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Geburtstag in Eis und Schnee – Bernhard Hantzsch

Ein 140. Geburtstag ist eigentlich kein üblicher Jahrestag für öffentliches Gedenken und aufwändige Ehrungen. Dennoch soll heute an Bernhard Hantzsch – geboren am 12.1.1875 in Dresden – gedacht werden, einen nur noch wenig bekannten Ornithologen und Polarforscher, der vor etwas mehr als 100 Jahren auf der kanadischen Baffin-Insel auf tragische Weise ums Leben kam.

Der Dresdener Lehrer Bernhard Hantzsch
Der Dresdner Lehrer Bernhard Hantzsch – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz

Er war von Beruf Lehrer, doch zog es ihn immer wieder als Ornithologe in die Natur, ob in der unmittelbaren Umgebung seiner Heimatstadt Dresden, auf den Balkan, nach Island oder sogar nach Labrador.
Seine Labrador-Reise von 1906 betrachtete Hantzsch auch als Test für eine sorgfältig geplante und viel anspruchsvollere Expedition – der erstmaligen Durchquerung von Baffin Island durch einen „weißen“ Forscher.

An der Kueste von Baffin Island
An der Küste von Baffin Island

Bei der Planung orientierte er sich an berühmten Vorbildern wie Charles Francis Hall, der sich als erster Forscher überhaupt lediglich in Begleitung von Inuit auf die Suche nach Überlebenden der Franklin-Expedition begeben hatte, oder auch an Franz Boas. Letzterer war ein deutscher Geograf und Ethnologe, der sich als einer der ersten wissenschaftlich mit Baffin Island beschäftigt hatte und über seine Reise von 1883/84 das viel beachtete Werk Baffin Land veröffentlichte.

Eisberge vor Baffin Island
Eisberge vor Baffin Island

Bernhard Hantzsch gelang es, durch die Unterstützung von Museen und Universitäten, aber auch durch „Privatpersonen“ wie dem sächsischen König Friedrich August III, ausreichende finanzielle und Sachmittel für seine auf drei Jahre geplante Expedition einzuwerben.

Gefahr fuer die Schiffahrt - Eisberg vor Baffin Island
Eisberge wie dieser können Schiffen ziemlich gefährlich werden

Leider ging trotz der gründlichen Vorbereitung einiges schief. Das Schiff, auf dem sich Hantzsch in die Arktis begab, stieß mit einem Eisberg zusammen und ging unter. Glücklicherweise konnten sich alle Personen an Bord auf eine kleine Insel vor Baffin Island retten. Hantzsch verlor dabei aber einen großen Teil seiner Expeditionsausrüstung.

Blacklead Island
Zuflucht auf Blacklead Island

Eigentlich würde man vermuten, dass damit die Reise zu Ende war, doch nicht bei Hantzsch. Er hatte zuviel Zeit und auch eigene Geldmittel in diese Expedition investiert, um sich von diesem Missgeschick unterkriegen zu lassen. Mit Engagement versuchte er, Verlorenes durch geeignetes Ersatzmaterial zu ersetzen.

Hantzsch in Expeditionskleidung
Hantzsch in Expeditionskleidung – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz

Hantzsch besuchte eine Walfangstation am gegenüberliegenden Ufer des Cumberland Sounds, um einerseits erste Erfahrungen bei einer Schlittenreise im Winter zu sammeln und andererseits seine Bestände an Nahrung und Ausrüstung zu ergänzen. Auf der Rückreise verbrachte er seinen 35. Geburtstag in einem winzigen Iglu auf dem Eis – kein angenehmes Erlebnis, wie er in seinem Tagebuch berichtet.

Hier befand sich früher die Walfangstation Kekerten
Hier befand sich früher die Walfangstation Kekerten – Foto: Ansgar Walk

Trotz aller Widrigkeiten findet Hantzsch unter den Inuit erfahrene Begleiter für seine Expedition. Diese ist im ersten Abschnitt, der Durchquerung von Baffin Island zum Foxe Basin, erfolgreich. Die Reise geht dann weiter nach Norden, und man bezieht ein Winterlager, um günstigere Reisebedingungen abzuwarten.

