Archiv der Kategorie 'Exploration - Entdeckungsgeschichte'

Ohne Wodka kein Fischen

Nachdem die Pelztierjäger die Seekuh ausgerottet hatten – weil das Fleisch wie Rindfleisch schmeckte, wie dies der deutsche Naturforscher Steller in seinen Tagebuchaufzeichnungen 1740/41 beschrieb – war das Nächstliegende, auf den Kommandeur-Inseln Lachse zu fangen.
Die Fische dienten als Grundnahrung bei der Überwinterung auf der einsamen Insel und als Proviant für die Weiterfahrten im kommenden Frühjahr. Die Expansion verlief Richtung Osten, zu den unbekannten Aleuten-Inseln und zum Festland Amerika, von den russischen Seeleuten und Abenteurern unter der Führung reicher Kaufleute über die Jahrzehnte nach und nach erobert.


Detail einer frühen Karte von Chitrow, einem Teilnehmer der Bering-Expedition, mit Beringinsel, Stellerscher Seekuh, Pelzrobbe und Seelöwe

Geblieben über die Zeit ist der Fischfang, heute der einzige Erwerb auf der Bering-Insel. Die Fisch-Behörde in Kamtschatka teilt den Familien und Fischerbrigaden auf der Insel die Fluss-Reviere zu. Das kann von Jahr zu Jahr recht unterschiedlich sein.

Fischer mit Hund
Fischer mit Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine der Brigaden nimmt mich freundlicher Weise mit zum Fluss Podutjosnaya an der Westküste der Beringinsel. Am zeitigen Morgen ziehen dunkle Wolken auf, als würden sie schlechte Nachrichten ankündigen. Ich steige auf die offene Ladefläche des URAL’s. Das ist ein sowjetischer LKW, der die Wende vom Sozialismus zum Raubkapitalismus überlebte und sich in allen technischen Museen Westeuropas gut machen würde. Der über die Jahre deutlich sichtbare Verschleiß verrät nichts Gutes.

Zwei Fischer
Zwei Fischer – Foto © Ullrich Wannhoff

Auf der Ladefläche werde ich übermütig begrüßt, auch von zwei Fischern, die ich aus früheren Jahren kenne. Die Wodkafahne ummantelt mich herzlich. Wir fahren den steilen Dorfberg hoch, um auf der anderen Seite talwärts in Richtung Meeresufer zu gelangen.

Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer
Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Blüten des Eisenhuts
Blüten des Eisenhuts – Foto © Ullrich Wannhoff

Danach geht es auf einer aufgewühlten, schlammigen Straße parallel zum Ufer entlang. Umsäumt wird die Piste von Hochstauden wie Bärenklau, Greiskraut, Disteln und blau blühenden Eisenhut. Während der Hund über die Holzplanke bellt, flattern die auf den weißen Dolden sitzenden Petschora-Pieper davon.

Petschora-Pieper
Petschora-Pieper – Foto © Ullrich Wannhoff

Nicht lange, und der URAL steht. Die lange Motorhaube wird geöffnet und die Suche nach dem Fehler beginnt. Nach ein paar Handgriffen wird die Haube zugeknallt.
Doch einige hundert Meter weiter steht das Fahrzeug wieder. Ratlos öffnen Fahrer und Beifahrer die Motorhaube. Kein Benzin will in den Motor. Warum nicht, geht die Pumpe nicht? Ein Blick in den bauchigen Tank unter der Ladefläche verrät das Übel. Das Sieb ist voller Schlamm, der kein Benzin durchlässt.

Die Suche nach dem Fehler
Die Suche nach dem Fehler – Foto © Ullrich Wannhoff

Reparatur
Reparatur – Foto © Ullrich Wannhoff

Nach der Reinigung läuft es wie geschmiert, und wir fahren durch die Flüsse. Das schnell fließende Wasser kommt von den Bergen und füllt das Meer. Sobald die rotierenden Räder des Fahrzeuges das Kiesbett der Flüsse erreichen, spritzen hunderte von Buckellachsen auseinander. Wer will schon überfahren werden und das noch unter Wasser. Während der Fahrt wird eine Wodkaflasche herumgereicht. Jeder hat wohlbehütet ein Gläschen unter seiner Jacke. „Ulli, ein bisschen Kultur muss sein“, und ich nicke lächelnd.

Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund
Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Wir beziehen die Hütte in der Podutjonaya Bucht, die Iwan, eine Aleut, vorher schon beheizt hatte. Es wird in Ruhe ausgiebig gefrühstückt. Keine Eile, warum auch? Man begutachtet den Fluss mit runzelnder Stirn. Zu wenig Fische und zu viele abgelaichte Lachse, wird mir mitgeteilt.
Die Fischer spannen ein Netz über den Fluss. Mit diesem Netz laufen die Männer dem Meer entgegen und ziehen es kurz zuvor kreisartig zusammen. Hunderte Lachse zappeln im Netz. Die Abgelaichten werden sofort ins Wasser geworfen, die anderen kommen in Kisten.

