Archiv für Juni 2013

Baskische Walstation im kanadischen Labrador wurde UNESCO-Welterbe

Vor zehn Jahren, im Juli 2003, hatten wir uns auf den Weg gemacht, um per Auto den Südosten Labradors zu erkunden. Das war möglich geworden, als die bis damals existierende kurze Küstenstraße von Blanc-Sablon nach Red Bay um 340 km Schotterpiste auf eine Gesamtlänge von 420 km – bis nach Cartwright verlängert wurde.

Blick auf Red Bay
Blick auf Red Bay

Nach etwa 80 km, am Ende der Bitumenstraße, erreichten wir am späten Nachmittag Red Bay – einen freundlichen kleinen Ort an der Strait of Belle Isle, der allerdings auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Verfallende Fischfabrik in Red Bay
Neuzeitliche Fischfabrik in Red Bay, im Verfall begriffen

Jedoch fanden wir ein überaus interessantes Museum mit mehreren Gebäuden und Außenanlagen vor. Wir setzten nach Saddle Island über, um die Reste einer alten Walfangstation zu besichtigen. Auf dem Boot war auch ein Filmteam, geführt von einer älteren Dame. Diese Gruppe blieb noch auf der Insel zurück, als der Schiffer uns wieder abholte. Er erzählte uns, dass die Frau Selma Barkham sei, der die Entdeckung der Fundstellen auf Saddle Island zu verdanken ist.

Verwitterter Walknochen auf Saddle Island
Relikt der Vergangenheit: ein verwitterter Walknochen auf Saddle Island

Selma Barkham, die zuvor für Parks Canada gearbeitet hatte, begann in den 1970er Jahren auf eigene Kosten, in baskischen Archiven zu recherchieren. Die Dokumente, die sie fand, berichteten über die Reisen von baskischen Fischern zum Kabeljau- und Walfang nach „Terra Nova“, wie das Land im Westen damals bezeichnet wurde. Selma Barkhams Analyse der Dokumente führte letztendlich zu den Fundstellen auf Saddle Island, wie auch 1978 zur Hebung des heute im Red Bay Visitor Center ausgestellten Wracks der alten Schaluppe durch die Unterwasser-Archäologen von Parks Canada. Mit Hilfe der baskischen Dokumente konnten die meisten Funde auf Saddle Island zugeordnet und identifiziert werden. Viele davon sind heute im Museum in Red Bay zu sehen.

Alte Schaluppe in Red Bay
Die alte Schaluppe, die von Unterwasserarchälogen gehoben wurde

Der kleine Ort Red Bay hat nur 227 Einwohner, aber seine Geschichte reicht viel weiter zurück als man glaubt. Bereits vor weit über 400 Jahren, seit ca. 1530, gab es hier eine regelrechte „Fabrik“ zur Herstellung von Walöl. Hunderte bis Tausende Menschen verbrachten die Sommer an den Küsten Südlabradors in reger Geschäftigkeit. Auf Saddle Island wurden die Wale verarbeitet, die vor der Küste harpuniert worden waren. In den ertragreichsten Jahren wurden an den Küsten Labradors jährlich über 20.000 Barrel Walöl produziert. Das 17. Jahrhundert brachte jedoch das Ende der baskischen Walindustrie, wohl eine Folge der Verluste der spanischen Flotte im Kampf gegen die Briten; doch auch die Walbestände in der Strait of Belle Isle waren drastisch zurückgegangen.

Tonscherbenhaufen auf Saddle Island
Tonscherbenhaufen weisen auf frühere Gebäude der Basken hin

Am vergangenen Sonnabend, dem 22. Juni 2013, hat das UNESCO World Heritage Committee die Red Bay Basque Whaling Station zur Liste des Welterbes hinzugefügt. In der Begründung heißt es, dass es das früheste, vollständigste und am besten erhaltene Beispiel für die europäische Walfang-Tradition ist. „Gran Baya“, wie es zur Zeit der Gründung genannt wurde, war die Küstenbasis für das Zerlegen der Wale und die Verarbeitung des Fettes zu Walöl, das damals in Europa sehr gefragt war; es wurde vorwiegend zur Beleuchtung verwendet, aber auch als Spezialöl für feinmechanische Zwecke. Noch heute sieht man die Überreste von Schmelzöfen, Werktstätten zur Faßherstellung, Fundamente der Wohnstätten sowie die Anlegeplätze und einen Friedhof.

altes Ladengebäude
Wird die Gemeinde nun einen neuen Aufschwung nehmen können?

