„In dieser eisigen Wüste“ – Weihnachtsfest auf andere Art

Wir fielen vor Schreck fast aus dem Bett, als es um Mitternacht plötzlich laut donnerte und krachte. Es war der 24. Dezember, und zur Feier des Tages hatten wir in einem kleinen Restaurant im abgelegenen argentinischen Städtchen El Calafate – nahe der patagonischen Anden am Lago Argentino – zu Abend gegessen und, anstatt zu campen, uns ein Hotelzimmer gegönnt, und dazu eine Schachtel handgemachter Pralinen aus der örtlichen Chocolaterie und ein Fläschchen Likör aus Calafate-Beeren geleert. Das war unsere bescheidene „Bescherung“ – denn das eigentliche Weihnachtsgeschenk für unsere vierköpfige Familie war die Patagonienreise selbst gewesen.

Weihnachten auf der Suedhalbkugel - hier ist Sommer!
Weihnachten auf der Südhalbkugel: hier ist Sommer!

Schon um 11 lagen wir im Bett und schliefen.
Allerdings nicht lange. Auf Böller in der „heiligen“ Nacht vom 24. zum 25. waren wir – in Unkenntnis der hiesigen Bräuche – nicht gefasst, und erst recht nicht auf das dann noch fast zwei Stunden andauernden Gehupe, denn ein Autokorso lärmte unentwegt durch die Stadt.
Andere Länder, andere Sitten. Weihnachten schien für unsereins ohnehin nicht ganz zum Sommer der Südhalbkugel zu passen, auch wenn sich große Gletscher in der Nähe von Calafate befanden.
Dann schon eher zum Hohen Norden, zur Arktis?

Der Gletscher Perito Moreno
Der Gletscher Perito Moreno am Lago Argentino

Als der Oberlausitzer Johann August Miertsching, der eine britische Suchexpedition zur Auffindung der verschollenen Franklin-Expedition als „Eskimo“-Dolmetscher begleitet, im Jahr 1850 sein erstes Weihnachtsfest in der Polarnacht an Bord der im Eis eingefrorenen „HMS Investigator“ erlebt, fällt auch er fast aus allen Wolken. Er ist so befremdet, dass er im Tagebuch sein Missfallen nur knapp ausdrückt:
… aber leider ertönt in dieser eisigen Wüste kein Hosianna. Wie und auf welche Weise dieser Tag, u. überhaupt das Weihnachtsfest hier gefeiert wurde, halte ich nicht für werth in mein Tagebuch einzutragen, wird mir aber mein Leben lang im Andenken bleiben. … konnte aber die ganze Nacht wenig schlafen, wegen dem Lärm u. Specktackel, was von einigen, die zuviel und starck getruncken, die ganze Nacht hindurch verursacht wurde.

Seemaenner beim Feiern
Seemänner beim Feiern – Zeichnung von Georg Cruikshank

Auch ein Jahr später hat das arktische Eis die „Investigator“ noch im Griff. Seit September 1851 ist das Schiff in der Mercy Bay, im Norden von Banks Island, eingefroren. Miertsching ist inzwischen arg vom Heimweh geplagt und hängt Erinnerungen an die Feiern in der Brüdergemeine der Herrnhuter nach, und so ist das Fest an Bord wiederum eine Enttäuschung für ihn:
… Wir haben wieder ein fröhliches Weihnachtsfest gefeiert; aber welche Fröhlichkeit herrschte hier? Keine solche, wo sich ein wahrer Christ mitfreuen könnte; wenn das in England überall so gefeiert wird wie hier und auf andern Schiffen von Engländern, so sollte man doch dieses ein Freß- u. Sauffest nennen.“

Grog aus dem Eimer
Hier wird der Grog im Eimer angerichtet – zeitgenössische Illustration in „Aboard Ship“ von Charles Dickens

