Archiv der Kategorie 'Labrador'

Weihnachten in Labrador

Deutsche Weihnachtslieder unter dem Polarlicht

Kuvianak inovia – so heißt der Gruß „Frohe Weihnachten“ bei den Inuit in Labrador an Kanadas Nordostküste. In diesen Tagen sind die Kirchen und auch die Wohnungen in Makkovik, Hopedale und Nain mit Adventskränzen und Herrnhuter Sternen geschmückt, und manche Inuit singen deutsche Weihnachtslieder wie „Napâttuasuk” (O Tannenbaum) und „Unnuak Upinnak“ (Stille Nacht) – in ihrer Sprache Inuktitut, wie es schon seit über 200 Jahren Brauch ist.

Herrnhuter Stern
Herrnhuter Stern

Schon seit Jahrhunderten gab es in der Zeit, in der wir Weihnachten feiern, auch bei den Inuit aus Labrador ein Fest des Wiedersehens, wenn man nach langer Trennung wieder mit Freunden und Verwandten zusammentraf. Die Jägernomaden waren im Frühjahr aufgebrochen, um zu jagen und zu fischen. Robben, Karibus, Füchse, Forellen, Lachse, Kabeljau und Seesaibling wurden für Essen, Kleidung und für Jagd- und Fischfanggerät benötigt – später auch für den Handel, z.B. gegen Mehl, Zucker, Tee und Stoffe. Erst wenn überall Schnee lag, die Gewässer gefroren waren und dickes Eis vor der Küste lag, wurde eine Pause eingelegt, und die Familien trafen im Dezember wieder an den Siedlungsplätzen zusammen.

Kirche Makkovik um 1900
Kirche von Makkovik – um 1900

1771 hatten Missionare der Brüdergemeine aus Herrnhut in der Oberlausitz in Nain die erste Missionsstation an Labradors Küste errichtet. Noch heute heißt die Schule dort Jens Haven Memorial School, nach dem Begründer. Es folgten Missionsstationen in Okak (1776) und Hopedale (1782), 1830 wurde Hebron gebaut, 1865 Zoar, 1871 Ramah, und 1896 gründete der Missionar Hermann Theodor Jannasch die Mission Makkovik.
Im 19. Jahrhundert waren die meisten Labrador-Inuit bereits getauft und nahmen an den christlichen Weihnachtsfeiern teil. Nach Möglichkeit gab es in jeder Hütte einen geschmückten Weihnachtsbaum. Selbst in den Gemeinden nördlich der Baumgrenze wurden Touren mit dem Hundeschlitten nach Süden unternommen, um aus dem Wald nicht nur Brennholz, sondern auch Tannenbäume für das Fest herbeizuschaffen.

In alten Zeiten_Weihnachten Labrador
Weihnachten in Labrador – in alten Zeiten

Am 24. Dezember begab man sich nachmittags um 4 Uhr in Festkleidung zur Christnachtsfeier in den nur schwach beleuchteten Kirchensaal. Hier wurde die Weihnachtsgeschichte verlesen, und anschließend sangen die Schulkinder ein Lied, während für jeden ein Stück Gebäck ausgeteilt wurde. Nun folgte der Gesang aller Erwachsener: „Sillaksub pingortitinga, Mariable Sardliapa“ – „Das ewig‘ Licht geht da hinein, gibt der Welt ein‘n neuen Schein“ – als die Türe aufsprang und Kirchendiener mit Tabletts voller brennender Kerzen in die dunkle Kirche einzogen. Jedes Kind bekam eine Kerze in einer ausgehöhlten Wasserrübe, die als Kerzenständer diente. Bevor ausreichend Wachskerzen aus Europa eingeführt wurden, waren diese Kerzen aus dem Talg der Karibus gezogen worden – was bedeutete, dass die Kinder sie hinterher essen konnten; zusammen mit der Wasserrübe und dem Gebäckstück bildeten die Kerzenstümpfchen eine recht ausgefallene Festtagsmahlzeit.

