Archiv der Kategorie 'Aleuten'

Mein russischer Freund Sergej

Auf der Visitenkarte von Sergej Pasenjuk steht „MENSCH“.
Ein großartiger Beruf!!! – Ein Universeller.

Serjey Pasenjuk - nachdenklich_Ulli_Wannhoff
Sergej Pasenjuk, nachdenklich – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej lebt seit über vierzig Jahre auf der Beringinsel, und auf dieser Insel arbeitete er als Jäger und Fischer. Nach dem die Kommandeurinseln, zu denen die Beringinsel gehört, 2002 Weltnaturerbe geworden sind, war die Jagdtätigkeit beendet. Er arbeitete dann für den Naturschutz. Jetzt ist er in Rente – ohne Ruhestand. In Russland am Ende der Welt wird man schon mit 55 Pensionär.

Eine Wand in Sergejs Atelier_Ulli Wannhoff
Eine Wand in Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Leidenschaften liegen aber nicht nur in diesen beiden Berufen. Er ist Allround-Künstler, Maler, Grafiker, Schriftsteller, Segler, Bootsbauer und Romantiker. Ein Mensch mit zwei goldenen Händen und einem klaren Kopf, der nicht in Alkohol ertränkt wird, wie bei vielen seiner Mitbewohner im Dorf Nikolskoje, das etwa 600 Einwohnern beherbergt.

Sergejs Atelier mit Ankerkette_Ulli Wannhoff
Sergejs Atelier, im Vordergrund eine Ankerkette – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wandmalerei an Sergejs Atelier
Wandmalerei an Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Erst im Nachherein bin ich ihm sehr dankbar. Wir segelten einst zu zweit 600 Meilen entlang der Alaska-Küste auf den historischen Spuren von Vitus Bering, und hatten großartige Erlebnisse mit der Yacht „Alexandria“, die den Namen seiner Frau trägt. Ihre Kosename ist Schura.

Portrait Sergej Pasenjuk
Porträt Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej zeigte mir seine Inseln, auf denen ich dann später allein wanderte, Beobachtungen anstellte, und wo viele Aufzeichnungen entstanden. Er öffnete mir die Inselwelt der Aleuten, die auf russischer Seite mit den Kommandeurinseln beginnen, auf amerikanischer Seite über Unalaska und Kodiak auf Kayak Insel enden.

Stahlplastik von Sergej Pasenjuk_Ulli Wannhoff
Stahlplastik von Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Rastlosigkeit scheint einzigartig in ganz Kamtschatka zu sein, wo die Kommandeurinseln dazu gehören. Kaum ein Mensch kennt ihn nicht. Ich achte und liebe ihn mit all seinen vielseitigen Tätigkeiten.

Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang_Ulli Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jedes Mal bin ich überrascht. Mal baut er eine Baidarka, dann repariert er kleinere Boote und größere Yachten, dann malt und zeichnet er und plant größere Buchprojekte – die zum Teil realisiert wurden.

Sergejs Engel-Plastik bei Nacht_Ulli Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sein Erzählquell hat kein Ende. Eine Geschichte schichtet sich auf neue Geschichten und der Turm von Babel wird immer höher und ragt weit in unseren menschlichen Kosmos hinein.

Interieur im Bootshaus_Sergej Pasenjuk
Interieur im Bootshaus – Foto: © Sergej Pasenjuk

Seine Sammeltätigkeit ist unermüdlich. Viele Polarfuchs- und Seeotter-Schädel zieren Balkenleisten im Bootshaus. Draußen liegt ein Schädel vom Wal. Die Wände sind voll mit historischen Fotografien, Briefen von Freunden, alten Zeitungsausschnitten, sogar aus der Zeit Russisch-Amerikas. Die fand er unter Dielen der Abrisshäuser, die früher zur Russisch-Amerikanischen Kompagnie gehörten.

Sergej_Pasenjuk_Arbeit an der Stahlkonstruktion fuer die Seekuh
Arbeit an der Stahlkonstruktion für die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Alte Holzschindeln und Gebrauchsgegenstände gehören ebenfalls zu seinen Sammelobjekten. Er errichtet Denkmäler zu Ehren der toten Seeleute, die während der „Großen Nordischen Expedition“ unter der Führung Vitus Bering an Skorbut starben. Die Kanonen vom Schiff „St. Peter“ wurden von ihm neu präsentiert: Sie bekamen ein neues Untergestell und einen frischen Anstrich.

Sergej_Pasenjuk_Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad
Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad – Foto: © Sergej Pasenjuk

Vor kurzem kam eine Mail, in der er berichtet, dass er mit Freunden das fast vollständig erhaltene Skelett einer Stellerschen Seekuh ausgegraben hat und im Bootshaus zusammenbaut. Hier sind die Bilder.