Foxe Basin_Hantzsch River
Foxe Basin, Ausschnitt. Ein Fluss (ungefähr in der Mitte) trägt heute den Namen „Hantzsch River“ – Karte: NASA

Hier begeht Bernhard Hantzsch dann seinen 36. Geburtstag – bei miserablem Wetter, wie es im Tagebuch heißt: „-14°C im Haus“ (das natürlich aus Schnee gebaut ist). Trotz der Kälte schreibt er einen Brief an seine Eltern, der aber erst nach seinem Tod Dresden erreichen wird. In seinem Tagebucheintrag vom 12.1.1911 heisst es: „…Trübselig trete ich mein 37. Lebensjahr an. Wird es mir beschieden sein, dieses zu Ende zu führen?“ Es waren wohl Vorahnungen in Berücksichtigung der schwierigen Bedingungen für die Expeditionsteilnehmer: nagender Hunger und erbarmungslose Kälte.

Eisbaer auf Baffin Island
Eisbär, Baffin Island

Als es einem seiner Begleiter gelingt, einen Eisbären zu schießen, führt der Verzehr des Fleisches direkt in die letztendlich tödliche Erkrankung von Bernhard Hantzsch. Er stirbt Anfang Juni und seine Inuit-Begleiter bestatten ihn an dem Ufer des Flusses, der heute seinen Namen trägt: Hantzsch River.

Bernhard-Hantzsch-Schule Hartha
Auch die Schule in Hartha trägt heute den Namen „Bernhard Hantzsch“

Siehe auch Ein Dresdner in Labrador

posted by Wolfgang Opel

Neues von den Eisbären

In Churchill, der selbsternannten Eisbären-Hauptstadt der Welt, lief in den letzten Wochen der Tourismus auf Hochtouren. Inzwischen ermöglicht sogar Google Street View Einblicke in die kleine Arktisgemeinde an der westlichen Hudson Bay. Nirgendwo anders auf der Welt ist die Beobachtung von Eisbären in ihrer arktischen Umgebung so einfach, so gut organisiert und zudem auch noch vergleichsweise bequem und komfortabel, wenngleich auch kostspielig. Der sogenannte “Tundrabuggy” oder „Polar Rover“ ermöglicht die Begegnung mit den Königen der Arktis auch auf sehr kurzer Distanz.

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Polar Rover in Churchill

Die Touristensaison in Churchill ist nun zu Ende, denn auf dem Wasser der Hudson Bay bildet sich seit Mitte November wieder Eis, inzwischen schon fest genug für die Tatzen der Eisbären. Die hungrigen Tiere sind begierig, aufs Eis zu kommen, um endlich wieder den Ringelrobben und den Bartrobben nachstellen zu können. Sie hatten monatelang nichts Gutes zwischen die Zähne bekommen, seitdem im Juli das Eis verschwunden war.

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Gesunder Eisbär, Coningham Bay

Nun kommt eine gute Zeit für die Eisbären, die, obwohl ausdauernde Schwimmer, im Wasser keine Chance haben, eine schwimmende Robbe zu erwischen. Die Jagd vom Eis aus haben sie dagegen perfektioniert, und fette Robben liefern ihnen im Winter und Frühjahr ausreichend Nahrung, um sich selbst Fettvorräte aufzubauen, mit denen sie die „Fastenzeit“ im Spätsommer und im Herbst überstehen können.

Eisbaeren auf duennem Eis_Annette Conrad
Eisbären – auf dünnem Eis

Die globale Erwärmung, die sich in der Arktis viel stärker auswirkt als in unseren gemäßigten Breiten, hat die Eisbären in Schwierigkeiten gebracht. Die Hudson Bay taut nun früher auf und die Eisdecke bildet sich später. Die Jagdsaison der hiesigen Bären auf dem Eis verkürzt sich dadurch, und sie verbringen viel mehr Zeit auf dem Land, wo sie nicht ausreichend oder gar nicht fressen.
Die Inuit in den Gemeinden an der Bay beklagen daher, dass sie von hungrigen Eisbären geradezu belagert werden – viel mehr als früher. Auf der Suche nach etwas Essbarem besuchen sie Mülldeponien und durchwandern sogar die Siedlungen, besonders nachts.

