhalten, falls man auf Inuit traf.

McClintock_Cairn
McClintock Cairn, Fort Ross

Unter den Fundstücken befanden sich auch einige Bücher. Man kann darüber streiten, wie lebensnotwendig Bücher für von Kälte und Hunger geplagte Menschen sind. Wer kann schon beurteilen, welchen Wert ein Buch für Verzweifelte haben kann, um daraus Trost zu schöpfen, oder den Mut, noch nicht aufzugeben? Wie wichtig kann es für den Zusammenhalt von Menschen in äußerster Not sein, wenn jemand den anderen etwas aus einem Buch vorliest, oder wenn sie gemeinsam singen? Auch darüber lässt sich im Reisetagebuch Miertschings, der übrigens genau heute vor 199 Jahren geboren wurde, etwas erfahren.

posted by Mechtild Opel

Eistaucher auf Schatzsuche

Wracks im Polarmeer

Ein Schiffswrack kann eine wahre Schatzkammer sein. Zahlreiche wahre Berichte und noch viel mehr Gerüchte und Legenden existieren – etwa über Funde von unermesslich wertvollen Schätzen, Gold, Juwelen und dergleichen, im Bauch von gesunkenen Schiffen. Neben professionellen Archäologen ist daher weltweit auch die Gilde die Schatztaucher am Werk, immer in der Hoffnung auf wundersamen Reichtum.
Hier wollen wir jedoch über Schiffswracks reden, die zwar vermutlich weder Gold noch Juwelen verbergen, hingegen unschätzbar wertvolle Einblicke in die Geschichte geben und offene Fragen über ungeklärte Rätsel der Vergangenheit beantworten können – sogar wenn die betreffenden Gegenstände die Archäologen zunächst einmal vor neue Herausforderungen und Fragen stellen.


Live-Video: der leitende Archäologe Ryan Harris bei eine Weltpremiere –
direkt unter dem arktischen Eis gibt er eine erste Präsentation des Wracks der Erebus – Courtesy of Parks Canada

Das erst im Herbst 2014 geortete Wrack des Flaggschiffs der verschollenen Franklin-Expedition von 1845, HMS Erebus (siehe Blog Endlich gefunden – ist es Erebus oder Terror?), hat zweifellos das Potential einer Schatzkammer – zuallererst für die kanadischen Archäologen, die an seiner Erforschung beteiligt sind. Aber auch die Herzen von vielen Enthusiasten mit Interesse an der Geschichte der Polarforschung, auch aus anderen Ländern und Kontinenten, schlagen höher, sobald sie etwas über Fundstücke von Bord des Schiffes erfahren.

Taucher beim Bergen_des_Kanonenrohrs_Parks_Canada
Bergung eines Kanonenrohrs von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Im April startete Parks Canada eine noch nie zuvor dagewesene Aktion. Die Unterwasser-Archäologen, die dem Wrack von HMS Erebus im letzten Herbst wegen Stürmen, hohem Wellengang und zunehmender Eisbildung nur wenige Tauchstunden widmen konnten, gingen wieder ins eisige Nass. Diesmal allerdings unter einer meterdicken Eisdecke! Das Hindernis Eis wurde diesmal als Vorteil genutzt: es bot ein stabile Plattform für die Tauchgänge und machte es möglich, auch schwere Technik einzusetzen. Auf dem Eis direkt über dem Schiff konnte ein Arbeitszelt errichtet werden. Durch ein breites Loch, das ins Eis gesägt wurde, war es den Archäologen für eine knappe Woche möglich, weitere Untersuchungen am Wrack anzustellen.

Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe_Parks _Canada
Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Eismeer-Wasser ist im April auch kaum kälter als im September, Tauchen bei ca. -1°C Wassertemperatur ist jedoch immer eine Herausforderung. Marc André Bernier, Chef der Unterwasserarchäologen, sagt, dass man es nicht länger als eine Stunde unten aushalten kann. Das reichte – neben weiteren nötigen Vermessungen und Bestandsaufnahmen – zumindest dafür, dass die April-Expedition sogar einige bemerkenswerte Artefakte bergen konnte.

