Archiv der Kategorie 'Alaska'

Mythos Norden III – Künstler in der Arktis

Anfang August des Jahres 1816 lag die russische Brigg Rurik in einer weiten Bucht im Nordwesten Amerikas. Das Schiff unter Kapitän Otto von Kotzebue war auf einer mehrjährigen Weltumsegelung und suchte hier in Russisch-Amerika nach einer Einfahrt in die noch immer nicht entdeckte Nordwest-Passage. Zur Besatzung gehörten auch der Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso, der Arzt Johann Friedrich von Eschscholtz und der Zeichner und Maler Ludwig Choris (1795-1828). Selbst in dieser abgelegenen, erstmals von Europäern besuchten Gegend war man auf Menschen, Inupiat, getroffen, die von Kotzebue und Chamisso in ihren Berichten beschrieben und von Choris lebensnah porträtiert wurden.

Choris - Bewohner der Kotzebue Bucht
Ludwig Choris: Bewohner der Kotzebue-Bucht, 1816

Am 7. August ging der Kapitän gemeinsam mit seinen Forschern und einem Leutnant an Land, um den Ostteil der Bucht näher zu untersuchen. Man fand zwei unbewohnte Erdhütten, sammelte Artefakte und ließ im Austausch einige Werkzeuge zurück. Am nächsten Tag machte Dr. Eschscholtz bei der Untersuchung des Ufers eine ungewöhnliche Entdeckung. Choris notierte in seinem Tagebuch:
„Als man weiter spaziren ging am Ufer, bemerckte man, daß dieses von Eis wahr und nur aber paar fuß mit Erde bedeckt ist. Wir gingen alle hir um … Ich habe etwas davon gezeichnet.“

Choris_Eiskeile
Ludwig Choris: Eiskeile in der Kotzebue Bucht, 1816

In seiner „Reise um die Welt“, vor kurzem in einer Prachtausgabe mit 150 farbigen Lithographien von Ludwig Choris erschienen, diskutiert Chamisso die Entstehung dieser „sogenannten Eisberge“ und bestimmt sie als „angeschwemmtes Land“, das „bis zu einer großen Tiefe fest gefroren befunden worden ist“. Chamisso verweist dann auf ähnliche Eisformationen im Lenadelta und an der Mündung des Mackenzie Rivers, wo man ebenfalls wie auch hier im Kotzebue Sound „Überreste urweltlicher Tiere“ finden kann. Die Wissenschaft bezeichnet diese Eisformationen als Eiskeile (ice wedges).

Eiskeile im Lenadelta
Eiskeile im Lenadelta, 2010

Mammut-Stoßzähne im Lenadelta
Überreste von Mammuts an der Oyogos Yar Küste, Laptev Strait, Ostsibirien

Die Namen der Entdecker von damals findet man heute auf der Karte Alaskas: Kotzebue Sound, Eschscholtz Bay, Chamisso Island und Choris Peninsula. Die auf der Choris-Halbinsel gefundenen Artefakte werden übrigens auf Grund ihrer spezifischen Eigenschaften einer eigenen Kulturgruppe, der Choris culture (ca. 700 v. u. Z) zugeordnet. Viel Ehre für den damals erst 21jährigen Maler, der danach nie wieder in die Arktis fuhr und im Alter von nur 28 Jahren in Mexiko ermordet wurde.
34 Jahre später, Ende Juli 1850, beginnt genau hier im Kotzebue Sound die HMS Investigator unter Kapitän McClure ihre Fahrt in die Arktis, auf der letztendlich nach Jahrhunderten die Nordwest-Passage – siehe auch Kanada-Lesebuch – entdeckt wurde. An Bord der Herrnhuter Missionar Johann August Miertsching als Inuktitut-Übersetzer. Ob Miertsching seinerzeit bereits Chamissos „Reise um die Welt“, die Lithografien von Choris oder sogar die Karrikatur von E.T.A. Hoffmann kannte, ist nicht überliefert.