Eisbaer_Skulptur aus einer Inuit-Gemeinde - Kunst
Inuit-Kunst: Kleine Eisbären-Skulptur

Den Schlussfolgerungen mancher Inuit – es gäbe jetzt viel mehr Eisbären als früher, also müssten die Jagdquoten erhöht werden – folgen die führenden Eisbär-Forscher allerdings nicht, denn sie stützen sich wissenschaftliche Daten anstelle von anekdotischen Beobachtungen.
Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass die Zahl der Eisbären in der westlichen Hudson-Bay-Region rückläufig ist; die Bären sind zudem im Durchschnitt etwas kleiner und dünner als in den Jahrzehnten zuvor, und sie ziehen auch nicht mehr so viele Junge auf.

Reste eines verendeten Eisbären
Reste eines verendeten Eisbären, September 2012

Auch in anderen Regionen gibt es Probleme. Letzte Woche wurde eine Studie veröffentlicht, die 2001 begann und zeigt, dass die Anzahl der Eisbären in der südlichen Beaufortsee innerhalb von 10 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. Unter anderem beobachtete man dabei zwischen 2004 und 2007 80 Eisbärenbabys, von denen ganze zwei Tiere überlebten! Als Ursache des drastischen Rückgangs vermuten die Wissenschaftler, dass sich, anders als früher, das Packeis im Sommer jetzt viele hunderte Kilometer weit von der Küste zurückzieht; die Eisbären müssen entweder mit nach Norden ziehen, wo es viel weniger Robben gibt, oder sie schwimmen ans Land. Die hiesige Populationsgröße – 2004 waren es noch 1600 Eisbären – scheint sich seit 2007 bei etwa 900 zu stabilisieren.

Eisbäer im Berliner Zoo_Brotfuetterung
Zoo Berlin, Schau-Fütterung von Eisbären mit Brot

Werden diese Eisbären um die Mitte des Jahrhunderts ausgestorben sein, wenn es uns nicht gelingt, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren? Dieses Szenario halten Wissenschaftler für durchaus realistisch. Ob eines Tages die Eisbären in den Zoos sogar die letzten Vertreter ihrer Spezies sein könnten?
Die Fragen um die Zukunft des Eisbären und die unterschiedlichen Vorstellungen zu ihrer Beantwortung spielen auch in unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“ eine wichtige Rolle.

Buch_eisbaeren_Wanderer auf duennem Eis

Mit ihren schwarzen Augen im weißen Pelz und den niedlichen Ohren sind Eisbärenbabys ein reizvoller Anblick, nahezu unwiderstehlich. Wer sich noch an „Knut“ im Berliner Zoo und den Rummel um ihn erinnert, den wird auch die fast kultische Verehrung nicht verwundern, die noch immer seltsame Blüten treibt, wie hier an einer Pinnwand im Berliner Naturkundemuseum.

Kult um Knut_Briefe
Kult um Knut

Seit Jahrhunderten sind die Menschen fasziniert von Eisbären, sie verkörpern Kraft, Gefahr, aber auch Schönheit. Für die Inuit, mit denen die Eisbären das Leben in einer Extremregion gemeinsam haben, waren sie seit mehreren tausend Jahren sowohl Jagdwild, das für Ernährung und Bekleidung genutzt wurde, als auch spiritueller Partner. Seefahrer aus Europa und Amerika jagten sie wegen der Pelze, um des Ruhmes willen oder um die Jungtiere an Zoos und Zirkusse zu verkaufen. In welcher Art heutzutage Eisbärenjagd praktiziert wird, kann man ebenfalls hier nachlesen.

historische Darstellung der Eisbaeren-Jagd
Eisbären-Jagd, historische Darstellung

Auf die Frage, was man tun kann, um die Eisbären zu retten, sagte der kanadische Eisbärenforscher Andrew Derocher neulich in einem Interview mit der Winnipeg Free Press, dass man sich zuerst über den Klimawandel informieren solle, und wenn man dieses Problem verstanden habe, solle man Einfluss auf die Politiker nehmen, damit die verstehen, dass man dieses Problem aus der Sicht von Fairness zwischen den Generationen lösen muss.
„Wir haben ein Zeitfenster, in dem wir zur Rettung der Eisbären aktiv sein können, aber worüber wir wirklich reden, ist, die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufrechtzuerhalten und nicht zu versuchen, den im globalen Kontext bereits Benachteiligten zu schaden. Jetzt geht es um Eisbären, aber in 10 oder 20 Jahren geht es um Menschen, die eine massenhafte Migration durchzumachen haben. Und dann müssen wir uns Sorgen um Menschen machen, nicht mehr nur um Eisbären.“

posted by Mechtild Opel

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Viel viel Glück – und mündliche Überlieferung
Franklins Wrack bei Hat Island