Kleine Ausbeute an Buckellachs
Kleine Ausbeute an Buckellachs – Foto © Ullrich Wannhoff

Aussortieren der Lachse
Aussortieren der Lachse – Foto © Ullrich Wannhoff

Leerer Bottich
Leerer Bottich – Foto © Ullrich Wannhoff

Drei große Bottiche stehen auf der Ladefläche. Nur einer wird mit den Kisten gefüllt. Der zweite Versuch bringt noch weniger. Sie ziehen das Ölzeug aus und rauchen. Anschließend fahren sie lustlos zurück. Nicht ganz. Eine Wodkaflasche wird herum gereicht.

Transport- und Passagierschiff Sawoiko
Transport- und Passagierschiff Sawoiko – Foto © Ullrich Wannhoff

Lachse in der Schwebe
Lachse in der Schwebe – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Im Dorf kommen die Lachse in verpackten Kisten in Kühlcontainer, und dort warten sie, bis das marode Schiff „Sawoika“ kommt. Es grenzt an Wunder, das dieses von Kamtschatka aus die Insel erreicht. Über dreißig Tonnen Lachs und Kaviar (in diesem Jahr viel zu wenig) verschwinden in den Ladeluken. Wohin danach? Keine Ahnung, vielleicht nach Moskau…

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Passagiere
Passagiere – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff
Hier gibt es mehr über die Beringinsel und Ullis Erlebnisse dort

Die Einsamkeit des Kapitäns

Gedanken am Geburtstag von Robert Le Mesurier McClure

Als Robert McClure am 28. Januar 1807 in Wexford (Irland) geboren wurde, war er bereits Halbwaise; daher trägt er auch den Namen von Le Mesurier, dem hochgestellten Freund des Vaters, der den Knaben adoptierte und einige Zeit für seine Erziehung und Ausbildung sorgte. Bei der Royal Navy musste McClure sich allerdings Aufstieg und Beförderungen hart und langwierig erkämpfen, ohne jede Protektion. Es dauerte bis 1850, dass er erstmals als Kapitän ein Schiff befehligte: HMS Investigator, die zusammen mit HMS Enterprise unter Kapitän Collinson zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition aufbrach.

Plymouth Harbour im 19. Jh - unbekannter Meister
Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister

Miertsching berichtet vom 18. Januar 1850, als er vor Beginn der Reise in Plymouth Sound bei den Schiffen eintraf: „Kapitän Collinson und sein Gast Comander McClure von dem Investigator hatten soeben ihr Mittagsmahl beendigt, und bewillkommten mich aufs freundlichste“. Die Kapitäne speisten also miteinander; war ihre Trennung von den Offzieren bei den Mahlzeiten, ebenso wie die Trennung letzterer von der „gewöhnlichen“ Mannschaft, eine Maßnahme, um die strikte Rangordung an Bord und die Disziplin zu wahren? „Die Officiere essen 2 Uhr, der Kapitain 4 Uhr Mittag“, schreibt Miertsching am ersten Reisetag. In welcher Situation befindet sich der wichtigste Entscheidungsträger an Bord der Investigator? Die Offiziere trafen sich im ward room oder gun room, leisteten dort einander Gesellschaft, lachten, scherzten, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinam ein. Der Kapitän dagegen, der eine sehr große Kabine hatte – in der sich natürlich auch Kartentisch und nautische Instrumente befanden – tafelte dort in der Regel mutterseelenallein, und nur selten, bei besonderen Anlässen wie etwa am Silvestertag 1851, lud er die Offiziere dazu ein.

Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte
Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London

Wie kollegial durfte und konnte damals ein Kapitän mit seinen Untergebenen umgehen? Man weiß, dass Kapitän Collinson mit den Offizieren von HMS Enterprise aneinander geriet, sie schließlich sämtlich unter Arrest stellte. Auch Admiral Belcher, dessen Kompetenz wohl im Gegensatz zu seiner Macht stand, hatte bei der Durchsetzung seiner Autorität Probleme. War etwa die eigene Position in Gefahr, wenn man sich mit anderen beriet und auf Kritik einging? Mir ist nicht bekannt, dass Kapitän Kellet, Kommandant von HMS Resolute, solchen Konflikten gegenüberstand. Doch welche Gratwanderung mag es sein, wenn das eigene Selbstvertrauen vielleicht nicht der hohen Verantwortung entspricht, wenn man zudem die jungen Offiziere für zu unerfahren hält, wenn ein Teil der Mannschaft ein disziplinloser Haufen ist, und man sein Gesicht, seine Autorität um jeden Preis wahren muss, bei Strafe von Meuterei?

HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson
HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson

Miertsching, der Außenseiter an Bord von HMS Investigator, ist eine Landratte, er ist kein Offizier, auch wenn er auf Anweisung des Kapitäns als solcher zu behandeln ist, und er versteht anfangs kaum Englisch. In den ersten Wochen und Monaten an Bord erlebt er ständige „Zänckerei zwischen dem Kapitän und den Officieren“ und hält sich nach Möglichkeit davon fern.
Doch wiederholt wird Miertsching vom Kapitän zu Tisch geladen. Sein Tagebucheintrag vom 8. Februar 1850 lautet: „Von Heute an soll ich jeden Mittag 12 Uhr zum Kapitain kommen, und mit ihm ein Glas Wein trinken (Luncheon). Meine Bücher und Schreibereien, die ganz naß und feucht sind, so wie meine Guittare soll ich von nun an in des Kapitains Kajüte haben.“ Zudem berichtet er in Abständen davon, dass er mit dem Kapitän zu Abend speiste. Warum diese Sonderbehandlung? Sucht der einsame McClure die Gegenwart eines anderen Einsamen? Sucht er gar Trost?

