Archiv für Januar 2013

Das Blut der Erde leuchtet in die Nacht

Unerwarteter Vulkanausbruch auf Kamschatka am 27.11.2012

Vulkan in der Dämmerung_Okrugin
Vulkan in der Dämmerung – Foto: Viktor Okrugin

Einige Monate vor dem Spaltenausbruch am Ploski Tolbatschik („flacher Tolbatschik“) verbrachten wir im September mit einer kleinen Reisegruppe aus Schweizern und Deutschen drei interessante Tage zwischen den schwarzen und roten Aschekegeln, die sich bis zum Horizont hinziehen.

roter Schlackekegel im Hintergrund der Bolshaya Udina
Im Hintergrund: Bolshoya Udina – Foto: Ullrich Wannhoff

Ein Teil der Gruppe hatte „Holzklasse“ gebucht; die etwas härter Gesottenen zelteten direkt auf dem körnigen Ascheboden, der mit seinen vielen Hohlkörpern wie eine Isomatte wirkt. „Holzklasse“ bedeutete, dass Einheimische in den letzten Jahren hier kleine Holzhäuser gebaut hatten, als Unterkünfte mit der Möglichkeit, an langen Tischen gemeinsam Essen einzunehmen. Ein großer Vorteil gegenüber der Situation, wenn Küchenzelte aufgebaut werden müssen, die durch Wind und Sturm gebeutelt werden und oft die Zerreißprobe nicht bestehen.

neu gebaute Holzhütten am Tolbatschik
Holzhütten am Tobaltschik vor dem Ausbruch – Foto: Ullrich Wannhoff

Dieses Fleckchen Erde nannten die Russen „Leningradstation“, denn Wissenschaftler aus Leningrad hatten hier einst ihr Mondmobil „Lunochod“ getestet. 1991 hatten wir das große Glück, dieses Fahrzeug noch zu sehen – voller Stolz wurde es uns vorgeführt. Mit der Abschaffung des Sozialismus und der Wandlung in ein neues, altes Russland war das erledigt. Fehlende Gelder ließen sowohl dieses Objekt als auch das ganze Mondprojekt sterben, aber die Holzhütten blieben erhalten – bis zum November 2012.
Nach dem Ausbruch des Vulkans am 27. November flog eine Unmenge Asche und eine Art glühender Regen auf die Häuser. Sie gehörten zum ersten, was der Lavastrom verschlang, wie auch die unterirdischen Zieselbaue, deren Bewohner mitten im Winterschlaf für immer in der Hitze verschmorten, genau wie all die Insekten, die dort überwinterten. Zweibeinige Einwohner kamen nicht zu Schaden, weil die nächste Siedlung Kosyrewsk etwa 30 Kilometer entfernt liegt – sie konnten das beeindruckende Spektakel von dort aus beobachteten.

Wolken und Tolbatschik
Wolken am Tobaltschik – Foto: Ullrich Wannhoff

Im Sommer war uns der Aufstieg zum Ploski Tolbatschik verwehrt geblieben. Regen, der in Schnee überging, machte den Abbruch des Vorhabens nötig. Das war ungefähr an der Stelle, wo jetzt glühende Lava bis zwanzig Kilometer lang zähflüssig und brüllend in die Schneelandschaft fließt und Wasserdampf, mit Asche vermischt, in den Himmel steigt.
Wir hatten am nächsten Tag die Dykes am Ostrij Tolbatschik („Spitzer Tolbatschik“) besucht. Das sind Lavaschlote, die einst schnell nach oben stießen und dann zu einer in den Himmel ragende Säule erstarrten. Über tausende Jahre haben Regen, Schnee und Wind den Basalt geschliffen. Nicht weit davon, taleinwärts an einem reißenden Bach, liegt eine alte Beobachtungshütte, die während des Vulkan-Ausbruches 1975/1976 erbaut wurde. Von dort aus konnte man aus sicherer Position den Ausbruch des nördlichen und südlichen Konus vom Tolbatschik beobachten. Nun wird auch diese Hütte mit ihrer Geschichte von Asche bedeckt, und erst im nächsten Sommer zeigt sich, ob sie wieder genutzt werden kann.

schneebedeckter Tolbatschik
Der schneebedeckte Tobaltschik – Foto: Ullrich Wannhoff

