Archiv der Kategorie 'Arctic - Arktis'

Wo die Atemluft zu Nebel wird –
„Three Thousand“ von Asinnajaq

Update: Hier einige Impressionen vom Filmabend im Berlinale-Kino Zoopalast

Es sind nur 12 Minuten Film, doch welche Fülle und Intensität!
Zarte farbige, abstrakte Gebilde bewegen sich, fließen und setzen sich neu zusammen, während die ersten Sätze erklingen wie Musik, gesprochen in Inuktitut und gleich darauf in englischer Übersetzung, in denen Asinnajaq eigentlich Unfassbares umreißt: „…jetzt lebe ich, aber ich werde sterben, und es wird eine Welt geben, in der ich nicht existiere“. Wie Poesie klingen auch die nächsten Worte, doch sie sind auch konkret, einfache Realität: “Mein Vater wurde im Frühlings-Iglu geboren – halb aus Schnee, halb aus Tierhäuten. Ich wurde im Krankenhaus geboren, mit Gelbsucht und zwei Zähnen“. Zwei Sätze, die das Tempo der Zeit erfassen, einen Generationswechsel – einen kulturellen Umbruch.

Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char
Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char

Beim Klang von Inuit-Kehlgesang zerfließen die farbigen Gebilde, geben den Blick frei auf eine eisbedeckte Meeresbucht vor hohen Bergen, auf Pitsik, rohe rote Fische, die zum Trocknen aufgehängt sind, auf eine schneebedeckte Tundralandschaft, über die der Wind fegt. Ein Hundeschlittengespann, Iglus, Frauen bei der Arbeit, neugierige Kinder … – Szenen aus alten Dokumentarfilmen in Schwarzweiß: Impressionen aus dem Alltagsleben der Inuit vor Jahrzehnten.

Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek
Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek

Szenenwechsel: Das Schiff „Arctic“ kämpft sich durch raue See, Inuit bereiten den Landungssteg vor, Kapitän Bernier, ein bekannter Polarfahrer, defiliert in Uniform vor den am Rand versammelten Inuit, an die Süßigkeiten ausgeteilt werden: Bilder einer Zeit, in der koloniale Attitüden gegenüber indigenen Völkern offensichtlich waren – und in der einschneidende Umwälzungen eingeleitet wurden, wie in der Folge erkennbar wird.

Die Filmemacherin Asinnajaq
Die Filmemacherin Asinnajaq – Foto: Alex Tran

Die junge Inuit-Filmemacherin Asinnajaq ist Absolventin des NSCAD in Halifax, in Montreal geboren und aufgewachsen, aber der Welt ihrer Vorfahren fest verbunden. Sie verwendet Filmmaterial aus den Archiven des NFB (das National Film Board of Canada, das den Film auch produziert hat), darunter Dokumentationen, Propaganda- und Bildungsfilme wie auch Spielfilme von Inuit-Filmschaffenden; kombiniert mit Animationen schafft sie daraus eine faszinierende Collage.
Farbige Naturaufnahmen zeigen arktische Tiere, wie Karibus, die erstaunlicherweise in der schneebedeckten Tundra existieren können – genau wie die Inuit; trotz aller Unwirtlichkeit, der unerbittlichen Kraft der Natur in diesen hohen Breitengraden. Wir, weiter südlich lebend, gewöhnt an milderes Klima, könnten dort kaum überleben; die Inuit tun es seit Jahrtausenden, es ist ihre Heimat – die sich gerade radikal verändert.

Gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden
Ein Fourwheeler, gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden

