Archiv für Oktober 2015

Wir haben unser Kanada zurück!!???

Kanada hat gewählt und ist in Aufbruchstimmung, denn fast 10 Jahre „Harper-Regime“ sind nun zu Ende.
„You wont recognize Canada when I‘m through with it“ – „Ihr werdet Kanada nicht wiedererkennen, wenn ich damit fertig bin“, hatte Harper bei Machtübernahme 2006 angekündigt – und leider ziemlich wahr gemacht, mit einer hier nie dagewesenen Unterminierung demokratischer Institutionen und Verfahren und einem Kult um seine Person, weswegen manche ihn sogar mit Stalin verglichen. Begleitet wurde das von extremer Sparpolitik bei gleichzeitiger Subventionierung der Ölindustrie, Einschränkung von Umweltstandards, Beschneidung von Wissenschaft und Kultur u.a.m.

Kanadische Flagge
Kanadische Flagge

Von Kanadas Bevölkerung hat Harper am Wahltag, dem 19. Oktober 2015, eine eindeutige Antwort erhalten. Ab 4.11. heißt der neue Ministerpräsident Justin Trudeau. Für viele verkörpert er die Hoffnung auf das Zurückgewinnen der kanadischen Werte, wie sie sich besonders seit Ende der 1960er Jahre unter dem Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, seinem Vater, etabliert hatten.

Kanada-Lesebuch_Titel
Titelbild Kanada-Lesebuch

Auch das Kanada-Lesebuch, das seit dem Frühsommer vergriffen war, ist seit Mitte Oktober in der zweiten Auflage zurück in den Buchhandlungen. Wahlen, Parlament und die Besonderheiten des politischen Systems in Kanada werden im Kapitel 3 des Buches behandelt.

T-Shirt Canadian Fast Food
T-Shirt „Canadian Fast Food“

In diesem Kapitel stellen wir auch das „Gesicht des modernen Kanada“ seit Trudeaus (des Älteren!) Führung vor: die Bestandsaufnahme einer multikulturellen Gesellschaft – Ureinwohner heute, alte und neue Einwanderer aus der ganzen Welt – mit ihren Erblasten und Konflikten, etwa die traurigen Folgen der „Residential Schools“ oder die Separatistenbewegung in Québec – aber auch mit ihren tatsächlichen Errungenschaften und phantastischen Möglichkeiten.

Kunst aus Haida Gwaii
Kunst aus Haida Gwaii

Geschichte
Das erste Kapitel des Buches ist der Geschichte und den Kulturen der ersten Bewohner des großen Landes im Norden Amerikas – den First Peoples – „Indianern“ und Inuit – gewidmet.

Traditionelle Inuit-Kleidung
Junge Inuit-Frau in traditioneller Kleidung

Die Ankunft, Ansiedlung und Ausbreitung der Einwanderer aus Europa behandeln wir im zweiten Kapitel. Dazu gehören auch die Suche nach der Nordwestpassage, der Untergang des Bundes der Huronen, die Gründung der kanadischen Föderation und die Entwicklung des modernen Kanadas bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Alter Friedhof in Kingsburg
Alter Friedhof in Kingsburg (Nova Scotia) mit den Gräbern deutscher Siedler

Aspekte der kanadischen Wirtschaft
Welche Folgen hat die Ölsandförderung in Alberta? Ist das Zeitalter der Kahlschläge in Kanada vorüber? Diese und weitere Themen sind Gegenstand im Kapitel 4 des „Kanada-Lesebuchs“.

Im Finanzdistrikt von Toronto
Im Finanzdistrikt von Toronto

Riesige Getreidefelder in Kanadas ehemaliger Prairienlandschaft
Riesige Getreidefelder in Kanadas ehemaliger Prärienlandschaft

Kanadische Lebensart
Über Ahornsirup, Hummer und Fastfood, über Vorstadtsiedlungen und ländliche Weihnachtsdekorationen, über Zusammenstöße von Elch und Auto, über Hockey, kanadische Höflichkeit, Nationalstolz und mehr informiert Kapitel 5.

Entspannte Kanadier
Entspannte Kanadier in Montreal

Kultur
Leonard Cohen, Buffy St. Marie, Neil Young, Joni Mitchell, Oscar Peterson, Glenn Gould – sie alle kommen aus Kanada. Das Land ist Heimat vieler international bekannter Musikern, und auch von Schauspielern wie Donald Sutherland, Jim Carey und Keanu Reeves.

Atlantic Jazz Festival Halifax
Beim Atlantic Jazz Festival in Halifax

Was die Ureinwohner, die ersten Siedler und die neuen Einwanderer in das kulturelle Leben des Landes eingebracht haben, führte zu einer außergewöhnlich reichen Vielfalt – auch in der Literatur, der bildenden Kunst, der Architektur und der Filmkunst.

Artist Studio auf Fogo Island
Artist Studio auf Fogo Island, Architekt: Todd Saunders

Nicht unberührt von Tendenzen der europäischen Kunst und doch sehr eigenständig zeigt sich die Bildende Kunst in Kanada. Auf über 70 Seiten im Kapitel 6 stellen wir Facetten der kanadischen Kultur vor, von Marshall McLuhans Theorien bis hin zu Festen und Feiern in Städten und Dörfern.

