Archiv der Kategorie 'Buchregal'

Unterwegs am Rand der Welt: Haida Gwaii

Geneviève Susemihls Buch „Bären, Lachse, Totempfähle“

Wir hatten Haida Gwaii (bis 2010 bekannt unter dem kolonialen Namen Queen Charlotte Islands) vor einigen Jahren selbst besucht – darum waren wir auf dieses Buch besonders gespannt. Nicht nur ihre einmaligen Natur – Stichwort: nördlichster Regenwald der Erde mit den größten Schwarzbären weltweit – sondern auch durch die faszinierende Kultur der Haida – Stichwort: Totempfähle und Potlatch – macht diese seit über 12.000 Jahren bewohnten Inseln so interessant.

Bären, Lachse, Totempfähle
Bären, Lachse, Totempfähle – das neue Buch von Geneviève Susemihl

Die Autorin versteht es, ihre unmittelbaren Reiseeindrücke und -erlebnisse mit profunder Sachkenntnis zu verbinden. Mit ihrer lebendigen Erzählweise nimmt sie den Leser mit auf ihren Weg – vom Abschied von ihrer Familie in Mecklenburg, auf ihren Flug und zunächst zur Zwischenstation in Vancouver. Hier lernt man nicht nur ihre Freunde vor Ort kennen, sondern besucht mit ihr auch Bibliothek und Museen – und lernt damit zeitgenössische Skulpturen kennen und erfährt eine Menge über die traditionelle Gesellschaft der Haida, mit den beiden Abstammungslinien „Eagle“ und Raven“ und sehr komplexe Gesellschaftsstrukturen mit Clans, Chiefs und matrilinearer Erbfolge – und auch, was die berühmten totem poles zu erzählen haben.

Skulptur Frog Constellation von James Hart
Skulptur Frog Constellation von James Hart – Foto: © Geneviève Susemihl

Dass nicht immer alle Pläne aufgehen, weiß jeder, der sich auf Fernreisen abseits der ausgetretenen Pfade begibt. Das Wetter, die Jahreszeit und andere Gegebenheiten vor Ort machen auch der Autorin zu schaffen, als sie Haida Gwaii erreicht. Man kann förmlich mit ihr mitfiebern, ob sie ihre Ziele, wie etwa den Gwaii Hanaas Nationalpark, erreichen wird, und man kann sich mit ihr über ganz außergewöhnliche Begegnungen freuen.

Skedans - Baum umarmt umgestürzten Totempfahl
Im aufgegebenen Dorf Skedans – Baum umarmt umgestürzten Totempfahl –
Foto: © Geneviève Susemihl


Geneviève Susemihl nimmt uns mit auf ihre Spurensuche auf den weitläufigen Inseln, auch an Orte, zu denen keine Straßen führen. Dieses Buch wird den Naturliebhaber erfreuen, denn er findet darin, was üblicherweise bei Reiseberichten viel zu kurz kommt – fast alles über Tier- und Pflanzenwelt der Insel und des umgebenden Meeres, und selbst die geographischen und geologischen Eigenheiten des abgelegensten Archipels Nordamerikas am Rand der Kontinentalplatte werden vorgestellt. Wer beispielsweise schon immer wissen wollte, wie wichtig die Kelpwälder im Ozean sind, bekommt diese Information hier so ganz nebenbei, wenn während einer spannenden Bootsfahrt über die putzigen Seeotter berichtet wird, die einst wegen ihrer Pelze schonungslos gejagt und dabei fast ausgerottet wurden.

Im nördlichen Regenwald
Im nördlichen Regenwald: mächtige Zeder – Foto: © Geneviève Susemihl

Auf ihren Spaziergängen beobachtet die Autorin Raven, den Trickster; auf einer abenteuerlichen Wanderung ganz allein in der Wildnis wird uns Taan, den Herr des Waldes, vorgestellt – Gelegenheiten, uns die Mythologie der Haida wie auch aktuelle Konflikte nahezubringen. Hierzu gehören die umstrittene Trophäenjagd wie auch die skrupellose Abholzung des Regenwaldes mit ihren Folgen für Waldgesundheit und Lachsflüsse, sowie der Kampf der Haida um Schutzgebiete, um nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen des Landes und um ihre Teilhabe und Selbstbestimmung.

