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Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten an Hall
Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Erebus und Terror verlassen England
Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Sir John Franklin-Portraet_rechts_von Kristina Gehrmann
Porträt von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart_ Obduktion
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

Nordwestpassage - Faktisches
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

posted by Mechtild Opel

Sherlock Holmes – und Eisbären?

Hatte Sherlock Holmes etwas mit Eisbären zu schaffen? – Ich kenne das Werk des berühmten Arthur Conan Doyle leider nicht genau genug, um zu wissen, ob in irgendeiner seiner Detektiv-Geschichten ein Eisbär eine gewichtige Rolle spielt. Kann jemand helfen?

im Arbeitszimmer - Eisbaerschaedel
Im Arbeitszimmer von Arthur Conan Doyle, Foto in „The Idler“, 1894

Sicher ist eins: der Schädel eines dieser großartigen Arktisbewohner schmückte das Arbeitszimmer Arthur Conan Doyles. Der Autor der berühmten Kriminalgeschichten um Sherlock Holmes und Dr. Watson konnte als junger Mann sehr, sehr gründlich Arktis-Luft schnuppern, weil dem damaligen Medizinstudenten eine Position für sechs Monate als Schiffsarzt auf dem Walfänger Hope angeboten wurde.

Walfangschiff Hope
Walfangschiff Hope, Foto: Project Gutenberg of Australia

Das Schiff mit dem jungen Doyle an Bord läuft Ende Februar 1880 in Richtung Grönland aus. Der damals Zwanzigjährige erhält von seinen Kameraden bald den Spitznamen „großer Eistaucher“. Denn bei der einträglichen, aber lebensgefährlichen Jagd auf Robben, die er als „blutiges Handwerk“ bezeichnet, fällt er wiederholt ins Eismeer. Glücklicherweise kann der kräftige junge Mann sich stets retten – oder gerettet werden – und anschließend wohlbehalten in trockene Kleidung schlüpfen.

Quarterdeck of Hope
Auf dem Quarterdeck der Hope, Dritter von links: Arthur Conan Doyle, Foto: Project Gutenberg of Australia

Der junge Medizinstudent ist anfangs noch total unerfahren und muss in kurzer Zeit sehr viel dazulernen, nicht nur aus Büchern, sondern vor allem von seinen Schiffskameraden. Natürlich übernimmt er damit unbewusst zunächst auch deren teilweise überheblichen Meinungen und Haltungen gegenüber der arktischen Tierwelt – auch gegenüber Eisbären. So schreibt er am 26. März: … Eclipse [ein anderes Walfänger-Schiff] erwischte heute einen Bären, und wir sahen die Spuren eines anderen im Schnee neben dem Schiff. Sie sind feige Geschöpfe, wenn sie nicht gerade in die Ecke gedrängt werden.

Eisbären auf einer Eisscholle
Eisbären auf einer Eisscholle

Normalerweise sind im Frühjahr, wenn die Robben Nachwuchs bekommen, viele Eisbären auf dem Eis unterwegs. Die Hauptnahrungsquelle der Eisbären sind Robben – mehr dazu auf S. 185 in unserem Buch; und auch die Kadaver toter Wale sind ein ergiebiges Nahrungsreservoir – vgl. S. 191 hier. Somit stehen die Eisbären in direkter Konkurrenz zu den Männern an Bord der Hope.

Sattelrobbe auf einer gestrandeten Eisscholle
Sattelrobbe auf einer gestrandeten Eisscholle

Das weiß auch Arthur Conan Doyle, und daher verwundert er sich am 23. April zu Recht: Es ist außergewöhnlich, dass wir bislang keinem Bären begegnet sind. Erstmals erblickt er am 26. Mai einen Eisbären ganz in der Nähe des Schiffes. Dieser konnte den Jagdversuchen der Männer jedoch entkommen. Erst im Juni tauchen Eisbären auf der Liste der Jagdbeute der Hope auf: 12. Juni … 1 Bär; … 18. Juni: 1 Bär & 2 Junge; … Insgesamt werden 1880 von der Besatzung der Hope fünf Eisbären erlegt. Arthur Conan Doyle erwähnt im Tagebucheintrag vom 1. Juli, dass er nun einen Eisbärenschädel besitze.

