Archiv der Kategorie 'Exploration - Entdeckungsgeschichte'

Ein Toast zu Ehren von Johann August Miertsching

(English version here)
Zum 200. Geburtstag des einzigen Mannes aus Deutschland, der am Auffinden der Nordwestpassage beteiligt war

Am 21. August 1817 wurde im sorbischen Dorf Hrodźišćo (Gröditz) bei Weißenberg in der Oberlausitz Johann August ( sorbisch: Jan Awgust) – der Sohn des Zimmermanns Johann Miertsching (Měrćink), geboren. Da war es erst vier Jahre her, dass die Äcker rund um das Dorf durch Kanonenkugeln aufgewühlt und von Blut getränkt worden waren, als Napoleon mit den verbündeten Sachsen in der Schlacht bei Bautzen hier gegen die preußischen und russischen Truppen kämpfte.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz bei Weißenberg, Oberlausitz

Von dem auf einem Hügel gelegenen Dorf hatte man auch damals einen freien Blick ins umgebende Land, aus dem die Glockentürme der benachbarten Kirchspiele aufragten. Am Horizont waren die Türme von Budissin (heute Bautzen) erkennbar, der Hauptstadt der unter sächsischer Herrschaft stehenden Oberlausitz. Hat diese Sicht in die Weite das spätere Leben des Knaben beeinflusst?
Seinen 10. Geburtstag beging Jan Awgust als Schüler der Gröditzer Dorfschule, wo der Unterricht bis dahin ausschließlich in Sorbisch stattgefunden hatte; nun brachte ein neuer Lehrer den Schülern auch das Lesen der deutschen Sprache bei.

1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka
1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka

Als Miertsching seinen 20. Geburtstag feierte, war er Schustergeselle in dem nahe Budissin gelegenen Dorf Kleinwelka, einem Stützpunkt der Herrnhuter Brüdergemeine. Als er 25 wurde, hatte er seine Meisterprüfung abgelegt und war inzwischen in die Brüdergemeine aufgenommen worden.

Okak – historische Zeichnung
Okak im Norden Labradors, historische Zeichnung

Seinen 30. Geburtstag feierte Miertsching bereits weit weg von zuhause, auf einem anderen Kontinent. Mittlerweile arbeitete er bereits im dritten Jahr seines Dienstes in der Herrnhuter Mission bei den Inuit in Okak, einer Siedlung in der subarktischen Region im Norden Labradors nördlich des 57. Breitengrades. Hier erlernte er die Sprache der Inuit und war neben praktischen Alltagsarbeiten und anderen Pflichten vor allem als Lehrer tätig. Am 24.8.1847, drei Tage nach seinem Geburtstag, berichtet er in einem Brief nach Herrnhut: „Ich hatte für die ledigen Brüder und Knaben, weil sie mich täglich besuchen, einen Unterricht in der Weltkunde angefangen, und es schien ihnen Vergnügen zu machen, und für mich war es eine gute Übung in der Sprache …“.

Flaxman Island
Nahe Flaxman Island konnte Miertsching als Dolmetscher für seinen Kapitän sich mit den dortigen Inuit verständigen

Seinen 35. Geburtstag, 1852, muss Miertsching in sehr kritischer Lage begehen. Anfang 1850 war er als Inuit-Dolmetscher für eine britische Expeditionen zur Suche nach Franklins verschollener Expedition ausgewählt worden und musste an Bord des Schiffes HMS Investigator in kürzester Zeit die englische Sprache erlernen. Nun hatte er bereits zwei Winter in der Arktis hinter sich, und zwar im Hohen Norden.

