Archiv der Kategorie 'Arctic - Arktis'

Roderich Robert Schneider

Ein Arktisreisender aus Dorfschellenberg in Sachsen

(English version here!)
Der Geburtsort von Roderich Schneider, Dorfschellenberg, ist heute längst eingemeindet. Unweit der auf alten Stadtansichten erkennbaren Kirche lag die Baumwollspinnerei Trübenach & Schneider. Ein Sohn des Miteigentümers, der am 29. Juni 1853 geborene Roderich Robert Schneider, wanderte 1870 aus unbekannten Gründen nach Amerika aus. Vermutlich gab es für ihn – als nicht Erstgeborenen – keine berufliche Perspektive im väterlichen Unternehmen.

Dorfschellenberg_Geburtsort_Schneiders
Dorfschellenberg, der Geburtsort Roderich Schneiders

Anders als viele Emigranten aus Deutschland verlor er nicht den Kontakt zur Familie und zur Heimat. Er besuchte sie sogar 1873 und 1878. Bei der zweiten Reise hätte er beinahe das Leben verloren, als das Passagierschiff Pommerania vor England von einem Segler gerammt wurde und sank. Der junge Schneider hatte Glück und überlebte. Vielleicht hatten ihm dabei auch seine als Seemann auf Handelsschiffen gesammelten Erfahrungen geholfen.

Expeditionsteilnehmer ohne Schneider
Expeditionsteilnehmer der Greely-Expedition, hier ohne Schneider

Im Frühjahr 1879 kehrte er in die USA zurück und meldete sich zum Militärdienst. Vermutlich erfuhr er dort von der geplanten Nordpolexpedition unter der Leitung von Leutnant Adolphus W. Greely. Obwohl er für den Einsatz zunächst nicht vorgesehen war, gelangte er infolge der Desertion eines Teilnehmers doch noch in die Mannschaft.

Das Expeditionsschiff Proteus
Proteus – das Expeditionsschiff der Greely-Expedition

Schneider war nicht der einzige deutsche Expeditionsteilnehmer – sechs weitere waren in Deutschland geboren. Das war in dieser Zeit nicht ungewöhnlich; auch andere amerikanische Arktis-Expeditionen, wie die von Charles Francis Hall oder die von George W. De Long, hatten deutschstämmige Teilnehmer. Es lag allerdings nicht an ihnen, dass gerade diese drei Expeditionen mehr oder weniger im Desaster endeten.

Roderich Schneider in Fort Conger
Das einzige bekannte Foto Schneiders, hier in Fort Conger

Die Lady Franklin Bay Expedition unter Greely erwischte es besonders schlimm. Nur sechs der 25 Teilnehmer überlebten. Nachdem das angekündigte Versorgungsschiff ausgeblieben war, hatten die Männer sich von Fort Conger im Norden von Ellesmere Island aus nach Süden begeben. Nach einer mehr als 500 km langen Odyssee konnten sie sich auf der unwirtlichen Insel Pim Island vor dem Wintereinbruch retten.

die Winterhuette in Camp Clay
In der Winterhütte, Camp Clay auf Pim Island

Tragischerweise mussten sie feststellen, dass die hier erhofften Versorgungsgüter nicht in ausreichender Menge vorhanden waren, um den Winter zu überstehen. Die Nahrung wurde sofort rationiert, eine provisorische Hütte gebaut und die Jagd zur Ergänzung der äußerst knappen Reserven aufgenommen. Die Details des Überlebenskampfes kann man in Leonard F. Guttridges Buch „Die Geister von Cape Sabine“ nachlesen.

Ueberreste der Winterhuette
Pim Island, Überreste der Winterhütte

Im Januar 1884 starb der erste Teilnehmer. Hunger und Krankheiten rafften einen nach dem anderen dahin. Zunächst waren die Leichen noch bestattet worden, später fehlte auch dazu die Kraft. Die Hungernden stahlen sich gegenseitig die Nahrung, die teilweise bald nur noch aus ledernen Kleidungsresten bestand. Es kam zu Kannibalismus. Einer der Teilnehmer, der Hannoveraner Carl Heinrich Buck, wurde sogar wegen Nahrungsdiebstahl erschossen. Die Geschehnisse sind nicht vollständig aufgeklärt – weder das amerikanische Militär als Träger der Expedition noch die Überlebenden hatten ein Interesse daran, dass die ganze Wahrheit ans Licht kam. Bis heute blieben viele Details im Dunklen.

