Tanya Tagaq: Faszinierende Klang-Landschaft für einen Stummfilm

Die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq holt „Nanuk der Eskimo“ (Nanook of the North) zurück in die Inuit-Kultur – am 6. April im Badehaus Szimpla Berlin

Der Stummfilm „Nanook of the North“ (1922) von Robert J. Flaherty, der in den 1920er Jahren in den USA wie international große Erfolge beim Publikum erlebte, gilt als erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Obwohl er authentische Elemente aus dem traditionellen Leben der Inuit enthält, handelt es sich aber keineswegs um eine Dokumentation; im Gegenteil: fast alles war inszeniert, und man kann es bestenfalls „Dokudrama“ nennen. (Mehr über frühe Arktisfilme hier)

Filmplakat_Nanook
Filmplakat aus den 1920er Jahren

Nicht nur, dass die porträtierten Inuit aus dem Norden der Provinz Quebec andere Namen und Familienbeziehungen hatten als im Film; sie lebten zur Zeit der Dreharbeiten bereits in völlig anderen Umständen, als es der Film darstellt. Sie trugen nicht nur andere Kleidung, verwendeten andere Jagdtechniken etc., sie hatten längst auch eine andere Vorstellung von der Welt.

Nyla -- angeblich Nanooks Frau_Geliebte_Flaherys
Nanooks Frau Nyla – in Wirklichkeit die Geliebte Flahertys

Der Film versucht, das Leben der Inuit vor ihren dauerhaften Kontakten zu den Europäern darzustellen, und tatsächlich gelingt es ihm auch, die bewundernswerten Fähigkeiten der Inuit in einer für uns unwirtlichen, extrem harschen Lebensumgebung zu zeigen und heroische Momente ihres Alltags zu erfassen – ob beim Bau eines Iglus, im Kajak im eisigen arktischen Meer, oder bei der gefährlichen Jagd …

Nanook in einer Jagdszene

Nanook in einer Jagdszene – Foto: Robert J. Flaherty

Nanook und seine Familie werden als exotische Menschen vorgestellt – sie wirken urig, rührend nett, fast immer fröhlich, sehr tüchtig, aber simpel und naiv – eben aus der Perspektive eines weißen Reisenden von 1922, die wir heute bestenfalls als „kolonial“ oder paternalistisch bezeichnen können, und die den damals verbreiteten Klischeevorstellungen vom „edlen Wilden“ entgegenkam.

Nanook_eigentlich_Allakariallak
Nanook hieß eigentlich Allakariallak – Foto: S.H. Coward

In Kürze werden wir in Berlin erleben können, wie die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq aus Iqaluktutiak (Cambridge Bay) sich „live“ mit dieser Sichtweise auseinandersetzt und den Stummfilm mit einzigartigen Klängen kontrastiert.

Cambridge Bay
Iqaluktutiak (Cambridge Bay) – Foto: Wolfgang Opel

Tanya Tagaq wurde bekannt für ihren erfinderischen Umgang mit dem traditionellen Inuit-Kehlkopfgesang (katajjaq, „throat singing“ → Das Kanada-Lesebuch), den sie in freier Improvisation und mit leidenschaftlicher Sinnlichkeit über die Traditionen hinaus erweitert.

Traditionelles Throat-singing
Traditionelles Throat-singing, links: Lois Suluk-Locke

Als die Sängerin Björk Tanya Tagaq singen hörte, lud sie sie zur Zusammenarbeit ein, und sie tourten im Jahr 2000 gemeinsam . Tanya ist auf Björks Album Medúlla zu hören und Björk auf Tanyas Debut-Album Sinaa. Später arbeitete Tanya auch mit dem berühmten Kronos-Quartet, dem wahrscheinlich bedeutendsten Quartett für zeitgenössische Klassik, zusammen.

Bjoerk 2008 in Melbourne
Björk 2008 in Melbourne – Foto: deep_schismic

Bereits vor Jahren, als Tanya Tagaq in der Schule den Film „Nanook of the North“ sah, war sie wegen der dargestellten Stereotypen ziemlich peinlich berührt, auch wenn sie gleichzeitig Stolz auf die hier gezeigte Adaptions- und Widerstandsfähigkeit ihrer Vorfahren empfand.

Tanya Tagaq
Tanya Tagaq – Foto: Michael Höfner

Aus Anlass der Filmretrospektive „First Peoples Cinema“ auf dem Toronto International Film Festival 2012, bei der auch der alte Stummfilm gezeigt wurde, schuf sie zusammen mit dem Komponisten Derek Charke, dem Perkussionisten Jean Martin und dem Violinisten Jesse Zubot ein neuartiges Klanggemälde, das – wir können ziemlich sicher sein – den Film wohl nicht einfach akustisch untermalt, sondern kontrastiert; sie selbst äußerte dazu: „Ich fordere den Film zurück. Obgleich ich keinen Zweifel habe, dass Robert Flaherty die Inuit und das Land sehr mochte, sieht er sie durch die Brille von 1922. Es ist toll, dass ich als moderne Frau, ja moderne Inuit-Frau, den Film zurückhole.“

Tanya Tagaq mit Jesse Zubot und Jean Martin
Tanya Tagaq mit Jesse Zubot und Jean Martin – Foto: G;garitan

Nun ist Tanya Tagaq Anfang April mit „Nanook of the North“ zusammen mit zwei Begleitmusikern auf Tour. Wer schon einmal Musik von ihr gehört oder ihre Performances auf YouTube gesehen hat, weiß, dass uns eine spannende Veranstaltung erwartet!
… „[Tagaq makes Inuit throat singing] sound fiercely contemporary, futuristic even. Recalling animal noises and various other nature sounds, she is a dynamo, delivering a sort of gothic sound art while stalking the stage with feral energy.” – The New York Times

posted by Mechtild Opel

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