Archiv der Kategorie 'Arctic - Arktis'

Vor 150 Jahren: Erste Deutsche Arktisexpedition

Am 24. Mai 1868, vor genau 150 Jahren, startete ein kleiner Segler von Bergen (Norwegen) aus in Richtung Norden. Das Schiff mit dem anspruchsvollen Namen „Grönland“ sollte sich gemäß den Vorstellungen von August Petermann so weit wie möglich dem Nordpol nähern – obgleich es für die großartigen Ambitionen des bekannten Kartografen im fernen Gotha etwas zu klein geraten war.

Die Groenland 1867
Die „Grönland“ – Illustration von E. Hochdanz, Stuttgart

August Petermann, 1822 in Bleicherode am Harz geboren, vertrat wie andere Gelehrte seiner Zeit die Idee vom eisfreien Nordpolarmeer, durch das man – nach Querung eines Treibeisgürtels – problemlos den Nordpol erreichen könnte. Diese Idee hatte Petermann u.a. auch auf einer ersten Tagung deutscher Geographen am 23. Juli 1865 im Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße vertreten, auf der man übereinkam, eine solche Expedition baldmöglichst zu starten.

Geburtshaus von Petermann in Bleicherode
Geburtshaus von Petermann in Bleicherode

Saalbau Junghofstrasse
Der Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße, erbaut 1861, zerstört 1944

Es sollte aber noch drei Jahre dauern, bis die Finanzierung geklärt, die Expeditionsleitung und ein Schiff ausgewählt und vor allem über die Aufgabenstellung Klarheit gefunden war. Das Schiff sollte der grönländischen Ostküste nach Norden folgen und bei Problemen mit dem Treibeis nach Osten in Richtung Spitzbergen ausweichen. Man hatte sogar überlegt, einen Übersetzer für Kontakte zu den Inuit mit an Bord zu nehmen. Eine Anfrage, ob Johann August Miertsching dafür zur Verfügung stünde, wurde von der Herrnhuter Brüdergemeine negativ beschieden.

Koldewey, Petermann,Hildebrandt
Die Gründer und Führer der Expedition, Abbildung in der Gartenlaube, 1868

Die Matrosen der Expedition
Die Matrosen der Arktisexpedition in Winterkleidung (1868).

Die Expeditionsleitung wurde Carl Koldewey übertragen, der zwar über seemännische, aber über keinerlei Arktiserfahrungen verfügte. Als erster Steuermann wurde Richard Hildebrandt berufen, auch er ohne Polarerfahrungen. Wissenschaftler waren nicht mit an Bord – keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmung. Der Nordpol wurde nicht annähernd erreicht, und letztendlich wurde die Expedition von den undurchdringlichen Eismassen zwischen Grönland und Spitzbergen in die Grenzen gewiesen.

Mit dem Traditionssegler
Mit dem Traditionssegler „Noorderlicht“ im Nordwesten von Spitzbergen

Fairerweise muss man zugestehen, dass die Grönland nördlich von Spitzbergen eine Breite von 81° 4′ 30″ erreichte – was einen neuen Rekord für Segelschiffe bedeutete – umfangreiche Wetterdaten sammelte und die ganze Mannschaft gesund nach Bremerhaven zurückkehrte. Was zu dieser Zeit ja nicht selbstverständlich war!

Treibeis vor der Kueste in Nordwest-Spitzbergen
Treibeis vor der Küste in Nordwest-Spitzbergen

Route der ersten deutschen Arktisexpedition
Route der ersten deutschen Arktisexpedition – Karte: Tentotwo

Petermann und die Finanziers der Expedition waren mit den Ergebnissen zufrieden, und es wurde eine weitere Reise nach Nordostgrönland beschlossen. Diese 2. Deutsche Nordpolarexpedition von 1869/70 stand ebenfalls unter Koldeweys Leitung, und auch Hildebrandt war wieder mit dabei. Sie fand allerdings unter einem noch ungünstigerem Stern statt und endete fast in einer Katastrophe. Dazu später einmal mehr.

