Archiv der Kategorie 'Arctic - Arktis'

Ein Toast zu Ehren von Johann August Miertsching

(English version here)
Zum 200. Geburtstag des einzigen Mannes aus Deutschland, der am Auffinden der Nordwestpassage beteiligt war

Am 21. August 1817 wurde im sorbischen Dorf Hrodźišćo (Gröditz) bei Weißenberg in der Oberlausitz Johann August ( sorbisch: Jan Awgust) – der Sohn des Zimmermanns Johann Miertsching (Měrćink), geboren. Da war es erst vier Jahre her, dass die Äcker rund um das Dorf durch Kanonenkugeln aufgewühlt und von Blut getränkt worden waren, als Napoleon mit den verbündeten Sachsen in der Schlacht bei Bautzen hier gegen die preußischen und russischen Truppen kämpfte.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz bei Weißenberg, Oberlausitz

Von dem auf einem Hügel gelegenen Dorf hatte man auch damals einen freien Blick ins umgebende Land, aus dem die Glockentürme der benachbarten Kirchspiele aufragten. Am Horizont waren die Türme von Budissin (heute Bautzen) erkennbar, der Hauptstadt der unter sächsischer Herrschaft stehenden Oberlausitz. Hat diese Sicht in die Weite das spätere Leben des Knaben beeinflusst?
Seinen 10. Geburtstag beging Jan Awgust als Schüler der Gröditzer Dorfschule, wo der Unterricht bis dahin ausschließlich in Sorbisch stattgefunden hatte; nun brachte ein neuer Lehrer den Schülern auch das Lesen der deutschen Sprache bei.

1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka
1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka

Als Miertsching seinen 20. Geburtstag feierte, war er Schustergeselle in dem nahe Budissin gelegenen Dorf Kleinwelka, einem Stützpunkt der Herrnhuter Brüdergemeine. Als er 25 wurde, hatte er seine Meisterprüfung abgelegt und war inzwischen in die Brüdergemeine aufgenommen worden.

Okak – historische Zeichnung
Okak im Norden Labradors, historische Zeichnung

Seinen 30. Geburtstag feierte Miertsching bereits weit weg von zuhause, auf einem anderen Kontinent. Mittlerweile arbeitete er bereits im dritten Jahr seines Dienstes in der Herrnhuter Mission bei den Inuit in Okak, einer Siedlung in der subarktischen Region im Norden Labradors nördlich des 57. Breitengrades. Hier erlernte er die Sprache der Inuit und war neben praktischen Alltagsarbeiten und anderen Pflichten vor allem als Lehrer tätig. Am 24.8.1847, drei Tage nach seinem Geburtstag, berichtet er in einem Brief nach Herrnhut: „Ich hatte für die ledigen Brüder und Knaben, weil sie mich täglich besuchen, einen Unterricht in der Weltkunde angefangen, und es schien ihnen Vergnügen zu machen, und für mich war es eine gute Übung in der Sprache …“.

Flaxman Island
Nahe Flaxman Island konnte Miertsching als Dolmetscher für seinen Kapitän sich mit den dortigen Inuit verständigen

Seinen 35. Geburtstag, 1852, muss Miertsching in sehr kritischer Lage begehen. Anfang 1850 war er als Inuit-Dolmetscher für eine britische Expeditionen zur Suche nach Franklins verschollener Expedition ausgewählt worden und musste an Bord des Schiffes HMS Investigator in kürzester Zeit die englische Sprache erlernen. Nun hatte er bereits zwei Winter in der Arktis hinter sich, und zwar im Hohen Norden.