Zweisprachiges Strassenschild in Skidegate
Zweisprachiges Strassenschild im Haida-Dorf Skidegate –
Foto: © Geneviève Susemihl


In einer gelungenen Kombination von Geschichtswissen und eigener Anschauung macht das Buch deutlich, wie die Kultur der Haida der Kolonisierung getrotzt, in vielen Teilen überlebt hat und eine Erneuerung erfährt.
Viele Farbfotos, eine Übersichtskarte, praktische Reisehinweise sowie eine Liste mit weiterführender Literatur ergänzen das handliche, 284 Seiten starke Buch. Eine absolute Empfehlung für alle, die sich für die landschaftlich und kulturell so reizvolle Region an der Pazifikküste Kanadas und für die First Nations damals wie heute interessieren.

Kunstgalerie im Haida-Dorf Old Massett
Kunstgalerie und Totempfahl im Haida-Dorf Old Massett –
Foto: © Geneviève Susemihl


Das Buch „Bären, Lachse, Totempfähle“ von Geneviève Susemihl ist 2016 erschienen bei: traveldiary Verlag / 360° medien mettmann

posted by Mechtild Opel

Jack London – Abenteurer, Seemann, Schriftsteller

Zum 100. Todestag des Autors
Dawson City an einem sonnigen Tag im September. Nach einigem Umherirren haben wir es endlich gefunden: das Jack London Museum. Ich schließe gerade den Truck-Camper ab, als „Das gibt es doch nicht, was macht Ihr denn hier?“ ertönt. Im Museumsgarten steht ein ehemaliger Kollege mit Familie, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Welch ein Zufall! Sie waren auf dem Chilkoot Trail den Spuren der Goldsucher gefolgt. Und jetzt führt uns Jack London hier in Dawson City zusammen.

Jack-London-cabin_Dawson_City
Jack Londons Hütte im Yukon

Es fällt nicht schwer, die Geschichten Jack Londons zu mögen. Sie enthalten alles, was gute Bücher ausmachen: Abenteuer, Spannung, sie sind leicht lesbar ohne trivial zu sein – und das auch noch mit einem Abstand von mehr als 100 Jahren. Dass wir heute manche Dinge anders beurteilen als Jack London zu seiner Zeit, ist durch den Lauf der tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts erklärbar.

Portrait Jack London
Porträt Jack London– Foto: Library of Congress

Sein 100. Todestag am 22.11.2016 war Anlass, wieder einmal einige seiner Bücher in die Hand zu nehmen und zu lesen.

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Ein Reclam-Bändchen für 50 Pfennige

Wenn ich mich richtig erinnere, war mein erster Jack London ein dünnes Reclam-Heft, das vor 50 Jahren nur 50 Pfennige kostete – „Der Mexikaner Felipe Rivera – Wer schlug zuerst?“ Fasziniert war ich auch von der Geschichte des Einschlag-Glendons, eines jungen Boxers aus „Der Ruhm des Kämpfers“, der seine Gegner mit einem gewaltigen Schlag matt setzte. Für einen Grundschüler, der selber einige Monate zum Boxtraining gegangen war, eine schwer vorstellbare und irgendwie irritierende Geschichte.

Exlibris Jack London
“Ex Libris Jack London“

Glücklicherweise besaß mein Vater einige Bände der Werkausgabe der Büchergilde Gutenberg in der Übersetzung von Erwin Magnus, die von 1928–1934 erschienen waren.

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Jack Londons Werke – Ausgabe der Büchergilde Gutenberg

Die hellblauen Leinenbände mit den vergoldeten Rücken und ihrem dem Inhalt angepassten Buchschmuck waren durch häufigen Gebrauch schon etwas verschlissen.