Der Geburtsort McClures, Wexford
Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia

Miertsching erlebt McClure in der Auseinandersetzung mit der Mannschaft als ungeduldig und jähzornig, zum Beispiel als bei einem Sturm die Takelage Schaden nahm, während der diensthabende Offizier unter Deck war: „Der Kapitain war wüthend böse; förmlicher Unmensch“, schreibt er am 15. Mai 1850, doch drei Tage später heisst es: „Der Kapitain war heute sehr freundlich, und ich mußte den Tag über in seiner Kabine sein. Unsere Unterhaltungen waren lang und interessant; es schien ihm Leid zu thun dass er sich dieser Tage so vergessen hatte“. Nach der Abfahrt von Hawaii in die Bering Strait ist Miertsching erleichtert: „Das unangenehme Verhältniß zwischen dem Kapitain und Officieren hatte sich in den wenigen Tagen in ein sehr angenehm und freundliches verwandelt… Der Kapitain war bei uns zu Tische…“.

McClure_National_Portrait_Gallery_London
Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London

Doch mit wem bespricht der Kapitän seine Entscheidungen? Aus Miertschings Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass er sich mit seinen Offizieren beraten hätte. Hingegen sucht er in schwierigen Situationen oft die Gegenwart des als Übersetzers eingestellten Herrnhuter Bruders. Ist da endlich einer, mit dem er mal reden, sich aussprechen kann, ohne in Gefahr zu laufen, dass dies seiner Autorität Abbruch tut?
Man sollte aber nicht glauben, dass der so „bevorzugte“ Miertsching nun immer mit dem Kapitän einer Meinung war. So beklagt er im Tagebuch am 30.11.1850: „Ich habe rheumatische Schmerzen in allen Gliedern und fortwährend ist mir kalt; zum Auswärmen oder Kleidertrocknen ist keine Gelegenheit, weil die Schiffsöfen nicht geheizt werden; denn der Kapitain glaubt, Wärme ist dem Menschen schädlich, sagt: die Eskimo haben keine Öfen und keine Feuer, sind dabei die gesündesten Menschen. Der Kapitain … feuert in seinem Stubenofen täglich 32 Pfund Steinkohlen“. Miertsching erwähnt auch seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kapitän, wenn dieser mit ihm etwa über die Bestrafung von Delinquenten und vor allem über religiöse Fragen diskutierte.

im arktischen Eis
Eis, wohin das Auge blickt

Nach der ungeplanten Trennung von HMS Enterprise war die 65-köpige McClure-Expedition bereits im Herbst 1850 auf das damals fehlende Glied der langgesuchten Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik gestoßen; doch die Männer mussten noch harte und entbehrungsreiche Jahre in einer der entlegendsten Gegenden der Arktis zubringen, bevor sie gerettet wurden. Ihr Schiff, HMS Investigator, musste schließlich im Eis der Arktis zurückgelassen werden, wo es Unterwasserarchäologen von Parks Canada erst 2010 fanden.

Finden des Wracks
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Die Zeit der Entbehrungen und Hoffnungslosigkeit wirkt sich auf das psychische Befinden der Männer aus – auch auf ihren Kapitän. Miertsching, der McClure oft zur Jagd und auf Spaziergängen begleitete, bemerkt in seinem Tagebuch: „Es thut mir Leid um unsern viel geprüften werthen Kapitain; er muß sich zwingen guten Muth zu zeigen.“ Im dritten Winter im vom Eis eingeschlossenen Schiff, in der Zeit von drastischen Hunger und um sich greifenden Skorbut, mit wenig Hoffnung auf Rettung, bringt Miertsching Verständnis für die schwierige Situation des Kapitäns auf: „Ach wie mag es dem von Sorgen und Kummer niederdrückenden Kapitain zu Muthe sein, wenn er seine einst so starken, rüstigen und gesunden, und nun kaum sich aufrecht haltenden dahinwelkenden Matrosen ansieht!

HMS Investigator im Polareis
HMS Investigator im Polareis – Buchillustration

In dieser verzweifelten Lage mussten überaus schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr mit Segeltechnik und Navigation zu tun hatten: Wie klein darf und wie groß muss die Ration für den Einzelnen sein, damit alle, oder möglichst viele, überleben können? Harrt man an Bord des eingefrorenen Schiffes aus und hofft auf einen warmen Sommer und verhungert gemeinsam – oder muss das Schiff verlassen werden? Zumindest von Teilen der Mannschaft? Wen sendet man fort, wohin soll zu Fuß übers Eis oder Land gewandert werden, wo ist die Aussicht auf Rettung am größsten?

