Archiv der Kategorie 'History'

Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

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Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel

Die Insel der Vögel

Bernhard Hantzsch in Island

Bernhard Hantzsch, ein in Dresden geborener Lehrer und Ornithologe, wurde besonders für seine Expeditionen in die Arktis – Labrador 1906 und Baffin Island 1909-1911 – bekannt. Er hatte als erster Weißer Baffin-Island durchquert, als er dort – wahrscheinlich infolge des Verzehrs von infiziertem Eisbären-Fleisch – erkrankte und verstarb. Die aussagekräftigen und teils poetischen Tagebücher und Aufzeichnungen dieser Reise wurden in Deutschland nie veröffentlicht; bisher liegt nur eine kanadische Ausgabe vor.

Bernhard Hantzsch
Porträt Bernhard Hantzsch, Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Anlässlich des 100. Todestages von Bernhard Hantzsch fand in der Schule in Hartha bei Dresden, die heute seinen Namen trägt, eine Gedenkveranstaltung statt, bei der auch Mitglieder der Familie anwesend waren. Eine Dauerausstellung in dieser Schule zeigt wichtige Dokumente und Exponate aus dem Leben von Bernhard Hantzsch. Unter ihnen befindet sich das Tagebuch einer Reise nach Island im Jahr 1903.

Hantzschs Tagebuch der Islandreise
Hantzschs Tagebuch der Islandreise, ausgestellt in der Schule in Hartha

Dies erweckte in uns den Wunsch, seiner damaligen Expedition – zumindest in Teilen – zu folgen. Ihr Verlauf lässt sich anhand des Tagebuchs und der von Hantzsch 1905 veröffentlichten Abhandlung über die Vogelwelt Islands sowie von Briefen, die sich im Besitz der Familie befinden, zu großen Teilen rekonstruieren.

Brief von Hantzsch
Brief aus Hjalteyri, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Ende Juni 2017 war es für uns soweit. Anders als Hantzsch, der am 10.4.1903 mit dem Dampfschiff in Kopenhagen startete und erst nach 11 Tagen Reykjavík erreichte, benötigten wir mit dem Flieger von Berlin nach Keflavík nur etwa drei Stunden.

Regierungssitz in Reykjavik
Auch Bernhard Hantzsch sah dieses Regierungsgebäude in Reykjavík

Nach einer Eingewöhnungszeit fuhr Hantzsch mit einem Küstenboot nach Hjalteyri im Norden Islands. Zunächst wurden die Snaefellsnes-Halbinsel und die Nordwest-Fjorde umfahren.

Kirche von Budir
Ob Hantzsch auch die Kirche in Búðir besuchte?

Stationen der Reise waren u.a. Búðir, Ólafsvík, Stykkishólmur, Flatey, Dýrafjörður, Ísafjörður, Holmavík, Hvammstangi und Skagaströnd.

Leuchtturm von Kalfshamarsvik
Leuchtturm von Kálfshamarsvík nördlich von Skagaströnd

Diese Orte, von denen einige auch auf unserer Liste standen, kann man heute vergleichsweise einfach mit dem Auto (bzw. der Fähre) erreichen. Allerdings mussten wir für manche von ihnen recht viele Straßenkilometer zurückzulegen, da sich das Land hier fingerförmig zwischen tiefen Buchten und Fjorden erstreckt und die Straßen oft der Küstenlinie folgen.

Stykkisholmur in der Mittagssonne
Der Hafen von Stykkishólmur in der Mittagssonne

Búðir, Ólafsvik und Stykkishólmur befinden sich auf der Halbinsel Snaefellsnes. Hier konnten wir Bekanntschaft mit Eissturmvögeln, Gryllteisten, Dreizehenmöwen und den angriffslustigen – weil ihre Brut verteidigenden – Küstenseeschwalben schließen.

Dreizehenmöwe
Nistet gern in Kolonien auf unzugänglichen Felsen: Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)

Angriffslustige Seeschwalbe
Verteidigt ihr Gelege mit Luftangriffen: Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea)

Ísafjörður und Holmavik liegen in den Westfjorden, wo sich an der Steilküste von Látrabjarg, Europas größter Vogelkolonie, Millionen von Seevögeln tummeln, vor allem Papageientaucher, Tordalke, Lummen und Basstölpel.