Die Investigator im Eis
Das Schiff „Investigator“ im arktischen Packeis

Das Schiff liegt in der westlichen Arktis nördlich des 74. Breitengrades in einer Bucht des Polarmeeres im Norden von Banks Island Banks Island fest, gefangen im Eis. Viele Männer leiden an Skorbut. Alle hatten sehnlichst auf das Aufbrechen des Eises gewartet, doch dieser Sommer ist kühler als normal, das Schiff bleibt fest eingefroren, und die Lebensmittel werden knapp. In seinem Tagebuch erwähnt Miertsching die „niedergeschlagene Mannschaft“, er selbst sucht Trost in seinem Glauben und vermerkt über seinen Geburtstag nur knapp: „Ich verbrachte den heutigen Tag auf dem Lande, und wanderte einsam herum. Der Herr schenckte mir auch heute große Gnade …“.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head auf Banks Island – Zeichnung von Samuel Gurney Cresswell

Als Miertsching 40 wird, befindet er sich in einem völlig anderem Erdteil. Er hatte kurz zuvor geheiratet und war im Dienst der Herrnhuter Mission mit seiner Frau nach Südafrika gereist. In Elim, etwa 15 km entfernt von der Südspitze Afrikas, hat er den Handel der Mission übernehmen müssen. Nun bringt er unter der Mitwirkung seiner Frau das zuvor verlustreiche Ladengeschäft der Mission und die vernachlässigte Buchhaltung in Ordnung und erlernt eine neue Sprache (Afrikaans). Das völlig andere Klima mit der ungewohnten Wärme macht ihm zunächst noch nicht allzu sehr zu schaffen, da in Elim „immer etwas Seeluft weht“. Seine junge Frau ist schwanger, am Jahresende wird ihr erstes Kind erwartet.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching und seine junge Frau Clementine Auguste

Seinen 45. Geburtstag 1862 verbringt Miertsching in Genadendal, ebenfalls in der Kapregion, näher an Kapstadt, aber weiter im Inland gelegen. Er soll nun auch hier den Handel und den Ladenbetrieb in Ordnung bringen. Inzwischen hat er eine viereinhalbjährige Tochter, und nachdem in Elim zwei Söhnchen kurz nach der Geburt verstorben waren, erfreut sich das Paar jetzt an einem neuen Baby, einem nunmehr acht Monate altem Mädchen – das allerdings nur zwei Jahre alt werden sollte.

Kirche und Schule in Genadendal
Kirche und Schule in Genadendal, Südafrika

Die Lebensbedingungen in Genadendal sind nicht einfach. Miertsching muss für seinen Tätigkeit oft nach dem über 100 km entfernten Kapstadt reisen. Der mühselige und aufwändige Transport erfolgt mit Ochsenkarren. Das Land leidet in dieser Zeit immer wieder unter Dürre und schlechten Ernten, die Tiere und die Menschen unter Krankheiten, darunter ansteckende Epidemien.
Ob Miertsching seinen 50. Geburtstag 1867 in guter Stimmung verbrachte? Wohl kaum. Am Vortag wäre sein kleines Söhnchen zwei Jahre alt geworden – wenn es denn überlebt hätte; es war jedoch zwei Monate zuvor an Diphterie gestorben. Von bisher fünf Kindern war nur noch die älteste Tochter Marie am Leben, doch die war im Jahr zuvor, gemäß den Regeln der Herrnhuter, von den Eltern getrennt und nach Deutschland zur Schule geschickt worden.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Seinen 60. Geburtstag erlebte Miertschings nicht mehr – er ruhte schon seit über zwei Jahren, seit 1875, auf dem Gottesacker der Brüdergemeine in Kleinwelka. Seine Frau war bereits 1869, kurz nach ihrer Rückkehr nach Afrika, verstorben. Sein Lebensabend als Witwer, damals Vater einer Halbwüchsigen und eines Kleinkinds, war sicherlich alles andere als freudvoll gewesen.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut

Miertschings Leben ist nur teilweise dokumentiert, am besten während seiner Arktisreise von ihm selbst und anderen Zeitgenossen. Sein Wirken unter diesen extremen Bedingungen fand höchste Anerkennung von seiten seines Kapitäns, der Schiffsmannschaft und der an der Rettung beteiligten Offiziere sowie schließlich sogar von der englischen Königin, die ihm die „Arktische Medaille“ verlieh.

