Archiv für Oktober 2013

Wilhelm Nindemann – ein Arktisreisender aus Gingst auf Rügen

Es gibt viele Bücher über Polarreisende wie John Franklin, Robert E. Peary, Robert Falcon Scott, Ernest Shackleton oder auch Roald Amundsen. Manche von ihnen waren gescheiterte Helden wie Franklin und Scott, die bei ihren Reisen den Tod fanden, oder Peary, dessen unbestreitbaren Erfolge durch seinen selbstsüchtigen Charakter und das vermutliche Märchen von der „Eroberung“ des Nordpols nahezu aufgehoben wurden.
Andere waren erfolgreicher: Amundsen befuhr als erster die Nordwestpassage und siegte am Südpol, starb aber einsam in der Arktis, als er Leben retten wollte. Shackleton scheiterte am Südpol und bei der Durchquerung der Antarktis, rettete aber alle seine Mitreisenden vor dem sicheren Tod in der Kälte.

Nindemann_Portrait
Porträt Wilhelm Friedrich Carl Nindemann

Dieser berühmten Reisenden, Helden oder Nicht-Helden, und ihren Eroberungen wird in unzähligen Büchern, Artikeln, Filmen und Ausstellungen gedacht, doch waren sie allein unterwegs? Wer hat ihre Schlitten gezogen, ihre Boote gesteuert, wer hat diese repariert, wenn sie durch Sturm, Eis und Kälte beschädigt wurden? Wer hat das Essen zubereitet, wer hat gejagt, wer hat sich um die Kranken und Toten gekümmert? Auch hier gelten Brechts Fragen nach den Bauleuten des siebentorigen Thebens und den Eroberern Indiens und „Wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen.“
Sankt-Jakob_Gingst
Sankt-Jacob-Kirche in Gingst — Foto: Olaf Meister

Einer dieser unbekannten „Mitreisenden“ war der aus Gingst auf Rügen stammende Wilhelm Friedrich Carl Nindemann, der vor 100 Jahren 63jährig in New York gestorben ist. Nindemann, der schon früh Halbwaise geworden war, sollte nach der Schule Schmied werden. Doch nach wenigen Tagen brach er die Lehre ab und heuerte bei seinem Onkel auf Wittow an, um auf dessen Schoner Ost- und Nordsee zu befahren.

Polaris
Die Polaris

Bald danach, mit 19 Jahren, brach er nach Amerika auf, um 1871 von New York über Upernavik, Grönland, auf seine erste Arktisreise an Bord der Polaris unter Charles Francis Hall zu gehen.

Upernavik
Blick auf Upernavik, Nordwestgrönland

Diese Nordpol-Expedition war eine besonders dramatisch verlaufende Arktisreise, die zwar mit 82°11′ nördlicher Breite dem Nordpol am nächsten gekommen war, bei der aber Hall selbst unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kam. Mit Halls Tod eskalierten die Konflikte zwischen Kapitän, Wissenschaftlern und Mannschaft, für die auch Spannungen zwischen den amerikanischen und deutschstämmigen Seeleuten verantwortlich gemacht wurden. Ein Teil der Mannschaft, der sich auf einer Eisscholle in Sicherheit gebracht hatte, war während eines Sturms von dem angeschlagenen Schiff getrennt worden. Nindemann hat darüber in seinem Buch über seine Arktisreisen berichtet. Nur die Anwesenheit zweier erfahrener Inuit mit ihren Familien rettete den Versprengten das Leben, wie Nindemann schrieb. Es waren die noch heute hochgeachteten Ipiirviq (Ebierbing) von Baffin Island und Suersaq (Hans Hendrik) aus Grönland.

Bradford_Suersaq
Suersaq und Familie – Foto: William Bradford

Nach einer Drift von sechs Monaten und 2900 km auf immer kleiner werdenden Eisschollen wurden die fast Verhungerten schließlich vor der Küste Südlabradors gerettet. Nindemann zögerte nicht lange und schloss sich einer weiteren Reise nach Nordgrönland an – auf der Suche nach der Polaris und der restlichen Mannschaft. Das Schiff war bereits im Jahr zuvor untergegangen, doch die bis zum Schluss an Bord verbliebene Besatzung hatte mit Hilfe der Inuit von Etah in Nordgrönland überlebt.

