Archiv der Kategorie 'Miertsching'

Eistaucher auf Schatzsuche

Wracks im Polarmeer

Ein Schiffswrack kann eine wahre Schatzkammer sein. Zahlreiche wahre Berichte und noch viel mehr Gerüchte und Legenden existieren – etwa über Funde von unermesslich wertvollen Schätzen, Gold, Juwelen und dergleichen, im Bauch von gesunkenen Schiffen. Neben professionellen Archäologen ist daher weltweit auch die Gilde die Schatztaucher am Werk, immer in der Hoffnung auf wundersamen Reichtum.
Hier wollen wir jedoch über Schiffswracks reden, die zwar vermutlich weder Gold noch Juwelen verbergen, hingegen unschätzbar wertvolle Einblicke in die Geschichte geben und offene Fragen über ungeklärte Rätsel der Vergangenheit beantworten können – sogar wenn die betreffenden Gegenstände die Archäologen zunächst einmal vor neue Herausforderungen und Fragen stellen.


Live-Video: der leitende Archäologe Ryan Harris bei eine Weltpremiere –
direkt unter dem arktischen Eis gibt er eine erste Präsentation des Wracks der Erebus – Courtesy of Parks Canada

Das erst im Herbst 2014 geortete Wrack des Flaggschiffs der verschollenen Franklin-Expedition von 1845, HMS Erebus (siehe Blog Endlich gefunden – ist es Erebus oder Terror?), hat zweifellos das Potential einer Schatzkammer – zuallererst für die kanadischen Archäologen, die an seiner Erforschung beteiligt sind. Aber auch die Herzen von vielen Enthusiasten mit Interesse an der Geschichte der Polarforschung, auch aus anderen Ländern und Kontinenten, schlagen höher, sobald sie etwas über Fundstücke von Bord des Schiffes erfahren.

Taucher beim Bergen_des_Kanonenrohrs_Parks_Canada
Bergung eines Kanonenrohrs von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Im April startete Parks Canada eine noch nie zuvor dagewesene Aktion. Die Unterwasser-Archäologen, die dem Wrack von HMS Erebus im letzten Herbst wegen Stürmen, hohem Wellengang und zunehmender Eisbildung nur wenige Tauchstunden widmen konnten, gingen wieder ins eisige Nass. Diesmal allerdings unter einer meterdicken Eisdecke! Das Hindernis Eis wurde diesmal als Vorteil genutzt: es bot ein stabile Plattform für die Tauchgänge und machte es möglich, auch schwere Technik einzusetzen. Auf dem Eis direkt über dem Schiff konnte ein Arbeitszelt errichtet werden. Durch ein breites Loch, das ins Eis gesägt wurde, war es den Archäologen für eine knappe Woche möglich, weitere Untersuchungen am Wrack anzustellen.

Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe_Parks _Canada
Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Eismeer-Wasser ist im April auch kaum kälter als im September, Tauchen bei ca. -1°C Wassertemperatur ist jedoch immer eine Herausforderung. Marc André Bernier, Chef der Unterwasserarchäologen, sagt, dass man es nicht länger als eine Stunde unten aushalten kann. Das reichte – neben weiteren nötigen Vermessungen und Bestandsaufnahmen – zumindest dafür, dass die April-Expedition sogar einige bemerkenswerte Artefakte bergen konnte.

Ryan_Harris_Seilzughaken_Parks_Canada
Ryan Harris mit einem von HMS Erebus geborgenen Seilzughaken – Courtesy of Parks Canada

Dazu gehören nicht nur das Rohr eine Kanone und Bestandteile des Schiffes wie das Prismenglas eines Oberlichts und ein Seilzughaken aus Messing, sondern auch Gegenstände, die von den Menschen an Bord erzählen, wie Uniformknöpfe, ein Medizinfläschchen und sogar Porzellanteller.

Fundstueck_von_HMS_Erebus_Porzellanteller
Porzellanteller von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Die interessierte Öffentlichkeit konnte bereits einen vorläufigen Blick in die Geschichte der Franklin-Expedition werfen, als die Artefakte im Mai kurzzeitig in der Ausstellung „Breaking the Ice“ im Canadian Museum of History in Gatineau (vormals bekannt als „Museum of Civilization) gezeigt wurden. Sie bedürfen aber vorerst weiterer konservatorischer Behandlung, damit sie wegen der nun veränderten Umgebungsbedingungen keinen Schaden nehmen.

