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Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

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Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel

Islands berühmte „Globetrotterin“

Guðríður Þorbjarnardóttir – Reisen vor tausend Jahren

Seit unserer ersten Island-Reise 1993 folgen wir den Geschichten um Guðríður (Gudridur), der vor 1000 Jahren am weitesten gereisten Frau Islands. In Laugarbrekka – zu Füßen des Snæfellsnes-Gletschers – wurde sie um das Jahr 980 auf einer Farm mit Blick auf den Atlantik geboren. Weit im Westen der heute verschwundenen Farm liegt Grönland, das eines Tages Ziel von Gudridurs Vater und seiner Tochter wurde, als sie dem Ruf Erik des Roten zur Besiedlung des „grünen“ Landes folgten.

Diese Tafel erinnert an den Hof Laugarbrekka
Diese Tafel erinnert an den Hof Laugarbrekka

Was man heute über Gudridur weiß, ist in den Sagas der Isländer niedergeschrieben, die allerdings erst lange nach den eigentlichen Geschehnissen notiert wurden. Demnach heiratete sie nach ihrer Ankunft in Grönland; doch ihr Mann starb bald. Später heiratete sie Þorsteinn, einen Sohn Erik des Roten. Dessen anderer Sohn, Leif Eriksson, gilt als europäischer „Entdecker“ Nordamerikas. Er reiste per Schiff über den Atlantik und siedelte auf dem fernen Land im Westen.

rekonstruierte Rudimente des Bauerngehöfs Laugarbrekka
Blick von Laugarbrekka in Richtung Grönland

Drei Jahre nach unserer ersten Islandreise besuchten wir L’Anse aux Meadows im Norden Neufundlands. Hier hatte das Ehepaar Anne Stine und Helge Ingstad in den 1960er eine Siedlung der Wikinger gefunden, ausgegraben und anhand von Artefakten eindeutig identifiziert. Somit war ein wichtiger Teil der Sagas, die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger, bestätigt worden.

Der Wunderstrand im heutigen Mealy Mountains Nationalpark, Labrador
Der „Wunderstrand“ aus den isländischen Sagas liegt im neuen Mealy Mountains Nationalpark Kanadas in Labrador

Fundstaette in L_Anse aux Meadows
Rekonstruierte Grassodenhütte auf der Fundstätte in L‘Anse aux Meadows

Nach der Rückkehr von einem vermutlich erfolglosen Versuch, das neue Land zu erreichen, verstarb Gudridurs Ehemann Thorsteinn. Sie heiratete den Händler Þorfinn Karlsefni und begab sich mit ihm und einer größeren Mannschaft nach dem von ihrem Ex-Schwager Leif so benannten Vinland.

Wikingerboot Islendingur erreicht L'Anse aux Meadows
Die Íslendingur, der Nachbau eines Wikingerschiffs, erreichte L‘Anse aux Meadows im Jahr 2000

Ob das Vinland der Sagas mit dem heutigen L’Anse aux Meadows oder anderen Orten in Neufundland, Nova Scotia oder sogar Neu-England übereinstimmt, konnte bisher nicht geklärt werden.

Auch diese Deichlandschaft bei Yarmouth halten manche Forscher für Vinland
Auch diese Deichlandschaft bei Yarmouth (Nova Scotia, Kanada) wird von manchen Forschern für Vinland gehalten

Übereinstimmung besteht bei den Historikern jedoch darin, dass Guðríður während ihres mehrjährigen Aufenthalts in Nordamerika einen Sohn, Snorri, geboren hatte. Snorri gilt damit als das erste auf dem amerikanischen Kontinent geborene Kind europäischer Abstammung.

Bronzestatue in Laugarbrekka
In Laugarbrekka: Guðríður auf einem stilisierten Wikingerschiff

Nach einigen Jahren kehrten die Reisenden aus nicht genau überlieferten Gründen nach Europa zurück und siedelten sich in Glaumbær im Norden Islands an. An die ungewöhnlichen Reisen Guðríðurs, von Island über Grönland nach Amerika und zurück, erinnert auch hier eine Skulptur des isländischen Bildhauers Ásmundur Sveinsson, die Gudrídur mit dem kleinen Snorri auf der Schulter zeigt.