Ein Hobo - Transport auf dem Schienenstrang
Ein Hobo – Foto: Library of Congress

„Die Abenteuer des Schienenstranges“ – über Jack Londons Erlebnisse als vagabundierender Hobo – habe ich mit einigem Abstand immer wieder einmal gelesen, wie auch sein Pendant von dem anderen Jack, Kerouacs „On the road“. Das Buch hatte ich Mitte der 1970er in einer Taschenausgabe in Budapest erstanden. Noch heute gönne ich mir gelegentlich einen Hellen Wiener á la Jack London – erfunden während dessen anarchistischen Streifzügen mit der Armee General Kellys durch Amerika:
„Und wir lebten großartig. Wir begnügten uns nicht einmal damit, uns unsern Kaffee mit Wasser zu kochen, sondern bereiteten ihn mit Milch, und das wunderbare Getränk nannten wir hellen Wiener.“

Das Tal des Klondike River
Das Tal des Klondike River

Es sollte aber einige Jahrzehnte dauern, bis ich den Ort erreichte, wo Jack London zum Schriftsteller wurde – am Klondike River im kanadischen Yukon, zu Zeiten des Goldrausches. Seine vielleicht bekanntesten Werke sind „Ruf der Wildnis“, „Wolfsblut“ und mein persönlicher Favorit „Die Liebe zum Leben“.

London_Die Liebe zum Leben
Jack London, „Die Liebe zum Leben“ in einem Insel-Bändchen

In Dawson City, einem Ort, der zu Jack Londons Zeiten gerade erst entstand, erinnert ein kleines Museum an den später weltberühmt gewordenen Autor.

In Jack Londons Cabin
In Jack Londons Cabin

Das interessanteste Objekt ist die halb-original, halb-rekonstruierte Hütte, in der Jack London während seiner Zeit im Yukon gelebt hatte. In der Wildnis wiederentdeckt hatte sie der Journalist Dick North, der sie abbaute und mit Hilfe des berühmten Gwich‘in Joe Henry, dem eigentlichen Wegbahner des Dempster Highways (der aus diesem Grunde besser seinen Namen, „Joe-Henry Highway“, führen sollte), nach Dawson brachte. Nachlesen kann man die spannende Geschichte in North’s Buch „Jack London’s Cabin“.

Jack London am Steuerrad
Jack London am Steuerrad

Ich liebe nicht nur seine Geschichten aus dem Norden, sondern auch die rund um die Seefahrt, wie „Der Seewolf“ quer durch den Pazifik, oder „The Cruise of the Snark“ nach Hawaii und weiter.

Die Londons in Hawaii
Die Londons in Waikiki, Hawaii

Jack London genoss das Leben mit vollen Zügen, er liebte und bereiste die Südsee, jedoch immer unter dem Druck, seinen – trotz der Erfolge als Autor noch zu kostspieligen – Lebensstil durch intensives Schreiben zu finanzieren.

Waikiki Beach, Hawaii
Waikiki Beach heute

Mit gerade einmal 40 Jahren ging sein Leben früh zu Ende. Die genaue Ursache des Todes konnte nie geklärt werden. Es ist erstaunlich, was für ein Werk er in den wenigen Jahren schaffen konnte! Der größte Teil davon entfaltet sein Wirkung bis heute, auch noch 100 Jahre nach seinem Ableben.

Jack-London-Fotos im Museum, Dawson City
Links: das einzige bekannte Foto, das Jack Londons im Yukon zeigt

posted by Wolfgang Opel

Patti Smith, die Stiefel Alfred Wegeners …

… und die Zehen von Fritz Loewe

Die Stimme und die Lieder von Patti Smith kannte ich lange, bevor ich sie zum ersten (und bisher einzigem) Mal am 8.2.2008 in der Berliner Passionskirche live erlebte. Nach meiner Erinnerung gab es dort nur wenige Sitzplätze und so stand ich seitlich aber nahe der Bühne, um staunend und zunehmend begeistert durch ihre Klangwelten zu folgen. Schon ihre Lieder von Platte oder aus dem Radio lassen durch ihre Intensität von „Flüstern und Schreien“ nicht wieder los. Sie selbst als Performerin ihrer Songs, Gedichte und Prosa im Konzert zu erleben, ist jedoch ein unvergessliches und nachhaltiges Erlebnis.

Patti Smith in Finnland
Patti Smith in Finnland 2007 – Foto: Beni Köhler

Am folgenden Tag besuchte ich in der stillen Hoffnung, sie noch einmal aus der Nähe zu erleben, ihre Ausstellung von Fotos und Objekten in einer Galerie in Berlin-Mitte.

