Amerika ist eine Insel …

Gedanken zum 140. Todestag von Johann August Miertsching

Gründlich satt hat Miertsching die Arktis im Herbst 1854. Fast fünf Jahre voller unvorstellbarer Leiden und Entbehrungen, der fast schon gewisse Tod und dann eine unglaubliche Rettung in letzter Minute liegen nun hinter ihm und der Mannschaft von HMS Investigator, die ihr Schiff eingefroren im Hohen Norden zurücklassen mussten. Endlich können sie die Zone des Eises an Bord eines Rettungsschiffes verlassen; „… so segelten wir weiter nach Süden, u. passierten gegen Abend die Linie des Polar-Kreises. Seit dem 27. Juli 1850, wo wir die selbe Linie in der Beringstraße überschritten, haben wir im Polarkreis zugebracht. Ach möchte ich nie wieder diesen Kreis betreten.“

Cresswell - HMS Investigator im Eis
Miertschings Schiff HMS Investigator im Eis – Zeichnung von S.G. Cresswell

Nun endlich liegt die ersehnte Heimat vor ihnen. Vier Wochen später sind sie in England, und Ende November erreicht Miertsching seinen Geburtsort Gröditz in der Oberlausitz.
Im Reisetagebuch zieht er ein Fazit dieser Reise, die sie zu den Entdeckern der lange gesuchten Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik machte: „Unser Schiff Investigator hat die Aufgabe, Franklins Schicksal ans Licht zu bringen, auch nicht lösen können, hat aber eine andre seit Jahrhunderten gestellt Aufgabe, an deren Lösung schon viele, und auch Franklin’s Expedition ein Opfer geworden sind, vollständig gelöst so daß man nun nicht nur eine sondern zwei ‚Nordwestliche Durchfahrten‘ weiß…“

Die Arktis mit moeglichen Schiffspassagen
Mögliche Schiffspassagen durch die Arktis – von Susie Harder, Arctic Council

„…Obgleich unser Schiff daselbst als ein bleibendes Denkmal für künftige Zeiten im Eismeer verblieben ist, so bleibt doch der Mannschaft desselben der Ruhm, die ersten und einzigen zu sein, die auf dem Wasser ganz um Amerika herumgekommen sind, und dadurch der Welt bewiesen haben, dass Amerika eine Insel ist.“
Jedoch vermutet Miertsching, dass die entdeckte Nordwestpassage „ganz zwecklos und für die Schifffahrt nicht zu benutzen“ sei, „solange dort ein so kaltes Klima und die See mit 50 bis 60 Fuß starckem Eis bedeckt ist“. Vorerst hatte er damit auch recht – aber heutzutage ist es soweit: die Arktis verliert zunehmend ihr „kaltes Klima“, immer mehr Segler, Kreuzfahrtschiffe und sogar Frachtschiffe haben die Passage erfolgreich befahren.

Schiffe im arktischen Eis - Foto: Dr. Pablo Clemente Colon
Schiffe im arktischen Eis – Foto: Dr. Pablo Clemente Colon

Letzten Herbst hat das Transportschiff M/V Nunavik der kanadischen Firma Fednav mit einer Ladung Nickelerz selbstständig und ohne Beihilfe die Nordwestpassage durchquert – und damit Geschichte für die Frachtschifffahrt geschrieben. Schiffe dieses Typs können bis zu 1 Meter dickes Eis brechen und sich den Weg durch schmale Eiskanäle bahnen, sind also quasi Frachtschiff und Eisbrecher in einem, und können auf dem kurzen arktischen Weg zum Pazifik erhebliche Transportwege und -zeiten sowie Treibstoffkosten sparen.

Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas
Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas – von Susie Harder, Arctic Council

Wieder einmal blicken wir am 30. März – siehe auch unser Blog: „J.A. Miertsching zum Gedenken“ – auf das Leben von Johann August Miertsching zurück. In diesem Jahr jährt sich sein Todestag nun zum 140. Mal! Inzwischen ist uns längst bewusst, dass die Jahre, die er in der Arktis mit der HMS Investigator auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition verbracht hat, zwar eine überaus wichtige Zeit in seinem Leben war, dass es aber ein bedeutsames „vorher“ und „nachher“ gab.

Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka
Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka

Viel zu wenig ist bisher bekannt über das Leben Miertschings außerhalb der Arktisreise. Wohl war er nach seiner glücklichen Rückkehr nach Deutschland, nach vier Wintern in den Schrecken des Eises und der Finsternis der Polarnacht, kurzzeitig so etwas wie eine Berühmtheit. Er wurde als Gast in Herrenhäusern und zum sächsischen König geladen, um von seinen Arktiserlebnissen zu berichten. Sein Reisetagebuch wurde in drei Auflagen gedruckt, ins Französische und Dänische übersetzt. Dennoch dauerte es nur einige Jahre, und er war so gut wie vergessen.

Kirche und Schule in Genadendal - Suedafrika
Kirche und Schule in Genadendal – Südafrika

Wie kam es dazu, dass der sorbische Schuhmacher überhaupt an einer britischen Arktisexpedition teilnahm? Warum kehrte er danach nicht an seinen vorherigen Wirkungsort bei den Inuit in Labrador zurück? Was geschah in den 12 Jahren, die Miertsching in Südafrika lebte?
All unsere Recherchen über Miertschings Leben, auch außerhalb der Arktisreise – ob in seiner heimatlichen sorbischen Oberlausitz, bei den Inuit in Labrador, oder später in Südafrika – werden in unser Buch über Miertschings Leben einfließen, das wir 2017, im Jahr seines 200. Geburtstags, veröffentlichen wollen.

Siehe auch In dieser eisigen Wüste, sowie „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator, Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren, Zuflucht in Whalers Point, Northumberland House und „Älteres“ (Link links oben im Archiv der Kategorie Miertsching)

posted by Mechtild Opel

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1 Antwort auf „Amerika ist eine Insel …“


  1. 1 Rolf 31. März 2015 um 11:23 Uhr

    Da sind ja Eure Forschungen weit und tief vorgedrungen! Gatuliere. Wir sind sehr gespannt auf weitere Details des Making Of und freuen uns auf Euren Besuch.

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