Alan Syliboy_Butterfly
Wandbild des Mi‘kmaq-Künstlers Alan Syliboy auf dem Flughafen in Halifax

Natur und Umwelt
Die Schönheit und Wildheit der kanadischen Natur zieht Kanadier wie auch Reisende aus aller Welt in ihren Bann.

Fall Foliage - Indian Summer
Traumhafte Herbstfärbung in Quebec

Nicht nur die Vielfalt der Landschaftsformen, die klimatischen Besonderheiten und die Möglichkeiten, diese Natur zu erleben, sondern auch die Konfrontationen zwischen Menschen und wilden Tieren, die Bedrohungen für die Tier- und Pflanzenwelt, die Folgen der globalen Erwärmung und Umweltpolitik sind Gegenstand im Kapitel 7. Wir stellen den Umweltaktivisten David Suzuki vor und diskutieren auch die heiß umstrittene Robbenjagd. Das anschließende Kapitel 8 bietet auf 45 Seiten einen illustrierten „kleinen Naturführer“.

Buckelwal
Buckelwal

Grizzlybaeren beim Lachsfang
Grizzlybären beim Lachsfang

Vom Atlantik bis zum Pazifik und in den hohen Norden
Kanada liegt an drei Meeren. Unsere virtuelle Reise im letzten Kapitel führt nicht nur von Ost nach West, sondern auch an die Küsten des Polarmeeres.


Polar Bear

Eisbär im Süden von Baffin Island – siehe auch unser Eisbär-Buch

Wir zeigen Besonderheiten und Schönheiten des zweitgrößten Landes der Erde und stellen einige der wichtigsten Reiseziele in Kanada vor.

Dempster Highway
Dempster Highway im September

Wir hoffen, dass Kanada nach den Wahlen von 2015 die Prinzipien „Würde“, „Gleichheit“, „Gerechtigkeit“ (auf dem Human Rights Memorial in Ottawa verewigt) und „Versöhnung“ (auf dem nahegelegenen Friedensmonument) zur Grundlage der Politik und des Zusammenlebens macht, am besten auch noch ergänzt durch „Respekt“ und „Weisheit“.

Human Rights Memorial
Human Rights Memorial in Ottawa

posted by Mechtild Opel

„The Hare & Hounds“ – aus Nova Scotia

Die einzige Insel auf dem Second Christopher Lake wurde für zwei Wochen mein Domizil.
Es war eine glückliche Notlösung, nachdem das geplante Zelten im Nationalpark Kejimkujik schief lief, weil dies mit vielen Umständlichkeiten und mit langer Voranmeldung verbunden ist. Kurzfristig mussten wir einen anderen See finden. In unserer gemeinsamen Verlegenheit fuhren meine Freunde mich zu zwei uns unbekannten Seen, zwischen denen ein Campingplatz liegt. Sie luden mich ab und entließen mich in die Freiheit.

Ein frueher Seenebel zieht auf
Früher Seenebel zieht auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Gleich paddelte ich fluchtartig und schnellstmöglich von dem Campingplatz weg, wo ein Wohnwagen sich an den anderen reiht und lärmendes Menschengewirr noch Hunderte Meter weit über dem See zu spüren war. Dann endlich war ich außer Sichtweite der Zivilisation und hatte noch vier Stunden Zeit, einen passenden Zeltplatz zu finden, bevor die Sonne untergeht.

Mein Boot auf der Insel
Mein Boot liegt auf der Insel, die mich 14 Tage beherbergt
Foto: © Ullrich Wannhoff


Ich steuerte am Anfang eine Insel an, die mir vordergründig ins Auge fiel. Mit dem steinigen Untergrund war ich nicht so zufrieden. So paddelte ich weitere Buchten ab, die alle nicht in Frage kamen. Entweder war der Boden viel zu feucht oder weiter drin im Wald viel zu holprig. Moose und Flechten überziehen große und kleine Steine und ergeben keine ebene Fläche für das Zelt.

Meine Insel im Morgennebel
Meine Insel im morgendlichen Nebel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Also zurück zur Insel, die etwa hundert Meter lang und vierzig Meter breit ist und auf der Kiefern, Fichten, Birken und verfilzte Sträucher wachsen. Ich finde einen flachen, großen Stein aus der Eiszeit, den einst ein kilometerdicker Eispanzer schliff und hobelte. Die Größe der Grundfläche ist wie geschaffen für das Zelt. Mit anderen Steinen, anstatt Heringen, kann ich meine Unterkunft fixieren. Auf der westlichen Seite habe ich die herrlichen Sonnenuntergänge und auf der anderen Seite die Aufgänge. Beide färben sich in dieser Zeit meist rot, wie das Blut erlegten Wildes, das zur Jagdzeit fließt.

einer der vielen roten Sonnenuntergaenge
Einer der vielen roten Sonnenuntergänge – Foto: © Ullrich Wannhoff

In tagelangen Erkundungen entdecke ich Jagdwege, Tierpfade von Weißwedelhirschen, bewohnte Biber-Baue und da und dort manche Vogelarten, die leider recht rar bleiben. Unendlich viele Steine schauen nicht nur aus dem torfhaltigen See, sondern befinden sich unsichtbar unter der Wasserfläche. Der Untergrund meines schönes roten Gummibootes verliert die Farbe. An fast jedem Stein schürfe ich an, es ist, als würde man mit Sandpapier die Farbe abschleifen.

