Archiv der Kategorie 'Exploration - Entdeckungsgeschichte'

Bären auf Kamtschatka Teil II – Jagd gestern und heute

Schwarze Bären … hat man auf ganz Kamtschatka in unbeschreiblicher Menge, und sieht man solche Heerdenweise auf denen Feldern umher schweifen. Im Frühjahr kommen sie haufenweise von den Quellen der Flüsse aus denen Gebürgen, wohin sie sich in Herbste der Nahrung wegen begeben, um daselbst zu überwintern.“ Solche Sätze und mehr finden wir bei Georg Wilhelm Steller, der 1739-1746 auf Kamtschatka war.
Die Itelmenen – eines der indigenen Völker auf Kamtschatka – erlegten die Bären mit Speeren, nachdem sie Fallgruben ausgehoben und mit einer Grasdecke überzogen hatten. Im Winter suchten sie die Bären in ihren Höhlen auf, wohin diese sich zur Winterruhe zurückzogen (Bären senken ihren Blutkreislauf auf ein Minimum). Die Itelmenen stießen mit Speeren durch die Erdhöhle.

Aufgespannte Baerenfelle, mit Salz eingerieben
Aufgespannte Bärenfelle, mit Salz eingerieben – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bären haben ausgetretene Pfade, die sie immer wieder benutzen, und dort werden Schlingen aufgestellt. Eine Fangmethode, die bis noch heute üblich ist. In einer Jagdhütte fand ich den Schädel eines so gefangenen Bären. Die Zähne waren stark abgenutzt, als der Bär sich von der Metallschlinge befreien wollte – ein hoffnungsloses Unterfangen.
Steller schreibt weiter: „Sie kommen an die Mündung derer Flüsse, stehen an den Ufern, fangen Fische und werfen sie nach dem Ufer und fressen sie zu der Zeit, wenn die Fische im Überflusse sind, nach Art der Hunde, nicht mehr von ihnen als den Kopf.“ Eine Beobachtung, die auch ich bei Raubtieren machte: oft bleibt das Fleisch liegen, und es fehlen die Köpfe.

Steller-Titelbild
Stellers Buch über Kamtschatka

Die nachfolgenden Expeditionen und Großwildjäger im 19. und Anfang des zwanzigsten Jahrhundert berichten von ähnlichen Erlebnissen, wie Steller sie beschrieb.
Der einzige Zar, der Kamtschatka aufsuchte, war Alexander III., der die Reformen seinen Vaters und die Einführung westeuropäische Rechtsstaatlichkeit wieder rückgängig machte. Er liebte die Jagd und den Fischfang. So hielt er sich 1882 zur Bärenjagd in Kamtschatka auf und veranlasste, in Süden der Halbinsel eine Schutzzone einzurichten, die bis heute erhalten blieb.

In den Naturparks Kamtschatkas sind die Baeren geschuetzt
In den Naturparks von Kamtschatka, wie hier am Kurilensee, sind die Bären geschützt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Viele wissenschaftliche Expeditionen erlegten Braunbären für europäische Museen. Unter anderem Sten Bergman, der Kamtschatka 1922 während der Interventionskriege aufsuchte.
Der schwedischen Zoologe schreibt: „Der alte Jäger [ein fünfzigjähriger Kamtschadal-Russe] hatte innerhalb einiger Augenblicke sechs Bären zur Strecke gebracht … Er aber zog ruhig sein Wetzstein hervor und begann sein Messer zu schärfen, während wir übrigen uns versammelten, um das Schlachtfeld zu besehen, über das der Nebel vom Meer hereinziehen begann.“

Aus Ullrich Wannhoffs Skizzenbuch 2016
Aus meinem Skizzenblock 2016 – © Ullrich Wannhoff

Das reichhaltige Nahrungsangebot der großen Bären machte sie früher wie heute zu einem der beliebtesten Jagdobjekte für Trophäenjäger. Ihre geringe Distanz zum Menschen und ihr friedliches Leben trug dazu bei. Zuerst wurden die stärksten Bären zu Opfern. Die scheueren und kleineren Bären überlebten. Über die Zeit werden die Gene der großen Bären verschwinden, und zurück bleibt eine Art Bär in mittlerer Größe. Ähnlich ist es bei unserem Rotwild, bei dem die stärksten und größten Tiere vor dreihundert Jahren von Adligen und Fürsten abgeschossen wurden. Übrig blieb heute eine kleinere, sehr scheue Rothirschart.

