Archiv der Kategorie 'Inuit'

Kanada – 150 plus! Weit mehr als 150 Jahre Geschichte

In diesem Jahr feiert Kanada den 150. Jahrestag der Konföderation, des Staatsgebildes Kanada. Nicht alle Kanadier sehen den Festlichkeiten mit ungetrübter Freude entgegen – denn für die indigenen Völker Kanadas, die First Nations, Inuit, und die Métis, steht der Jahrestag der Staatsgründung auch für die vor etwa 150 Jahren nochmals verstärkt einsetzende Kolonisation.

Denkmal für Anne und Joe Henry Dempster Highway
Heritage Site der Tr‘ondëk Hwëch‘in First Nation – Denkmal für Joe und
Annie Henry am Dempster Highway, Yukon


Haida Heritage Centre in Skidegate
Haida Heritage Centre, Ḵay Llnagaay, Skidegate, Haida Gwaii, British Columbia

Die Geschichte der Ureinwohner im heutigen Kanada begann vor mindestens 12.000 Jahren – oder waren es gar 24.000? – als Völker aus Asien den amerikanischen Kontinent erreichten.

Beothuk_Centre_NL
Im Beothuk Interpretation Centre, Boyd’s Cove, Newfoundland

Hier lebten, bevor seit dem 17. Jahrhundert Franzosen und Briten das heute kanadische Territorium besiedelten, wahrscheinlich ca. 350.000 Menschen, die 50 verschiedene Sprachen verwendeten.

Mackenzie Hotel Inuvik mit Inukshuk
Ein Inukshuk (traditionelles Steinmal der Inuit) in Inuvik, Northwest Territories

Whetung Ojibwa Centre in Ontario
Das Whetung Ojibwa Centre, Curve Lake First Nation, Ontario

Die Erschließung des Landes durch die europäischen Siedler hatte gravierende Folgen für die Ureinwohner. Wegen Überjagung nahmen die Wildbestände ab, die Ureinwohner wurden abhängig von Handelsgütern – außer Lebensmitteln, Werkzeug, Waffen und Munition leider auch Alkohol, mit verheerenden Folgen. Sie lernten Schulden, Hunger und Elend kennen. Epidemien wie Tuberkulose, Masern und Pocken rafften einen großen Teil der indigenen Bevölkerung dahin; ganze Dörfer mussten aufgegeben werden.

Continuing Care Centre Kainai
Continuing Care Centre, Blood Tribe, Kainai First Nation, Stand Off, Alberta – Foto: © Geneviève Susemihl

Christliche Missionierung verstärkte den kulturellen Wandel, der durch die veränderte Lebensweise eingesetzt hatte.

Millbrook Cultural & Heritage Centre, Nova Scotia
Glooscap-Monument vor dem Millbrook Cultural & Heritage Centre bei Truro, Nova Scotia

The Forks Meeting Place, Winnipeg
Seit 6000 Jahren ein Treffpunkt: The Forks im Zentrum von Winnipeg

Um die Ressourcen des Landes für Ackerbau, Viehzucht und Industrie zu übernehmen und mittels Eisenbahnen zu erschließen, handelte die föderale Regierung Kanadas im 19. Jahrhundert Verträge mit den First Nations zu Landabtretung und zu ihrer Ansiedlung in Reservaten aus, wo sie „zivilisiert“ und assimiliert werden sollten. Als Gegenleistung wurden jährliche Geldzahlungen und die Sorge für Schulen, Ausbildung und wirtschaftliche Entwicklung zugesagt – ein nur unzureichend erfülltes Versprechen, was bis heute große Probleme nach sich zieht. In manchen Reservaten erinnern die Lebensbedingungen – von der Trinkwasserversorgung über die Wohnungssituation bis hin zum Zustand der Schulen – an die dritte Welt und entsprechen keineswegs den Standards im übrigen Kanada.