Handelshaus in Holmavik
Auch 1903 stand in Holmavík das Haus des Händlers Richard P. Riis

Papageientaucher
In Island wird der Papageientaucher (Fratercula artica) „Lundi“ genannt.

Bernhard Hantzsch war 1903 als Ornithologe unterwegs. Land und Leute standen – anders als bei seinen folgenden Expeditionen – weniger im Fokus. Von Hjalteyri aus fuhr er Ende Juni mit dem Schiff nach Grímsey, der Insel, die als einziger Ort Islands den Polarkreis berührt.

Alpenschneehuhn im Sommerkleid
Alpenschneehuhn (Lagopus muta) im Sommerkleid

Grimsey- Foto Bernhard Hantzsch
Grimsey – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Grimsey erwies sich als Paradies für den Vogelkundler Hantzsch, und er verbrachte hier mehr als zwei Wochen.

Das Gehöft Grenjadarstadur am Myvatn
Das Gehöft Grenjaðarstaður am Mývatn – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Nach seiner Rückkehr von Grímsey ritt Hantzsch auf gemieteten Pferden zum Mývatn, dem inzwischen unter Ornithologen wohlbekannten „Mückensee.“ Hier konnte er viele Entenarten beobachten, sowie auch Singschwäne und Eistaucher.

Hantzsch mit seinem Pferd
Hantzsch mit seinem Pferd Hejra – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Wieder in Hjalteyri angekommen, beschloss Hantzsch, den Rückweg nach Reykjavik ganz allein mit seinem Pferd Hejra durch das wenig erschlossene Innere Islands, von Bauernhof zu Bauernhof, zu machen.

Wasserfall Godafoss
Auch früher schon ein Touristenziel: der Goðafoss – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Die heute weltbekannten Reiseziele wie Þingvellir, die Geysire und Islands große Wasserfälle standen schon damals auf der Reiseliste der wenigen Besucher – so auch bei Hantzsch. Dass 110 Jahre später mehr als eine Million Touristen pro Jahr die abgelegene Insel besuchen würden, lag 1903 noch außerhalb jeder Vorstellungskraft.

Die Vogelwelt Islands
Hantzschs Abhandlung über die Vogelwelt Islands

1905 veröffentlichte Hantzsch sein bis heute geschätztes Werk „Beitrag über die Kenntnis der Vogelwelt Islands“. Zwei auf Island vorkommende Unterarten, Acanthis linaria islandica (Birkenzeisig) und Corvus corax islandicus (Rabenart), wurden erstmalig von Hantzsch beschrieben und klassifiziert.

Birkenzeisig
Isländischer Birkenzeisig (Acanthis Linaria islandica) – Foto: Jyrki Salmi

Bei unserem zweiwöchigen Kurzbesuch auf Islands war es natürlich – trotz (oder wegen) der Nutzung eines PKWs auf teilweise asphaltierten Straßen – unmöglich, sich nur annähernd eine Vorstellung von den Herausforderungen zu machen, die Bernhard Hantzsch während seiner fast halbjährigen Expedition bewältigen musste. Die reichhaltige Vogelwelt Islands aber konnten auch wir vielerorts erleben. Hoffen wir, dass Island eine gute Balance zwischen nachhaltigem Tourismus, behutsamer industrieller Ressourcennutzung und Schutz der natürlichen Umwelt finden kann.

Zwei junge Raben
Zwei junge isländische Raben ( Corvus corax islandicus) – Foto: Sigurður Atlason

posted by Wolfgang Opel

Seume kam nicht nach Karelien

1000 Seen, Nordenskiöld und die Leningrad Cowboys

Heute erhielt ich die Nachricht oder in neu-deutsch einen Newsletter über die geplante Eröffnung des neuen Hossa Nationalparks, der ungefähr in der Mitte Finnlands – rund 200 Kilometer von Oulu entfernt – an der Grenze zu Russland liegt.

Im Hossa Nationalpark
Kristallklares Wasser im 110 km² großen Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Mit Oulu ist meine erste Wahrnehmung von Finnland verbunden, lange bevor ich von dem Wunderläufer Paavo Nurmi, von Jean Sibelius oder von der finnischen Sauna gehört hatte.