ETA Hoffmann - Reise zum Nordpol
E.T.A. Hoffmann: „Reise zum Nordpol“, Karikatur auf die Forschungsreise Chamissos

Der Künstler, der sich vermutlich am intensivsten mit dem Leben in der Arktis auseinandergesetzt hat, ist Rockwell Kent (1882-1971), ein amerikanischer Maler und Grafiker aus Neuengland. Er verbrachte viele Monate in entlegenen Regionen wie in Feuerland, Alaska und sowie mehrfach in Grönland, um zu zeichnen, zu malen und vor allem, um das einfache Leben abseits der Hektik der zivilisierten Welt zu erleben. In hunderten Gemälden, Grafiken, Illustrationen und mehreren Büchern verarbeitete Kent das Erleben der außergewöhnlichen Landschaften Grönlands und das Zusammenleben mit den Inuit.

Rockwell Kent Greenland hunter
Rockwell Kent – „Greenland Hunter“, 1933
Courtesy of St. Lawrence University (SLU Permanent Collection)


Rockwell Kent pflegte engste Kontakte zu seinen dortigen Nachbarn, den Grönland-Inuit. Wie bei seinen Freunden Rasmussen, Freuchen und anderen Arktisreisenden schloss das Partnerbeziehungen mit ein. Seine Beziehung zu Salamina machte Kent zum Gegenstand und Titel seines wohl bekanntesten Buches.

Rockwell Kent - Dirty Deborah
Rockwell Kent – „Dirty Deborah“, 1933
Courtesy of St. Lawrence University (SLU Permanent Collection)


Als Friedensaktivist war Rockwell Kent lange Zeit, besonders in den 1950er Jahren, in der offiziellen US-Gesellschaft nicht gern gesehen. Aus Ärger über diese Situation vermachte Kent viele seiner Gemälde und Grafiken sowjetischen Museen. Erst in den letzten Jahren besinnt man sich in den USA wieder auf die Bedeutung Rockwell Kents, des wichtigsten Realisten in der US-Kunst des 20. Jahrhunderts.

Karrat Fjord - Grönland
Karrat Fjord, Grönland – hier malte Rockwell Kent

Auch heute noch erregen „echte“ Eisberge trotz der ungezählten Darstellungen in Film und Fernsehen Aufmerksamkeit und Interesse der Reisenden. Nicht nur weil von ihnen erhebliche Gefahren für den Schiffsverkehr ausgehen können, sondern vor allem durch die phantastischen Formen und Farben der still dahin treibenden Riesen. Der Amerikaner A.D. Tinkham gehört zu den wenigen zeitgenössischen Malern, die sich immer wieder der Faszination dieser Eisriesen aussetzen. Besonders seine Darstellungen bei ungewöhnlichen Lichtverhältnissen, nachts bei Mondschein, im Nebel oder bei Sonnenauf- und –untergängen vermitteln eine Vorstellung von der Magie der arktischen Landschaften.

AD Tinkham Iceberg painting
A.D. Tinkham, „It is 3am and I am looking southeast“, Courtesy of A.D. Tinkham

posted by Wolfgang Opel

Hier finden Sie den Ersten und den Zweiten Teil dieses Beitrages.

Shumagin Islands (Aleuten, Alaska)

Sehnsuchtsvoll segelte die Crew um Vitus Bering im August 1741 in Richtung Westen, denn dieser Kurs war in den Gehirnen der Seeleute mit den Gefühlen von Heimat und Geborgenheit verbunden. Die Heimreise war beschlossen und in einer „verfassten Schrift von dem ganzen Commando bis auf den Bootsmannsmaar (aber wie stets gewöhnlich, nicht von mir) unterschrieben“; so formulierte der ungeduldige Steller in seinem Reisejournal von Kamtschatka nach Amerika; denn er selbst möchte noch viel, viel mehr unbekanntes Land erkunden. Nachdem die Crew Kayak Island verlassen hatten, sichteten sie Anfang August häufig Inseln in nur wenigen Meilen Entfernung. Widrige kalte Westwinde behinderten ein schnelleres Vorwärtskommen. Oft versteckten sich die schroffen, felsigen grünen Inseln im Seenebel und tauchen plötzlich auf, um gleich wieder zu verschwinden. …