Germania und Hansa, 1870
Auslaufen der Schiffe „Germania“ und „Hansa“ zur Zweiten Deutschen Polarexpedition 1869 von Bremerhaven – Holzstich nach Carl Fedeler

Nach seinen Polarexpeditionen übernahm Carl Koldewey eine leitende Position in der Deutschen Seewarte in Hamburg. Das schöne Gebäude der Seewarte wurde im 2. Weltkrieg zerstört.

Deutsche Seewarte Hamburg 1900
Deutsche Seewarte Hamburg 1900

Richard Hildebrandt fuhr weiter zur See und brachte es bis zum Korvettenkapitän, ehe er sich in Charlottenburg niederließ. Die ehemalige Villa des kulturinteressierten Ehepaars wird heute als Berliner Literaturhaus genutzt.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße
Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße – Creative Commons, Andi oisn

Die Villa Petermanns in Gotha
Die Villa Petermanns in Gotha

August Petermann, der vielleicht bedeutendste Geograf seiner Zeit, nahm sich aus unbekannten Gründen am 25. August 1878 das Leben. Seine Villa in Gotha steht noch heute, wurde nach langem Leerstand glücklicherweise saniert und wird wieder als Wohnhaus genutzt.

Das Grab Petermanns in Gotha
Das Grab Petermanns in Gotha

Die Grönland, 2016
Die „Grönland“ in Bremerhaven, 2016

Die Grönland kam bei der zweiten Expedition Koldeweys nicht mehr zum Einsatz. Sie diente lange Jahre als Küstensegler, Fischerboot und Robbenfänger, bis sie vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven übernommen wurde, wo sie noch heute als fahrbereites Museumsschiff genutzt wird.

Die Grönland in Bremerhaven
Auf der fahrbereiten „Grönland“

Die Grönland heute
Blick auf die „Grönland“ in Bremerhaven

posted by Wolfgang Opel

Schuhmacher und Polarforscher

Heute jährt sich J. A. Miertschings Todestag – 30.3.1875

Wir haben schon oft an ihn erinnert: so an seinem 140. Todestag vor drei Jahren an seine Umrundung Amerikas – oder im Jahr davor mit einem Kurzabriss seines Lebens.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Dieser Tage sprachen wir oft über Johann August Miertsching, den Sorben und Herrnhuter, den Schuhmacher und Polarforscher, den Pflanzenkundigen und Jäger – und vor allem den Mitmenschen seiner Gefährten, ob bei den Inuit in der kanadischen Arktis oder bei den Seeleuten an Bord von HMS Investigator.
Unser Vortrag im Völkerkundemuseum Herrnhut über den Sorben in der Arktis wurde mit große Interesse aufgenommen, und auch bei der Maćica Serbska in Bautzen fanden wir aufmerksame Zuhörer.

Miertschings letztes Wohnhaus in Kleinwelka
Miertschings letztes Wohnhaus in Kleinwelka

Bei unserem Vortrag „A New Take on Johann August Miertsching“, gehalten auf der Internationalen Polartagung in Rostock (27. International Polar Conference) stellten wir fest, dass – wie vermutet – Johann August Miertsching bei vielen der anwesenden Polarforscher nahezu unbekannt war. Im englischen Sprachraum ist Miertschings Reisetagebuch jedoch seit Jahrzehnten eine vielzitierte Quelle, besonders bei Polarhistorikern und Kulturanthropologen.