Camp Ashini Quebec
Camp Ashini – ein traditionelles Innu-Camp an der Côte-Nord, St. Lorenz-Strom, Quebec

Seit dem Indian Act von 1876 betrieb man über 100 Jahre lang eine Politik der kulturellen Assimilierung, die auf das Verschwinden der indigenen Sprachen, Lebensweise, religiösen Auffassungen und damit der gesamten Kultur zielte. Fast ebenso lange wurden Kinder der Ureinwohner zwangsweise von ihren Familien entfernt und in zumeist kirchlich geleitete residential schools (Internatsschulen) verbracht, wo sie häufig auch psychischen, physischen Misshandlungen und manchmal sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Das führte zu Entwurzelung, Traumatisierung und gebrochenen Lebensläufen mehrerer Generationen. Die Nachwirkungen – Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt – belasten die Entwicklungsmöglichkeiten, vor allem die der Kinder, bis heute.

Pabineau Falls, New Brunswick
Stromschnellen (Pabineau Falls) im Oasapegel Heritage Park – Pabineau First Nation, New Brunswick

Seit den 1980er Jahren entstanden bei den First Nations und den Inuit politische Bewegungen zur Rückbesinnung auf kulturelle Werte, zum Retten und Wiedererlernen der eigenen Sprache und Traditionen und zur Selbstbestimmung. In jüngster Zeit benutzen vor allem junge, gut ausgebildete Angehörige der First Nations und Inuit das Schlagwort „Dekolonisation“, um grundlegende Rechte und Chancen für ihre Völker einzufordern.

Lennox Island Cultural Centre, PEI
Im Cultural Centre – Lennox Island First Nation, Prince Edward Island

Als Tourist hat man in allen Provinzen und Territorien Gelegenheit, sich auch über das „Kanada 150plus“ zu informieren – das Kanada der First Nations, Inuit und Métis.

Inukshuk bei Cape Dorset, Nunavut
Inukshuk – Wegzeichen nahe der Inuit-Siedlung Cape Dorset, Nunavut

Wanuskewin Heritage Park
6000 Jahre alt sind die archäologischen Funde im Wanuskewin Heritage Park bei Saskatoon, Saskatchewan – Foto: Wikipedia, Canadian2006

Siehe auch meine Artikel „150 oder 12.000 Jahre? Aus der Geschichte Kanadas“ sowie „Ahornblatt und Medicare. Bemerkungen zu Politik und Gesellschaft“, die im Heft 2/2017 des Magazins 360° Kanada erschienen sind – und natürlich unser „Kanada-Lesebuch“ (MANA-Verlag).

posted by Mechtild Opel

Angry Inuk – Alethea Arnaquq-Barils neuer Dokumentarfilm

Als ich diesen bewegenden Film letztes Jahr im September beim Atlantik Film Festival in Halifax sah, dachte ich: der muss unbedingt in Europa gezeigt werden!

Filmplakat Angry Inuk
Das Plakat für den Film „Angry Inuk“

Die BERLINALE mit dem NATIVe Programm, das in diesem Jahr auf die arktischen Regionen fokussierte, hat diesen Wunsch verwirklicht.

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NATIVe im Cinestar IMAX, Berlinale 2017

Die Jagd auf Robben ist ein kontroverses Thema, das seit Jahrzehnten in öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Bilder von den niedlichen weißen Kegelrobben-Babys, die ganz traurig gucken, und darüber, wie die arglosen Tierchen auf den Eisschollen des St.- Lorenz-Golfs erschlagen wurden, haben viele Europäer schon ziemlich oft gesehen, und diese Bilder tauchen immer wieder auf. Dafür sorgen die bekannten Tierschutzorganisationen, in deren Kampagnen und Spendenaufrufen gerade die Robbenjagd eine große Rolle spielt (obgleich die Jagd auf diese niedlichen Robben-Babys schon seit Jahrzehnten verboten ist und Robben im Nordatlantik nicht zu den bedrohten Tierarten gehören!).

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Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis

Bilder von deutschen Schlachthöfen, davon, wie man dort mit den Schweinen, Kälbchen und Rindern umgeht, sind hingegen so gut wie gar nicht präsent im öffentlichen Bewusstsein. Dabei wird dort – pro Tag! – ein Vielfaches der Tiere, die in der Arktis im ganzen Jahr erlegt werden, getötet – abgeschlachtet! Und das passiert bei uns quasi vor der Haustür, nicht in einer fernen Region. Und – aber? – auch viel näher am eigenen Magen.