Die Investigator im Eis
Das Schiff „Investigator“ im arktischen Packeis

Das Schiff liegt in der westlichen Arktis nördlich des 74. Breitengrades in einer Bucht des Polarmeeres im Norden von Banks Island Banks Island fest, gefangen im Eis. Viele Männer leiden an Skorbut. Alle hatten sehnlichst auf das Aufbrechen des Eises gewartet, doch dieser Sommer ist kühler als normal, das Schiff bleibt fest eingefroren, und die Lebensmittel werden knapp. In seinem Tagebuch erwähnt Miertsching die „niedergeschlagene Mannschaft“, er selbst sucht Trost in seinem Glauben und vermerkt über seinen Geburtstag nur knapp: „Ich verbrachte den heutigen Tag auf dem Lande, und wanderte einsam herum. Der Herr schenckte mir auch heute große Gnade …“.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head auf Banks Island – Zeichnung von Samuel Gurney Cresswell

Als Miertsching 40 wird, befindet er sich in einem völlig anderem Erdteil. Er hatte kurz zuvor geheiratet und war im Dienst der Herrnhuter Mission mit seiner Frau nach Südafrika gereist. In Elim, etwa 15 km entfernt von der Südspitze Afrikas, hat er den Handel der Mission übernehmen müssen. Nun bringt er unter der Mitwirkung seiner Frau das zuvor verlustreiche Ladengeschäft der Mission und die vernachlässigte Buchhaltung in Ordnung und erlernt eine neue Sprache (Afrikaans). Das völlig andere Klima mit der ungewohnten Wärme macht ihm zunächst noch nicht allzu sehr zu schaffen, da in Elim „immer etwas Seeluft weht“. Seine junge Frau ist schwanger, am Jahresende wird ihr erstes Kind erwartet.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching und seine junge Frau Clementine Auguste

Seinen 45. Geburtstag 1862 verbringt Miertsching in Genadendal, ebenfalls in der Kapregion, näher an Kapstadt, aber weiter im Inland gelegen. Er soll nun auch hier den Handel und den Ladenbetrieb in Ordnung bringen. Inzwischen hat er eine viereinhalbjährige Tochter, und nachdem in Elim zwei Söhnchen kurz nach der Geburt verstorben waren, erfreut sich das Paar jetzt an einem neuen Baby, einem nunmehr acht Monate altem Mädchen – das allerdings nur zwei Jahre alt werden sollte.

Kirche und Schule in Genadendal
Kirche und Schule in Genadendal, Südafrika

Die Lebensbedingungen in Genadendal sind nicht einfach. Miertsching muss für seinen Tätigkeit oft nach dem über 100 km entfernten Kapstadt reisen. Der mühselige und aufwändige Transport erfolgt mit Ochsenkarren. Das Land leidet in dieser Zeit immer wieder unter Dürre und schlechten Ernten, die Tiere und die Menschen unter Krankheiten, darunter ansteckende Epidemien.
Ob Miertsching seinen 50. Geburtstag 1867 in guter Stimmung verbrachte? Wohl kaum. Am Vortag wäre sein kleines Söhnchen zwei Jahre alt geworden – wenn es denn überlebt hätte; es war jedoch zwei Monate zuvor an Diphterie gestorben. Von bisher fünf Kindern war nur noch die älteste Tochter Marie am Leben, doch die war im Jahr zuvor, gemäß den Regeln der Herrnhuter, von den Eltern getrennt und nach Deutschland zur Schule geschickt worden.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Seinen 60. Geburtstag erlebte Miertschings nicht mehr – er ruhte schon seit über zwei Jahren, seit 1875, auf dem Gottesacker der Brüdergemeine in Kleinwelka. Seine Frau war bereits 1869, kurz nach ihrer Rückkehr nach Afrika, verstorben. Sein Lebensabend als Witwer, damals Vater einer Halbwüchsigen und eines Kleinkinds, war sicherlich alles andere als freudvoll gewesen.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut

Miertschings Leben ist nur teilweise dokumentiert, am besten während seiner Arktisreise von ihm selbst und anderen Zeitgenossen. Sein Wirken unter diesen extremen Bedingungen fand höchste Anerkennung von seiten seines Kapitäns, der Schiffsmannschaft und der an der Rettung beteiligten Offiziere sowie schließlich sogar von der englischen Königin, die ihm die „Arktische Medaille“ verlieh.