27. Internationale Polarkonferenz in Rostock

Das große Interesse an Miertsching lässt uns hoffen, dass er, wenn auch verspätet, endlich auch in heimischen Gefilden angemessen beachtet und gewürdigt wird.

posted by Mechtild Opel

Wo die Atemluft zu Nebel wird –
„Three Thousand“ von Asinnajaq

Update: Hier einige Impressionen vom Filmabend im Berlinale-Kino Zoopalast

Es sind nur 12 Minuten Film, doch welche Fülle und Intensität!
Zarte farbige, abstrakte Gebilde bewegen sich, fließen und setzen sich neu zusammen, während die ersten Sätze erklingen wie Musik, gesprochen in Inuktitut und gleich darauf in englischer Übersetzung, in denen Asinnajaq eigentlich Unfassbares umreißt: „…jetzt lebe ich, aber ich werde sterben, und es wird eine Welt geben, in der ich nicht existiere“. Wie Poesie klingen auch die nächsten Worte, doch sie sind auch konkret, einfache Realität: “Mein Vater wurde im Frühlings-Iglu geboren – halb aus Schnee, halb aus Tierhäuten. Ich wurde im Krankenhaus geboren, mit Gelbsucht und zwei Zähnen“. Zwei Sätze, die das Tempo der Zeit erfassen, einen Generationswechsel – einen kulturellen Umbruch.

Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char
Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char

Beim Klang von Inuit-Kehlgesang zerfließen die farbigen Gebilde, geben den Blick frei auf eine eisbedeckte Meeresbucht vor hohen Bergen, auf Pitsik, rohe rote Fische, die zum Trocknen aufgehängt sind, auf eine schneebedeckte Tundralandschaft, über die der Wind fegt. Ein Hundeschlittengespann, Iglus, Frauen bei der Arbeit, neugierige Kinder … – Szenen aus alten Dokumentarfilmen in Schwarzweiß: Impressionen aus dem Alltagsleben der Inuit vor Jahrzehnten.

Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek
Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek

Szenenwechsel: Das Schiff „Arctic“ kämpft sich durch raue See, Inuit bereiten den Landungssteg vor, Kapitän Bernier, ein bekannter Polarfahrer, defiliert in Uniform vor den am Rand versammelten Inuit, an die Süßigkeiten ausgeteilt werden: Bilder einer Zeit, in der koloniale Attitüden gegenüber indigenen Völkern offensichtlich waren – und in der einschneidende Umwälzungen eingeleitet wurden, wie in der Folge erkennbar wird.

Die Filmemacherin Asinnajaq
Die Filmemacherin Asinnajaq – Foto: Alex Tran

Die junge Inuit-Filmemacherin Asinnajaq ist Absolventin des NSCAD in Halifax, in Montreal geboren und aufgewachsen, aber der Welt ihrer Vorfahren fest verbunden. Sie verwendet Filmmaterial aus den Archiven des NFB (das National Film Board of Canada, das den Film auch produziert hat), darunter Dokumentationen, Propaganda- und Bildungsfilme wie auch Spielfilme von Inuit-Filmschaffenden; kombiniert mit Animationen schafft sie daraus eine faszinierende Collage.
Farbige Naturaufnahmen zeigen arktische Tiere, wie Karibus, die erstaunlicherweise in der schneebedeckten Tundra existieren können – genau wie die Inuit; trotz aller Unwirtlichkeit, der unerbittlichen Kraft der Natur in diesen hohen Breitengraden. Wir, weiter südlich lebend, gewöhnt an milderes Klima, könnten dort kaum überleben; die Inuit tun es seit Jahrtausenden, es ist ihre Heimat – die sich gerade radikal verändert.

Gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden
Ein Fourwheeler, gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden

Die „Videoschnipsel“ aus dem NFB-Archiv zeigen, wie die Inuit in erstaunlicher Weise, unter Nutzung der lokalen Ressourcen und mit einfachsten Mitteln ihr Leben meisterten und meistern. Viele der gezeigten Handlungen erscheinen uns nahezu archaisch. Das Abhäuten von Tieren, das Trocknen und Reinigen von Pelzen, das Schneiden von Lederriemen aber gehört noch immer zum Alltagsleben (wie auch der auf der Berlinale 2017 vorgestellte Film Angry Inuk zeigte) – dies auch in der großen arktischen Siedlung mit Supermarkt, Strom- und Wasserversorgung, farbenfrohen Häusern und modernen Küchen. Neugierige Kinder im Klassenzimmer, ein großes Fabrikgebäude in arktischer Landschaft und Inuit in der Essenspause in der Werkkantine stehen für den radikalen Umbruch. Der Fourwheeler hat das Hundeschlittengespann abgelöst, doch es ist noch immer Arktis; wo im Winter die Atemluft gefriert; wo auch die Kleinkinder wissen, dass ein totes Tier neben ihnen bedeutet, dass es etwas zu Essen gibt.

Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert
Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert in Zusammenarbeit mit Patrick Doan

Packend die Intensität der Szenen, die in schneller Folge wechseln – und doch immer wieder Ruhepole zeigen: eine behaarte Raupe im Tundragras; die Großmutter, die ein kunstvolles Behältnis aus trockenem Gras flicht. Das alles eingebettet in Schichten von traumartigen Animationen, die sich in Landschaftsbildern auflösen; Musik, anfangs weich und sanft, sphärische Klänge, konturiert durch den rauen, hektischen Kehlgesang (hier wirkt auch Tanya Tagaq mit) – bereichert durch Naturgeräusche. Es ist Poesie, und es ist Alltag. Und es wird zur Vision, wenn Asinnajaqs digitale Animationen in die Zukunft führen, in das Jahr Dreitausend: unter den Nordlichtern im Dunkel der Polarnacht – oder des Universums? – glüht eine futuristische Inuit-Siedlung auf; ein Elternpaar in traditioneller Kleidung, das Baby im Amauti, schaut von einem Berg auf die strahlende Lichtkuppel im Zentrum der Siedlung: Kontinuität und Hoffnung.

Filmposter, Ausschnitt
Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt

Three Thousand, eine Produktion des National Film Board of Canada, ist auf der Berlinale zu sehen:
Dienstag, 20.3.2018, 22:00 Uhr im Zoopalast, Hardenbergstraße 29A,
Freitag, 23.2.2018, 21:30 Uhr im Cinestar IMAX, Sony-Center, Potsdamer Straße 4.

posted by Mechtild Opel

Die Einsamkeit des Kapitäns

Gedanken am Geburtstag von Robert Le Mesurier McClure

Als Robert McClure am 28. Januar 1807 in Wexford (Irland) geboren wurde, war er bereits Halbwaise; daher trägt er auch den Namen von Le Mesurier, dem hochgestellten Freund des Vaters, der den Knaben adoptierte und einige Zeit für seine Erziehung und Ausbildung sorgte. Bei der Royal Navy musste McClure sich allerdings Aufstieg und Beförderungen hart und langwierig erkämpfen, ohne jede Protektion. Es dauerte bis 1850, dass er erstmals als Kapitän ein Schiff befehligte: HMS Investigator, die zusammen mit HMS Enterprise unter Kapitän Collinson zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition aufbrach.

Plymouth Harbour im 19. Jh - unbekannter Meister
Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister

Miertsching berichtet vom 18. Januar 1850, als er vor Beginn der Reise in Plymouth Sound bei den Schiffen eintraf: „Kapitän Collinson und sein Gast Comander McClure von dem Investigator hatten soeben ihr Mittagsmahl beendigt, und bewillkommten mich aufs freundlichste“. Die Kapitäne speisten also miteinander; war ihre Trennung von den Offzieren bei den Mahlzeiten, ebenso wie die Trennung letzterer von der „gewöhnlichen“ Mannschaft, eine Maßnahme, um die strikte Rangordung an Bord und die Disziplin zu wahren? „Die Officiere essen 2 Uhr, der Kapitain 4 Uhr Mittag“, schreibt Miertsching am ersten Reisetag. In welcher Situation befindet sich der wichtigste Entscheidungsträger an Bord der Investigator? Die Offiziere trafen sich im ward room oder gun room, leisteten dort einander Gesellschaft, lachten, scherzten, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinam ein. Der Kapitän dagegen, der eine sehr große Kabine hatte – in der sich natürlich auch Kartentisch und nautische Instrumente befanden – tafelte dort in der Regel mutterseelenallein, und nur selten, bei besonderen Anlässen wie etwa am Silvestertag 1851, lud er die Offiziere dazu ein.

Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte
Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London

Wie kollegial durfte und konnte damals ein Kapitän mit seinen Untergebenen umgehen? Man weiß, dass Kapitän Collinson mit den Offizieren von HMS Enterprise aneinander geriet, sie schließlich sämtlich unter Arrest stellte. Auch Admiral Belcher, dessen Kompetenz wohl im Gegensatz zu seiner Macht stand, hatte bei der Durchsetzung seiner Autorität Probleme. War etwa die eigene Position in Gefahr, wenn man sich mit anderen beriet und auf Kritik einging? Mir ist nicht bekannt, dass Kapitän Kellet, Kommandant von HMS Resolute, solchen Konflikten gegenüberstand. Doch welche Gratwanderung mag es sein, wenn das eigene Selbstvertrauen vielleicht nicht der hohen Verantwortung entspricht, wenn man zudem die jungen Offiziere für zu unerfahren hält, wenn ein Teil der Mannschaft ein disziplinloser Haufen ist, und man sein Gesicht, seine Autorität um jeden Preis wahren muss, bei Strafe von Meuterei?

HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson
HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson

Miertsching, der Außenseiter an Bord von HMS Investigator, ist eine Landratte, er ist kein Offizier, auch wenn er auf Anweisung des Kapitäns als solcher zu behandeln ist, und er versteht anfangs kaum Englisch. In den ersten Wochen und Monaten an Bord erlebt er ständige „Zänckerei zwischen dem Kapitän und den Officieren“ und hält sich nach Möglichkeit davon fern.
Doch wiederholt wird Miertsching vom Kapitän zu Tisch geladen. Sein Tagebucheintrag vom 8. Februar 1850 lautet: „Von Heute an soll ich jeden Mittag 12 Uhr zum Kapitain kommen, und mit ihm ein Glas Wein trinken (Luncheon). Meine Bücher und Schreibereien, die ganz naß und feucht sind, so wie meine Guittare soll ich von nun an in des Kapitains Kajüte haben.“ Zudem berichtet er in Abständen davon, dass er mit dem Kapitän zu Abend speiste. Warum diese Sonderbehandlung? Sucht der einsame McClure die Gegenwart eines anderen Einsamen? Sucht er gar Trost?

Der Geburtsort McClures, Wexford
Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia

Miertsching erlebt McClure in der Auseinandersetzung mit der Mannschaft als ungeduldig und jähzornig, zum Beispiel als bei einem Sturm die Takelage Schaden nahm, während der diensthabende Offizier unter Deck war: „Der Kapitain war wüthend böse; förmlicher Unmensch“, schreibt er am 15. Mai 1850, doch drei Tage später heisst es: „Der Kapitain war heute sehr freundlich, und ich mußte den Tag über in seiner Kabine sein. Unsere Unterhaltungen waren lang und interessant; es schien ihm Leid zu thun dass er sich dieser Tage so vergessen hatte“. Nach der Abfahrt von Hawaii in die Bering Strait ist Miertsching erleichtert: „Das unangenehme Verhältniß zwischen dem Kapitain und Officieren hatte sich in den wenigen Tagen in ein sehr angenehm und freundliches verwandelt… Der Kapitain war bei uns zu Tische…“.

McClure_National_Portrait_Gallery_London
Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London

Doch mit wem bespricht der Kapitän seine Entscheidungen? Aus Miertschings Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass er sich mit seinen Offizieren beraten hätte. Hingegen sucht er in schwierigen Situationen oft die Gegenwart des als Übersetzers eingestellten Herrnhuter Bruders. Ist da endlich einer, mit dem er mal reden, sich aussprechen kann, ohne in Gefahr zu laufen, dass dies seiner Autorität Abbruch tut?
Man sollte aber nicht glauben, dass der so „bevorzugte“ Miertsching nun immer mit dem Kapitän einer Meinung war. So beklagt er im Tagebuch am 30.11.1850: „Ich habe rheumatische Schmerzen in allen Gliedern und fortwährend ist mir kalt; zum Auswärmen oder Kleidertrocknen ist keine Gelegenheit, weil die Schiffsöfen nicht geheizt werden; denn der Kapitain glaubt, Wärme ist dem Menschen schädlich, sagt: die Eskimo haben keine Öfen und keine Feuer, sind dabei die gesündesten Menschen. Der Kapitain … feuert in seinem Stubenofen täglich 32 Pfund Steinkohlen“. Miertsching erwähnt auch seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kapitän, wenn dieser mit ihm etwa über die Bestrafung von Delinquenten und vor allem über religiöse Fragen diskutierte.

