Archiv der Kategorie 'Ethnographic exhibit - Völkerschau '

Kafkas Affe und Hagenbecks Völkerschau

Seit Shakespeares „Ein Wintermärchen“ wissen wir, dass Böhmen am Meer liegt: „Bohemia. A desert country by the sea.“ Grund genug hier auf dem Trimaris-Blog an Franz Kafka, den Schriftsteller aus Böhmen, zu erinnern, der heute vor 90 Jahren in Wien gestorben ist und wie Shakespeare zu den bedeutenden Autoren der Weltliteratur gehört.

Kafka_1906
Kafka als junger Mann – Foto: Wikipedia

Genau vor 100 Jahren verlobte Kafka sich mit der im Berliner Prenzlauer Berg (Immanuelkirchstrasse 29) wohnenden Felice Bauer; es begann eine komplizierte Beziehung zwischen Annäherung und Abgrenzung, Verlobung und Entlobung. Sie wechselten hunderte Briefe, sahen sich aber nicht sehr oft. In den zweieinhalb Jahren bis zur endgültigen Trennung von Felice Bauer schrieb Kafka wichtige Erzählungen: „In der Strafkolonie“, „Die Verwandlung“, „Ein Bericht für die Akademie“ und arbeitet am Roman „Der Process“. Das meiste davon entstand in einem kleinen Häuschen, das Kafkas Schwester für ihn in der Prager Alchimistengasse angemietet hatte.

Prag_Alchimistengasse
Die Alchimistengasse in Prag 1966 (ganz links Kafkas Wohnhaus)

In „Ein Bericht an die Akademie“ beschreibt Kafka den ungewöhnlichen Vorgang der „Menschwerdung“ eines in Afrika gefangenen Menschenaffen, der vor die Wahl gestellt, ob er lieber im Zoo oder im Varieté auftreten möchte, sich umgehend für die zweite Variante entscheidet.

Diese Frau wurde auf einer Freakshow gezeigt
Sogenannte „Affenfrau“, die auf einer Freakshow gezeigt wurde

Das ganze Szenarium erinnert uns sofort an Freak Shows oder auch an die Hagenbeckschen Völkerschauen und ähnliche Vorführungen, für die „Wilde“ aus Samoa, aus Grönland und Labrador, aus Afrika und vielen anderen Teilen der Welt zur Bildung und Belustigung eines neugierigen Publikums mehr oder weniger freiwillig engagiert wurden. Auch Prag war ein Ort für solche Darbietungen.

Groenlaender bei einer Voelkerschau
Grönländer bei einer Völkerschau – Abbildung aus den Hottinger Volksblatt 1878

Wissenschaftler wie Virchow oder Boas nutzten auch Völkerschauen für ihre anthropologischen Studien, wobei damals die Messungen von Schädeln und Gliedmaßen zum Teil auch Hypothesen von der Überlegenheit der Europäer gegenüber den wohl bald aussterbenden „primitiven“ Völker stützen sollten.

Virchow mit Messinstrument
Rudolf Virchow mit einem Instrument für anatomische Vermessungen

Material für weitere derartige Studien besorgten auch Forschungsreisende, die in der ganzen Welt begierig Gräber plünderten, Leichen skelettierten und vermutlich sogar vor Auftragsmorden nicht zurückschreckten, um an ganz besonders spektakuläres „Material“ zu kommen.

Schaedel Eskimokind
In einer Abhandlung ging Virchow auf diesen Schädel eines Ekimokindes ein

Kafka wäre nicht Kafka, wenn sich die gerade beschriebenen Vorgänge nur eindimensional in „Ein Bericht an die Akademie“ wiederfinden würden. Die Erzählung ist natürlich viel komplexer und bietet viele Möglichkeiten zur Interpretation – damals wie heute. „Kafkaesk“ ist sie auf jeden Fall.

Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus
Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus

Bestimmte aktuelle Entwicklungen und Ereignisse – das Ausgeliefertsein gegenüber Überwachungsmechanismen und mangelnde Möglichkeiten von Einflussnahme auf weitreichende politische Entscheidungen etc. – fordern geradezu auf, sich wieder einmal intensiver mit Kafkas Werken auseinanderzusetzen – nicht nur weil sich gerade heute sein Todestag jährt.