Adventskranz in der Kirche in Makkovik
Adventskranz in der Kirche in Makkovik

Unter dem Gesang von “Unnuak Upinnak“ (Stille Nacht, heilige Nacht), begleitet vom Posaunenchor, verließen die Gemeindemitglieder nun die Kirche. Am 1. Feiertag gab es dann eine Festpredigt mit Chorgesang und Geigen. Die Weihnachtszeit klang nach dem Herrnhuter Brauch mit dem Erscheinungsfest am 6. Januar, auch „Heidenfest“, hier „Nalajuk Night“ genannt, aus.

Kirche in Nain_Labrador 2009
Die Kirche von Nain – 2009

Heute gibt es die Siedlungen in Ramah, Okak, Zoar und Hebron nicht mehr; aber in Nain, Hopedale und Makkovik sind wie damals die Kirchen mit Adventskränzen und Herrnhuter Sternen geschmückt. Nach altem Brauch geht man um 16:00 in die Kirche und singt gemeinsam die traditionellen Lieder beim „Candlelight Service“, die Kinder erhalten Kekse, und die Kerze gibt es nun mit einem Apfel. Und auch am 6. Januar, „Old Christmas“, ziehen noch drei als „Nalajuk“, (Weise Männer), verkleidete Personen durch das Dorf.

posted by Mechtild Opel

Bernhard Hantzsch – Ein Dresdner in Labrador

Für Biologen gilt es als besondere Auszeichnung, wenn ihr Name bei der Bezeichnung einer neu gefundenen Tier- oder Pflanzenart Verwendung findet. Gleiches gilt für Physiker und Astronomen, die mit der Benennung von Himmelskörpern, oder deren Krater, Mare etc. gewürdigt werden. Im Zeitalter der geografischen Erkundung der Erde hatten die Entdecker das Vorschlagsrecht für Ortsbezeichnungen und dankten auf diese Weise ihren Herrschern, Sponsoren oder deren Familienmitgliedern und hofften so, sich weitere Mittel für künftige Reisen zu sichern.

Karte Labrador Inseln
Inseln vor Labrador – © Atlas of Canada

Beim Studium der geografischen Namen auf Detailkarten kann man deshalb oft Rückschlüsse auf die Entdeckungs- und Besiedlungsgeschichte der jeweiligen Regionen ziehen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Karte von Nord-Labrador, der Halbinsel im Osten Kanadas, die viele Ortsbezeichnungen mit Namen deutscher und auch sorbischer Herkunft enthält: Kohlmeister Island, Kmoch Island, Martin Bay, Lenz Strait oder auch Hettasch Island. Hier wurden bekannte Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine verewigt, die in den Missionsstationen entlang der Küste Labradors langjährig tätig waren.

Insel Neu-Plauen
Insel Neu-Plauen – Foto: Bernhard Hantzsch, Sammlung Familie Dr. Dietz

Auf einer älteren deutschen Karte der Region wurde eine der Inseln in der Nähe von Kmoch Island und Kohlmeister Island mit Neu-Plauen bezeichnet. Das ist ungewöhnlich, denn ein Ort Neu-Plauen findet sich in Deutschland nicht. Heute heißt die Insel Home Island, sie verweist also auf Heimat und damit ist das „Rätsel“ schon gelöst, denn Plauen war ein Stadtbezirk in Dresden, in dem der bekannte Ornithologe und Forschungsreisende Bernhard Hantzsch als Lehrer tätig war.

Bernhard Hantzsch
Bernhard Hantzsch – Foto: Wilhelm Moeck, Sammlung Familie Dr. Dietz

Hantzsch hatte 1906 den Nordosten Labradors bereist und hielt sich während seiner Studien von August bis Oktober in der Region um die Missionsstation Killinek auf. Gemeinsam mit seinem Inuit-Guide Paksau bereiste er die umliegende Inselwelt. Er studierte Tiere und Pflanzen und beschäftigte sich mit der Kultur und Geschichte der Labrador-Inuit.