Leutnant Pim taucht auf - die Mannschaft ist gerettet
Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration

Wohl keiner von uns wüsste, was in einer so verzweifelten Lage zu tun wäre, und so ist es zwar heute einfach, aber nicht ganz gerecht, McClure für seine einsamen Enscheidungen zu verurteilen, auch wenn das Aufteilen der Mannschaft und Aussenden der kranken Männer zu Fuss mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Tod eines großen Teils bewirkt hätte. Vielleicht aber wäre es auch eine – wenn auch geringe – Möglichkeit des Überlebens, zumindest für Einige, gewesen? Und welche andere Chance hätte es denn noch gegeben, wenn nicht unvermutet Rettung aufgetaucht wäre? – Vier Männer der McClure-Expedition fanden ihren letzten Ruheplatz in der Arktis – nur vier; es hätten leicht auch viel mehr sein können, bedenkt man das Schicksal der Franklin-Expedition.

Das Grab von Thomas Morgan auf Beechey Island
Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut

Die Nordwestpassage wurde nicht von einer einzelnen Person entdeckt. Dutzende hatten ihren Anteil an der Kartierung der unbekannten Küsten und Meeresstraßen, und die „Passage“ ergab sich erst aus dem Zusammenfügen dieser Landkarten und Erkenntnisse. McClure und seine Männer aber waren zumindest die ersten, die die gesamte Nordwestpassage durchquerten, wenn auch auf mehreren Schiffen und teilweise zu Fuß. Bei aller berechtigten und vielleicht auch unberechtigten Kritik an der Person McClures ist dies eine der bemerkenswertesten Leistungen bei der Erforschung der Arktis.

Grabmal McClures auf dem Kensal Green Cemetery
Grabinschrift für McClure:
„In Memory of Vice Admiral Sir Robert John le M. McClure C.B. Born 28 January 1807 died 17 October 1873. As Captain of HMS ‚Investigator‘ AD 1850-54 he discovered and accomplished the Northwest Passage“ – „Thus we launch into this formidable frozen sea“ – „SPES MEA IN DEO“

posted by Mechtild Opel

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Der schwarze Mann mit dem Hundeschlitten

Wie Leutnant Pim die „Investigators“ rettete

Vor 131 Jahren, am 30. September 1886, starb Bedford Clapperton Trevelyan Pim. Als Offizier der Royal Navy war er zwischen 1850 bis 1854 an der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition beteiligt. Dabei erwarb er sich durch außergewöhnliche Leistungen besondere Verdienste. Hier soll ausschließlich eine Episode aus dieser Zeit mit ihren Folgen beleuchtet werden – dass bestimmte Attitüden in Pims späteren Leben als ein Modellfall für koloniales und rassistisches Denken im viktorianischen Großbritannien betrachtet werden, ist ein ganz anderes Thema.

Bedford Clapperton Trevelyan Pim, zeitgenössisches Bildnis Bildnis
Bedford Clapperton Trevelyan Pim, zeitgenössisches Bildnis

Eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe, HMS Investigator, war seit 1850 mit 65 Mann an Bord vom Westen her, von der Bering Strait, in der Arktis unterwegs. Schon im ersten Winter, während das Schiff im Eis der Prince of Wales Strait festgefroren war, erbrachte eine Expedition des Kapitäns McClure über Land und Eis bis zum Ende dieser Wasserstraße die Gewissheit, dass die lange gesuchte Nordwestpassage tatsächlich existierte: Die fehlende Verbindung vom Westen, von der Bering Strait, zum Viscount Melville Sound, durch den Parry bereits 1820 vom Osten her Melville-Insel erreicht hatte, war nunmehr gefunden.

Melville Island, von Banks Island aus gesehen – Stich nach einer Zeichnung von S.G. Cresswell
Melville Island, von Banks Island aus gesehen – Stich nach S.G. Cresswell

Die Kunde davon konnte jedoch England nicht erreichen. Auch im Winter darauf war das Schiff wiederum fest vom Eis umklammert, diesmal in einer schmalen Bucht am Ufer von Banks Island in der Mercy Bay, die Lebensmittelvorräte waren geschrumpft, die Mannschaft litt an Hunger und Krankheiten. Im Frühjahr 1852 unternahm Kapitän McClure eine Schlittenreise nach Winter Harbour, dem einstigen Winterquartier von Parry. Er hoffte, dort ein britisches Schiff oder wenigstens ein Lebensmitteldepot vorzufinden. Stattdessen entdeckte er nur eine Nachricht mit Angaben darüber, wo man hunderte Kilometer weiter östlich Lebensmitteldepots angelegt hatte. McClure hinterließ ebenfalls eine Nachricht, die die Situation und Position von HMS Investigator beschrieb.

Mit Schlitten über Presseinrücken im Packeis – Cresswell
Mit Schlitten über Presseinrücken im Packeis – Stich nach S.G. Cresswell

Die britische Admiralität hatte zwischenzeitlich weitere Arktisexpeditionen ausgerüstet – nicht nur nach Franklin und seinen Leuten wurde gesucht, sondern nun auch nach HMS Investigator und ihrer Besatzung. Im Herbst 1852 waren HMS Resolute und HMS Intrepid nach Melville Island vorgestoßen und überwinterten dort vor Dealy Island. Ein Schlittentrupp suchte noch im Oktober Winter Harbour auf, wo McClures Nachricht entdeckt wurde. Aber der arktische Winter, der nun mit aller Härte einbrach, erlaubte es dem Befehlshaber Kapitän Kellet nicht, sofort Hilfe auszusenden.