Gedenktafel_Pim_Island
Gedenktafel für die Expedition auf Pim Island

Nur wenige Tage vor dem ansonsten wohl sicheren Tod der Expeditionsteilnehmer erreichten Suchschiffe Pim Island und fanden noch sieben Überlebende; doch einer von ihnen starb wenige Tage danach. Roderich Schneider hatte es nicht geschafft. Er starb leider vier Tage vor dem Eintreffen der Rettungsschiffe am 18.6.1884. Sein Leichnam wurde nahe dem von Carl Buck abgelegt und nur durch Zufall gefunden.

Fundort der Leichen Buck und Schneider
Pim Island, Fundort der Leichname von Buck und Schneider

Schneiders Geige, die er im Fort Conger zurücklassen musste, wurde später wieder in die USA gebracht, doch ihr Verbleib ist heute unbekannt. Sein Tagebuch fand man Monate später zufällig in Einzelteilen am Ufer des Missisippi. Warum sich dieses Tagebuch nicht in den offiziellen Expeditionsunterlagen befand, wurden nie geklärt. Man hörte damals: „Offensichtlich wurden nicht nur die Leichname, sondern auch Tagebücher gefleddert.“

Zeitungsmeldung _Fund der Aufzeichnungen
Zeitungsmeldung über den Fund – New York Times, 3.12.1891

Am 19. Juli 1884, genau heute vor 132 Jahren, erreichten die Rettungsschiffe mit den in Tanks eingeschlossenen Leichenresten St. John’s in Neufundland. Die Toten wurden in die USA gebracht und gemäß dem Wunsch der Hinterbliebenen bestattet. Auf Verlangen der Eltern von Roderich Schneider wurde sein Leichnam nach Chemnitz überführt und dort bestattet. Neben dem Grabmal befindet sich noch heute ein Gedenkstein mit der Inschrift:

Grab Schneiders
Das Grabmal Roderich Schneiders in Chemnitz

„Ein wackrer Seemann ruht in heimathlicher Erde
Hier aus von hartem Kampf, von Mühsal und Beschwerde.
Den Süden sah er, wo die Palmen wehn.
Er sah das ewig eisbedeckte Meer im Norden;
Einmal gerettet schon vom Untergehn,
ist nun beschworner Pflicht zum Opfer er geworden.”

posted by Wolfgang Opel

Patti Smith, die Stiefel Alfred Wegeners …

… und die Zehen von Fritz Loewe

Die Stimme und die Lieder von Patti Smith kannte ich lange, bevor ich sie zum ersten (und bisher einzigem) Mal am 8.2.2008 in der Berliner Passionskirche live erlebte. Nach meiner Erinnerung gab es dort nur wenige Sitzplätze und so stand ich seitlich aber nahe der Bühne, um staunend und zunehmend begeistert durch ihre Klangwelten zu folgen. Schon ihre Lieder von Platte oder aus dem Radio lassen durch ihre Intensität von „Flüstern und Schreien“ nicht wieder los. Sie selbst als Performerin ihrer Songs, Gedichte und Prosa im Konzert zu erleben, ist jedoch ein unvergessliches und nachhaltiges Erlebnis.

Patti Smith in Finnland
Patti Smith in Finnland 2007 – Foto: Beni Köhler

Am folgenden Tag besuchte ich in der stillen Hoffnung, sie noch einmal aus der Nähe zu erleben, ihre Ausstellung von Fotos und Objekten in einer Galerie in Berlin-Mitte.

Ausstellung Patti Smith in Berlin
Ausstellung Patti Smith, 2008 in der Berliner Galerie ArtMBassy

Patti Smith war natürlich nicht da, dafür sah ich zum ersten Mal Fotos von ihr – Zeugnisse ihres Interesses an scheinbar alltäglichen, aber zumeist bedeutsamen, wenn nicht gar geschichtsträchtigen Objekten.

Patti Smith Ausstellung Koffer
Patti’s Reisegepäck

In meinem Bücherregal steht ebenfalls ein seltsames Objekt von besonderer Bedeutung – für mich. Auch wenn ich mich kaum mehr daran erinnern konnte, hatte ich doch bereits vor einem halben Jahrhundert einen Artikel über Polargebiete von Dr. Fritz Loewe aus Melbourne gelesen: in Urania Universum, Band 6, 1960. Diese populärwissenschaftliche Reihe hat mich die ganze Kindheit und Jugend begleitet, denn Berichte über Raketen, Flugboote, Transistoren, Wüsten und ferne Länder waren damals genau das richtige für mich.

