Archiv für August 2014

Die Faszination der Nordwestpassage

[Siehe auch Update 9.9.2014: Franklin-Schiff gefunden!]

Wieder einmal ist ein Team von Parks Canada aufgebrochen, um die seit ca. 160 Jahren im arktischen Ozean verschollenen Schiffe Erebus und Terror – siehe auch unser Beitrag von 2013 – zu suchen. In diesem Jahr arbeitet die kanadische Behörde mit „vereinten Kräften“ – mit Partnern von der Royal Canadian Geographic Society, der W. Garfield Weston Foundation sowie privaten Unternehmen wie One Ocean Expeditions und Shell Canada.

Taucher am Wrack der Investigator
Taucher am Wrack der Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Seit dem Fund der HMS Investigator im Juli 2010 verbringt das Team mit dem Unterwasserarchäologen Ryan Harris nun zum 6. Mal in Folge mehrere Wochen in der Nähe von King Williams Island, um mit Hilfe eines Seitensonargerätes und anderer moderner Technik den Meeresboden zu scannen und nach Spuren der Schiffe zu suchen. Und wie in den Jahren zuvor nutzte der kanadische Premierminister diese spektakuläre Suche, die sich nationaler wie internationaler Aufmerksamkeit erfreut, als Gelegenheit für medienwirksame Fotostrecken.

Ryan Harris ueberwacht die Ergebnisse des Seitensonars
Ryan Harris ueberwacht die Ergebnisse des Seitensonars – Photo: Courtesy of Parks Canada

Ob die diesjährige, besonders aufwändige Suche von Erfolg gekrönt sein wird, steht nicht in den Sternen, sondern, wie schon im letzten Jahr, in den Eiskarten. Im Moment sind die Aussichten nicht sehr gut. Die aktuelle Verteilung des einjährigen Eises, durch ungünstige Winde befördert, verhindert derzeit die Suche der Unterwasserarchäologen in den Gebieten der Victoria Strait, die den Schwerpunkt der diesjährigen Suche nach Erebus und Terror bilden sollten.

Eis kanadische Arktis 19.-28. August 2014
Eisverhältnisse in der kanadischen Arktis 19.-28. August 2014 – Grafik: Courtesy of CIS, Environment Canada

Diese Eisverteilung ärgert auch alle, die in der eisarmen Zeit Ende August/ Anfang September die legendäre Passage zwischen Atlantik und Pazifik bezwingen wollten. Einige der Neugierigen und Ehrgeizigen, die mit ihren Segeljachten in Richtung dieses neuen und exotischen “Abenteuerspielplatzes“ Nordwestpassage unterwegs waren, haben bereits aufgegeben, und kommerzielle Kreuzfahrtschiffe waren gezwungen, kostenaufwändige Eisbrecher anzufordern.

Eissturmvogel im Schneesturm
Eissturmvogel im Schneesturm

Trotz aller moderner Ausrüstungen und trotz der globalen Erwärmung stellt die Nordwestpassage noch immer eine Herausforderung dar. Nicht immer sind die Bedingungen so ungünstig wie zur Zeit der Franklin’schen Unternehmung und der zahlreichen Suchexpeditionen im 19. Jahrhundert, über die unser Artikel Die Suche nach der Nordwest-Passage im Sonderheft „Kanadas Norden“ des Magazins 360° Kanada informiert, aber sie sind auch nicht immer so günstig wie auf unserer Reise 2012, über die man im gleichen Artikel nachlesen kann.


Lancaster Sound
Lancaster Sound

Updated: Schiff gefunden – und schließlich auch positiv identifiziert

posted by Mechtild Opel

Joseph B. Mauch – ein Schwabe reist zum Nordpol

Es gibt wenige Arktisreisende unter den Schwaben. Vielleicht fehlt ihrer Heimat das Meer und auch die eisige Kälte des Winters, um in jungen Leuten die Sehnsucht nach den polaren Regionen zu wecken? Über die Arktisreisen des Schwaben Franz Joseph Lang haben wir schon berichtet.

Joseph_B_Mauch
Joseph B. Mauch

Die Anregung für Joseph B. Mauchs Interesse an einer Forschungsexpedition kam von seinem Bruder Karl, der sich von 1865 bis 1871 im Süden Afrikas aufhielt und unter anderem die Ruinen von Groß-Simbabwe untersuchte, beschrieb und in Europa bekannt machte. Heute gehören sie als eine der bedeutenden frühen Großbauten Afrikas zum UNESCO-Welterbe.