Jean Sibelius
Eila Hiltunens Skulptur von Jean Sibelius, dem Schöpfer der „Finlandia“

Von einer Schiffsreise nach Oulu hatte mir meine Mutter ein Puukko als Andenken mitgebracht, einen traditionellen „Finnendolch“, der noch heute, Jahrzehnte später, im Bücherregal neben Büchern der finnischen Autoren Juhani Aho und Martti Larni liegt. Ahos Roman „Schweres Blut“, übrigens von Aki Kaurismäki – dem Regisseur der Filme über die schräge finnische Rockband „Leningrad Cowboys“ – als Stummfilm meisterhaft verfilmt, spielt in Karelien, genau der Landschaft, in der sich auch der Hossa Nationalpark befindet.

Mein Puukko
Mein Puukko, ein Geschenk meiner Mutter

Einer der ersten deutschen Autoren, der Finnland und seine wechselvollen Landschaften bereist hat, war Johann Gottfried Seume, der in seinem „Mein Sommer 1805“ berichtet: „Von da [Borgo, heute Porvoo] bis Helsingfors [Helsinki] ward es mir unerträglich heiß; weit heißer, als es mir um den Aetna und in der Lombardey geworden ist.“

Das Rathaus in Porvoo stand schon zu Seumes Zeiten
Das Rathaus in Porvoo stand schon zu Seumes Zeiten – Foto: kallerna

Das war im Hochsommer, wenn selbst im Süden Finnlands die Sonne kaum untergeht. An anderer Stelle schreibt er „Finnland ist eine ungeheure Granitschicht, zwischen welcher sich hier und da schöne fruchtbare bebaute Niederungen hinziehen.“ Die sprichwörtlichen tausend Seen erwähnt er nicht; denn er hatte wohl zu wenig vom Land gesehen.

Dom in Helsinki
Entstand erst nach Seumes Besuch: Dom in Helsinki

Von Helsinki war ihm nur erwähnenswert, dass der Postmeister deutsch sprach und „ein sehr gutes Haus hält“. Die heutige Hauptstadt war damals allerdings nur ein kleines Nest, das kurz danach im Russisch-Schwedischen Krieg von 1808 fast vollständig zerstört wurde.

Uspenski-Kathedrale in Helsinki
Die Uspenski-Kathdrale in Helsinki entstand in der Zeit der russischen Herrschaft

Was uns heute am Stadtbild von Helsinki gefällt, entstand unter russischer Herrschaft oder nach der Unabhängigkeit Finnlands im Jahr 1917. Nach der schwedischen bzw. russischen Vorherrschaft endete das jahrhundertelange Gezerre um Finnland endgültig erst nach dem zweiten Weltkrieg.

Das maritime Helsinki
Das maritime Helsinki

Der Südhafen von Helsinki liegt direkt im Zentrum und bietet freien Blick auf eine weite Bucht und Werftanlagen, wo mächtige Eisbrecher liegen, die daran erinnern, dass Finnland – obwohl es keinen direkten Zugang zum Polarmeer hat – an der Ostsee fast bis an den Polarkreis reicht.

Adolf Erik Nordenskioeld
Adolf Erik Nordenskiöld, aus einem Gemälde von Georg von Rosen, 1886

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich auch Finnen an der Entdeckung und Erschließung der Arktis beteiligt haben. Der in Helsinki geborene finnisch-schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld ist der bekannteste von ihnen. Unter seiner Führung gelang es dem schwedischen Expeditionsschiff Vega, 1878/79 erstmalig die Nordost-Passage von Europa entlang der Nordküste Sibiriens bis nach Asien zu befahren. Im Anschluss umrundete er noch ganz Asien, durchfuhr den Suez-Kanal und kehrte nach Stockholm zurück. Seinen Ruhm teilen sich nun Finnland und Schweden brüderlich.

Finnische Briefmarke Vega
Schwedische Briefmarke
In Finnland wie in Schweden wird Nordenskiöld geehrt

Etwas bescheidenere Entdeckungstouren bieten heute viele finnische Wandergebiete und Nationalparks an, wie neuerdings der von Hossa.