Unendlich glücklich waren die Archäologen von Parks Canada, als sie am Sonntag, den 7.9.2014, im Queen Maud Golf im Kanadischen Archipel ein Wrack ausmachen konnten – eines der Schiffe der vor 169 Jahren letztmalig gesehenen Franklin-Expedition zur Auffindung einer Nordwest-Passage.

Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks_Theresa Nichols_ Fisheries and Oceans Canada
Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks – Foto: Theresa Nichols © Fisheries and Oceans Canada

Aufgrund der schwierigen Eisbedingungen in diesem Jahr war das eigentliche geplante Suchgebiet in der Victoria Strait über Wochen noch nicht erreichbar, so dass sich die Suche auf ein zweites Gebiet südwestlich von King William Island konzentrierte. Ob man hier wirklich auf den großen Fund hoffte oder die Messungen eher als „Zeitvertreib“ der Kartierung der schwierigen Seewege in dieser Region dienten, wird nun, nach dem glücklichen Fund des Wracks, wohl nicht mehr verraten.

Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes
Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes– Foto: Jonathan Moore © Parks Canada

In den mündlichen Überlieferungen der Inuit wurde schon seit 150 Jahren von einem großen Schiff gesprochen, das südwestlich von King William Island im Eis feststeckte und später verschwand. Immer wieder hatten Forschungsreisende wie Charles Francis Hall, Frederick Schwatka, William H. Gilder oder auch später Knud Rasmussen darüber berichtet. Doch die Finanziers der Suchexpeditionen trauten den Erzählungen der Inuit nicht.

Oral History
„Oral History“ – Weitergabe mündlicher Überlieferungen: Mabel Angulalik untersucht einen Artefakt – Foto: © David F. Pelly

So blieb es denn – neben den „Offiziellen“ John Rae und Francis Leopold McClintock – Enthusiasten wie dem Händler William Gibson, Autoren wie Richard J. Cyriax und David C. Woodman, dem Inuit-Historiker Louie Kamookak aus Gjoa Haven oder Barry Ranford, einem fast fanatischen Hobby-Forscher, vorbehalten, das Wissen um das Schicksal der Franklin Expedition Stück für Stück zu erweitern. Sie alle setzten auf das Wissen der älteren Inuit, die noch aus eigenem Erleben oder Hörensagen über die Geschehnisse um das Schicksal der Franklin-Expedition berichten konnten.

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Porträt Mabel Ekvanna Angulalik, die über Schiffsteile auf Hat Island berichtete – Foto: © David F. Pelly


Obwohl es durch Mabel Ekvanna Angulalik (1925-2002), einer Inuit Elder aus Cambridge Bay, wichtige Hinweise auf den möglichen Ort eines Wracks in der Nähe von Hat Island gab, war es letztendlich reiner Zufall, dass Archäologen auf der Insel auf Artefakte stießen, die sich zweifelsfrei einem Schiff aus dem 19. Jahrhunderts zuordnen ließen. Eines der Objekte wog 5kg und konnte also kaum über größere Strecken angeschwemmt worden sein. Das überzeugte Ryan Harris, leitender Unterwasserarchäologe der Suchexpedition, dass eine Suche im Meer in unmittelbarer Nähe der Fundstätte vielversprechend sein würde. Der Rest war reine Routine: nicht lange, nach dem man das Seitenscan-Sonar ins Wasser gelassen hatte, erschienen die Umrisse eines Wracks auf dem Bildschirm. Mit einer Unterwasserkamera wurden zur Bestätigung der Scans erste Videoaufnahmen gemacht – und die Sensation war perfekt.