Aus Niediecks Buch
Aus Niediecks Buch „Kreuzfahrten im Beringmeer“

Der Großwildjäger Paul Niedieck schreibt über „Mein stärkster Bär“ „ … so dass ich mich plötzlich nur noch wenige Schritte von dem schlafenden Bär befand, der grunzende Töne von sich stieß, die der Ausdruck des Behagens oder auch Schnarchern gewesen sein mögen. Ich ging nun etwas zur Seite, an eine Stelle, von der aus ich besser schießen konnte, und ließ meine Kugel fahren.“ Das war im Juni 1906 nördlich von Petropavlovsk, wo er mit Helfern und einem Boot mehrere Buchten abfuhren. Im Sommer war das Land in Kamtschatka schwer begehbar.

Niedieck_Jagdbeute
Paul Niedieck: „Unsere Strecke an Bären und Schafen“

Einen Bären in Kamtschatka zu erschießen ist in etwa, als würde ich bei uns eine weidende, friedliche Kuh erschießen. Mit Jagen hat das sehr wenig zu tun!!!
Niedieck brachte aus Kamtschatka und Alaska eine sehr beachtliche Sammlung für das Berliner Naturkundemuseum mit.

Paul Niedieck mit erlegtem Baeren
Paul Niedieck mit erlegtem Bären

Nach der Wende wurde der Bär stark bejagt – wegen der Galle, die illegal nach China ausgeführt wird. Für etwa 300 Bären pro Jahr werden Jagd-Lizensen ausgegeben, laut mündlicher Aussage. Wie weit illegal gejagt wird – keine Ahnung. Einige Jäger, wie Sergey Gorshkov, wurden zu Fotojägern, die sich heute für den Schutz und Erhalt der Tiere einsetzen.

posted by Ullrich Wannhoff

Zum Thema „Bären auf Kamtschtka“ kann man auch den Beitrag „Menschen hinterm Weidezaun“ lesen.

The Heydays And Decline Of Arctic Exploration

Evidence from two Polar Bear Paintings

Guest contribution – by Michael Engelhard

Analyzing the heroic quest narrative, the American mythologist Joseph Campbell pointed out that it is crucial for the protagonist to face unknown dangers and to gain some spiritually or physically valuable thing. As a placeholder for Arctic adversity, the polar bear perfectly embodied such a thing. Captured alive, pictured, described for science, or slain for its meat or skin, it signified the hero’s trophy, his travails and rewards.

Biard_Kampf mit Eisbaeren_1840
Fight with polar bears, by François-Auguste Biard, 1840

Two English nineteenth-century paintings that fall well within the Heroic Age epitomize the polar bear’s role in visual mythmaking: Richard Westall’s apotheosis Nelson and the Bear (1806) and Edwin Henry Landseer’s memento mori Man Proposes, God Disposes (1864).
Landseer’s monumental canvas alludes to the fate of Sir John Franklin (Nelson’s subaltern at the battle of Trafalgar), “the man who ate his boots,” who with his sailors disappeared sometime after 1845, while seeking to conquer that other chimera, the Northwest Passage. Using dark tones throughout this painting, Landseer, who’d studied live polar bears at the menagerie at the Exeter Exchange in London’s Strand, cast long shadows upon “an English optimism and triumphalism, which was particularly apparent at mid-century.”

