Wilhelm Nindemann – ein Arktisreisender aus Gingst auf Rügen

Es gibt viele Bücher über Polarreisende wie John Franklin, Robert E. Peary, Robert Falcon Scott, Ernest Shackleton oder auch Roald Amundsen. Manche von ihnen waren gescheiterte Helden wie Franklin und Scott, die bei ihren Reisen den Tod fanden, oder Peary, dessen unbestreitbaren Erfolge durch seinen selbstsüchtigen Charakter und das vermutliche Märchen von der „Eroberung“ des Nordpols nahezu aufgehoben wurden.
Andere waren erfolgreicher: Amundsen befuhr als erster die Nordwestpassage und siegte am Südpol, starb aber einsam in der Arktis, als er Leben retten wollte. Shackleton scheiterte am Südpol und bei der Durchquerung der Antarktis, rettete aber alle seine Mitreisenden vor dem sicheren Tod in der Kälte.

Nindemann_Portrait
Porträt Wilhelm Friedrich Carl Nindemann

Dieser berühmten Reisenden, Helden oder Nicht-Helden, und ihren Eroberungen wird in unzähligen Büchern, Artikeln, Filmen und Ausstellungen gedacht, doch waren sie allein unterwegs? Wer hat ihre Schlitten gezogen, ihre Boote gesteuert, wer hat diese repariert, wenn sie durch Sturm, Eis und Kälte beschädigt wurden? Wer hat das Essen zubereitet, wer hat gejagt, wer hat sich um die Kranken und Toten gekümmert? Auch hier gelten Brechts Fragen nach den Bauleuten des siebentorigen Thebens und den Eroberern Indiens und „Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen.“
Sankt-Jakob_Gingst
Sankt-Jacob-Kirche in Gingst — Foto: Olaf Meister

Einer dieser unbekannten „Mitreisenden“ war der aus Gingst auf Rügen stammende Wilhelm Friedrich Carl Nindemann, der vor 100 Jahren 63jährig in New York gestorben ist. Nindemann, der schon früh Halbwaise geworden war, sollte nach der Schule Schmied werden. Doch nach wenigen Tagen brach er die Lehre ab und heuerte bei seinem Onkel auf Wittow an, um auf dessen Schoner Ost- und Nordsee zu befahren.

Polaris
Die Polaris

Bald danach, mit 19 Jahren, brach er nach Amerika auf, um 1871 von New York über Upernavik, Grönland, auf seine erste Arktisreise an Bord der Polaris unter Charles Francis Hall zu gehen.

Upernavik
Blick auf Upernavik, Nordwestgrönland

Diese Nordpol-Expedition war eine besonders dramatisch verlaufende Arktisreise, die zwar mit 82°11′ nördlicher Breite dem Nordpol am nächsten gekommen war, bei der aber Hall selbst unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kam. Mit Halls Tod eskalierten die Konflikte zwischen Kapitän, Wissenschaftlern und Mannschaft, für die auch Spannungen zwischen den amerikanischen und deutschstämmigen Seeleuten verantwortlich gemacht wurden. Ein Teil der Mannschaft, der sich auf einer Eisscholle in Sicherheit gebracht hatte, war während eines Sturms von dem angeschlagenen Schiff getrennt worden. Nindemann hat darüber in seinem Buch über seine Arktisreisen berichtet. Nur die Anwesenheit zweier erfahrener Inuit mit ihren Familien rettete den Versprengten das Leben, wie Nindemann schrieb. Es waren die noch heute hochgeachteten Ipiirviq (Ebierbing) von Baffin Island und Suersaq (Hans Hendrik) aus Grönland.

Bradford_Suersaq
Suersaq und Familie – Foto: William Bradford

Nach einer Drift von sechs Monaten und 2900 km auf immer kleiner werdenden Eisschollen wurden die fast Verhungerten schließlich vor der Küste Südlabradors gerettet. Nindemann zögerte nicht lange und schloss sich einer weiteren Reise nach Nordgrönland an – auf der Suche nach der Polaris und der restlichen Mannschaft. Das Schiff war bereits im Jahr zuvor untergegangen, doch die bis zum Schluss an Bord verbliebene Besatzung hatte mit Hilfe der Inuit von Etah in Nordgrönland überlebt.

Bei Etah, Nordgroenland
Hier bei Etah hoch im Norden von Grönland sank die Polaris

Aus dem Jungen von Rügen war ein erfahrener Polarreisender geworden, der sich 1879 einer von George W. DeLong geleiteten amerikanischen Expedition mit der Jeannette in Richtung Nordpol, diesmal entlang der Nordküste Sibiriens, anschloss. Aber auch diese Expedition scheiterte. Die Jeannette sank im Eis, und die Besatzung rettete sich in drei Boote, mit denen sie versuchte, die Lena-Mündung zu erreichen. Ein Boot samt seiner Besatzung wurde nie wieder gesehen, die beiden anderen gelangten an Land, allerdings weit von einander entfernt. DeLong schickte Nindemann und Louis P. Noros aus, um nach Hilfe zu suchen. Die beiden trafen zwar auf die Besatzung des anderen Bootes, als sie jedoch endlich Hilfe bringen konnten, waren DeLong und seine Gefährten bereits gestorben.

historische Zeichnung des DeLong-Grabes
DeLongs Grabmal, zeitgenössische Zeichnung von A. Larsen

DeLongs Arm soll über den Schnee hinaus auf die Leichname seiner Gefährten gezeigt haben. Neben ihm lag sein Tagebuch, aus dem die letzten Tage der Verstorbenen rekonstruiert werden konnten. In der Nähe des Lagerplatzes auf Amerika-Khaya (Америка-Хая) wurde ein Kreuz zum Gedenken an die Verstorbenen errichtet. Noch heute wird hier an DeLong und die gescheiterte Jeannette-Expedition erinnert.

Grabmal von DeLong heute
Grabmal von DeLong Amerika-Khaya heute

Nach der Rückkehr in die USA setzte Nindemann in den folgenden Jahren seine seemännische Karriere fort. Er beschäftigte sich mit der Entwicklung nautischer Geräte und meldete u. a. auch ein Patent zur Anzeige von Schräglagen eines Bootes an. Während des russisch-japanischen Krieges 1904/1905 überführte er U-Boote nach Japan.

Nindemann auf U-Boot 1903
Nindemann auf einem U-Boot, 1903

Als Nindemann 1913 starb, hinterließ er einen Sohn. Ob es noch heute Nachfahren in den USA oder Verwandte auf Rügen gibt, konnte bisher nicht ermittelt werden. Es wäre jedenfalls Zeit, dass zumindest in Gingst an den „unbekannten, großen Sohn“, den Arktisreisenden, Erfinder und Buchautoren Wilhelm Friedrich Carl Nindemann erinnert wird, der 1890 in den USA mit einer Tapferkeitsmedaille geehrt worden war. Der Schokoladen-Hersteller FÉLIX POTIN ist der Gemeinde Gingst beim Gedenken an Nindemann allerdings schon zuvor gekommen!

Nindemaan_Felix Potin
Ein Schokoladenhersteller würdigt Nindemann

posted by Wolfgang Opel

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