Sergej_Pasenjuk_Brustkorb der Seekuh
Brustkorb der Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Sergej_Pasenjuk_Seekuh_aufgehangen
Da hängt die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Es handelt sich eine Seekuh, die 1741 von dem deutschen Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, aber bereits kurze Zeit später ausgestorben war.

Sergej_Pasenjuk_Interieur mit Seekuh
Interieur mit Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Sergej_Pasenjuk_Seekuhschaedel mit Interieur
Seekuhschädel mit Interieur – Foto: © Sergej Pasenjuk

Ich bin dankbar, so einen agilen Typen zu kennen. Was für ein MENSCH, Sergej.

posted by Ullrich Wannhoff

Shumagin Islands (Aleuten, Alaska)

Sehnsuchtsvoll segelte die Crew um Vitus Bering im August 1741 in Richtung Westen, denn dieser Kurs war in den Gehirnen der Seeleute mit den Gefühlen von Heimat und Geborgenheit verbunden. Die Heimreise war beschlossen und in einer „verfassten Schrift von dem ganzen Commando bis auf den Bootsmannsmaar (aber wie stets gewöhnlich, nicht von mir) unterschrieben“; so formulierte der ungeduldige Steller in seinem Reisejournal von Kamtschatka nach Amerika; denn er selbst möchte noch viel, viel mehr unbekanntes Land erkunden. Nachdem die Crew Kayak Island verlassen hatten, sichteten sie Anfang August häufig Inseln in nur wenigen Meilen Entfernung. Widrige kalte Westwinde behinderten ein schnelleres Vorwärtskommen. Oft versteckten sich die schroffen, felsigen grünen Inseln im Seenebel und tauchen plötzlich auf, um gleich wieder zu verschwinden. …

Insel Unga
Insel Unga – Foto: Ullrich Wannhoff

… Steller beschreibt: „Es besteht diese Insel, so wie die andern alle, aus lauter erhabn, grün überwachsenen festen Felsen. Das Gestein ist meistens ein roher, grauer und gelblicher Graufels, an einigen Orten grauer Sandstein; so fand sich auch schwarzer, dicker Schieferstein.“ Die Steinstrukturen entstanden aus verschiedenen gepressten Ascheschichten, durch die Vulkantätigkeit der jüngeren Erdzeit Schicht für Schicht aufgesetzt. Wind, Regen, Schnee und Frost bilden in dem weichen Gestein bizarre Formen und Rillen, die an der Küste steil abbrechen; das härtere Gestein bildet sich wie Zinnen spitz nach oben heraus. Ich sah viele beeindruckende Basaltsäulen, die sich mehr oder weniger kristallartig in die Höhe erhoben. Die unteren Felspartien wurden über Millionen Jahre beharrlich von den Meereswellen ausgespült. Die zu der jetzigen Jahreszeit saftig grünen und sanften Täler waren von Gletschern aus einer der letzten Eiszeiten weich ausgeformt worden. …

Klippenausternfischer
Klippenausternfischer mit zwei Jungen – Foto: Ullrich Wannhoff

„Allerley Wasservögel sah man hier im Überfluß; als Schwäne [Zwergschwan (Cygnus columbianus)], zwey Arten von Urilen (Pelicani) [Rotgesichtmeerscharbe (Phalacrocorax urile) und Beringmeerscharbe (Ph. pelagicus)], Alken (Torda) [Dickschnabellumme (Uria lomvia) und Trottellumme (Uria aalge)], Enten, Schnepfen, Strandläufer, verschiedene Mewen [unter andern Beringmöwe (Larus glaucescens) und Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)], Taucher, darunter eine ganz besonderbare und unbekannte Gattung war, Grönländische Tauben [Taubenteise (Cepphus columba)], Seepapageien (Alca artica) [Hornlund (Fratercula corniculata)], Mitschagatten (Alca cirrata) [Gelbschopflund (Fratercula cirrhata)]; aber Landvögel waren nur Raben, Fliegenstecher (Grisola), Schneevögel (Emberiza nivalis) [Schneeammer (Plectrophenes nivalis)], Morasthüner (Tetrao Lagopus) [Alpenschneehühner (Lagopus mutus) oder Moorschneehuhn (Lagopus lagopus)] und sonst nicht das geringste zu sehen.“ In eckigen Klammern stehen die heutigen Namen.

Die von mir beobachteten Vögel fallen dagegen recht bescheiden aus: Elster, Singammer, Klippenausternfischer, Beringmöwen, Dreizehenmöwen, Weißkopfseeadler, Lummen, Rotschnabelalke, Schopfalke, Hornlunde, Gelbschopflunde und Taubenteiste, die ich auf der gegenüberliegenden großen Insel Unga beobachten konnte.