Kafka 1924
Kafka 1924 – Foto: Wikipedia

posted by Wolfgang Opel

Knud Rasmussen als Filmemacher

Genau vor 80 Jahren, am 21.12.1933, verstarb der bekannte grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen infolge einer Lebensmittelvergiftung im Alter von nur 54 Jahren. Als Sohn eines dänischen Missionars und Enkel einer Angehörigen der Kalaallit (Inuit) in Ilulissat an der Westküste Grönlands geboren, wuchs er gemeinsam mit den grönländischen Nachbarskindern auf und lernte von Beginn an ihre Sprache, Kalaallisut, was ihm seinen späteren ungewöhnlichen Lebensweg erst ermöglichte.

Geburtshaus von Knud Rasmussen
Geburtshaus von Knud Rasmussen

Rasmussen war nicht nur Ethnologe und Schriftsteller, sondern auch Hundeschlittenführer und Extremreisender. Er befuhr während seiner sogenannten 5. Thule-Expedition mit dem Schlitten die Nordwestpassage von Grönland bis nach Tschukotka – gerade noch rechtzeitig, bevor der Einfluss der weißen Händler, Missionare, Seeleute und Siedler begann, die Kultur der Inuit zu verändern.

Ilulissat - Denkmal fuer Rasmussen
Denkmal für Rasmussen in Ilulissat

Was weniger bekannt ist: Rasmussen war auch ein Filmemacher, der von den damals neuen Medien so beeindruckt war, dass er beschloss, einen eigenen Film über das Leben der Grönländer an der Ostküste zu schreiben und zu produzieren. Rasmussen war nicht der erste Filmemacher, der die Arktis und seine Bewohner zum Gegenstand eines Filmes machte. Bereits 1901 wurden unter der Marke Thomas A. Edison drei kurze Filmszenen veröffentlicht, die Inuit im sogenannten Esquimaux Village der Pan American Exposition in Buffalo bei verschiedenen Aktivitäten zeigen.


Nancy Columbia 1911 Berlin Halensee
Nancy Columbia (Mitte) 1911 in Berlin Halensee

Um 1910 erschienen Filme mit ehemaligen Akteuren von Völkerschauen, die auch in Deutschland zu sehen waren. Prominente Darstellerin war Nancy Columbia, die auch an dem Drehbuch für The Way of the Eskimo von Selig Polyscope beteiligt war. Nancy Columbia ist damit die erste Filmemacherin der Inuit. Weitere Filme zum Thema Arktis waren Polar Hunt (1914, A. E. Kleinschmidt), Nanook of the North (1922, Robert Flaherty) und Milak der Grönland-Jäger (1932, Georg Asagaroff und Bernhard Villinger).

Prospekt SOS Eisberg
Prospekt „SOS Eisberg“

Der bekannte Bergfilmer Arnold Fanck war 1931 in einem Magazin auf Fotografien von Eisbergen in Grönland gestoßen. Das erinnerte ihn sofort an Alpengletscher, die in seinen bisherigen Filmen eine wichtige Rolle gespielt hatten. Er beschloss, seinen nächsten Film unbedingt in Grönland zu drehen, was aber nicht genehmigt wurde, da die Regierung in Dänemark im Interesse der Inuit jegliche Aktivitäten von Ausländern dort erheblich eingeschränkt hatte.

Drehort von SOS Eisberg
Drehort von „SOS Eisberg“ in Grönland

Fanck packte kurz entschlossen einen seiner Filme ein, fuhr nach Kopenhagen und begab sich auf die Suche nach Knud Rasmussen, dem weltbekannten Arktisforscher. Nachdem dieser Fancks Film gesehen hatte, der ihn überaus beeindruckte, begaben sich beide auf den „Weg durch die Instanzen“ – mit dem Ergebnis, dass Fanck drehen durfte und Rasmussen zum Sponsor und Berater des Films SOS Eisberg wurde. (Auf diesen Film werden wir in einem späteren Beitrag eingehen. Nur soviel vorab: den SOS Eisberg hätte es ohne die intensive Mitarbeit Rasmussens nie gegeben.)