Franklin’s had been the largest and best-equipped Arctic expedition to embark until then. His wife, Lady Jane Franklin, who never stopped hoping for his return, attended a soiree at the Royal Academy at which the “offensive” painting was shown. Her indignation was caused by the inclusion of two polar bears that, in Landseer’s imagining of the aftermath, gnawed on a human ribcage and shredded a red British ensign, symbol of national pride. Lady Franklin’s shock at the sight of the disgraced flag could have been exacerbated by the fact that she had sewn it (or one very much like it) for her knight-errant before he embarked on his last journey. Allegedly, at home, she had thrown that silken flag over Franklin, who was stretched out on a divan, and he had startled, reminding her that the Navy covered corpses with the Union Jack before burial at sea. Superstition also surrounds the painting itself. Man Proposes, God Disposes now hangs in the study hall of the Royal Holloway (a college of the University of London) where administrators long felt it necessary to cover the work with a large Union Jack during exams. Rumor had it that a student who had looked directly at it went mad and committed suicide and that those who sat next to it would fail their exams or die.

Landseer_Man_Proposes
Man Proposes, God Disposes – painting by Edwin Henry Landseer, 1864

Every animal painting is also always a self-portrait, a story we tell about Nature and thereby reflective of our own nature. The red ensign in Man Proposes, which draws the viewer’s gaze, recalls Tennyson’s “Nature, red in tooth and claw”—but to pious Victorians, the horror of men having become bear prey was nothing compared to the evil whose name few dared to speak.
In 1854, word had reached London that Dr. John Rae of the Hudson’s Bay Company had met some Inuit who had learned from others that about forty white men had been seen in 1850, dragging a boat south, and that later, the bodies of those men had been found. They most likely had died from cold and starvation, but John Rae’s report included a disturbing detail mentioned by his informants. “From the mutilated state of many of the bodies, and the contents of the kettles,” he wrote, “it is evident that our wretched countrymen had been driven to the last dread alternative as a means for sustaining life.”
That the men who had been commanded by the man who once ate his boots had allegedly resorted to this outraged the civilized British. To be known as men who were savaged by polar bears was tragic, if rather interesting—“to be known as men who ate each other, unthinkable.” In light of Dr. Rae’s news, the ravenous bears in Landseer’s work became interchangeable with men, identical to them—too close for emotional comfort, which Darwin’s ideas had already disturbed.
Landseer’s monumentalized animal stands firmly in the tradition of seventeenth-century vanitas still-life paintings. In this art form, bodily remains and sundry objects symbolize vanity and the fleetingness of wealth, power, and fame—indeed, of all human endeavors—in the face of death. It is unlikely that Landseer suggested that bears had killed any of Franklin’s men; rather, he portrayed them in the scavenger mode that explorers often observed. To one reviewer, the painting’s characters looked like “monster ferrets,” which must have pained Landseer, who had gone so far as to borrow a polar bear skull from a Scottish museum in order to get the animal’s face and dimensions right.

Westall_Nelson and the Bear
Nelson and the Bear – painting by Richard Westall, 1806

Westall’s Nelson and the Bear reflects a younger, more confident empire. It poises the plucky, fifteen-year-old midshipman and future hero of Trafalgar at the edge of the pack ice, in a frockcoat, with buckled shoes and a bonnet resembling a chef’s hat—not really dressed for such an outing. Nelson wields his musket like a club against an opponent that has flattened its ears against its head and looks more like a scared sheepdog than a polar bear.
In 1773, young Horatio’s ship, HMS Carcass, like many before it on the search for the Northeast Passage, ground to a halt in the ice near Spitsbergen. Carcass and a second ship, Racehorse, were sailing under the command of Commodore Constantine Phipps, who on that same voyage named the polar bear Ursus maritimus.
Together with a shipmate, Nelson went after the bear, whose skin he wished to give to his father. That, at least, is the story the ship’s captain, Commander Skeffington Lutwidge, started telling decades later. He added the companion and the loyal filial element only in 1809, four years after Nelson had bled to death on the deck of HMS Victory. In Lutwidge’s story, Nelson’s rusty, borrowed musket misfired and he was saved only because a rift in the ice had appeared, separating him from the bear. Westall’s painting, however, shows only Nelson, a single, steadfast Briton facing the epitome of the hazardous North. Obviously, a companion on the ice would have diminished Nelson’s glory. Westall also included, in the background, Carcass helping to scare of the bear by firing a cannon. Besides adding to the hagiography of a national hero, the work celebrated Britannia and its mariners, tougher than walrus hide.
Westall had conceived the painting as one of a series of episodes illustrating Robert Southey’s Life of Nelson, begun in 1809 and published in 1813. Southey gave his hero a line ripe with braggadocio. “Do but let me get a blow at this devil with the butt-end of my musket, and we shall have him,” Nelson supposedly shouted to his comrade after his shot had missed the bear. It gets stranger yet: Westall’s painting was copied as an engraving for the Life of Nelson by John Landseer, the father of Edwin Henry Landseer.