Die Hoffnung, die „Investigator“ im Sommer 1852 freizubekommen und zurück nach Europa zu segeln, sollte sich nicht erfüllen. Ein dritter Winter in der Arktis steht bevor, und diesmal ist nicht nur die Kälte, sonder auch der Hunger ein Feind. Die missliche Lage der im arktischen Eis gefangenen Männer hat sich durch den Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und Kerzen deutlich verschärft. Kann das Weihnachtsfest etwas Licht in die Dunkelheit der Polarnacht bringen und den Hoffnungslosen wieder ein wenig Freude bereiten?
Miertsching, obwohl ihm die Sitten und Bräuche der englischen Matrosen noch immer nicht zusagen, springt nahezu über seinem Schatten; er schildert das Fest, das zu Weihnachten 1852 an Bord des Schiffes veranstaltet wird, diesmal fast ohne kritische Worte – und sogar mit etwas Anerkennung für die Bemühungen der Crew:

traditioneller Plum Pudding
Plum Pudding, der traditionelle britische Weihnachtskuchen

Heute ist das fröhliche Weihnachtsfest; – ist es auch für mich fröhlich? – ach es liegt nur an mir selbst daß es nicht so ist wie es sein sollte u. könnte. … Das Unterdeck, die Wohnung der Matrosen, war auf’s geschmackvollste ausgeziert mit Flaggen u. Bildern, – von den Matrosen selbst gemalte u. gezeichnete Scenen unsrer verschiedenen Positionen auf der Reise u. im Eis; u. Fahnen sowie geschriebene Dencksprüche in Reim zierten die Wände; – auf jedem der Tische stand ein großer plum pudding, einen Berg vorstellend, auf welchen die kleinen seidenen von den Matrosen selbst verfertigten engl. Flaggen und Kriegswimpel wehten. Der Proviantmeister hatte gewußt ein viertel Moschusochsen aufzubewahren, dasselbe wurde nun als echt englisches roast Beaf produciert, welches eine unverhoffte Freude und vielen Spaß verursachte. … Es war ein angenehmer vergnügter Tag für jeden auf dem Schiff.“

Schlitten verlassen HMS Investigator
Schlitten verlassen die Investigator – Zeichnung von S.G. Cresswell

Und noch ein weiteres Weihnachtsfest müssen Miertsching und seine Gefährten in der Arktis verbringen. Die im Eis gefangene „Investigator“ hatten sie im Frühjahr 1853 aufgeben müssen, aber vor dem fast schon sicheren Tod auf einem Hungermarsch durch arktische Weiten wurden sie bewahrt: Eine andere britische Schiffsexpedition auf der Suche nach Franklin konnte die Mannschaft retten und aufnehmen.

Wrack der HMS Investigator
Das Wrack der HMS Investigator (1853 im Eis der Arktis verlassen und später gesunken) wurde 2010 wieder gefunden — Foto: Parks Canada

Doch auch die rettenden Schiffe, HMS Resolute und HMS Intrepid, werden vom Wintereis umklammert gehalten. Miertsching ist wie seine Kameraden froh, überlebt zu haben; er hat sich inzwischen an die fremden Weihnachtsbräuche gewöhnt und findet sogar durchweg freundliche, wenn auch knappe Worte:

Weihnachtfeier auf britischem Kriegsschiff
Weihnachtsfeier auf britischem Kriegsschiff, Ende des 19. Jh.

Heute wurde das Heil. Christfest nach englischer Schiffsmanier mit Essen, Trincken u. Fröhligsein verbracht. Roast beef und plum pudding darf an diesen Tage nicht fehlen. Die Matrosen-Wohnungen in beiden Schiffen, waren sehr geschmackvoll mit Flaggen, Bildern und verschiedenen schön geschriebenen Motto’s ausgeziert.
Erst 1854 kann Miertsching das Weihnachtsfest endlich wieder in vertrauten Kreisen in seiner Familie und der Herrnhuter Brüdergemeine verbringen, nachdem er im Oktober 1854 zunächst nach England und von dort Ende November in die Oberlausitz zurückgekehrt war.

Herrnhuter Stern
Herrnhuter Adventsstern

posted by Mechtild Opel

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