Statue in Glaumbaer
Guðríður mit Snorri – hier auf dem Kirchhof in Glaumbaer

In Laugarbrekka hatten wir erstmals einen Abguss davon gesehen. Einem weiteren begegneten wir am Gehöft Glaumbær, das rekonstruiert wurde und heute ein Museum ist. Wir staunten nicht schlecht, als wir in Ottawa im Foyer der National Archives of Canadaeinen dritten Abguss der Statue entdeckten. Hier wird die vor über 1000 Jahren stattgefundene Entdeckung Amerikas durch die Wikinger gewürdigt.

Diese Karte zeigt die Reisen Gudridurs
Diese Karte zeigt die unglaublichen Reisen Guðríðurs

Gudridurs Reiselust war offensichtlich noch nicht gestillt. Nach dem Tode ihres Mannes Thorfinn Karlsefni und der Hochzeit ihres Sohnes Snorri unternahm sie noch eine weitere lange Reise: als Pilgerin nach Rom. Unglaublich und schwer vorzustellen, wie vor 1000 Jahren eine Frau diese Entfernungen überwunden hat. Ob sie dort auch vom Papst empfangen wurde, ist nicht bekannt. Anders dagegen der ehemalige isländische Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson, der 2011 vom damaligen Papst Benedikt zur Audienz gebeten wurde, und bei der Gelegenheit einen weiteren Abguss der Skulptur von Ásmundur Sveinsson mit Gudridur und Snorri übergeben hatte.

Auf dem Friedhof von Glaumbaer ruhen wahrscheinlich Thorfinn, Gudridur und Snorri
Auf dem Friedhof von Glaumbaer sollen Thorfinn, Guðríður und Snorri ruhen

Gudridur kehrte nach dem Rom-Besuch nach Island zurück und lebte als Nonne in einem Kloster. Snorri gründete eine weitverzweigte Familie, zu der auch spätere Bischöfe gehörten. Ob womöglich einer seiner Nachfahren wieder nach Amerika zurückkehrte, wissen wir nicht.

posted by Wolfgang Opel

Eisbären: ihre Zukunft und das Meereis

Dieser April, so fühlten wir, war viel zu kalt für uns hier in Deutschland. Fischer in Neufundland ärgern sich gerade über dichtes Packeis vor der Küste, wohingegen sich Touristikunternehmer über ein reiches Aufkommen an Eisbergen freuen.

Touristen erfreuen sich an einem Eisberg
Touristen erfreuen sich an einem Eisberg

Eis und Kaltluft im Frühling sollten jedoch keine Zweifel an der Tatsache der von Menschen verursachten globalen Erwärmung hervorrufen. Man braucht bloß mal einen Blick in die Arktis werfen. Nicht viele haben die Möglichkeit, dahin zu reisen, aber es reicht, sich aktuelle Fotos ansehen und die einschlägigen Zahlen und Daten über die Eisbedeckung und über das Tauen der Permafrostbodens zur Kenntnis nehmen.

Die Abnahme des arktischen Meereises
Abnahme des arktischen Meeeises – Sommer-Minima und Winter-Maxima
Image Credit: NASA/Goddard Scientific Visualization Studio


Nicht nur die Fläche, auch die Dicke der Meereisbedeckung ist dramatisch zurückgegangen (siehe Fußnote). Die Erwärmung in der Arktis beeinflusst in sehr komplexer Weise Wettererscheinungen, Wind- und Meeresströmungen in anderen Regionen der Erde. Derzeit bewegen sich Eismassen von der Davis Strait (zwischen Grönland und Baffinland) nach Süden und belagern die Küste Neufundlands.

Meereis in der Arktis 2017_April30
Eiskarte vom 30. April 2017 – Image Credit: Canadian Ice Service

Die aktuelle Eiskarte zeigt eine hundertprozentige Eisbedeckung (weiss) nur noch im kanadischen Archipel; vor Neufundland aber gibt es nahe der Küste eine im Durchschnitt noch starke Eisbedeckung (hellgrau). Doch auch Eisbedingungen, die Fischerboote am Ausfahren hindern, sind nicht unbedingt immer gute Jagdgründe für Eisbären – siehe S. 185-194 in unserem Buch.
Bürgermeister, Polizisten und Einwohner der Küstendörfer machen sich Sorgen über eine neue Gefahr: Eisbären streunen um die Dörfer. Ein paar Unbedarftere hingegen zücken ihr Smartphone, hoffen auf ein Selfie mit Eisbär im Hintergrund und überlegen, ob sie das Tier nicht mit etwas Fleisch anlocken können.