Ryan_Harris_Seilzughaken_Parks_Canada
Ryan Harris mit einem von HMS Erebus geborgenen Seilzughaken – Courtesy of Parks Canada

Dazu gehören nicht nur das Rohr eine Kanone und Bestandteile des Schiffes wie das Prismenglas eines Oberlichts und ein Seilzughaken aus Messing, sondern auch Gegenstände, die von den Menschen an Bord erzählen, wie Uniformknöpfe, ein Medizinfläschchen und sogar Porzellanteller.

Fundstueck_von_HMS_Erebus_Porzellanteller
Porzellanteller von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Die interessierte Öffentlichkeit konnte bereits einen vorläufigen Blick in die Geschichte der Franklin-Expedition werfen, als die Artefakte im Mai kurzzeitig in der Ausstellung „Breaking the Ice“ im Canadian Museum of History in Gatineau (vormals bekannt als „Museum of Civilization) gezeigt wurden. Sie bedürfen aber vorerst weiterer konservatorischer Behandlung, damit sie wegen der nun veränderten Umgebungsbedingungen keinen Schaden nehmen.

Taucher am Wrack von HMS Investigator_Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

HMS Erebus ist nicht das einzige Wrack von geschichtlicher Bedeutung.
Als die Archäologen von Parks Canada im Jahre 2010 in der Mercy Bay das Wrack von HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesandten Schiffe – entdeckten und im Sommer 2011 eine Folgeuntersuchung unternahmen (siehe Blog Lost Beneath the Ice – Bildband über HMS Investigator ), sah es äußerlich ganz ähnlich aus wie bei HMS Erebus: umherliegende Planken und Holzteile auf dem Deck und neben dem Schiff, Sedimentablagerungen, Bewuchs durch Algen und Kelp. Vielleicht ist der pflanzliche Bewuchs bei der Erebus stärker, denn dort sind viel mehr lange Kelp-Bänder zu sehen – sie liegt ja auch in etwas südlicheren Gewässern.


Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Auch bei der Untersuchung der Investigator konnten bereits einige aufschlussreiche Gegenstände geborgen werden, und ihr zu erschließendes archäologisches Potential wird als gewaltig eingeschätzt.

Fundstuecke vom Wrack_HMS Investigator
Artefakte, gefunden auf HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die weiteren Untersuchungen dieser Schiffe werden nicht einfach sein. Früher wie heute sind die äußeren Bedingungen in der hohen Arktis eine große Herausforderung – hier nur einige Stichworte dazu: extremste und unberechenbare Witterungsverhältnisse, ungewöhnlich aufwändige Logistik wegen der Abgelegenheit der Fundorte und dem Fehlen jeglicher Infrastruktur, hochspezialisierte Technik, hoher Aufwand an Kosten, Einsatzbereitschaft, Mut zum Risiko und Ausdauer der beteiligten Personen.

Am Wrack der Maud in Cambridge Bay
Am Wrack der Maud in Cambridge Bay www.facebook.com/maudreturnshome

Derzeit zeigen die Unternehmungen an einem dritten arktischen Schiffswrack, wie unberechenbar die arktischen Bedingungen sind. Die „Maud“, die unweit von Cambridge Bay auf Grund liegt, (siehe Blog Amundsens Maud – bald wieder unterwegs) sollte bereits 2014 geborgen und nach Norwegen transportiert werden. Zeit- und Kostenplanung erwiesen sich als hinfällig, als die arktischen Eisverhältnisse einfach nicht mitspielten – der Sommer 2014 war etwas anders als „vorgesehen“. Noch immer liegt die Maud an Ort und Stelle. Vielleicht klappt es ja in diesem Sommer, die Eisverhältnisse geben vorerst Grund zu Optimismus. In den letzten Tagen schauten Taucher das Wrack schon mal von unten an.