Taucher am Wrack von HMS Investigator_Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

HMS Erebus ist nicht das einzige Wrack von geschichtlicher Bedeutung.
Als die Archäologen von Parks Canada im Jahre 2010 in der Mercy Bay das Wrack von HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesandten Schiffe – entdeckten und im Sommer 2011 eine Folgeuntersuchung unternahmen (siehe Blog Lost Beneath the Ice – Bildband über HMS Investigator ), sah es äußerlich ganz ähnlich aus wie bei HMS Erebus: umherliegende Planken und Holzteile auf dem Deck und neben dem Schiff, Sedimentablagerungen, Bewuchs durch Algen und Kelp. Vielleicht ist der pflanzliche Bewuchs bei der Erebus stärker, denn dort sind viel mehr lange Kelp-Bänder zu sehen – sie liegt ja auch in etwas südlicheren Gewässern.


Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Auch bei der Untersuchung der Investigator konnten bereits einige aufschlussreiche Gegenstände geborgen werden, und ihr zu erschließendes archäologisches Potential wird als gewaltig eingeschätzt.

Fundstuecke vom Wrack_HMS Investigator
Artefakte, gefunden auf HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die weiteren Untersuchungen dieser Schiffe werden nicht einfach sein. Früher wie heute sind die äußeren Bedingungen in der hohen Arktis eine große Herausforderung – hier nur einige Stichworte dazu: extremste und unberechenbare Witterungsverhältnisse, ungewöhnlich aufwändige Logistik wegen der Abgelegenheit der Fundorte und dem Fehlen jeglicher Infrastruktur, hochspezialisierte Technik, hoher Aufwand an Kosten, Einsatzbereitschaft, Mut zum Risiko und Ausdauer der beteiligten Personen.

Am Wrack der Maud in Cambridge Bay
Am Wrack der Maud in Cambridge Bay www.facebook.com/maudreturnshome

Derzeit zeigen die Unternehmungen an einem dritten arktischen Schiffswrack, wie unberechenbar die arktischen Bedingungen sind. Die „Maud“, die unweit von Cambridge Bay auf Grund liegt, (siehe Blog Amundsens Maud – bald wieder unterwegs) sollte bereits 2014 geborgen und nach Norwegen transportiert werden. Zeit- und Kostenplanung erwiesen sich als hinfällig, als die arktischen Eisverhältnisse einfach nicht mitspielten – der Sommer 2014 war etwas anders als „vorgesehen“. Noch immer liegt die Maud an Ort und Stelle. Vielleicht klappt es ja in diesem Sommer, die Eisverhältnisse geben vorerst Grund zu Optimismus. In den letzten Tagen schauten Taucher das Wrack schon mal von unten an.

Eisverhaeltnisse Ende Juni 2015_Canadian Ice Service
Eisverhältnisse Ende Juni 2015 – Courtesy of CIS, Environment Canada

Wir sind gespannt, wie es mit den arktischen Schiffswracks weitergeht. Es braucht nicht nur Zeit, Technik, risikobereite Wissenschaftler. Entscheidend wird wohl sein, ob die finanziellen Mittel bereitgestellt werden und wie wichtig die Schätze unter dem Eis den Geldgebern sind. Bei der Maud scheint alles klar zu sein – außer den Wetter- und Eisbedingungen, doch ist hier die Prognose nicht schlecht. HMS Erebus hat nicht nur weltweit historisch Interessierte auf den Plan gerufen, sonder auch die derzeitige kanadische Regierung scheint dem Schiff eine Symbolkraft für die Untermauerung kanadischer Hoheitsrechte in der Arktis zuzumessen.

Muskete - gefunden an Bord von HMS Investigator 2011
Muskete, gefunden an Bord von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die letztere Rolle könnte aber auch HMS Investigator zustehen – hat doch die Mannschaft dieses Schiff erstmals die Existenz einer Nordwestpassage durch die Arktis bewiesen. Auch das archäologische Potential von HMS Investigator ist unbestritten. An Bord des Schiffes war J. A. Miertsching – (siehe auch Blog Ein Sorbe in der Arktis, Amerika ist eine Insel und ältere Artikel der Kategorie Miertsching), der die Reise der Investigator als Dolmetscher für Inuktitut begleitete und über dessen Leben wir zur Zeit ein Buch schreiben. Vielleicht findet sich im Bauch des Wracks eines Tages sogar die verschollene erste Fassung seines Reisetagebuchs?