Insel Unga
Insel Unga – Foto: Ullrich Wannhoff

… Steller beschreibt: „Es besteht diese Insel, so wie die andern alle, aus lauter erhabn, grün überwachsenen festen Felsen. Das Gestein ist meistens ein roher, grauer und gelblicher Graufels, an einigen Orten grauer Sandstein; so fand sich auch schwarzer, dicker Schieferstein.“ Die Steinstrukturen entstanden aus verschiedenen gepressten Ascheschichten, durch die Vulkantätigkeit der jüngeren Erdzeit Schicht für Schicht aufgesetzt. Wind, Regen, Schnee und Frost bilden in dem weichen Gestein bizarre Formen und Rillen, die an der Küste steil abbrechen; das härtere Gestein bildet sich wie Zinnen spitz nach oben heraus. Ich sah viele beeindruckende Basaltsäulen, die sich mehr oder weniger kristallartig in die Höhe erhoben. Die unteren Felspartien wurden über Millionen Jahre beharrlich von den Meereswellen ausgespült. Die zu der jetzigen Jahreszeit saftig grünen und sanften Täler waren von Gletschern aus einer der letzten Eiszeiten weich ausgeformt worden. …

Klippenausternfischer
Klippenausternfischer mit zwei Jungen – Foto: Ullrich Wannhoff

„Allerley Wasservögel sah man hier im Überfluß; als Schwäne [Zwergschwan (Cygnus columbianus)], zwey Arten von Urilen (Pelicani) [Rotgesichtmeerscharbe (Phalacrocorax urile) und Beringmeerscharbe (Ph. pelagicus)], Alken (Torda) [Dickschnabellumme (Uria lomvia) und Trottellumme (Uria aalge)], Enten, Schnepfen, Strandläufer, verschiedene Mewen [unter andern Beringmöwe (Larus glaucescens) und Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)], Taucher, darunter eine ganz besonderbare und unbekannte Gattung war, Grönländische Tauben [Taubenteise (Cepphus columba)], Seepapageien (Alca artica) [Hornlund (Fratercula corniculata)], Mitschagatten (Alca cirrata) [Gelbschopflund (Fratercula cirrhata)]; aber Landvögel waren nur Raben, Fliegenstecher (Grisola), Schneevögel (Emberiza nivalis) [Schneeammer (Plectrophenes nivalis)], Morasthüner (Tetrao Lagopus) [Alpenschneehühner (Lagopus mutus) oder Moorschneehuhn (Lagopus lagopus)] und sonst nicht das geringste zu sehen.“ In eckigen Klammern stehen die heutigen Namen.

Die von mir beobachteten Vögel fallen dagegen recht bescheiden aus: Elster, Singammer, Klippenausternfischer, Beringmöwen, Dreizehenmöwen, Weißkopfseeadler, Lummen, Rotschnabelalke, Schopfalke, Hornlunde, Gelbschopflunde und Taubenteiste, die ich auf der gegenüberliegenden großen Insel Unga beobachten konnte.

Zerfallene Kirche - Sitka-Fichte
Zerfallene Kirche mit einer Sitka-Fichte – Foto: Ullrich Wannhoff

In der Bucht befand sich einst eine Siedlung. Frühere Pelztierjäger hatten sich 1767(?) mit den Ureinwohnern, den Unangan (Qagaan Tayagungin), Gefechte geliefert, wobei auch Russen tödlich verletzt wurden. Die Russen wurden ständig aufgerieben und fanden auf der Insel keine Ruhe. Zu dieser Zeit gab es zwölf kleine Ansiedlungen, die sich auf sechs Inseln verteilten. Ende des 18. Jahrhundert löschte eine Riesenwelle einige Ansiedlungen aus. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhundert gab es nur noch eine Siedlung an der Südöstlichen Bucht von Unga, die bis 1959 bestand und danach aufgegeben wurde. Noch heute sind stille Zeugen da, die eingefallen ausgeblichenen grauen Holzhäuser, die in der Landschaft einen
besonderen Reiz ausüben. …

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

posted by Ullrich Wannhoff




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