Jagdbeute der Walfaenger
Trauriger Anblick: Jagdbeute an Bord der Hope – Foto: Project Gutenberg of Australia

Arthur Conan Doyles Meinung über Eisbären hat sich im Laufe der Zeit etwas konkretisiert.
1897, in einem Magazin-Artikel über seine Reise auf dem Walfang-Schiff, schreibt er: … überall gibt es Bären. Die Eisschollen in der Umgebung des Robbenjagdgebiets sind überzogen von ihren Spuren – arme harmlose Geschöpfe mit dem schlurfenden und schaukelnden Gang eines Hochseematrosen… Das klingt nicht besonders respektvoll; offenbar hatten die mit Gewehren bewaffneten Männer der Hope 1880 keine Situation erlebt, in der ein Eisbär ihnen gefährlich wurde. Eisbär-Mütter mit Jungen verhalten sich in der Regel defensiv und vermeiden Situationen, die ihre Jungen in Gefahr bringt – siehe S. 212 hier. Und auch erfahrene männliche Eisbären verhalten sich überwiegend vernünftig und gehen Konfrontationen aus dem Wege; es sind hauptsächlich die jungen, unerfahrenen und zumeist hungrigen Eisbären, die Menschen angreifen – mehr S. 220 hier.

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<font size=Hungriger Eisbär

Conan Doyle muss aber auch Eisbären bei der Robbenjagd beobachtet haben, und hier kann er ihnen seinen Respekt nicht versagen:
… sie haben eine sehr gewitzte Methode, sie zu fangen, denn sie suchen sich stets ein großes Eisfeld mit nur einem Blasloch für Robben in der Mitte. Dorthin hockt sich der Bär und krümmt seine mächtigen Vordertatzen um die Öffnung. Dann, wenn die Robbe ihren Kopf aus dem Wasser streckt, schnappen große Tatzen zu, und Meister Petz bekommt sein Mittagessen.

Das Buch aus dem mareverlag
Das Buch aus dem mareverlag

Über Arthur Conan Doyles Erlebnisse auf der Hope konnte man im Januar 1897 in The Strand Magazine den Artikel „Life on a Greenland Whaler“ lesen. Der mareverlag hat 2015 das Tagebuch seiner arktischen Reise in deutscher Sprache herausgegeben: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ in der Übersetzung von Alexander Pechmann, in einer sehr schönen illustrierten Ausgabe, mit Faksimiles der Handschrift einschließlich bezaubernder Zeichnungen.

posted by Mechtild Opel

Wir haben unser Kanada zurück!!???

Kanada hat gewählt und ist in Aufbruchstimmung, denn fast 10 Jahre „Harper-Regime“ sind nun zu Ende.
„You wont recognize Canada when I‘m through with it“ – „Ihr werdet Kanada nicht wiedererkennen, wenn ich damit fertig bin“, hatte Harper bei Machtübernahme 2006 angekündigt – und leider ziemlich wahr gemacht, mit einer hier nie dagewesenen Unterminierung demokratischer Institutionen und Verfahren und einem Kult um seine Person, weswegen manche ihn sogar mit Stalin verglichen. Begleitet wurde das von extremer Sparpolitik bei gleichzeitiger Subventionierung der Ölindustrie, Einschränkung von Umweltstandards, Beschneidung von Wissenschaft und Kultur u.a.m.

Kanadische Flagge
Kanadische Flagge

Von Kanadas Bevölkerung hat Harper am Wahltag, dem 19. Oktober 2015, eine eindeutige Antwort erhalten. Ab 4.11. heißt der neue Ministerpräsident Justin Trudeau. Für viele verkörpert er die Hoffnung auf das Zurückgewinnen der kanadischen Werte, wie sie sich besonders seit Ende der 1960er Jahre unter dem Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, seinem Vater, etabliert hatten.

Kanada-Lesebuch_Titel
Titelbild Kanada-Lesebuch

Auch das Kanada-Lesebuch, das seit dem Frühsommer vergriffen war, ist seit Mitte Oktober in der zweiten Auflage zurück in den Buchhandlungen. Wahlen, Parlament und die Besonderheiten des politischen Systems in Kanada werden im Kapitel 3 des Buches behandelt.