Filmprogrammheft SOS Eisberg
Filmprogrammheft „SOS Eisberg“

Knud Rasmussen hatte nun Gefallen am Medium Film gefunden, so dass er unmittelbar nach Beendigung der Dreharbeiten mit der Konzeption seines eigenen Filmes Palos Brautfahrt begann. Als Regisseur gewann er Friedrich Dalsheim. Der Film wurde 1933 in Ostgrönland ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht. Er handelt vom Werben zweier Freunde, Palo und Samo, um das gleiche Mädchen, die schöne Navarana.

Palos Brautfahrt
Palos Brautfahrt – Film von Knud Rasmussen

Die Freunde geraten in Streit; in einem Sängerwettstreit soll der Sieger und damit der Bräutigam für Navarana bestimmt werden. Aus dem Wettstreit wird ein Kampf, bei dem Palo schwer verletzt wird. Am Ende aber kommt Samo zu Tode, und Palo gewinnt die Braut.

Filmprogrammheft Palos Brautfahrt
Filmprogrammheft „Palos Brautfahrt“

Der Film zeigt die wunderschöne Natur und das traditionelle Leben der Ostgrönländer in vielen Facetten – von der Jagd bis zu einer Schamanenbeschwörung – und folgt damit ganz der Intention des Ethnologen Rasmussen. Infolge seines frühen Todes aber konnte Rasmussen die Uraufführung seines Filmes Palos Brautfahrt im Jahr 1934 nicht mehr erleben.

Knud Rasmussen mit Peter Freuchen
Knud Rasmussen mit Peter Freuchen, historische Aufnahme

Im Gedenken an Rasmussens 5. Thule-Expedition drehte Zacharias Kunuk, ein Inuit aus der kanadischen Arktis, 2006 den Film Die Tagebücher des Knud Rasmussen – ein weiteres Meisterwerk, nach seinem Film Atarnajuat, für den er viele Preise, unter anderem eine Goldene Kamera in Cannes, erhalten hatte.

Knud Rasmussen - Portraetbueste
Knud Rasmussen – Porträtbüste in Ilusissat

posted by Wolfgang Opel

Abraham und die Labrador-Inuit in Europa

Wir schreiben das Jahr 1880. Am frühen Morgen des 16.Oktober erreicht eine ungewöhnliche Reisegesellschaft den Hamburger Bahnhof von Berlin. Es ist eine Gruppe von „Eskimos“, Inuit aus Labrador. (Siehe auch Blogeintrag vom 26.6.2012). Sie reisen in Begleitung von Angestellten des Tierhändlers Carl Hagenbeck auf einer Tournee, einer sogenannten Völkerschau, durch verschiedene Städte Europas: Hamburg, Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris sind die Stationen. Die Gruppe besteht aus zwei Familien: Abraham mit seiner Frau Ulrike und den beiden Töchtern Sara und Maria sowie Tobias, ihrem Verwandten aus Hebron, einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine; und Terrianiak (andere Quellen schreiben Tigganiak), der mit Frau Paingo und Tochter Nochasak weiter nördlich von Hebron im Nachvak Fjord lebte.

Berlin Hamburger Bahnhof
Berlin, Hamburger Bahnhof, um 1850

Die Reise der Inuit ist erstaunlich gut dokumentiert, sowohl in den Veröffentlichungen der Brüdergemeine und in der Tagespresse, aber auch im Tagebuch von Adrian Jacobsen, dem Beauftragten von Hagenbeck, der die Inuit in Labrador überzeugt hatte, ihm auf einer Reise nach Europa zu folgen, und in einer Broschüre von Hagenbeck. Außerdem gibt es sogar noch die Abschrift einer Übersetzung von tagebuchartigen Notizen des Inuit Abrahams. Diese Abschrift, die seinerzeit Bestandteil verschiedener Veröffentlichungen der Brüdergemeine in deutsch und auch in französisch war, wurde erst 100 Jahre nach der Reise der Inuit durch den kanadischen Wissenschaftler J. Garth Taylor wieder aufgefunden und kurz danach ins Englische übersetzt. Leider aber gelang es bis heute nicht, originale handschriftliche Zeugnisse des schriftkundigen Abrahams, der auf der Reise auch einige Briefe geschrieben hatte, in den Archiven in Kanada, Deutschland, Frankreich, England und den USA zu finden.

