Archiv der Kategorie 'Ethnographic exhibit - Völkerschau '

Kafkas Affe und Hagenbecks Völkerschau

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Farley Mowat – ein Kanadier, der die Welt veränderte

In seiner Heimat Kanada sprechen manche von Farley Mowat als einem Schriftsteller, der immer die Wahrheit schrieb, auch wenn er es hin und wieder mit einigen Fakten nicht so genau nahm. Sind seine „Erlebnisberichte“ in Wirklichkeit Romane? Der Geschichtenerzähler veröffentlichte seit den 1950er Jahren 44 Bücher, in vielen davon, die wie Erlebnisberichte wirken, sind die Abgrenzungen zwischen „non-fiction“ und „fiction“ fließend. Inzwischen wird solcherart Literatur, für die er als Pionier stand, als „faction“ akzeptiert und gefeiert.

Farley Mowat By Tabercil
Farley Mowat – Foto by Tabercil

„Der engagierte Umweltschützer Farley Mowat (geb. 1921) wurde mit Büchern über die grandiose Natur des Nordens („Ein Sommer mit Wölfen“) und die schwere Situation der Caribou-Inuit bekannt („Gefährten der Rentiere“, „Chronik der Verzweifelten“). … Mowats leidenschaftlicher Einsatz für den Schutz der nordischen Natur, der auch in seinen jüngeren, frühere Erlebnisse behandelnden Büchern „No Man’s River“ und „Eastern Passage“ (beide bisher nicht auf Deutsch) zum Ausdruck kommt, brachte ihm Freunde wie Feinde ein.“ (zitiert nach: Kanada-Lesebuch, MANA-Verlag, 2013, S. 255f)

Tundralandschaft im Norden Kanadas
Tundralandschaft im schönen Norden Kanadas

Eines von Mowats größten Verdiensten ist, dass er erstmalig vielen seiner Landsleute bewusst machte, dass Kanada außer der dichter besiedelten Region um den 49. Breitengrad auch noch einen Norden hat, einen riesigen Raum voller Schönheit, in dem seit Jahrtausenden Menschen in und mit der rauen Natur leben. Auch wenn sich im Norden ein paar Leute fanden, die seinen Umgang mit den Fakten kritisierten: Kein anderer Autor hat dem Publikum derartig wirksam, voller Enthusiasmus und Liebe, den Norden – mitsamt seinen Problemen – nahegebracht. Durch sein Buch People of the Deer (dt: Gefährten der Rentiere) hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass ein vom Verhungern bedrohtes Inuit-Volk in einer abgelegenen Region der Arktis, die Ahalmiut, schließlich durch Regierungsmaßnahmen gerettet wurde.

Schiff Farley Mowat – Foto by Adrian Tritschler
Die Umweltschutzorganisation Sea Shepherd Conservation Society nannte ihr Schiff „Farley Mowat“ – Foto by Adrian Tritschler

Farley Mowat ist als einer von Kanadas ersten und engagiertesten Natur- und Umweltschützern bekannt geworden. Sein Einfluss ging aber über seine Heimat hinaus und erreichte sogar den Naturschutz in der Sowjetunion, nachdem sein Buch Never Cry Wolf (dt: „Ein Sommer mit Wölfen“; verfilmt von Disney als „Wenn die Wölfe heulen“) von 1963 auch ins Russische übersetzt wurde. Bis dahin hatte man in der Sowjetunion einen Vernichtungsfeldzug gegen Wölfe geführt. Wie auch anderswo in der Welt leitete das Buch dort eine tiefgreifende Veränderung der Einstellung zu diesen Tieren ein, die man zuvor lediglich als gefährliche, aggressive Schädlinge betrachtet hatte.