Ausstellung Patti Smith in Berlin
Ausstellung Patti Smith, 2008 in der Berliner Galerie ArtMBassy

Patti Smith war natürlich nicht da, dafür sah ich zum ersten Mal Fotos von ihr – Zeugnisse ihres Interesses an scheinbar alltäglichen, aber zumeist bedeutsamen, wenn nicht gar geschichtsträchtigen Objekten.

Patti Smith Ausstellung Koffer
Patti’s Reisegepäck

In meinem Bücherregal steht ebenfalls ein seltsames Objekt von besonderer Bedeutung – für mich. Auch wenn ich mich kaum mehr daran erinnern konnte, hatte ich doch bereits vor einem halben Jahrhundert einen Artikel über Polargebiete von Dr. Fritz Loewe aus Melbourne gelesen: in Urania Universum, Band 6, 1960. Diese populärwissenschaftliche Reihe hat mich die ganze Kindheit und Jugend begleitet, denn Berichte über Raketen, Flugboote, Transistoren, Wüsten und ferne Länder waren damals genau das richtige für mich.

Upernivik-Insel bei Groenland, eine Station von Wegeners Expedition
Upernivik-Insel, Grönland – in der Nähe forschten Wegener und seine Mitarbeiter

Das Leben Fritz Loewes und seine wissenschaftlichen Leistungen blieben mir noch lange unbekannt. Von dem Polarforscher Alfred Wegener und seiner Theorie der Kontinentaldrift erfuhr ich erst 1980 durch die Herausgabe einer Briefmarke anlässlich seines 100. Geburtstages und seines 50. Todestages.

Briefmarke mit Alfred Wegener
Briefmarke zu Ehren von Alfred Wegener

Patti Smith hat neben ihren Platten immer auch Bücher, zumeist Gedichte und Songs, veröffentlicht. Seit einigen Jahren gibt es Prosatexte von ihr und jüngst erschien „M Train“, übersetzt von Brigitte Jakobeit.

Pattis Smith, Buch M-Train
Das Buch von Patti Smith erschien bei Kiepenheuer & Witsch

Dass dieses autobiografische Buch, das Realität, Fantasie und Traumwelt miteinander verwebt, auch von Alfred Wegener und Fritz Loewe, den bedeutenden deutschen Wissenschaftlern, handelt, verraten weder Klappentext noch die meisten deutschen Rezensionen. Offensichtlich sind manche Rezensenten weder in der Geschichte der Polarforschung zuhause, noch kennen sie „Urania Universum“.
Ich für meinen Teil war völlig überrascht, als ich neulich mit dem Buch von Patti Smith vor dem Kamin in einem Jahrhunderte alten toskanischen Haus saß und beim Lesen auf die Namen Wegener und Loewe stieß. Es war verdammt kühl, viel zu kalt für Mai, und trotz des Feuers im offenen Kamin konnte ich den überraschenden Ausflug in die Polarforschung sehr gut nachempfinden.

Bueste von Alfred Wegener im AWI
Büste von Alfred Wegener im AWI

Wäre nicht Patti Smith die Sammlerin von Fotografien seltsamer Objekte, hätte wohl niemand von einem geheimen Verbund CDC, dem Continal Drift Club, gehört, der Alfred Wegener und seine lange verlachte Theorie von der Auseinanderdrift der Kontinente nach dem Bruch von Pangea, dem Urkontinent, würdigt. Patti Smith beschreibt, wie sie nach Alfred Wegeners Stiefeln sucht, um ein Foto von ihnen zu machen, und dabei ganz zufällig das 23. (!) Mitglied dieses Continental Drift Clubs wurde.

Alfred Wegeners Stiefel
Die Stiefel, die Alfred Wegener bei seiner letzten Expedition 1930 trug

Alfred Wegener war 1930 während seiner Grönland-Expedition ums Leben gekommen. Wie so oft bei Wissenschaftlern wurden seine wissenschaftlichen Leistungen und ihre Bedeutung für das inzwischen bewiesene Phänomen von der Plattentektonik erst lange nach seinem Ableben gewürdigt. Heute trägt das Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und Potsdam seinen Namen.