Schlittenflagge_Leutnant Pim_angefertigt von Jane Franklin
Schlittenflagge für Leutnant Pim – © National Maritime Museum Collection

Im März 1853 erbot sich Leutnant Bedford Pim freiwillig, einen Schlittentrupp von Dealy Island zur Mercy Bay zu führen. Mit einem von sieben Männern gezogenen Lastschlitten und einem Hundeschlittengespann machten er und der Schiffsarzt Dr. Domville sich auf den Weg. Den Umgang mit Schlittenhunden hatte man von den Inuit in Westgrönland erlernt, von denen auch die Gespanne stammten. Extremes Wetter mit orkanartigen Schneestürme verzögerte das Vorankommen des Trupps um viele Tage. Der Lastschlitten war dem mühseligen Weg über die „Hummocks“, die Presseishügel, nicht gewachsen und zerbrach. Bei eisiger Kälte beschloss Pim, den Rest des Weges nunmehr allein mit dem Hundegespann und nur zwei Männern, Emmanuel Bidgood und Robert Hoyle, zurückzulegen.

Ein Schlittenhundegespann der Inuit
Ein Schlittenhundegespann der Inuit

Nach dem dritten entbehrungsreichen Winter im Eis hatte Kapitän McClure entschieden, einen Großteil der inzwischen durch Hunger und Skorbut geschwächten und teils schwerkranken Mannschaft von HMS Investigator zu wochen- oder monatelangen langen Fußreisen über das Eis auszusenden, „um ihr Leben zu retten“. Er hoffte, mit dem Rest, den 30 stärksten und gesündesten Männern, das Schiff im Sommer aus dem Eis zu befreien und heimwärts zu segeln.
Eine Gruppe mit dem ersten Offizier Hasswell sollte mit Reiseproviant für 45 Tage 800 km über Land und Eis nach Osten, nach Port Leopold auf Somerset Island wandern, „wo ein 1848 erbautes Haus nebst Lebensmittel, Kleidung und Steinkohlen im Uberfluß und ein kleines Dampfboot zu finden sei“.

Port Leopold mit der Ruine eines Handelsposten der Hudson's Bay Company
Port Leopold mit der Ruine eines Handelsposten der Hudson’s Bay Company

Eine zweite Gruppe mit dem Inuktitut-Dolmetscher Miertsching, dem zweiten Offizier Cresswell und sechs Kranken sollte entlang der Küste von Banks Island bis zu ihrem alten Winterplatz bei den Princess Royal Islands laufen, wo sich ein Boot und ein Lebensmitteldepot befanden. Dort sollten die Männer drei Monate bis zum Eisaufbruch warten, um dann mit dem Boot über die Dolphin & Union Strait zum Festland und landeinwärts nach Fort Good Hope, einem Posten der Hudson’s Bay Company zu gelangen. „Wenn ich diese unsre bevorstehende Reise, die Schwierigkeiten derselben, und uns selbst betrachte und alles erwäge, so ist es dem Verstande nach und menschlich geredet keine Möglichkeit, dass einer von uns lebendig England erreichen werde“ , schrieb Miertsching in seinem Tagebuch.

Karte zeigt die erwaehnten Orte
Karte: Canada_Northwest_Territories, Wikipedia

Der Abmarsch sollte am 15. April stattfinden. Die Männer im Winterquartier in der Mercy Bay waren bei den Reisevorbereitungen, als einer der Schwerkranken seinen Leiden erlag. Im hart gefrorenen Boden musste nun – es war der 6. April – ein Grab geschaufelt werden. Kapitän, Offiziere und einige aus der Mannschaft befanden sich daher an Land, als man einen beweglichen Punkt erblickte, der sich schnell annäherte, dahinter noch einen weiteren.

Arrival LieutenantPim April 1853
Die Ankunft von Leutnant Pim bei der Investigator, aus: Sunday at Home

Erst dachte man an Moschusochsen, bald vermutete man Inuit, doch der Fremde, in Pelzkleidung und schwarz im Gesicht, stellt sich zur Überraschung seiner Zuhörer in englischer Sprache vor: als Leutnant Pim vom Schiff Resolute unter Kaptain Kellet. Die Aufregung, die unbeschreibliche Erleichterung, die wiederauflebende Hoffnung der Männer ist wohl kaum vorstellbar für jemanden, der nicht gleichfalls solche Ausweglosigkeit und dann eine so plötzliche Wende erfahren hat. Selbst die Kranken vergaßen ihr Elend und sprangen aus den Hängematten, um Leutnant Pim die Hand zu drücken und sich zu bedanken: er hatte die „Investigators“ noch rechtzeitig vor dem Abmarsch in den fast sicheren Tod erreicht und damit gerettet.

Taucher am 2010 gefundenen Wrack von HMS Investigator
Taucher am 2010 gefundenen Wrack von HMS Investigator – © Parks Canada

Die Investigator wurde nun verlassen und schließlich aufgegeben, später sank sie auf den Grund des Meeres. Die Mannschaft begab sich zu Fuß zu den Rettungsschiffen Resolute und Intrepid. Die schließlich 60 Überlebenden mussten, mit Ausnahme von Lt. Cresswell und Maat Wyniatt, noch einen weiteren Winter im Eis verbringen, bis sie schließlich im Herbst 1854 London erreichten. – Und warum hatte Leutnant Pim ein schwarzes Gesicht? Vermutlich war es durch den Ruß des Brenners geschwärzt, mit dem unterwegs das Wasser für Tee geschmolzen und das Essen erwärmt wurde; an Waschen war unter den extremen Bedingungen wahrlich nicht zu denken.