Mit denjenigen, die noch nicht genug vom Tage hatten, wanderten wir damals am Abend nach oben zu einem großen roten Aschekegel, der in der untergehenden Sonne glühte. Eisige Stürme kamen uns entgegen, aber die Aussicht – die war „bilderreif“!!! In Richtung Süden sahen wir den Kizimen, und unsere Herzen schlugen höher. Ich sagte: „Schaut mal – der raucht“, denn am blauen Horizont sah man den Ascherauch aufsteigen.
Wir kamen nicht aus dem Staunen heraus. „Jetzt fehlt bloß noch der Tolbatschik-Ausbruch“ lästerte ich sorglos dahin. Um so erstaunter war ich, als Ende November E-Mails aus Petropavlovsk erhielt. Mein Freund Viktor Okrugin übersandte mir gleich aktuelle Fotos, die er vom Hubschrauber aufgenommen hat und ich hier veröffentlichen darf. Viele Freunde in Deutschland riefen mich an: „Ulli, Vulkanausbruch, warum sind wir nicht dort?“ Tja…

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Ausbruch des Tobaltschik – Foto: Viktor Okrugin

Derzeit rauchen auf Kamschatka vier Vulkane, die sich alle in einer Bruchlinie befinden. Die schwere pazifische Ozeanplatte südlich der Aleuteninselkette rutscht unter die Eurasische Festlandsplatte, und die ozeanische Platte des Beringmeeres oberhalb der Aleuten ist auch in Bewegung, so dass verschiedene Drücke und Kräfte auf die Vulkane im zentralen Teil Kamtschatka einwirken.

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Feuer aus dem Tobaltschik – Foto: Viktor Okrugin

Das betrifft die große Vulkanruine Schivelutsch (3307m), die auf der anderen Seite, nördlich des Kamtschatkaflusses liegt, und den „kleinen“ Besimjany (2869m) am südlichen Fuße des Kameny (4579m) und Klutschewskaya (4688m), der nördlich des Tolbatschiks seine Rauchfahne zeigt. Dazu kommen der Spaltenausbruch des Ploski Tolbatschiks (3062m), der jetzt am aktivsten ist, und der Kizimen (2375m), dessen leichte Ascherauchfahne hochsteigt – im Satellitenbild gut erkennbar.
Auf dieser Linie liegen noch mehrere aktive Vulkane, und man ist vor Überraschung nicht gefeit…

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Tobaltschik: Feuer, Dampf, Schnee und Eis – Foto: Viktor Okrugin

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Tobaltschik in Aktion – Foto: Viktor Okrugin

posted by: Ullrich Wannhoff

Kenojuak Ashevak – an obituary

(Es gibt eine deutsche Version des Textes. )
An extraordinary woman, an Inuk from the Canadian Arctic, has passed away. On January 8, 2013. Kenojuak Ashevak died at the age of 85 after a long and successful life as a wife, mother of 14 children and artist in Cape Dorset on Baffin Island, Nunavut. She was one of the most significant representatives of Canadian art.

Portrait of Kenojuak by Hans Ludwig Blohm
Portrait of Kenojuak – photo by Hans L. Blohm

Born in an Inuit camp in 1927, her family lived in different camps along the Hudson Strait in the traditional way of the Inuit until the 1960s. During Kenojuaks three-year long stay for the treatment of tuberculosis in Québeq City from 1952 to 1955, her three children at home died. Due to the treatment of her disease, there was no opportunity for her to travel home and support her husband Johnniebo, being alone in this difficult time. It was in the hospital that she was for the first time encouraged to do arts and crafts work. After finally returning to Baffin Island, she was one of the first women to contribute to James Houston’s activities in Cape Dorset for the manufacturing and marketing of graphics and sculptures, thus contributing to the livelihood of their family.

View on Cape Dorset
Cape Dorset, Street Scenery, 2010

Soon, Kenojuaks extraordinary talent for drawing was discovered and her works were included in the annual graphic editions of Cape Dorset. She took her subjects from the surrounding nature. In many of her graphics, she combined motifs such as birds and fish in imaginative forms of unusual color. In over 50 years of artistic work, Kenojuak has created thousands of drawings and graphics, but also sculptures. All these, to this day, have been highly sought after by collectors and museums. Sometimes she created graphics in very large formats.

Printing Process
Printing in the workshop in Cape Dorset

Widely published was the famous graphic „Nunavut Qajanartuk” (our beautiful country) created by Kenojuak on the occasion of the founding agreement of Nunavut, the Territory governed by the Inuit themselves. This circular graphic had to be printed in two parts by using two Litho stones, due to its extraordinary size. The two prints show the Arctic nature and the life of the Inuit in the course of the seasons. In the middle, the sky over the Arctic is arranged with Sun, Half Moon and a part of the sky with stars, which surely symbolizes the unobstructed view of 360° in the North.