Alethea Arnaquq-Baril
Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film

In dem berührenden Film der mutigen kanadischen Alethea Arnaquq-Baril, einer jungen Inuit-Mutter, sieht man unter anderem ihr engagiertes Bemühen – das leider vergeblich bleibt – mit Vertretern verschiedener Tierschutzorganisationen in Kontakt und in Dialog zu kommen. Deren Aktivitäten haben nämlich bewirkt, dass durch ein EU-Einfuhrverbot der Markt für Robbenfelle und damit eine wichtige Erwerbsquelle für die Inuit zusammengebrochen ist. Übrigens eine nachhaltige – denn der Robbenbestand in der Arktis ist nicht gefährdet.

Fell einer Ringelrobbe
Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgepannt

Im Hohen Norden lebt man völlig anders als bei uns, wie der Film schon in der ersten Szene zeigt. Die Jagd ist dort Bestandteil des alltäglichen Lebens der Inuit. In bewundernswerter Weise verstehen sie seit Jahrhunderten, die wenigen vorhandenen Ressourcen in einer äußerst kargen Umwelt zu nutzen, in der von September bis Mai Winter ist, in der kein Getreide, kein Gemüse wachsen kann. Robbenfleisch ist das Grundnahrungsmittel für diejenigen Inuit, die an der Küste leben – d.h. für fast alle.

Lebensmittelkosten in der Arktis
Preise für Lebensmittel im Supermarkt in der kanadischen Arktis – Beispiele 2,5 kg Mehl 15$, 1,4 kg Reis 24$, ein Kopf Blumenkohl 12$, 6 Äpfel für 10$, 1,3 kg Fleisch für 73$

Heute leben Inuit in Siedlungen, müssen Miete, Steuern und ihre Rechnungen bezahlen, benötigen also Einkommen. Noch immer ist die Mehrheit der Inuit in der kanadischen Arktis auf die Jagd angewiesen. Wer einmal dort im örtlichen Supermarkt die Produkte und die Preise gesehen hat, weiß, dass Jagd nicht nur Bestandteil der Kultur, nicht nur normale Erwerbsarbeit ist, sondern für die Mehrheit der Arktisbewohner einfach auch überlebensnotwendig. Um den Hunger zu stillen! Wild findet man nur in größerer Entfernung von den Siedlungen, das Benzin für das Schneemobil, das Boot muss bezahlt werden. Der Verkauf der Robbenfelle und -Produkte trägt in unverzichtbarer Weise zum Lebensunterhalt bei.

Fellstiefel
Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefel

Gäbe es Alternativen, um den Lebensunterhalt zu verdienen? Im Hohen Norden Kanadas liegen Rohstoffe, wie Uran und Erdöl. Ihre massive Förderung bedeutet die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis. Der Film macht deutlich, dass die Inuit-Aktivisten ihre Umwelt für sich, ihre Kinder und ihre Enkel bewahren, die arktische Tierwelt und die grandiose Landschaft schützen wollen. Sie fühlen, dass sie mit Greenpeace und den Tierschutzorganisationen auf einer Seite sitzen sollten anstatt Zielscheibe ihrer Kampagnen zu sein – oder von ihnen ignoriert zu werden. Die eigentlichen Gegner? Diejenigen, die die Inuit zur Zustimmung bewegen wollen, für kurzzeitigen „Wohlstand“ die Rohstoff-Ressourcen auszubeuten, ihre nachhaltige Lebensweise aufzugeben und irreversible Eingriffe in die Natur zu gestatten.