Eisverhaeltnisse Ende Juni 2015_Canadian Ice Service
Eisverhältnisse Ende Juni 2015 – Courtesy of CIS, Environment Canada

Wir sind gespannt, wie es mit den arktischen Schiffswracks weitergeht. Es braucht nicht nur Zeit, Technik, risikobereite Wissenschaftler. Entscheidend wird wohl sein, ob die finanziellen Mittel bereitgestellt werden und wie wichtig die Schätze unter dem Eis den Geldgebern sind. Bei der Maud scheint alles klar zu sein – außer den Wetter- und Eisbedingungen, doch ist hier die Prognose nicht schlecht. HMS Erebus hat nicht nur weltweit historisch Interessierte auf den Plan gerufen, sonder auch die derzeitige kanadische Regierung scheint dem Schiff eine Symbolkraft für die Untermauerung kanadischer Hoheitsrechte in der Arktis zuzumessen.

Muskete - gefunden an Bord von HMS Investigator 2011
Muskete, gefunden an Bord von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die letztere Rolle könnte aber auch HMS Investigator zustehen – hat doch die Mannschaft dieses Schiff erstmals die Existenz einer Nordwestpassage durch die Arktis bewiesen. Auch das archäologische Potential von HMS Investigator ist unbestritten. An Bord des Schiffes war J. A. Miertsching – (siehe auch Blog Ein Sorbe in der Arktis, Amerika ist eine Insel und ältere Artikel der Kategorie Miertsching), der die Reise der Investigator als Dolmetscher für Inuktitut begleitete und über dessen Leben wir zur Zeit ein Buch schreiben. Vielleicht findet sich im Bauch des Wracks eines Tages sogar die verschollene erste Fassung seines Reisetagebuchs?

Update: – Soeben erschien mein Artikel „In die Geschichte tauchen. Der Fund von HMS EREBUS“ im Magazin Marineforum, Heft 07-08 2015, S. 59-61.

posted by Mechtild Opel

Amerika ist eine Insel …

Gedanken zum 140. Todestag von Johann August Miertsching

Gründlich satt hat Miertsching die Arktis im Herbst 1854. Fast fünf Jahre voller unvorstellbarer Leiden und Entbehrungen, der fast schon gewisse Tod und dann eine unglaubliche Rettung in letzter Minute liegen nun hinter ihm und der Mannschaft von HMS Investigator, die ihr Schiff eingefroren im Hohen Norden zurücklassen mussten. Endlich können sie die Zone des Eises an Bord eines Rettungsschiffes verlassen; „… so segelten wir weiter nach Süden, u. passierten gegen Abend die Linie des Polar-Kreises. Seit dem 27. Juli 1850, wo wir die selbe Linie in der Beringstraße überschritten, haben wir im Polarkreis zugebracht. Ach möchte ich nie wieder diesen Kreis betreten.“

Cresswell - HMS Investigator im Eis
Miertschings Schiff HMS Investigator im Eis – Zeichnung von S.G. Cresswell

Nun endlich liegt die ersehnte Heimat vor ihnen. Vier Wochen später sind sie in England, und Ende November erreicht Miertsching seinen Geburtsort Gröditz in der Oberlausitz.
Im Reisetagebuch zieht er ein Fazit dieser Reise, die sie zu den Entdeckern der lange gesuchten Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik machte: „Unser Schiff Investigator hat die Aufgabe, Franklins Schicksal ans Licht zu bringen, auch nicht lösen können, hat aber eine andre seit Jahrhunderten gestellt Aufgabe, an deren Lösung schon viele, und auch Franklin’s Expedition ein Opfer geworden sind, vollständig gelöst so daß man nun nicht nur eine sondern zwei ‚Nordwestliche Durchfahrten‘ weiß…“

Die Arktis mit moeglichen Schiffspassagen
Mögliche Schiffspassagen durch die Arktis – von Susie Harder, Arctic Council

