Archiv für April 2013

Abraham und die Labrador-Inuit in Europa

Wir schreiben das Jahr 1880. Am frühen Morgen des 16.Oktober erreicht eine ungewöhnliche Reisegesellschaft den Hamburger Bahnhof von Berlin. Es ist eine Gruppe von „Eskimos“, Inuit aus Labrador. (Siehe auch Blogeintrag vom 26.6.2012). Sie reisen in Begleitung von Angestellten des Tierhändlers Carl Hagenbeck auf einer Tournee, einer sogenannten Völkerschau, durch verschiedene Städte Europas: Hamburg, Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris sind die Stationen. Die Gruppe besteht aus zwei Familien: Abraham mit seiner Frau Ulrike und den beiden Töchtern Sara und Maria sowie Tobias, ihrem Verwandten aus Hebron, einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine; und Terrianiak (andere Quellen schreiben Tigganiak), der mit Frau Paingo und Tochter Nochasak weiter nördlich von Hebron im Nachvak Fjord lebte.

Berlin Hamburger Bahnhof
Berlin, Hamburger Bahnhof, um 1850

Die Reise der Inuit ist erstaunlich gut dokumentiert, sowohl in den Veröffentlichungen der Brüdergemeine und in der Tagespresse, aber auch im Tagebuch von Adrian Jacobsen, dem Beauftragten von Hagenbeck, der die Inuit in Labrador überzeugt hatte, ihm auf einer Reise nach Europa zu folgen, und in einer Broschüre von Hagenbeck. Außerdem gibt es sogar noch die Abschrift einer Übersetzung von tagebuchartigen Notizen des Inuit Abrahams. Diese Abschrift, die seinerzeit Bestandteil verschiedener Veröffentlichungen der Brüdergemeine in deutsch und auch in französisch war, wurde erst 100 Jahre nach der Reise der Inuit durch den kanadischen Wissenschaftler J. Garth Taylor wieder aufgefunden und kurz danach ins Englische übersetzt. Leider aber gelang es bis heute nicht, originale handschriftliche Zeugnisse des schriftkundigen Abrahams, der auf der Reise auch einige Briefe geschrieben hatte, in den Archiven in Kanada, Deutschland, Frankreich, England und den USA zu finden.

Abraham und Familie
Abraham und Familie in einer zeitgenössischen Darstellung, Sammlung M+W Opel

Abraham wurde am 29.1.1845 in Hebron geboren und am 25. Februar dort durch die Missionare getauft. Seine Eltern, Paulus und Elisabeth, bekamen in den nächsten Jahren noch weitere Kinder. Über die Jugend Abrahams ist fast nichts bekannt, 1868 heiratete er eine junge Frau aus Nain, Martha, die dort mit Mutter und Bruder lebte. Da die Inuit zu dieser Zeit noch keine Nachnamen hatten, wurde zur Vermeidung von Verwechslungen bei mehreren Inuit gleichen Namens der Name der Frau hinzugefügt, so dass in den Unterlagen der Herrnhuter Missionare Abraham mit der Ergänzung „Martha“ auftaucht. 1876 muss er eine zweite Ehe eingegangen sein, denn er wurde von da an in den Dokumenten mit dem Zusatz „Ulrike“ aufgeführt.

Hebron in Labrador - Heimat Abrahams
Hebron in Labrador, die Heimat von Abrahams Familie, im Jahre 2009

In Europa angelangt, wurde Abraham wohl aufgefordert, einen dort üblichen Familiennamen anzugeben, und er wählte mit „Paulus“ den Namen seines Vaters. Ähnlich verfuhr seine Frau Ulrike, die den Familiennamen Henocq nach ihrem Vater wählte; die Nachnamen der Kinder wurden mit Paulus angegeben. Der in der Literatur häufig verwendete Name „Abraham Ulrikab“ ist wohl eine Fehldeutung der Unterschrift Abrahams, die in der Abschrift der Übersetzung durch den Missionar Kretschmer erscheint. „Abraham Ulrikab“ wäre wohl besser als „Abraham, Mann von Ulrike“ zu übersetzen – so wie Abraham auch seine Briefe an den Missionar Elsner unterschrieben hatte, gemäß dessen Übersetzung aus dem Inuktitut.