(Anmerkung: Alle Zitate stammen aus Miertschings Reisetagebuch)

posted by Mechtild Opel

„Let’s raise a toast to Miertsching!“

(Deutsche Version hier)
Today, it’s the 200th birthday of Germany’s only person who took part in finding the Northwest Passage

On August 21, 1817, a young son by the name of Johann August was born into family of the carpenter Johann Miertsching in the Sorbian village Hrodźišćo (Gröditz) near the town Weißenberg in Upper Lusatia. Only 4 years earlier, the fields around this village had been whipped up by cannon balls and soaked in blood when Napoleon and his Saxonian allies fought against the Prussian and Russian troops in the battle of Bautzen.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz near Weissenberg, Upper Lusatia

From the village on a hilltop, one had a clear view of the surrounding country with the bell-towers of the neighboring parishes clearly visible. On the horizon, one could recognize the towers of Budissin (now Bautzen), the capital of Upper Lusatia, a region under the rule of Saxony. Has this view into the long distance influenced the later life of the boy?
When Johann August turned 10, the village school of Gröditz got a new teacher, who started to teach his pupils to read German. Before, lessons had been held exclusively in Sorbian.

From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka
From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka

When Miertsching celebrated his twentieth birthday, he was a skilled shoemaker in the village of Kleinwelka near Budissin, an important settlement of the „Herrnhutians“, the Moravian Brethren. When he turned 25, he had already been accepted as a member of the Moravian Brethren for two years. He had passed the master craftsman’s examination and was head of the shoemaker’s workshop in the village.

Okak – historische Zeichnung
Old drawing showing Okak in Northern Labrador

On his 30th birthday, Miertsching was far away from home, on another continent. He had already been serving in the Moravian mission with the Inuit in the settlement of Okak in the subarctic region of Northern Labrador, just north of the 57th latitude, for three years.
Here, he had learned the language of the Inuit and, along with everyday work and other duties, was working mainly as a teacher. On August 24, 1847, three days after his birthday, he wrote in a letter to Herrnhut: „Because the unmarried brothers and the boys were visiting me every day, I had started a lesson in geography and science of the world, and it seemed to please them, And for me, it was a good exercise in the language … “.

Flaxman Island
Near Flaxman Island Miertsching, as an interpreter for his ship’s captain, was talking with the local Inuit

Turning 35, Miertsching was in a very critical situation. Two years earlier, in 1850, he had been chosen as an Inuit interpreter for one of the British naval expeditions in search for Franklin’s lost expedition. After arriving on board of the HMS Investigator, he had had to learn the English language very quickly. Now, on August 21th 1852, he had already gone through two winters full of hardship in the High Arctic.

Die Investigator im Eis
HMS „Investigator“ in the pack ice

The ship lay in a small bay north of Banks Island, north of 74°N in the Western Arctic. It was firmly caught in ice of the Polar Sea. Many of the crew were suffering from scurvy. Everyone was eagerly waiting for the break-up of the ice, but this summer seemed to be cooler than normal. The ship was still frozen and the food was scarce. In his diary, Miertsching is mentioning the „crestfallen crew“; he himself seeks consolation in his faith. On his birthday, he notes only briefly: „I spent this day on the land, wandering around alone. The Lord gave me great grace also today … “.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head, Banks Island – by Samuel Gurney Cresswell

By the time Miertsching is turned 40 years old, he was living on a completely different continent. He had married shortly before, and, together with his wife, had traveled to South Africa to serve in the Moravian mission there. He was now living in Elim, about 15 km away from the Southern tip of Africa, where he was in charge of the mission’s trade in the village. Now, with the help of his wife, he was working hard to turn the previously loss-making store profitable, he established proper bookkeeping – and he was learning a new language: Afrikaans. In the beginning, the completely different climate with its unfamiliar warmth did not bother him too much, because there „is always some fresh air blowing from the sea“ in Elim. His young wife was pregnant and their first child was due at the end of the year.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching with his young wife

On his 45th birthday, in 1862, Miertsching was living in Genadendal, a village in the Cape region, which is somewhat closer to Cape Town than Elim, but further inland. Here, too, he had the job to put the shop operation in better order then the previous storekeeper. Meanwhile, he had a four-and-a-half-years-old daughter; and although two little sons had passed away shortly after their birth in Elim, the couple was now enjoying a new baby, an eight-months-old girl. At this point, they did not know yet that this poor little girl would not survive to see her third birthday!

