Archiv der Kategorie 'Climate change'

Warten auf den Eisaufbruch in der Arktis – heute wie vor 160 Jahren

Kein Jahr ist wie das andere – trotz durchschnittlicher Erwärmung der Arktis wird die Schifffahrt auf der kanadischen Seite in diesem Jahr durch die Eissituation stark behindert. Im vergangenen Jahr hatte es im August einen sehr starken Arktischen Zyklon mit außergewöhnlichen Auswirkungen gegeben; in diesem Jahr sind bereits drei „stabile Zyklone“ aufgefallen; ob solche Wetterphänomene ursächlich dazu beigetragen haben können, dass sich feste Eisdecken und Treibeis dort konzentrieren, wo in den letzten Jahren die Durchfahrt im Sommer bereits ziemlich einfach war?

Ice conditions August 8-18 Canadian Arctic
Eisbedingungen in der kanadischen Arktis 8-18. August 2013 – Grafik: Courtesy of CIS, Environment Canada

Einige Segeljachten warten in der Gegend von Devon Island ungeduldig auf den Eisaufbruch, um ihr Ziel, das Passieren der Nordwestpassage, erreichen zu können; andere Unternehmungen, die eine Durchfahrt der Nordwestpassage von West nach Ost planten, sind bisher kaum vorangekommen. Eine ungewöhnlich starke Eisbedeckung ist für Segelschiffe und Ruderboote ein unüberwindbares Hindernis. Noch ist die übliche Saison der Eisschmelze nicht vorüber, doch deutet vieles darauf hin, dass dieser Sommer in der mittleren und nördlichen kanadischen Arktis deutlich kühler bleibt als in den Vorjahren.

Eisfelder
Treibeisfelder: Überall Eis

Vor 160 Jahren, 1853, warteten auch die Geretteten von der im Eis aufgegebenen HMS Investigator sehnlichst auf den Aufbruch des Eises. Sie befanden sich mittlerweise in Sicherheit, bei Dealy Island südlich von Melville Island in der westlichen Arktis, an Bord der festgefrorenen Rettungsschiffe HMS Resolute und HMS Intrepid. Sie wollten aber, nachdem sie drei Winter lang in der Arktis zugebracht und dabei Hunger, Kälte und Krankheit durchgestanden hatten, endlich zurück nach England.

Sportspiele der Mannschaften
Sportspiele der Schiffsmannschaften – zeitgenössische Grafik von G. McDougall

Die Schiffe waren längst segelfertig, alles war vorbereitet, aber das Eis regte sich nicht. Die Männer lenkten sich mit Sportspielen und Wettkämpfen an Land ab. Doch dann änderte sich das Wetter:

„18. August. Ein starker Wind wurde zu einem starken Sturm; … die unübersehbare Eisfläche wurde in wenigen Stunden in Stücke zerbrochen … das Steuerruder der Resolute und zwei kleine Boote von der Intrepid wurden … zertrümmert. Gegen Abend ließ der Sturm nach, und beide Schiffe saßen unbeweglich fest in den Eisschollen.“
„19. August. Mit dem Eis ostwärts getrieben. Beide Schiffe sind so mit Eisstücken umlagert, dass weder Segel noch Dampfmaschine zu brauchen sind.“
„21. August. Beide Schiffe liegen noch hülflos mit Eis umlagert und treiben mit demselben langsam nach Ost. Wir sind soweit entfernt vom Lande, dass wir dasselbe nicht sehen können. – Meinen vierten Geburtstag in diesem Eismeer verbrachte ich ganz in der Stille …“


Johann August Miertsching aus Gröditz in Sachsen, aus dessen Tagebuch diese Zitate stammen, hätte, als er im Januar 1850 seine Reise antrat, wohl kaum erwartet, dass er nach vier Jahren noch immer nicht zurückgekehrt sein würde. Die britischen Admiralität hatte ihn als Übersetzer für Inuktitut, die Sprache der Inuit (oder „Eskimo“, wie man damals sagte), angeheuert. Er nahm an Bord der HMS Investigator an der Suchexpedition teil, die das Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition aufklären sollte.
Auch seinen nächsten Geburtstag konnte Miertsching noch nicht zuhause feiern – er musste noch ein weiteres Jahr warten, dafür sorgten die schwierigen Eisbedingungen.
Das Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition aufklären soll auch die aktuelle Suchexpedition von Parks Canada, die in diesen Tagen begonnen hat.

