Archiv für Mai 2014

Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka

Ende April und Anfang Mai paddelte ich kleine Abschnitte der Flüsse Havel, Spree, Oder und Peene ab, immer von dort, wo deren Ortschaften Anbindung haben an die Gleise, die mich wieder zurück brachten in die Metropole zum Berliner Ostbahnhof.

Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Kuestrin
Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Küstrin – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich fröhnte meiner Menschenallergie in der Stille der unterschiedlichen Landschaften, aus denen die Töne der Vögel geboren werden, die mit ihrem Gesang alljährlich akustisch ihre Räume abstecken, ähnlich wie der moderne Mensch mit seinem iPod unüberhörbar die Wege seiner langen arbeitsamen Tage abläuft.

Wasser im Boot
Wasser im Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Verglichen mit dem Kamtschatka-Fluss spüre ich die Kleinteiligkeit der Kulturlandschaft, aber auch Relikte der letzten Eiszeit, die in Ufernähe bis heute unberührt blieben. Während in den Uferzonen des Kamtschatka-Flusses unendlich viele junge Weiden im Wasser stehen, haben wir an der Oder einen weitläufigen Auenwald mit breiten Schilfflächen, die der Wind streichelt.

Schilfguertel
Schilfgürtel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Spreeufer beeindrucken die dicken Stämme der Kopfweiden, die im Sterben tiefe Furchen auf der Rinde hinterlassen; und am Fuße des Alten rollt sich der frische Farn aus und streckt sein leuchtendes, helles Grün dem Lichte zu, „schaut her, ich bin der Frühling“.

Weide mit Ente an der Spree bei Erkner
Weide mit Ente an der Spree bei Erkner – © Ullrich Wannhoff

Die Havel in Nähe Wannsee aber zeigt unser menschliches Gestalten. Barocke, klassizistische und historisierende Stilelemente der Architektur widerspiegeln die Kunstgeschichte der letzten dreihundert Jahre.

Große Wegschnecke
Große Wegschnecke – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die grünen Uferzonen sind im englischen Parkstil gestaltet und wir erfreuen uns an der Blütenpracht der Narzissen und Rhododendron-Sträucher. Revolutionen werden gemacht, um Altes in neuer Form zu konservieren. Der einfache heutige Mensch lebt bequemer, als viele Fürsten frühere Jahrhunderte. Und so paddle ich von Grundstück zu Grundstück, bis ich Potsdam erreiche.

Morgensonnengruss an die Hoeckerschwaene
Morgensonnengruß an die Höckerschwäne – Foto: © Ullrich Wannhoff

Drei Tage war ich auf dem schwarzen Wasser der Peene von Demmin nach Anklam und lauschte den vielseitigen Gesang der Vögel.

Entwurzelte Erle
Entwurzelte Erle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit dem Abschmelzen des Eispanzers (etwa zwei Kilometer hoch) vor 10.000 Jahren hat sich das Flussufer mit dem Erlenbruch und Mooren kaum verändert. Die Jäger und Sammler, die sesshaft wurden, siedelten sich etwas abseits vom Fluss, denn das Wasser ist nicht trinkbar – zu viele Schwebstoffe – und sehr torfhaltig, daher dunkel gefärbt. So entwickelte sich die Kulturlandschaft im Hinterland, und nur punktuell traute man sich ans Ufer; denn der Fluss ernährte die Menschen mit Fischen.

Abfliegender Kormoran
Abfliegender Kormoran. Abgestorbene Erlenbäume sind willkommenen Ruheplätze – Foto: © Ullrich Wannhoff

In Russland gibt es ein sehr altes Lied „Mütterchen Wolga“. Flüsse waren nicht nur die ersten Transportwege, sondern auch die Ernährer der am Ufer lebenden Menschen, und daran erinnert dieses einfache schwermütige Lied.