Zerfallene Kirche - Sitka-Fichte
Zerfallene Kirche mit einer Sitka-Fichte – Foto: Ullrich Wannhoff

In der Bucht befand sich einst eine Siedlung. Frühere Pelztierjäger hatten sich 1767(?) mit den Ureinwohnern, den Unangan (Qagaan Tayagungin), Gefechte geliefert, wobei auch Russen tödlich verletzt wurden. Die Russen wurden ständig aufgerieben und fanden auf der Insel keine Ruhe. Zu dieser Zeit gab es zwölf kleine Ansiedlungen, die sich auf sechs Inseln verteilten. Ende des 18. Jahrhundert löschte eine Riesenwelle einige Ansiedlungen aus. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhundert gab es nur noch eine Siedlung an der Südöstlichen Bucht von Unga, die bis 1959 bestand und danach aufgegeben wurde. Noch heute sind stille Zeugen da, die eingefallen ausgeblichenen grauen Holzhäuser, die in der Landschaft einen
besonderen Reiz ausüben. …

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

posted by Ullrich Wannhoff

Aleuten windig und kalt

„Es regnet in Strömen“, „Aleuten windig und kalt“, steht in der Email unseres Co-Bloggers Ullrich Wannhoff von seiner Reise Mitte Juli durch die Inselgruppe der Aleuten. Der Archipel vulkanischen Ursprungs liegt etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Berlin, gehört jedoch zur subarktischen Klimazone, und das Wetter ist in der Regel rau: die Sonne macht sich rar, die Niederschläge sind häufig, nicht selten herrscht Nebel, und die Temperaturen erreichen im Sommer höchstens 10-13°C.
Neblig war es auch im Juli 1850, als Johann August Miertsching an Bord der „Investigator“ die Inselgruppe passierte. Das Schiff war Anfang Juli in Hawaii gelandet, wo Miertsching die dortige Missionsstation besuchte.

Honolulu Mission Station
Die alte Missionsstation in Honolulu – Foto: Wolfgang Opel

Schon wenige Tage später segelte die Investigator mit frischen Lebensmitteln an Bord wieder los, um das Beringmeer zu erreichen. Auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition und nach der Nordwestpassage wollte Kapitän McClure keine Zeit verlieren und entschied sich für die risikoreichere, aber wesentlich kürzere Passage durch die Aleuten, anstatt des damals für die englische Flotte üblichen westlichen Seeweges über Petropawlowsk/Kamtschatka, der rund 60 Tage gekostet hätte.
Trotz des Nebels kam das Schiff auf seinem Kurs nach Norden gut voran und erreichte die gewünschte Passage durch die Aleuten schon am 20. Juli. In seinem Reisetagebuch schreibt Miertsching von den Inseln Amlia, Seguam und Tschunam, die am 20. Juli nacheinander kurz aus dem Nebel auftauchten; er fügt hinzu, dass Amlia und Tschunam bewohnt seien. Heute leben auf Seguam ca. 2000 Einwohner, Amlia aber hat keine ständigen Bewohner mehr. Was mit der Insel Tschunam gemeint war, konnten wir noch nicht herausfinden.

HMS Investigator zeitgenössische Darstellung
HMS Investigator in einer zeitgenössischen Darstellung

Die HMS Investigator setzte ihren Kurs aufgrund der günstigen Winde geradewegs nach Norden fort, um vorbei an der St. Lawrence Insel und zwischen den Diomedes-Inseln das Nordpolarmeer zu erreichen.
In künftigen Blogeinträgen – und hoffentlich auch einmal in einem Buch – werden wir mehr über das weitere Schicksal dieses Schiffes und über das Leben von J.A. Miertsching berichten. (Mehr zur HMS Investigator auch im Artikel Das Wrack im Eis – Die Entdeckung der Nordwestpassage und die Verbindung zur Oberlausitz im Heft 01/2012 des Magazins „360° Kanada“)

Unser Co-Blogger Ullrich Wannhoff aber gelangte auf einem anderen Kurs als Miertsching aus dem Aleuten-Tief heraus – er kam zu den Shumagin Islands, weiter östlich, wo er die weißen schneebedeckten Berge Alaskas im strahlenden Sonnenschein sehen konnte. Die Insel trägt den Namen von Nikita Shumagin, der an Vitus‘ Berings Großer Nordischen Expedition teilnahm, unterwegs an Skorbut starb und auf Nagai Island beerdigt wurde.

Nagai Island
Nagai Island – Foto: U. S. Fish and Wildliefe Service

Mehr als 1.500 km weiter, ganz am anderen, westlichen Ende der Aleutenkette, auf der sibirischen Seite, liegen die Kommandeurinseln, auf denen sich Ullrich Wannhoff bestens auskennt. Mehr über seine monatelangen Aufenthalte dort kann man in seinem Buch Comandor nachlesen.

posted by Mechtild Opel




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