Das Alfred-wegener-Institut in Bremerhaven
Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven – Foto: Garitzko

Fritz Loewe überlebte die Expedition mit Überwinterung in einer Eishöhle – allerdings mit dem Verlust seiner Zehen infolge von Erfrierungen, die er sich auf einem Marsch über das Inlandeis zugezogen hatte. Nach der Expedition 1934 wurde er durch seinen Überwinterungskollegen Ernst Sorge als Jude denunziert und in „Schutzhaft“ genommen. Dank einer Amnestie kam er frei und konnte mit Frau und Kindern gerade noch rechtzeitig Deutschland verlassen. Nach einem Aufenthalt in England hat er seine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere in Australien fortgesetzt. Dass der dritte Überwinterer in Grönland, Johannes Georgi, den Mut hatte, den Juden Loewe gegen alle Anfeindungen zu verteidigen und damit sich selbst und seine Familie in Gefahr brachte, wurde erst nach dem Krieg bekannt.

Georgi und Loewe in der Eishoehle
Georgi und Loewe in der Eishöhle – Foto: Ernst Sorge

Auch wenn Patti Smith diese Zusammenhänge in ihrem Buch nicht beschreibt, sei ihr schon allein für diesen – vermutlich virtuellen? – Ausflug in die Geschichte der deutschen Polarforschung gedankt. Darüber hinaus ist ihr Buch voll von vielen weiteren wunderbaren Details und Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit! Vielleicht sieht man sich ja eines Tages wieder? Eine schlanke Frau mit wehenden Haaren, Mütze, Jeans und langem Mantel auf einer Berliner Straße, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, im Pasternak an ihrem Lieblingsplatz unter dem Portrait des berühmten jüdisch-russischen Dichters oder wieder einmal in einem Konzert in der Passionskirche in Kreuzberg.

Patti Smith
Patti Smith – Foto: © Rainer Knäpper, Free Art License

posted by Wolfgang Opel

„Der Stille Fluss Kamtschatka“ – Aus dem Buchregal

Ullrich Wannhoffs Buch über eine ungewöhnliche Flussfahrt

Sein Freund Viktor hatte ihn in Petropawlowsk 3-fach gewarnt: vor dem Hochwasser, das die Ufer unzugänglich macht, vor den Mücken, die ihn zur Umkehr zwingen würden, und vor den Braunbären, die für Alleinreisende gefährlicher sind als für Gruppen. Der Maler, Naturfreund und -forscher Ullrich Wannhoff trat dennoch seine 400 km lange Paddeltour an: auf dem Fluss Kamtschatka bis zum Stillen Ozean. Er war ja kein Neuling mehr und hatte die Halbinsel im Fernen Osten Russlands schon viele Male bereist. Allerdings noch nie mit einem Kajak auf dem Fluss! Diese Fahrt hat er nun in einem neuen Buch voller Reminiszenzen über Natur, Geschichte und seine Paddelei beschrieben.

Rostiges Ufer
“Rostiges Ufer“ – © Ullrich Wannhoff

Mit Zelt und Rucksack, einem aufblasbaren Kajak und – angesichts der Warnungen – bemerkenswert viel gutem Mut trat er seine einsame Reise an. Die Bären mussten ihn wohl ausreichend in Ruhe gelassen haben, denn er kam heil zurück, und wer unseren Blog verfolgt, hat vielleicht hier oder hier schon über einige seiner Erlebnisse und Impressionen gelesen.

Rostiges Ufer
Jede Menge Mücken, auch im Zelt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Welche Probleme ihm die Mücken bereiteten, kann man vielleicht ahnen – oder man liest es besser nach: Kürzlich erschien Ullrich Wannhoffs Buch „Der stille Fluss Kamtschatka“. Hier geht es jedoch um wesentlich mehr als um Mücken …

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Buch „Der stille Fluss Kamtschatka

Ullrich Wannhoff nimmt uns mit auf einen breiten und ruhig dahinfließenden Fluss. Seine Art des Reisens in der einzigartigen Flusslandschaft zwischen den Vulkangebirgen Kamtschatkas ermöglicht ihm reichlich Gelegenheit zur Naturbeobachtungen, und er hat Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten.