im arktischen Eis
Eis, wohin das Auge blickt

Nach der ungeplanten Trennung von HMS Enterprise war die 65-köpige McClure-Expedition bereits im Herbst 1850 auf das damals fehlende Glied der langgesuchten Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik gestoßen; doch die Männer mussten noch harte und entbehrungsreiche Jahre in einer der entlegendsten Gegenden der Arktis zubringen, bevor sie gerettet wurden. Ihr Schiff, HMS Investigator, musste schließlich im Eis der Arktis zurückgelassen werden, wo es Unterwasserarchäologen von Parks Canada erst 2010 fanden.

Finden des Wracks
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Die Zeit der Entbehrungen und Hoffnungslosigkeit wirkt sich auf das psychische Befinden der Männer aus – auch auf ihren Kapitän. Miertsching, der McClure oft zur Jagd und auf Spaziergängen begleitete, bemerkt in seinem Tagebuch: „Es thut mir Leid um unsern viel geprüften werthen Kapitain; er muß sich zwingen guten Muth zu zeigen.“ Im dritten Winter im vom Eis eingeschlossenen Schiff, in der Zeit von drastischen Hunger und um sich greifenden Skorbut, mit wenig Hoffnung auf Rettung, bringt Miertsching Verständnis für die schwierige Situation des Kapitäns auf: „Ach wie mag es dem von Sorgen und Kummer niederdrückenden Kapitain zu Muthe sein, wenn er seine einst so starken, rüstigen und gesunden, und nun kaum sich aufrecht haltenden dahinwelkenden Matrosen ansieht!

HMS Investigator im Polareis
HMS Investigator im Polareis – Buchillustration

In dieser verzweifelten Lage mussten überaus schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr mit Segeltechnik und Navigation zu tun hatten: Wie klein darf und wie groß muss die Ration für den Einzelnen sein, damit alle, oder möglichst viele, überleben können? Harrt man an Bord des eingefrorenen Schiffes aus und hofft auf einen warmen Sommer und verhungert gemeinsam – oder muss das Schiff verlassen werden? Zumindest von Teilen der Mannschaft? Wen sendet man fort, wohin soll zu Fuß übers Eis oder Land gewandert werden, wo ist die Aussicht auf Rettung am größsten?

Leutnant Pim taucht auf - die Mannschaft ist gerettet
Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration

Wohl keiner von uns wüsste, was in einer so verzweifelten Lage zu tun wäre, und so ist es zwar heute einfach, aber nicht ganz gerecht, McClure für seine einsamen Enscheidungen zu verurteilen, auch wenn das Aufteilen der Mannschaft und Aussenden der kranken Männer zu Fuss mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Tod eines großen Teils bewirkt hätte. Vielleicht aber wäre es auch eine – wenn auch geringe – Möglichkeit des Überlebens, zumindest für Einige, gewesen? Und welche andere Chance hätte es denn noch gegeben, wenn nicht unvermutet Rettung aufgetaucht wäre? – Vier Männer der McClure-Expedition fanden ihren letzten Ruheplatz in der Arktis – nur vier; es hätten leicht auch viel mehr sein können, bedenkt man das Schicksal der Franklin-Expedition.