Bei Etah, Nordgroenland
Hier bei Etah hoch im Norden von Grönland sank die Polaris

Aus dem Jungen von Rügen war ein erfahrener Polarreisender geworden, der sich 1879 einer von George W. DeLong geleiteten amerikanischen Expedition mit der Jeannette in Richtung Nordpol, diesmal entlang der Nordküste Sibiriens, anschloss. Aber auch diese Expedition scheiterte. Die Jeannette sank im Eis, und die Besatzung rettete sich in drei Boote, mit denen sie versuchte, die Lena-Mündung zu erreichen. Ein Boot samt seiner Besatzung wurde nie wieder gesehen, die beiden anderen gelangten an Land, allerdings weit von einander entfernt. DeLong schickte Nindemann und Louis P. Noros aus, um nach Hilfe zu suchen. Die beiden trafen zwar auf die Besatzung des anderen Bootes, als sie jedoch endlich Hilfe bringen konnten, waren DeLong und seine Gefährten bereits gestorben.

historische Zeichnung des DeLong-Grabes
DeLongs Grabmal, zeitgenössische Zeichnung von A. Larsen

DeLongs Arm soll über den Schnee hinaus auf die Leichname seiner Gefährten gezeigt haben. Neben ihm lag sein Tagebuch, aus dem die letzten Tage der Verstorbenen rekonstruiert werden konnten. In der Nähe des Lagerplatzes auf Amerika-Khaya (Америка-Хая) wurde ein Kreuz zum Gedenken an die Verstorbenen errichtet. Noch heute wird hier an DeLong und die gescheiterte Jeannette-Expedition erinnert.

Grabmal von DeLong heute
Grabmal von DeLong Amerika-Khaya heute

Nach der Rückkehr in die USA setzte Nindemann in den folgenden Jahren seine seemännische Karriere fort. Er beschäftigte sich mit der Entwicklung nautischer Geräte und meldete u. a. auch ein Patent zur Anzeige von Schräglagen eines Bootes an. Während des russisch-japanischen Krieges 1904/1905 überführte er U-Boote nach Japan.

Nindemann auf U-Boot 1903
Nindemann auf einem U-Boot, 1903

Als Nindemann 1913 starb, hinterließ er einen Sohn. Ob es noch heute Nachfahren in den USA oder Verwandte auf Rügen gibt, konnte bisher nicht ermittelt werden. Es wäre jedenfalls Zeit, dass zumindest in Gingst an den „unbekannten, großen Sohn“, den Arktisreisenden, Erfinder und Buchautoren Wilhelm Friedrich Carl Nindemann erinnert wird, der 1890 in den USA mit einer Tapferkeitsmedaille geehrt worden war. Der Schokoladen-Hersteller FÉLIX POTIN ist der Gemeinde Gingst beim Gedenken an Nindemann allerdings schon zuvor gekommen!

Nindemaan_Felix Potin
Ein Schokoladenhersteller würdigt Nindemann

posted by Wolfgang Opel

Bis zum Stillen Ozean und weiter

Die Seele des Flusses Kamtschatka trägt mich zum Stillen Ozean und weiter … meine „Kreuzfahrt“ mit einem aufblasbaren Gummi-Kajak

Vom 6. Juli bis 3. August 2013 ging meine Tour rund vierhundert Kilometer abwärts auf dem Fluss Kamtschatka, der zwei Vulkangebirgskämme trennt: die Vulkane im Westen sind außer dem Ischinskaya Sopka erkaltet, die im Osten hingegen aktiv – mit der höchsten Zentralgruppe um den Kljutschewskoi mit 4800 m. Mir ging es dabei nicht um den sportlichen Wert, viele Kilometer am Tage zu schaffen, sondern darum, die Vielfalt der Landschaft mit seiner Vogelwelt zu beobachten. An manchen Plätzen blieb ich zwei Tage und kreuzte den Fluss mehrmals, weil das andere Ufer jeweils spannender und lebhafter aussah.