Update: – Soeben erschien mein Artikel „In die Geschichte tauchen. Der Fund von HMS EREBUS“ im Magazin Marineforum, Heft 07-08 2015, S. 59-61.

posted by Mechtild Opel

Amerika ist eine Insel …

Gedanken zum 140. Todestag von Johann August Miertsching

Gründlich satt hat Miertsching die Arktis im Herbst 1854. Fast fünf Jahre voller unvorstellbarer Leiden und Entbehrungen, der fast schon gewisse Tod und dann eine unglaubliche Rettung in letzter Minute liegen nun hinter ihm und der Mannschaft von HMS Investigator, die ihr Schiff eingefroren im Hohen Norden zurücklassen mussten. Endlich können sie die Zone des Eises an Bord eines Rettungsschiffes verlassen; „… so segelten wir weiter nach Süden, u. passierten gegen Abend die Linie des Polar-Kreises. Seit dem 27. Juli 1850, wo wir die selbe Linie in der Beringstraße überschritten, haben wir im Polarkreis zugebracht. Ach möchte ich nie wieder diesen Kreis betreten.“

Cresswell - HMS Investigator im Eis
Miertschings Schiff HMS Investigator im Eis – Zeichnung von S.G. Cresswell

Nun endlich liegt die ersehnte Heimat vor ihnen. Vier Wochen später sind sie in England, und Ende November erreicht Miertsching seinen Geburtsort Gröditz in der Oberlausitz.
Im Reisetagebuch zieht er ein Fazit dieser Reise, die sie zu den Entdeckern der lange gesuchten Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik machte: „Unser Schiff Investigator hat die Aufgabe, Franklins Schicksal ans Licht zu bringen, auch nicht lösen können, hat aber eine andre seit Jahrhunderten gestellt Aufgabe, an deren Lösung schon viele, und auch Franklin’s Expedition ein Opfer geworden sind, vollständig gelöst so daß man nun nicht nur eine sondern zwei ‚Nordwestliche Durchfahrten‘ weiß…“

Die Arktis mit moeglichen Schiffspassagen
Mögliche Schiffspassagen durch die Arktis – von Susie Harder, Arctic Council

„…Obgleich unser Schiff daselbst als ein bleibendes Denkmal für künftige Zeiten im Eismeer verblieben ist, so bleibt doch der Mannschaft desselben der Ruhm, die ersten und einzigen zu sein, die auf dem Wasser ganz um Amerika herumgekommen sind, und dadurch der Welt bewiesen haben, dass Amerika eine Insel ist.“
Jedoch vermutet Miertsching, dass die entdeckte Nordwestpassage „ganz zwecklos und für die Schifffahrt nicht zu benutzen“ sei, „solange dort ein so kaltes Klima und die See mit 50 bis 60 Fuß starckem Eis bedeckt ist“. Vorerst hatte er damit auch recht – aber heutzutage ist es soweit: die Arktis verliert zunehmend ihr „kaltes Klima“, immer mehr Segler, Kreuzfahrtschiffe und sogar Frachtschiffe haben die Passage erfolgreich befahren.

Schiffe im arktischen Eis - Foto: Dr. Pablo Clemente Colon
Schiffe im arktischen Eis – Foto: Dr. Pablo Clemente Colon

Letzten Herbst hat das Transportschiff M/V Nunavik der kanadischen Firma Fednav mit einer Ladung Nickelerz selbstständig und ohne Beihilfe die Nordwestpassage durchquert – und damit Geschichte für die Frachtschifffahrt geschrieben. Schiffe dieses Typs können bis zu 1 Meter dickes Eis brechen und sich den Weg durch schmale Eiskanäle bahnen, sind also quasi Frachtschiff und Eisbrecher in einem, und können auf dem kurzen arktischen Weg zum Pazifik erhebliche Transportwege und -zeiten sowie Treibstoffkosten sparen.

Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas
Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas – von Susie Harder, Arctic Council

Wieder einmal blicken wir am 30. März – siehe auch unser Blog: „J.A. Miertsching zum Gedenken“ – auf das Leben von Johann August Miertsching zurück. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag nun zum 140. Mal! Inzwischen ist uns längst bewusst, dass die Jahre, die er in der Arktis mit der HMS Investigator auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition verbracht hat, zwar eine überaus wichtige Zeit in seinem Leben war, dass es aber ein bedeutsames „vorher“ und „nachher“ gab.

Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka
Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka

Viel zu wenig ist bisher bekannt über das Leben Miertschings außerhalb der Arktisreise. Wohl war er nach seiner glücklichen Rückkehr nach Deutschland, nach vier Wintern in den Schrecken des Eises und der Finsternis der Polarnacht, kurzzeitig so etwas wie eine Berühmtheit. Er wurde als Gast in Herrenhäusern und zum sächsischen König geladen, um von seinen Arktiserlebnissen zu berichten. Sein Reisetagebuch wurde in drei Auflagen gedruckt, ins Französische und Dänische übersetzt. Dennoch dauerte es nur einige Jahre, und er war so gut wie vergessen.