Ryan Harris beim Herausholen des Seitensonars
Am Abend des ersten Tages der Suche wird das Seitensonar aus dem Wasser geholt – Foto Credit: T. Boyer, Parks Canada

Bei der Suche auf dem Meeresgrund nach den Schiffen „Erebus“ und Terror“ wird unter anderem ein Seitensonargerät eingesetzt. Bleibt zu hoffen, dass diese Expedition bei den Untersuchungen in den nördlicheren Sucharealen nicht auch noch durch die aktuellen Eisbedingungen behindert wird. Siehe auch Blog vom 11. August 2013, hier.

Datenerfassung vom Seitensonar
Der Unterwasserarchäologe Ryan Harris arbeitet noch spät in der Nacht, um die Daten des Seitensonars vom arktischen Meeresgrund zu erfassen – Foto Credit: Photo Canada

Update: Siehe auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“

[Update 9.9.2014: Franklin-Schiff gefunden!]

posted by Mechtild Opel

Northwest Passage, 160 years ago

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Nordwestpassage vor 160 Jahren: Mai 1853

Dieser Beitrag ist umgezogen und jetzt hier zu finden.

Mythos Norden I – Künstler in der Arktis

Genau vor 500 Jahren studierte ein junger Mann an der Rostocker Universität, dessen später in nur neun Exemplaren gedruckte Carta Marina (1539) mit der Darstellung Nordeuropas, einschließlich Islands und eines Teils von Südgrönland, und der Schrift Beschreibung der Völker des Nordens (1555) bis heute die Gemüter erregen. Erstaunliche korrekte Details in Karte und Schrift werden durch Fantasielandschaften, Fabelwesen und kaum nachprüfbare Geschichten ergänzt, so dass Olaus Magnus von manchen gestrengen Autoren auch als Lügner und Spinner diskreditiert wurde, nicht beachtend, dass Karte und Buch bereits vor fast 500 Jahren entstanden sind. Unter anderem findet man hier eine frühe Darstellung des mit Eis bedeckten Polarmeeres nebst zweier Eisbären, diese zwar nicht nordwestlich, sondern südöstlich von Island angeordnet. Allerdings wird Island bis heute immer mal wieder von Eisbären besucht; so ganz falsch lag Magnus also doch nicht.

Olaus Magnus - Carta Marina
Ausschnitt aus der Carta Marina von Olaus Magnus, 1539

Die ersten bildlichen Darstellungen der Arktis und seiner Bewohner stammten also nicht von Künstlern im heutigen Verständnis, sondern von Geografen, Seeleuten oder von Holzschneidern und Kupferstechern, die ihre Illustrationen der Erlebnisse der Reisenden nach dem Hörensagen geschaffen hatten.
Der Brite Martin Frobisher versuchte auf drei Arktisreisen zwischen 1560 und 1578, eine nordwestliche Durchfahrt zu den Schätzen Chinas und Indiens zu finden. In der Beschreibung seiner dritten Reise finden sich unter anderen Bildern auch eine frühe Darstellung von Inuit von Baffin Island, vermutlich nach einer Zeichnung von John White, dem ersten Künstler überhaupt, der Indianer und Inuit zeichnete.

Frobisher - Eskimo von Baffin Island
Inuit von Baffin Island, nach Frobishers Reise von 1578

In den folgenden Jahrzehnten gelangten mit den Schiffen von Walfängern und Forschungsreisenden immer auch einige Inuit, auch aus Labrador, mehr oder weniger freiwillig nach Europa. Als unbekannte Wesen aus dem Norden und als Kuriosa wurden sie in Herrscherhäusern, aber auch auf Jahrmärkten präsentiert. Manche von ihnen wurden zu temporären Berühmtheiten, gewöhnten sich schnell an die üblichen Regeln und Sitten, lernten Sprachen und kleideten sich gemäß der angesagten Mode. Adlige und Wissenschaftler bestellten bei bekannten Künstlern Portraits von ihnen, die noch heute in den Museen und Sammlungen zu sehen sind.

Mikak
Mikak – aus Labrador – mit ihrem Sohn – Gemälde von John Russell, 1769

Schadow - Eskimopaar
„Eskimopaar“ aus Labrador – Zeichnung von Johann Gottfried Schadow, 1821

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Suche nach einer Nordwestpassage nach China verstärkt. Die nur bedingt erfolgreichen Expeditionen von John Ross, William Edward Parry und John Franklin zwischen 1818 und 1827 und das erfahrene Leid der Teilnehmer regten die Fantasien der Künstler an. Die Expeditionsberichte wurde in für jene Zeit großen Auflagen verbreitet. Der deutsche Maler Caspar David Friedrich muss wohl solche Berichte gekannt haben. 1824 vollendete er sein Gemälde Das Eismeer, das heute in der Kunsthalle Hamburg zu sehen ist und ein im Packeis zerstörtes und untergehendes Segelschiff zeigt. Im Gegensatz zu anderen seiner Bilder fand das „Eismeer“ nicht das Interesse seiner Landsleute. Das Thema entsprach wohl nicht der Erwartungshaltung des Publikums. Friedrich äußerte sich zu seinem Schaffen: „Der Mahler soll nicht bloß mahlen was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich so unterlasse er auch zu mahlen was er vor sich sieht.“ In die Arktis musste Friedrich für sein Bild nicht reisen, denn Studien von Eis und den winterlichen Lichtstimmungen konnte man auch an Elbe und Ostsee machen.