Der Klutschewskoi - hoechster Vulkan Kamtschatkas
Der Klutschewskoi – höchster Vulkan Kamtschatkas – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zunächst fuhr ich mit dem Linienbus von der Gebietshauptstadt Petropavlovsk in Richtung Kosyrevsk, eine alte russische Siedlung aus dem 18. Jahrhundert. Der Busfahrer war so nett und ließ mich etwa 30 Kilometer vor dem Ort an der neu erbauten Brücke (fertiggestellt 2012) aussteigen. Dies war der Beginn einer Kreuzfahrt durch die ungezähmte Wildnis, wie ich sie hier schon seit zwei Jahrzehnten kenne. Das Wetter war warm und die dünne Wolkendecke sonnig durchtränkt, so dass mich am Ufer Wolken von Mücken und Bremsen begrüßten.

Beginn meiner Kreuzfahrt
Beginn meiner „Kreuzfahrt“ – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach zwei Stunden war alles so weit zurecht, dass ich starten konnte, um auf der Mitte des Flusses endlich die lästigen Insekten abzuschütteln – nicht alle, aber die meisten.
Das Hochwasser hat die Ufer stark strapaziert, ähnlich wie in Deutschland. Wegen der dünnen Besiedlung war das Leid der Menschen hier nicht so groß wie bei uns. Dazu kommt, das Russen anders mit Katastrophen umgehen als wir. Die Brücke wurde erst vorige Woche wieder für den Verkehr frei gegeben. Bis kurz hinter der Ortschaft Kljutschi ziehen sich Steinbirkenwälder hin. Mit mir zusammen schwammen entwurzelte Weiden, Erlen, Lärchen und Steinbirken den Fluss hinunter. Die meisten endeten im Kehrwasser und auf Inseln; die wenigsten schafften es in den großen Ozean.

Große Pappeln heben sich von der anderen Baumvegetation ab
Große Pappeln heben sich von der anderen Baumvegetation ab – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller berichtet 1741 vom gestrandeten Treibgut aus Kamtschatka, als er und die von Skorbut gebeutelten Seeleute unfreiwillig auf der damals unbewohnten Beringinsel landeten. Große Pappeln und stark vom Wetter zerfledderte Lärchen schauen aus dem Blätterkronendach der Steinbirkenwälder heraus und stehen wie Denkmäler in der Landschaft. In dieser Zeit einen trockenen Zeltplatz am Ufer zu finden gestaltete sich schwierig. Die Uferzonen sahen aus wie die Mangrovenwälder in den Tropen. Es war noch hell am Tage, und so nutzte ich die Zeit, um weiter zu paddeln, mit der Hoffnung verbunden, doch noch ein trockenes Plätzchen zu finden. Glück des Tüchtigen. Eine Sandbank war spärlich mit jungen Weiden besetzt. Huurraaah! Das Wort verschluckte sich, weil die Mücken die ganze Luft einnahmen. Da half auch kein russisches Antimückenspray mehr.

Muecken ueber Muecken
Mücken über Mücken – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier zeltete ich zwei Tage lang. Der Platz gefiel mir, und es waren viele Singvögelstimmen zu hören, die mein Interesse weckten. Aber auch frische Bärenspuren sah ich jede Menge, was mich wenig berührte, weil die Teddys einen in Ruhe lassen, solange man sich ihnen nicht in den Weg stellt. Ich ließ die Luft aus dem roten „Lachsboot“, faltete es zusammen und legte eine Plane darüber. Und das geschah jeden Tag. Morgens wieder aufblasen, was nur fünfzehn Minuten dauerte.

Trittsiegel, Baer und Mensch
Trittsiegel: Bär und Mensch – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Weite und Melancholie des Flusses trieb ich an drei Dörfern vorbei, wo ich meine Fotobatterie aufladen konnte und ein paar Lebensmittel bzw. frisches Wasser tankte. Der Kamtschatka-Fluss trägt viele weiche Sedimente (Asche) mit sich, die von den Vulkanen und seinen Nebenflüssen hineingetragen werden. Es empfiehlt sich nicht, dieses braune Wasser ohne Filter zu trinken (Durchfall usw.) Hinter dem Ort Kljutschi endet der Steinbirkenwald.

