Neues von den Eisbären

In Churchill, der selbsternannten Eisbären-Hauptstadt der Welt, lief in den letzten Wochen der Tourismus auf Hochtouren. Inzwischen ermöglicht sogar Google Street View Einblicke in die kleine Arktisgemeinde an der westlichen Hudson Bay. Nirgendwo anders auf der Welt ist die Beobachtung von Eisbären in ihrer arktischen Umgebung so einfach, so gut organisiert und zudem auch noch vergleichsweise bequem und komfortabel, wenngleich auch kostspielig. Der sogenannte “Tundrabuggy” oder „Polar Rover“ ermöglicht die Begegnung mit den Königen der Arktis auch auf sehr kurzer Distanz.

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Polar Rover in Churchill

Die Touristensaison in Churchill ist nun zu Ende, denn auf dem Wasser der Hudson Bay bildet sich seit Mitte November wieder Eis, inzwischen schon fest genug für die Tatzen der Eisbären. Die hungrigen Tiere sind begierig, aufs Eis zu kommen, um endlich wieder den Ringelrobben und den Bartrobben nachstellen zu können. Sie hatten monatelang nichts Gutes zwischen die Zähne bekommen, seitdem im Juli das Eis verschwunden war.

gesunder_Eisbaer in Coningham Bay
Gesunder Eisbär, Coningham Bay

Nun kommt eine gute Zeit für die Eisbären, die, obwohl ausdauernde Schwimmer, im Wasser keine Chance haben, eine schwimmende Robbe zu erwischen. Die Jagd vom Eis aus haben sie dagegen perfektioniert, und fette Robben liefern ihnen im Winter und Frühjahr ausreichend Nahrung, um sich selbst Fettvorräte aufzubauen, mit denen sie die „Fastenzeit“ im Spätsommer und im Herbst überstehen können.

Eisbaeren auf duennem Eis_Annette Conrad
Eisbären – auf dünnem Eis

Die globale Erwärmung, die sich in der Arktis viel stärker auswirkt als in unseren gemäßigten Breiten, hat die Eisbären in Schwierigkeiten gebracht. Die Hudson Bay taut nun früher auf und die Eisdecke bildet sich später. Die Jagdsaison der hiesigen Bären auf dem Eis verkürzt sich dadurch, und sie verbringen viel mehr Zeit auf dem Land, wo sie nicht ausreichend oder gar nicht fressen.
Die Inuit in den Gemeinden an der Bay beklagen daher, dass sie von hungrigen Eisbären geradezu belagert werden – viel mehr als früher. Auf der Suche nach etwas Essbarem besuchen sie Mülldeponien und durchwandern sogar die Siedlungen, besonders nachts.

Eisbaer_Skulptur aus einer Inuit-Gemeinde - Kunst
Inuit-Kunst: Kleine Eisbären-Skulptur

Den Schlussfolgerungen mancher Inuit – es gäbe jetzt viel mehr Eisbären als früher, also müssten die Jagdquoten erhöht werden – folgen die führenden Eisbär-Forscher allerdings nicht, denn sie stützen sich wissenschaftliche Daten anstelle von anekdotischen Beobachtungen.
Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass die Zahl der Eisbären in der westlichen Hudson-Bay-Region rückläufig ist; die Bären sind zudem im Durchschnitt etwas kleiner und dünner als in den Jahrzehnten zuvor, und sie ziehen auch nicht mehr so viele Junge auf.

Reste eines verendeten Eisbären
Reste eines verendeten Eisbären, September 2012

Auch in anderen Regionen gibt es Probleme. Letzte Woche wurde eine Studie veröffentlicht, die 2001 begann und zeigt, dass die Anzahl der Eisbären in der südlichen Beaufortsee innerhalb von 10 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. Unter anderem beobachtete man dabei zwischen 2004 und 2007 80 Eisbärenbabys, von denen ganze zwei Tiere überlebten! Als Ursache des drastischen Rückgangs vermuten die Wissenschaftler, dass sich, anders als früher, das Packeis im Sommer jetzt viele hunderte Kilometer weit von der Küste zurückzieht; die Eisbären müssen entweder mit nach Norden ziehen, wo es viel weniger Robben gibt, oder sie schwimmen ans Land. Die hiesige Populationsgröße – 2004 waren es noch 1600 Eisbären – scheint sich seit 2007 bei etwa 900 zu stabilisieren.

Eisbäer im Berliner Zoo_Brotfuetterung
Zoo Berlin, Schau-Fütterung von Eisbären mit Brot

Werden diese Eisbären um die Mitte des Jahrhunderts ausgestorben sein, wenn es uns nicht gelingt, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren? Dieses Szenario halten Wissenschaftler für durchaus realistisch. Ob eines Tages die Eisbären in den Zoos sogar die letzten Vertreter ihrer Spezies sein könnten?
Die Fragen um die Zukunft des Eisbären und die unterschiedlichen Vorstellungen zu ihrer Beantwortung spielen auch in unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“ eine wichtige Rolle.

Buch_eisbaeren_Wanderer auf duennem Eis

Mit ihren schwarzen Augen im weißen Pelz und den niedlichen Ohren sind Eisbärenbabys ein reizvoller Anblick, nahezu unwiderstehlich. Wer sich noch an „Knut“ im Berliner Zoo und den Rummel um ihn erinnert, den wird auch die fast kultische Verehrung nicht verwundern, die noch immer seltsame Blüten treibt, wie hier an einer Pinnwand im Berliner Naturkundemuseum.

Kult um Knut_Briefe
Kult um Knut

Seit Jahrhunderten sind die Menschen fasziniert von Eisbären, sie verkörpern Kraft, Gefahr, aber auch Schönheit. Für die Inuit, mit denen die Eisbären das Leben in einer Extremregion gemeinsam haben, waren sie seit mehreren tausend Jahren sowohl Jagdwild, das für Ernährung und Bekleidung genutzt wurde, als auch spiritueller Partner. Seefahrer aus Europa und Amerika jagten sie wegen der Pelze, um des Ruhmes willen oder um die Jungtiere an Zoos und Zirkusse zu verkaufen. In welcher Art heutzutage Eisbärenjagd praktiziert wird, kann man ebenfalls hier nachlesen.

historische Darstellung der Eisbaeren-Jagd
Eisbären-Jagd, historische Darstellung

Auf die Frage, was man tun kann, um die Eisbären zu retten, sagte der kanadische Eisbärenforscher Andrew Derocher neulich in einem Interview mit der Winnipeg Free Press, dass man sich zuerst über den Klimawandel informieren solle, und wenn man dieses Problem verstanden habe, solle man Einfluss auf die Politiker nehmen, damit die verstehen, dass man dieses Problem aus der Sicht von Fairness zwischen den Generationen lösen muss.
„Wir haben ein Zeitfenster, in dem wir zur Rettung der Eisbären aktiv sein können, aber worüber wir wirklich reden, ist, die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufrechtzuerhalten und nicht zu versuchen, den im globalen Kontext bereits Benachteiligten zu schaden. Jetzt geht es um Eisbären, aber in 10 oder 20 Jahren geht es um Menschen, die eine massenhafte Migration durchzumachen haben. Und dann müssen wir uns Sorgen um Menschen machen, nicht mehr nur um Eisbären.“

posted by Mechtild Opel

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