Graeber auf Beechey Island
Miertsching verbrachte mehrere Wochen auf Beechey Island, wo sich Gräber der verschollenen Franklin-Expedition befinden

Andere Etappen seines Lebens sind leider nur in Bruchstücken bekannt. Bei unseren Archiv-Recherchen in Deutschland, England, Hawaii und Kanada sind wir immer wieder auf neue, kaum oder gar nicht bekannte Quellen gestoßen, so erst vor wenigen Wochen auf unbekannte Briefe. Sie lassen seine Persönlichkeit in neuem Licht erscheinen, auch wenn noch manche Fragen offen sind. In dem Buch, an dem wir derzeit arbeiten, werden wir unsere Erkenntnisse über Johann August Miertsching vorstellen.

Auf en Spuren Miertschings besuchten wir das Mission Houses Museum in Hawaii
Auf den Spuren Miertschings besuchten wir das Mission House Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel

Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

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Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel

Eisbären: ihre Zukunft und das Meereis

Dieser April, so fühlten wir, war viel zu kalt für uns hier in Deutschland. Fischer in Neufundland ärgern sich gerade über dichtes Packeis vor der Küste, wohingegen sich Touristikunternehmer über ein reiches Aufkommen an Eisbergen freuen.

Touristen erfreuen sich an einem Eisberg
Touristen erfreuen sich an einem Eisberg

Eis und Kaltluft im Frühling sollten jedoch keine Zweifel an der Tatsache der von Menschen verursachten globalen Erwärmung hervorrufen. Man braucht bloß mal einen Blick in die Arktis werfen. Nicht viele haben die Möglichkeit, dahin zu reisen, aber es reicht, sich aktuelle Fotos ansehen und die einschlägigen Zahlen und Daten über die Eisbedeckung und über das Tauen der Permafrostbodens zur Kenntnis nehmen.

Die Abnahme des arktischen Meereises
Abnahme des arktischen Meeeises – Sommer-Minima und Winter-Maxima
Image Credit: NASA/Goddard Scientific Visualization Studio


Nicht nur die Fläche, auch die Dicke der Meereisbedeckung ist dramatisch zurückgegangen (siehe Fußnote). Die Erwärmung in der Arktis beeinflusst in sehr komplexer Weise Wettererscheinungen, Wind- und Meeresströmungen in anderen Regionen der Erde. Derzeit bewegen sich Eismassen von der Davis Strait (zwischen Grönland und Baffinland) nach Süden und belagern die Küste Neufundlands.

Meereis in der Arktis 2017_April30
Eiskarte vom 30. April 2017 – Image Credit: Canadian Ice Service

Die aktuelle Eiskarte zeigt eine hundertprozentige Eisbedeckung (weiss) nur noch im kanadischen Archipel; vor Neufundland aber gibt es nahe der Küste eine im Durchschnitt noch starke Eisbedeckung (hellgrau). Doch auch Eisbedingungen, die Fischerboote am Ausfahren hindern, sind nicht unbedingt immer gute Jagdgründe für Eisbären – siehe S. 185-194 in unserem Buch.
Bürgermeister, Polizisten und Einwohner der Küstendörfer machen sich Sorgen über eine neue Gefahr: Eisbären streunen um die Dörfer. Ein paar Unbedarftere hingegen zücken ihr Smartphone, hoffen auf ein Selfie mit Eisbär im Hintergrund und überlegen, ob sie das Tier nicht mit etwas Fleisch anlocken können.

Eisbär bei Catalina erschossen
Eisbär bei Catalina erschossen – Nachrichten vom 10. April 2017

Wo Eisbären und Menschen dicht aufeinandertreffen, ist ersterer in der Mehrzahl der Fälle schon so gut wie tot. Aus Sicherheitsgründen, wegen Gefahr für Leib und Leben oder in tatsächlicher Notwehr wird er erschossen. Nur in wenigen Fällen stehen die aufwendigen Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung, den Eisbären mittels Betäubungsspritze ruhig zu stellen und mit einem Helikopter in unbewohnte Regionen auszufliegen.