Bernhard Hantzsch mit Paksau
B. Hantzsch und Paksau – Foto: Bernhard Hantzsch, Sammlung Familie Dr. Dietz

Um sich besser mit den Inuit verständigen zu können, begann er ihre Sprache zu erlernen und legte sich dafür ein handschriftliches Wörterbuch Inuktitut-Deutsch an, das heute noch erhalten ist. Teile der Sammlung von Bernhard Hantzsch befinden sich in verschiedenen Museen und Archiven. Die umfangreichste Ausstellung ist in der Bernhard-Hantzsch-Schule in Hartha zu sehen, wo man sich anhand vieler Leihgaben, auch von Familienangehörigen, mit dem Leben des in Deutschland bisher noch nicht ausreichend gewürdigten Forschers beschäftigen kann.

Inuit von Killinek
Inuit von Killinek – Foto: Bernhard Hantzsch, Sammlung Familie Dr. Dietz

Hantzsch kam 1911 während einer Durchquerung von Baffin Island auf tragische Weise ums Leben. Seine Aufzeichnungen aber gelangten dank der ihn begleitenden Inuit letztendlich bis nach Dresden. Infolge der Auswirkungen des 1. Weltkrieges sind sein Reisewerk und seine Tagebücher bis heute in Deutschland nicht vollständig publiziert. Anders dagegen in Kanada, wo schon 1967 eine umfangreiche Darstellung der Reise durch Baffin Island erschienen ist und viele Artikel zu Teilaspekten der Tätigkeit von Hantzsch publiziert wurden.

Frauen von Killinek
Frauen von Killinek – Foto: Bernhard Hantzsch, Sammlung Familie Dr. Dietz

In Kanada gilt Bernhard Hantzsch als einer der bedeutenden Entdecker, der zu den wenigen gehörte, die unvoreingenommen und ganz in der Art der Inuit die Arktis bereisten. Heute gibt es in Nunavut drei Ortsbezeichnungen, die auf den Forscher aus Dresden verweisen: Hantzsch Bay, Hantzsch River und Hantzsch Island.

Frauen und Kinder
Frauen und Kinder einer Labrador-Gemeinde – Foto: Bernhard Hantzsch, Sammlung Familie Dr. Dietz

Siehe auch: Geburtstag in Eis und Schnee

posted by Wolfgang Opel

Baskische Walstation im kanadischen Labrador wurde UNESCO-Welterbe

Vor zehn Jahren, im Juli 2003, hatten wir uns auf den Weg gemacht, um per Auto den Südosten Labradors zu erkunden. Das war möglich geworden, als die bis damals existierende kurze Küstenstraße von Blanc-Sablon nach Red Bay um 340 km Schotterpiste auf eine Gesamtlänge von 420 km – bis nach Cartwright verlängert wurde.

Blick auf Red Bay
Blick auf Red Bay

Nach etwa 80 km, am Ende der Bitumenstraße, erreichten wir am späten Nachmittag Red Bay – einen freundlichen kleinen Ort an der Strait of Belle Isle, der allerdings auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Verfallende Fischfabrik in Red Bay
Neuzeitliche Fischfabrik in Red Bay, im Verfall begriffen

Jedoch fanden wir ein überaus interessantes Museum mit mehreren Gebäuden und Außenanlagen vor. Wir setzten nach Saddle Island über, um die Reste einer alten Walfangstation zu besichtigen. Auf dem Boot war auch ein Filmteam, geführt von einer älteren Dame. Diese Gruppe blieb noch auf der Insel zurück, als der Schiffer uns wieder abholte. Er erzählte uns, dass die Frau Selma Barkham sei, der die Entdeckung der Fundstellen auf Saddle Island zu verdanken ist.