Eisbär bei Catalina erschossen
Eisbär bei Catalina erschossen – Nachrichten vom 10. April 2017

Wo Eisbären und Menschen dicht aufeinandertreffen, ist ersterer in der Mehrzahl der Fälle schon so gut wie tot. Aus Sicherheitsgründen, wegen Gefahr für Leib und Leben oder in tatsächlicher Notwehr wird er erschossen. Nur in wenigen Fällen stehen die aufwendigen Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung, den Eisbären mittels Betäubungsspritze ruhig zu stellen und mit einem Helikopter in unbewohnte Regionen auszufliegen.

Kosten eines Eisbaer-Transports
Kosten für einen per Helikopter abtransportierten lebenden Eisbären führen zu erregten Diskussionen – Nachrichten vom 11. April 2017

Manchmal kann man einen Eisbären, der sich außerhalb seines natürlichen Habitats in die Nähe menschlicher Siedlungen begeben hat, mit Schreckschussmunition verjagen. In vielen Fällen aber kommt er bald wieder – aus Hunger oder aus Neugier: es riecht so interessant, wo Menschen wohnen, und man könnte vielleicht etwas zwischen die Zähne bekommen.

Eisbaeren auf dem Land haben Probleme
Wissenschaftler wird wegen der Eisbär-Sichtungen befragt

Die eisfreie Periode vor der Küste Labradors ist mittlerweile 18 Tage länger als noch vor 10 Jahren – daher sieht man die Eisbären, die nicht mehr auf dem Packeis nach Robben jagen können, vermehrt auf dem Land, wo sie nach Essbarem suchen. Sie fressen kleinere Tiere, Vogeleier und sogar Pflanzen (Vgl. Buch S. 193) – vielleicht genug zum Überleben, aber nicht ausreichend, um satt zu werden und hunderte Kilometer lange Schwimmstrecken (Vgl. Buch S. 172) zurück zum Eis zu überleben. Auch wenn nun gelegentlich in Neufundland, Labrador und anderswo mehr Eisbären in der Nähe von Siedlungen gesichtet werden als früher, sind dies nur selten starke, gesunde Tiere, die viel Nachwuchs (Vgl. Buch S. 199-205) hervorbringen werden.

Hungriger Eisbär auf Futtersuche
Hungriger Eisbär auf Futtersuche

(Fußnote) Die Fläche des arktischen Eises – im Sommerminimum – hat seit in den letzten 30 Jahren dramatisch abgenommen (1982: 7,5 Mio. km²; 2012: 3,4 Mio. km²; 2016: 4,1 Mio. km²); zudem hat die durchschnittliche Eisdicke stark abgenommen, so dass es auch im Wintermaximum viel weniger dickes, mehrjähriges Eis gibt als früher. Diese Verluste traten viel rascher ein als bisher prognostiziert; bleibt der gegenwärtige Trend erhalten, könnte es sein, dass wir bereits 2040 einen eisfreien Sommer in der Arktis erleben. Was das für das Weltklima und für uns alle bedeuten kann, will ich hier gar nicht diskutieren, sondern vorerst nur daran erinnern, dass die Zukunft der Eisbären mit der des arktisches Meereises verbunden ist.

Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf unser Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis.

posted by Mechtild Opel

Angry Inuk – Alethea Arnaquq-Barils neuer Dokumentarfilm

Als ich diesen bewegenden Film letztes Jahr im September beim Atlantik Film Festival in Halifax sah, dachte ich: der muss unbedingt in Europa gezeigt werden!

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Das Plakat für den Film „Angry Inuk“

Die BERLINALE mit dem NATIVe Programm, das in diesem Jahr auf die arktischen Regionen fokussierte, hat diesen Wunsch verwirklicht.