Kosten eines Eisbaer-Transports
Kosten für einen per Helikopter abtransportierten lebenden Eisbären führen zu erregten Diskussionen – Nachrichten vom 11. April 2017

Manchmal kann man einen Eisbären, der sich außerhalb seines natürlichen Habitats in die Nähe menschlicher Siedlungen begeben hat, mit Schreckschussmunition verjagen. In vielen Fällen aber kommt er bald wieder – aus Hunger oder aus Neugier: es riecht so interessant, wo Menschen wohnen, und man könnte vielleicht etwas zwischen die Zähne bekommen.

Eisbaeren auf dem Land haben Probleme
Wissenschaftler wird wegen der Eisbär-Sichtungen befragt

Die eisfreie Periode vor der Küste Labradors ist mittlerweile 18 Tage länger als noch vor 10 Jahren – daher sieht man die Eisbären, die nicht mehr auf dem Packeis nach Robben jagen können, vermehrt auf dem Land, wo sie nach Essbarem suchen. Sie fressen kleinere Tiere, Vogeleier und sogar Pflanzen (Vgl. Buch S. 193) – vielleicht genug zum Überleben, aber nicht ausreichend, um satt zu werden und hunderte Kilometer lange Schwimmstrecken (Vgl. Buch S. 172) zurück zum Eis zu überleben. Auch wenn nun gelegentlich in Neufundland, Labrador und anderswo mehr Eisbären in der Nähe von Siedlungen gesichtet werden als früher, sind dies nur selten starke, gesunde Tiere, die viel Nachwuchs (Vgl. Buch S. 199-205) hervorbringen werden.

Hungriger Eisbär auf Futtersuche
Hungriger Eisbär auf Futtersuche

(Fußnote) Die Fläche des arktischen Eises – im Sommerminimum – hat seit in den letzten 30 Jahren dramatisch abgenommen (1982: 7,5 Mio. km²; 2012: 3,4 Mio. km²; 2016: 4,1 Mio. km²); zudem hat die durchschnittliche Eisdicke stark abgenommen, so dass es auch im Wintermaximum viel weniger dickes, mehrjähriges Eis gibt als früher. Diese Verluste traten viel rascher ein als bisher prognostiziert; bleibt der gegenwärtige Trend erhalten, könnte es sein, dass wir bereits 2040 einen eisfreien Sommer in der Arktis erleben. Was das für das Weltklima und für uns alle bedeuten kann, will ich hier gar nicht diskutieren, sondern vorerst nur daran erinnern, dass die Zukunft der Eisbären mit der des arktisches Meereises verbunden ist.

Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf unser Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis.

posted by Mechtild Opel

Angry Inuk – Alethea Arnaquq-Barils neuer Dokumentarfilm

Als ich diesen bewegenden Film letztes Jahr im September beim Atlantik Film Festival in Halifax sah, dachte ich: der muss unbedingt in Europa gezeigt werden!

Filmplakat Angry Inuk
Das Plakat für den Film „Angry Inuk“

Die BERLINALE mit dem NATIVe Programm, das in diesem Jahr auf die arktischen Regionen fokussierte, hat diesen Wunsch verwirklicht.

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NATIVe im Cinestar IMAX, Berlinale 2017

Die Jagd auf Robben ist ein kontroverses Thema, das seit Jahrzehnten in öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Bilder von den niedlichen weißen Kegelrobben-Babys, die ganz traurig gucken, und darüber, wie die arglosen Tierchen auf den Eisschollen des St.- Lorenz-Golfs erschlagen wurden, haben viele Europäer schon ziemlich oft gesehen, und diese Bilder tauchen immer wieder auf. Dafür sorgen die bekannten Tierschutzorganisationen, in deren Kampagnen und Spendenaufrufen gerade die Robbenjagd eine große Rolle spielt (obgleich die Jagd auf diese niedlichen Robben-Babys schon seit Jahrzehnten verboten ist und Robben im Nordatlantik nicht zu den bedrohten Tierarten gehören!).