Graeber auf Beechey Island
Miertsching verbrachte mehrere Wochen auf Beechey Island, wo sich Gräber der verschollenen Franklin-Expedition befinden

Andere Etappen seines Lebens sind leider nur in Bruchstücken bekannt. Bei unseren Archiv-Recherchen in Deutschland, England, Hawaii und Kanada sind wir immer wieder auf neue, kaum oder gar nicht bekannte Quellen gestoßen, so erst vor wenigen Wochen auf unbekannte Briefe. Sie lassen seine Persönlichkeit in neuem Licht erscheinen, auch wenn noch manche Fragen offen sind. In dem Buch, an dem wir derzeit arbeiten, werden wir unsere Erkenntnisse über Johann August Miertsching vorstellen.

Auf en Spuren Miertschings besuchten wir das Mission Houses Museum in Hawaii
Auf den Spuren Miertschings besuchten wir das Mission House Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel

Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

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Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel

Seume kam nicht nach Karelien

1000 Seen, Nordenskiöld und die Leningrad Cowboys

Heute erhielt ich die Nachricht oder in neu-deutsch einen Newsletter über die geplante Eröffnung des neuen Hossa Nationalparks, der ungefähr in der Mitte Finnlands – rund 200 Kilometer von Oulu entfernt – an der Grenze zu Russland liegt.

Im Hossa Nationalpark
Kristallklares Wasser im 110 km² großen Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Mit Oulu ist meine erste Wahrnehmung von Finnland verbunden, lange bevor ich von dem Wunderläufer Paavo Nurmi, von Jean Sibelius oder von der finnischen Sauna gehört hatte.

Jean Sibelius
Eila Hiltunens Skulptur von Jean Sibelius, dem Schöpfer der „Finlandia“

Von einer Schiffsreise nach Oulu hatte mir meine Mutter ein Puukko als Andenken mitgebracht, einen traditionellen „Finnendolch“, der noch heute, Jahrzehnte später, im Bücherregal neben Büchern der finnischen Autoren Juhani Aho und Martti Larni liegt. Ahos Roman „Schweres Blut“, übrigens von Aki Kaurismäki – dem Regisseur der Filme über die schräge finnische Rockband „Leningrad Cowboys“ – als Stummfilm meisterhaft verfilmt, spielt in Karelien, genau der Landschaft, in der sich auch der Hossa Nationalpark befindet.

Mein Puukko
Mein Puukko, ein Geschenk meiner Mutter

Einer der ersten deutschen Autoren, der Finnland und seine wechselvollen Landschaften bereist hat, war Johann Gottfried Seume, der in seinem „Mein Sommer 1805“ berichtet: „Von da [Borgo, heute Porvoo] bis Helsingfors [Helsinki] ward es mir unerträglich heiß; weit heißer, als es mir um den Aetna und in der Lombardey geworden ist.“

Das Rathaus in Porvoo stand schon zu Seumes Zeiten
Das Rathaus in Porvoo stand schon zu Seumes Zeiten – Foto: kallerna

Das war im Hochsommer, wenn selbst im Süden Finnlands die Sonne kaum untergeht. An anderer Stelle schreibt er „Finnland ist eine ungeheure Granitschicht, zwischen welcher sich hier und da schöne fruchtbare bebaute Niederungen hinziehen.“ Die sprichwörtlichen tausend Seen erwähnt er nicht; denn er hatte wohl zu wenig vom Land gesehen.

Dom in Helsinki
Entstand erst nach Seumes Besuch: Dom in Helsinki

Von Helsinki war ihm nur erwähnenswert, dass der Postmeister deutsch sprach und „ein sehr gutes Haus hält“. Die heutige Hauptstadt war damals allerdings nur ein kleines Nest, das kurz danach im Russisch-Schwedischen Krieg von 1808 fast vollständig zerstört wurde.

Uspenski-Kathedrale in Helsinki
Die Uspenski-Kathdrale in Helsinki entstand in der Zeit der russischen Herrschaft

Was uns heute am Stadtbild von Helsinki gefällt, entstand unter russischer Herrschaft oder nach der Unabhängigkeit Finnlands im Jahr 1917. Nach der schwedischen bzw. russischen Vorherrschaft endete das jahrhundertelange Gezerre um Finnland endgültig erst nach dem zweiten Weltkrieg.