Abraham und Familie
Abraham und Familie in einer zeitgenössischen Darstellung, Sammlung M+W Opel

Abraham wurde am 29.1.1845 in Hebron geboren und am 25. Februar dort durch die Missionare getauft. Seine Eltern, Paulus und Elisabeth, bekamen in den nächsten Jahren noch weitere Kinder. Über die Jugend Abrahams ist fast nichts bekannt, 1868 heiratete er eine junge Frau aus Nain, Martha, die dort mit Mutter und Bruder lebte. Da die Inuit zu dieser Zeit noch keine Nachnamen hatten, wurde zur Vermeidung von Verwechslungen bei mehreren Inuit gleichen Namens der Name der Frau hinzugefügt, so dass in den Unterlagen der Herrnhuter Missionare Abraham mit der Ergänzung „Martha“ auftaucht. 1876 muss er eine zweite Ehe eingegangen sein, denn er wurde von da an in den Dokumenten mit dem Zusatz „Ulrike“ aufgeführt.

Hebron in Labrador - Heimat Abrahams
Hebron in Labrador, die Heimat von Abrahams Familie, im Jahre 2009

In Europa angelangt, wurde Abraham wohl aufgefordert, einen dort üblichen Familiennamen anzugeben, und er wählte mit „Paulus“ den Namen seines Vaters. Ähnlich verfuhr seine Frau Ulrike, die den Familiennamen Henocq nach ihrem Vater wählte; die Nachnamen der Kinder wurden mit Paulus angegeben. Der in der Literatur häufig verwendete Name „Abraham Ulrikab“ ist wohl eine Fehldeutung der Unterschrift Abrahams, die in der Abschrift der Übersetzung durch den Missionar Kretschmer erscheint. „Abraham Ulrikab“ wäre wohl besser als „Abraham, Mann von Ulrike“ zu übersetzen – so wie Abraham auch seine Briefe an den Missionar Elsner unterschrieben hatte, gemäß dessen Übersetzung aus dem Inuktitut.

Terrianiaks Familie
Terrianiaks Familie, Illustration nach einer zeitgenössischen Fotografie

Es ist verbürgt, dass es Aufzeichnungen Abrahams über die Reise gab. Bis diese originalen Tagebuchnotizen eines Tages doch noch gefunden werden, muss man Umfang und Exaktheit der vorliegenden überlieferten Übersetzungen kritisch bewerten, denn es fehlt die Erwähnung wichtiger Ereignisse (wie die zahlreichen Fotoaufnahmen von den Inuit in Hamburg, die Vermessung der Inuit durch den Berliner Wissenschaftler Virchow sowie andere Begebenheiten, von denen Jacobsen und Elsner berichteten, die in der Übersetzung von Abrahams Text aber entweder verkürzt oder gar nicht erwähnt wurden), und zudem weichen die verschiedenen Veröffentlichungen der übersetzten Aufzeichnungen Abrahams auch voneinander ab.

Nachvak Fjord
Nachvak Fjord in Labrador – von hier kam Terrianiaks Familie

Die Reise der Inuit durch Europa endete leider tragisch – innerhalb weniger Wochen verstarben sie einer nach dem anderen an Pocken. Die Ansteckung erfolgte wohl in Prag, wo damals gerade eine Pockenepidemie herrschte. Ob durch eine Impfung gegen Pocken, die in Labrador nicht vorgenommen werden konnte und bei der Ankunft in Hamburg versäumt worden war, der Tod der Inuit tatsächlich verhindert worden wäre, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, denn Impfungen waren damals noch nicht sicher, und bis weit in das 20. Jahrhundert starben sowohl in Europa als auch in Labrador immer wieder viele Menschen an Epidemien, die durch Reisende übertragen wurden.