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Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis

Bilder von deutschen Schlachthöfen, davon, wie man dort mit den Schweinen, Kälbchen und Rindern umgeht, sind hingegen so gut wie gar nicht präsent im öffentlichen Bewusstsein. Dabei wird dort – pro Tag! – ein Vielfaches der Tiere, die in der Arktis im ganzen Jahr erlegt werden, getötet – abgeschlachtet! Und das passiert bei uns quasi vor der Haustür, nicht in einer fernen Region. Und – aber? – auch viel näher am eigenen Magen.


Alethea Arnaquq-Baril
Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film

In dem berührenden Film der mutigen kanadischen Alethea Arnaquq-Baril, einer jungen Inuit-Mutter, sieht man unter anderem ihr engagiertes Bemühen – das leider vergeblich bleibt – mit Vertretern verschiedener Tierschutzorganisationen in Kontakt und in Dialog zu kommen. Deren Aktivitäten haben nämlich bewirkt, dass durch ein EU-Einfuhrverbot der Markt für Robbenfelle und damit eine wichtige Erwerbsquelle für die Inuit zusammengebrochen ist. Übrigens eine nachhaltige – denn der Robbenbestand in der Arktis ist nicht gefährdet.

Fell einer Ringelrobbe
Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgepannt

Im Hohen Norden lebt man völlig anders als bei uns, wie der Film schon in der ersten Szene zeigt. Die Jagd ist dort Bestandteil des alltäglichen Lebens der Inuit. In bewundernswerter Weise verstehen sie seit Jahrhunderten, die wenigen vorhandenen Ressourcen in einer äußerst kargen Umwelt zu nutzen, in der von September bis Mai Winter ist, in der kein Getreide, kein Gemüse wachsen kann. Robbenfleisch ist das Grundnahrungsmittel für diejenigen Inuit, die an der Küste leben – d.h. für fast alle.

Lebensmittelkosten in der Arktis
Preise für Lebensmittel im Supermarkt in der kanadischen Arktis – Beispiele 2,5 kg Mehl 15$, 1,4 kg Reis 24$, ein Kopf Blumenkohl 12$, 6 Äpfel für 10$, 1,3 kg Fleisch für 73$

Heute leben Inuit in Siedlungen, müssen Miete, Steuern und ihre Rechnungen bezahlen, benötigen also Einkommen. Noch immer ist die Mehrheit der Inuit in der kanadischen Arktis auf die Jagd angewiesen. Wer einmal dort im örtlichen Supermarkt die Produkte und die Preise gesehen hat, weiß, dass Jagd nicht nur Bestandteil der Kultur, nicht nur normale Erwerbsarbeit ist, sondern für die Mehrheit der Arktisbewohner einfach auch überlebensnotwendig. Um den Hunger zu stillen! Wild findet man nur in größerer Entfernung von den Siedlungen, das Benzin für das Schneemobil, das Boot muss bezahlt werden. Der Verkauf der Robbenfelle und -Produkte trägt in unverzichtbarer Weise zum Lebensunterhalt bei.

Fellstiefel
Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefel

Gäbe es Alternativen, um den Lebensunterhalt zu verdienen? Im Hohen Norden Kanadas liegen Rohstoffe, wie Uran und Erdöl. Ihre massive Förderung bedeutet die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis. Der Film macht deutlich, dass die Inuit-Aktivisten ihre Umwelt für sich, ihre Kinder und ihre Enkel bewahren, die arktische Tierwelt und die grandiose Landschaft schützen wollen. Sie fühlen, dass sie mit Greenpeace und den Tierschutzorganisationen auf einer Seite sitzen sollten anstatt Zielscheibe ihrer Kampagnen zu sein – oder von ihnen ignoriert zu werden. Die eigentlichen Gegner? Diejenigen, die die Inuit zur Zustimmung bewegen wollen, für kurzzeitigen „Wohlstand“ die Rohstoff-Ressourcen auszubeuten, ihre nachhaltige Lebensweise aufzugeben und irreversible Eingriffe in die Natur zu gestatten.