Verwitterter Walknochen auf Saddle Island
Relikt der Vergangenheit: ein verwitterter Walknochen auf Saddle Island

Selma Barkham, die zuvor für Parks Canada gearbeitet hatte, begann in den 1970er Jahren auf eigene Kosten, in baskischen Archiven zu recherchieren. Die Dokumente, die sie fand, berichteten über die Reisen von baskischen Fischern zum Kabeljau- und Walfang nach „Terra Nova“, wie das Land im Westen damals bezeichnet wurde. Selma Barkhams Analyse der Dokumente führte letztendlich zu den Fundstellen auf Saddle Island, wie auch 1978 zur Hebung des heute im Red Bay Visitor Center ausgestellten Wracks der alten Schaluppe durch die Unterwasser-Archäologen von Parks Canada. Mit Hilfe der baskischen Dokumente konnten die meisten Funde auf Saddle Island zugeordnet und identifiziert werden. Viele davon sind heute im Museum in Red Bay zu sehen.

Alte Schaluppe in Red Bay
Die alte Schaluppe, die von Unterwasserarchälogen gehoben wurde

Der kleine Ort Red Bay hat nur 227 Einwohner, aber seine Geschichte reicht viel weiter zurück als man glaubt. Bereits vor weit über 400 Jahren, seit ca. 1530, gab es hier eine regelrechte „Fabrik“ zur Herstellung von Walöl. Hunderte bis Tausende Menschen verbrachten die Sommer an den Küsten Südlabradors in reger Geschäftigkeit. Auf Saddle Island wurden die Wale verarbeitet, die vor der Küste harpuniert worden waren. In den ertragreichsten Jahren wurden an den Küsten Labradors jährlich über 20.000 Barrel Walöl produziert. Das 17. Jahrhundert brachte jedoch das Ende der baskischen Walindustrie, wohl eine Folge der Verluste der spanischen Flotte im Kampf gegen die Briten; doch auch die Walbestände in der Strait of Belle Isle waren drastisch zurückgegangen.

Tonscherbenhaufen auf Saddle Island
Tonscherbenhaufen weisen auf frühere Gebäude der Basken hin

Am vergangenen Sonnabend, dem 22. Juni 2013, hat das UNESCO World Heritage Committee die Red Bay Basque Whaling Station zur Liste des Welterbes hinzugefügt. In der Begründung heißt es, dass es das früheste, vollständigste und am besten erhaltene Beispiel für die europäische Walfang-Tradition ist. „Gran Baya“, wie es zur Zeit der Gründung genannt wurde, war die Küstenbasis für das Zerlegen der Wale und die Verarbeitung des Fettes zu Walöl, das damals in Europa sehr gefragt war; es wurde vorwiegend zur Beleuchtung verwendet, aber auch als Spezialöl für feinmechanische Zwecke. Noch heute sieht man die Überreste von Schmelzöfen, Werktstätten zur Faßherstellung, Fundamente der Wohnstätten sowie die Anlegeplätze und einen Friedhof.

altes Ladengebäude
Wird die Gemeinde nun einen neuen Aufschwung nehmen können?

Die Ernennung zur Weltkulturerbestätte wird für den kleinen Ort sicher eine Veränderung bedeuten – man rechnet, dass bis zu 7000 Touristen pro Jahr die neue Attraktion besuchen werden.
Hoffen wir, dass auch die Verdienste der mittlerweile 86jährigen Selma Barkham gewürdigt werden, die durch ihre selbstlose Arbeit ein wichtiges Kapitel baskischer und kanadischer Geschichte aufgedeckt und bekannt gemacht hat.