Die „Videoschnipsel“ aus dem NFB-Archiv zeigen, wie die Inuit in erstaunlicher Weise, unter Nutzung der lokalen Ressourcen und mit einfachsten Mitteln ihr Leben meisterten und meistern. Viele der gezeigten Handlungen erscheinen uns nahezu archaisch. Das Abhäuten von Tieren, das Trocknen und Reinigen von Pelzen, das Schneiden von Lederriemen aber gehört noch immer zum Alltagsleben (wie auch der auf der Berlinale 2017 vorgestellte Film Angry Inuk zeigte) – dies auch in der großen arktischen Siedlung mit Supermarkt, Strom- und Wasserversorgung, farbenfrohen Häusern und modernen Küchen. Neugierige Kinder im Klassenzimmer, ein großes Fabrikgebäude in arktischer Landschaft und Inuit in der Essenspause in der Werkkantine stehen für den radikalen Umbruch. Der Fourwheeler hat das Hundeschlittengespann abgelöst, doch es ist noch immer Arktis; wo im Winter die Atemluft gefriert; wo auch die Kleinkinder wissen, dass ein totes Tier neben ihnen bedeutet, dass es etwas zu Essen gibt.

Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert
Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert in Zusammenarbeit mit Patrick Doan

Packend die Intensität der Szenen, die in schneller Folge wechseln – und doch immer wieder Ruhepole zeigen: eine behaarte Raupe im Tundragras; die Großmutter, die ein kunstvolles Behältnis aus trockenem Gras flicht. Das alles eingebettet in Schichten von traumartigen Animationen, die sich in Landschaftsbildern auflösen; Musik, anfangs weich und sanft, sphärische Klänge, konturiert durch den rauen, hektischen Kehlgesang (hier wirkt auch Tanya Tagaq mit) – bereichert durch Naturgeräusche. Es ist Poesie, und es ist Alltag. Und es wird zur Vision, wenn Asinnajaqs digitale Animationen in die Zukunft führen, in das Jahr Dreitausend: unter den Nordlichtern im Dunkel der Polarnacht – oder des Universums? – glüht eine futuristische Inuit-Siedlung auf; ein Elternpaar in traditioneller Kleidung, das Baby im Amauti, schaut von einem Berg auf die strahlende Lichtkuppel im Zentrum der Siedlung: Kontinuität und Hoffnung.

Filmposter, Ausschnitt
Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt

Three Thousand, eine Produktion des National Film Board of Canada, ist auf der Berlinale zu sehen:
Dienstag, 20.3.2018, 22:00 Uhr im Zoopalast, Hardenbergstraße 29A,
Freitag, 23.2.2018, 21:30 Uhr im Cinestar IMAX, Sony-Center, Potsdamer Straße 4.

posted by Mechtild Opel

Die Einsamkeit des Kapitäns

Gedanken am Geburtstag von Robert Le Mesurier McClure

Als Robert McClure am 28. Januar 1807 in Wexford (Irland) geboren wurde, war er bereits Halbwaise; daher trägt er auch den Namen von Le Mesurier, dem hochgestellten Freund des Vaters, der den Knaben adoptierte und einige Zeit für seine Erziehung und Ausbildung sorgte. Bei der Royal Navy musste McClure sich allerdings Aufstieg und Beförderungen hart und langwierig erkämpfen, ohne jede Protektion. Es dauerte bis 1850, dass er erstmals als Kapitän ein Schiff befehligte: HMS Investigator, die zusammen mit HMS Enterprise unter Kapitän Collinson zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition aufbrach.

Plymouth Harbour im 19. Jh - unbekannter Meister
Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister

Miertsching berichtet vom 18. Januar 1850, als er vor Beginn der Reise in Plymouth Sound bei den Schiffen eintraf: „Kapitän Collinson und sein Gast Comander McClure von dem Investigator hatten soeben ihr Mittagsmahl beendigt, und bewillkommten mich aufs freundlichste“. Die Kapitäne speisten also miteinander; war ihre Trennung von den Offzieren bei den Mahlzeiten, ebenso wie die Trennung letzterer von der „gewöhnlichen“ Mannschaft, eine Maßnahme, um die strikte Rangordung an Bord und die Disziplin zu wahren? „Die Officiere essen 2 Uhr, der Kapitain 4 Uhr Mittag“, schreibt Miertsching am ersten Reisetag. In welcher Situation befindet sich der wichtigste Entscheidungsträger an Bord der Investigator? Die Offiziere trafen sich im ward room oder gun room, leisteten dort einander Gesellschaft, lachten, scherzten, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinam ein. Der Kapitän dagegen, der eine sehr große Kabine hatte – in der sich natürlich auch Kartentisch und nautische Instrumente befanden – tafelte dort in der Regel mutterseelenallein, und nur selten, bei besonderen Anlässen wie etwa am Silvestertag 1851, lud er die Offiziere dazu ein.

Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte
Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London

Wie kollegial durfte und konnte damals ein Kapitän mit seinen Untergebenen umgehen? Man weiß, dass Kapitän Collinson mit den Offizieren von HMS Enterprise aneinander geriet, sie schließlich sämtlich unter Arrest stellte. Auch Admiral Belcher, dessen Kompetenz wohl im Gegensatz zu seiner Macht stand, hatte bei der Durchsetzung seiner Autorität Probleme. War etwa die eigene Position in Gefahr, wenn man sich mit anderen beriet und auf Kritik einging? Mir ist nicht bekannt, dass Kapitän Kellet, Kommandant von HMS Resolute, solchen Konflikten gegenüberstand. Doch welche Gratwanderung mag es sein, wenn das eigene Selbstvertrauen vielleicht nicht der hohen Verantwortung entspricht, wenn man zudem die jungen Offiziere für zu unerfahren hält, wenn ein Teil der Mannschaft ein disziplinloser Haufen ist, und man sein Gesicht, seine Autorität um jeden Preis wahren muss, bei Strafe von Meuterei?

HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson
HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson

Miertsching, der Außenseiter an Bord von HMS Investigator, ist eine Landratte, er ist kein Offizier, auch wenn er auf Anweisung des Kapitäns als solcher zu behandeln ist, und er versteht anfangs kaum Englisch. In den ersten Wochen und Monaten an Bord erlebt er ständige „Zänckerei zwischen dem Kapitän und den Officieren“ und hält sich nach Möglichkeit davon fern.
Doch wiederholt wird Miertsching vom Kapitän zu Tisch geladen. Sein Tagebucheintrag vom 8. Februar 1850 lautet: „Von Heute an soll ich jeden Mittag 12 Uhr zum Kapitain kommen, und mit ihm ein Glas Wein trinken (Luncheon). Meine Bücher und Schreibereien, die ganz naß und feucht sind, so wie meine Guittare soll ich von nun an in des Kapitains Kajüte haben.“ Zudem berichtet er in Abständen davon, dass er mit dem Kapitän zu Abend speiste. Warum diese Sonderbehandlung? Sucht der einsame McClure die Gegenwart eines anderen Einsamen? Sucht er gar Trost?

Der Geburtsort McClures, Wexford
Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia

Miertsching erlebt McClure in der Auseinandersetzung mit der Mannschaft als ungeduldig und jähzornig, zum Beispiel als bei einem Sturm die Takelage Schaden nahm, während der diensthabende Offizier unter Deck war: „Der Kapitain war wüthend böse; förmlicher Unmensch“, schreibt er am 15. Mai 1850, doch drei Tage später heisst es: „Der Kapitain war heute sehr freundlich, und ich mußte den Tag über in seiner Kabine sein. Unsere Unterhaltungen waren lang und interessant; es schien ihm Leid zu thun dass er sich dieser Tage so vergessen hatte“. Nach der Abfahrt von Hawaii in die Bering Strait ist Miertsching erleichtert: „Das unangenehme Verhältniß zwischen dem Kapitain und Officieren hatte sich in den wenigen Tagen in ein sehr angenehm und freundliches verwandelt… Der Kapitain war bei uns zu Tische…“.

McClure_National_Portrait_Gallery_London
Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London