Aaju Peter
Mit im Film: Aaju Peter, Designerin für Fellkleidung und Aktivistin für Inuit-Rechte

Die Inuit, ihrer kulturellen Tradition gemäß, zeigen sich normalerweise nicht „angry“ – im Sinne von lautem, lärmenden Protest. Sie bevorzugen es, höflich, bescheiden und mit nachvollziehbarer Argumentation auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Ob so ihre Stimme gehört wird? Dass Angry Inuk kürzlich beim Santa Barbara Film Festival mit dem „Social Justice Award“ geehrt wurde, gibt Hoffnung; man wünscht sich, dass der Film nicht nur vor Tierschutzorganisationen, sondern auch vor dem Europäischen Parlament gezeigt wird – und dass das dort beschlossene Einfuhrverbot für Robbenprodukte aufgehoben wird.

posted by Mechtild Opel

The Heydays And Decline Of Arctic Exploration

Evidence from two Polar Bear Paintings

Guest contribution – by Michael Engelhard

Analyzing the heroic quest narrative, the American mythologist Joseph Campbell pointed out that it is crucial for the protagonist to face unknown dangers and to gain some spiritually or physically valuable thing. As a placeholder for Arctic adversity, the polar bear perfectly embodied such a thing. Captured alive, pictured, described for science, or slain for its meat or skin, it signified the hero’s trophy, his travails and rewards.

Biard_Kampf mit Eisbaeren_1840
Fight with polar bears, by François-Auguste Biard, 1840

Two English nineteenth-century paintings that fall well within the Heroic Age epitomize the polar bear’s role in visual mythmaking: Richard Westall’s apotheosis Nelson and the Bear (1806) and Edwin Henry Landseer’s memento mori Man Proposes, God Disposes (1864).
Landseer’s monumental canvas alludes to the fate of Sir John Franklin (Nelson’s subaltern at the battle of Trafalgar), “the man who ate his boots,” who with his sailors disappeared sometime after 1845, while seeking to conquer that other chimera, the Northwest Passage. Using dark tones throughout this painting, Landseer, who’d studied live polar bears at the menagerie at the Exeter Exchange in London’s Strand, cast long shadows upon “an English optimism and triumphalism, which was particularly apparent at mid-century.”

Franklin’s had been the largest and best-equipped Arctic expedition to embark until then. His wife, Lady Jane Franklin, who never stopped hoping for his return, attended a soiree at the Royal Academy at which the “offensive” painting was shown. Her indignation was caused by the inclusion of two polar bears that, in Landseer’s imagining of the aftermath, gnawed on a human ribcage and shredded a red British ensign, symbol of national pride. Lady Franklin’s shock at the sight of the disgraced flag could have been exacerbated by the fact that she had sewn it (or one very much like it) for her knight-errant before he embarked on his last journey. Allegedly, at home, she had thrown that silken flag over Franklin, who was stretched out on a divan, and he had startled, reminding her that the Navy covered corpses with the Union Jack before burial at sea. Superstition also surrounds the painting itself. Man Proposes, God Disposes now hangs in the study hall of the Royal Holloway (a college of the University of London) where administrators long felt it necessary to cover the work with a large Union Jack during exams. Rumor had it that a student who had looked directly at it went mad and committed suicide and that those who sat next to it would fail their exams or die.

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Man Proposes, God Disposes – painting by Edwin Henry Landseer, 1864