Upernivik-Insel bei Groenland, eine Station von Wegeners Expedition
Upernivik-Insel, Grönland – in der Nähe forschten Wegener und seine Mitarbeiter

Das Leben Fritz Loewes und seine wissenschaftlichen Leistungen blieben mir noch lange unbekannt. Von dem Polarforscher Alfred Wegener und seiner Theorie der Kontinentaldrift erfuhr ich erst 1980. durch die Herausgabe einer Briefmarke anlässlich seines 100. Geburtstages und seines 50. Todestages.

Briefmarke mit Alfred Wegener
Briefmarke zu Ehren von Alfred Wegener

Patti Smith hat neben ihren Platten immer auch Bücher, zumeist Gedichte und Songs, veröffentlicht. Seit einigen Jahren gibt es Prosatexte von ihr und jüngst erschien „M Train“, übersetzt von Brigitte Jakobeit.

Pattis Smith, Buch M-Train
Das Buch von Patti Smith erschien bei Kiepenheuer & Witsch

Dass dieses autobiografische Buch, das Realität, Fantasie und Traumwelt miteinander verwebt, auch von Alfred Wegener und Fritz Loewe, den bedeutenden deutschen Wissenschaftlern, handelt, verraten weder Klappentext noch die meisten deutschen Rezensionen. Offensichtlich sind manche Rezensenten weder in der Geschichte der Polarforschung zuhause, noch kennen sie „Urania Universum“.
Ich für meinen Teil war völlig überrascht, als ich neulich mit dem Buch von Patti Smith vor dem Kamin in einem Jahrhunderte alten toskanischen Haus saß und beim Lesen auf die Namen Wegener und Loewe stieß. Es war verdammt kühl, viel zu kalt für Mai, und trotz des Feuers im offenen Kamin konnte ich den überraschenden Ausflug in die Polarforschung sehr gut nachempfinden.

Bueste von Alfred Wegener im AWI
Büste von Alfred Wegener im AWI

Wäre nicht Patti Smith die Sammlerin von Fotografien seltsamer Objekte, hätte wohl niemand von einem geheimen Verbund CDC, dem Continal Drift Club, gehört, der Alfred Wegener und seine lange verlachte Theorie von der Auseinanderdrift der Kontinente nach dem Bruch von Pangea, dem Urkontinent, würdigt. Patti Smith beschreibt, wie sie nach Alfred Wegeners Stiefeln sucht, um ein Foto von ihnen zu machen, und dabei ganz zufällig das 23. (!) Mitglied dieses Continental Drift Clubs wurde.

Alfred Wegeners Stiefel
Die Stiefel, die Alfred Wegener bei seiner letzten Expedition 1930 trug

Alfred Wegener war 1930 während seiner Grönland-Expedition ums Leben gekommen. Wie so oft bei Wissenschaftlern wurden seine wissenschaftlichen Leistungen und ihre Bedeutung für das inzwischen bewiesene Phänomen von der Plattentektonik erst lange nach seinem Ableben gewürdigt. Heute trägt das Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und Potsdam seinen Namen.

Das Alfred-wegener-Institut in Bremerhaven
Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven – Foto: Garitzko

Fritz Loewe überlebte die Expedition mit Überwinterung in einer Eishöhle – allerdings mit dem Verlust seiner Zehen infolge von Erfrierungen, die er sich auf einem Marsch über das Inlandeis zugezogen hatte. Nach der Expedition 1934 wurde er durch seinen Überwinterungskollegen Ernst Sorge als Jude denunziert und in „Schutzhaft“ genommen. Dank einer Amnestie kam er frei und konnte mit Frau und Kindern gerade noch rechtzeitig Deutschland verlassen. Nach einem Aufenthalt in England hat er seine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere in Australien fortgesetzt. Dass der dritte Überwinterer in Grönland, Johannes Georgi, den Mut hatte, den Juden Loewe gegen alle Anfeindungen zu verteidigen und damit sich selbst und seine Familie in Gefahr brachte, wurde erst nach dem Krieg bekannt.

