Archiv für Mai 2015

Terra Incognita – KAMTSCHATKA

Neue Ausstellung von Ulli Wannhoff im Chemnitzer Naturkundemuseum

Für die Besucher der Ausstellung ist der Ferne Osten, Sibirien und die Halbinsel Kamtschatka meist „terra incognita“. Mit dem heutigen eurozentrischen Blick wissen wir oft weniger als das neugierige Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts; trotz Internet, Wikipedia und vieler Suchmaschinen, die auf richtiges – und falsches – Wissen hinweisen.

Polarfuchs
Polarfuchs (Präparat Naturkundemuseum Chemnitz) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Für mich ist die Ausstellung eine Reflexion der letzten zwanzig Jahre, die mein Leben nach der Wende bestimmten.
Die Ausstellung kann nur einen kleinen Einblick geben und eine Anregung, einen Anstoß – auf mehr, sofern es heute noch Neugierde gibt, wo ja alles im Internet mit einem Tastendruck erreichbar ist.

Seeadler
Riesenseeadler (Präparat, Leihgabe des Naturkundemuseums Berlin) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine Ausstellung wächst durch Dialoge, Fragen und Verwerfungen. Der Prozess ist vielleicht das Anregendste für alle Beteiligte und widerspiegelt auch die Komplexität, die nicht nur die junge geologische Erdgeschichte in Kamtschaka und die Naturprozesse aufzeigen, sondern auch unser heutiges Leben in seiner Vielfältigkeit und Veränderlichkeit.

Beim Aufbau der Ausstellung
Beim Aufbau der Ausstellung: die Kustodin Frau Dr. Thorid Zierold und der Plakat- und Schriftgestalter Evgeniy Potievsky – Foto: © Ullrich Wannhoff

Wir haben die Ausstellung in drei Teile gegliedert. Der erste ist das „Vulkanmodell“ mit den verschiedenen Vegetationszonen und den Tieren, die ihre Nischen darin finden. Innerhalb einer kurzen Wegstrecke nach oben gestaltet sich ein vielseitiges Bild.
Je höher wir kommen, um so kühler die Luft – und dementsprechend kleiner werden Pflanzen und Tiere.

Vulkanmodell mit den verschiedenen Vegetationszonen
Vegetationszonen auf dem Vulkanmodell – Foto: © Ullrich Wannhoff

Von den Säugern leben unten im Tal Braunbär und Elch, und weit oben treffen wir noch die kleine Polarrötelmaus an. Sie wiederum hat Fressfeinde, den Raufußbussard und die Schneeeule, die sich in die Höhe wagen.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit den indigenen Völkern, die über viele tausende von Jahren die Halbinsel besiedelten, bevor der erste weiße Mann gewaltsam auftrat: Die Kosaken kamen Ende des 17. Jahrhunderts.

Modell Jaranga
Modell einer Jaranga – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auch in der Sowjetzeit gab es viel „Ungereimtes“. So wollten die Kommunisten ein neuen Typus Mensch in ihrem weiten Land kreieren, den „Homo Sowjetikus“, was mit dem Verlust der Tradition und der Identität der indigenen Völker verbunden gewesen wäre. Aber es gab auch Positives in dieser Gesellschaft, wie eine Grundversorgung, ärztliche Betreuung, der kollektive Zusammenhalt – dies alles ist heute mehr oder weniger in Auflösung begriffen.

Im Hintergrund: Wannhoffs Kamtschatka-Fotos
Kamtschatka-Fotos in der Ausstellung– Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach der Wende zog eine hohe Arbeitslosigkeit ein, und überteuerte Produkte zwangen und zwingen die kleinen Völker des Nordens zu einer Rückbesinnung auf die alte Jagdkultur und ein weitgehend autarkes Leben in der Wildnis, um nicht im Dorf dem Alkoholismus zu verfallen. Oft sind es die Frauen, die die Stärkeren sind und ein neues Leben anfangen. In der Ausstellung wird hauptsächlich die Materialkultur gezeigt.

Ausruestungsgegenstände für die Wildnis
Ausrüstungsgegenstände – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der dritte Teil ist die Isbuschka, das Hüttchen, das zu vielseitigen Zwecken benutzt wird und für uns Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig ist.