Die Ernennung zur Weltkulturerbestätte wird für den kleinen Ort sicher eine Veränderung bedeuten – man rechnet, dass bis zu 7000 Touristen pro Jahr die neue Attraktion besuchen werden.
Hoffen wir, dass auch die Verdienste der mittlerweile 86jährigen Selma Barkham gewürdigt werden, die durch ihre selbstlose Arbeit ein wichtiges Kapitel baskischer und kanadischer Geschichte aufgedeckt und bekannt gemacht hat.

Interessantes über die frühe Besiedlung Labradors durch Europäer findet man auch im Kanada-Lesebuch und mehr über Red Bay und andere Sehenswürdigkeiten an Labradors Küste im Reiseführer Kanada Maritimes.

posted by Mechtild Opel

Northwest Passage, 160 years ago

Deutsche Version hier

Totally exhausted were the men of HMS Investigator, when they arrived at Dealy Island (near Melville Island, today: Canadian Arctic, Nunavut), in the beginning of May, 1853. They had made a long and strenous walk from the Bay of Mercy on Banks Island over the frozen Arctic Ocean, which took them more than 2 weeks. Now they were rescued and got finally enough food and warm clothing on board of the ships HMS Resolute and HMS Intrepid which were frozen in the ice. The men had barely escaped death by starvation and disease. Most were heavily affected by scurvy and had to lay in sickbed; only a few, such as Johann August Miertsching and Samuel Gurney Cresswell, felt something better.

Expedition ships in winter quarters
Expedition ships in their winter quarters – sketch by Walter William May, 1855

But just three days later, two of them, accompanied by a group of idle sailors from HMS Resolute, started their next walk: 300 miles eastward through the Arctic to HMS North Star near Beechey Island. Lieutenant Cresswell, on behalf of Captain McClure, should as soon as possible bring the news of finding the Northwest Passage, as well as accompany his insane companion Wynniatt, home to England.

19th century chart of Northwest passage
19th century’s chart of the Northwest passage

Johann August Miertsching, who also had already felt strong enough for the walk, would have loved to to go with his two companions without hesitation – to return home after three gruelling winters in the Arctic; but the commanding Captain Kellett from HMS Resolute wanted to have him available: being the only Inuktitut interpreter, Miertsching would be needed in the upcoming journey of the ships to inquire the Inuit on the coasts of Baffinland and Greenland regarding the fate of the lost Franklin expedition.

Muskoxen in defense position
Musk oxen in defense position – Photo Credit: US Fish and Wildlife Service

So Miertsching instead earned some merits as a successful hunter: Since we had now so many persons weak and sick with scurvy in both ships, everything was done to provide them with fresh meat, which is the best cure for scurvy; I was asked … by Capt. Kellett to go on the hunt … In May and June we shot muskoxen, caribou, snow hares and ptarmigans… . Which also brought him some advantage: he didn‘t need to spend his time in the stale air of the overheated and wet ships; he camped in a hunting tent instead and could enjoy the clear weather which was still quite cool, but altogether pleasant with many sunny hours.

The Franklin Strait - Ice-free in Sept2012
Completely ice-free in September 2012: The Franklin Strait

It is well-known that HMS Resolute and Intrepid could not make it through the Arctic ice and were finally abandoned. But 160 years later, the situation has totally changed. In 2011 already 33 ships took their way through the Northwest Passage, and with the waterway nearly ice-free in the summer of 2012, there will be even a rowing expedition this summer to attempt the project: three Irishmen and a Canadian are planning to cross the 3,000-mile passage in one season, only with the help of their physical strength – the climate change could make it possible. The four men want to start already in early July from Inuvik in the Western Arctic to Pond Inlet (Baffin Iceland). They intend to row, working in shifts 24 hours a day and quoted 2-3 months for the tour. The expedition is sponsored by a alternative and sustainable power production company; it is intended to draw attention on the disastrous consequences of global warming.