Interessantes über die frühe Besiedlung Labradors durch Europäer findet man auch im Kanada-Lesebuch und mehr über Red Bay und andere Sehenswürdigkeiten an Labradors Küste im Reiseführer Kanada Maritimes.

posted by Mechtild Opel

Abraham und die Labrador-Inuit in Europa

Wir schreiben das Jahr 1880. Am frühen Morgen des 16.Oktober erreicht eine ungewöhnliche Reisegesellschaft den Hamburger Bahnhof von Berlin. Es ist eine Gruppe von „Eskimos“, Inuit aus Labrador. (Siehe auch Blogeintrag vom 26.6.2012). Sie reisen in Begleitung von Angestellten des Tierhändlers Carl Hagenbeck auf einer Tournee, einer sogenannten Völkerschau, durch verschiedene Städte Europas: Hamburg, Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris sind die Stationen. Die Gruppe besteht aus zwei Familien: Abraham mit seiner Frau Ulrike und den beiden Töchtern Sara und Maria sowie Tobias, ihrem Verwandten aus Hebron, einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine; und Terrianiak (andere Quellen schreiben Tigganiak), der mit Frau Paingo und Tochter Nochasak weiter nördlich von Hebron im Nachvak Fjord lebte.

Berlin Hamburger Bahnhof
Berlin, Hamburger Bahnhof, um 1850

Die Reise der Inuit ist erstaunlich gut dokumentiert, sowohl in den Veröffentlichungen der Brüdergemeine und in der Tagespresse, aber auch im Tagebuch von Adrian Jacobsen, dem Beauftragten von Hagenbeck, der die Inuit in Labrador überzeugt hatte, ihm auf einer Reise nach Europa zu folgen, und in einer Broschüre von Hagenbeck. Außerdem gibt es sogar noch die Abschrift einer Übersetzung von tagebuchartigen Notizen des Inuit Abrahams. Diese Abschrift, die seinerzeit Bestandteil verschiedener Veröffentlichungen der Brüdergemeine in deutsch und auch in französisch war, wurde erst 100 Jahre nach der Reise der Inuit durch den kanadischen Wissenschaftler J. Garth Taylor wieder aufgefunden und kurz danach ins Englische übersetzt. Leider aber gelang es bis heute nicht, originale handschriftliche Zeugnisse des schriftkundigen Abrahams, der auf der Reise auch einige Briefe geschrieben hatte, in den Archiven in Kanada, Deutschland, Frankreich, England und den USA zu finden.

Abraham und Familie
Abraham und Familie in einer zeitgenössischen Darstellung, Sammlung M+W Opel

Abraham wurde am 29.1.1845 in Hebron geboren und am 25. Februar dort durch die Missionare getauft. Seine Eltern, Paulus und Elisabeth, bekamen in den nächsten Jahren noch weitere Kinder. Über die Jugend Abrahams ist fast nichts bekannt, 1868 heiratete er eine junge Frau aus Nain, Martha, die dort mit Mutter und Bruder lebte. Da die Inuit zu dieser Zeit noch keine Nachnamen hatten, wurde zur Vermeidung von Verwechslungen bei mehreren Inuit gleichen Namens der Name der Frau hinzugefügt, so dass in den Unterlagen der Herrnhuter Missionare Abraham mit der Ergänzung „Martha“ auftaucht. 1876 muss er eine zweite Ehe eingegangen sein, denn er wurde von da an in den Dokumenten mit dem Zusatz „Ulrike“ aufgeführt.

Hebron in Labrador - Heimat Abrahams
Hebron in Labrador, die Heimat von Abrahams Familie, im Jahre 2009

In Europa angelangt, wurde Abraham wohl aufgefordert, einen dort üblichen Familiennamen anzugeben, und er wählte mit „Paulus“ den Namen seines Vaters. Ähnlich verfuhr seine Frau Ulrike, die den Familiennamen Henocq nach ihrem Vater wählte; die Nachnamen der Kinder wurden mit Paulus angegeben. Der in der Literatur häufig verwendete Name „Abraham Ulrikab“ ist wohl eine Fehldeutung der Unterschrift Abrahams, die in der Abschrift der Übersetzung durch den Missionar Kretschmer erscheint. „Abraham Ulrikab“ wäre wohl besser als „Abraham, Mann von Ulrike“ zu übersetzen – so wie Abraham auch seine Briefe an den Missionar Elsner unterschrieben hatte, gemäß dessen Übersetzung aus dem Inuktitut.