Kirche und Schule in Genadendal
Church and school in Genadendal, South Africa

The living conditions in Genadendal were not easy. Miertsching often had to travel to Cape Town which was more than 100 km away. The arduous and strenuous transportation was carried out with oxen carts. The country was suffering from drought and crop failure and both animals and people were suffering from diseases, including contagious epidemics.
Did Miertsching spend his 50th birthday in 1867 in good spirits? Probably not. The day before, his son would have turned two – had he survived. But only two months earlier, the little boy had died of diphtheria. Only their eldest daughter, Marie, was still alive. However, according to the rules of the Moravian Brethren, she had been separated from her parents the year before and had been sent to a boarding school in Germany.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertsching’s headstone at the Moravian cemetery in Kleinwelka

Miertsching did not live to see his 60th birthday in 1877. More than two years earlier, in the early spring of 1875, he found his resting place in the Brethren’s cemetery in Kleinwelka. His wife had already passed away in 1869, shortly after their return from South Africa. His remaining life as a widower, as a father of an adolescent girl and a toddler, had certainly not been very joyful.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Moravian Archives in Herrnhut

Miertsching’s life is only partially documented, at its best during his Arctic journey – by himself and by other contemporaries. His efforts under these extreme conditions were highly appreciated by his captain, by the ship’s crew, by the officers involved in their rescue, and, finally, even by the Queen of Great Britain, who awarded him with the „Arctic Medal“.

Graeber auf Beechey Island
On the way back from the Arctic, Miertsching spent several weeks on Beechey Island. One of his crew members found his resting place close to three graves from Franklin’s lost expedition

Other periods of his life, however, are unfortunately only known in fragments. During our archival searches in Germany, England, Hawaii, and Canada, we have repeatedly unearthed new documents which were little or never known before – like two unknown letter we found just a few weeks ago. They shine a new light on the personality of Miertsching, even if some questions still remain unanswered. In the book we are currently working on, we will present the results of our findings and try to give a more complete picture of Johann August Miertsching.

On the traces of Miertsching, we visited the Mission House Museum in Hawaii
On the traces of Miertsching, we visited the Mission Houses Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel

Ein Toast zu Ehren von Johann August Miertsching

(English version here)
Zum 200. Geburtstag des einzigen Mannes aus Deutschland, der am Auffinden der Nordwestpassage beteiligt war

Am 21. August 1817 wurde im sorbischen Dorf Hrodźišćo (Gröditz) bei Weißenberg in der Oberlausitz Johann August ( sorbisch: Jan Awgust) – der Sohn des Zimmermanns Johann Miertsching (Měrćink), geboren. Da war es erst vier Jahre her, dass die Äcker rund um das Dorf durch Kanonenkugeln aufgewühlt und von Blut getränkt worden waren, als Napoleon mit den verbündeten Sachsen in der Schlacht bei Bautzen hier gegen die preußischen und russischen Truppen kämpfte.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz bei Weißenberg, Oberlausitz

Von dem auf einem Hügel gelegenen Dorf hatte man auch damals einen freien Blick ins umgebende Land, aus dem die Glockentürme der benachbarten Kirchspiele aufragten. Am Horizont waren die Türme von Budissin (heute Bautzen) erkennbar, der Hauptstadt der unter sächsischer Herrschaft stehenden Oberlausitz. Hat diese Sicht in die Weite das spätere Leben des Knaben beeinflusst?
Seinen 10. Geburtstag beging Jan Awgust als Schüler der Gröditzer Dorfschule, wo der Unterricht bis dahin ausschließlich in Sorbisch stattgefunden hatte; nun brachte ein neuer Lehrer den Schülern auch das Lesen der deutschen Sprache bei.

1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka
1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka

Als Miertsching seinen 20. Geburtstag feierte, war er Schustergeselle in dem nahe Budissin gelegenen Dorf Kleinwelka, einem Stützpunkt der Herrnhuter Brüdergemeine. Als er 25 wurde, hatte er seine Meisterprüfung abgelegt und war inzwischen in die Brüdergemeine aufgenommen worden.

Okak – historische Zeichnung
Okak im Norden Labradors, historische Zeichnung

Seinen 30. Geburtstag feierte Miertsching bereits weit weg von zuhause, auf einem anderen Kontinent. Mittlerweile arbeitete er bereits im dritten Jahr seines Dienstes in der Herrnhuter Mission bei den Inuit in Okak, einer Siedlung in der subarktischen Region im Norden Labradors nördlich des 57. Breitengrades. Hier erlernte er die Sprache der Inuit und war neben praktischen Alltagsarbeiten und anderen Pflichten vor allem als Lehrer tätig. Am 24.8.1847, drei Tage nach seinem Geburtstag, berichtet er in einem Brief nach Herrnhut: „Ich hatte für die ledigen Brüder und Knaben, weil sie mich täglich besuchen, einen Unterricht in der Weltkunde angefangen, und es schien ihnen Vergnügen zu machen, und für mich war es eine gute Übung in der Sprache …“.

Flaxman Island
Nahe Flaxman Island konnte Miertsching als Dolmetscher für seinen Kapitän sich mit den dortigen Inuit verständigen

Seinen 35. Geburtstag, 1852, muss Miertsching in sehr kritischer Lage begehen. Anfang 1850 war er als Inuit-Dolmetscher für eine britische Expeditionen zur Suche nach Franklins verschollener Expedition ausgewählt worden und musste an Bord des Schiffes HMS Investigator in kürzester Zeit die englische Sprache erlernen. Nun hatte er bereits zwei Winter in der Arktis hinter sich, und zwar im Hohen Norden.