More about the Northwest Passage, 160 years ago, will follow later. In the Kanada Lesebuch you can find a section dedicated to the discovery of the Northwest Passage.

posted by Mechtild Opel

Wo die Zukunft wegfließt: Kljutschi am Kamtschatka-Fluss (Teil I)

Am Nachmittag ging ich zur Fähre. Der Regen nahm kein Ende. Der Himmel weinte. Und das Weinen kroch in die verfallenen Häuser, in die nicht mehr existierende Forst- und Holzwirtschaft, die leeren verfallenen Kuhställe, die zerstörte Fischfabrik und eine sich auflösende Millitäreinheit. Ein Schrei in die unendlichen Leere – Menschen ohne Arbeit, die in ein autarkes Leben wie im 19. Jahrhundert zurück fallen; Glück sieht anders aus.

Auf_der_Faehre_vor_Klutschewskaya
Auf der Fähre, in Hintergrund der Vulkan Kljutschewskaja – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nur das nasse helle Gefieder der Möwen bewegt sich in den grauen feuchten Lüften. Die Leere in den nassen Strassen bleibt, läuft nicht weg, während der Kamtschatka-Fluss alle Tränen und Schmerzen aufsammelt und ihre Geschichten in den Ozean trägt, wo sie in den Tiefen verschwinden, als hätte es den Ort nie gegeben.

Kljutschewskaja
Die Morgensonne scheint auf den höchsten Vulkan Kamtschatkas, Kljutschewskaja (4780 m) – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der kleine Ort war im 18. Jahrhundert Ausgangspunkt der Ersten Kamtschatka Expedition (1725-1730). Einige Kilometer weiter, östlich vom Ort Kljutschi, wurde das Schiff St. Gabriel gebaut. Lärchenwälder umsäumen die Flusslandschaft, aber nicht direkt an den Uferzonen, die von Weiden und Pappeln umrahmt werden und den Zugang vom Land an das Flussufer erschweren. Hier fand sich reichlich Baumaterial für das Schiff.

Vegetation am Fluss_Schivelutsch
Uferwald, im Hintergrund der Schiwelutsch im Abendlicht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Vorher wurden hunderte Itelmenen zu Transportarbeiten gezwungen. Der Transport verlief von der Westküste Kamtschatkas, Bolscheretsk, über den Fluss Bolschaya in die Bystrya. Danach ging es über die Wasserscheide, über Tundrahöhen nach Werchny Kamtschatsk in den Fluss Kamtschatka. Ab Dezember bildeten die vereisten Flüsse Strassen. Hunderte Hunde zogen die Schlitten mit den schwer beladenen Kisten.

schematische Karte der Expedition
Schematische Karte der Expedition; die rote Linie zeigt den Transportweg. Getakel, Anker, Segelleinen, Navigationsgeräte, Nahrung usw. mussten im Winter über die zugefrorenen Flüsse transportiert werden.

Nach der Ankunft der Fähre „Fortuna“ am 3. September 1728 aus Bolscheretsk an der Flussmündung des Kamtschatka-Flusses schickte man die Zimmermannsleute in die Nähe des heutigen Kljutschi. Man schlug Holz, baute Unterkünfte für die Offiziere und Besatzung und begann mit dem Bau der St. Gabriel. Die Häuser von damals wurden bereits 1731 bei einem Aufstand der Itelmenen vernichtet. Erst später, um 1740/41, entstand weiter westlich der neue Ort Kljutschi.

alte_Holzfabrik_vor Kljutschewskaja
Ruine einer Holzfabrik, im Hintergrund Kljutschewskaja – Foto: © Ullrich Wannhoff

Anfang Juli 1728 war Stapellauf, und am 13. Juli segelte die Crew den Kamtschatka Fluss hinab. Der Tag war neblig. Am 14. Juli 3 Uhr morgens wurden an der Mündung die Anker gelichtet und die Segel aufgezogen. Es herrschte leichter Wind und klares Wetter, und man nahm Kurs Süd bei Ost. Der ersehnte Ozean und das noch nicht fassbare Nordamerika lag vor den neugierigen Seeleuten …
Die Crew umrundete die bergige Halbinsel an der Flussmündung, bis der Wind sie hoch in den Norden der heutigen Beringstraße trieb. Gemäß den Berichten an die Marine-Akademie war die Frage, ob Asien mit Amerika zusammenhängt, nicht eindeutig geklärt worden, als sie 1731 in Petersburg ankamen.