Terrianiaks Familie
Terrianiaks Familie, Illustration nach einer zeitgenössischen Fotografie

Es ist verbürgt, dass es Aufzeichnungen Abrahams über die Reise gab. Bis diese originalen Tagebuchnotizen eines Tages doch noch gefunden werden, muss man Umfang und Exaktheit der vorliegenden überlieferten Übersetzungen kritisch bewerten, denn es fehlt die Erwähnung wichtiger Ereignisse (wie die zahlreichen Fotoaufnahmen von den Inuit in Hamburg, die Vermessung der Inuit durch den Berliner Wissenschaftler Virchow sowie andere Begebenheiten, von denen Jacobsen und Elsner berichteten, die in der Übersetzung von Abrahams Text aber entweder verkürzt oder gar nicht erwähnt wurden), und zudem weichen die verschiedenen Veröffentlichungen der übersetzten Aufzeichnungen Abrahams auch voneinander ab.

Nachvak Fjord
Nachvak Fjord in Labrador – von hier kam Terrianiaks Familie

Die Reise der Inuit durch Europa endete leider tragisch – innerhalb weniger Wochen verstarben sie einer nach dem anderen an Pocken. Die Ansteckung erfolgte wohl in Prag, wo damals gerade eine Pockenepidemie herrschte. Ob durch eine Impfung gegen Pocken, die in Labrador nicht vorgenommen werden konnte und bei der Ankunft in Hamburg versäumt worden war, der Tod der Inuit tatsächlich verhindert worden wäre, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, denn Impfungen waren damals noch nicht sicher, und bis weit in das 20. Jahrhundert starben sowohl in Europa als auch in Labrador immer wieder viele Menschen an Epidemien, die durch Reisende übertragen wurden.

Friedhof in Krefeld
Friedhof in Krefeld mit dem vermuteten Ort der Gräber von 1880, heute eingeebnet

Unsere Suche nach den Gräbern der verstorbenen Inuit war bisher nicht erfolgreich, die Auswirkungen zweier Weltkriege und die lange Zeit seit dem Tod geben kaum Hoffnung, noch Orte des Gedenkens zu finden. Von den in Deutschland Verstorbenen konnte bisher nur ein Schicksal teilweise aufgeklärt werden. Der Leichnam der dreijährigen Sara, die in Krefeld starb, wurde auf Veranlassung Rudolf von Virchows exhumiert und von ihm „wissenschaftlich“ untersucht und in der Fachliteratur beschrieben.

Rudolf Virchow
Rudolf Virchow, Foto: public domain (Wikimedia)

Die Haltung des renommierten Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand ist nicht nur aus heutiger Sicht erschreckend und abstoßend, sie wiederspiegelt die Arroganz des „gebildeten“ Europäers gegenüber den Angehörigen anderer Völker:

„Zuweilen ist es möglich, ganze, frisch abgeschnittene Köpfe zu erhalten. In diesem Falle wird zugleich Haut und Haar der Leiche für spätere Untersuchung erhalten, auch ein grosser Theil physiognomischer Eigenthümlichkeiten, so namentlich die Form der Nase und des Mundes, das Auge und Ohr, bewahrt. Wo es irgend geschehen kann, da ist es daher sehr zu empfehlen, solche Gelegenheiten nicht zu versäumen.“


Zitiert nach Virchow: Anthropologie und prähistorische Forschungen: Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf Reisen, Herausgeber: Georg von Neumayer, Band II, Verlag Robert Oppenheim, Berlin 1888


Unsere Recherchen werden fortgesetzt; bei Interesse an Details können Sie gern Kontakt zu uns aufnehmen.