In der Isbuschka
In der Isbuschka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Man wird erinnert an „Die Mythen des alten Tages“ von Michail Epstein. Er schreibt über das nationale Totem, über den Braunbären:
„ Es ließen sich viele symbolische Analogien finden von denen eine jede für sich genommen nichts zu erklären scheint, zusammen aber … Die althergebrachte Bodenhörigkeit des russischen Menschen – und die Angewohnheit des Bären, den ganzen Winter zu verschlafen. Der russische Ofen, auf dem man liegt und sich im Schlafe wärmt, das Leben vergeudet. – und die dunkle Behaglichkeit der Bärenhöhle, warm und eng wie im Mutterleib, mit zottigen Fellfetzen gepolstert. Der auf den Ofen bezogene Ritus der russischen Faulheit – und die Vorliebe für den Leckerbissen, den es umsonst gibt, die Diebesmanier, die Früchte fremdes Fleißes zu stehlen. Der Bär schleckt Honig, nährt sich von der Emsigkeit der Bienen. Schläfrigkeit und Urkraft. Ein Faulpelz und Leckermaul ist der Herr des Waldes. Ein Erdbrocken, der sich mit wildem Brüllen vom Boden losgerissen hat und alles unter sich zermalmt, doch dann und wann wieder in seine angestammte Lagerstatt zurücksinkt. Bodenständigkeit als Erbinstinkt des erdgeborenen Wesens.“

Braunbär, Naturkundemuseum Chemnitz
Braunbär, Präparat Naturkundemuseum Chemnitz – Foto: © Wolfgang Opel

In der Einladung steht geschrieben: „Naturforscher und Künstler“. Ich verstehe mich eher als teilhabender Beobachter in der Natur, verbunden mit meiner geschichtlichen und ornithologischen Recherche, und das eigene Erleben zu spüren und später nachzuempfinden. Dabei sind die morphologischen Beschaffenheiten der Tiere für mich wichtig.

Ulli Wannhoff
Eröffnung der Ausstellung – Foto: © Wolfgang Opel

Tausende von mir gesammelte Federn liegen in wissenschaftlichen Sammlungen. Für mich besitzen sie einen sinnlichen Charakter, aber sie beinhalten auch Gene für die Wissenschaft, auf deren Ergebnisse ich immer sehr gespannt bin. Wie fügen sie sich in der Evolution ein, in einem komplizierten Baukastensystem, als sei es von einem Gott geschaffen, der mich aber in der Natur nicht interessiert, sondern nur im kulturhistorischen Kontext.

posted by Ullrich Wannhoff

Die Oder – oder …

… eine Übung für Nova Scotia, oder Vogelbeobachtungen

Wieder mal war Sonnenschein zu erwarten – falls der Wetterbericht nicht lügt. So entschloss ich mich kurzerhand am Vorabend, meine Sachen zu packen, die für eine Bootsfahrt wichtig sind. Der Bahnstreik wurde gerade 21°°Uhr beendet, so dass nichts im Wege stand.

Die blaue Stunde
Die Blaue Stunde: Zugfahrt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens kommt die Blaue Stunde, als ich sechs Uhr am Bahnsteig stehe und der rote Doppelstockzug von Magdeburg nach Eisenhüttenstadt einfährt. Die glühend rote Sonne leuchtet durch die Wirtschaftswälder (Kiefer), die auf märkischem Sand stehen.
Nach anderthalb Stunden Zugfahrt laufe ich vom Bahnhof Eisenhüttenstadt nach Fürstenberg.

Einstieg in Fuerstenberg
Einstieg in Fürstenberg – Foto: © Ullrich Wannhoff

Unten am steinigen, menschenleeren Ufer blase ich mein rotes Gefährt auf. Eine junge Frau mit zwei Hündchen begrüßt mich, während ich mit Unterhose da stehe und mich umziehe. Nach zwanzig Minuten bin ich schon auf dem hier stillen Wasser. Schließlich ist das ein Kanal und noch nicht die Oder, die dreihundert Meter weiter entfernt fließt. Durch die milchige Wolkendecke leuchtet weiches Licht auf das Städtchen.