Blick auf das Deck des Wracks
Unterwasserkamera: Blick auf das Deck des Wracks – Courtesy of Parks Canada

Inzwischen sind die Archäologen und Taucher wieder am Wrack, in der Hoffnung, noch vor dem Einsetzen des Winters weitere Aufnahmen und Vermessungen vorzunehmen, und wichtige Artefakte und Beweisstücke zu sichern und neue Erkenntnisse – HMS Erebus oder HMS Terror ? – zu gewinnen.

Updated: Schiff positiv identifiziert
2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden!

posted by Wolfgang Opel

Endlich gefunden: ist es Erebus oder Terror?

[2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden!]
[Updated: mit Unterwasser-Videoaufnahmen von Parks Canada September 2014!]
Obwohl aufgrund der schwierigen Eisverhältnisse des Sommers viele gar nicht mehr damit gerechnet hatten, gab es heute am Vormittag (kanadischer Zeit) eine spektakuläre offizielle Verlautbarung vor der Presse: Die wochenlange Suche des Unterwasser-Archäologenteams von Parks Canada in den Gewässern vor King Williams Island hat mithilfe hochentwickelter Technologie ein Ergebnis gebracht: ein Schiff auf dem Grund des Queen-Maud-Golfs.

Erster_Blick_Seitensonar_Courtesy_of_Parks_Canada
Erster Blick mittels Seitensonar – Foto: Courtesy of Parks Canada

Trotz deutlich erkennbarer Beschädigungen insbesondere am Heck des Schiffes meint Ryan Harris, leitender Mitarbeiter des Team der Unterwasserarchäologen, dass dieses Schiff recht gut erhalten sein muss – vielleicht sogar besser als die 2010 gefundene HMS Investigator.
Nach wochenlangen Arbeiten, zu denen auch ermüdendes stundenlanges Starren auf die Ultraschallbilder gehörte, die langsam über den Computerbildschirm liefen, hat das Team nun einen historischen Durchbruch erreicht.
Vielleicht war es sogar gut, dass die lokale Eisbedeckung in der Victoria Strait die Crew vom nördlichen Suchgebiet in der Erebus Bay fern- und im Queen-Maud-Golf festhielt?

Eiskarte vom Tag des Fundes - 7.9.2014
Eiskarte vom Tag des Fundes – 7.9.2014

Schon am Vorabend gab es Berichte über Artefakte, die von einem Archäologenteam an Land, an der Küste von Hat Island, gefunden wurden: eine Halterung für ein Beiboot und eine vermutete Ankerklüse, die wahrscheinlich von einem der vermissten Franklin-Schiffe stammen. Eigentlich ein verspäteter Fund, wenn man weiß, dass ältere Inuit ihre Kenntnisse aus den traditionellen Überlieferungen ihrer Verfahren bereits vor Jahren zu Protokoll gaben* – denn dabei wurden bereits Schiffsteile am Strand von Hat Island erwähnt! – Viel zu lange wurden diese Inuit-Berichte für Erfindungen oder eine Art Märchen gehalten.
(*Eber, Dorothy: Encounters on the Passage: The Inuit Meet the Explorers, Toronto 2008)

Karte mit Hat Island
Karte mit Hat Island – Quelle: Toporama – Atlas of Canada

Nach dem Fund auf Hat Island wurde das Sonargerät auf den Meeresboden nahe der Insel gerichtet. Und tatsächlich erschien dann etwas Vielversprechendes auf dem Bildschirm! Ein ferngesteuertes U-Boot mit hochauflösenden Kameras wurde zu Wasser gelassen; obwohl starker Wind und hohe Wellen die Aktion behinderten, war es möglich, Aufnahmen zu machen, die bestätigten, das da ein Schiff in aufrechter Position auf dem Meeresboden liegt, zwar ohne die drei Masten, aber noch in intakter Form, sieht man von einigen fehlenden Deckplanken ab.



Sogar zwei Kanonen waren auszumachen. Die Archäologen sind inzwischen sicher, dass es sich entweder um HMS Erebus oder um HMS Terror handelt.