posted by Wolfgang Opel

Mythos Norden II – Künstler in der Arktis

Bis heute befassen sich Historiker, Enthusiasten und Fans (oft als Franklinistas bezeichnet) mit dem Schicksal von Sir John Franklin, dem Scheitern seiner Expedition und der Auseinandersetzung darüber, wem denn nun der Ruhm des Entdeckers der Nordwestpassage gebührt. Britische Traditionalisten beharren meist auf Franklin, andere benennen Francis Crozier, Dr. John Rae oder gar Roald Amundsen, der 1903-1905 die Passage erstmals vollständig mit dem Schiff befahren hatte. Die britische Admiralität hatte sich aber schon früh entschieden und Kapitän Sir Robert McClure für die Entdeckung der „Nordwestlichen Durchfahrt“ geehrt, obwohl er sein Schiff, die HMS Investigator, aufgeben musste, als es unwiederbringlich im Eis der Mercy Bay im Norden von Banks Island eingefroren war, wo es später sank.

Cresswell Entdeckung Nordwestpassage
Samuel Gurney Cresswell: Die Entdeckung der Nordwestpassage

Wem gebührte aber nun wirklich der Ruhm für die erste vollständige Durchquerung der Passage und die erste Umrundung der amerikanischen Kontinente? Es war ein junger Offizier, Leutnant Samuel Gurney Cresswell (1827-1867) von der Investigator, der bereits ein Jahr vor seinen Schiffsgenossen seinen schwer erkrankten Kameraden, Maat Robert Wynniatt, zurück nach England begleitete und am 7. Oktober 1853 London erreichte. Dort wurde Cresswell als Held und Bezwinger der Nordwestpassage gefeiert.

Cresswell Portrait
Porträt von Samuel Gurney Cresswell in „Illustrated London News“

Cresswell, der auch offizieller Künstler der HMS Investigator war, hatte während seiner Zeit in der Arktis verschiedene Aquarelle zur Dokumentation der Reise und der Entdeckungen angefertigt. Einige seiner Aquarelle wurden sogar Queen Victoria präsentiert. Nach diesen Aquarellen entstand dann eine Mappe mit acht Lithografien, die wohl bis heute die meist reproduzierten Bilder zur Entdeckungsgeschichte der Nordwestpassage sind!
Besonders ein Blatt ist geradezu eine Ikone zur Thematik „Entdeckung der Arktis“ geworden. Es zeigt, wie die HMS Investigator durch das sich übereinander schiebende Packeis in Schwindel erregende Höhe und Schieflage gehoben wurde und dadurch von vollständiger Zerstörung bedroht war.

Cresswell - HMS Investigator im Eis
Samuel Gurney Cresswell: HMS Investigator im Eis

Ähnliche Darstellungen gibt es auch von Abraham Hondius, einem Holländer, der bereits 1677, also fast 200 Jahre vor Cresswell, ein im Packeis eingeschlossenes Schiff gemalt hatte, und auch von Sir George Back, der 1838 die im Eis eingeschlossene HMS Terror gezeichnet hatte.

Hondius - Arctic Adventure
Abraham Hondius: Arctic Adventure, 1677

George Back - HMS Terror
George Back: HMS Terror

Da bis heute keinerlei detaillierten Zeugnisse von der Reise Franklins oder gar Tagebücher der Kapitäne oder Mannschaften gefunden wurden, sind nur wenige Aufenthaltsorte der Expedition sicher und verbindlich verbrieft. Der bekannteste ist Beechey Island. Hier wurden am 23.8.1850 drei Gräber und Überreste eines Winterlagers entdeckt, und so gehört dieser Ort bis heute zum Pflichtprogramm all der Arktisreisenden, also auch der Künstler, die sich auf die Spuren der verschwundenen Franklin-Expedition begeben.