Eine Version des Westall Gemäldes, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880
Another version of the Westall painting, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880, (National Library of New Zealand)

Nelson and the Bear and to a degree even Man Proposes follow conventions of the exploration narrative, a genre seeking to terrify and to titillate. Such dramatizations of the quest—hand-to-paw combat, hull-crushing bergs, scurvy, and starvation—hallowed soldiers and explorers, especially in premature death. By the time Landseer finished Man Proposes, more ships and men had been lost in search of Franklin. The futility of Arctic exploration was starting to register, but British hubris and vainglory persisted until 1912, when another hero—Robert Falcon Scott—perished at a pole, and an iceberg ruined both an “unsinkable” ship and the confidence of a nation.

Arctic_Exploration_cartoon
Arctic exploration in a contemporary cartoon – click here for larger version

Michael Engelhard is the author of Ice Bear: The Cultural History of an Arctic Icon and of American Wild: Explorations from the Grand Canyon to the Arctic Ocean. Trained as an anthropologist, he lives in Fairbanks, Alaska and now works as a wilderness guide in the Arctic.

HMS Terror: Wrack identifiziert

Unterwasserarchäologen bestätigen Identität des Wracks

Nach dem Fund eines Schiffswracks in der Terror Bay vor King William Island durch die Besatzung der „Martin Bergmann“ (Arctic Research Foundation) haben Archäologen von Parks Canada die Fundstelle aufgesucht.

HMS Terror -Gemaelde Chambers 1837
HMS Terror – Gemälde von George Chambers, 1837

Wie der Unterwasser-Archäologe Ryan Harris in der heutigen Pressekonferenz erklärte, haben schwierige Wetterverhältnisse den Beginn der archäologischen Untersuchungen am Wrack verzögert. Erst am 17.9. konnten lediglich drei Tauchgänge stattfinden, wobei die Sichtverhältnisse unter Wasser wegen der wetterbedingten Aufwirbelungen sehr schlecht waren. Das Deck des Wracks ist nicht nur mit einer Menge von Ablagerungen, sondern auch mit reichhaltigem Bewuchs von Meerespflanzen bedeckt, wie man sie in solch nördlichen Breitengraden kaum erwartet.


Immer noch an Ort und Stelle: ein Belegnagel
Immer noch an Ort und Stelle: ein Belegnagel – Foto: © Parks Canada

Dennoch konnten die Taucher typische Merkmale und Aufbauten britischer Forschungsschiffe des 19. Jahrhundert erkennen, die auch für HMS Erebus und Terror zutreffen. Der Rest der Untersuchungen stützt sich auf Scans mittels eines Seiten-Sonar und eines Fächer-Echolots. Schließlich verglich man die Scans mit dem historischen Archivmaterial, einschließlich der Schiffspläne. Das Ergebnis: Details wie die Anordnung des Bugspriets, der Ort und die Beschaffenheit des Steuers und die Größe der Speigatte belegen, dass es sich tatsächlich um HMS Terror handelt.


Oberlicht der Kapitaenskajuete und Steuerrad
Oberlicht der Kapitänskajüte, Steuerrad von HMS Terror – Foto: © Parks Canada

Nun geht es um den Schutz der Fundstätte von HMS Terror, die Kanadas Regierung mit der Regierung von Nunavut und den zuständigen Organisationen der Inuit erörtern wird – und um die weitere archäologische Erforschung, deren Fortsetzung wohl wieder auf ein winziges Zeitfenster im kurzen arktischen Sommer des kommenden Jahres warten muss.