Doch mit wem bespricht der Kapitän seine Entscheidungen? Aus Miertschings Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass er sich mit seinen Offizieren beraten hätte. Hingegen sucht er in schwierigen Situationen oft die Gegenwart des als Übersetzers eingestellten Herrnhuter Bruders. Ist da endlich einer, mit dem er mal reden, sich aussprechen kann, ohne in Gefahr zu laufen, dass dies seiner Autorität Abbruch tut?
Man sollte aber nicht glauben, dass der so „bevorzugte“ Miertsching nun immer mit dem Kapitän einer Meinung war. So beklagt er im Tagebuch am 30.11.1850: „Ich habe rheumatische Schmerzen in allen Gliedern und fortwährend ist mir kalt; zum Auswärmen oder Kleidertrocknen ist keine Gelegenheit, weil die Schiffsöfen nicht geheizt werden; denn der Kapitain glaubt, Wärme ist dem Menschen schädlich, sagt: die Eskimo haben keine Öfen und keine Feuer, sind dabei die gesündesten Menschen. Der Kapitain … feuert in seinem Stubenofen täglich 32 Pfund Steinkohlen“. Miertsching erwähnt auch seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kapitän, wenn dieser mit ihm etwa über die Bestrafung von Delinquenten und vor allem über religiöse Fragen diskutierte.

im arktischen Eis
Eis, wohin das Auge blickt

Nach der ungeplanten Trennung von HMS Enterprise war die 65-köpige McClure-Expedition bereits im Herbst 1850 auf das damals fehlende Glied der langgesuchten Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik gestoßen; doch die Männer mussten noch harte und entbehrungsreiche Jahre in einer der entlegendsten Gegenden der Arktis zubringen, bevor sie gerettet wurden. Ihr Schiff, HMS Investigator, musste schließlich im Eis der Arktis zurückgelassen werden, wo es Unterwasserarchäologen von Parks Canada erst 2010 fanden.

Finden des Wracks
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Die Zeit der Entbehrungen und Hoffnungslosigkeit wirkt sich auf das psychische Befinden der Männer aus – auch auf ihren Kapitän. Miertsching, der McClure oft zur Jagd und auf Spaziergängen begleitete, bemerkt in seinem Tagebuch: „Es thut mir Leid um unsern viel geprüften werthen Kapitain; er muß sich zwingen guten Muth zu zeigen.“ Im dritten Winter im vom Eis eingeschlossenen Schiff, in der Zeit von drastischen Hunger und um sich greifenden Skorbut, mit wenig Hoffnung auf Rettung, bringt Miertsching Verständnis für die schwierige Situation des Kapitäns auf: „Ach wie mag es dem von Sorgen und Kummer niederdrückenden Kapitain zu Muthe sein, wenn er seine einst so starken, rüstigen und gesunden, und nun kaum sich aufrecht haltenden dahinwelkenden Matrosen ansieht!

HMS Investigator im Polareis
HMS Investigator im Polareis – Buchillustration

In dieser verzweifelten Lage mussten überaus schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr mit Segeltechnik und Navigation zu tun hatten: Wie klein darf und wie groß muss die Ration für den Einzelnen sein, damit alle, oder möglichst viele, überleben können? Harrt man an Bord des eingefrorenen Schiffes aus und hofft auf einen warmen Sommer und verhungert gemeinsam – oder muss das Schiff verlassen werden? Zumindest von Teilen der Mannschaft? Wen sendet man fort, wohin soll zu Fuß übers Eis oder Land gewandert werden, wo ist die Aussicht auf Rettung am größsten?

Leutnant Pim taucht auf - die Mannschaft ist gerettet
Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration

Wohl keiner von uns wüsste, was in einer so verzweifelten Lage zu tun wäre, und so ist es zwar heute einfach, aber nicht ganz gerecht, McClure für seine einsamen Enscheidungen zu verurteilen, auch wenn das Aufteilen der Mannschaft und Aussenden der kranken Männer zu Fuss mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Tod eines großen Teils bewirkt hätte. Vielleicht aber wäre es auch eine – wenn auch geringe – Möglichkeit des Überlebens, zumindest für Einige, gewesen? Und welche andere Chance hätte es denn noch gegeben, wenn nicht unvermutet Rettung aufgetaucht wäre? – Vier Männer der McClure-Expedition fanden ihren letzten Ruheplatz in der Arktis – nur vier; es hätten leicht auch viel mehr sein können, bedenkt man das Schicksal der Franklin-Expedition.