Georgi und Loewe in der Eishoehle
Georgi und Loewe in der Eishöhle – Foto: Ernst Sorge

Auch wenn Patti Smith diese Zusammenhänge in ihrem Buch nicht beschreibt, sei ihr schon allein für diesen – vermutlich virtuellen? – Ausflug in die Geschichte der deutschen Polarforschung gedankt. Darüber hinaus ist ihr Buch voll von vielen weiteren wunderbaren Details und Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit! Vielleicht sieht man sich ja eines Tages wieder? Eine schlanke Frau mit wehenden Haaren, Mütze, Jeans und langem Mantel auf einer Berliner Straße, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, im Pasternak an ihrem Lieblingsplatz unter dem Portrait des berühmten jüdisch-russischen Dichters oder wieder einmal in einem Konzert in der Passionskirche in Kreuzberg.

Patti Smith
Patti Smith – Foto: © Rainer Knäpper, Free Art License

posted by Wolfgang Opel

Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten an Hall
Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Erebus und Terror verlassen England
Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Sir John Franklin-Portraet_rechts_von Kristina Gehrmann
Porträt von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart_ Obduktion
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

Nordwestpassage - Faktisches
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

posted by Mechtild Opel

Unsere ersten Erlebnisse mit Eisbären

Zum „International Polar Bear Day“

Hebron Bay
… Ein schöner, abwechslungsreich geformter Eisberg taucht auf, begleitet von vereinzelten Eisschollen. Im Laufe der nächsten Stunden kommt noch mehr Eis dazu, zumeist flache Schollen, die sich zum Horizont hin verdichteten. Plötzlich ein lauter Ruf, und alle Passagiere drängen sich nach Backbord an die Reling, schauen fasziniert zu einer Eisscholle in über 100 Meter Entfernung, auf der sich etwas bewegt: „Polar Bear!“ Es ist der erste, den wir auf unserer Reise zu sehen bekommen, und alle an Bord sind aufgeregt und begeistert. Das Schiff hat den Kurs nicht geändert, es fährt weiter parallel zur Küste, kommt dabei aber allmählich näher an die Eisscholle heran.

Polar Bear-look at this
“Look at this!“ – „Polar Bear!!!“

Wir versuchen, auszumachen, was da links vor dem Eisbären liegt. Ein schmales Bündel, auf der hellen Scholle wirkt es in dem vom Eis reflektierten, grellen Sonnenlicht zunächst blassgrau – kann das vielleicht seine Beute sein, eine tote Robbe? Zunächst ist selbst mit dem Fernglas noch nichts Genaues zu erkennen. Der Bär läuft ein paar Schritte zur Seite, dann kommt er zurück und stupst mit der Schnauze gegen das Bündel. Wieder geht er ein ganzes Stück weg, vielleicht 20 Meter, läuft dann immer wieder hin und her; er wirkt unruhig und etwas nervös.

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Und was liegt da links auf der Eisscholle?

Und dann plötzlich bewegt sich das Bündel. „Look at this“, ruft die Frau neben mir aufgeregt, und alle Kameras klicken, denn das Bündel erhebt sich nun, da steht etwas auf seinen vier Beinen – eine Bärenjunges! Die Bärenmutter läuft zurück zu dem Kleinen, entfernt sich aber umgehend wieder. Das Kleine steht still, wirkt erst unentschlossen, dann läuft es schließlich langsam auf die Mutter zu.
Die berührt es nur kurz, dreht sich weg, steigt in Wasser, schwimmt, und nach kurzem Zögern tut das Kleine es ihr nach. Hatten sie das Schiff bemerkt, flüchten sie? Oder wollten sie nur zufällig gerade woanders hin? Wir werden es nicht erfahren. Sie entfernen sich schnell, zwei kleine Punkte im Wasser. Mit bloßem Auge wären sie nun kaum noch zu erkennen, wüsste man nicht genau, was da schwimmt, und bald sind sie verschwunden. …

polar bear with cub on ice
Eisbärmama mit Eisbärbaby auf der Scholle

Am Nachvak Fjord

… Es war uns schon etwas mulmig zumute, als wir uns jetzt, das erste Mal ohne einen schützenden Zaun, Eisbären näherten. Diese Tiere sind schließlich sehr schnell und auch gute Schwimmer. Würde unser Zodiac rasch genug wenden können, falls der Bär denn auf die Idee käme, uns näher in Augenschein zu nehmen? Wie dick ist eigentlich so eine Gummiwulst? …

Nachvak area polar bear on Island
In sicherer Entfernung – der Eisbär lässt sich nicht erschüttern