T-Shirt Canadian Fast Food
T-Shirt „Canadian Fast Food“

In diesem Kapitel stellen wir auch das „Gesicht des modernen Kanada“ seit Trudeaus (des Älteren!) Führung vor: die Bestandsaufnahme einer multikulturellen Gesellschaft – Ureinwohner heute, alte und neue Einwanderer aus der ganzen Welt – mit ihren Erblasten und Konflikten, etwa die traurigen Folgen der „Residential Schools“ oder die Separatistenbewegung in Québec – aber auch mit ihren tatsächlichen Errungenschaften und phantastischen Möglichkeiten.

Kunst aus Haida Gwaii
Kunst aus Haida Gwaii

Geschichte
Das erste Kapitel des Buches ist der Geschichte und den Kulturen der ersten Bewohner des großen Landes im Norden Amerikas – den First Peoples – „Indianern“ und Inuit – gewidmet.

Traditionelle Inuit-Kleidung
Junge Inuit-Frau in traditioneller Kleidung

Die Ankunft, Ansiedlung und Ausbreitung der Einwanderer aus Europa behandeln wir im zweiten Kapitel. Dazu gehören auch die Suche nach der Nordwestpassage, der Untergang des Bundes der Huronen, die Gründung der kanadischen Föderation und die Entwicklung des modernen Kanadas bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Alter Friedhof in Kingsburg
Alter Friedhof in Kingsburg (Nova Scotia) mit den Gräbern deutscher Siedler

Aspekte der kanadischen Wirtschaft
Welche Folgen hat die Ölsandförderung in Alberta? Ist das Zeitalter der Kahlschläge in Kanada vorüber? Diese und weitere Themen sind Gegenstand im Kapitel 4 des „Kanada-Lesebuchs“.

Im Finanzdistrikt von Toronto
Im Finanzdistrikt von Toronto

Riesige Getreidefelder in Kanadas ehemaliger Prairienlandschaft
Riesige Getreidefelder in Kanadas ehemaliger Prärienlandschaft

Kanadische Lebensart
Über Ahornsirup, Hummer und Fastfood, über Vorstadtsiedlungen und ländliche Weihnachtsdekorationen, über Zusammenstöße von Elch und Auto, über Hockey, kanadische Höflichkeit, Nationalstolz und mehr informiert Kapitel 5.

Entspannte Kanadier
Entspannte Kanadier in Montreal

Kultur
Leonard Cohen, Buffy St. Marie, Neil Young, Joni Mitchell, Oscar Peterson, Glenn Gould – sie alle kommen aus Kanada. Das Land ist Heimat vieler international bekannter Musikern, und auch von Schauspielern wie Donald Sutherland, Jim Carey und Keanu Reeves.

Atlantic Jazz Festival Halifax
Beim Atlantic Jazz Festival in Halifax

Was die Ureinwohner, die ersten Siedler und die neuen Einwanderer in das kulturelle Leben des Landes eingebracht haben, führte zu einer außergewöhnlich reichen Vielfalt – auch in der Literatur, der bildenden Kunst, der Architektur und der Filmkunst.

Artist Studio auf Fogo Island
Artist Studio auf Fogo Island, Architekt: Todd Saunders

Nicht unberührt von Tendenzen der europäischen Kunst und doch sehr eigenständig zeigt sich die Bildende Kunst in Kanada. Auf über 70 Seiten im Kapitel 6 stellen wir Facetten der kanadischen Kultur vor, von Marshall McLuhans Theorien bis hin zu Festen und Feiern in Städten und Dörfern.

Alan Syliboy_Butterfly
Wandbild des Mi‘kmaq-Künstlers Alan Syliboy auf dem Flughafen in Halifax

Natur und Umwelt
Die Schönheit und Wildheit der kanadischen Natur zieht Kanadier wie auch Reisende aus aller Welt in ihren Bann.

Fall Foliage - Indian Summer
Traumhafte Herbstfärbung in Quebec

Nicht nur die Vielfalt der Landschaftsformen, die klimatischen Besonderheiten und die Möglichkeiten, diese Natur zu erleben, sondern auch die Konfrontationen zwischen Menschen und wilden Tieren, die Bedrohungen für die Tier- und Pflanzenwelt, die Folgen der globalen Erwärmung und Umweltpolitik sind Gegenstand im Kapitel 7. Wir stellen den Umweltaktivisten David Suzuki vor und diskutieren auch die heiß umstrittene Robbenjagd. Das anschließende Kapitel 8 bietet auf 45 Seiten einen illustrierten „kleinen Naturführer“.