Friedhof in Krefeld
Friedhof in Krefeld mit dem vermuteten Ort der Gräber von 1880, heute eingeebnet

Unsere Suche nach den Gräbern der verstorbenen Inuit war bisher nicht erfolgreich, die Auswirkungen zweier Weltkriege und die lange Zeit seit dem Tod geben kaum Hoffnung, noch Orte des Gedenkens zu finden. Von den in Deutschland Verstorbenen konnte bisher nur ein Schicksal teilweise aufgeklärt werden. Der Leichnam der dreijährigen Sara, die in Krefeld starb, wurde auf Veranlassung Rudolf von Virchows exhumiert und von ihm „wissenschaftlich“ untersucht und in der Fachliteratur beschrieben.

Rudolf Virchow
Rudolf Virchow, Foto: public domain (Wikimedia)

Die Haltung des renommierten Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand ist nicht nur aus heutiger Sicht erschreckend und abstoßend, sie wiederspiegelt die Arroganz des „gebildeten“ Europäers gegenüber den Angehörigen anderer Völker:

„Zuweilen ist es möglich, ganze, frisch abgeschnittene Köpfe zu erhalten. In diesem Falle wird zugleich Haut und Haar der Leiche für spätere Untersuchung erhalten, auch ein grosser Theil physiognomischer Eigenthümlichkeiten, so namentlich die Form der Nase und des Mundes, das Auge und Ohr, bewahrt. Wo es irgend geschehen kann, da ist es daher sehr zu empfehlen, solche Gelegenheiten nicht zu versäumen.“


Zitiert nach Virchow: Anthropologie und prähistorische Forschungen: Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf Reisen, Herausgeber: Georg von Neumayer, Band II, Verlag Robert Oppenheim, Berlin 1888


Unsere Recherchen werden fortgesetzt; bei Interesse an Details können Sie gern Kontakt zu uns aufnehmen.

posted by Wolfgang Opel

Eine Rose für Noggasak

English version
Einen nicht alltäglichen Besuch hatte vor einigen Wochen der Alte Friedhof in Darmstadt – für eine Inuk aus dem fernen Labrador (Kanada) gab es einen ganz besonderen Anlass, hier eine Blume niederzulegen.
Nur wenigen Bewohnern der Stadt dürfte bekannt sein, dass in Darmstadt im Dezember 1880 eine Gruppe von Inuit (damals Eskimo genannt) in einer „Völkerschau“ auftrat. Der Tierparkunternehmer Carl Hagenbeck war damals der Initiator solcher Veranstaltungen, bei denen exotische Menschen aus fernen Ländern sich in ihrer traditionellen Kleidung und Lebensweise präsentierten und so Impressionen aus der weiten Welt in deutsche Groß- und Provinzstädte brachten. Die Völkerschauen erfreuten sich damals großer Beliebtheit bei den Menschen aller Schichten, bei Groß und Klein, und somit füllten sich auch die Kassen der Veranstalter, die meist mit beträchtlichen Gewinnen abschließen konnten – wenngleich der Aufwand, Menschen aus Afrika, Amerika, Ozeanien, Indien oder Grönland, samt deren traditionellen Ausrüstungsgegenständen, nach Europa zu bringen, doch recht groß war.
Die Inuit, die damals nach Darmstadt kamen, waren von dem Bootsbesitzer Adrian Jacobsen im Auftrag Hagenbecks angeworben worden, gegen Bezahlung ihre Heimat an der Nordostküste des heutigen Kanadas zu verlassen und mit ihm nach Hamburg zu segeln, um dort eine einjährige Europatour anzutreten: Abraham und seine Frau Ulrike mit zwei kleinen Kinder, und der junge Mann Tobias, getaufte Christen aus Hebron, der Missionsiedlung der Herrnhuter Brüdergemeine, sowie die „heidnischen“ Nomaden vom Nachvakfjord, Terrianiak, seine Frau Paingo und die 15jährige Tochter Noggasak.