Das Grab von Thomas Morgan auf Beechey Island
Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut

Die Nordwestpassage wurde nicht von einer einzelnen Person entdeckt. Dutzende hatten ihren Anteil an der Kartierung der unbekannten Küsten und Meeresstraßen, und die „Passage“ ergab sich erst aus dem Zusammenfügen dieser Landkarten und Erkenntnisse. McClure und seine Männer aber waren zumindest die ersten, die die gesamte Nordwestpassage durchquerten, wenn auch auf mehreren Schiffen und teilweise zu Fuß. Bei aller berechtigten und vielleicht auch unberechtigten Kritik an der Person McClures ist dies eine der bemerkenswertesten Leistungen bei der Erforschung der Arktis.

Grabmal McClures auf dem Kensal Green Cemetery
Grabinschrift für McClure:
„In Memory of Vice Admiral Sir Robert John le M. McClure C.B. Born 28 January 1807 died 17 October 1873. As Captain of HMS ‚Investigator‘ AD 1850-54 he discovered and accomplished the Northwest Passage“ – „Thus we launch into this formidable frozen sea“ – „SPES MEA IN DEO“

posted by Mechtild Opel

„Let’s raise a toast to Miertsching!“

(Deutsche Version hier)
Today, it’s the 200th birthday of Germany’s only person who took part in finding the Northwest Passage

On August 21, 1817, a young son by the name of Johann August was born into family of the carpenter Johann Miertsching in the Sorbian village Hrodźišćo (Gröditz) near the town Weißenberg in Upper Lusatia. Only 4 years earlier, the fields around this village had been whipped up by cannon balls and soaked in blood when Napoleon and his Saxonian allies fought against the Prussian and Russian troops in the battle of Bautzen.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz near Weissenberg, Upper Lusatia

From the village on a hilltop, one had a clear view of the surrounding country with the bell-towers of the neighboring parishes clearly visible. On the horizon, one could recognize the towers of Budissin (now Bautzen), the capital of Upper Lusatia, a region under the rule of Saxony. Has this view into the long distance influenced the later life of the boy?
When Johann August turned 10, the village school of Gröditz got a new teacher, who started to teach his pupils to read German. Before, lessons had been held exclusively in Sorbian.

From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka
From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka

When Miertsching celebrated his twentieth birthday, he was a skilled shoemaker in the village of Kleinwelka near Budissin, an important settlement of the „Herrnhutians“, the Moravian Brethren. When he turned 25, he had already been accepted as a member of the Moravian Brethren for two years. He had passed the master craftsman’s examination and was head of the shoemaker’s workshop in the village.

Okak – historische Zeichnung
Old drawing showing Okak in Northern Labrador

On his 30th birthday, Miertsching was far away from home, on another continent. He had already been serving in the Moravian mission with the Inuit in the settlement of Okak in the subarctic region of Northern Labrador, just north of the 57th latitude, for three years.
Here, he had learned the language of the Inuit and, along with everyday work and other duties, was working mainly as a teacher. On August 24, 1847, three days after his birthday, he wrote in a letter to Herrnhut: „Because the unmarried brothers and the boys were visiting me every day, I had started a lesson in geography and science of the world, and it seemed to please them, And for me, it was a good exercise in the language … “.

Flaxman Island
Near Flaxman Island Miertsching, as an interpreter for his ship’s captain, was talking with the local Inuit

Turning 35, Miertsching was in a very critical situation. Two years earlier, in 1850, he had been chosen as an Inuit interpreter for one of the British naval expeditions in search for Franklin’s lost expedition. After arriving on board of the HMS Investigator, he had had to learn the English language very quickly. Now, on August 21th 1852, he had already gone through two winters full of hardship in the High Arctic.