Mein rotes Boot
Mein rotes Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Kaum aus dem Kanal gepaddelt, nimmt mich der Strom mit nach Norden. Ein dunkles Schwemmholz kommt mir entgegen. Schwemmholz? Es ist ein Biber. Leider ist mein Fotoapparat noch nicht startklar. Nur wenige Minuten später steht ein neugieriger Rehbock vor mir. Der denkt sich wohl: „Soll ich hier bleiben oder wegrennen?“. Er ist noch unschlüssig, während das Fließgewässer mich immer näher zu ihm bringt und ich aus nächster Nähe fotografiere. Jetzt erst trabt er langsam durchs Schilf und verschwindet mit seinem weißen Spiegel am Hintern.

Neugieriger Rehbock
Neugieriger Rehbock – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Bäume und Sträucher blühen und das junge zarte grüne Laub entfaltet sich, reckt und streckt sich nach Wärme. Vögel zwitschern, einige davon sind Zugvögel, die schon zurück aus dem Süden sind. So beobachte ich Fischadler, Schwarzmilan, Zilpzap, Wacholderdrossel, Kuckuck, Rauchschwalben, Küstenseeschwalbe – und andere werden noch kommen …

Graureiher
Graureiher im Flug – Foto: © Ullrich Wannhoff

Endlich zieht der weiße Schleier auf, und es wird richtig warm. Zwei Silberreiher fliegen über mir. Öfters fliegen Graugänse vom Ufer auf, ziehen ihre Kreise, um hinter mir wieder ihre Ruheplätze einzunehmen. Sie sind sehr scheu.

Graugaense ziehen vorueber
Graugänse ziehen vorüber – Foto: © Ullrich Wannhoff

Während das westliche Ufer fast menschenleer bleibt, sehe ich im Osten mehrere polnische Angler: als hätte sie Gott aus Lehm geschaffen, heben sie sich kaum von der Erde ab.

Das polnische Ufer der Oder
Das polnische Ufer der Oder – Foto: © Ullrich Wannhoff

Im weiten Blau da oben am hellen Himmelszelt segeln ein Seeadler und ein Fischadler. Ich beobachte noch Mäusebussarde und einen schnell dahinfliegenden Turmfalken. Ein Schwarzmilan sitzt ruhig auf einer der vielen abgestorbenen Weiden. Sobald ich ihm mit dem Fließgewässer näher komme, fliegt er auf.

Schwarzmilan
Schwarzmilan – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ebenso ängstlich sind die Schellenten, die bei hundert Meter Abstand das Weite suchen.

Fliegende Schellente
Auffliegende Schellente – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die kleinen Graugänse fliehen ins hohe Gras, sobald mein rotes Boot gesichtet wird.

Fluechtende Graugaense
Flüchtende Graugänse – Foto: © Ullrich Wannhoff

So paddle ich den lieben langen Tag, und viel Gezwitscher unterbricht die Stille angenehm und begleitet mich. Am lautesten sind die Bruchwasserläufer mit ihren hohen Pfeiftönen. Auffallend der weiße Bürzel und die länger herausschauenden Beine. Die Flußuferläufer stehen am steinigen gepflasterten Uferstreifen und wippen mit ihrem Hintern. Sie sind nicht ganz so scheu wie die Bruchwasserläufer, aber auch schwierig zu fotografieren.

Wippender Flussuferlaeufer
Wippender Flussuferläufer – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Gänsesäger treibe ich unbeabsichtigt mit meinem Boot nach Norden. Sicherlich werden alle Vögel durch mein Paddeln im Oderbruch ankommen. Dies ein Grund genug, dort nach der Wende ein Naturschutzgebiet einzurichten … ;)

Gaensesaegerpaar
Gänsesägerpaar – Foto: © Ullrich Wannhoff

31 vom Wasser aus beobachtete Vogelarten – das ist nicht allzu viel, aber schön.

Flussee
Flußseeschwalben – Foto: © Ullrich Wannhoff

Meine Gedanken fließen noch zu Gottfried Benn, als ich Frankfurt/Oder erreiche und durch zwei moderne Brücken paddle. Hier ein Auszug aus dem Gedicht „Teils-teils“:

… graue Herzen, graue Haare
der Garten in polnischem Besitz
die Gräber teils-teils
aber alle slawisch,
Oder-Neiße-Linie
für Sarginhalte ohne Belang
die Kinder denken an sie
die Gatten auch noch eine Weile
teils-teils
bis sie weitermüssen
Sela, Psalmenende.

posted by Ullrich Wannhoff




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