Terrianiaks Familie
Terrianiaks Familie, Illustration nach einer zeitgenössischen Fotografie

Es ist verbürgt, dass es Aufzeichnungen Abrahams über die Reise gab. Bis diese originalen Tagebuchnotizen eines Tages doch noch gefunden werden, muss man Umfang und Exaktheit der vorliegenden überlieferten Übersetzungen kritisch bewerten, denn es fehlt die Erwähnung wichtiger Ereignisse (wie die zahlreichen Fotoaufnahmen von den Inuit in Hamburg, die Vermessung der Inuit durch den Berliner Wissenschaftler Virchow sowie andere Begebenheiten, von denen Jacobsen und Elsner berichteten, die in der Übersetzung von Abrahams Text aber entweder verkürzt oder gar nicht erwähnt wurden), und zudem weichen die verschiedenen Veröffentlichungen der übersetzten Aufzeichnungen Abrahams auch voneinander ab.

Nachvak Fjord
Nachvak Fjord in Labrador – von hier kam Terrianiaks Familie

Die Reise der Inuit durch Europa endete leider tragisch – innerhalb weniger Wochen verstarben sie einer nach dem anderen an Pocken. Die Ansteckung erfolgte wohl in Prag, wo damals gerade eine Pockenepidemie herrschte. Ob durch eine Impfung gegen Pocken, die in Labrador nicht vorgenommen werden konnte und bei der Ankunft in Hamburg versäumt worden war, der Tod der Inuit tatsächlich verhindert worden wäre, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, denn Impfungen waren damals noch nicht sicher, und bis weit in das 20. Jahrhundert starben sowohl in Europa als auch in Labrador immer wieder viele Menschen an Epidemien, die durch Reisende übertragen wurden.

Friedhof in Krefeld
Friedhof in Krefeld mit dem vermuteten Ort der Gräber von 1880, heute eingeebnet

Unsere Suche nach den Gräbern der verstorbenen Inuit war bisher nicht erfolgreich, die Auswirkungen zweier Weltkriege und die lange Zeit seit dem Tod geben kaum Hoffnung, noch Orte des Gedenkens zu finden. Von den in Deutschland Verstorbenen konnte bisher nur ein Schicksal teilweise aufgeklärt werden. Der Leichnam der dreijährigen Sara, die in Krefeld starb, wurde auf Veranlassung Rudolf von Virchows exhumiert und von ihm „wissenschaftlich“ untersucht und in der Fachliteratur beschrieben.

Rudolf Virchow
Rudolf Virchow, Foto: public domain (Wikimedia)

Die Haltung des renommierten Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand ist nicht nur aus heutiger Sicht erschreckend und abstoßend, sie wiederspiegelt die Arroganz des „gebildeten“ Europäers gegenüber den Angehörigen anderer Völker:

„Zuweilen ist es möglich, ganze, frisch abgeschnittene Köpfe zu erhalten. In diesem Falle wird zugleich Haut und Haar der Leiche für spätere Untersuchung erhalten, auch ein grosser Theil physiognomischer Eigenthümlichkeiten, so namentlich die Form der Nase und des Mundes, das Auge und Ohr, bewahrt. Wo es irgend geschehen kann, da ist es daher sehr zu empfehlen, solche Gelegenheiten nicht zu versäumen.“


Zitiert nach Virchow: Anthropologie und prähistorische Forschungen: Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf Reisen, Herausgeber: Georg von Neumayer, Band II, Verlag Robert Oppenheim, Berlin 1888


Unsere Recherchen werden fortgesetzt; bei Interesse an Details können Sie gern Kontakt zu uns aufnehmen.