Die Investigator im Eis
Das Schiff „Investigator“ im arktischen Packeis

Das Schiff liegt in der westlichen Arktis nördlich des 74. Breitengrades in einer Bucht des Polarmeeres im Norden von Banks Island Banks Island fest, gefangen im Eis. Viele Männer leiden an Skorbut. Alle hatten sehnlichst auf das Aufbrechen des Eises gewartet, doch dieser Sommer ist kühler als normal, das Schiff bleibt fest eingefroren, und die Lebensmittel werden knapp. In seinem Tagebuch erwähnt Miertsching die „niedergeschlagene Mannschaft“, er selbst sucht Trost in seinem Glauben und vermerkt über seinen Geburtstag nur knapp: „Ich verbrachte den heutigen Tag auf dem Lande, und wanderte einsam herum. Der Herr schenckte mir auch heute große Gnade …“.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head auf Banks Island – Zeichnung von Samuel Gurney Cresswell

Als Miertsching 40 wird, befindet er sich in einem völlig anderem Erdteil. Er hatte kurz zuvor geheiratet und war im Dienst der Herrnhuter Mission mit seiner Frau nach Südafrika gereist. In Elim, etwa 15 km entfernt von der Südspitze Afrikas, hat er den Handel der Mission übernehmen müssen. Nun bringt er unter der Mitwirkung seiner Frau das zuvor verlustreiche Ladengeschäft der Mission und die vernachlässigte Buchhaltung in Ordnung und erlernt eine neue Sprache (Afrikaans). Das völlig andere Klima mit der ungewohnten Wärme macht ihm zunächst noch nicht allzu sehr zu schaffen, da in Elim „immer etwas Seeluft weht“. Seine junge Frau ist schwanger, am Jahresende wird ihr erstes Kind erwartet.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching und seine junge Frau Clementine Auguste

Seinen 45. Geburtstag 1862 verbringt Miertsching in Genadendal, ebenfalls in der Kapregion, näher an Kapstadt, aber weiter im Inland gelegen. Er soll nun auch hier den Handel und den Ladenbetrieb in Ordnung bringen. Inzwischen hat er eine viereinhalbjährige Tochter, und nachdem in Elim zwei Söhnchen kurz nach der Geburt verstorben waren, erfreut sich das Paar jetzt an einem neuen Baby, einem nunmehr acht Monate altem Mädchen – das allerdings nur zwei Jahre alt werden sollte.

Kirche und Schule in Genadendal
Kirche und Schule in Genadendal, Südafrika

Die Lebensbedingungen in Genadendal sind nicht einfach. Miertsching muss für seinen Tätigkeit oft nach dem über 100 km entfernten Kapstadt reisen. Der mühselige und aufwändige Transport erfolgt mit Ochsenkarren. Das Land leidet in dieser Zeit immer wieder unter Dürre und schlechten Ernten, die Tiere und die Menschen unter Krankheiten, darunter ansteckende Epidemien.
Ob Miertsching seinen 50. Geburtstag 1867 in guter Stimmung verbrachte? Wohl kaum. Am Vortag wäre sein kleines Söhnchen zwei Jahre alt geworden – wenn es denn überlebt hätte; es war jedoch zwei Monate zuvor an Diphterie gestorben. Von bisher fünf Kindern war nur noch die älteste Tochter Marie am Leben, doch die war im Jahr zuvor, gemäß den Regeln der Herrnhuter, von den Eltern getrennt und nach Deutschland zur Schule geschickt worden.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Seinen 60. Geburtstag erlebte Miertschings nicht mehr – er ruhte schon seit über zwei Jahren, seit 1875, auf dem Gottesacker der Brüdergemeine in Kleinwelka. Seine Frau war bereits 1869, kurz nach ihrer Rückkehr nach Afrika, verstorben. Sein Lebensabend als Witwer, damals Vater einer Halbwüchsigen und eines Kleinkinds, war sicherlich alles andere als freudvoll gewesen.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut

Miertschings Leben ist nur teilweise dokumentiert, am besten während seiner Arktisreise von ihm selbst und anderen Zeitgenossen. Sein Wirken unter diesen extremen Bedingungen fand höchste Anerkennung von seiten seines Kapitäns, der Schiffsmannschaft und der an der Rettung beteiligten Offiziere sowie schließlich sogar von der englischen Königin, die ihm die „Arktische Medaille“ verlieh.

Graeber auf Beechey Island
Miertsching verbrachte mehrere Wochen auf Beechey Island, wo sich Gräber der verschollenen Franklin-Expedition befinden

Andere Etappen seines Lebens sind leider nur in Bruchstücken bekannt. Bei unseren Archiv-Recherchen in Deutschland, England, Hawaii und Kanada sind wir immer wieder auf neue, kaum oder gar nicht bekannte Quellen gestoßen, so erst vor wenigen Wochen auf unbekannte Briefe. Sie lassen seine Persönlichkeit in neuem Licht erscheinen, auch wenn noch manche Fragen offen sind. In dem Buch, an dem wir derzeit arbeiten, werden wir unsere Erkenntnisse über Johann August Miertsching vorstellen.

Auf en Spuren Miertschings besuchten wir das Mission Houses Museum in Hawaii
Auf den Spuren Miertschings besuchten wir das Mission House Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel




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