Ryan Harris, leitender Unterwasserarchaeloge von Parks Canada
Ryan Harris, leitender Unterwasserarchäloge von Parks Canada

Ist der Fund des Schiffes, wie der kanadische Ministerpräsident bei der Pressekonferenz erklärte, ein historischer Moment für Kanada? Die Suche nach Franklins verlorener Expedition hatte bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts dazu geführt, dass weite Bereiche der Arktis erkundet und kartiert worden waren. Während dieser Suchunternehmungen hatte die Crew der HMS Investigator schon 1850 das „missing link“ gefunden und sich davon überzeugt, dass es tatsächlich eine Passage vom atlantischen zum pazifischen Ozean gab, die berühmte „Nordwestpassage“ (vgl. auch Kanada-Lesebuch).

Erebus und Terror
HMS Erebus und HMS Terror, hist. Darstellung

Franklins Schiffe wurden zum „bedeutenden Bestandteil der kanadischen Geschichte“ erklärt, womit die Gebietsansprüche Kanadas für die Wasserwege im kanadischen arktischen Archipel untermauert werden sollen. Die britische Regierung hatte diese Inseln 1880 an Kanada übergeben. Die von der kanadischen Regierungsbehörde Parks Canada durchgeführte sechste Suchexpedition nach Erebus und Terror, bei der hunderte Quadratkilometer Meeresgrund in Queen-Maud-Golf und Viktoria Strait gescannt wurden, war in diesem Jahr von der Royal Canadian Geographical Society, der Arctic Research Foundation, der Canadian Coast Guard, der Royal Canadian Navy und der Territorialregierung von Nunavut unterstützt worden.

Blick auf das Wrack-Courtesy of Parks Canada
Das Team ist sich sicher: eines von Franklins Schiffen

Es wäre einfacher, zum Untermauern von Gebietsansprüchen das heranzuziehen, was die einst hier lebenden Menschen hinterließen: Es gibt tausende archäologische Stätten – Zeltringe, Steinmale, Reste von Behausungen – die Zeugnis davon ablegen, dass die Vorfahren der Inuit, die heute kanadische Staatsbürger sind, bereits vor Jahrtausenden den arktischen Archipel besiedelten.

Julius von Payers Gemaelde
Ölbild „Die Bay des Todes“ von Julius von Payer, 1897

Ein historischer Moment ist die Bekanntgabe des Fundes jedenfalls für die Schar von Enthusiasten mit verstärktem Interesse für die Entdeckungsgeschichte der Arktis, auf die das Mysterium um die verschollene Franklin-Expedition eine dauerhaft ungebrochene Faszination ausübt und die sämtliche neue Forschungsergebnisse, Artikel, Bücher etc. verfolgen und diskutieren: sie wollen wissen, was vor 166 Jahren mit Franklin, seinen Schiffen und der Crew von 129 Männern tatsächlich passierte.

Updated: Schiff positiv identifiziert
2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden
posted by Mechtild Opel

Joseph B. Mauch – ein Schwabe reist zum Nordpol

Es gibt wenige Arktisreisende unter den Schwaben. Vielleicht fehlt ihrer Heimat das Meer und auch die eisige Kälte des Winters, um in jungen Leuten die Sehnsucht nach den polaren Regionen zu wecken? Über die Arktisreisen des Schwaben Franz Joseph Lang haben wir schon berichtet.

Joseph_B_Mauch
Joseph B. Mauch

Die Anregung für Joseph B. Mauchs Interesse an einer Forschungsexpedition kam von seinem Bruder Karl, der sich von 1865 bis 1871 im Süden Afrikas aufhielt und unter anderem die Ruinen von Groß-Simbabwe untersuchte, beschrieb und in Europa bekannt machte. Heute gehören sie als eine der bedeutenden frühen Großbauten Afrikas zum UNESCO-Welterbe.

Centralbahn Ludwigsburg um 1860
Centralbahn Ludwigsburg um 1860

Joseph B. Mauch, am 19.10.1849 in Ludwigsburg geboren, wählte eine andere Himmelsrichtung als sein Bruder. Er begab sich 1866 nach Nordamerika und begann dort mit dem Studium der Medizin und der Pharmazie. 1871 bewarb er sich als Teilnehmer der Amerikanischen Nordpolexpedition unter Führung von Charles Francis Hall. Da die Positionen der Wissenschaftler schon besetzt waren – der führende deutsche Kartograph August Petermann hatte seinen ehemaligen Studenten Dr. Emil Bessels als wissenschaftlichen Leiter wärmstens empfohlen – zögerte Mauch nicht und heuerte als einfacher Matrose an.