Kirche und Schule in Genadendal - Suedafrika
Kirche und Schule in Genadendal – Südafrika

Wie kam es dazu, dass der sorbische Schuhmacher überhaupt an einer britischen Arktisexpedition teilnahm? Warum kehrte er danach nicht an seinen vorherigen Wirkungsort bei den Inuit in Labrador zurück? Was geschah in den 12 Jahren, die Miertsching in Südafrika lebte?
All unsere Recherchen über Miertschings Leben, auch außerhalb der Arktisreise – ob in seiner heimatlichen sorbischen Oberlausitz, bei den Inuit in Labrador, oder später in Südafrika – werden in unser Buch über Miertschings Leben einfließen, das wir 2017, im Jahr seines 200. Geburtstags, veröffentlichen wollen.

Siehe auch In dieser eisigen Wüste, sowie „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator, Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren, Zuflucht in Whalers Point, Northumberland House und „Älteres“ (Link links oben im Archiv der Kategorie Miertsching)

posted by Mechtild Opel

„In dieser eisigen Wüste“ – Weihnachtsfest auf andere Art

Wir fielen vor Schreck fast aus dem Bett, als es um Mitternacht plötzlich laut donnerte und krachte. Es war der 24. Dezember, und zur Feier des Tages hatten wir in einem kleinen Restaurant im abgelegenen argentinischen Städtchen El Calafate – nahe der patagonischen Anden am Lago Argentino – zu Abend gegessen und, anstatt zu campen, uns ein Hotelzimmer gegönnt, und dazu eine Schachtel handgemachter Pralinen aus der örtlichen Chocolaterie und ein Fläschchen Likör aus Calafate-Beeren geleert. Das war unsere bescheidene „Bescherung“ – denn das eigentliche Weihnachtsgeschenk für unsere vierköpfige Familie war die Patagonienreise selbst gewesen.

Weihnachten auf der Suedhalbkugel - hier ist Sommer!
Weihnachten auf der Südhalbkugel: hier ist Sommer!

Schon um 11 lagen wir im Bett und schliefen.
Allerdings nicht lange. Auf Böller in der „heiligen“ Nacht vom 24. zum 25. waren wir – in Unkenntnis der hiesigen Bräuche – nicht gefasst, und erst recht nicht auf das dann noch fast zwei Stunden andauernden Gehupe, denn ein Autokorso lärmte unentwegt durch die Stadt.
Andere Länder, andere Sitten. Weihnachten schien für unsereins ohnehin nicht ganz zum Sommer der Südhalbkugel zu passen, auch wenn sich große Gletscher in der Nähe von Calafate befanden.
Dann schon eher zum Hohen Norden, zur Arktis?

Der Gletscher Perito Moreno
Der Gletscher Perito Moreno am Lago Argentino

Als der Oberlausitzer Johann August Miertsching, der eine britische Suchexpedition zur Auffindung der verschollenen Franklin-Expedition als „Eskimo“-Dolmetscher begleitet, im Jahr 1850 sein erstes Weihnachtsfest in der Polarnacht an Bord der im Eis eingefrorenen „HMS Investigator“ erlebt, fällt auch er fast aus allen Wolken. Er ist so befremdet, dass er im Tagebuch sein Missfallen nur knapp ausdrückt:
… aber leider ertönt in dieser eisigen Wüste kein Hosianna. Wie und auf welche Weise dieser Tag, u. überhaupt das Weihnachtsfest hier gefeiert wurde, halte ich nicht für werth in mein Tagebuch einzutragen, wird mir aber mein Leben lang im Andenken bleiben. … konnte aber die ganze Nacht wenig schlafen, wegen dem Lärm u. Specktackel, was von einigen, die zuviel und starck getruncken, die ganze Nacht hindurch verursacht wurde.