Ceremony founding Nunavut - revealing the print
1993: revealing ot the largest stone print ever – with Kenojuak and Brian Mulroney – photo by Hans L. Blohm

To hold the exclusivity of the special occasion, the image was printed in an edition of only three prints and then the litho stones were destroyed. The internationally renowned photographer Hans-Ludwig Blohm has photographed these graphics and, in his book „The Voice of the Natives“, published in 2001, he has documented the unveiling of the graphic by Kenojuak Ashevak (together with the then Prime Minister Mulroney), on occasion of this event, that was so important for the Canadian Inuit. More editions of the book appeared in German („Die Stimme der Ureinwohner“, vdL:Verlag in Wesel, 2004) and in Inuktitut (Nunaqaqqaaqsimajunut nipigijaujuq Kanatami ukiuqtaqtuani Alaska-milu, published in Ottawa by Foto Blohm Associates, 2004.)

Poster of Nunavut Tunngavik- photos by Blohm
Inuktitut Poster of Nunavut Tunngavik, composed with photographs by Hans L. Blohm – photo by Hans L. Blohm

Designs by Kenojuaks are adorning coins, stamps, calendars and even a stained glass window in a church in Oakville near Toronto. The artist was a member of the Royal Canadian Academy of Arts since 1974. She was an honorary doctor of the University of Toronto as well as of Queens University Kingston. In 1982, she was appointed as a Companion to the Order of Canada, and she received the National Aboriginal Achievement Award, the most important award for indigenous artists, in 1995.

Book cover Kenojuak by Ansgar Walk
Book Cover: „Kenojuak“ by Ansgar Walk

The works of Kenojuak Ashevaks work are extremely successful in galleries and at auctions; they are in the stock of many renowned museums and galleries not only in Canada but also in the United States, in Europe and Asia. In Germany, she got well-known particularly due to the book „Kenojuak“ by Ansgar Walk, as well as by exhibitions in museums and galleries. In 2004, a exhibition of several months on Burg Vischering (Lüdinghausen, Germany) was dedicated to the art of Kenojuak Ashevak. She personally took part in the opening and, on this occasion, also attended some more events and meetings in Hamburg, Berlin and Potsdam. Further exhibitions led Kenojuak to the United States, Japan and Korea.

Tattoo of Kenojuak motif
Tattoo based on a design by Kenojuak

posted by Wolfgang Opel

Kenojuak Ashevak

(There is also an English version of this text)
Am 8. Januar 2013 hat sich das Leben einer außergewöhnlichen Frau, einer Inuk aus der kanadischen Arktis, vollendet. Kenojuak Ashevak verstarb 85jährig nach einem langen und überaus erfolgreichen Leben als Frau, Mutter von 14 Kindern und Künstlerin in Cape Dorset auf Baffin Island, Nunavut. Sie war eine der bedeutendsten Vertreterinnen kanadischer Kunst.

Kenojuak in her home
Kenojuak Ashevak in ihrem Haus – Foto: Joan Handel, 2010

1927 in einem Inuit-Camp geboren, lebte sie bis in die 1960er Jahre mit ihrer Familie in der traditionellen Weise der Inuit in verschiedenen Camps an der Hudson Strait. Während Kenojuaks dreijährigem Aufenthalt von 1952 bis 1955 zur Behandlung von Tuberkulose in Quebeq City starben zuhause ihre drei Kinder. Infolge ihrer Krankheit war es ihr nicht möglich gewesen, zu ihrem Mann Johnniebo zu fahren, um diese schwierige Zeit gemeinsam zu überstehen.
Im Krankenhaus wurde sie zu ersten kunstgewerblichen Arbeiten angeregt. Als sie nach Baffin Island zurückgekehrt war, beteiligte sie sich als eine der ersten Frauen an den Aktivitäten von James Houston in Cape Dorset zur Herstellung und Vermarktung von Grafiken und Skulpturen, um damit zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen.

Cape Dorset and Kinngait Hill
Cape Dorset vor dem Kinngait Hill

Bald wurde Kenojuaks ungewöhnliches Zeichentalent entdeckt und daraufhin ihre Arbeiten in die jährlich erscheinenden Grafik-Editionen von Cape Dorset einbezogen. Ihre Motive fand sie in der sie umgebenden Natur. In vielen ihrer Grafiken kombinierte sie Motive wie Vögel und Fische in ungewöhnlichen Farben zu fantasievollen Formen. Kenojuak hat in ihrem über 50jährigen Schaffen viele tausende Zeichnungen und Grafiken, aber auch Skulpturen geschaffen, die von Sammlern und Museen bis heute sehr begehrt sind. Sie fertigte gelegentlich auch sehr großformatige Grafiken an.