Das maritime Helsinki
Das maritime Helsinki

Der Südhafen von Helsinki liegt direkt im Zentrum und bietet freien Blick auf eine weite Bucht und Werftanlagen, wo mächtige Eisbrecher liegen, die daran erinnern, dass Finnland – obwohl es keinen direkten Zugang zum Polarmeer hat – an der Ostsee fast bis an den Polarkreis reicht.

Adolf Erik Nordenskioeld
Adolf Erik Nordenskiöld, aus einem Gemälde von Georg von Rosen, 1886

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich auch Finnen an der Entdeckung und Erschließung der Arktis beteiligt haben. Der in Helsinki geborene finnisch-schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld ist der bekannteste von ihnen. Unter seiner Führung gelang es dem schwedischen Expeditionsschiff Vega, 1878/79 erstmalig die Nordost-Passage von Europa entlang der Nordküste Sibiriens bis nach Asien zu befahren. Im Anschluss umrundete er noch ganz Asien, durchfuhr den Suez-Kanal und kehrte nach Stockholm zurück. Seinen Ruhm teilen sich nun Finnland und Schweden brüderlich.

Finnische Briefmarke Vega
Schwedische Briefmarke
In Finnland wie in Schweden wird Nordenskiöld geehrt

Etwas bescheidenere Entdeckungstouren bieten heute viele finnische Wandergebiete und Nationalparks an, wie neuerdings der von Hossa.

Finnlands Hossa Nationalpark
Spektakuläres Umfeld für Kajaktouren im Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Wer sich dort mit Kanu oder Kajak auf den Weg macht, wird zwar nicht wie seinerzeit Nordenskiöld auf Eisbären stoßen, sondern „bestenfalls“ auf den fast genauso großen Braunbären, der als Finnlands mythisches Nationaltier gilt. Vorsicht und Umsicht sind also auch in der finnischen Wildnis geboten.

Naturparadies mit freiem Eintritt - der Hossa Nationalpark
Naturparadies mit freiem Eintritt – der Hossa Nationalpark – Foto: © Visit Finland

Herzlichen Dank an Visit Finland für die Anregung zu diesem Blog!

posted by Wolfgang Opel

Bären auf Kamtschatka Teil II – Jagd gestern und heute

Schwarze Bären … hat man auf ganz Kamtschatka in unbeschreiblicher Menge, und sieht man solche Heerdenweise auf denen Feldern umher schweifen. Im Frühjahr kommen sie haufenweise von den Quellen der Flüsse aus denen Gebürgen, wohin sie sich in Herbste der Nahrung wegen begeben, um daselbst zu überwintern.“ Solche Sätze und mehr finden wir bei Georg Wilhelm Steller, der 1739-1746 auf Kamtschatka war.
Die Itelmenen – eines der indigenen Völker auf Kamtschatka – erlegten die Bären mit Speeren, nachdem sie Fallgruben ausgehoben und mit einer Grasdecke überzogen hatten. Im Winter suchten sie die Bären in ihren Höhlen auf, wohin diese sich zur Winterruhe zurückzogen (Bären senken ihren Blutkreislauf auf ein Minimum). Die Itelmenen stießen mit Speeren durch die Erdhöhle.

Aufgespannte Baerenfelle, mit Salz eingerieben
Aufgespannte Bärenfelle, mit Salz eingerieben – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bären haben ausgetretene Pfade, die sie immer wieder benutzen, und dort werden Schlingen aufgestellt. Eine Fangmethode, die bis noch heute üblich ist. In einer Jagdhütte fand ich den Schädel eines so gefangenen Bären. Die Zähne waren stark abgenutzt, als der Bär sich von der Metallschlinge befreien wollte – ein hoffnungsloses Unterfangen.
Steller schreibt weiter: „Sie kommen an die Mündung derer Flüsse, stehen an den Ufern, fangen Fische und werfen sie nach dem Ufer und fressen sie zu der Zeit, wenn die Fische im Überflusse sind, nach Art der Hunde, nicht mehr von ihnen als den Kopf.“ Eine Beobachtung, die auch ich bei Raubtieren machte: oft bleibt das Fleisch liegen, und es fehlen die Köpfe.