Centralbahn Ludwigsburg um 1860
Centralbahn Ludwigsburg um 1860

Joseph B. Mauch, am 19.10.1849 in Ludwigsburg geboren, wählte eine andere Himmelsrichtung als sein Bruder. Er begab sich 1866 nach Nordamerika und begann dort mit dem Studium der Medizin und der Pharmazie. 1871 bewarb er sich als Teilnehmer der Amerikanischen Nordpolexpedition unter Führung von Charles Francis Hall. Da die Positionen der Wissenschaftler schon besetzt waren – der führende deutsche Kartograph August Petermann hatte seinen ehemaligen Studenten Dr. Emil Bessels als wissenschaftlichen Leiter wärmstens empfohlen – zögerte Mauch nicht und heuerte als einfacher Matrose an.

Charles Francis Hall
Charles Francis Hall

Als das Expeditionsschiff Polaris den Hafen in Brooklyn verließ, befanden sich neben Mauch und Bessels noch acht weitere Deutsche an Bord, unter ihnen der in Gingst auf Rügen geborene Wilhelm Nindemann. Die Expedition stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Ständig gab es Spannungen zwischen Hall, seinem wissenschaftlichen Leiter Dr. Bessels und dem Kapitän der Polaris Sidney O. Budington. Auch der hohe Anteil deutscher Teilnehmer soll zu „internationalen“ Konflikten auf dem Schiff geführt haben.

Expeditionsschiff Polaris
Expeditionsschiff Polaris

Die Expedition verlief zunächst erfolgreich. Dank günstiger Eisbedingungen erreichte das Schiff immerhin die Position 82°29′ N und überwinterte dort. Hall begab sich auf eine Schlittenexpedition, um noch weiter in Richtung Nordpol zu gelangen.
Nach seiner Rückkehr zum Schiff wurde er plötzlich krank und verstarb am 8.11.1871, vermutlich an einer Arsenvergiftung. Mauch, der persönliche Assistent Halls, der auch sein Expeditionstagebuch führte, hatte von ungewöhnlichen chemischen Gerüchen in Halls Kabine berichtet. Bis heute ist trotz einer Obduktion des Leichnams, die fast 100 Jahre später vorgenommen wurde, nicht geklärt, ob Hall durch Mord oder eine Fehlmedikation vergiftet wurde.

Hier endete die Polaris
Hier endete die Polaris

Nach Halls Tod und der ersten Überwinterung wollte Budington nur noch nach Hause, während Bessels und andere die wissenschaftlichen Aufgaben fortsetzen wollten. Am 15. Oktober 1872 stieß das Schiff gegen einen Eisberg, und der Kapitän befahl, Teile der Ausrüstung auf das Eis zu bringen. Da das in der Nacht geschah, herrschte großes Durcheinander. Ein Teil der Besatzung befand sich auf dem Eis und der Rest auf dem Schiff, als die Eisscholle und mit ihr ein Großteil der Besatzung vom Schiff abgetrieben wurde. Glücklicherweise waren alle Inuit auf der Eisscholle. Nur dank ihrer Fähigkeiten überlebten alle auf dem Eis Gestrandeten die nun folgende Drift von sechs Monaten in Richtung Süden.

Messarbeiten bei Etah
Messarbeiten bei Etah

Joseph B. Mauch befand sich während der Trennung der Mannschaft gerade an Bord der Polaris. Budington setzte das Schiff am folgenden Tag in der Nähe der grönländischen Inuit-Siedlung Etah auf den Strand. Dort überwinterten die Seeleute. Bessels, Mauch und andere nahmen die wissenschaftlichen Arbeiten wieder auf. Mauch vervollständigte seine Aufzeichnungen und fertigte eine Vielzahl von Zeichnungen an. Im folgenden Sommer gelangten die Seeleute mit zwei aus Holzresten gezimmerten Booten nach Süden, wo sie von einem Walfänger aufgenommen wurden.

Skizze von Mauch - Halo
Halo – Skizze von Joseph B. Mauch

Mauch erreichte auf dem Umweg über Schottland wieder die USA, wo er seine Studien fortsetzte und später als promovierter Pharmazeut eine Apothekerpraxis führte. Er gründete eine Familie und war in verschiedenen Gesellschaften tätig, so im Arctic Club of America, im Deutschen Liederkranz und in einer Freimaurer-Loge.

Sundog near Etah
„Halo“ – Nebensonne bei Etah

Bei verschiedenen Gelegenheiten hielt er Vorträge über seine Teilnahme an der Polaris-Expedition. Als einer der letzten Überlebenden der Expedition starb Joseph B. Mauch am 2. Februar 1909. In seiner Heimat in Schwaben ist er fast vergessen; dort erinnert man nur an seinen Bruder, den Afrikareisenden Karl Mauch.
Herzlicher Dank gilt Herrn Roschmann für wichtige Informationen über Joseph B. Mauch!

posted by Wolfgang Opel




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