Friedrich - Eismeer
Das Eismeer – Gemälde von Caspar David Friedrich, 1824

Anders als bei Friedrichs Zeitgenossen erregen arktische Szenen heute, wohl auch infolge des Klimawandels, das Interesse der Öffentlichkeit: In Oslo treibt seit 2010 eine 12 Meter hohe Skulptur von Monica Bonvicini in der Bucht gegenüber der neuen Oper, die ein direktes Zitat des Bildes von Caspar David Friedrich ist.

Bonvicini - sie liegt
„Sie liegt“ – Skulptur von Monica Bonvicini, 2010

Im Jahre 1845 begab sich Sir John Franklin mit den Schiffen HMS Erebus und HMS Terror auf die vermeintlich abschließende Expedition zur Entdeckung einer befahrbaren nordwestlichen Durchfahrt nach China. Beide Schiffe verschwanden jedoch im arktischen Archipel und Sir John Franklin und 129 Mann Besatzung wurden nie wieder lebendig gesehen. Die britische Admiralität vertraute zunächst auf die Erfahrungen des erprobten Arktisreisenden Franklin und machte sich zunächst keine Sorgen um den Verbleib der Expedition. Als man aber auch drei Jahre später noch nichts wieder von der Expedition gehört hatte, wurde man nervös und sandte die ersten Schiffe zur Suche nach Franklin aus: HMS Enterprise und HMS Investigator unter Sir James Clark Ross. Die Suche war ein Fehlschlag, man überwinterte in Port Leopold, einer geschützten Bucht von Somerset Island und kehrte erfolglos nach England zurück. Noch heute kündet ein rostiger zurückgelassener Boiler und ein kleiner Felsen mit der Inschrift „E. I. 1849“ von dieser Überwinterung.

Haycock - Boiler
Ross’s Old Boiler at Whalers Point, Port Leopold, Somerset Island – Gemälde von Maurice Haycock, 1972, 11″ x 14″, Öl auf Holz
Copyright K. Haycock/K. Pittman, www.haycock.ca


Carved rock - Port Leopold
Carved Rock, Port Leopold – Copyright Jarlath Cunnane

Maurice Haycock studierte Geologie und verbrachte nach dem Studium mehrere Monate in der Arktis. Dort traf er den Maler A. Y. Jackson, Mitglied der Group of Seven*, einer Vereinigung bedeutender kanadischer Maler des frühen 20. Jahrhunderts, den er in den nächsten Jahrzehnten auf dessen Reisen zum Malen begleitete. Von Jackson gibt es neben seinen Gemälden der arktischen Landschaften unter vielen anderen Skizzen auch eine Zeichnung des Felsens zur Erinnerung an den Aufenthalt von James Ross’s Schiffen in Port Leopold im Winter 1848/1849.
Haycock ist heute wohl der einzige kanadische Künstler, der alle bedeutenden und bekannten Orte in der kanadischen Arktis bereist und dort auch gemalt hat. 1968 errichtete er im Alexandra Fjord auf Ellesmere Island ein Steinmal mit einer Plakette zur Erinnerung an A. Y. Jackson, der 1927 hier in der Nähe auf der gegenüberliegenden Bache Halbinsel, nur wenige hundert Kilometer vom Nordpol entfernt, gemalt hatte.

YW Jackson monument
Steinmal zum Gedenken an A.Y.Jackson, Alexandra Fjord, Ellesmere Island

* Mehr über die Künstlergruppe Group of Seven kann man auch in dem gerade im Mana-Verlag erschienenen „Kanada-Lesebuch“ nachlesen.

Fortsetzung folgt.

posted by Wolfgang Opel

Nördlich des 49. Breitengrades

In Europa ist das eher die südliche Mitte; in der Sicht der Bewohner des amerikanischen Kontinents spricht man aber schon vom Norden: es geht um Kanada, ein Land, das uns seit 1996 viel beschäftigt hat und uns sehr am Herzen liegt. Das Ergebnis unserer Arbeit in den letzten beiden Jahren liegt nun in Buchform vor. Unser „Das Kanada-Lesebuch“, erschienen beim Mana-Verlag Berlin, informiert über „fast alles, was man über Kanada wissen sollte“.