Steller-Titelbild
Stellers Buch über Kamtschatka

Die nachfolgenden Expeditionen und Großwildjäger im 19. und Anfang des zwanzigsten Jahrhundert berichten von ähnlichen Erlebnissen, wie Steller sie beschrieb.
Der einzige Zar, der Kamtschatka aufsuchte, war Alexander III., der die Reformen seinen Vaters und die Einführung westeuropäische Rechtsstaatlichkeit wieder rückgängig machte. Er liebte die Jagd und den Fischfang. So hielt er sich 1882 zur Bärenjagd in Kamtschatka auf und veranlasste, in Süden der Halbinsel eine Schutzzone einzurichten, die bis heute erhalten blieb.

In den Naturparks Kamtschatkas sind die Baeren geschuetzt
In den Naturparks von Kamtschatka, wie hier am Kurilensee, sind die Bären geschützt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Viele wissenschaftliche Expeditionen erlegten Braunbären für europäische Museen. Unter anderem Sten Bergman, der Kamtschatka 1922 während der Interventionskriege aufsuchte.
Der schwedischen Zoologe schreibt: „Der alte Jäger [ein fünfzigjähriger Kamtschadal-Russe] hatte innerhalb einiger Augenblicke sechs Bären zur Strecke gebracht … Er aber zog ruhig sein Wetzstein hervor und begann sein Messer zu schärfen, während wir übrigen uns versammelten, um das Schlachtfeld zu besehen, über das der Nebel vom Meer hereinziehen begann.“

Aus Ullrich Wannhoffs Skizzenbuch 2016
Aus meinem Skizzenblock 2016 – © Ullrich Wannhoff

Das reichhaltige Nahrungsangebot der großen Bären machte sie früher wie heute zu einem der beliebtesten Jagdobjekte für Trophäenjäger. Ihre geringe Distanz zum Menschen und ihr friedliches Leben trug dazu bei. Zuerst wurden die stärksten Bären zu Opfern. Die scheueren und kleineren Bären überlebten. Über die Zeit werden die Gene der großen Bären verschwinden, und zurück bleibt eine Art Bär in mittlerer Größe. Ähnlich ist es bei unserem Rotwild, bei dem die stärksten und größten Tiere vor dreihundert Jahren von Adligen und Fürsten abgeschossen wurden. Übrig blieb heute eine kleinere, sehr scheue Rothirschart.

Aus Niediecks Buch
Aus Niediecks Buch „Kreuzfahrten im Beringmeer“

Der Großwildjäger Paul Niedieck schreibt über „Mein stärkster Bär“ „ … so dass ich mich plötzlich nur noch wenige Schritte von dem schlafenden Bär befand, der grunzende Töne von sich stieß, die der Ausdruck des Behagens oder auch Schnarchern gewesen sein mögen. Ich ging nun etwas zur Seite, an eine Stelle, von der aus ich besser schießen konnte, und ließ meine Kugel fahren.“ Das war im Juni 1906 nördlich von Petropavlovsk, wo er mit Helfern und einem Boot mehrere Buchten abfuhren. Im Sommer war das Land in Kamtschatka schwer begehbar.

Niedieck_Jagdbeute
Paul Niedieck: „Unsere Strecke an Bären und Schafen“

Einen Bären in Kamtschatka zu erschießen ist in etwa, als würde ich bei uns eine weidende, friedliche Kuh erschießen. Mit Jagen hat das sehr wenig zu tun!!!
Niedieck brachte aus Kamtschatka und Alaska eine sehr beachtliche Sammlung für das Berliner Naturkundemuseum mit.

