Archiv für November 2013

„Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator

Wir verließen nun am 15. April unser Schiff Investigator und kamen am 2. Mai hier auf den Schiffen Resolute und Intrepid, Capitän Kellet, wohlbehalten an. Wir waren 29 Mann mit 4 Schlitten und 4 Zelten. Auf unserm Investigator hatten wir 2 Jahre lang uns mit sehr knapper Kost begnügen müssen, indem wir täglich nur ⅔ der bestimmten Schiffsportion erhalten konnten, und sind nun sehr froh und dankbar, dass wir uns endlich wieder alle Tage satt essen können.
Das schreibt Johann August Miertsching nach drei entbehrungsreichen Wintern im arktischen Eis, nun gerettet an Bord des Schiffes Resolute, Dealy Island, am 4. Mai 1853, in einem Brief nach Deutschland.

Schlitten verlassen HMs Investigator
1853: Schlitten verlassen HMS Investigator – Stich nach einer Zeichnung von S.G. Cresswell

Morgen geht von hier ein Schlitten mit dem Doctor nach der Bay of Mercy, um die auf dem Investigator zurückgebliebene Mannschaft aufzusuchen, und vielleicht alle hierherzubringen, in welchem Fall dann das Schiff seinem Schicksal überlassen wird. – Mit dieser Prognose behielt Miertsching recht; das Schiff HMS Investigator, seit zwei Jahren im festen Eis der Mercy Bay eingeschlossen, wurde tatsächlich verlassen und aufgegeben. Mit Ausnahme von fünf Besatzungsmitgliedern, die Unterernährung und Krankheiten nicht überlebt hatten und in der Arktis ihre letzte Ruhestätte fanden, wurde die gesamte Mannschaft gerettet und kehrte später nach England zurück.
Siehe auch unsere Blogs Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren: Mai 1853, Warten auf den Eisaufbruch in der Arktis – heute wie vor 160 Jahren.
(Über die Entdeckung der Nordwestpassage informiert auch unser Kanada-Lesebuch!)

Expeditionscamp an der Mercy Bay
2011: Expeditionscamp an der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Der letzte historische Bericht über den Zustand des Schiffes stammte aus dem Jahr 1854. Frederic Krabbé, Leutnant der Britischen Admiralität, hatte HMS Investigator im April nochmals aufgesucht, um wichtige an Bord befindliche Gegenstände zu bergen, die man zurückgelassen hatte, als das Schiff im Jahr zuvor in der Mercy Bay im Norden von Banks Island aufgegeben worden war.
Krabbé berichtete, dass Wasser in den Schiffskörper eingedrungen und innen gefroren war; das Schiff hatte sich zwar 10 Grad nach Steuerbord geneigt, jedoch bisher allen Eispressungen standgehalten. Von den noch an Bord vorhandenen Vorräten wurde an der Küste ein Depot zur Nutzung durch künftige Explorer angelegt.

Archaeologen untersuchen das Depot
McClure Cache: Archäologen untersuchen das Depot – Photo: Courtesy of Parks Canada

Wahrscheinlich aber war das Schiff bereits kurz darauf gesunken, denn keiner der Forscher, die den Ort im frühen 20. Jahrhundert erreichten, hat es noch sichten können. Die Bucht war ständig von Eis bedeckt. In jüngster Zeit hat sich das infolge der globalen Erwärmung geändert: als im Juli 2010 eine archäologische Expedition von Parks Canada die Mercy Bay – heute Teil des Aulavik National Park – erforschte, war die Eisdecke großenteils aufgebrochen.

Mercy Bay eisfrei Luftbild 2011
Sommer 2011: die Mercy Bay ist fast eisfrei – Photo: Courtesy of Parks Canada

Man ließ ein Schlauchboot zu Wasser, und bereits nach wenigen Minuten waren die Umrisse des gesunkenen Schiffes erkennbar! Das Deck liegt nur acht Meter unter der Wasseroberfläche.

Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Über die Reise der HMS Investigator zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, die Entdeckung der Nordwestpassage unter Kapitän McClure und über die Wiederentdeckung und Erforschung des Wracks durch die Unterwasserarchäologen von Parks Canada berichtet der Bildband „Lost Beneath the Ice“, der vorige Woche in Ottawa vorgestellt wurde.

Bildband ueber HMS Investigator
Der neue Bildband über HMS Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Der Text fasst auf 38 Seiten bereits bekannte Informationen kurz zusammen; das reiche historische Bildmaterial verdeutlicht recht anschaulich die Seefahrt in der Arktis mit all ihren Risiken – nicht nur im 19. Jahrhundert; faszinierende Farbfotos geben einen Eindruck vom Zustand des Wracks heute sowie von den gefundenen Artefakten und zeigen die grandiose Arbeit des Archäologenteams, das in einem sehr engen Zeitfenster arbeiten musste.

Ryan Harris vor dem Tauchgang
Ryan Harris vor dem Tauchgang – Photo: Courtesy of Parks Canada

In einem Interview erzählte uns der Unterwasserarchäologe Ryan Harris von den aufregenden Tauchgängen – bei Wassertemperaturen zwischen +1 und -2°C – die manchmal bis 3 Uhr morgens andauerten. Jedes der sechs Teammitglieder tauchte vier mal am Tag für 60 bis 70 Minuten. Das günstige Wetter sowie Kerosinheizer in den Arbeitszelten sorgten dafür, dass man anschließend wieder warm werden konnte – und auch der Adrenalinschub, hervorgerufen durch das fast surreale Empfinden, an einem so abgelegenen Ort unter der Mitternachtssonne an einem derart geschichtsträchtigem Objekt zu arbeiten und damit eine emotionale Verbindung zu den Heroen der Vergangenheit zu bekommen – beispielsweise auf gleichen Planken zu stehen wie einst Kapitän McClure*.
*Interview mit Ryan Harris über die Erforschung des Wracks der HMS Investigator, unveröffentlichtes Manuskript

Artefakt_Reparaturbeduerftiger Schuh
Gefunden an Bord des Wracks – ob der gelernte Schuhmacher Miertsching den Schuh reparieren wollte? – Photo: Courtesy of Parks Canada

Dass die aufwendigen Arktis-Expeditionen zur Suche nach den Schiffen Erebus, Terror und Investigator überhaupt stattfinden konnten – trotz staatlicher Sparmaßnahmen, die gravierende Einschnitte für die archäologische Forschung in Kanada zur Folge haben – ist wohl der symbolischen Bedeutung geschuldet, die die Harper-Regierung der Franklin-Expedition im Zusammenhang mit der „arktischen Souveränität“ (Kanadas Gebietsansprüchen in der Arktis) zumisst.

Taucher am Wrack der Investigator
Taucher am Wrack der Investigator – Photo: Courtesy of Parks Canada

Update: Siehe auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“
[Update 9.9.2014: Franklin-Schiff gefunden!]

posted by Mechtild Opel




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