Intaktes Fenster, aber schlechte Sicht-Blick in Croziers Kabine
Schlechte Lichtverhältnisse erschweren den Blick durch die intakte Fensterscheibe in Kapitän Croziers Kabine – Foto: © Parks Canada

posted by Mechtild Opel

Unglaublich – auch HMS Terror gefunden!

Updated:: Wrack wurde durch Unterwasserarchäologen von Parks Canada positiv identifiziert

Erfolg bei der diesjährigen Forschungsexpedition

Auch das zweite Wrack der Franklin-Expedition liegt weitgehend intakt auf dem Meeresgrund.
Das 1848 verlassene und aufgegebene Schiff wurde außerhalb der bisher bevorzugten Suchregionen von der Mannschaft der „Martin Bergmann“, dem Schiff der kanadischen Arctic Research Foundation, gefunden, nachdem sie einem Hinweis eines Inuk aus Gjoa Haven gefolgt war.

HMS Terror_Zeichung_George_Back
HMS Terror im Eis – von George Back

Von der in den unzugänglichen Regionen der kanadischen Arktis verschollenen und gescheiterten Franklin-Expedtion sind bisher nur wenige aufschlussreiche Relikte gefunden worden. Zunächst waren drei Gräber auf Beechey Island die einzigen Spuren der Expedition.

Grab John Torrington
Grabstein des 20jährigen Matrosen John Torrington, HMS Terror, auf Beechey Island

Aus weiteren Funden auf King Williams Island konnte man schließen, dass die Schiffe Erebus und Terror nordwestlich dieser Insel im Eis eingeschlossen wurden. Vermutlich dort starb auch Franklin. In der Hoffnung auf Rettung kämpften sich Teile der Mannschaft zu Fuß in Richtung Süden. Aber keiner der 129 Seeleute überlebte.
Mehr als 150 Jahre lang haben zahlreiche Forscher und Historiker versucht, aus den wenigen verfügbaren Informationen den Verlauf der Franklin-Expedition und die Gründe des Scheitern zu rekonstruieren, doch das meiste davon liegt noch immer im Bereich der Spekulation. 2014 wurde HMS Erebus viel weiter im Süden vor der Adelaide-Halbinsel gefunden. War das Schiff wieder bemannt und dorthin gesegelt worden?

Bildnis Kapitain Crozier
Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier, Befehlhaber von HMS Terror

Die HMS Terror, die unter dem Kommando von Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier gestanden hatte, wurde nun am 3. September – ganz passend zum Namen des Schiffes – in der Terror Bay gefunden, knapp 100 km südlich der Position, in der sie einst im Eis eingeschlossen war. Weitgehend intakt, mit allen drei Masten noch stehend, ruht sie in 24 Meter Tiefe. War auch dieses Schiff wieder bemannt worden?

Karte King Williams Island, Auschnitt mit der Terror-Bay
Karte von King Williams Island, Auschnitt mit der Terror-Bay

An der diesjährigen „Mission Erebus and Terror 2016“ in verschiedenen Gebieten des kanadischen arktischen Archipels, die aufgrund der Eisbedingungen immer nur am Ende des Sommers stattfinden kann, sind neben der privaten gemeinnützigen Arctic Research Foundation mit dem Schiff Martin Bergmann und der Regierungsbehörde Parks Canada mit dem Forschungsboot Investigator auch der Eisbrecher Sir Wilfrid Laurier der Canadian Coast Guard und HMCS Shawinigan der Royal Canadian Navy beteiligt. Wäre doch eigentlich nett, wenn den Findern die vor 170 Jahren ausgelobte Summe von 10.000 Britischen Pfund zustehen würde!

Ausgelobte Belohnung fuer die Auffindung Franklins oder seiner Schiffe
Ausgelobte Belohnung für die Auffindung Franklins oder seiner Schiffe

posted by Mechtild Opel

Schokolade in der Arktis

English version here.

Kann man verhungern, wenn noch Schokolade da ist?