Paul Niedieck mit erlegtem Baeren
Paul Niedieck mit erlegtem Bären

Nach der Wende wurde der Bär stark bejagt – wegen der Galle, die illegal nach China ausgeführt wird. Für etwa 300 Bären pro Jahr werden Jagd-Lizensen ausgegeben, laut mündlicher Aussage. Wie weit illegal gejagt wird – keine Ahnung. Einige Jäger, wie Sergey Gorshkov, wurden zu Fotojägern, die sich heute für den Schutz und Erhalt der Tiere einsetzen.

posted by Ullrich Wannhoff

Zum Thema „Bären auf Kamtschtka“ kann man auch den Beitrag „Menschen hinterm Weidezaun“ lesen.

The Heydays And Decline Of Arctic Exploration

Evidence from two Polar Bear Paintings

Guest contribution – by Michael Engelhard

Analyzing the heroic quest narrative, the American mythologist Joseph Campbell pointed out that it is crucial for the protagonist to face unknown dangers and to gain some spiritually or physically valuable thing. As a placeholder for Arctic adversity, the polar bear perfectly embodied such a thing. Captured alive, pictured, described for science, or slain for its meat or skin, it signified the hero’s trophy, his travails and rewards.

Biard_Kampf mit Eisbaeren_1840
Fight with polar bears, by François-Auguste Biard, 1840

Two English nineteenth-century paintings that fall well within the Heroic Age epitomize the polar bear’s role in visual mythmaking: Richard Westall’s apotheosis Nelson and the Bear (1806) and Edwin Henry Landseer’s memento mori Man Proposes, God Disposes (1864).
Landseer’s monumental canvas alludes to the fate of Sir John Franklin (Nelson’s subaltern at the battle of Trafalgar), “the man who ate his boots,” who with his sailors disappeared sometime after 1845, while seeking to conquer that other chimera, the Northwest Passage. Using dark tones throughout this painting, Landseer, who’d studied live polar bears at the menagerie at the Exeter Exchange in London’s Strand, cast long shadows upon “an English optimism and triumphalism, which was particularly apparent at mid-century.”

Franklin’s had been the largest and best-equipped Arctic expedition to embark until then. His wife, Lady Jane Franklin, who never stopped hoping for his return, attended a soiree at the Royal Academy at which the “offensive” painting was shown. Her indignation was caused by the inclusion of two polar bears that, in Landseer’s imagining of the aftermath, gnawed on a human ribcage and shredded a red British ensign, symbol of national pride. Lady Franklin’s shock at the sight of the disgraced flag could have been exacerbated by the fact that she had sewn it (or one very much like it) for her knight-errant before he embarked on his last journey. Allegedly, at home, she had thrown that silken flag over Franklin, who was stretched out on a divan, and he had startled, reminding her that the Navy covered corpses with the Union Jack before burial at sea. Superstition also surrounds the painting itself. Man Proposes, God Disposes now hangs in the study hall of the Royal Holloway (a college of the University of London) where administrators long felt it necessary to cover the work with a large Union Jack during exams. Rumor had it that a student who had looked directly at it went mad and committed suicide and that those who sat next to it would fail their exams or die.

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Man Proposes, God Disposes – painting by Edwin Henry Landseer, 1864

Every animal painting is also always a self-portrait, a story we tell about Nature and thereby reflective of our own nature. The red ensign in Man Proposes, which draws the viewer’s gaze, recalls Tennyson’s “Nature, red in tooth and claw”—but to pious Victorians, the horror of men having become bear prey was nothing compared to the evil whose name few dared to speak.
In 1854, word had reached London that Dr. John Rae of the Hudson’s Bay Company had met some Inuit who had learned from others that about forty white men had been seen in 1850, dragging a boat south, and that later, the bodies of those men had been found. They most likely had died from cold and starvation, but John Rae’s report included a disturbing detail mentioned by his informants. “From the mutilated state of many of the bodies, and the contents of the kettles,” he wrote, “it is evident that our wretched countrymen had been driven to the last dread alternative as a means for sustaining life.”
That the men who had been commanded by the man who once ate his boots had allegedly resorted to this outraged the civilized British. To be known as men who were savaged by polar bears was tragic, if rather interesting—“to be known as men who ate each other, unthinkable.” In light of Dr. Rae’s news, the ravenous bears in Landseer’s work became interchangeable with men, identical to them—too close for emotional comfort, which Darwin’s ideas had already disturbed.
Landseer’s monumentalized animal stands firmly in the tradition of seventeenth-century vanitas still-life paintings. In this art form, bodily remains and sundry objects symbolize vanity and the fleetingness of wealth, power, and fame—indeed, of all human endeavors—in the face of death. It is unlikely that Landseer suggested that bears had killed any of Franklin’s men; rather, he portrayed them in the scavenger mode that explorers often observed. To one reviewer, the painting’s characters looked like “monster ferrets,” which must have pained Landseer, who had gone so far as to borrow a polar bear skull from a Scottish museum in order to get the animal’s face and dimensions right.