Kanada-Lesebuch
Das Kanada-Lesebuch: Alles, was Sie über Kanada wissen müssen – MANA-Verlag


In den Kapiteln zu Geschichte, Politik und Gesellschaft geht es zunächst um die Spuren der ersten Bewohner des Landes, um die Paläo- und archaischen Kulturen und um die Vielfalt der Kulturen der indigenen Völker in den verschiedenen Regionen vor dem Kontakt mit den Europäern.

Die ersten Bewohner - Beringia Center
Ein Diorama im Yukon Beringia Center veranschaulicht erste Bewohner

Anschließend berichten wir von den Reisen der Wikinger über den Atlantik, den neuzeitlichen Entdeckungsreisen und der folgenden Besiedlung und Kolonisierung des Landes unter französischer bzw. britischer Herrschaft. In diesem Abschnitt ist auch ein Exkurs über die Suche nach der Nordwestpassage enthalten.

Mikmaq-Taenzerin
Kultur der First Nations: Mi‘kmaq-Tänzerin

Wir schreiben über die Gründung und Entwicklung des kanadischen Staates, die weitere Erschließung des großen Landes mit ihren Folgen für die Ureinwohner und den Weg Kanadas zu Unabhängigkeit und Demokratie, einschließlich wichtiger geschichtlicher Ereignissen im 20. Jahrhundert.

Residential School
Ruine der St. Michaels Residential School in Alert Bay

Neben Wissenswertem über Regierung und Verwaltung, Aspekte der Außenpolitik, Bildung, Wissenschaft und Forschung versuchen wir, das Gesicht des modernen Kanadas zu zeichnen – das Gesicht eines multikulturellen Landes – und einen Einblick in das heutige Leben der indigenen Völker zu geben.

Inukshuk
Inukshuk in Ivujivik, Nunavik, Provinz Quebec

Im Kapitel zur Wirtschaft behandeln wir sowohl die frühen wirtschaftlichen Beziehungen der indigenen Völker wie auch die Wirtschaft im heutigen Kanada sowie derzeitige Probleme und Herausforderungen.

Neue Hafenanlage in BC
Neue Hafenanlage an der Küste British Columbias

„Kanadische Lebensart“ ist ein Kapitel, in dem u.a. kanadisches Familienleben, Essen und Trinken, Straßenverkehr und Sport, Urteile und Vorurteile aus spezifisch „deutscher Sicht“ betrachtet werden.

Ian Tamblyn
Der Singer-Songwriter Ian Tamblyn

Sehr wichtig ist uns die Darstellung der gesamten Breite und Vielfalt der kanadischen Kultur. Wir liefern einen Einblick in die kanadische Musik, würdigen den Beitrag der kanadischen Schriftsteller zur Weltliteratur und werfen einen Blick auf die bildende Kunst und Künstler Kanadas – sowohl die frühe Kunst der indigenen Völker, als auch die wichtigsten Künstler im 19. und 20. Jahrhundert – und auf kanadische Architektur. Perlen der Filmkunst und die kanadische Medienlandschaft finden ihren Platz, Marshal McLuhan wird nicht vergessen. Und auch die Darstellende Kunst, einschließlich traditioneller Ausdrucksformen der indigenen Völker, wird behandelt.

Bill Reid - Der Rabe und der erste Mensch
Bill Reids Skulptur „Der Rabe und der erste Mensch“ im UBC Museum of Anthropology in Vancouver

Ein Kapitel über Natur und Umwelt enthält Geografisches, behandelt Aktivitäten in der Natur bis hin zur Wal- und Vogelbeobachtung und geht auf Umweltaspekte ein, von der umstrittenen Robbenjagd bis zu aktuellen Folgen des Klimawandels.

Eisbaer
Eisbär in der kanadischen Arktis

Wir stellen auch den in Deutschland so gut wie unbekannten David Suzuki, Träger des sogenannten „alternativen Nobelpreises“ vor. Daran schließt sich ein „kleiner Naturführer“ an.

Bison auf dem Alaska Highway
Bisons auf dem Alaska Highway

Und natürlich sind auch wichtige und eindrucksvolle Städte und Landschaften Kanadas im Blickpunkt; in einer virtuellen 2-Stunden-Reise durch Kanada gibt es einen Überblick über Orte, die uns wichtig sind.

Saglek Fjord
Wildes, unbekanntes Labrador: Der Saglek Fjord

„Das Kanada-Lesebuch: Alles, was Sie über Kanada wissen müssen“ ist im lokalen Buchhandel erhältlich, oder direkt beim MANA-Verlag.

posted by Mechtild Opel




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