Seeschwalbengelege
Seeschwalbengelege – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier in der Nähe wurde 1728/29 das Schiff “St. Gabriel“ gebaut, unter der Leitung des Kapitäns Vitus Bering. Nur er allein – neben dem verstorbenen Zar Peter I. – kannte die geheimen Abmachungen bezüglich der Expedition. Hier gab es die letzten Lärchen, die man für den Bootsbau zur Ersten Kamtschatka-Expedition brauchte. 1731 wurde diese kleine Siedlung von den Itelmenen zerstört, woraufhin ein paar Kilometer flussaufwärts der Ort Kljutschi entstand. Das war in der Zeit, als Bering zur Zweiten Kamtschatka Expedition, auch Große Nordische Expedition genannt, startete.

Sonnenuntergang_stilles Feuerwerk am Schivelutsch
Sonnenuntergang: stilles Feuerwerk am Schivelutsch – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zwischen Kljutschi und dem sich anschließenden Mittelgebirge (etwa 500-1200 m hoch) liegt ein breites Tal. Der Fluss formt sich vieladrig, und einige Nebenarme enden im See. Daraus ergaben sich im Vorfeld meine größten Befürchtungen – der Gedanke, unfreiwillig in einen der Seen zu landen, hämmerte in meinem Kopf. Bei der starken Strömung ist es fast unmöglich, wieder zurück zu paddeln. Diese große Sorge trieb mich dazu, diesen Abschnitt an einem Tag zu machen. Da ich kein GPS oder Kompass dabei hatte, war mir wichtig, den Vulkan Kljutschewskoi und die Sonne im Rücken zu haben, den Schivelutsch – eine uralte Vulkanruine auf der linken Seite – im Norden, und die Bootsspitze genau auf das Mittelgebirge im Osten gerichtet. Das war alles gut einsehbar, aber wegen der vielen Nebenarme – es gibt keinen erkennbaren Hauptarm – wusste ich trotzdem immer noch nicht, ob ich auf dem richtigen Weg war.

hinter mir liegt die hoechste Vulkangruppe
Hinter mir liegt die höchste Vulkangruppe – Foto: © Ullrich Wannhoff

Manchmal war der Fluss so breit wie ein See, und ich hatte das Gefühl, er fließt gar nicht mehr. Dann sah ich aber die Lachmöwen und Flussseeschwalben auf Treibholz sitzen, das Richtung Osten trieb. – Also nichts wie hinterher! Hier gab es weder andere Boote noch irgendwelche Seezeichen. Vor mir sah ich das dunkelgrüne Mittelgebirge mit den Schneefeldern in den Senken, die waren nicht weit weg. Als sich der Hauptstrom verschmälert, etwa auf die Breite der Elbe, und andere Flüsse zuflossen, atmete ich auf – geschafft! Es fiel mir ein Stein von Herzen, ich war genau richtig!

Karte
Selbst gezeichnete Karte — © Ullrich Wannhoff

Nun konnte ich am Abend in Ruhe mein Zelt aufschlagen und Tee trinken. Zu gerne wäre ich in dem breiten Tal geblieben, aber dort einen trockenen Zeltplatz zu finden, war unmöglich. Große Areale von Feuchtwiesen und Weiden über Weiden bestimmen die flache Landschaft. Ab und zu sitzen Riesenseeadler auf abgestorbenen, starken Ästen, und die weißen Wolken am blauen Himmel ziehen surreale Gebilde hinter sich.