Seemaenner beim Feiern
Seemänner beim Feiern – Zeichnung von Georg Cruikshank

Auch ein Jahr später hat das arktische Eis die „Investigator“ noch im Griff. Seit September 1851 ist das Schiff in der Mercy Bay, im Norden von Banks Island, eingefroren. Miertsching ist inzwischen arg vom Heimweh geplagt und hängt Erinnerungen an die Feiern in der Brüdergemeine der Herrnhuter nach, und so ist das Fest an Bord wiederum eine Enttäuschung für ihn:
… Wir haben wieder ein fröhliches Weihnachtsfest gefeiert; aber welche Fröhlichkeit herrschte hier? Keine solche, wo sich ein wahrer Christ mitfreuen könnte; wenn das in England überall so gefeiert wird wie hier und auf andern Schiffen von Engländern, so sollte man doch dieses ein Freß- u. Sauffest nennen.“

Grog aus dem Eimer
Hier wird der Grog im Eimer angerichtet – zeitgenössische Illustration in „Aboard Ship“ von Charles Dickens

Die Hoffnung, die „Investigator“ im Sommer 1852 freizubekommen und zurück nach Europa zu segeln, sollte sich nicht erfüllen. Ein dritter Winter in der Arktis steht bevor, und diesmal ist nicht nur die Kälte, sonder auch der Hunger ein Feind. Die missliche Lage der im arktischen Eis gefangenen Männer hat sich durch den Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und Kerzen deutlich verschärft. Kann das Weihnachtsfest etwas Licht in die Dunkelheit der Polarnacht bringen und den Hoffnungslosen wieder ein wenig Freude bereiten?
Miertsching, obwohl ihm die Sitten und Bräuche der englischen Matrosen noch immer nicht zusagen, springt nahezu über seinem Schatten; er schildert das Fest, das zu Weihnachten 1852 an Bord des Schiffes veranstaltet wird, diesmal fast ohne kritische Worte – und sogar mit etwas Anerkennung für die Bemühungen der Crew:

traditioneller Plum Pudding
Plum Pudding, der traditionelle britische Weihnachtskuchen

Heute ist das fröhliche Weihnachtsfest; – ist es auch für mich fröhlich? – ach es liegt nur an mir selbst daß es nicht so ist wie es sein sollte u. könnte. … Das Unterdeck, die Wohnung der Matrosen, war auf’s geschmackvollste ausgeziert mit Flaggen u. Bildern, – von den Matrosen selbst gemalte u. gezeichnete Scenen unsrer verschiedenen Positionen auf der Reise u. im Eis; u. Fahnen sowie geschriebene Dencksprüche in Reim zierten die Wände; – auf jedem der Tische stand ein großer plum pudding, einen Berg vorstellend, auf welchen die kleinen seidenen von den Matrosen selbst verfertigten engl. Flaggen und Kriegswimpel wehten. Der Proviantmeister hatte gewußt ein viertel Moschusochsen aufzubewahren, dasselbe wurde nun als echt englisches roast Beaf produciert, welches eine unverhoffte Freude und vielen Spaß verursachte. … Es war ein angenehmer vergnügter Tag für jeden auf dem Schiff.“

Schlitten verlassen HMS Investigator
Schlitten verlassen die Investigator – Zeichnung von S.G. Cresswell

Und noch ein weiteres Weihnachtsfest müssen Miertsching und seine Gefährten in der Arktis verbringen. Die im Eis gefangene „Investigator“ hatten sie im Frühjahr 1853 aufgeben müssen, aber vor dem fast schon sicheren Tod auf einem Hungermarsch durch arktische Weiten wurden sie bewahrt: Eine andere britische Schiffsexpedition auf der Suche nach Franklin konnte die Mannschaft retten und aufnehmen.

Wrack der HMS Investigator
Das Wrack der HMS Investigator (1853 im Eis der Arktis verlassen und später gesunken) wurde 2010 wieder gefunden — Foto: Parks Canada

Doch auch die rettenden Schiffe, HMS Resolute und HMS Intrepid, werden vom Wintereis umklammert gehalten. Miertsching ist wie seine Kameraden froh, überlebt zu haben; er hat sich inzwischen an die fremden Weihnachtsbräuche gewöhnt und findet sogar durchweg freundliche, wenn auch knappe Worte:

Weihnachtfeier auf britischem Kriegsschiff
Weihnachtsfeier auf britischem Kriegsschiff, Ende des 19. Jh.

Heute wurde das Heil. Christfest nach englischer Schiffsmanier mit Essen, Trincken u. Fröhligsein verbracht. Roast beef und plum pudding darf an diesen Tage nicht fehlen. Die Matrosen-Wohnungen in beiden Schiffen, waren sehr geschmackvoll mit Flaggen, Bildern und verschiedenen schön geschriebenen Motto’s ausgeziert.
Erst 1854 kann Miertsching das Weihnachtsfest endlich wieder in vertrauten Kreisen in seiner Familie und der Herrnhuter Brüdergemeine verbringen, nachdem er im Oktober 1854 zunächst nach England und von dort Ende November in die Oberlausitz zurückgekehrt war.