Das Grab von Thomas Morgan auf Beechey Island
Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut

Die Nordwestpassage wurde nicht von einer einzelnen Person entdeckt. Dutzende hatten ihren Anteil an der Kartierung der unbekannten Küsten und Meeresstraßen, und die „Passage“ ergab sich erst aus dem Zusammenfügen dieser Landkarten und Erkenntnisse. McClure und seine Männer aber waren zumindest die ersten, die die gesamte Nordwestpassage durchquerten, wenn auch auf mehreren Schiffen und teilweise zu Fuß. Bei aller berechtigten und vielleicht auch unberechtigten Kritik an der Person McClures ist dies eine der bemerkenswertesten Leistungen bei der Erforschung der Arktis.

Grabmal McClures auf dem Kensal Green Cemetery
Grabinschrift für McClure:
„In Memory of Vice Admiral Sir Robert John le M. McClure C.B. Born 28 January 1807 died 17 October 1873. As Captain of HMS ‚Investigator‘ AD 1850-54 he discovered and accomplished the Northwest Passage“ – „Thus we launch into this formidable frozen sea“ – „SPES MEA IN DEO“

posted by Mechtild Opel

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auch, wenn Sie oben, unter der Überschrift, auf die Schalftfläche „Miertsching“ klicken, und danach weitere, wenn Sie im Archiv der Kategorie Miertsching oben links auf „Älter“ klicken. Dort sind einige Seiten mit jeweils mehreren Artikeln verfügbar.

„Let’s raise a toast to Miertsching!“

(Deutsche Version hier)
Today, it’s the 200th birthday of Germany’s only person who took part in finding the Northwest Passage

On August 21, 1817, a young son by the name of Johann August was born into family of the carpenter Johann Miertsching in the Sorbian village Hrodźišćo (Gröditz) near the town Weißenberg in Upper Lusatia. Only 4 years earlier, the fields around this village had been whipped up by cannon balls and soaked in blood when Napoleon and his Saxonian allies fought against the Prussian and Russian troops in the battle of Bautzen.

Ansicht von Groeditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz near Weissenberg, Upper Lusatia

From the village on a hilltop, one had a clear view of the surrounding country with the bell-towers of the neighboring parishes clearly visible. On the horizon, one could recognize the towers of Budissin (now Bautzen), the capital of Upper Lusatia, a region under the rule of Saxony. Has this view into the long distance influenced the later life of the boy?
When Johann August turned 10, the village school of Gröditz got a new teacher, who started to teach his pupils to read German. Before, lessons had been held exclusively in Sorbian.

From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka
From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka

When Miertsching celebrated his twentieth birthday, he was a skilled shoemaker in the village of Kleinwelka near Budissin, an important settlement of the „Herrnhutians“, the Moravian Brethren. When he turned 25, he had already been accepted as a member of the Moravian Brethren for two years. He had passed the master craftsman’s examination and was head of the shoemaker’s workshop in the village.

Okak – historische Zeichnung
Old drawing showing Okak in Northern Labrador

On his 30th birthday, Miertsching was far away from home, on another continent. He had already been serving in the Moravian mission with the Inuit in the settlement of Okak in the subarctic region of Northern Labrador, just north of the 57th latitude, for three years.
Here, he had learned the language of the Inuit and, along with everyday work and other duties, was working mainly as a teacher. On August 24, 1847, three days after his birthday, he wrote in a letter to Herrnhut: „Because the unmarried brothers and the boys were visiting me every day, I had started a lesson in geography and science of the world, and it seemed to please them, And for me, it was a good exercise in the language … “.

Flaxman Island
Near Flaxman Island Miertsching, as an interpreter for his ship’s captain, was talking with the local Inuit

Turning 35, Miertsching was in a very critical situation. Two years earlier, in 1850, he had been chosen as an Inuit interpreter for one of the British naval expeditions in search for Franklin’s lost expedition. After arriving on board of the HMS Investigator, he had had to learn the English language very quickly. Now, on August 21th 1852, he had already gone through two winters full of hardship in the High Arctic.