Am Horizont wird es hell
Am Horizont wird es hell — Foto © Ullrich Wannhoff

Die nächsten Tage ging es durch das saftig grüne Gebirge, das mit Steinbirken bewachsen ist. Einfach großartig. Hinter mir sah ich die höchste Vulkangruppe Kamtschatkas. Beeindruckend wie die Berge am wolkenleeren Himmel stehen, wie ein Scherenschnitt, mit dem rauchenden Besemjany, einer der kleinen, aber aktivsten Vulkane. Nach dem Verlassen des Gebirges öffnet sich die Landschaft, wird flach und trägt typische Merkmale der Tundra, hat subalpinen Charakter. Viele niedrig wachsende Pflanzen, wie Krähenbeeren, Schwedischer Hartriegel, Weiden in Strauchform, Lilien – und die Seeluft. Die ersten Seehunde kommen mir entgegen. Lachse springen aus dem Wasser. Raubmöwen jagen anderen Möwen die Nahrung ab. Große Kamtschatkamöwen fliegen über mir. In der Ferne sehe ich den Fischereihafen, dessen Kräne aus Eberswalde bei Berlin sich schon lange nicht mehr drehen.

Kraene die sich nicht mehr drehen
Kräne, die sich nicht mehr drehen — Foto © Ullrich Wannhoff

Der nächste Abschnitt steht bevor: der Nerpitschnoe Ozero – zu deutsch „Seehundsee“. Meerwasser vermischt sich mit süßem in dem großen See, der mich nun für eine Woche im Bann hält. Danach geht es ins offene Meer. Noch nie bin ich so schnell gepaddelt wie bei Ebbe aus diesem Fluss. Ich hatte mir zuvor im Hafen bei einem Kapitän die Tidenzeiten aufgeschrieben. Die Leute waren sehr hilfsbereit, mit Ausnahme von Verkäuferinnen, die sich in den Privatgesprächen gestört fühlten, als ich etwas kaufen wollte.

Verladen der Lachse
Verladen der Lachse — Foto © Ullrich Wannhoff

Der Seenebel hat sich so tief gesenkt, dass ich nur nach Gehör paddle, das Wellenrauschen am Strand gibt mir die Orientierung. Dann ist auf einmal das Rauschen weg. Nanu? Keine Panik. Die Sonne muss im Rücken sein bzw. auf der rechten Seite, alles andere wären die unendlichen Weiten des Ozeans. Nach einer halben Stunde Paddeln ist immer noch kein dunkler Uferstreifen in Sicht. Urplötzlich zieht der Nebelvorhang auf. Ich sehe die glänzenden Tanks an der langen Landzunge und atme tief durch. Auf dem Schock hin schnell ans Ufer und das Zelt aufschlagen, auch wenn es erst Mittag ist. Danach bin ich noch zwei Tage an der Steilküste unterwegs, diesmal bei sehr guter Sicht.

Junge Sturmmoewe
Junge Sturmmöwe — Foto © Ullrich Wannhoff

Am vorletzten Tag mach ich mich auf den Weg zurück. Das Meer atmet heute etwas tiefer, und die Wellen heben und senken sich wie noch nie in den Tagen zuvor. Soll ich die langweilige flache Bucht abkürzen Richtung Flussmündung? Der Versuch ist es wert, und ich gewinne einige Stunden und kann meine Sachen trocknen, bevor die Flut in den Fluss eintritt.

Kamera fiel ins Wasser - Selbstgemalte Bilder
„Das grüne Meer“ — nachdem die Kamera ins tiefe Wasser gefallen war, mussten selbstgemalte Bilder her — © Ullrich Wannhoff

In der Mitte der Bucht sind die Wellen allerdings drei bis vier Meter hoch, aber ohne Schaumkronen. Mein Boot ist aber nur für einen Meter Wellenhöhe geeignet. So treibe und paddele ich wie in einer Nussschale in Richtung Flussmündung. Es kostet viel Kraft. Endlich schneiden sich die Wellen des Meeres mit dem Fluss. Klitschnass steige ich zwischen beiden Wellenbewegungen auf einer Sandbank aus und schiebe den „roten Lachs“ Richtung Flussufer.