Herrnhuter Stern
Herrnhuter Adventsstern

posted by Mechtild Opel

Johann August Miertsching – Zum Gedenken

Dieser Tage können wir in ganz Deutschland viel Grün und farbige Blüten sehen – unzweifelhaft hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass heute vor 139 Jahren in der Oberlausitz das Thermometer unter -10°C anzeigte.
Der Winter von 1874/75 suchte die Oberlausitz in ungewöhnlicher Strenge heim. Bereits seit November hatte fast durchweg, mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen, scharfer Frost geherrscht, der auch Ende März noch anhielt. Kein Frühling war in Sicht, als das Leben des damals noch nicht einmal 58-jährigen Johann August Miertsching am 30. März 1875 in Kleinwelka bei Bautzen überraschend zu Ende ging.

Bruederhaus in Kleinwelka
Als junger Mann wohnte Miertsching im Brüderhaus in Kleinwelka

In Kleinwelka hatte der 1817 in Gröditz geborene und aufgewachsene Sorbe Miertsching seine Jugendjahre verbracht, hier hatte er das Schusterhandwerk erlernt und war als junger Mann in die Herrnhuter Brüdergemeine, eine protestantisch geprägte Religionsgemeinschaft, aufgenommen worden. 27jährig wurde er in den Missionsdienst berufen und reiste über London mit dem Segelschiff „Harmony“ nach dem Norden Labradors, in die Missions-Siedlung Okak.

Missions-Siedlung Okak
Die Missionsstation Okak im Norden Labradors

Hier war Miertsching zunächst im Schuldienst tätig und begann sogleich Inuktitut, die Sprache der Inuit, zu lernen. Er unterrichtete die Kinder in Lesen und Schreiben, aber auch in Geografie und Musik; nach einiger Zeit hielt er auch Predigten in Inuktitut. Und natürlich war er, wie auch andere Missionare, mit den notwendigen Alltagsverrichtungen in dieser harschen subarktischen Umgebung befasst: etwa dem Anbau von Gemüse in Frühbeet und Garten, oder dem Herbeischaffen von Brennholz aus den bewaldeten Regionen weiter südlich.
Nach fünfjährigem Dienst in Labrador war Miertsching gerade erstmals auf Urlaub zu seiner Familie in Gröditz heimgekehrt, als er schon wenige Tage später die Anfrage für eine ganz andere Mission erhielt: Er sollte im Auftrag der britischen Admiralität als Dolmetscher eine Schiffsexpedition in die Arktis begleiten, um die seit drei Jahren auf der Suche nach der Nordwest-Passage verschollene Franklin-Expedition zu finden.

Die HSM Investigator wird verlassen
Die HMS Investigator in der Prince of Wales Strait, Nordwestpassage

Die Einzelheiten über dieser Expedition auf dem Segelschiff HMS Investigator – die Beschwernisse durch Stürme, Eis und Kälte, die Entbehrungen, Hunger und Not, die unglaublichen Leistungen der Expeditionsteilnehmer, die sich, als ihr Schiff mehrere Winter im Eis eingefroren blieb, nach Gewaltmärschen durch die arktischen Einöden schließlich retten konnten, kann man im Reisetagebuch Miertschings nachlesen. Einige Erwähnungen hinsichtlich dieser Zeit findet man auch hier auf dem Blog.

Titelblatt Reisetagebuch Miertsching
Titelblatt des Reisetagebuchs von J.A. Miertsching

Über seine Leistungen und Verdienste bei der Expedition soll an dieser Stelle nicht gesprochen werden, aber wir wollen zumindest erwähnen, dass die überlieferten Aufzeichnungen der Seeleute und Offiziere an Bord der HMS Investigator und der Rettungsschiffe der Royal Navy dem sorbischen Schuhmacher und Missionar höchste Wertschätzung zuteil werden lassen. Er gehörte zu den auserwählten Seeleuten, die für aussergewöhnliche Leistungen die von Queen Victoria gestiftete „Arctic Medal“ erhielten.

Johann August Miertsching 1854
Johann August Miertsching 1854

Bereits zwei Jahre nach seiner glücklichen Rückkehr aus der Arktis verließ Miertsching die Oberlausitz wieder, nachdem er kurz zuvor geheiratet hatte. Diesmal bleib er für lange Zeit weg: 12 Jahre lang diente er in der Herrnhuter Mission in Südafrika, wo er in den Stationen Elim und Genadendal vorwiegend den Handel betreute – teils unter misslichen Umständen in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit.