Missionsstation Hebron
Die alte Missionsstation Hebron

Der dreitägige Auftritt der Inuit in Darmstadt fand im Skating Rink statt, nahe der Stelle, wo wenig später das Varieté-Theater Orpheum erbaut wurde. Am 15.12. 1880 schrieb das Darmstädter Tageblatt:
„Die Vorführung der zwei Eskimo-Familien im Skating Rink erregt wegen des gebotenen höchst eigenthümlichen nordischen Bildes das höchste Interesse der Besucher und es ist recht zu bedauern, daß die so ungünstige Witterung Viele abhalten wird, sich diesen ungewöhnlichen Eindruck zu verschaffen. Die Leute, obwohl sehr klein, sehen gesund, vergnügt und reinlich aus und bemühen sich in Schlittenfahrten (wobei sechs kräftige Zughunde energisch mitwirken), Beschleichen des Seehundes und Anderem, dem Zuschauer einen kleinen Begriff ihres arctischen Lebens beizubringen.“
Doch schon einen Tag später berichteten die Zeitungen vom plötzlichen Tod des Mädchens Noggasak und ihrer Bestattung. Sie war nur die erste; wenige Tage später verstarben zwei weitere Inuit in Krefeld; sie waren an Pocken erkrankt. Keiner der acht Inuit sollte die ferne Heimat je wieder erreichen: die anderen fünf kamen noch bis Paris, wo auch sie – nach einigen Tagen Auftritt im Jardin d‘Acclimatation – im Januar 1881 der Tod ereilte.

Noggasak und ihr Vater Terrianiak
Noggasak und ihr Vater Terrianiak – zeitgenössische Darstellung

Über das tragische Schicksal dieser Inuit-Gruppe berichteten damals lokale Tageszeitungen, später noch das „Missionsblatt“ der Herrnhuter Brüdergemeine, doch gerieten die Ereignisse bald in Vergessenheit. Erst hundert Jahre später stieß der kanadische Wissenschaftler J.Garth Taylor in einem Archiv zufällig auf die Abschrift der deutschen Übersetzung eines Tagebuches, in dem Abraham damals Eindrücke von der Reise der Inuit in seiner Muttersprache Inuktitut niedergeschrieben hatte. Ein daraufhin 2005 in Kanada veröffentlichtes Buch, das eine Übersetzung von Abrahams Text wie auch Fotos und Zeitdokumente in Englisch enthielt (2007 erschien eine erweiterte deutsche Version, „Abraham Ulrikab im Zoo“), geriet vor zwei Jahren in die Hände von Zippora Nochasak. Als sie von dem Schicksal ihrer Landsleute erfuhr und das Foto ihrer Namensvetterin Noggasak (eine nicht mehr gebräuchliche Schreibweise ihres eigenen Familiennamens) erblickte, war sie tief bewegt. Die Geschichte ließ sie nicht mehr los und brachte sie zur Zusammenarbeit mit uns, einer Gruppe von Autoren, die wir tiefergehende Recherchen zu diesem Thema unternommen haben und derzeit ein Buch und einen Dokumentarfilm über unsere neuesten Forschungsergebnisse zur Reise der Labrador-Inuit in Europa vorbereiten.

Gedenken für Nochasak
Gedenken für Noggasak

Zippora Nochasak reiste im Frühjahr 2012 nach Deutschland und besuchte gemeinsam mit uns die Stätten der tragischen Reise von 1880. Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt suchten wir den Abschnitt auf, in dem das Mädchen Noggasak einst bestattet worden war. Wohl erstmals nach über 130 Jahren wurde hier, in einer informellen Zeremonie mit einem Gebet in Inuktitut, des verstorbenen Mädchens gedacht.

Siehe auch unser neuer Blog vom 21.4.2013.
Literatur: Hilke Thode-Arora, “Das Eskimo-Tagebuch von 1880. Eine Völkerschau aus der Sicht eines Teilnehmers,” Kea 2, S. 87-115 ; Hartmut Lutz (Hg.): Abraham Ulrikab im Zoo – Tagebuch eines Inuk 1880/81. von der Linden, Wesel 2007; The Diary of Abraham Ulrikab. Text and Context, University of Ottawa Press 2005
Basierend auf intensiven Recherchen arbeiten wir derzeit in einem Team an einem neuen Buch zu diesem Thema, und auch ein Dokumentarfilm ist in Planung.

posted by Mechtild Opel




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