Die Investigator im Eis
HMS „Investigator“ in the pack ice

The ship lay in a small bay north of Banks Island, north of 74°N in the Western Arctic. It was firmly caught in ice of the Polar Sea. Many of the crew were suffering from scurvy. Everyone was eagerly waiting for the break-up of the ice, but this summer seemed to be cooler than normal. The ship was still frozen and the food was scarce. In his diary, Miertsching is mentioning the „crestfallen crew“; he himself seeks consolation in his faith. On his birthday, he notes only briefly: „I spent this day on the land, wandering around alone. The Lord gave me great grace also today … “.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head, Banks Island – by Samuel Gurney Cresswell

By the time Miertsching is turned 40 years old, he was living on a completely different continent. He had married shortly before, and, together with his wife, had traveled to South Africa to serve in the Moravian mission there. He was now living in Elim, about 15 km away from the Southern tip of Africa, where he was in charge of the mission’s trade in the village. Now, with the help of his wife, he was working hard to turn the previously loss-making store profitable, he established proper bookkeeping – and he was learning a new language: Afrikaans. In the beginning, the completely different climate with its unfamiliar warmth did not bother him too much, because there „is always some fresh air blowing from the sea“ in Elim. His young wife was pregnant and their first child was due at the end of the year.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching with his young wife

On his 45th birthday, in 1862, Miertsching was living in Genadendal, a village in the Cape region, which is somewhat closer to Cape Town than Elim, but further inland. Here, too, he had the job to put the shop operation in better order then the previous storekeeper. Meanwhile, he had a four-and-a-half-years-old daughter; and although two little sons had passed away shortly after their birth in Elim, the couple was now enjoying a new baby, an eight-months-old girl. At this point, they did not know yet that this poor little girl would not survive to see her third birthday!

Kirche und Schule in Genadendal
Church and school in Genadendal, South Africa

The living conditions in Genadendal were not easy. Miertsching often had to travel to Cape Town which was more than 100 km away. The arduous and strenuous transportation was carried out with oxen carts. The country was suffering from drought and crop failure and both animals and people were suffering from diseases, including contagious epidemics.
Did Miertsching spend his 50th birthday in 1867 in good spirits? Probably not. The day before, his son would have turned two – had he survived. But only two months earlier, the little boy had died of diphtheria. Only their eldest daughter, Marie, was still alive. However, according to the rules of the Moravian Brethren, she had been separated from her parents the year before and had been sent to a boarding school in Germany.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertsching’s headstone at the Moravian cemetery in Kleinwelka

Miertsching did not live to see his 60th birthday in 1877. More than two years earlier, in the early spring of 1875, he found his resting place in the Brethren’s cemetery in Kleinwelka. His wife had already passed away in 1869, shortly after their return from South Africa. His remaining life as a widower, as a father of an adolescent girl and a toddler, had certainly not been very joyful.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Moravian Archives in Herrnhut

Miertsching’s life is only partially documented, at its best during his Arctic journey – by himself and by other contemporaries. His efforts under these extreme conditions were highly appreciated by his captain, by the ship’s crew, by the officers involved in their rescue, and, finally, even by the Queen of Great Britain, who awarded him with the „Arctic Medal“.

Graeber auf Beechey Island
On the way back from the Arctic, Miertsching spent several weeks on Beechey Island. One of his crew members found his resting place close to three graves from Franklin’s lost expedition

Other periods of his life, however, are unfortunately only known in fragments. During our archival searches in Germany, England, Hawaii, and Canada, we have repeatedly unearthed new documents which were little or never known before – like two unknown letter we found just a few weeks ago. They shine a new light on the personality of Miertsching, even if some questions still remain unanswered. In the book we are currently working on, we will present the results of our findings and try to give a more complete picture of Johann August Miertsching.

On the traces of Miertsching, we visited the Mission House Museum in Hawaii
On the traces of Miertsching, we visited the Mission Houses Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel

Ein Toast zu Ehren von Johann August Miertsching

(English version here)
Zum 200. Geburtstag des einzigen Mannes aus Deutschland, der am Auffinden der Nordwestpassage beteiligt war

Am 21. August 1817 wurde im sorbischen Dorf Hrodźišćo (Gröditz) bei Weißenberg in der Oberlausitz Johann August ( sorbisch: Jan Awgust) – der Sohn des Zimmermanns Johann Miertsching (Měrćink), geboren. Da war es erst vier Jahre her, dass die Äcker rund um das Dorf durch Kanonenkugeln aufgewühlt und von Blut getränkt worden waren, als Napoleon mit den verbündeten Sachsen in der Schlacht bei Bautzen hier gegen die preußischen und russischen Truppen kämpfte.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz bei Weißenberg, Oberlausitz