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NATIVe im Cinestar IMAX, Berlinale 2017

Die Jagd auf Robben ist ein kontroverses Thema, das seit Jahrzehnten in öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Bilder von den niedlichen weißen Kegelrobben-Babys, die ganz traurig gucken, und darüber, wie die arglosen Tierchen auf den Eisschollen des St.- Lorenz-Golfs erschlagen wurden, haben viele Europäer schon ziemlich oft gesehen, und diese Bilder tauchen immer wieder auf. Dafür sorgen die bekannten Tierschutzorganisationen, in deren Kampagnen und Spendenaufrufen gerade die Robbenjagd eine große Rolle spielt (obgleich die Jagd auf diese niedlichen Robben-Babys schon seit Jahrzehnten verboten ist und Robben im Nordatlantik nicht zu den bedrohten Tierarten gehören!).

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Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis

Bilder von deutschen Schlachthöfen, davon, wie man dort mit den Schweinen, Kälbchen und Rindern umgeht, sind hingegen so gut wie gar nicht präsent im öffentlichen Bewusstsein. Dabei wird dort – pro Tag! – ein Vielfaches der Tiere, die in der Arktis im ganzen Jahr erlegt werden, getötet – abgeschlachtet! Und das passiert bei uns quasi vor der Haustür, nicht in einer fernen Region. Und – aber? – auch viel näher am eigenen Magen.


Alethea Arnaquq-Baril
Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film

In dem berührenden Film der mutigen kanadischen Alethea Arnaquq-Baril, einer jungen Inuit-Mutter, sieht man unter anderem ihr engagiertes Bemühen – das leider vergeblich bleibt – mit Vertretern verschiedener Tierschutzorganisationen in Kontakt und in Dialog zu kommen. Deren Aktivitäten haben nämlich bewirkt, dass durch ein EU-Einfuhrverbot der Markt für Robbenfelle und damit eine wichtige Erwerbsquelle für die Inuit zusammengebrochen ist. Übrigens eine nachhaltige – denn der Robbenbestand in der Arktis ist nicht gefährdet.

Fell einer Ringelrobbe
Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgepannt

Im Hohen Norden lebt man völlig anders als bei uns, wie der Film schon in der ersten Szene zeigt. Die Jagd ist dort Bestandteil des alltäglichen Lebens der Inuit. In bewundernswerter Weise verstehen sie seit Jahrhunderten, die wenigen vorhandenen Ressourcen in einer äußerst kargen Umwelt zu nutzen, in der von September bis Mai Winter ist, in der kein Getreide, kein Gemüse wachsen kann. Robbenfleisch ist das Grundnahrungsmittel für diejenigen Inuit, die an der Küste leben – d.h. für fast alle.

Lebensmittelkosten in der Arktis
Preise für Lebensmittel im Supermarkt in der kanadischen Arktis – Beispiele 2,5 kg Mehl 15$, 1,4 kg Reis 24$, ein Kopf Blumenkohl 12$, 6 Äpfel für 10$, 1,3 kg Fleisch für 73$

Heute leben Inuit in Siedlungen, müssen Miete, Steuern und ihre Rechnungen bezahlen, benötigen also Einkommen. Noch immer ist die Mehrheit der Inuit in der kanadischen Arktis auf die Jagd angewiesen. Wer einmal dort im örtlichen Supermarkt die Produkte und die Preise gesehen hat, weiß, dass Jagd nicht nur Bestandteil der Kultur, nicht nur normale Erwerbsarbeit ist, sondern für die Mehrheit der Arktisbewohner einfach auch überlebensnotwendig. Um den Hunger zu stillen! Wild findet man nur in größerer Entfernung von den Siedlungen, das Benzin für das Schneemobil, das Boot muss bezahlt werden. Der Verkauf der Robbenfelle und -Produkte trägt in unverzichtbarer Weise zum Lebensunterhalt bei.