historisch_Panorama_Vulkane
Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert. links Kljutschewskaja (4780 m), in der Mitte Sredny Volcano (2978 m), recht der Kameny (4578 m); am unteren Bildrand das Kamtschatka-Tal mit gleichnamigen Fluss.
Panorama der hoechsten Vulkane Kamtschatkas
Ein Seitenarm des Kamtschatkaflusses mit dem Panorama der höchsten Vulkangruppe Kamtschatkas, vgl. Kupferstich oben– Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich erlebte auch seltene Tage mit Sonnenschein, wenn Kljutschi in Helligkeit getaucht wurde und der Schiwelutsch, eine alte Vulkanruine am anderen nördlichen Ufer, im kalten Schnee rot leuchtete. Sein Rauchen, das er in den letzten Jahre gezeigt hatte, blieb aber aus. Nur einen neuen grauen Kegel gibt es nun, der jetzt unterm Schnee liegt.

Schiwelutsch im Abendlicht
Die letzten Strahlen der Abensonne beleuchten den Schiwelutsch – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Abendsonne verschwindet. Das Schwarz der Nacht breitet sich aus und alle Farben werden unsichbar. Noch leuchtet der Horizont rot und über mir zieht tiefes Blau, bis der Himmel seine leuchtenden Löcher im schwarzen Himmelszelt zeigt. Fröstelnd gehe ich zurück in die Unterkunft, wo es ebenso kalt ist wie draußen. Die muffige Zimmerfeuchtigkeit füllt die Nasenlöcher. Die Heizperiode hat noch nicht begonnen. Heißer Tee und Essen erwärmen das Innere, und gleich lege ich mich in den Schlafsack und bewahre meine Träume der Zukunft.

Kueche_vulkanologische_Station
Stilleben in der Küche der vulkanologischen Station – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zurück zur Geschichte des Ortes Kljutschi. Karl von Ditmar verzeichnete zur seiner Zeit, 1851-55, im Ort eine Kirche, 50 Häuser, 165 Männer, 179 Weiber, 162 Pferde, 140 Stück Vieh. Mit letzterem sind die Kühe gemeint, die aus der Region Jakutsk stammen und mit dem Beginn der Kolonisation eingeführt wurden. Der Agronom Kegel schrieb zehn Jahre zuvor von fruchtbaren schwarzen Böden, die große Flächen mit üppigen Wiesen im Kamtschatkatal bis Ust Kamtschatsk bedecken; und es gäbe nichts besseres, als hier Viehwirtschaft einzuführen. Er klagte über den mangelnden Fleiß der Russen, die sich zu wenig der Landwirtschaft widmen und verwahrlosen. Auch Ditmar kritisierte die äußerst geringe Anzahl der Kühe und warum nicht noch zusätzlich Hühner, Schafe und Schweine eingeführt würden.

Stallgebaeude im Verfall
Verfallendes Stallgebäude – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zur Zeit des Kalten Krieges war Kljutschi ein wichtiger Militärort mit Flughafen; er gehörte zu den „gesperrten“ Städten der Sowjetunion. Offensichtlich hielt man sich an die gedruckten Aussagen von Ditmar und Kegel und betrieb hier intensive Viehwirtschaft, um Soldaten, Offiziere und Zivilangestellte mit Fleisch zu versorgen. Nur wenige Kulturpflanzen gedeihen hier, darunter Kartoffeln und Kohl. In primitiv gezimmerten Gewächshäusern, deren Holzgestelle mit Plasthäuten ummantelt sind, die durch Wind und Wetter stark strapaziert werden, wachsen Tomaten und Gurken.

Holzfabrik im Verfall
Ruine eines Fabrikgebäudes – Foto: © Ullrich Wannhoff

Das Stadtrecht wurde Kljutschi bereits vor Jahren (2004) entzogen. Der Ursprung dieses Titel geht auf die Zeiten Katharina II. zurück. Mit der Reformierung der Provinzen vergab sie das Stadtrecht an strategisch wichtige Ortschaften. Meist waren das größere Dörfer, die an wichtigen Schnittpunkten lagen. Noch 1989 hatte Kljutschi noch 11.251 Einwohner – doch 2010 waren es nur noch 5.726: Die Einwohnerzahl hat sich fast halbiert, und so auch die Zukunft, die den Leuten hier wie Sand aus den Fingern rinnt.

Fortsetzung folgt hier und eine Selbstbetrachtung mit Kunstwerken hier.

posted by Ullrich Wannhoff




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