Von dem auf einem Hügel gelegenen Dorf hatte man auch damals einen freien Blick ins umgebende Land, aus dem die Glockentürme der benachbarten Kirchspiele aufragten. Am Horizont waren die Türme von Budissin (heute Bautzen) erkennbar, der Hauptstadt der unter sächsischer Herrschaft stehenden Oberlausitz. Hat diese Sicht in die Weite das spätere Leben des Knaben beeinflusst?
Seinen 10. Geburtstag beging Jan Awgust als Schüler der Gröditzer Dorfschule, wo der Unterricht bis dahin ausschließlich in Sorbisch stattgefunden hatte; nun brachte ein neuer Lehrer den Schülern auch das Lesen der deutschen Sprache bei.

1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka
1831 bis 1844 lebte Miertsching im Bruederhaus in Kleinwelka

Als Miertsching seinen 20. Geburtstag feierte, war er Schustergeselle in dem nahe Budissin gelegenen Dorf Kleinwelka, einem Stützpunkt der Herrnhuter Brüdergemeine. Als er 25 wurde, hatte er seine Meisterprüfung abgelegt und war inzwischen in die Brüdergemeine aufgenommen worden.

Okak – historische Zeichnung
Okak im Norden Labradors, historische Zeichnung

Seinen 30. Geburtstag feierte Miertsching bereits weit weg von zuhause, auf einem anderen Kontinent. Mittlerweile arbeitete er bereits im dritten Jahr seines Dienstes in der Herrnhuter Mission bei den Inuit in Okak, einer Siedlung in der subarktischen Region im Norden Labradors nördlich des 57. Breitengrades. Hier erlernte er die Sprache der Inuit und war neben praktischen Alltagsarbeiten und anderen Pflichten vor allem als Lehrer tätig. Am 24.8.1847, drei Tage nach seinem Geburtstag, berichtet er in einem Brief nach Herrnhut: „Ich hatte für die ledigen Brüder und Knaben, weil sie mich täglich besuchen, einen Unterricht in der Weltkunde angefangen, und es schien ihnen Vergnügen zu machen, und für mich war es eine gute Übung in der Sprache …“.

Flaxman Island
Nahe Flaxman Island konnte Miertsching als Dolmetscher für seinen Kapitän sich mit den dortigen Inuit verständigen

Seinen 35. Geburtstag, 1852, muss Miertsching in sehr kritischer Lage begehen. Anfang 1850 war er als Inuit-Dolmetscher für eine britische Expeditionen zur Suche nach Franklins verschollener Expedition ausgewählt worden und musste an Bord des Schiffes HMS Investigator in kürzester Zeit die englische Sprache erlernen. Nun hatte er bereits zwei Winter in der Arktis hinter sich, und zwar im Hohen Norden.

Die Investigator im Eis
Das Schiff „Investigator“ im arktischen Packeis

Das Schiff liegt in der westlichen Arktis nördlich des 74. Breitengrades in einer Bucht des Polarmeeres im Norden von Banks Island Banks Island fest, gefangen im Eis. Viele Männer leiden an Skorbut. Alle hatten sehnlichst auf das Aufbrechen des Eises gewartet, doch dieser Sommer ist kühler als normal, das Schiff bleibt fest eingefroren, und die Lebensmittel werden knapp. In seinem Tagebuch erwähnt Miertsching die „niedergeschlagene Mannschaft“, er selbst sucht Trost in seinem Glauben und vermerkt über seinen Geburtstag nur knapp: „Ich verbrachte den heutigen Tag auf dem Lande, und wanderte einsam herum. Der Herr schenckte mir auch heute große Gnade …“.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head auf Banks Island – Zeichnung von Samuel Gurney Cresswell