posted by Wolfgang Opel

Mythos Norden I – Künstler in der Arktis

Genau vor 500 Jahren studierte ein junger Mann an der Rostocker Universität, dessen später in nur neun Exemplaren gedruckte Carta Marina (1539) mit der Darstellung Nordeuropas, einschließlich Islands und eines Teils von Südgrönland, und der Schrift Beschreibung der Völker des Nordens (1555) bis heute die Gemüter erregen. Erstaunliche korrekte Details in Karte und Schrift werden durch Fantasielandschaften, Fabelwesen und kaum nachprüfbare Geschichten ergänzt, so dass Olaus Magnus von manchen gestrengen Autoren auch als Lügner und Spinner diskreditiert wurde, nicht beachtend, dass Karte und Buch bereits vor fast 500 Jahren entstanden sind. Unter anderem findet man hier eine frühe Darstellung des mit Eis bedeckten Polarmeeres nebst zweier Eisbären, diese zwar nicht nordwestlich, sondern südöstlich von Island angeordnet. Allerdings wird Island bis heute immer mal wieder von Eisbären besucht; so ganz falsch lag Magnus also doch nicht.

Olaus Magnus - Carta Marina
Ausschnitt aus der Carta Marina von Olaus Magnus, 1539

Die ersten bildlichen Darstellungen der Arktis und seiner Bewohner stammten also nicht von Künstlern im heutigen Verständnis, sondern von Geografen, Seeleuten oder von Holzschneidern und Kupferstechern, die ihre Illustrationen der Erlebnisse der Reisenden nach dem Hörensagen geschaffen hatten.
Der Brite Martin Frobisher versuchte auf drei Arktisreisen zwischen 1560 und 1578, eine nordwestliche Durchfahrt zu den Schätzen Chinas und Indiens zu finden. In der Beschreibung seiner dritten Reise finden sich unter anderen Bildern auch eine frühe Darstellung von Inuit von Baffin Island, vermutlich nach einer Zeichnung von John White, dem ersten Künstler überhaupt, der Indianer und Inuit zeichnete.

Frobisher - Eskimo von Baffin Island
Inuit von Baffin Island, nach Frobishers Reise von 1578

In den folgenden Jahrzehnten gelangten mit den Schiffen von Walfängern und Forschungsreisenden immer auch einige Inuit, auch aus Labrador, mehr oder weniger freiwillig nach Europa. Als unbekannte Wesen aus dem Norden und als Kuriosa wurden sie in Herrscherhäusern, aber auch auf Jahrmärkten präsentiert. Manche von ihnen wurden zu temporären Berühmtheiten, gewöhnten sich schnell an die üblichen Regeln und Sitten, lernten Sprachen und kleideten sich gemäß der angesagten Mode. Adlige und Wissenschaftler bestellten bei bekannten Künstlern Portraits von ihnen, die noch heute in den Museen und Sammlungen zu sehen sind.

Mikak
Mikak – aus Labrador – mit ihrem Sohn – Gemälde von John Russell, 1769

Schadow - Eskimopaar
„Eskimopaar“ aus Labrador – Zeichnung von Johann Gottfried Schadow, 1821

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Suche nach einer Nordwestpassage nach China verstärkt. Die nur bedingt erfolgreichen Expeditionen von John Ross, William Edward Parry und John Franklin zwischen 1818 und 1827 und das erfahrene Leid der Teilnehmer regten die Fantasien der Künstler an. Die Expeditionsberichte wurde in für jene Zeit großen Auflagen verbreitet. Der deutsche Maler Caspar David Friedrich muss wohl solche Berichte gekannt haben. 1824 vollendete er sein Gemälde Das Eismeer, das heute in der Kunsthalle Hamburg zu sehen ist und ein im Packeis zerstörtes und untergehendes Segelschiff zeigt. Im Gegensatz zu anderen seiner Bilder fand das „Eismeer“ nicht das Interesse seiner Landsleute. Das Thema entsprach wohl nicht der Erwartungshaltung des Publikums. Friedrich äußerte sich zu seinem Schaffen: „Der Mahler soll nicht bloß mahlen was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich so unterlasse er auch zu mahlen was er vor sich sieht.“ In die Arktis musste Friedrich für sein Bild nicht reisen, denn Studien von Eis und den winterlichen Lichtstimmungen konnte man auch an Elbe und Ostsee machen.