Glücklicherweise war der Abstand zu dem ersten Bären recht groß, so 30-40 m. Wie relativ sind doch Entfernungen! Der andere Eisbär war nicht zu sehen, er war noch hinter dem Hügel – besser so. Langsam entspannten wir uns. … Der Eisbär stand auf der Hügelkuppe und beobachtete uns. Ob er schon mal Menschen gesehen hatte? Angst zeigte er jedenfalls nicht, denn er legte sich gemütlich nieder. …

Nachvak polar bear lying down
Der Eisbär hat sich hingelegt

Lower Savage Islands

… Als wir wieder in die Bucht einbiegen, wo wir den ruhenden Bär gesehen hatten, steht dieser jetzt auf der gegenüberliegenden Klippe und beobachtet die Zodiacs. Wir sind nur etwa 15 m von ihm entfernt. Er wendet immer wieder seinen Kopf zwischen unseren Booten und einer Stelle hinter einigen Felsen. Langsam läuft er an der Felswand hin und her, lässt uns nicht aus dem Blick. Der Benzingeruch scheint ihm nicht zu behagen. Er wirkt unschlüssig, als ob er überlegt, ob ihn unsere Anwesenheit beunruhigen sollte oder nicht. Es ist ein schönes großes männliches Tier, nicht sehr fett, aber auch nicht mager. Wir sind ziemlich nah an ihm dran. Man kann sogar die Insekten sehen, die um seinen Kopf kreisen. …

lower savage island - polar bear
Der Eisbär lässt uns nicht aus den Augen

… Der Bär steigt etwas höher, wohl um bessere Übersicht zu haben. Dann taucht er hinter einem Felsen ab. Als er wieder hervorkommt, hat er etwas schwarzes im Maul. Nur mit dem Fernglas erkennen wir die Flosse einer Robbe. Aha, daher also der blutige Fleck in seinem Fell!

polar bear with seal remains
Im Maul hat der Eisbär Reste einer Robbenflosse

Während er sich immer wieder nach uns umsieht, steigt er gemächlich höher, bis er – nach einem abschließenden Rundblick – endgültig hinter dem Felsgrat verschwindet. …
(Texte aus unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“)

Polar bear going away
Der Eisbär trollt sich

posted by Mechtild Opel and Wolfgang Opel

Sherlock Holmes – und Eisbären?

Hatte Sherlock Holmes etwas mit Eisbären zu schaffen? – Ich kenne das Werk des berühmten Arthur Conan Doyle leider nicht genau genug, um zu wissen, ob in irgendeiner seiner Detektiv-Geschichten ein Eisbär eine gewichtige Rolle spielt. Kann jemand helfen?

im Arbeitszimmer - Eisbaerschaedel
Im Arbeitszimmer von Arthur Conan Doyle, Foto in „The Idler“, 1894

Sicher ist eins: der Schädel eines dieser großartigen Arktisbewohner schmückte das Arbeitszimmer Arthur Conan Doyles. Der Autor der berühmten Kriminalgeschichten um Sherlock Holmes und Dr. Watson konnte als junger Mann sehr, sehr gründlich Arktis-Luft schnuppern, weil dem damaligen Medizinstudenten eine Position für sechs Monate als Schiffsarzt auf dem Walfänger Hope angeboten wurde.

Walfangschiff Hope
Walfangschiff Hope, Foto: Project Gutenberg of Australia

Das Schiff mit dem jungen Doyle an Bord läuft Ende Februar 1880 in Richtung Grönland aus. Der damals Zwanzigjährige erhält von seinen Kameraden bald den Spitznamen „großer Eistaucher“. Denn bei der einträglichen, aber lebensgefährlichen Jagd auf Robben, die er als „blutiges Handwerk“ bezeichnet, fällt er wiederholt ins Eismeer. Glücklicherweise kann der kräftige junge Mann sich stets retten – oder gerettet werden – und anschließend wohlbehalten in trockene Kleidung schlüpfen.