Fellstiefel
Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefel

Gäbe es Alternativen, um den Lebensunterhalt zu verdienen? Im Hohen Norden Kanadas liegen Rohstoffe, wie Uran und Erdöl. Ihre massive Förderung bedeutet die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis. Der Film macht deutlich, dass die Inuit-Aktivisten ihre Umwelt für sich, ihre Kinder und ihre Enkel bewahren, die arktische Tierwelt und die grandiose Landschaft schützen wollen. Sie fühlen, dass sie mit Greenpeace und den Tierschutzorganisationen auf einer Seite sitzen sollten anstatt Zielscheibe ihrer Kampagnen zu sein – oder von ihnen ignoriert zu werden. Die eigentlichen Gegner? Diejenigen, die die Inuit zur Zustimmung bewegen wollen, für kurzzeitigen „Wohlstand“ die Rohstoff-Ressourcen auszubeuten, ihre nachhaltige Lebensweise aufzugeben und irreversible Eingriffe in die Natur zu gestatten.

Aaju Peter
Mit im Film: Aaju Peter, Designerin für Fellkleidung und Aktivistin für Inuit-Rechte

Die Inuit, ihrer kulturellen Tradition gemäß, zeigen sich normalerweise nicht „angry“ – im Sinne von lautem, lärmenden Protest. Sie bevorzugen es, höflich, bescheiden und mit nachvollziehbarer Argumentation auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Ob so ihre Stimme gehört wird? Dass Angry Inuk kürzlich beim Santa Barbara Film Festival mit dem „Social Justice Award“ geehrt wurde, gibt Hoffnung; man wünscht sich, dass der Film nicht nur vor Tierschutzorganisationen, sondern auch vor dem Europäischen Parlament gezeigt wird – und dass das dort beschlossene Einfuhrverbot für Robbenprodukte aufgehoben wird.

posted by Mechtild Opel

Tanya Tagaq – aus der Arktis nach Berlin

Mit einem grandiosen Konzert eröffnete Tanya Tagaq, eine Inuk aus Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay) in der kanadischen Arktis, das CTM-Festival in Berlin, das in diesem Jahr unter dem Motto „Fear – Anger – Love“ steht.

Tanya Tagaq beim CTM-Eröffnungskonzert
Die wunderbare Tanya Tagaq

Cambridge Bay
Cambridge Bay, Inuit-Gemeinde auf Victoria Island

Gemeinsam mit ihren musikalischen Partnern, dem Geiger Jesse Zubot und dem Schlagzeuger Jean Martin, begeisterte die Vokalistin das Publikum mit einer eindringlichen und bewegenden Performance.

Jean Martin und Tanya Tagaq
Jean Martin mit Tanya Tagaq

Jesse Zubot
Jesse Zubot an der Violine

Tanya Tagaqs Musik hat seine Wurzeln im Throat Singing der Inuit und ist heute im weiten Umfeld der Improvisierten Musik angesiedelt.

Fear - Anger - Love

Tanya Tagaq

Ihre Performance ist nur schwer mit Worten zu beschreiben, man muss sie einfach erleben.
Mit einer unglaublich variablen Stimme und viel Körpereinsatz entführt sie in die den meisten verschlossene Welt der Inuit, der arktischen Landschaft und der Tierwelt.

Tanya Tagaq im Konzert

Tanya Tagaq im Konzert

Die selbstbewusste, welterfahrene Tanya Tagaq studierte zunächst Kunst in Halifax; nun ist sie seit über 10 Jahren auf den Bühnen der Welt zu Hause. Gerade erschienen ist ihre vierte CD Retribution.

Tanya Tagaq im Konzert

Sie trat nicht nur dem mit Kronos Quartett und mit Björk auf, sondern auch mit der hierzulande zu Unrecht noch unbekannten kanadischen First Nations Elektronik-Band „A Tribe Called Red“, die Hip-Hop, Reggae, Electro House und traditionelle Rhythmen und Gesänge der Ureinwohner zusammenführt.

Recht auf traditionelle Jagd
Die Inuit kämpfen für ihre Kultur, zu der auch die Jagd gehört; für manche der einzige Weg, ihre Familie zu ernähren

Bei ihrer Biografie verwundert es nicht, dass sich Tanya Tagaq für die Rechte der Arktisbewohner einsetzt und darüber hinaus Feministin, Umwelt- und Bürgerrechtsaktivistin ist.

Tanya Tagaq

In Kürze wird man sie auf der Berlinale im Kurzfilm Tungijuq erleben können.

posted by Wolfgang Opel




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