Printing in Cape Dorset
Druck einer Grafik von Kenojuak in der Werkstatt in Cape Dorset

Vielfach publiziert wurde die anlässlich der Gründungsvereinbarung des von den Inuit selbstzuverwaltenden Territoriums Nunavut am 25. Mai 1993 von Kenojuak geschaffene Grafik „Nunavut Qajanartuk (Our Beautiful Land)“. Diese kreisrunde Grafik musste wegen ihrer Größe in zwei Teilen, das heißt unter Verwendung von zwei Lithosteinen, gedruckt werden. Die beiden Drucke zeigen die arktische Natur und das Leben der Inuit im Verlauf der Jahreszeiten. In der Mitte ist der Himmel über der Arktis mit Sonne, einem Halbmond und einem Teil des Sternenhimmels angeordnet, was sicher den unverstellten 360°-Blick im Norden symbolisieren soll.


Nunavut-Kenojuak_Hans_Blohm

Grafik von Kenojuak auf dem Titel einer Broschüre von Nunavut Tunngavik Inc. (courtesy of Hans L. Blohm)

Um die Exklusivität des besonderen Anlasses festzuhalten, wurde diese Grafik in einer Auflage von nur drei Abzügen gedruckt und die Druckvorlagen anschließend vernichtet. Der international bekannte Fotograf Hans-Ludwig Blohm fotografierte diese drei Grafiken und dokumentierte die Enthüllung der Grafik durch Kenojuak Ashevak zusammen mit dem damaligen kanadischen Ministerpräsidenten Mulroney anlässlich dieser für die kanadischen Inuit so bedeutenden Veranstaltung. Zu sehen ist dieser wichtige historische Moment auf den S. 118-119 in seinem Buch „The Voice of the Natives – The Canadian North and Alaska“, das in Deutsch unter dem Titel „Die Stimme der Ureinwohner“ im vdL:Verlag in Wesel erschienen ist. Eine weitere Ausgaben des Buches erschien in Inuktitut, der Sprache der Inuit.


Buch Stimme der Ureinwohner

Buch „Die Stimme der Ureinwohner“ von Hans-Ludwig Blohm

Kenojuaks Entwürfe zieren Münzen, Briefmarken, Kalender und sogar ein Glasfenster in einer Kirche in Oakville bei Toronto. Die Künstlerin war seit 1974 Mitglied der Royal Canadian Academy of Arts. Sie wurde Ehrendoktorin der Universitäten in Toronto und Kingston: 1982 wurde sie zum Companion to the Order of Canada ernannt und erhielt 1995 den National Aboriginal Achievement Award, die für indigene Künstler wohl wichtigste Auszeichnung.
Kenojuak Ashevaks Arbeiten sind in Galerien und auf Auktionen überaus erfolgreich und gehören zum Bestand vieler namhaften Museen und Galerien nicht nur in Kanada sondern auch in den USA, in Europa und Asien. In Deutschland wurde sie besonders durch das Buch „Kenojuak“ von Ansgar Walk, aber auch durch Ausstellungen in Museen und Galerien bekannt. 2004 wurde dem Werk von Kenojuak Ashevak eine mehrmonatige Ausstellung auf Burg Vischering (Lüdinghausen) gewidmet. Sie nahm persönlich an der Eröffnung teil und besuchte bei dieser Gelegenheit andere Veranstaltungen und Tagungen in Hamburg, Berlin und Potsdam. Weitere Ausstellungen führten Kenojuak auch in die USA, nach Japan und Korea.

Oakville Window_Ansgar Walk

Kirchenfenster in Oakville – Foto: Ansgar Walk

Bei einem Besuch in der Druckwerkstatt in Cape Dorset im Sommer 2010 konnten wir beim Drucken einer Grafik von Kenojuak zusehen. Leider war sie selbst an diesem Tag nicht in der Werkstatt zum Zeichnen, so dass wir sie nicht persönlich kennenlernen konnten. Wir trafen dort aber eine ihrer Enkelinnen, Susie Ashevak, die ihrer Großmutter wohl auf die ungewöhnlichste Weise gedenken wird: sie hatte sich vor einigen Jahren ein Tattoo nach einer Grafik von Kenojuak Ashevak auf den Oberarm stechen lassen.

Tattoo of Kenojuak motif
Tattoo nach einem Motiv von Kenojuak

posted by Wolfgang Opel
Siehe auch den Artikel über Inuit Art im Heft 2/2011 der Zeitschrift 360° Kanada




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