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Aus dem Skizzenbuch: Möwe – © Ullrich Wannhoff

Wir erfahren nicht nur, was Ullrich Wannhoff sieht und erlebt, sondern auch so einiges von dem, was ihm durch den Kopf geht. Der belesene, historisch und naturwissenschaftlich interessierte Künstler kennt auch die Berichte der Reisenden und Forscher, die bereits vor Jahrhunderten an diesen fernen Orten unterwegs waren. Historischer Hintergrund, Beobachtungen über die gegenwärtigen Verhältnisse im Kontrast zum Leben während der Sowjetzeit und im zaristischen Russland fließen in den Text ein, ebenso wie sein Dialog mit der Natur, Landschaftsimpressionen und Gedanken über Kunst.

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Pastellskizze: Vulkangebirge zwischen Himmel und Fluss – © Ullrich Wannhoff

Lassen wir Ullrich Wannhof selbst zu Wort kommen, wenn er sich über sein Buch äussert:
„Georg Forster schreibt an seinen Verleger Spener: ‚dass der Mensch keine angeborne Ideen habe, sein Gedächtnis materiel sey, dass das ganze der Vernunft auf den erhaltenen sinnlichen Eindrücke beruhe…‘. Dies entspricht ganz meiner Weise, meine Beobachtungen aus dem Materiellen in sinnliche Konstruktionen zu verwandeln, also in Malerei oder in Worte.“

Skizze Vulkan
Aus dem Skizzenbuch – © Ullrich Wannhoff

„Ich bin sehr gerne allein und fröne meiner „Menschenallergie“, aber treffe ich auf Menschen, bleiben meine Beobachtungen nicht unberührt. Das Spagat zwischen Natur und Gesellschaft – wie weit kann und darf Natur (Evolution) in die Gesellschaft hineinfließen oder umgekehrt – bleibt immer wie eine Schere, die sich nicht schließt. Das reißt Gedanken auf, die wir von Georg Forster her gut kennen.“

Blick in den weißen Krater
“Blick in den weißen Krater“ – © Ullrich Wannhoff

„Der Versuch, ein einheitliches „Gebäude“ zu formulieren, bleibt Fragment. Auch dieses Buch ist eine Collage von vielem, wo Naturwissenschaft und Kunst im Streit liegen – und wohl noch nie so weit auseinander lagen, wie in der heutigen, spezialisierten Zeit. Das Vorhaben, dies zu kitten, bleibt ein hilfloser, romantischer Versuch, mehr nicht…“

Collage im Skizzenbuch
Collage mit Teebeutel „Kreis im Quadrat“ – © Ullrich Wannhoff

Es wird klar, dass Ullrich Wannhoffs Buch kein herkömmliches Abenteuerbuch ist – trotz der so abenteuerlich anmutenden Unternehmung – sondern ein Versuch, ganz Verschiedenartiges zusammenzubringen: das unmittelbare Erleben, die Kunst, Reflexionen über Naturwissenschaft und Geschichte: es ist zu großen Teilen ein Gedanken-Buch.

Trittsiegel von Baer und Mensch
Trittsiegel von Bär und Mensch – Foto: © Ullrich Wannhoff

Doch auch der Alltag des Paddlers im fremden Land kommt nicht zu kurz, mit seinen schönen Seiten wie auch seinen Problemen. Wir können seine Freude miterleben, wenn er Vögel beobachtet; er lässt uns an seinen Begegnungen mit den Bewohnern Kamtschatkas teilnehmen; plastisch schildert er die vergebliche Suche nach einem Platz zum Kampieren am überfluteten Ufer oder seine mühseligen Bestrebungen, die Batterien für seine Kamera aufzuladen. Es ist höchst interessant, was er unternimmt, um von den Bären ungeschoren zu bleiben. Und was mit seinen beiden Kameras im Verlauf der Reise geschieht, das verraten wir hier nicht. Nachlesen!

posted by Mechtild Opel

P. S. Ullrich Wannhoff paddelte auch in Deutschland, z.B. auf Spree und Peene, nochmals auf der Spree und dem Dämeritztsee und auf der Oder, sowie in Kanada – als Eremit auf dem Second Christopher Lake und an verschiedenen Meeresbuchten, und er hatte dort am Saisonende im Herbst einen ganzen Provinzpark für sich allein.

Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten an Hall
Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Erebus und Terror verlassen England
Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Sir John Franklin-Portraet_rechts_von Kristina Gehrmann
Porträt von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart_ Obduktion
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

Nordwestpassage - Faktisches
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

posted by Mechtild Opel




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