Wolkensuechtig
Wolkensüchtig – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der blaue Himmel mit seinen lustigen weißen Wolken, zusammen mit Vogelgezwitscher, erheiterte mein Gemüt. So paddle ich ohne Störung durch andere Kanufahrer oder gar Motorboote ganz allein durch die stille Flusslandschaft (die Saison ist noch nicht eröffnet), die kaum Fließgeschwindigkeit aufweist und meine Muskeln gegen den kühlen Wind beanspruchte. Einfach großartig.

junge Birkenblaetter
Verträumte junge Birkenblätter über der Peene – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens war mein Zelt mit dünnem Zuckerguß überzogen: Raureif verzauberte kurzzeitig die so grüne Landschaft mit Weiß. In ein, zwei Stunden leckte die Sonne alles Weiße ab. Die normalerweise versteckten kleinen Vögeln (Teichrohrsänger, Rohrschwill, Beutelmeise, Schilfrohrsänger, Zilpzap, Rohrammer), die man sonst nur hören kann, stiegen in der Morgenfrüh ganz hoch auf die Schilfstäbe, auf getrocknete Äste, die aus dem wiegenden Schilfmeer herausschauten, wärmten sich auf und sangen die Welt farbig.

Nest der Beutelmeise
Nest der Beutelmeise über dem Wasser auf Birkenzweigen hängend – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dort wo keine Menschen waren, fehlte Gott und ich genoss die Fülle der Natur und mein egozentrischer Blick wurde so klein wie ein Schilfhalm.

Erdhummel
Erdhummel auf einer Wiesen-Bocksbart-Blüte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ende der Reise lief ich vom Bootshaus durch die intellektuelle Wüste Anklam Richtung Bahnhof. Jede Laterne war gespickt mit NPD-Plakaten. Andere Parteien gab es nicht! So stand ich fast verlassen an dem schön gestalteten, aber leerstehenden Backsteinbahnhof.

Leuchtender Raps
Leuchtender Raps – Foto: © Ullrich Wannhoff

Laute gewalttätige Musik schallte herüber, von zwei Jungen im Alter etwa 14-16 Jahre, die auf der Bank saßen. Alle verlassenen trostlosen Bahnhöfe in Mecklenburg erinnern an den Film „12 Uhr Mittags“. Die Sonne schien und der Schlagschatten überdeckte die beiden jungen Menschen, die dumpf, verloren auf der Verlierer-Bank saßen, die sich ihre Zukunft selber versperren, weil die Eltern ihnen keine Zukunft (Bildung) geben. Musikalische Pistolenschüsse aus dem Recorder durchzucken mein Herz, während die Bleichgesichter da sitzen mit leeren Augen im Gesicht, nicht wissend, was für eine großartige stille, weite Landschaft sie vor sich haben, mit einem unendlichen Horizont, der irgendwo weit hinten mit der Erde in Verbindung steht.

posted by Ullrich Wannhoff
Zu Ullis Paddeltour in Kamtschatka August 2013, und hier noch mehr über Sibirien und auch Ullis Unternehmungen dort.

Farley Mowat – ein Kanadier, der die Welt veränderte

In seiner Heimat Kanada sprechen manche von Farley Mowat als einem Schriftsteller, der immer die Wahrheit schrieb, auch wenn er es hin und wieder mit einigen Fakten nicht so genau nahm. Sind seine „Erlebnisberichte“ in Wirklichkeit Romane? Der Geschichtenerzähler veröffentlichte seit den 1950er Jahren 44 Bücher, in vielen davon, die wie Erlebnisberichte wirken, sind die Abgrenzungen zwischen „non-fiction“ und „fiction“ fließend. Inzwischen wird solcherart Literatur, für die er als Pionier stand, als „faction“ akzeptiert und gefeiert.

Farley Mowat By Tabercil
Farley Mowat – Foto by Tabercil

„Der engagierte Umweltschützer Farley Mowat (geb. 1921) wurde mit Büchern über die grandiose Natur des Nordens („Ein Sommer mit Wölfen“) und die schwere Situation der Caribou-Inuit bekannt („Gefährten der Rentiere“, „Chronik der Verzweifelten“). … Mowats leidenschaftlicher Einsatz für den Schutz der nordischen Natur, der auch in seinen jüngeren, frühere Erlebnisse behandelnden Büchern „No Man’s River“ und „Eastern Passage“ (beide bisher nicht auf Deutsch) zum Ausdruck kommt, brachte ihm Freunde wie Feinde ein.“ (zitiert nach: Kanada-Lesebuch, MANA-Verlag, 2013, S. 255f)