Westall_Nelson and the Bear
Nelson and the Bear – painting by Richard Westall, 1806

Westall’s Nelson and the Bear reflects a younger, more confident empire. It poises the plucky, fifteen-year-old midshipman and future hero of Trafalgar at the edge of the pack ice, in a frockcoat, with buckled shoes and a bonnet resembling a chef’s hat—not really dressed for such an outing. Nelson wields his musket like a club against an opponent that has flattened its ears against its head and looks more like a scared sheepdog than a polar bear.
In 1773, young Horatio’s ship, HMS Carcass, like many before it on the search for the Northeast Passage, ground to a halt in the ice near Spitsbergen. Carcass and a second ship, Racehorse, were sailing under the command of Commodore Constantine Phipps, who on that same voyage named the polar bear Ursus maritimus.
Together with a shipmate, Nelson went after the bear, whose skin he wished to give to his father. That, at least, is the story the ship’s captain, Commander Skeffington Lutwidge, started telling decades later. He added the companion and the loyal filial element only in 1809, four years after Nelson had bled to death on the deck of HMS Victory. In Lutwidge’s story, Nelson’s rusty, borrowed musket misfired and he was saved only because a rift in the ice had appeared, separating him from the bear. Westall’s painting, however, shows only Nelson, a single, steadfast Briton facing the epitome of the hazardous North. Obviously, a companion on the ice would have diminished Nelson’s glory. Westall also included, in the background, Carcass helping to scare of the bear by firing a cannon. Besides adding to the hagiography of a national hero, the work celebrated Britannia and its mariners, tougher than walrus hide.
Westall had conceived the painting as one of a series of episodes illustrating Robert Southey’s Life of Nelson, begun in 1809 and published in 1813. Southey gave his hero a line ripe with braggadocio. “Do but let me get a blow at this devil with the butt-end of my musket, and we shall have him,” Nelson supposedly shouted to his comrade after his shot had missed the bear. It gets stranger yet: Westall’s painting was copied as an engraving for the Life of Nelson by John Landseer, the father of Edwin Henry Landseer.

Eine Version des Westall Gemäldes, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880
Another version of the Westall painting, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880, (National Library of New Zealand)

Nelson and the Bear and to a degree even Man Proposes follow conventions of the exploration narrative, a genre seeking to terrify and to titillate. Such dramatizations of the quest—hand-to-paw combat, hull-crushing bergs, scurvy, and starvation—hallowed soldiers and explorers, especially in premature death. By the time Landseer finished Man Proposes, more ships and men had been lost in search of Franklin. The futility of Arctic exploration was starting to register, but British hubris and vainglory persisted until 1912, when another hero—Robert Falcon Scott—perished at a pole, and an iceberg ruined both an “unsinkable” ship and the confidence of a nation.

Arctic_Exploration_cartoon
Arctic exploration in a contemporary cartoon – click here for larger version

Michael Engelhard is the author of Ice Bear: The Cultural History of an Arctic Icon and of American Wild: Explorations from the Grand Canyon to the Arctic Ocean. Trained as an anthropologist, he lives in Fairbanks, Alaska and now works as a wilderness guide in the Arctic.




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