Archiv für Juni 2016

Wanted! Gemälde gesucht!

Julius von Payers vermisster Zyklus zur Franklin-Expedition

Weite Bereiche der Arktis sind Ende Juni noch immer dicht mit Meereis bedeckt. Es ist viel zu früh für die Unterwasserarchäologen von Parks Canada, in die Arktis zu dem 2014 gefundenen Wrack von HMS Erebus und zur Suche nach der noch immer vermissten HMS Terror zurückzukehren.

Die Umrisse von HMS Erebus auf dem Monitor des Seitensonars
Die Umrisse von HMS Erebus auf dem Monitor des Seitensonars – © Parks Canada

Bevor wieder aktuellen Nachrichten zu den Schiffen die Medien beherrschen, soll auf ein ungeklärtes Phänomen aufmerksam gemacht werden: Das Verschwinden der Franklin-Gemälde von Julius von Payer.

Der Franklin-Zyklus
Payer war bereits ein berühmter Kartograf und Arktisforscher, als er sich entschloss, Kunstmaler zu werden. Dabei war es ihm von Beginn an ein Anliegen, das fast spurlose Verschwinden der Franklin-Expedition bildlich zu gestalten. Er konzipierte einen Zyklus von vier (oder fünf?) Monumentalgemälden mit den Arbeitstiteln:
Der Tod Franklins (Death of Franklin) 1889
Das Verlassen der Schiffe (Abandoning vessels) 1885
Gottesdienst auf dem Eis (Bible reading) 1888
Die Bai des Todes (Starvation Cove) 1883

Franklins Tod, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax“ /><br />
<font size= Franklins Tod, Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Ein angedachtes fünftes Gemälde sollte wohl das Auffinden von Überresten der Franklin-Expedition durch Francis Leopold McClintock im Jahr 1859 darstellen.

Gottesdienst auf dem Eis
Gottesdienst auf dem Eis, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Julius von Payer studierte an verschiedenen Kunstschulen und in Ateliers berühmter Maler. Er reiste mindestens zwei Mal nach London, um Skizzen und Studien für seine geplanten Gemälde anzufertigen. Auf einer Werft in Chatham besichtigte er Schiffe, die baugleich zu Erebus und Terror waren. Er besuchte Museen in Greenwich, studierte das Franklin-Denkmal am Waterloo Place in London und erhielt ein Kopfrelief von Kapitän Fitzjames von der HMS Erebus. Sophia Cracroft, Franklins Nichte, stellte Fotos von Kaptän Crozier von HMS Terror und anderen Seeleuten zur Verfügung. Von Frederick Schwatka, Leiter einer amerikanischen Suchexpedition, erhielt er eine Skizze von Starvation Cove, dem Fundort von Leichen und Überresten der Franklin-Expedition.

Taucher am Wrack von HMS Erebus - Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Erebus – Parks Canada – © Parks Canada

Bestens vorbereitet, malte Payer zunächst „Die Bay des Todes“, das ab 1883 mit viel Erfolg in Galerien europäischer Städten gezeigt wurde, überall großes Aufsehen erregte und mit Auszeichnungen dekoriert wurde. Leider konnte bis heute keine Abbildung dieses Gemäldes nachgewiesen werden. Die weiteren Gemälde folgten, und alle vier wurden 1896 in der Londoner Grafton Gallery ausgestellt. Dann verliert sich ihre Spur.

Das Verlassen des Schiffs
Das Verlassen des Schiffs, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Da Fotografie und Reproduktionstechnik zu der Zeit noch in den Kinderschuhen steckten, sind keine Reproduktionen dieser Gemälde bekannt. Es existieren heute nur noch Skizzen und Studien zu einigen dieser Gemälde. Der Zyklus wurde vermutlich komplett oder in Teilen nach USA verkauft. Payer malte dann 1897 eine zweite Variante der „Bai des Todes“, die heute in einem Prager Institut hängt.

Bai des Todes - Version von 1897
Bai des Todes – Version von 1897 im Geophysikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften zu Prag

Es gibt Hinweise, dass sich alle oder ein Teil der verschwundenen Gemälde noch bis nach dem zweiten Weltkrieg im Besitz der belgischen Sammler-Familie O‘Meara in Brüssel befunden haben. Durch das Auffinden des Wracks der HMS Erebus ist das Interesse natürlich groß, auch den Verbleib der Gemälde Payers aufzuklären. Immer wieder tauchen Studien und Varianten zu den Gemälden auf. Sie werden auf Ausstellungen in Wien (1973), Prag (2006) und in Teplice (2011 und 2015) gezeigt. Nur die Originale bleiben verschwunden.

Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde
Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde. Foto: Radek Svítil

Unklar ist auch, ob die 1973 in Wien ausgestellte Reproduktion von „Bai des Todes“ aus der Sammlung Dr. Felizitas Haindl die Version von 1883 oder von 1897 zeigte. Leider gibt es laut Aussage der Österreichischen Nationalbibliothek keine Reproduktion der Reproduktion mehr. Vermutlich war die Entwicklung der modernen Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Schuld“ am Vergessen der monumentalen Franklin-Gemälde von Payer. Der Kunstmarkt und das Interesse der Sammler hatte sich längst anderen Malern wie Cezanne, Picasso, Matisse oder den deutschen Expressionisten zugewandt.

Bai des Todes – vermutlich Studie von 1882 für das große Gemälde
Bai des Todes – vermutlich Studie für das große Gemälde, Sparkasse Teplice

Paintings wanted!
Doch wir (siehe auch Radek Svítil, Franklinova expedice) lassen nicht locker! Wer weiß etwas über den Verbleib der monumentalen Franklin-Gemälde von Julius von Payer?
Wesentlicher Unterschied zwischen den Varianten der „Bai des Todes“ von 1883 und 1897 ist übrigens eine zusätzlich im linken Teil des 1897er Gemälde aufgenommene Figur. Interessant dabei: Sie erinnert irgendwie an die Darstellung Frederick Schwatkas von Heinrich Wenzel Klutschak, einem der Teilnehmer der Schwatka-Expedition, der wie Payer aus Österreich stammte.

Frederick Schwatka
Frederick Schwatka, dargestellt von Heinrich W. Klutschak

posted by Wolfgang Opel
Siehe auch unser Blog Julius von Payer, Entdecker und Maler




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