Die Investigator im Eis
HMS „Investigator“ in the pack ice

The ship lay in a small bay north of Banks Island, north of 74°N in the Western Arctic. It was firmly caught in ice of the Polar Sea. Many of the crew were suffering from scurvy. Everyone was eagerly waiting for the break-up of the ice, but this summer seemed to be cooler than normal. The ship was still frozen and the food was scarce. In his diary, Miertsching is mentioning the „crestfallen crew“; he himself seeks consolation in his faith. On his birthday, he notes only briefly: „I spent this day on the land, wandering around alone. The Lord gave me great grace also today … “.

Nelson Head, Banks Island
Lord Nelson Head, Banks Island – by Samuel Gurney Cresswell

By the time Miertsching is turned 40 years old, he was living on a completely different continent. He had married shortly before, and, together with his wife, had traveled to South Africa to serve in the Moravian mission there. He was now living in Elim, about 15 km away from the Southern tip of Africa, where he was in charge of the mission’s trade in the village. Now, with the help of his wife, he was working hard to turn the previously loss-making store profitable, he established proper bookkeeping – and he was learning a new language: Afrikaans. In the beginning, the completely different climate with its unfamiliar warmth did not bother him too much, because there „is always some fresh air blowing from the sea“ in Elim. His young wife was pregnant and their first child was due at the end of the year.

Johann August Miertsching und seine junge Frau
Johann August Miertsching with his young wife

On his 45th birthday, in 1862, Miertsching was living in Genadendal, a village in the Cape region, which is somewhat closer to Cape Town than Elim, but further inland. Here, too, he had the job to put the shop operation in better order then the previous storekeeper. Meanwhile, he had a four-and-a-half-years-old daughter; and although two little sons had passed away shortly after their birth in Elim, the couple was now enjoying a new baby, an eight-months-old girl. At this point, they did not know yet that this poor little girl would not survive to see her third birthday!

Kirche und Schule in Genadendal
Church and school in Genadendal, South Africa

The living conditions in Genadendal were not easy. Miertsching often had to travel to Cape Town which was more than 100 km away. The arduous and strenuous transportation was carried out with oxen carts. The country was suffering from drought and crop failure and both animals and people were suffering from diseases, including contagious epidemics.
Did Miertsching spend his 50th birthday in 1867 in good spirits? Probably not. The day before, his son would have turned two – had he survived. But only two months earlier, the little boy had died of diphtheria. Only their eldest daughter, Marie, was still alive. However, according to the rules of the Moravian Brethren, she had been separated from her parents the year before and had been sent to a boarding school in Germany.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertsching’s headstone at the Moravian cemetery in Kleinwelka

Miertsching did not live to see his 60th birthday in 1877. More than two years earlier, in the early spring of 1875, he found his resting place in the Brethren’s cemetery in Kleinwelka. His wife had already passed away in 1869, shortly after their return from South Africa. His remaining life as a widower, as a father of an adolescent girl and a toddler, had certainly not been very joyful.

Archiv der Bruederunitaet in Herrnhut
Moravian Archives in Herrnhut

Miertsching’s life is only partially documented, at its best during his Arctic journey – by himself and by other contemporaries. His efforts under these extreme conditions were highly appreciated by his captain, by the ship’s crew, by the officers involved in their rescue, and, finally, even by the Queen of Great Britain, who awarded him with the „Arctic Medal“.

Graeber auf Beechey Island
On the way back from the Arctic, Miertsching spent several weeks on Beechey Island. One of his crew members found his resting place close to three graves from Franklin’s lost expedition

Other periods of his life, however, are unfortunately only known in fragments. During our archival searches in Germany, England, Hawaii, and Canada, we have repeatedly unearthed new documents which were little or never known before – like two unknown letter we found just a few weeks ago. They shine a new light on the personality of Miertsching, even if some questions still remain unanswered. In the book we are currently working on, we will present the results of our findings and try to give a more complete picture of Johann August Miertsching.

On the traces of Miertsching, we visited the Mission House Museum in Hawaii
On the traces of Miertsching, we visited the Mission Houses Museum in Hawaii

posted by Mechtild Opel




kostenloser Counter