Finnlands Hossa Nationalpark
Spektakuläres Umfeld für Kajaktouren im Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Wer sich dort mit Kanu oder Kajak auf den Weg macht, wird zwar nicht wie seinerzeit Nordenskiöld auf Eisbären stoßen, sondern „bestenfalls“ auf den fast genauso großen Braunbären, der als Finnlands mythisches Nationaltier gilt. Vorsicht und Umsicht sind also auch in der finnischen Wildnis geboten.

Naturparadies mit freiem Eintritt - der Hossa Nationalpark
Naturparadies mit freiem Eintritt – der Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Herzlichen Dank an Visit Finland für die Anregung zu diesem Blog!

posted by Wolfgang Opel

Kanada – 150 plus! Weit mehr als 150 Jahre Geschichte

In diesem Jahr feiert Kanada den 150. Jahrestag der Konföderation, des Staatsgebildes Kanada. Nicht alle Kanadier sehen den Festlichkeiten mit ungetrübter Freude entgegen – denn für die indigenen Völker Kanadas, die First Nations, Inuit, und die Métis, steht der Jahrestag der Staatsgründung auch für die vor etwa 150 Jahren nochmals verstärkt einsetzende Kolonisation.

Denkmal für Anne und Joe Henry Dempster Highway
Heritage Site der Tr‘ondëk Hwëch‘in First Nation – Denkmal für Joe und
Annie Henry am Dempster Highway, Yukon


Haida Heritage Centre in Skidegate
Haida Heritage Centre, Ḵay Llnagaay, Skidegate, Haida Gwaii, British Columbia

Die Geschichte der Ureinwohner im heutigen Kanada begann vor mindestens 12.000 Jahren – oder waren es gar 24.000? – als Völker aus Asien den amerikanischen Kontinent erreichten.

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Im Beothuk Interpretation Centre, Boyd’s Cove, Newfoundland

Hier lebten, bevor seit dem 17. Jahrhundert Franzosen und Briten das heute kanadische Territorium besiedelten, wahrscheinlich ca. 350.000 Menschen, die 50 verschiedene Sprachen verwendeten.

Mackenzie Hotel Inuvik mit Inukshuk
Ein Inukshuk (traditionelles Steinmal der Inuit) in Inuvik, Northwest Territories

Whetung Ojibwa Centre in Ontario
Das Whetung Ojibwa Centre, Curve Lake First Nation, Ontario

Die Erschließung des Landes durch die europäischen Siedler hatte gravierende Folgen für die Ureinwohner. Wegen Überjagung nahmen die Wildbestände ab, die Ureinwohner wurden abhängig von Handelsgütern – außer Lebensmitteln, Werkzeug, Waffen und Munition leider auch Alkohol, mit verheerenden Folgen. Sie lernten Schulden, Hunger und Elend kennen. Epidemien wie Tuberkulose, Masern und Pocken rafften einen großen Teil der indigenen Bevölkerung dahin; ganze Dörfer mussten aufgegeben werden.

Continuing Care Centre Kainai
Continuing Care Centre, Blood Tribe, Kainai First Nation, Stand Off, Alberta – Foto: © Geneviève Susemihl

Christliche Missionierung verstärkte den kulturellen Wandel, der durch die veränderte Lebensweise eingesetzt hatte.

Millbrook Cultural & Heritage Centre, Nova Scotia
Glooscap-Monument vor dem Millbrook Cultural & Heritage Centre bei Truro, Nova Scotia

The Forks Meeting Place, Winnipeg
Seit 6000 Jahren ein Treffpunkt: The Forks im Zentrum von Winnipeg

Um die Ressourcen des Landes für Ackerbau, Viehzucht und Industrie zu übernehmen und mittels Eisenbahnen zu erschließen, handelte die föderale Regierung Kanadas im 19. Jahrhundert Verträge mit den First Nations zu Landabtretung und zu ihrer Ansiedlung in Reservaten aus, wo sie „zivilisiert“ und assimiliert werden sollten. Als Gegenleistung wurden jährliche Geldzahlungen und die Sorge für Schulen, Ausbildung und wirtschaftliche Entwicklung zugesagt – ein nur unzureichend erfülltes Versprechen, was bis heute große Probleme nach sich zieht. In manchen Reservaten erinnern die Lebensbedingungen – von der Trinkwasserversorgung über die Wohnungssituation bis hin zum Zustand der Schulen – an die dritte Welt und entsprechen keineswegs den Standards im übrigen Kanada.