Buckelwal
Buckelwal

Grizzlybaeren beim Lachsfang
Grizzlybären beim Lachsfang

Vom Atlantik bis zum Pazifik und in den hohen Norden
Kanada liegt an drei Meeren. Unsere virtuelle Reise im letzten Kapitel führt nicht nur von Ost nach West, sondern auch an die Küsten des Polarmeeres.


Polar Bear

Eisbär im Süden von Baffin Island – siehe auch unser Eisbär-Buch

Wir zeigen Besonderheiten und Schönheiten des zweitgrößten Landes der Erde und stellen einige der wichtigsten Reiseziele in Kanada vor.

Dempster Highway
Dempster Highway im September

Wir hoffen, dass Kanada nach den Wahlen von 2015 die Prinzipien „Würde“, „Gleichheit“, „Gerechtigkeit“ (auf dem Human Rights Memorial in Ottawa verewigt) und „Versöhnung“ (auf dem nahegelegenen Friedensmonument) zur Grundlage der Politik und des Zusammenlebens macht, am besten auch noch ergänzt durch „Respekt“ und „Weisheit“.

Human Rights Memorial
Human Rights Memorial in Ottawa

posted by Mechtild Opel

Neues von den Eisbären

In Churchill, der selbsternannten Eisbären-Hauptstadt der Welt, lief in den letzten Wochen der Tourismus auf Hochtouren. Inzwischen ermöglicht sogar Google Street View Einblicke in die kleine Arktisgemeinde an der westlichen Hudson Bay. Nirgendwo anders auf der Welt ist die Beobachtung von Eisbären in ihrer arktischen Umgebung so einfach, so gut organisiert und zudem auch noch vergleichsweise bequem und komfortabel, wenngleich auch kostspielig. Der sogenannte “Tundrabuggy” oder „Polar Rover“ ermöglicht die Begegnung mit den Königen der Arktis auch auf sehr kurzer Distanz.

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Polar Rover in Churchill

Die Touristensaison in Churchill ist nun zu Ende, denn auf dem Wasser der Hudson Bay bildet sich seit Mitte November wieder Eis, inzwischen schon fest genug für die Tatzen der Eisbären. Die hungrigen Tiere sind begierig, aufs Eis zu kommen, um endlich wieder den Ringelrobben und den Bartrobben nachstellen zu können. Sie hatten monatelang nichts Gutes zwischen die Zähne bekommen, seitdem im Juli das Eis verschwunden war.

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Gesunder Eisbär, Coningham Bay

Nun kommt eine gute Zeit für die Eisbären, die, obwohl ausdauernde Schwimmer, im Wasser keine Chance haben, eine schwimmende Robbe zu erwischen. Die Jagd vom Eis aus haben sie dagegen perfektioniert, und fette Robben liefern ihnen im Winter und Frühjahr ausreichend Nahrung, um sich selbst Fettvorräte aufzubauen, mit denen sie die „Fastenzeit“ im Spätsommer und im Herbst überstehen können.

Eisbaeren auf duennem Eis_Annette Conrad
Eisbären – auf dünnem Eis

Die globale Erwärmung, die sich in der Arktis viel stärker auswirkt als in unseren gemäßigten Breiten, hat die Eisbären in Schwierigkeiten gebracht. Die Hudson Bay taut nun früher auf und die Eisdecke bildet sich später. Die Jagdsaison der hiesigen Bären auf dem Eis verkürzt sich dadurch, und sie verbringen viel mehr Zeit auf dem Land, wo sie nicht ausreichend oder gar nicht fressen.
Die Inuit in den Gemeinden an der Bay beklagen daher, dass sie von hungrigen Eisbären geradezu belagert werden – viel mehr als früher. Auf der Suche nach etwas Essbarem besuchen sie Mülldeponien und durchwandern sogar die Siedlungen, besonders nachts.

Eisbaer_Skulptur aus einer Inuit-Gemeinde - Kunst
Inuit-Kunst: Kleine Eisbären-Skulptur

Den Schlussfolgerungen mancher Inuit – es gäbe jetzt viel mehr Eisbären als früher, also müssten die Jagdquoten erhöht werden – folgen die führenden Eisbär-Forscher allerdings nicht, denn sie stützen sich wissenschaftliche Daten anstelle von anekdotischen Beobachtungen.
Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass die Zahl der Eisbären in der westlichen Hudson-Bay-Region rückläufig ist; die Bären sind zudem im Durchschnitt etwas kleiner und dünner als in den Jahrzehnten zuvor, und sie ziehen auch nicht mehr so viele Junge auf.