Charles Francis Hall
Charles Francis Hall

Als das Expeditionsschiff Polaris den Hafen in Brooklyn verließ, befanden sich neben Mauch und Bessels noch acht weitere Deutsche an Bord, unter ihnen der in Gingst auf Rügen geborene Wilhelm Nindemann. Die Expedition stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Ständig gab es Spannungen zwischen Hall, seinem wissenschaftlichen Leiter Dr. Bessels und dem Kapitän der Polaris Sidney O. Budington. Auch der hohe Anteil deutscher Teilnehmer soll zu „internationalen“ Konflikten auf dem Schiff geführt haben.

Expeditionsschiff Polaris
Expeditionsschiff Polaris

Die Expedition verlief zunächst erfolgreich. Dank günstiger Eisbedingungen erreichte das Schiff immerhin die Position 82°29′ N und überwinterte dort. Hall begab sich auf eine Schlittenexpedition, um noch weiter in Richtung Nordpol zu gelangen.
Nach seiner Rückkehr zum Schiff wurde er plötzlich krank und verstarb am 8.11.1871, vermutlich an einer Arsenvergiftung. Mauch, der persönliche Assistent Halls, der auch sein Expeditionstagebuch führte, hatte von ungewöhnlichen chemischen Gerüchen in Halls Kabine berichtet. Bis heute ist trotz einer Obduktion des Leichnams, die fast 100 Jahre später vorgenommen wurde, nicht geklärt, ob Hall durch Mord oder eine Fehlmedikation vergiftet wurde.

Hier endete die Polaris
Hier endete die Polaris

Nach Halls Tod und der ersten Überwinterung wollte Budington nur noch nach Hause, während Bessels und andere die wissenschaftlichen Aufgaben fortsetzen wollten. Am 15. Oktober 1872 stieß das Schiff gegen einen Eisberg, und der Kapitän befahl, Teile der Ausrüstung auf das Eis zu bringen. Da das in der Nacht geschah, herrschte großes Durcheinander. Ein Teil der Besatzung befand sich auf dem Eis und der Rest auf dem Schiff, als die Eisscholle und mit ihr ein Großteil der Besatzung vom Schiff abgetrieben wurde. Glücklicherweise waren alle Inuit auf der Eisscholle. Nur dank ihrer Fähigkeiten überlebten alle auf dem Eis Gestrandeten die nun folgende Drift von sechs Monaten in Richtung Süden.

Messarbeiten bei Etah
Messarbeiten bei Etah

Joseph B. Mauch befand sich während der Trennung der Mannschaft gerade an Bord der Polaris. Budington setzte das Schiff am folgenden Tag in der Nähe der grönländischen Inuit-Siedlung Etah auf den Strand. Dort überwinterten die Seeleute. Bessels, Mauch und andere nahmen die wissenschaftlichen Arbeiten wieder auf. Mauch vervollständigte seine Aufzeichnungen und fertigte eine Vielzahl von Zeichnungen an. Im folgenden Sommer gelangten die Seeleute mit zwei aus Holzresten gezimmerten Booten nach Süden, wo sie von einem Walfänger aufgenommen wurden.

Skizze von Mauch - Halo
Halo – Skizze von Joseph B. Mauch

Mauch erreichte auf dem Umweg über Schottland wieder die USA, wo er seine Studien fortsetzte und später als promovierter Pharmazeut eine Apothekerpraxis führte. Er gründete eine Familie und war in verschiedenen Gesellschaften tätig, so im Arctic Club of America, im Deutschen Liederkranz und in einer Freimaurer-Loge.

Sundog near Etah
„Halo“ – Nebensonne bei Etah

Bei verschiedenen Gelegenheiten hielt er Vorträge über seine Teilnahme an der Polaris-Expedition. Als einer der letzten Überlebenden der Expedition starb Joseph B. Mauch am 2. Februar 1909. In seiner Heimat in Schwaben ist er fast vergessen; dort erinnert man nur an seinen Bruder, den Afrikareisenden Karl Mauch.
Herzlicher Dank gilt Herrn Roschmann für wichtige Informationen über Joseph B. Mauch!

posted by Wolfgang Opel




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