Aaju Peter
Mit im Film: Aaju Peter, Designerin für Fellkleidung und Aktivistin für Inuit-Rechte

Die Inuit, ihrer kulturellen Tradition gemäß, zeigen sich normalerweise nicht „angry“ – im Sinne von lautem, lärmenden Protest. Sie bevorzugen es, höflich, bescheiden und mit nachvollziehbarer Argumentation auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Ob so ihre Stimme gehört wird? Dass Angry Inuk kürzlich beim Santa Barbara Film Festival mit dem „Social Justice Award“ geehrt wurde, gibt Hoffnung; man wünscht sich, dass der Film nicht nur vor Tierschutzorganisationen, sondern auch vor dem Europäischen Parlament gezeigt wird – und dass das dort beschlossene Einfuhrverbot für Robbenprodukte aufgehoben wird.

posted by Mechtild Opel

Tanya Tagaq – aus der Arktis nach Berlin

Mit einem grandiosen Konzert eröffnete Tanya Tagaq, eine Inuk aus Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay) in der kanadischen Arktis, das CTM-Festival in Berlin, das in diesem Jahr unter dem Motto „Fear – Anger – Love“ steht.

Tanya Tagaq beim CTM-Eröffnungskonzert
Die wunderbare Tanya Tagaq

Cambridge Bay
Cambridge Bay, Inuit-Gemeinde auf Victoria Island

Gemeinsam mit ihren musikalischen Partnern, dem Geiger Jesse Zubot und dem Schlagzeuger Jean Martin, begeisterte die Vokalistin das Publikum mit einer eindringlichen und bewegenden Performance.

Jean Martin und Tanya Tagaq
Jean Martin mit Tanya Tagaq

Jesse Zubot
Jesse Zubot an der Violine

Tanya Tagaqs Musik hat seine Wurzeln im Throat Singing der Inuit und ist heute im weiten Umfeld der Improvisierten Musik angesiedelt.

Fear - Anger - Love

Tanya Tagaq

Ihre Performance ist nur schwer mit Worten zu beschreiben, man muss sie einfach erleben.
Mit einer unglaublich variablen Stimme und viel Körpereinsatz entführt sie in die den meisten verschlossene Welt der Inuit, der arktischen Landschaft und der Tierwelt.

Tanya Tagaq im Konzert

Tanya Tagaq im Konzert

Die selbstbewusste, welterfahrene Tanya Tagaq studierte zunächst Kunst in Halifax; nun ist sie seit über 10 Jahren auf den Bühnen der Welt zu Hause. Gerade erschienen ist ihre vierte CD Retribution.

Tanya Tagaq im Konzert

Sie trat nicht nur dem mit Kronos Quartett und mit Björk auf, sondern auch mit der hierzulande zu Unrecht noch unbekannten kanadischen First Nations Elektronik-Band „A Tribe Called Red“, die Hip-Hop, Reggae, Electro House und traditionelle Rhythmen und Gesänge der Ureinwohner zusammenführt.

Recht auf traditionelle Jagd
Die Inuit kämpfen für ihre Kultur, zu der auch die Jagd gehört; für manche der einzige Weg, ihre Familie zu ernähren

Bei ihrer Biografie verwundert es nicht, dass sich Tanya Tagaq für die Rechte der Arktisbewohner einsetzt und darüber hinaus Feministin, Umwelt- und Bürgerrechtsaktivistin ist.

Tanya Tagaq

In Kürze wird man sie auf der Berlinale im Kurzfilm Tungijuq erleben können.

posted by Wolfgang Opel

Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten an Hall
Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Erebus und Terror verlassen England
Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Sir John Franklin-Portraet_rechts_von Kristina Gehrmann
Porträt von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart_ Obduktion
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

Nordwestpassage - Faktisches
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

posted by Mechtild Opel

Polar Bear Day und die Jagd auf Eisbären

Wieder einmal ist International Polar Bear Day, und viele Menschen machen sich Gedanken um die Zukunft der Eisbären.
Auch wir in unserem Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis.
97% der in der Klimaforschung Tätigen sind sich einig, dass die gerade stattfindende Erwärmung der Arktis besonders in den letzten Jahrzehnten durch uns Menschen erheblich verstärkt wird. Immer wieder aber versuchen sogenannte Klimawandel-Skeptiker, diesen Zusammenhang zu negieren. Zu ihnen gehören auch die Verteidiger der weltweiten Trophäenjagd, unter anderem auch auf Eisbären.

