Endlich gefunden: ist es Erebus oder Terror?

[2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden!]
[Updated: mit Unterwasser-Videoaufnahmen von Parks Canada September 2014!]
Obwohl aufgrund der schwierigen Eisverhältnisse des Sommers viele gar nicht mehr damit gerechnet hatten, gab es heute am Vormittag (kanadischer Zeit) eine spektakuläre offizielle Verlautbarung vor der Presse: Die wochenlange Suche des Unterwasser-Archäologenteams von Parks Canada in den Gewässern vor King Williams Island hat mithilfe hochentwickelter Technologie ein Ergebnis gebracht: ein Schiff auf dem Grund des Queen-Maud-Golfs.

Erster_Blick_Seitensonar_Courtesy_of_Parks_Canada
Erster Blick mittels Seitensonar – Foto: Courtesy of Parks Canada

Trotz deutlich erkennbarer Beschädigungen insbesondere am Heck des Schiffes meint Ryan Harris, leitender Mitarbeiter des Team der Unterwasserarchäologen, dass dieses Schiff recht gut erhalten sein muss – vielleicht sogar besser als die 2010 gefundene HMS Investigator.
Nach wochenlangen Arbeiten, zu denen auch ermüdendes stundenlanges Starren auf die Ultraschallbilder gehörte, die langsam über den Computerbildschirm liefen, hat das Team nun einen historischen Durchbruch erreicht.
Vielleicht war es sogar gut, dass die lokale Eisbedeckung in der Victoria Strait die Crew vom nördlichen Suchgebiet in der Erebus Bay fern- und im Queen-Maud-Golf festhielt?

Eiskarte vom Tag des Fundes - 7.9.2014
Eiskarte vom Tag des Fundes – 7.9.2014

Schon am Vorabend gab es Berichte über Artefakte, die von einem Archäologenteam an Land, an der Küste von Hat Island, gefunden wurden: eine Halterung für ein Beiboot und eine vermutete Ankerklüse, die wahrscheinlich von einem der vermissten Franklin-Schiffe stammen. Eigentlich ein verspäteter Fund, wenn man weiß, dass ältere Inuit ihre Kenntnisse aus den traditionellen Überlieferungen ihrer Verfahren bereits vor Jahren zu Protokoll gaben* – denn dabei wurden bereits Schiffsteile am Strand von Hat Island erwähnt! – Viel zu lange wurden diese Inuit-Berichte für Erfindungen oder eine Art Märchen gehalten.
(*Eber, Dorothy: Encounters on the Passage: The Inuit Meet the Explorers, Toronto 2008)

Karte mit Hat Island
Karte mit Hat Island – Quelle: Toporama – Atlas of Canada

Nach dem Fund auf Hat Island wurde das Sonargerät auf den Meeresboden nahe der Insel gerichtet. Und tatsächlich erschien dann etwas Vielversprechendes auf dem Bildschirm! Ein ferngesteuertes U-Boot mit hochauflösenden Kameras wurde zu Wasser gelassen; obwohl starker Wind und hohe Wellen die Aktion behinderten, war es möglich, Aufnahmen zu machen, die bestätigten, das da ein Schiff in aufrechter Position auf dem Meeresboden liegt, zwar ohne die drei Masten, aber noch in intakter Form, sieht man von einigen fehlenden Deckplanken ab.



Sogar zwei Kanonen waren auszumachen. Die Archäologen sind inzwischen sicher, dass es sich entweder um HMS Erebus oder um HMS Terror handelt.

Ryan Harris, leitender Unterwasserarchaeloge von Parks Canada
Ryan Harris, leitender Unterwasserarchäloge von Parks Canada

Ist der Fund des Schiffes, wie der kanadische Ministerpräsident bei der Pressekonferenz erklärte, ein historischer Moment für Kanada? Die Suche nach Franklins verlorener Expedition hatte bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts dazu geführt, dass weite Bereiche der Arktis erkundet und kartiert worden waren. Während dieser Suchunternehmungen hatte die Crew der HMS Investigator schon 1850 das „missing link“ gefunden und sich davon überzeugt, dass es tatsächlich eine Passage vom atlantischen zum pazifischen Ozean gab, die berühmte „Nordwestpassage“ (vgl. auch Kanada-Lesebuch).

Erebus und Terror
HMS Erebus und HMS Terror, hist. Darstellung

Franklins Schiffe wurden zum „bedeutenden Bestandteil der kanadischen Geschichte“ erklärt, womit die Gebietsansprüche Kanadas für die Wasserwege im kanadischen arktischen Archipel untermauert werden sollen. Die britische Regierung hatte diese Inseln 1880 an Kanada übergeben. Die von der kanadischen Regierungsbehörde Parks Canada durchgeführte sechste Suchexpedition nach Erebus und Terror, bei der hunderte Quadratkilometer Meeresgrund in Queen-Maud-Golf und Viktoria Strait gescannt wurden, war in diesem Jahr von der Royal Canadian Geographical Society, der Arctic Research Foundation, der Canadian Coast Guard, der Royal Canadian Navy und der Territorialregierung von Nunavut unterstützt worden.

Blick auf das Wrack-Courtesy of Parks Canada
Das Team ist sich sicher: eines von Franklins Schiffen

Es wäre einfacher, zum Untermauern von Gebietsansprüchen das heranzuziehen, was die einst hier lebenden Menschen hinterließen: Es gibt tausende archäologische Stätten – Zeltringe, Steinmale, Reste von Behausungen – die Zeugnis davon ablegen, dass die Vorfahren der Inuit, die heute kanadische Staatsbürger sind, bereits vor Jahrtausenden den arktischen Archipel besiedelten.

Julius von Payers Gemaelde
Ölbild „Die Bay des Todes“ von Julius von Payer, 1897

Ein historischer Moment ist die Bekanntgabe des Fundes jedenfalls für die Schar von Enthusiasten mit verstärktem Interesse für die Entdeckungsgeschichte der Arktis, auf die das Mysterium um die verschollene Franklin-Expedition eine dauerhaft ungebrochene Faszination ausübt und die sämtliche neue Forschungsergebnisse, Artikel, Bücher etc. verfolgen und diskutieren: sie wollen wissen, was vor 166 Jahren mit Franklin, seinen Schiffen und der Crew von 129 Männern tatsächlich passierte.

Updated: Schiff positiv identifiziert
2016 Update: inzwischen auch Wrack von HMS Terror gefunden
posted by Mechtild Opel

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