Die Funde am „Boat’s Place“ an der Erebus Bay auf King William Island und ihre Interpretationen bilden eines der vielen ungelösten Rätsel der verschollenen Franklin-Expedition. Während McClintocks Suche nach Spuren von Franklins Männern wurde bei einer Landexpedition unter Leutnant Hobson am 24. Mai 1859 ein unter der Schneedecke begrabenes Boot entdeckt, das auf einem Transportschlitten ruhte. Hobson legte das Boot frei. Er fand zwei menschliche Skelette und erstellte einen genauen Bericht über die Gegenstände, die sich im Boot befanden.

Auffindung des Bootes
Auffindung des Bootes – Abbildung aus der „Gartenlaube“, 1860

Sechs Tage später erreichte Kapitän McClintock den gleichen Ort. In seinem Bericht weist er, der sich viel mit der Optimierung von Lastschlitten auf Arktistouren beschäftigt hatte, auf das seiner Meinung nach „tote Gewicht“ der seltsamen Schlittenladung hin. An Lebensmitteln fanden sich noch ein Rest Tee – und etwa 40 Pfund Schokolade.

Gedenkstein fuer McClintock
Gedenkstein für McClintock an der Bellot Strait, gestiftet von seiner Familie

Es stellt sich die Frage: Kann man Hungers sterben, wenn man 40 Pfund Schokolade zur Verfügung hat? Offenbar ja.
Es handelte sich hierbei nicht etwa um zartschmelzend-cremige Milchschokolade, sondern um ein damals „Cocoa“ oder „ship’s chocolate“ genanntes Produkt. Geröstete Kakaobohnen wurden zerkleinert; dabei wurde Kakaobutter freigesetzt, so dass kein trockenes Pulver entstand, sondern ein Paste, die durch Abkühlung zu einem „Kuchen“ wurde. Nachdem Johannes van Houten 1828 ein Verfahren entwickelt hatte, der gemahlenen Masse Kakaobutter zu entziehen und anschließend wieder zuzusetzen, konnte die Masse – möglicherweise unter Zusatz von etwas Stärke aus Sago – zu kompakten Stücken gepresst werden.

Kakaobohnen
Kakaobohnen – Foto: Frank_Wouters, Wikipedia

Solche harten „Kuchen“ gehörte zu den übliche Rationen für Arktisexpeditionen, denn daraus ließ sich ein stärkendes Heißgetränk herstellen – in einer Zeit, da Kaffee für die Expeditionsteilnehmer noch kein Standardgetränk war! Damit konnte übrigens auch unangenehm schmeckendes Wasser aus den Schiffstanks trinkbarer gemacht – und dadurch Rum gespart werden. Wohl schon ab 1780 hatte die Britische Regierung regelmäßig festen „Cocoa“ von der Firma J.S. Fry & Sons als Standard-Schokoladenration für Seeleute geordert.

Frys_Cocoa
Werbung für Fry’s Pure Concentrated Cocoa – Abbildung: Wellcome Images

Johann August Miertsching, der von 1850 bis 1854 an einer Expedition zur Suche nach Franklin teilnahm, hat an Bord der HMS Investigator ebenfalls regelmäßig „Cocoa“ getrunken, den es morgens zum Frühstück gab – abends hingegen wurde Tee bereitet. Kaffee gab es nur ganz zu Anfang der Expedition zu besonderen Anlässen.

Johann August Miertsching
Johann August Miertsching

Miertsching, der mit seinen Kameraden 1853 die ebenfalls im Eis eingeschlosssene HMS Investigator verlassen und zu Fuß über Eis und Land wandern musste, beschreibt die schmale Tagesration für die ebenfalls bereits hungernden Männer: „1 Pfd. Schiffszwieback, 3/4 Pfund Fleisch u. 2 Loth Cacao nebst 1 Loth Zucker, und ½ gill Rum zum Grog. – Das Fleisch wird kalt u. natürlich hart gefroren verzehrt. Der geriebene Cacao u. Zucker wird mit Eis oder Schnee in einen Kessel gethan, u. über einer Spiritus-Lampe gekocht. “ (15. April 1853).