Graeber auf Beechey Island
Gräber auf Beechey Island

Beechey Island
Beechey Island

Von Maurice Haycock gibt es ein Gemälde, das Beechey Island aus einer ungewohnten Perspektive zeigt und das an einem für die normalen Touristen unerreichbaren Ort entstanden ist. In dieser Ansicht befinden sich die Gräber am rechten Ende der kleinen Landbrücke hinüber zu Beechey Island. Im Hintergrund ist Cape Riley zu sehen, wo 1850 ebenfalls Hinterlassenschaften der Franklinexpedition gefunden worden waren.

Haycock - Beechey Island from Cape Spencer
Maurice Haycock: Beechey Island from Cape Spencer, 1976, 11″ x 14″, oil on wood panel, copyright K Haycock/K Pittman, www.haycock.ca

Neben den Grafiken von Cresswell gibt es auch eine Serie handkolorierter Glas-Dias, die von Frederik James Cox für die sogenannte Laterna Magica über die Franklin Expedition und die Suche nach den verschwundenen Seeleuten geschaffen wurde. Mittelpunkt waren immer auch die Schwierigkeiten beim Überleben in der Arktis und die Qualen, die die Mannschaften bei der Suche nach Franklins Schiffen erdulden mussten.

Cresswell - Schlitten ueber Hummocks
Samuel Gurney Cresswell: Schlitten über Hummocks

Glasdia - Laterna Magica
Glasdia für die Laterna Magica

Nachdem 1859 die Expedition unter Sir Francis Leopold McClintock in einem Steinmal eindeutige schriftliche Beweise für den Tod Franklins entdeckt und weitere Hinweise über das vermutliche Scheitern der gesamten Expedition gefunden hatte, richteten viele nachfolgende Expeditionen ihren Schwerpunkt auf die Erforschung der Nordpolregion.
Da genaue Informationen über den Tod Franklins und seiner Leute fehlten, versuchten sich viele Journalisten, Schriftsteller und auch bildende Künstler an Interpretationen des Ablaufes der Ereignisse.
Einer der bekanntesten US-amerikanischen Maler seiner Zeit war Frederic Edwin Church (1826-1900) aus Neu-England. Angeregt durch Alexander von Humboldt begann er zu reisen und fertigte später im Atelier Portraits beeindruckender und bisher so nicht gezeigter Landschaften, zunächst aus Nord- und Südamerika, später auch aus Europa und dem Orient. Die Berichterstattung über die Nordwestpassage und Erzählungen von Walfängern aus seiner Heimat über die Meere des Nordens und besonders die Eislandschaften führten ihn 1859 zu einer Reise in den Nordatlantik zwischen Labrador und Grönland, um Eisberge zu zeichnen. Im Ergebnis dieser Reise entstand 1861 das monumentale Gemälde „Die Eisberge“, das zunächst keine besondere Aufmerksamkeit fand und erst später, 1863, in England verkauft wurde. Das Bild wurde von der Öffentlichkeit schnell vergessen, erst über 100 Jahre später wurde es in einer Internatsschule für Jungen wiederentdeckt und 1979 durch Sotheby’s für 2,5 Millionen US-Dollar verkauft – damals der höchste jemals erzielte Preis für ein amerikanisches Gemälde.

Church - The Icebergs
Frederic Church: Die Eisberge

Der Arktisreisende Julius von Payer, einer der Entdecker von Franz-Josef-Land, betätigte sich nach seiner Zeit als Forschungsreisender als Maler, wo er seine eigenen Erlebnisse auf drei Reisen in die Arktis, aber auch das Geschehen um die verschwundene Franklin-Expedition verarbeitete. Das Gemälde „Starvation Cove“ zeigt einen Eisbär, der im Begriff ist, sich auf eine Gruppe von sterbenden oder bereits toten Seeleuten in einem Bootswrack zu stürzen. Nur am Bug steht ein Mann mit einem Gewehr aufrecht und bereit, sich gegen den hungrigen Bären zu verteidigen.

Payer - Starvation Cove
Julius von Payer: Starvation Cove, 1896

Mehr über die Suche nach der Nordwestpassage findet man auch im Kanada-Lesebuch.