Archaelogische Staette auf Pamiok Island - by Lkovac
Archäologische Stätte auf Pamiok Island, Ungava Bay – Foto by LKovac

Unterhaltsame, heitere, humorvolle Bücher – in Deutschland wurde „Das Boot, das nicht schwimmen wollte“ und „Der Hund, der mehr sein wollte“ bekannt – gehören zu Mowats Werk ebenso wie Bücher mit geschichtlichen Themen. Faszinierend, wie er in The Farfarers die Möglichkeiten betrachtet, dass lange vor der Neuzeit und sogar vor den Wikingern bereits Entdecker von den Orkney-Inseln Kanada erreicht haben könnten: Grundlage sind archäologische Funde auf Pamiok Island. Die Nachbildung eines solchen möglichen Bauwerkes – das Steinfundament eines Langhauses, dessen Dach ein mit Walrosshaut bespanntes Boot bildet – wurde von Freunden in Mowats Garten in Port Hope aufgestellt.

Der Film The Snow Walker
Der Film „The Snow Walker“ erschien auch auf DVD

Mowats Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und in über 50 Ländern insgesamt mehr als 17 Millionen Exemplare verkauft, was ihn zum wohl erfolgreichsten Autor Kanadas macht. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt, darunter The Snow Walker („Der Schneewanderer“).
Zeitgenossen berichten über Begegnungen mit ihm als einen liebenswerten, manchmal auch verstörend Unangepassten, hinter dessen gelegentlich bärbeißigem Auftreten sich ein fröhlicher, bezaubernder und sehr einfühlsamer Mensch verbarg.

Ten Million Books: An Introduction to Farley Mowat by Andy Thomson, National Film Board of Canada, 1981, 25 min 15 s

Farley Mowat liebte die Natur nicht nur – er studierte sie, schrieb über sie, brachte sie anderen Menschen nahe und tat sein Bestes für ihren Schutz. In großzügiger Weise hat er mit der Schenkung von über 80 Hektar Land auf Cape Breton Island, als künftigem Naturschutzgebiet, den Nova Scotia Nature Trust unterstützt. Nach fast 93 Jahren ist am 7. Mai 2014 das erfüllte Leben eines leidenschaftlichen Menschen zu Ende gegangen.

posted by Mechtild Opel

Knud Rasmussen als Filmemacher

Genau vor 80 Jahren, am 21.12.1933, verstarb der bekannte grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen infolge einer Lebensmittelvergiftung im Alter von nur 54 Jahren. Als Sohn eines dänischen Missionars und Enkel einer Angehörigen der Kalaallit (Inuit) in Ilulissat an der Westküste Grönlands geboren, wuchs er gemeinsam mit den grönländischen Nachbarskindern auf und lernte von Beginn an ihre Sprache, Kalaallisut, was ihm seinen späteren ungewöhnlichen Lebensweg erst ermöglichte.

Geburtshaus von Knud Rasmussen
Geburtshaus von Knud Rasmussen

Rasmussen war nicht nur Ethnologe und Schriftsteller, sondern auch Hundeschlittenführer und Extremreisender. Er befuhr während seiner sogenannten 5. Thule-Expedition mit dem Schlitten die Nordwestpassage von Grönland bis nach Tschukotka – gerade noch rechtzeitig, bevor der Einfluss der weißen Händler, Missionare, Seeleute und Siedler begann, die Kultur der Inuit zu verändern.

Ilulissat - Denkmal fuer Rasmussen
Denkmal für Rasmussen in Ilulissat

Was weniger bekannt ist: Rasmussen war auch ein Filmemacher, der von den damals neuen Medien so beeindruckt war, dass er beschloss, einen eigenen Film über das Leben der Grönländer an der Ostküste zu schreiben und zu produzieren. Rasmussen war nicht der erste Filmemacher, der die Arktis und seine Bewohner zum Gegenstand eines Filmes machte. Bereits 1901 wurden unter der Marke Thomas A. Edison drei kurze Filmszenen veröffentlicht, die Inuit im sogenannten Esquimaux Village der Pan American Exposition in Buffalo bei verschiedenen Aktivitäten zeigen.