Kakao-Pulver
Pulverisierter Kakao – Foto: Blair, Wikipedia

Cocoa, gerieben und mit Zucker und Wasser zu einem Heißgetränk bereitet, war also etwas zum Aufwärmen und lieferte durch Kakaobutter und zugesetzten Zucker auch ein wenig Energie. Die hart gefrorene, recht bittere kompakte Masse, die am boat place gefunden wurde, taugte jedoch keineswegs dazu, die ausgehungerten Männer der Franklin-Expedition vor dem Hungertod zu bewahren. Dazu kommt: Bei der Einnahme größerer Mengen des Lebensmittels im festen Zustand hätten die Männer ganz sicher unter Verstopfung zu leiden gehabt.

Im Arktischen Eis
Im Eis der Arktis

In Miertschings Reisetagebuch kann man auch lesen, was zur üblichen Ladung einer „Schlittengesellschaft“ von 9 Personen auf einer Expedition über Land oder Eis gehört. Ein Großteil der von Hobson am „Boat Place“ vorgefundenen Gegenstände findet sich denn auch in Miertschings Auflistung: „…Bürste zum Beseitigen des Schnees von Zelt und Kleidern, Stiefelsohlen, Wachs, Borsten, Schuhmacherdraht, Nägel, Ahle, … nebst Seife, Handtüchern, Kämmen u.s.w. … Pfeffer, Saltz, Feuerzeug, Cotton u. Flanellbinden, Pflaster, … Augenwasser, Pillen u.s.w., Lancete, Opium Tincktur, Scheere, Nadeln u. Zwirn; … Das ganze Gewicht so einer Schlittenladung auf 42 Tage beträgt über 1000 Pfund.“ (17. April 1851).

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Es wurde viel darüber spekuliert, ob die Männer der Franklin-Expedition das Richtige taten, als sie die im Eis eingeschlossenen Schiffe aufgaben und in Richtung Süden zogen, um dadurch vielleicht zu überleben und mögliche Rettung zu finden. Besondere Zweifel daran, ob ihr Tun sinnvoll sei, ergaben sich aus den vielen scheinbar „unnützen“ Dingen, die die Ausgehungerten und Entkräfteten auf dem überladenen Schlitten mit dem schweren Boot über Land zogen. Aus den in Hobsons Bericht erwähnten Dingen hob man insbesondere Silberbesteck, Siegelring und Siegellack, eine goldene Kordel, Bücher, goldene Uhren, Seife, Kämme, Bürsten und Nadeln hervor. Waren diese Männer so töricht – oder gar geistig verwirrt?

Relikte der Franklin-Expedition
Relikte der Franklin-Expedition – Illustrated London News

Abgesehen davon, dass diese Uhren in Wirklichkeit nicht golden, sondern lediglich in Silber eingefasst waren, stellt sich bei der Betrachtung aus heutiger Sicht heraus, dass sich in der Schlittenlast von Franklins Männern durchaus sehr viele nützliche und praktische Dinge befanden – Kompass, Messer, Streichhölzer, Schusterahle, gewachstes Garn, diverses Werkzeug, Handschuhe, Schneebrillen, Puverfläschchen (vermutlich mit Medikamenten), Halstücher, Gewehr und Munition, Angelschnur, Nähzeug, Scheren, dazu Nähnadel-Sets. Was man davon für die Wanderung nach Süden nicht selbst benötigte, hätte sich möglicherweise auch ganz gut als Tauschartikel einsetzen lassen, um dafür Lebensmittel erhalten, falls man auf Inuit traf.

McClintock_Cairn
McClintock Cairn, Fort Ross

Unter den Fundstücken befanden sich auch einige Bücher. Man kann darüber streiten, wie lebensnotwendig Bücher für von Kälte und Hunger geplagte Menschen sind. Wer kann schon beurteilen, welchen Wert ein Buch für Verzweifelte haben kann, um daraus Trost zu schöpfen, oder den Mut, noch nicht aufzugeben? Wie wichtig kann es für den Zusammenhalt von Menschen in äußerster Not sein, wenn jemand den anderen etwas aus einem Buch vorliest, oder wenn sie gemeinsam singen? Auch darüber lässt sich im Reisetagebuch Miertschings, der übrigens genau heute vor 199 Jahren geboren wurde, etwas erfahren.

posted by Mechtild Opel




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