Genadendal
Missionsstation Genadendal, Südafrika

Von den sechs in Südafrika geborenen Kindern des Paares überlebten nur zwei Töchter; die älteste war, wie bei den Herrnhuter Missionaren üblich, bereits im Schulalter von den Eltern getrennt und in die Mädchen-Anstalt nach Kleinwelka geschickt worden.

Kleinwelka Maedchenanstalt
Die Mädchenanstalt in Kleinwelka

1869 verließ die Miertsching mit seiner Frau und der zweiten Tochter, damals gerade neun Monate alt, Südafrika und kehrte zurück nach Deutschland. Die Familie siedelte sich in Kleinwelka an und war so wieder vereint. Aus dem erträumten geruhsamen und glücklichen gemeinsamen Familienleben in der Heimat wurde jedoch nichts. Schon nach wenigen Monaten starb Miertschings Frau, die seit längerem gesundheitliche Probleme hatte. Glücklicherweise konnte Miertschings Halbschwester ihm in der Folgezeit bei Haushaltsführung und Kinderbetreuung unterstützen.

Grabstein Miertschings
Grabstein von Miertsching auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Die folgenden Jahre verbrachte Johann August Miertsching als Witwer in Kleinwelka – und boten ihm die gegebenen Umstände nicht viel Anlass zur Freude, so konnte er vielleicht etwas Zufriedenheit finden, wenn er von seinen im Ruhestand befindlichen Missionars-Kollegen aufgefordert wurde, von dem bedeutendsten Ereignis seines Lebens, der Reise in die Arktis und seinem Anteil an der Entdeckung der Nordwest-Passage zu erzählen. Miertsching wurde auf dem Gottesacker der Herrnhuter in Kleinwelka bestattet. Noch heute ist sein Grabstein dort erhalten. Seine Nachfahren leben weit verstreut in Kanada, den USA, Surinam und in Deutschland.

siehe auch Ein Sorbe in der Arktis oder Nordwestpassage vor 160 Jahren und „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator“ und weitere Beiträge in der Kategorie „Miertsching“.

by Mechtild Opel

„Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator

Wir verließen nun am 15. April unser Schiff Investigator und kamen am 2. Mai hier auf den Schiffen Resolute und Intrepid, Capitän Kellet, wohlbehalten an. Wir waren 29 Mann mit 4 Schlitten und 4 Zelten. Auf unserm Investigator hatten wir 2 Jahre lang uns mit sehr knapper Kost begnügen müssen, indem wir täglich nur ⅔ der bestimmten Schiffsportion erhalten konnten, und sind nun sehr froh und dankbar, dass wir uns endlich wieder alle Tage satt essen können.
Das schreibt Johann August Miertsching nach drei entbehrungsreichen Wintern im arktischen Eis, nun gerettet an Bord des Schiffes Resolute, Dealy Island, am 4. Mai 1853, in einem Brief nach Deutschland.

Schlitten verlassen HMs Investigator
1853: Schlitten verlassen HMS Investigator – Stich nach einer Zeichnung von S.G. Cresswell

Morgen geht von hier ein Schlitten mit dem Doctor nach der Bay of Mercy, um die auf dem Investigator zurückgebliebene Mannschaft aufzusuchen, und vielleicht alle hierherzubringen, in welchem Fall dann das Schiff seinem Schicksal überlassen wird. – Mit dieser Prognose behielt Miertsching recht; das Schiff HMS Investigator, seit zwei Jahren im festen Eis der Mercy Bay eingeschlossen, wurde tatsächlich verlassen und aufgegeben. Mit Ausnahme von fünf Besatzungsmitgliedern, die Unterernährung und Krankheiten nicht überlebt hatten und in der Arktis ihre letzte Ruhestätte fanden, wurde die gesamte Mannschaft gerettet und kehrte später nach England zurück.
Siehe auch unsere Blogs Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren: Mai 1853, Warten auf den Eisaufbruch in der Arktis – heute wie vor 160 Jahren.
(Über die Entdeckung der Nordwestpassage informiert auch unser Kanada-Lesebuch!)