Reste eines verendeten Eisbären
Reste eines verendeten Eisbären, September 2012

Auch in anderen Regionen gibt es Probleme. Letzte Woche wurde eine Studie veröffentlicht, die 2001 begann und zeigt, dass die Anzahl der Eisbären in der südlichen Beaufortsee innerhalb von 10 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. Unter anderem beobachtete man dabei zwischen 2004 und 2007 80 Eisbärenbabys, von denen ganze zwei Tiere überlebten! Als Ursache des drastischen Rückgangs vermuten die Wissenschaftler, dass sich, anders als früher, das Packeis im Sommer jetzt viele hunderte Kilometer weit von der Küste zurückzieht; die Eisbären müssen entweder mit nach Norden ziehen, wo es viel weniger Robben gibt, oder sie schwimmen ans Land. Die hiesige Populationsgröße – 2004 waren es noch 1600 Eisbären – scheint sich seit 2007 bei etwa 900 zu stabilisieren.

Eisbäer im Berliner Zoo_Brotfuetterung
Zoo Berlin, Schau-Fütterung von Eisbären mit Brot

Werden diese Eisbären um die Mitte des Jahrhunderts ausgestorben sein, wenn es uns nicht gelingt, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren? Dieses Szenario halten Wissenschaftler für durchaus realistisch. Ob eines Tages die Eisbären in den Zoos sogar die letzten Vertreter ihrer Spezies sein könnten?
Die Fragen um die Zukunft des Eisbären und die unterschiedlichen Vorstellungen zu ihrer Beantwortung spielen auch in unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“ eine wichtige Rolle.

Buch_eisbaeren_Wanderer auf duennem Eis

Mit ihren schwarzen Augen im weißen Pelz und den niedlichen Ohren sind Eisbärenbabys ein reizvoller Anblick, nahezu unwiderstehlich. Wer sich noch an „Knut“ im Berliner Zoo und den Rummel um ihn erinnert, den wird auch die fast kultische Verehrung nicht verwundern, die noch immer seltsame Blüten treibt, wie hier an einer Pinnwand im Berliner Naturkundemuseum.

Kult um Knut_Briefe
Kult um Knut

Seit Jahrhunderten sind die Menschen fasziniert von Eisbären, sie verkörpern Kraft, Gefahr, aber auch Schönheit. Für die Inuit, mit denen die Eisbären das Leben in einer Extremregion gemeinsam haben, waren sie seit mehreren tausend Jahren sowohl Jagdwild, das für Ernährung und Bekleidung genutzt wurde, als auch spiritueller Partner. Seefahrer aus Europa und Amerika jagten sie wegen der Pelze, um des Ruhmes willen oder um die Jungtiere an Zoos und Zirkusse zu verkaufen. In welcher Art heutzutage Eisbärenjagd praktiziert wird, kann man ebenfalls hier nachlesen.

historische Darstellung der Eisbaeren-Jagd
Eisbären-Jagd, historische Darstellung

Auf die Frage, was man tun kann, um die Eisbären zu retten, sagte der kanadische Eisbärenforscher Andrew Derocher neulich in einem Interview mit der Winnipeg Free Press, dass man sich zuerst über den Klimawandel informieren solle, und wenn man dieses Problem verstanden habe, solle man Einfluss auf die Politiker nehmen, damit die verstehen, dass man dieses Problem aus der Sicht von Fairness zwischen den Generationen lösen muss.
„Wir haben ein Zeitfenster, in dem wir zur Rettung der Eisbären aktiv sein können, aber worüber wir wirklich reden, ist, die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufrechtzuerhalten und nicht zu versuchen, den im globalen Kontext bereits Benachteiligten zu schaden. Jetzt geht es um Eisbären, aber in 10 oder 20 Jahren geht es um Menschen, die eine massenhafte Migration durchzumachen haben. Und dann müssen wir uns Sorgen um Menschen machen, nicht mehr nur um Eisbären.“

posted by Mechtild Opel

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