Nancy Columbia 1911 Berlin Halensee
Nancy Columbia (Mitte) 1911 in Berlin Halensee

Um 1910 erschienen Filme mit ehemaligen Akteuren von Völkerschauen, die auch in Deutschland zu sehen waren. Prominente Darstellerin war Nancy Columbia, die auch an dem Drehbuch für The Way of the Eskimo von Selig Polyscope beteiligt war. Nancy Columbia ist damit die erste Filmemacherin der Inuit. Weitere Filme zum Thema Arktis waren Polar Hunt (1914, A. E. Kleinschmidt), Nanook of the North (1922, Robert Flaherty) und Milak der Grönland-Jäger (1932, Georg Asagaroff und Bernhard Villinger).

Prospekt SOS Eisberg
Prospekt „SOS Eisberg“

Der bekannte Bergfilmer Arnold Fanck war 1931 in einem Magazin auf Fotografien von Eisbergen in Grönland gestoßen. Das erinnerte ihn sofort an Alpengletscher, die in seinen bisherigen Filmen eine wichtige Rolle gespielt hatten. Er beschloss, seinen nächsten Film unbedingt in Grönland zu drehen, was aber nicht genehmigt wurde, da die Regierung in Dänemark im Interesse der Inuit jegliche Aktivitäten von Ausländern dort erheblich eingeschränkt hatte.

Drehort von SOS Eisberg
Drehort von „SOS Eisberg“ in Grönland

Fanck packte kurz entschlossen einen seiner Filme ein, fuhr nach Kopenhagen und begab sich auf die Suche nach Knud Rasmussen, dem weltbekannten Arktisforscher. Nachdem dieser Fancks Film gesehen hatte, der ihn überaus beeindruckte, begaben sich beide auf den „Weg durch die Instanzen“ – mit dem Ergebnis, dass Fanck drehen durfte und Rasmussen zum Sponsor und Berater des Films SOS Eisberg wurde. (Auf diesen Film werden wir in einem späteren Beitrag eingehen. Nur soviel vorab: den SOS Eisberg hätte es ohne die intensive Mitarbeit Rasmussens nie gegeben.)

Filmprogrammheft SOS Eisberg
Filmprogrammheft „SOS Eisberg“

Knud Rasmussen hatte nun Gefallen am Medium Film gefunden, so dass er unmittelbar nach Beendigung der Dreharbeiten mit der Konzeption seines eigenen Filmes Palos Brautfahrt begann. Als Regisseur gewann er Friedrich Dalsheim. Der Film wurde 1933 in Ostgrönland ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht. Er handelt vom Werben zweier Freunde, Palo und Samo, um das gleiche Mädchen, die schöne Navarana.

Palos Brautfahrt
Palos Brautfahrt – Film von Knud Rasmussen

Die Freunde geraten in Streit; in einem Sängerwettstreit soll der Sieger und damit der Bräutigam für Navarana bestimmt werden. Aus dem Wettstreit wird ein Kampf, bei dem Palo schwer verletzt wird. Am Ende aber kommt Samo zu Tode, und Palo gewinnt die Braut.

Filmprogrammheft Palos Brautfahrt
Filmprogrammheft „Palos Brautfahrt“

Der Film zeigt die wunderschöne Natur und das traditionelle Leben der Ostgrönländer in vielen Facetten – von der Jagd bis zu einer Schamanenbeschwörung – und folgt damit ganz der Intention des Ethnologen Rasmussen. Infolge seines frühen Todes aber konnte Rasmussen die Uraufführung seines Filmes Palos Brautfahrt im Jahr 1934 nicht mehr erleben.

Knud Rasmussen mit Peter Freuchen
Knud Rasmussen mit Peter Freuchen, historische Aufnahme

Im Gedenken an Rasmussens 5. Thule-Expedition drehte Zacharias Kunuk, ein Inuit aus der kanadischen Arktis, 2006 den Film Die Tagebücher des Knud Rasmussen – ein weiteres Meisterwerk, nach seinem Film Atarnajuat, für den er viele Preise, unter anderem eine Goldene Kamera in Cannes, erhalten hatte.

Knud Rasmussen - Portraetbueste
Knud Rasmussen – Porträtbüste in Ilusissat

posted by Wolfgang Opel

Abraham und die Labrador-Inuit in Europa


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Eine Rose für Noggasak

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