Camp Ashini Quebec
Camp Ashini – ein traditionelles Innu-Camp an der Côte-Nord, St. Lorenz-Strom, Quebec

Seit dem Indian Act von 1876 betrieb man über 100 Jahre lang eine Politik der kulturellen Assimilierung, die auf das Verschwinden der indigenen Sprachen, Lebensweise, religiösen Auffassungen und damit der gesamten Kultur zielte. Fast ebenso lange wurden Kinder der Ureinwohner zwangsweise von ihren Familien entfernt und in zumeist kirchlich geleitete residential schools (Internatsschulen) verbracht, wo sie häufig auch psychischen, physischen Misshandlungen und manchmal sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Das führte zu Entwurzelung, Traumatisierung und gebrochenen Lebensläufen mehrerer Generationen. Die Nachwirkungen – Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt – belasten die Entwicklungsmöglichkeiten, vor allem die der Kinder, bis heute.

Pabineau Falls, New Brunswick
Stromschnellen (Pabineau Falls) im Oasapegel Heritage Park – Pabineau First Nation, New Brunswick

Seit den 1980er Jahren entstanden bei den First Nations und den Inuit politische Bewegungen zur Rückbesinnung auf kulturelle Werte, zum Retten und Wiedererlernen der eigenen Sprache und Traditionen und zur Selbstbestimmung. In jüngster Zeit benutzen vor allem junge, gut ausgebildete Angehörige der First Nations und Inuit das Schlagwort „Dekolonisation“, um grundlegende Rechte und Chancen für ihre Völker einzufordern.

Lennox Island Cultural Centre, PEI
Im Cultural Centre – Lennox Island First Nation, Prince Edward Island

Als Tourist hat man in allen Provinzen und Territorien Gelegenheit, sich auch über das „Kanada 150plus“ zu informieren – das Kanada der First Nations, Inuit und Métis.

Inukshuk bei Cape Dorset, Nunavut
Inukshuk – Wegzeichen nahe der Inuit-Siedlung Cape Dorset, Nunavut

Wanuskewin Heritage Park
6000 Jahre alt sind die archäologischen Funde im Wanuskewin Heritage Park bei Saskatoon, Saskatchewan – Foto: Wikipedia, Canadian2006

Siehe auch meine Artikel „150 oder 12.000 Jahre? Aus der Geschichte Kanadas“ sowie „Ahornblatt und Medicare. Bemerkungen zu Politik und Gesellschaft“, die im Heft 2/2017 des Magazins 360° Kanada erschienen sind – und natürlich unser „Kanada-Lesebuch“ (MANA-Verlag).

posted by Mechtild Opel

Unterwegs am Rand der Welt: Haida Gwaii

Geneviève Susemihls Buch „Bären, Lachse, Totempfähle“

Wir hatten Haida Gwaii (bis 2010 bekannt unter dem kolonialen Namen Queen Charlotte Islands) vor einigen Jahren selbst besucht – darum waren wir auf dieses Buch besonders gespannt. Nicht nur ihre einmaligen Natur – Stichwort: nördlichster Regenwald der Erde mit den größten Schwarzbären weltweit – sondern auch durch die faszinierende Kultur der Haida – Stichwort: Totempfähle und Potlatch – macht diese seit über 12.000 Jahren bewohnten Inseln so interessant.

Bären, Lachse, Totempfähle
Bären, Lachse, Totempfähle – das neue Buch von Geneviève Susemihl

Die Autorin versteht es, ihre unmittelbaren Reiseeindrücke und -erlebnisse mit profunder Sachkenntnis zu verbinden. Mit ihrer lebendigen Erzählweise nimmt sie den Leser mit auf ihren Weg – vom Abschied von ihrer Familie in Mecklenburg, auf ihren Flug und zunächst zur Zwischenstation in Vancouver. Hier lernt man nicht nur ihre Freunde vor Ort kennen, sondern besucht mit ihr auch Bibliothek und Museen – und lernt damit zeitgenössische Skulpturen kennen und erfährt eine Menge über die traditionelle Gesellschaft der Haida, mit den beiden Abstammungslinien „Eagle“ und Raven“ und sehr komplexe Gesellschaftsstrukturen mit Clans, Chiefs und matrilinearer Erbfolge – und auch, was die berühmten totem poles zu erzählen haben.