Waschtag
Wäschetrocknen am Ufer — Foto © Ullrich Wannhoff

Freudig trockne ich meine Sachen. Guter Wind, schnelles Feuer. Es dauert nicht lange, da kommen freundliche Uniformierte auf mich zu. Kontrollieren meine Papiere. Ich frage: „Stimmt was nicht?“ „Ja, Sie brauchen eine Genehmigung für das Meer“. Im erschrockenen Ton erwidere ich „was? – habe ich nicht, weiß ich nicht“. Zwei Stunden vergehen, und viele neugierige Fragen prasseln auf mich ein, bis die Beamten den seltenen Vogel wieder frei lassen und ich bei Flut weiter in den Fluss paddeln darf …

posted by Ullrich Wannhoff
Siehe auch Die Seele des Flusses gebiert Landschaften

Auf den Îles-de-la-Madeleine

Früher gab es hier Walrosse in Massen, und sogar Eisbären sollen auf den Magdalenen-Inseln gesichtet worden sein. Heute ist alles etwas anders, wie wir auf unserer Rundreise erfahren …

Am Cap-a-Isaac, Ile de la Grande Entree
Am Cap-a-Isaac, Ile de la Grande Entree

Eine schlafarme Nacht auf der Fähre, gefolgt von einem sonnigen Sonntagmorgen den Îles-de-la-Madeleine: ein Déjeuner sur l‘herbe (Frühstück im Freien) mit französischen Köstlichkeiten bildete den Auftakt für unsere Entdeckungsfahrt. Manche sagen, diese Inselgruppe würde beim Blick auf die Landkarte aussehen wie ein gestreckter Angelhaken, oder wie ein mit Strichen angedeutetes kopfstehendes Seepferdchen. Der Archipel besteht aus einzelnen felsigen Inseln, überwiegend aus rotem Sandstein, die sich über eine Länge von 65 km erstrecken und fast alle auf natürliche Weise miteinander verbunden sind – zumeist über lange schmale Sandstreifen (Nehrungen) und Dünen, die manchmal noch durch Dammwege und Brücken ergänzt wurden.

Daemme, Duenen und Nehrungen verbinden die felsigen Inseln
Dämme, Dünen und Nehrungen verbinden die felsigen Inseln

An Stränden gibt es hier keinen Mangel – die Sandstrände mit einer Gesamtlänge von über 300 km ziehen sich ausgedehnt vor flachem Schwemmland dahin, ähnlich wie man es in Deutschland etwa von Hiddensee oder Sylt kennt. Hinter manchen der langgestreckten Nehrungen finden sich auch Lagunen oder aber seichtere Meeresarme. Das milde maritime Klima sorgt für moderate Temperaturen. Aber auch wenn man kein passionierter „Badegast“ ist, kann man auf den Inseln viel erleben.
Sanfte Dünen, Feuchtgebiete, wie das Réserve nationale de faune de la Pointe-de-l‘Est, wo Plankenwege die empfindliche Vegetation schützen, bilden ein Paradies für Wasservögel.
Felsige Steilküsten, rote Sandsteinfelsen mit scharfen Abbruchkanten, zahlreichen Einschnitten und Aushöhlungen begeistern uns mit ihren abwechslungsreichen Formen und spektakulären Ausblicken; im Abendlicht entfalten die roten Felsen eine unvergleichliche Leuchtkraft.

Felsenküste bei Fatima, Cap aux Meules
Felsenküste bei Fatima, Cap aux Meules

Im kleinen historischen Viertel La Grave auf der südlichsten Insel Havre Aubert mit seinen restaurierten Holzhäuser, ob farbenfroh gestrichen oder im natürlichen Silbergrau, finden wir Boutiquen, Kunstgalerien sowie Bistro, Pub, Restaurants, Cafés – und ein Museum mit aufschlussreichen Ausstellungen.

An die Zeiten der Walrosse erinnert nur noch das Strassenschild
An die Zeiten der Walrosse erinnert nur noch das Strassenschild

Mehr über das Leben auf den Magdalenen-Inseln gestern und heute, über Künstler, Kite-Surfer, über einen ehemaligen Walross-Liegeplatz und auch über die umstrittene Robbenjagd der Inselbewohner kann man im vollständigen Artikel in der aktuellen Ausgabe 4/2013 des Magazins 360° Kanada finden, detaillierte Hintergrundinformation zu Geschichte, Natur und Kultur im Kanada-Lesebuch.

posted by Mechtild Opel




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