Quarterdeck of Hope
Auf dem Quarterdeck der Hope, Dritter von links: Arthur Conan Doyle, Foto: Project Gutenberg of Australia

Der junge Medizinstudent ist anfangs noch total unerfahren und muss in kurzer Zeit sehr viel dazulernen, nicht nur aus Büchern, sondern vor allem von seinen Schiffskameraden. Natürlich übernimmt er damit unbewusst zunächst auch deren teilweise überheblichen Meinungen und Haltungen gegenüber der arktischen Tierwelt – auch gegenüber Eisbären. So schreibt er am 26. März: … Eclipse [ein anderes Walfänger-Schiff] erwischte heute einen Bären, und wir sahen die Spuren eines anderen im Schnee neben dem Schiff. Sie sind feige Geschöpfe, wenn sie nicht gerade in die Ecke gedrängt werden.

Eisbären auf einer Eisscholle
Eisbären auf einer Eisscholle

Normalerweise sind im Frühjahr, wenn die Robben Nachwuchs bekommen, viele Eisbären auf dem Eis unterwegs. Die Hauptnahrungsquelle der Eisbären sind Robben – mehr dazu auf S. 185 in unserem Buch; und auch die Kadaver toter Wale sind ein ergiebiges Nahrungsreservoir – vgl. S. 191 hier. Somit stehen die Eisbären in direkter Konkurrenz zu den Männern an Bord der Hope.

Sattelrobbe auf einer gestrandeten Eisscholle
Sattelrobbe auf einer gestrandeten Eisscholle

Das weiß auch Arthur Conan Doyle, und daher verwundert er sich am 23. April zu Recht: Es ist außergewöhnlich, dass wir bislang keinem Bären begegnet sind. Erstmals erblickt er am 26. Mai einen Eisbären ganz in der Nähe des Schiffes. Dieser konnte den Jagdversuchen der Männer jedoch entkommen. Erst im Juni tauchen Eisbären auf der Liste der Jagdbeute der Hope auf: 12. Juni … 1 Bär; … 18. Juni: 1 Bär & 2 Junge; … Insgesamt werden 1880 von der Besatzung der Hope fünf Eisbären erlegt. Arthur Conan Doyle erwähnt im Tagebucheintrag vom 1. Juli, dass er nun einen Eisbärenschädel besitze.

Jagdbeute der Walfaenger
Trauriger Anblick: Jagdbeute an Bord der Hope – Foto: Project Gutenberg of Australia

Arthur Conan Doyles Meinung über Eisbären hat sich im Laufe der Zeit etwas konkretisiert.
1897, in einem Magazin-Artikel über seine Reise auf dem Walfang-Schiff, schreibt er: … überall gibt es Bären. Die Eisschollen in der Umgebung des Robbenjagdgebiets sind überzogen von ihren Spuren – arme harmlose Geschöpfe mit dem schlurfenden und schaukelnden Gang eines Hochseematrosen… Das klingt nicht besonders respektvoll; offenbar hatten die mit Gewehren bewaffneten Männer der Hope 1880 keine Situation erlebt, in der ein Eisbär ihnen gefährlich wurde. Eisbär-Mütter mit Jungen verhalten sich in der Regel defensiv und vermeiden Situationen, die ihre Jungen in Gefahr bringt – siehe S. 212 hier. Und auch erfahrene männliche Eisbären verhalten sich überwiegend vernünftig und gehen Konfrontationen aus dem Wege; es sind hauptsächlich die jungen, unerfahrenen und zumeist hungrigen Eisbären, die Menschen angreifen – mehr S. 220 hier.

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<font size=Hungriger Eisbär

Conan Doyle muss aber auch Eisbären bei der Robbenjagd beobachtet haben, und hier kann er ihnen seinen Respekt nicht versagen:
… sie haben eine sehr gewitzte Methode, sie zu fangen, denn sie suchen sich stets ein großes Eisfeld mit nur einem Blasloch für Robben in der Mitte. Dorthin hockt sich der Bär und krümmt seine mächtigen Vordertatzen um die Öffnung. Dann, wenn die Robbe ihren Kopf aus dem Wasser streckt, schnappen große Tatzen zu, und Meister Petz bekommt sein Mittagessen.

Das Buch aus dem mareverlag
Das Buch aus dem mareverlag

Über Arthur Conan Doyles Erlebnisse auf der Hope konnte man im Januar 1897 in The Strand Magazine den Artikel „Life on a Greenland Whaler“ lesen. Der mareverlag hat 2015 das Tagebuch seiner arktischen Reise in deutscher Sprache herausgegeben: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ in der Übersetzung von Alexander Pechmann, in einer sehr schönen illustrierten Ausgabe, mit Faksimiles der Handschrift einschließlich bezaubernder Zeichnungen.

posted by Mechtild Opel




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