Tundralandschaft im Norden Kanadas
Tundralandschaft im schönen Norden Kanadas

Eines von Mowats größten Verdiensten ist, dass er erstmalig vielen seiner Landsleute bewusst machte, dass Kanada außer der dichter besiedelten Region um den 49. Breitengrad auch noch einen Norden hat, einen riesigen Raum voller Schönheit, in dem seit Jahrtausenden Menschen in und mit der rauen Natur leben. Auch wenn sich im Norden ein paar Leute fanden, die seinen Umgang mit den Fakten kritisierten: Kein anderer Autor hat dem Publikum derartig wirksam, voller Enthusiasmus und Liebe, den Norden – mitsamt seinen Problemen – nahegebracht. Durch sein Buch People of the Deer (dt: Gefährten der Rentiere) hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass ein vom Verhungern bedrohtes Inuit-Volk in einer abgelegenen Region der Arktis, die Ahalmiut, schließlich durch Regierungsmaßnahmen gerettet wurde.

Schiff Farley Mowat – Foto by Adrian Tritschler
Die Umweltschutzorganisation Sea Shepherd Conservation Society nannte ihr Schiff „Farley Mowat“ – Foto by Adrian Tritschler

Farley Mowat ist als einer von Kanadas ersten und engagiertesten Natur- und Umweltschützern bekannt geworden. Sein Einfluss ging aber über seine Heimat hinaus und erreichte sogar den Naturschutz in der Sowjetunion, nachdem sein Buch Never Cry Wolf (dt: „Ein Sommer mit Wölfen“; verfilmt von Disney als „Wenn die Wölfe heulen“) von 1963 auch ins Russische übersetzt wurde. Bis dahin hatte man in der Sowjetunion einen Vernichtungsfeldzug gegen Wölfe geführt. Wie auch anderswo in der Welt leitete das Buch dort eine tiefgreifende Veränderung der Einstellung zu diesen Tieren ein, die man zuvor lediglich als gefährliche, aggressive Schädlinge betrachtet hatte.

Archaelogische Staette auf Pamiok Island - by Lkovac
Archäologische Stätte auf Pamiok Island, Ungava Bay – Foto by LKovac

Unterhaltsame, heitere, humorvolle Bücher – in Deutschland wurde „Das Boot, das nicht schwimmen wollte“ und „Der Hund, der mehr sein wollte“ bekannt – gehören zu Mowats Werk ebenso wie Bücher mit geschichtlichen Themen. Faszinierend, wie er in The Farfarers die Möglichkeiten betrachtet, dass lange vor der Neuzeit und sogar vor den Wikingern bereits Entdecker von den Orkney-Inseln Kanada erreicht haben könnten: Grundlage sind archäologische Funde auf Pamiok Island. Die Nachbildung eines solchen möglichen Bauwerkes – das Steinfundament eines Langhauses, dessen Dach ein mit Walrosshaut bespanntes Boot bildet – wurde von Freunden in Mowats Garten in Port Hope aufgestellt.

Der Film The Snow Walker
Der Film „The Snow Walker“ erschien auch auf DVD

Mowats Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und in über 50 Ländern insgesamt mehr als 17 Millionen Exemplare verkauft, was ihn zum wohl erfolgreichsten Autor Kanadas macht. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt, darunter The Snow Walker („Der Schneewanderer“).
Zeitgenossen berichten über Begegnungen mit ihm als einen liebenswerten, manchmal auch verstörend Unangepassten, hinter dessen gelegentlich bärbeißigem Auftreten sich ein fröhlicher, bezaubernder und sehr einfühlsamer Mensch verbarg.

Ten Million Books: An Introduction to Farley Mowat by Andy Thomson, National Film Board of Canada, 1981, 25 min 15 s

Farley Mowat liebte die Natur nicht nur – er studierte sie, schrieb über sie, brachte sie anderen Menschen nahe und tat sein Bestes für ihren Schutz. In großzügiger Weise hat er mit der Schenkung von über 80 Hektar Land auf Cape Breton Island, als künftigem Naturschutzgebiet, den Nova Scotia Nature Trust unterstützt. Nach fast 93 Jahren ist am 7. Mai 2014 das erfüllte Leben eines leidenschaftlichen Menschen zu Ende gegangen.

posted by Mechtild Opel




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