Als Miertsching 40 wird, befindet er sich in einem völlig anderem Erdteil. Er hatte kurz zuvor geheiratet und war im Dienst der Herrnhuter Mission mit seiner Frau nach Südafrika gereist. In Elim, etwa 15 km entfernt von der Südspitze Afrikas, hat er den Handel der Mission übernehmen müssen. Nun bringt er unter der Mitwirkung seiner Frau das zuvor verlustreiche Ladengeschäft der Mission und die vernachlässigte Buchhaltung in Ordnung und erlernt eine neue Sprache (Afrikaans). Das völlig andere Klima mit der ungewohnten Wärme macht ihm zunächst noch nicht allzu sehr zu schaffen, da in Elim „immer etwas Seeluft weht“. Seine junge Frau ist schwanger, am Jahresende wird ihr erstes Kind erwartet.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching und seine junge Frau Clementine Auguste

Seinen 45. Geburtstag 1862 verbringt Miertsching in Genadendal, ebenfalls in der Kapregion, näher an Kapstadt, aber weiter im Inland gelegen. Er soll nun auch hier den Handel und den Ladenbetrieb in Ordnung bringen. Inzwischen hat er eine viereinhalbjährige Tochter, und nachdem in Elim zwei Söhnchen kurz nach der Geburt verstorben waren, erfreut sich das Paar jetzt an einem neuen Baby, einem nunmehr acht Monate altem Mädchen – das allerdings nur zwei Jahre alt werden sollte.

Kirche und Schule in Genadendal
Kirche und Schule in Genadendal, Südafrika

Die Lebensbedingungen in Genadendal sind nicht einfach. Miertsching muss für seinen Tätigkeit oft nach dem über 100 km entfernten Kapstadt reisen. Der mühselige und aufwändige Transport erfolgt mit Ochsenkarren. Das Land leidet in dieser Zeit immer wieder unter Dürre und schlechten Ernten, die Tiere und die Menschen unter Krankheiten, darunter ansteckende Epidemien.
Ob Miertsching seinen 50. Geburtstag 1867 in guter Stimmung verbrachte? Wohl kaum. Am Vortag wäre sein kleines Söhnchen zwei Jahre alt geworden – wenn es denn überlebt hätte; es war jedoch zwei Monate zuvor an Diphterie gestorben. Von bisher fünf Kindern war nur noch die älteste Tochter Marie am Leben, doch die war im Jahr zuvor, gemäß den Regeln der Herrnhuter, von den Eltern getrennt und nach Deutschland zur Schule geschickt worden.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Seinen 60. Geburtstag erlebte Miertschings nicht mehr – er ruhte schon seit über zwei Jahren, seit 1875, auf dem Gottesacker der Brüdergemeine in Kleinwelka. Seine Frau war bereits 1869, kurz nach ihrer Rückkehr nach Afrika, verstorben. Sein Lebensabend als Witwer, damals Vater einer Halbwüchsigen und eines Kleinkinds, war sicherlich alles andere als freudvoll gewesen.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut

Miertschings Leben ist nur teilweise dokumentiert, am besten während seiner Arktisreise von ihm selbst und anderen Zeitgenossen. Sein Wirken unter diesen extremen Bedingungen fand höchste Anerkennung von seiten seines Kapitäns, der Schiffsmannschaft und der an der Rettung beteiligten Offiziere sowie schließlich sogar von der englischen Königin, die ihm die „Arktische Medaille“ verlieh.

Graeber auf Beechey Island
Miertsching verbrachte mehrere Wochen auf Beechey Island, wo sich Gräber der verschollenen Franklin-Expedition befinden

Andere Etappen seines Lebens sind leider nur in Bruchstücken bekannt. Bei unseren Archiv-Recherchen in Deutschland, England, Hawaii und Kanada sind wir immer wieder auf neue, kaum oder gar nicht bekannte Quellen gestoßen, so erst vor wenigen Wochen auf unbekannte Briefe. Sie lassen seine Persönlichkeit in neuem Licht erscheinen, auch wenn noch manche Fragen offen sind. In dem Buch, an dem wir derzeit arbeiten, werden wir unsere Erkenntnisse über Johann August Miertsching vorstellen.

Auf en Spuren Miertschings besuchten wir das Mission Houses Museum in Hawaii
Auf den Spuren Miertschings besuchten wir das Mission House Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel

Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

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Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel




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