Skulptur Frog Constellation von James Hart
Skulptur Frog Constellation von James Hart – Foto: © Geneviève Susemihl

Dass nicht immer alle Pläne aufgehen, weiß jeder, der sich auf Fernreisen abseits der ausgetretenen Pfade begibt. Das Wetter, die Jahreszeit und andere Gegebenheiten vor Ort machen auch der Autorin zu schaffen, als sie Haida Gwaii erreicht. Man kann förmlich mit ihr mitfiebern, ob sie ihre Ziele, wie etwa den Gwaii Hanaas Nationalpark, erreichen wird, und man kann sich mit ihr über ganz außergewöhnliche Begegnungen freuen.

Skedans - Baum umarmt umgestürzten Totempfahl
Im aufgegebenen Dorf Skedans – Baum umarmt umgestürzten Totempfahl –
Foto: © Geneviève Susemihl


Geneviève Susemihl nimmt uns mit auf ihre Spurensuche auf den weitläufigen Inseln, auch an Orte, zu denen keine Straßen führen. Dieses Buch wird den Naturliebhaber erfreuen, denn er findet darin, was üblicherweise bei Reiseberichten viel zu kurz kommt – fast alles über Tier- und Pflanzenwelt der Insel und des umgebenden Meeres, und selbst die geographischen und geologischen Eigenheiten des abgelegensten Archipels Nordamerikas am Rand der Kontinentalplatte werden vorgestellt. Wer beispielsweise schon immer wissen wollte, wie wichtig die Kelpwälder im Ozean sind, bekommt diese Information hier so ganz nebenbei, wenn während einer spannenden Bootsfahrt über die putzigen Seeotter berichtet wird, die einst wegen ihrer Pelze schonungslos gejagt und dabei fast ausgerottet wurden.

Im nördlichen Regenwald
Im nördlichen Regenwald: mächtige Zeder – Foto: © Geneviève Susemihl

Auf ihren Spaziergängen beobachtet die Autorin Raven, den Trickster; auf einer abenteuerlichen Wanderung ganz allein in der Wildnis wird uns Taan, den Herr des Waldes, vorgestellt – Gelegenheiten, uns die Mythologie der Haida wie auch aktuelle Konflikte nahezubringen. Hierzu gehören die umstrittene Trophäenjagd wie auch die skrupellose Abholzung des Regenwaldes mit ihren Folgen für Waldgesundheit und Lachsflüsse, sowie der Kampf der Haida um Schutzgebiete, um nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen des Landes und um ihre Teilhabe und Selbstbestimmung.

Zweisprachiges Strassenschild in Skidegate
Zweisprachiges Strassenschild im Haida-Dorf Skidegate –
Foto: © Geneviève Susemihl


In einer gelungenen Kombination von Geschichtswissen und eigener Anschauung macht das Buch deutlich, wie die Kultur der Haida der Kolonisierung getrotzt, in vielen Teilen überlebt hat und eine Erneuerung erfährt.
Viele Farbfotos, eine Übersichtskarte, praktische Reisehinweise sowie eine Liste mit weiterführender Literatur ergänzen das handliche, 284 Seiten starke Buch. Eine absolute Empfehlung für alle, die sich für die landschaftlich und kulturell so reizvolle Region an der Pazifikküste Kanadas und für die First Nations damals wie heute interessieren.

Kunstgalerie im Haida-Dorf Old Massett
Kunstgalerie und Totempfahl im Haida-Dorf Old Massett –
Foto: © Geneviève Susemihl


Das Buch „Bären, Lachse, Totempfähle“ von Geneviève Susemihl ist 2016 erschienen bei: traveldiary Verlag / 360° medien mettmann

posted by Mechtild Opel




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