Cresswells Passage

Alle reden von der Nordwestpassage – warum aber keiner von Samuel Gurney Cresswell?

In aller Frühe, morgens um 5 Uhr, wurde John Barrow Jr. aus dem Schlaf gerissen. Es war am Freitag, dem 7. Oktober 1853. Barrow war als Sekretär der Admiralität in London zuständig für die Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition. Was er nun zu hören bekam, brachte zwar kein Licht in den Verbleib Franklins und seiner Schiffe, war aber trotzdem absolut aufregend – denn er erfuhr, dass das lebenslange Ziel seines vor fünf Jahren verstorbenen Vaters endlich erreicht worden war.

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Porträt von Samuel Gurney Cresswell nach seiner Ankunft in London 1853, Illustrated London News

Über Jahrzehnte hatte Sir John Barrow (Senior), Mitglied der Royal Society und Ständiger Sekretär der Admiralität, Expeditionen zur Suche nach einem möglichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik im nordwestlicher Richtung – der sogenannten Nordwestpassage – ausgesandt. Bei den berühmten Polarreisen von John Ross, Edward Parry, James Clark Ross und John Franklin wurden zuvor völlig unbekannte arktische Küsten und Inseln erreicht und kartiert. Doch noch immer gab es zu viele weiße Flecken, die Passage war nicht gefunden, und Franklins letzte Expedition, 1845 gestartet, war seit Jahren verschollen.

Blick von Banks Island nach Melville Island
Der Anblick von Melville Island, bereits 1819 von Parry erreicht, bestätigt das Auffinden der Nordwestpassage – Grafik von S.G. Cresswell

Der 26 Jahre junge Mann, der nun vor John Barrow Junior stand, hatte drei strapaziöse Winter im Eis der Arktis hinter sich und nichts Geringeres vollbracht als erstmals die legendäre „Nordwestpassage“ zu bewältigen. Samuel Gurney Cresswell, zweiter Offizier von HMS Investigator, hatte seinen schwer erkrankten Kameraden, den Maat Robert Wyniatt, heim nach England geleitet und übergab nun den Bericht seines Kapitäns McClure. Cresswell und Wyniatt waren die ersten Europäer, die ganz Amerika umrundet und das Polarmeer komplett durchquert hatten – und zwar von West (Alaska) nach Ost (Baffin Island) und schließlich zurück nach London.

Cresswells Passage
Cresswells Weg von West nach Ost durch das Polarmeer

Die Nordwestpassage, von der zuvor unklar war, ob sie tatsächlich existiert, war endlich gefunden worden – oder besser, ein letztes fehlendes Glied, das ihre Existenz bewies: eine Wasserstraße, der das bekannte Gewässer vor Melville Island, das bereits 1819 vom Osten her durch Kapitän Parry befahren wurde, mit schon kartierten Küstenverläufen im Westen Nordamerikas verband. Dass diese Verbindung existierte, wurde im Oktober 1850 von Cresswells Kapitän McClure entdeckt, als seine HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe – in der Meerenge zwischen zwei großen Landmassen überwintern musste. Diese Verbindung erhielt den Namen Prince of Wales Strait.

HMS Investigator im Packeis
HMS Investigator im Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Infolge widriger Umstände blieb schließlich die Investigator im Norden von Banks Island im Eis gefangen, und nach dem dritten arktischen Winter mit Hunger und Kälte war die Mannschaft dem bereits fast sicheren Tode nahe, als sie im Frühjahr 1853 schließlich von den Crewmitgliedern eines weiteren Rettungsschiffes gefunden wurde. Damals brachte Cresswell zusammen mit Miertsching 25 zumeist an Skorbut erkrankten Seeleute auf einem über zwei Wochen langen Marsch über das Eis zu den rettenden, obwohl ebenfalls im Eis feststeckenden Schiffen Resolute und Intrepid bei Dealy Island (im Südosten von Melville Island).

HMS Investigator wird verlassen
HMS Investigator wird verlassen – Grafik von S.G. Cresswell

Von dort wurde Cresswell nach London gesandt, um die Nachricht vom Auffinden der Passage zu überbringen. Nach einem vierwöchigen Marsch erreichte er Beechey Island, von wo ihn später das Schiff Phoenix nach Thurso in Schottland brachte. 53 weitere Reisestunden brachten ihn schließlich nach London – diesmal auf Rädern: damals verkehrte bereits eine Eisenbahn zwischen Edinburgh und der Hauptstadt.

Mit Lastschlitten durch das Packeis
Mit Lastschlitten durch das Packeis – Grafik von S.G. Cresswell

Cresswell hatte Erfahrungen mit Fußmärschen in der Arktis. Er hatte 1850 und 1851 von Bord der Investigator aus mehrwöchige Expeditionen mit Lastschlitten durchgeführt, um Küstenverläufe von Banks Island zu erkunden. Was jedoch der insgesamt 750 Kilometer lange Gewaltmarsch über das Packeis von Banks Island im Westen nach Beechey Island im Osten dem nunmehr längst unter Mangelernährung leidenden jungen Offizier abverlangte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Beechey Island
Eine Bucht bei Beechey Island vor der Küste Devon Islands bot den Briten einen sicheren Hafen

Grabmal fuer Thomas Morgan
Grabmal von Thomas Morgan (HMS Investigator) der es nicht mehr heim nach England schaffte, auf Beechey Island

Nach seiner Ankunft in England wurde Cresswell enthusiastisch gefeiert. In seiner Heimatstadt King’s Lynn fand ein Empfang statt, auf dem der ruhmreiche 62jährige Admiral Edward Parry – der 1819 mit den Schiffen Hecla und Griper bereits die Hälfte der Nordwestpassage bis hin zur heutigen McClure Strait befahren hatte – eine Laudatio zu Ehren Cresswells und der anderen mutigen Arktiserforscher hielt.

Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt
Empfang für Cresswell in seiner Heimatstadt King’s Lynn – Illustrated London News

Samuel Gurney Cresswell, der erste Durchquerer der kompletten Nordwestpassage – wenn auch zur Hälfte nicht per Schiff, sondern zu Fuß, was eine vielleicht noch größere Leistung darstellt – starb vor genau 150 Jahren, am 14. August 1867, im Alter von nur 39 Jahren. Offenbar hatten die Strapazen der fast vierjährigen Arktisreise seine Gesundheit unterminiert. Doch sein Vermächtnis lebt fort – nicht zuletzt in seinen wunderbaren und berühmten Zeichnungen, die bis heute zahlreiche Bücher und Artikel zur Erforschung der Arktis illustrieren.

HMS Investigator in kritischer Position
Kritische Position von HMS Investigator im Eis – Grafik von S.G. Cresswell

posted by Mechtild Opel

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2 Antworten auf „Cresswells Passage“


  1. 1 Gina 14. August 2017 um 21:44 Uhr

    Klasse Eintrag. Wirklich schade daß er nach all den Strapazen und Problemen, die er während der Reise hatte, dann so tragisch und früh sterben mußte.

  2. 2 Icke 19. August 2017 um 22:05 Uhr

    Zumindest verschönen seine Bilder viele Bücher über die Arktis, auch wenn diese nichts mit ihm und der HMS Investigator zu tun haben!

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