Kochstelle in Steinritze
In einer Steinritze bereite ich mein Essen zu – Foto: © Ullrich Wannhoff

In einer Steinritze lege ich mit dünnen Kiefernzweigen und Birkenrinde ein kleines Feuerchen an für Tee zum Frühstück und Abendbrot. Für mich, der mehr das subarktische Klima gewohnt ist, sind die Temperaturen zwischen 30-40°C eine Qual.

Sonntag der 13. September
Das war Sonntag, der 13. September – Foto: © Ullrich Wannhoff

Endlich gibt es einen Regentag. Es ist der Dreizehnte, aber nicht Freitag, sondern Sonntag. Zuerst kommt Nieselregen von den feuchten Wolken herunter, der sich zwar wie Nebel anfühlt, aber nicht wie an anderen Tagen in Sonnenschein übergeht. Ich wanderte um den oberen, kleineren Third Christopher Lake und entdecke eine Jagdhütte mit der witzigen Türüberschrift „The Hare & Hounds“. Bin ich der Hase oder ein Jagdhund?

Im Wald versteckte Jagdhuette
Überraschend finde ich eine versteckte Jagdhütte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier trinke ich in Ruhe meinen Tee und habe das Gefühl, der Regen hört nicht mehr auf. So bleibt mir nichts weiter übrig, als bei der Nässe zurück zum Boot zu laufen. Vorher nehme ich mir aus der Jagdhütte noch eine Cellophantüte, um meine Fotoausrüstung in der Fototasche vor Nässe zu schützen. Unterwegs sehe ich rote Bändchen an den Bäumen, die mir den Weg zeigen. So laufe ich diesen hinterher, anstatt am Seeufer mit den hohen Sträuchern zurück zu gehen. Jetzt führt der Weg mit den roten Fähnchen immer weiter weg vom See. So ein shit!

Ein gut organisierter Haushalt
Ein gut organisierter Haushalt! – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich biege ab in Richtung See. Feuchtwiesen und große, nasse Erlensträuchern erschweren das Laufen. Der Himmel liegt tiefgrau, und Wasser über mir, unter den Füßen morastige Gründe und an den Seiten die klitschnassen Sträucher – und kein Ende abzusehen.
Im Hintergrund sehe ich etwas Helleres durchleuchten. Ja, das muss die Lichtung sein, wo sich der See befindet. Fehlanzeige. Laufe weiter und stehe an einer markanten Fichte, die ich schon mal vom Ufer aus gesehen hatte. Weit kann es nicht mehr sein. Der Himmel ist nicht nur grau, sondern wässrig, wie schmutzige Wäsche. Ich habe keine Ahnung, welche Richtung ich einschlagen soll. Hier werde ich zum hilflosen Hasen und weiß von nichts. Alle Himmelsrichtungen sind von gleicher Farbe. So bleibt mir nichts anderes übrig als zu laufen, laufen und nochmals laufen – bis irgendwann ein Weg kommt, der mich in die Zivilisation bringt – und wenn ich bei einem fremden Kanadier übernachten muss.

Schild Hare and Hounds
Schild über der Eingangstür der Jagdhütte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich habe mich im Kreis bewegt und komme wieder an einem Holzeinschlag vorbei, wo Forstfahrzeuge ihre Spuren hinterlassen haben und mir die Richtung anzeigen. Mehrere Wege gehen davon ab. Ich laufe einen davon entlang, den ich später wieder erkenne – an Fähnchen, Bierbüchse, einen alten Kartoffelsack usw. – den ich vor Tagen schon mal abgelaufen bin. Ich atme tief durch, und mein Jagdgespür ähnelt jetzt dem eines Hundes. Naja, nur noch zwei Stunden bis zum Boot.

Regenwasser fuellt meinen Teetopf
Das Regenwasser füllt meine leeren Wasserkanister und den Teetopf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Meine Insel ist unsichtbar im dicken Grau verschwunden. Doch auf dem Wasser bin ich mir sicherer, und nach einer halben Stunde Paddeln kann ich anlegen, nach unfreiwilligen zehn Stunden Wanderung. Schnell entledige ich mich meiner triefend nassen Sachen. Stehe nackt vor dem Zelt, strecke mich, bevor ich mich ins Trockene lege. Ich bereite mir heißen Tee und schreibe Tagebuch, und die Gedanken zwischen „Hare und Hounds“ bleiben auf der Strecke.
Weitere Paddel-Erlebnisse von Ulli hier

posted by Ullrich Wannhoff
Nachbemerkung: Endlich wieder lieferbar ist das Kanada-Lesebuch




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