Every animal painting is also always a self-portrait, a story we tell about Nature and thereby reflective of our own nature. The red ensign in Man Proposes, which draws the viewer’s gaze, recalls Tennyson’s “Nature, red in tooth and claw”—but to pious Victorians, the horror of men having become bear prey was nothing compared to the evil whose name few dared to speak.
In 1854, word had reached London that Dr. John Rae of the Hudson’s Bay Company had met some Inuit who had learned from others that about forty white men had been seen in 1850, dragging a boat south, and that later, the bodies of those men had been found. They most likely had died from cold and starvation, but John Rae’s report included a disturbing detail mentioned by his informants. “From the mutilated state of many of the bodies, and the contents of the kettles,” he wrote, “it is evident that our wretched countrymen had been driven to the last dread alternative as a means for sustaining life.”
That the men who had been commanded by the man who once ate his boots had allegedly resorted to this outraged the civilized British. To be known as men who were savaged by polar bears was tragic, if rather interesting—“to be known as men who ate each other, unthinkable.” In light of Dr. Rae’s news, the ravenous bears in Landseer’s work became interchangeable with men, identical to them—too close for emotional comfort, which Darwin’s ideas had already disturbed.
Landseer’s monumentalized animal stands firmly in the tradition of seventeenth-century vanitas still-life paintings. In this art form, bodily remains and sundry objects symbolize vanity and the fleetingness of wealth, power, and fame—indeed, of all human endeavors—in the face of death. It is unlikely that Landseer suggested that bears had killed any of Franklin’s men; rather, he portrayed them in the scavenger mode that explorers often observed. To one reviewer, the painting’s characters looked like “monster ferrets,” which must have pained Landseer, who had gone so far as to borrow a polar bear skull from a Scottish museum in order to get the animal’s face and dimensions right.

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Nelson and the Bear – painting by Richard Westall, 1806

Westall’s Nelson and the Bear reflects a younger, more confident empire. It poises the plucky, fifteen-year-old midshipman and future hero of Trafalgar at the edge of the pack ice, in a frockcoat, with buckled shoes and a bonnet resembling a chef’s hat—not really dressed for such an outing. Nelson wields his musket like a club against an opponent that has flattened its ears against its head and looks more like a scared sheepdog than a polar bear.
In 1773, young Horatio’s ship, HMS Carcass, like many before it on the search for the Northeast Passage, ground to a halt in the ice near Spitsbergen. Carcass and a second ship, Racehorse, were sailing under the command of Commodore Constantine Phipps, who on that same voyage named the polar bear Ursus maritimus.
Together with a shipmate, Nelson went after the bear, whose skin he wished to give to his father. That, at least, is the story the ship’s captain, Commander Skeffington Lutwidge, started telling decades later. He added the companion and the loyal filial element only in 1809, four years after Nelson had bled to death on the deck of HMS Victory. In Lutwidge’s story, Nelson’s rusty, borrowed musket misfired and he was saved only because a rift in the ice had appeared, separating him from the bear. Westall’s painting, however, shows only Nelson, a single, steadfast Briton facing the epitome of the hazardous North. Obviously, a companion on the ice would have diminished Nelson’s glory. Westall also included, in the background, Carcass helping to scare of the bear by firing a cannon. Besides adding to the hagiography of a national hero, the work celebrated Britannia and its mariners, tougher than walrus hide.
Westall had conceived the painting as one of a series of episodes illustrating Robert Southey’s Life of Nelson, begun in 1809 and published in 1813. Southey gave his hero a line ripe with braggadocio. “Do but let me get a blow at this devil with the butt-end of my musket, and we shall have him,” Nelson supposedly shouted to his comrade after his shot had missed the bear. It gets stranger yet: Westall’s painting was copied as an engraving for the Life of Nelson by John Landseer, the father of Edwin Henry Landseer.

Eine Version des Westall Gemäldes, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880
Another version of the Westall painting, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880, (National Library of New Zealand)

Nelson and the Bear and to a degree even Man Proposes follow conventions of the exploration narrative, a genre seeking to terrify and to titillate. Such dramatizations of the quest—hand-to-paw combat, hull-crushing bergs, scurvy, and starvation—hallowed soldiers and explorers, especially in premature death. By the time Landseer finished Man Proposes, more ships and men had been lost in search of Franklin. The futility of Arctic exploration was starting to register, but British hubris and vainglory persisted until 1912, when another hero—Robert Falcon Scott—perished at a pole, and an iceberg ruined both an “unsinkable” ship and the confidence of a nation.

Arctic_Exploration_cartoon
Arctic exploration in a contemporary cartoon – click here for larger version

Michael Engelhard is the author of Ice Bear: The Cultural History of an Arctic Icon and of American Wild: Explorations from the Grand Canyon to the Arctic Ocean. Trained as an anthropologist, he lives in Fairbanks, Alaska and now works as a wilderness guide in the Arctic.




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