Fortsetzung folgt.

posted by Wolfgang Opel

Mythos Norden I – Künstler in der Arktis

Genau vor 500 Jahren studierte ein junger Mann an der Rostocker Universität, dessen später in nur neun Exemplaren gedruckte Carta Marina (1539) mit der Darstellung Nordeuropas, einschließlich Islands und eines Teils von Südgrönland, und der Schrift Beschreibung der Völker des Nordens (1555) bis heute die Gemüter erregen. Erstaunliche korrekte Details in Karte und Schrift werden durch Fantasielandschaften, Fabelwesen und kaum nachprüfbare Geschichten ergänzt, so dass Olaus Magnus von manchen gestrengen Autoren auch als Lügner und Spinner diskreditiert wurde, nicht beachtend, dass Karte und Buch bereits vor fast 500 Jahren entstanden sind. Unter anderem findet man hier eine frühe Darstellung des mit Eis bedeckten Polarmeeres nebst zweier Eisbären, diese zwar nicht nordwestlich, sondern südöstlich von Island angeordnet. Allerdings wird Island bis heute immer mal wieder von Eisbären besucht; so ganz falsch lag Magnus also doch nicht.

Olaus Magnus - Carta Marina
Ausschnitt aus der Carta Marina von Olaus Magnus, 1539

Die ersten bildlichen Darstellungen der Arktis und seiner Bewohner stammten also nicht von Künstlern im heutigen Verständnis, sondern von Geografen, Seeleuten oder von Holzschneidern und Kupferstechern, die ihre Illustrationen der Erlebnisse der Reisenden nach dem Hörensagen geschaffen hatten.
Der Brite Martin Frobisher versuchte auf drei Arktisreisen zwischen 1560 und 1578, eine nordwestliche Durchfahrt zu den Schätzen Chinas und Indiens zu finden. In der Beschreibung seiner dritten Reise finden sich unter anderen Bildern auch eine frühe Darstellung von Inuit von Baffin Island, vermutlich nach einer Zeichnung von John White, dem ersten Künstler überhaupt, der Indianer und Inuit zeichnete.

Frobisher - Eskimo von Baffin Island
Inuit von Baffin Island, nach Frobishers Reise von 1578

In den folgenden Jahrzehnten gelangten mit den Schiffen von Walfängern und Forschungsreisenden immer auch einige Inuit, auch aus Labrador, mehr oder weniger freiwillig nach Europa. Als unbekannte Wesen aus dem Norden und als Kuriosa wurden sie in Herrscherhäusern, aber auch auf Jahrmärkten präsentiert. Manche von ihnen wurden zu temporären Berühmtheiten, gewöhnten sich schnell an die üblichen Regeln und Sitten, lernten Sprachen und kleideten sich gemäß der angesagten Mode. Adlige und Wissenschaftler bestellten bei bekannten Künstlern Portraits von ihnen, die noch heute in den Museen und Sammlungen zu sehen sind.

Mikak
Mikak – aus Labrador – mit ihrem Sohn – Gemälde von John Russell, 1769

Schadow - Eskimopaar
„Eskimopaar“ aus Labrador – Zeichnung von Johann Gottfried Schadow, 1821

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Suche nach einer Nordwestpassage nach China verstärkt. Die nur bedingt erfolgreichen Expeditionen von John Ross, William Edward Parry und John Franklin zwischen 1818 und 1827 und das erfahrene Leid der Teilnehmer regten die Fantasien der Künstler an. Die Expeditionsberichte wurde in für jene Zeit großen Auflagen verbreitet. Der deutsche Maler Caspar David Friedrich muss wohl solche Berichte gekannt haben. 1824 vollendete er sein Gemälde Das Eismeer, das heute in der Kunsthalle Hamburg zu sehen ist und ein im Packeis zerstörtes und untergehendes Segelschiff zeigt. Im Gegensatz zu anderen seiner Bilder fand das „Eismeer“ nicht das Interesse seiner Landsleute. Das Thema entsprach wohl nicht der Erwartungshaltung des Publikums. Friedrich äußerte sich zu seinem Schaffen: „Der Mahler soll nicht bloß mahlen was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich so unterlasse er auch zu mahlen was er vor sich sieht.“ In die Arktis musste Friedrich für sein Bild nicht reisen, denn Studien von Eis und den winterlichen Lichtstimmungen konnte man auch an Elbe und Ostsee machen.