Friedrich - Eismeer
Das Eismeer – Gemälde von Caspar David Friedrich, 1824

Anders als bei Friedrichs Zeitgenossen erregen arktische Szenen heute, wohl auch infolge des Klimawandels, das Interesse der Öffentlichkeit: In Oslo treibt seit 2010 eine 12 Meter hohe Skulptur von Monica Bonvicini in der Bucht gegenüber der neuen Oper, die ein direktes Zitat des Bildes von Caspar David Friedrich ist.

Bonvicini - sie liegt
„Sie liegt“ – Skulptur von Monica Bonvicini, 2010

Im Jahre 1845 begab sich Sir John Franklin mit den Schiffen HMS Erebus und HMS Terror auf die vermeintlich abschließende Expedition zur Entdeckung einer befahrbaren nordwestlichen Durchfahrt nach China. Beide Schiffe verschwanden jedoch im arktischen Archipel und Sir John Franklin und 129 Mann Besatzung wurden nie wieder lebendig gesehen. Die britische Admiralität vertraute zunächst auf die Erfahrungen des erprobten Arktisreisenden Franklin und machte sich zunächst keine Sorgen um den Verbleib der Expedition. Als man aber auch drei Jahre später noch nichts wieder von der Expedition gehört hatte, wurde man nervös und sandte die ersten Schiffe zur Suche nach Franklin aus: HMS Enterprise und HMS Investigator unter Sir James Clark Ross. Die Suche war ein Fehlschlag, man überwinterte in Port Leopold, einer geschützten Bucht von Somerset Island und kehrte erfolglos nach England zurück. Noch heute kündet ein rostiger zurückgelassener Boiler und ein kleiner Felsen mit der Inschrift „E. I. 1849“ von dieser Überwinterung.

Haycock - Boiler
Ross’s Old Boiler at Whalers Point, Port Leopold, Somerset Island – Gemälde von Maurice Haycock, 1972, 11″ x 14″, Öl auf Holz
Copyright K. Haycock/K. Pittman, www.haycock.ca


Carved rock - Port Leopold
Carved Rock, Port Leopold – Copyright Jarlath Cunnane

Maurice Haycock studierte Geologie und verbrachte nach dem Studium mehrere Monate in der Arktis. Dort traf er den Maler A. Y. Jackson, Mitglied der Group of Seven*, einer Vereinigung bedeutender kanadischer Maler des frühen 20. Jahrhunderts, den er in den nächsten Jahrzehnten auf dessen Reisen zum Malen begleitete. Von Jackson gibt es neben seinen Gemälden der arktischen Landschaften unter vielen anderen Skizzen auch eine Zeichnung des Felsens zur Erinnerung an den Aufenthalt von James Ross’s Schiffen in Port Leopold im Winter 1848/1849.
Haycock ist heute wohl der einzige kanadische Künstler, der alle bedeutenden und bekannten Orte in der kanadischen Arktis bereist und dort auch gemalt hat. 1968 errichtete er im Alexandra Fjord auf Ellesmere Island ein Steinmal mit einer Plakette zur Erinnerung an A. Y. Jackson, der 1927 hier in der Nähe auf der gegenüberliegenden Bache Halbinsel, nur wenige hundert Kilometer vom Nordpol entfernt, gemalt hatte.

YW Jackson monument
Steinmal zum Gedenken an A.Y.Jackson, Alexandra Fjord, Ellesmere Island

* Mehr über die Künstlergruppe Group of Seven kann man auch in dem gerade im Mana-Verlag erschienenen „Kanada-Lesebuch“ nachlesen.

Fortsetzung folgt.

posted by Wolfgang Opel




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