Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka

Ende April und Anfang Mai paddelte ich kleine Abschnitte der Flüsse Havel, Spree, Oder und Peene ab, immer von dort, wo deren Ortschaften Anbindung haben an die Gleise, die mich wieder zurück brachten in die Metropole zum Berliner Ostbahnhof.

Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Kuestrin
Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Küstrin – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich fröhnte meiner Menschenallergie in der Stille der unterschiedlichen Landschaften, aus denen die Töne der Vögel geboren werden, die mit ihrem Gesang alljährlich akustisch ihre Räume abstecken, ähnlich wie der moderne Mensch mit seinem iPod unüberhörbar die Wege seiner langen arbeitsamen Tage abläuft.

Wasser im Boot
Wasser im Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Verglichen mit dem Kamtschatka-Fluss spüre ich die Kleinteiligkeit der Kulturlandschaft, aber auch Relikte der letzten Eiszeit, die in Ufernähe bis heute unberührt blieben. Während in den Uferzonen des Kamtschatka-Flusses unendlich viele junge Weiden im Wasser stehen, haben wir an der Oder einen weitläufigen Auenwald mit breiten Schilfflächen, die der Wind streichelt.

Schilfguertel
Schilfgürtel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Spreeufer beeindrucken die dicken Stämme der Kopfweiden, die im Sterben tiefe Furchen auf der Rinde hinterlassen; und am Fuße des Alten rollt sich der frische Farn aus und streckt sein leuchtendes, helles Grün dem Lichte zu, „schaut her, ich bin der Frühling“.

Weide mit Ente an der Spree bei Erkner
Weide mit Ente an der Spree bei Erkner – © Ullrich Wannhoff

Die Havel in Nähe Wannsee aber zeigt unser menschliches Gestalten. Barocke, klassizistische und historisierende Stilelemente der Architektur widerspiegeln die Kunstgeschichte der letzten dreihundert Jahre.

Große Wegschnecke
Große Wegschnecke – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die grünen Uferzonen sind im englischen Parkstil gestaltet und wir erfreuen uns an der Blütenpracht der Narzissen und Rhododendron-Sträucher. Revolutionen werden gemacht, um Altes in neuer Form zu konservieren. Der einfache heutige Mensch lebt bequemer, als viele Fürsten frühere Jahrhunderte. Und so paddle ich von Grundstück zu Grundstück, bis ich Potsdam erreiche.

Morgensonnengruss an die Hoeckerschwaene
Morgensonnengruß an die Höckerschwäne – Foto: © Ullrich Wannhoff

Drei Tage war ich auf dem schwarzen Wasser der Peene von Demmin nach Anklam und lauschte den vielseitigen Gesang der Vögel.

Entwurzelte Erle
Entwurzelte Erle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit dem Abschmelzen des Eispanzers (etwa zwei Kilometer hoch) vor 10.000 Jahren hat sich das Flussufer mit dem Erlenbruch und Mooren kaum verändert. Die Jäger und Sammler, die sesshaft wurden, siedelten sich etwas abseits vom Fluss, denn das Wasser ist nicht trinkbar – zu viele Schwebstoffe – und sehr torfhaltig, daher dunkel gefärbt. So entwickelte sich die Kulturlandschaft im Hinterland, und nur punktuell traute man sich ans Ufer; denn der Fluss ernährte die Menschen mit Fischen.

Abfliegender Kormoran
Abfliegender Kormoran. Abgestorbene Erlenbäume sind willkommenen Ruheplätze – Foto: © Ullrich Wannhoff

In Russland gibt es ein sehr altes Lied „Mütterchen Wolga“. Flüsse waren nicht nur die ersten Transportwege, sondern auch die Ernährer der am Ufer lebenden Menschen, und daran erinnert dieses einfache schwermütige Lied.

Wolkensuechtig
Wolkensüchtig – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der blaue Himmel mit seinen lustigen weißen Wolken, zusammen mit Vogelgezwitscher, erheiterte mein Gemüt. So paddle ich ohne Störung durch andere Kanufahrer oder gar Motorboote ganz allein durch die stille Flusslandschaft (die Saison ist noch nicht eröffnet), die kaum Fließgeschwindigkeit aufweist und meine Muskeln gegen den kühlen Wind beanspruchte. Einfach großartig.

junge Birkenblaetter
Verträumte junge Birkenblätter über der Peene – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens war mein Zelt mit dünnem Zuckerguß überzogen: Raureif verzauberte kurzzeitig die so grüne Landschaft mit Weiß. In ein, zwei Stunden leckte die Sonne alles Weiße ab. Die normalerweise versteckten kleinen Vögeln (Teichrohrsänger, Rohrschwill, Beutelmeise, Schilfrohrsänger, Zilpzap, Rohrammer), die man sonst nur hören kann, stiegen in der Morgenfrüh ganz hoch auf die Schilfstäbe, auf getrocknete Äste, die aus dem wiegenden Schilfmeer herausschauten, wärmten sich auf und sangen die Welt farbig.

Nest der Beutelmeise
Nest der Beutelmeise über dem Wasser auf Birkenzweigen hängend – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dort wo keine Menschen waren, fehlte Gott und ich genoss die Fülle der Natur und mein egozentrischer Blick wurde so klein wie ein Schilfhalm.

Erdhummel
Erdhummel auf einer Wiesen-Bocksbart-Blüte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ende der Reise lief ich vom Bootshaus durch die intellektuelle Wüste Anklam Richtung Bahnhof. Jede Laterne war gespickt mit NPD-Plakaten. Andere Parteien gab es nicht! So stand ich fast verlassen an dem schön gestalteten, aber leerstehenden Backsteinbahnhof.

Leuchtender Raps
Leuchtender Raps – Foto: © Ullrich Wannhoff

Laute gewalttätige Musik schallte herüber, von zwei Jungen im Alter etwa 14-16 Jahre, die auf der Bank saßen. Alle verlassenen trostlosen Bahnhöfe in Mecklenburg erinnern an den Film „12 Uhr Mittags“. Die Sonne schien und der Schlagschatten überdeckte die beiden jungen Menschen, die dumpf, verloren auf der Verlierer-Bank saßen, die sich ihre Zukunft selber versperren, weil die Eltern ihnen keine Zukunft (Bildung) geben. Musikalische Pistolenschüsse aus dem Recorder durchzucken mein Herz, während die Bleichgesichter da sitzen mit leeren Augen im Gesicht, nicht wissend, was für eine großartige stille, weite Landschaft sie vor sich haben, mit einem unendlichen Horizont, der irgendwo weit hinten mit der Erde in Verbindung steht.

posted by Ullrich Wannhoff
Zu Ullis Paddeltour in Kamtschatka August 2013, und hier noch mehr über Sibirien und auch Ullis Unternehmungen dort.

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1 Antwort auf „Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka“


  1. 1 heikeauskleinliebenau 12. Juni 2014 um 9:30 Uhr

    Lieber Ulli, ein sehr schöner, herzerwärmender Artikel, der einem aus der Seele spricht. Vielen Dank! und liebe Grüße von Heike und Alf

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