Friedrich - Eismeer
Das Eismeer – Gemälde von Caspar David Friedrich, 1824

Anders als bei Friedrichs Zeitgenossen erregen arktische Szenen heute, wohl auch infolge des Klimawandels, das Interesse der Öffentlichkeit: In Oslo treibt seit 2010 eine 12 Meter hohe Skulptur von Monica Bonvicini in der Bucht gegenüber der neuen Oper, die ein direktes Zitat des Bildes von Caspar David Friedrich ist.

Bonvicini - sie liegt
„Sie liegt“ – Skulptur von Monica Bonvicini, 2010

Im Jahre 1845 begab sich Sir John Franklin mit den Schiffen HMS Erebus und HMS Terror auf die vermeintlich abschließende Expedition zur Entdeckung einer befahrbaren nordwestlichen Durchfahrt nach China. Beide Schiffe verschwanden jedoch im arktischen Archipel und Sir John Franklin und 129 Mann Besatzung wurden nie wieder lebendig gesehen. Die britische Admiralität vertraute zunächst auf die Erfahrungen des erprobten Arktisreisenden Franklin und machte sich zunächst keine Sorgen um den Verbleib der Expedition. Als man aber auch drei Jahre später noch nichts wieder von der Expedition gehört hatte, wurde man nervös und sandte die ersten Schiffe zur Suche nach Franklin aus: HMS Enterprise und HMS Investigator unter Sir James Clark Ross. Die Suche war ein Fehlschlag, man überwinterte in Port Leopold, einer geschützten Bucht von Somerset Island und kehrte erfolglos nach England zurück. Noch heute kündet ein rostiger zurückgelassener Boiler und ein kleiner Felsen mit der Inschrift „E. I. 1849“ von dieser Überwinterung.

Haycock - Boiler
Ross’s Old Boiler at Whalers Point, Port Leopold, Somerset Island – Gemälde von Maurice Haycock, 1972, 11″ x 14″, Öl auf Holz
Copyright K. Haycock/K. Pittman, www.haycock.ca


Carved rock - Port Leopold
Carved Rock, Port Leopold – Copyright Jarlath Cunnane

Maurice Haycock studierte Geologie und verbrachte nach dem Studium mehrere Monate in der Arktis. Dort traf er den Maler A. Y. Jackson, Mitglied der Group of Seven*, einer Vereinigung bedeutender kanadischer Maler des frühen 20. Jahrhunderts, den er in den nächsten Jahrzehnten auf dessen Reisen zum Malen begleitete. Von Jackson gibt es neben seinen Gemälden der arktischen Landschaften unter vielen anderen Skizzen auch eine Zeichnung des Felsens zur Erinnerung an den Aufenthalt von James Ross’s Schiffen in Port Leopold im Winter 1848/1849.
Haycock ist heute wohl der einzige kanadische Künstler, der alle bedeutenden und bekannten Orte in der kanadischen Arktis bereist und dort auch gemalt hat. 1968 errichtete er im Alexandra Fjord auf Ellesmere Island ein Steinmal mit einer Plakette zur Erinnerung an A. Y. Jackson, der 1927 hier in der Nähe auf der gegenüberliegenden Bache Halbinsel, nur wenige hundert Kilometer vom Nordpol entfernt, gemalt hatte.

YW Jackson monument
Steinmal zum Gedenken an A.Y.Jackson, Alexandra Fjord, Ellesmere Island

* Mehr über die Künstlergruppe Group of Seven kann man auch in dem gerade im Mana-Verlag erschienenen „Kanada-Lesebuch“ nachlesen.

Fortsetzung folgt.

posted by Wolfgang Opel




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