Expeditionscamp an der Mercy Bay
2011: Expeditionscamp an der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Der letzte historische Bericht über den Zustand des Schiffes stammte aus dem Jahr 1854. Frederic Krabbé, Leutnant der Britischen Admiralität, hatte HMS Investigator im April nochmals aufgesucht, um wichtige an Bord befindliche Gegenstände zu bergen, die man zurückgelassen hatte, als das Schiff im Jahr zuvor in der Mercy Bay im Norden von Banks Island aufgegeben worden war.
Krabbé berichtete, dass Wasser in den Schiffskörper eingedrungen und innen gefroren war; das Schiff hatte sich zwar 10 Grad nach Steuerbord geneigt, jedoch bisher allen Eispressungen standgehalten. Von den noch an Bord vorhandenen Vorräten wurde an der Küste ein Depot zur Nutzung durch künftige Explorer angelegt.

Archaeologen untersuchen das Depot
McClure Cache: Archäologen untersuchen das Depot – Photo: Courtesy of Parks Canada

Wahrscheinlich aber war das Schiff bereits kurz darauf gesunken, denn keiner der Forscher, die den Ort im frühen 20. Jahrhundert erreichten, hat es noch sichten können. Die Bucht war ständig von Eis bedeckt. In jüngster Zeit hat sich das infolge der globalen Erwärmung geändert: als im Juli 2010 eine archäologische Expedition von Parks Canada die Mercy Bay – heute Teil des Aulavik National Park – erforschte, war die Eisdecke großenteils aufgebrochen.

Mercy Bay eisfrei Luftbild 2011
Sommer 2011: die Mercy Bay ist fast eisfrei – Photo: Courtesy of Parks Canada

Man ließ ein Schlauchboot zu Wasser, und bereits nach wenigen Minuten waren die Umrisse des gesunkenen Schiffes erkennbar! Das Deck liegt nur acht Meter unter der Wasseroberfläche.

Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Über die Reise der HMS Investigator zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, die Entdeckung der Nordwestpassage unter Kapitän McClure und über die Wiederentdeckung und Erforschung des Wracks durch die Unterwasserarchäologen von Parks Canada berichtet der Bildband „Lost Beneath the Ice“, der vorige Woche in Ottawa vorgestellt wurde.

Bildband ueber HMS Investigator
Der neue Bildband über HMS Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Der Text fasst auf 38 Seiten bereits bekannte Informationen kurz zusammen; das reiche historische Bildmaterial verdeutlicht recht anschaulich die Seefahrt in der Arktis mit all ihren Risiken – nicht nur im 19. Jahrhundert; faszinierende Farbfotos geben einen Eindruck vom Zustand des Wracks heute sowie von den gefundenen Artefakten und zeigen die grandiose Arbeit des Archäologenteams, das in einem sehr engen Zeitfenster arbeiten musste.

Ryan Harris vor dem Tauchgang
Ryan Harris vor dem Tauchgang – Photo: Courtesy of Parks Canada

In einem Interview erzählte uns der Unterwasserarchäologe Ryan Harris von den aufregenden Tauchgängen – bei Wassertemperaturen zwischen +1 und -2°C – die manchmal bis 3 Uhr morgens andauerten. Jedes der sechs Teammitglieder tauchte vier mal am Tag für 60 bis 70 Minuten. Das günstige Wetter sowie Kerosinheizer in den Arbeitszelten sorgten dafür, dass man anschließend wieder warm werden konnte – und auch der Adrenalinschub, hervorgerufen durch das fast surreale Empfinden, an einem so abgelegenen Ort unter der Mitternachtssonne an einem derart geschichtsträchtigem Objekt zu arbeiten und damit eine emotionale Verbindung zu den Heroen der Vergangenheit zu bekommen – beispielsweise auf gleichen Planken zu stehen wie einst Kapitän McClure*.
*Interview mit Ryan Harris über die Erforschung des Wracks der HMS Investigator, unveröffentlichtes Manuskript

Artefakt_Reparaturbeduerftiger Schuh
Gefunden an Bord des Wracks – ob der gelernte Schuhmacher Miertsching den Schuh reparieren wollte? – Photo: Courtesy of Parks Canada

Dass die aufwendigen Arktis-Expeditionen zur Suche nach den Schiffen Erebus, Terror und Investigator überhaupt stattfinden konnten – trotz staatlicher Sparmaßnahmen, die gravierende Einschnitte für die archäologische Forschung in Kanada zur Folge haben – ist wohl der symbolischen Bedeutung geschuldet, die die Harper-Regierung der Franklin-Expedition im Zusammenhang mit der „arktischen Souveränität“ (Kanadas Gebietsansprüchen in der Arktis) zumisst.

Taucher am Wrack der Investigator
Taucher am Wrack der Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Update: Siehe auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“
[Update 9.9.2014: Franklin-Schiff gefunden!]

posted by Mechtild Opel




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