Jagd auf Eisbaeren - Sammelbild
Jagd auf Eisbaeren – Sammelbild

Die Jagd auf Eisbären ist eigentlich nur noch Vertretern indigener Völker gestattet. Leider ist es denen in Kanada möglich, Jagdlizenzen auf andere Jäger zu übertragen. Sehr zur Freude finanziell potenter Trophäensammler, die sich auf die wenigen Lizenzen und Quoten stürzen, die von den kanadischen Offiziellen jedes Jahr freigegeben werden.

Subsistenzjagd: ein erfolgreicher Inuit-Jäger
Subsistenzjagd: ein erfolgreicher junger Inuit-Jäger – Foto: © Levi Noah Nochasak

Während die Jagd durch die Inuit selbst infolge der vollständigen Verwertung der geschossenen Eisbären als nachhaltig bewertet wird, interessiert die Großwildjäger nur eine besonders imposante Trophäe. Den Rest überlassen sie großzügig ihren indigenen Jagdhelfern. Die USA hat den Import von Eisbärentrophäen und -produkten inzwischen verboten, doch ist der Import in die EU, China, die arabischen und andere Ländern weiterhin gestattet. Unglücklicherweise stellt die Trophäenjagd auf Eisbären – mangels anderer ausreichend gut bezahlter Jobs – eine wichtige Einkommensquelle für die Inuit dar.

Eisbaerenfelle
Eisbärenfelle beim Trocknen – Foto: Wikipedia, Hannes Grohe

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die schonungslose Jagd auf Eisbären weltweit zu einem erheblichen Bestandsrückgang geführt. So erlegte der bekannte norwegische Jäger Henry Rudi von 1908-1948 713 Eisbären – davon 252 in den Wintern 1946/47 und 1947/48. Er setzte dabei Selbstschussfallen und Giftköder ein.

Rudolf Kmunke_Eisbaerenjagd
Rudolf Kmunke: Eisbärenjagd

Rudi allein tötete damit ungefähr so viele Eisbären wie heutzutage in einer Jagdsaison in ganz Kanada zum Abschuss freigegeben werden. Als sogenannter Eisbärkönig hatte er sich damit einen aus heutiger Sicht zweifelhaften Ruhm erarbeitet.
Seit 1973 ist die Jagd auf Eisbären in Norwegen verboten und in den anderen Arktisstaaten streng reguliert, so dass sich die Bestände wieder erholen konnten.


Eisbaerfang
Eisbärfang, Svalbard (Spitzbergen)

Auch wenn sich Inuit und Wissenschaftler in Kanada einig sind, dass der derzeitige Bestand an Eisbären nicht durch die Jagd gefährdet ist, kann niemand prognostizieren, ob das angesichts der Folgen der fortwährenden Erwärmung so bleibt. Die Trophäenjagd auf Eisbären ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Auch wenn die Reiseanbieter von einer angeblich notwendigen Hege schwafeln, geht es letztendlich nur um attraktive Trophäen für die Sammlung nach dem zweifelhaftem Motto „Wer hat den größten …?“


Dekoration_Eisbaer
Eisbärfell als Dekoration – Robert Sedlacek: „Brumme nicht“

Fotos der im Internet verfügbaren Kataloge von Jagdanbietern zeigen, wie sich die „erfolgreichen“ Schützen manipulativ hinter den durch extreme Weitwinkelobjektive vergrößerte Eisbären präsentieren. Tierschützer und Wissenschaftler vermuten sicher zurecht, dass gerade solche Darstellungen wiederum Begehrlichkeiten wecken und damit indirekt Wilderei befördern, die besonders in der russischen Arktis stattfindet.

Historische Postkarte
Eisbärtrophäe in einer historischen Postkarte

Die kanadische Regierung sollte endlich diese Art von fragwürdigem Jagdtourismus beenden und den unterstützenden Inuit-Jägern einen entsprechenden finanziellen Ausgleich und andere Erwerbsmöglichkeiten anbieten – zum Beispiel im Umweltschutz, bei der Eisbärenforschung oder bei Eisbärenbeobachtungen für Touristen. Das wäre dann ein gelungener Beitrag zum Internationalen Eisbär-Tag!

Eisbaeren-Tourismus
Eisbären-Tourismus – Foto: © Annette Conrad

posted by Wolfgang Opel

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