„…Obgleich unser Schiff daselbst als ein bleibendes Denkmal für künftige Zeiten im Eismeer verblieben ist, so bleibt doch der Mannschaft desselben der Ruhm, die ersten und einzigen zu sein, die auf dem Wasser ganz um Amerika herumgekommen sind, und dadurch der Welt bewiesen haben, dass Amerika eine Insel ist.“
Jedoch vermutet Miertsching, dass die entdeckte Nordwestpassage „ganz zwecklos und für die Schifffahrt nicht zu benutzen“ sei, „solange dort ein so kaltes Klima und die See mit 50 bis 60 Fuß starckem Eis bedeckt ist“. Vorerst hatte er damit auch recht – aber heutzutage ist es soweit: die Arktis verliert zunehmend ihr „kaltes Klima“, immer mehr Segler, Kreuzfahrtschiffe und sogar Frachtschiffe haben die Passage erfolgreich befahren.

Schiffe im arktischen Eis - Foto: Dr. Pablo Clemente Colon
Schiffe im arktischen Eis – Foto: Dr. Pablo Clemente Colon

Letzten Herbst hat das Transportschiff M/V Nunavik der kanadischen Firma Fednav mit einer Ladung Nickelerz selbstständig und ohne Beihilfe die Nordwestpassage durchquert – und damit Geschichte für die Frachtschifffahrt geschrieben. Schiffe dieses Typs können bis zu 1 Meter dickes Eis brechen und sich den Weg durch schmale Eiskanäle bahnen, sind also quasi Frachtschiff und Eisbrecher in einem, und können auf dem kurzen arktischen Weg zum Pazifik erhebliche Transportwege und -zeiten sowie Treibstoffkosten sparen.

Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas
Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas – von Susie Harder, Arctic Council

Wieder einmal blicken wir am 30. März – siehe auch unser Blog: „J.A. Miertsching zum Gedenken“ – auf das Leben von Johann August Miertsching zurück. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag nun zum 140. Mal! Inzwischen ist uns längst bewusst, dass die Jahre, die er in der Arktis mit der HMS Investigator auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition verbracht hat, zwar eine überaus wichtige Zeit in seinem Leben war, dass es aber ein bedeutsames „vorher“ und „nachher“ gab.

Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka
Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka

Viel zu wenig ist bisher bekannt über das Leben Miertschings außerhalb der Arktisreise. Wohl war er nach seiner glücklichen Rückkehr nach Deutschland, nach vier Wintern in den Schrecken des Eises und der Finsternis der Polarnacht, kurzzeitig so etwas wie eine Berühmtheit. Er wurde als Gast in Herrenhäusern und zum sächsischen König geladen, um von seinen Arktiserlebnissen zu berichten. Sein Reisetagebuch wurde in drei Auflagen gedruckt, ins Französische und Dänische übersetzt. Dennoch dauerte es nur einige Jahre, und er war so gut wie vergessen.

Kirche und Schule in Genadendal - Suedafrika
Kirche und Schule in Genadendal – Südafrika

Wie kam es dazu, dass der sorbische Schuhmacher überhaupt an einer britischen Arktisexpedition teilnahm? Warum kehrte er danach nicht an seinen vorherigen Wirkungsort bei den Inuit in Labrador zurück? Was geschah in den 12 Jahren, die Miertsching in Südafrika lebte?
All unsere Recherchen über Miertschings Leben, auch außerhalb der Arktisreise – ob in seiner heimatlichen sorbischen Oberlausitz, bei den Inuit in Labrador, oder später in Südafrika – werden in unser Buch über Miertschings Leben einfließen, das wir 2017, im Jahr seines 200. Geburtstags, veröffentlichen wollen.

Siehe auch In dieser eisigen Wüste, sowie „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator, Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren, Zuflucht in Whalers Point, Northumberland House und „Älteres“ (Link links oben im Archiv der Kategorie Miertsching)

posted by Mechtild Opel




kostenloser Counter