Amundsens Maud – bald wieder unterwegs

Seit dem 30. November ist die Sonne über Cambridge Bay, der abgelegenen Inuit-Siedlung im Westen des arktischen Archipel Kanadas, verschwunden, und erst am 26. Januar 2013 wird sie – zunächst für eine knappe halbe Stunde – wieder über der Bucht erscheinen, wenn dann der Himmel nicht gerade bewölkt ist. Hier, in der Bucht vor Cambridge Bay, liegt das Wrack der Maud, ein Dreimastschiff, das 1916-18 gemäß den Anforderungen von Roald Amundsen im norwegischen Asker gebaut worden war.

Maud ca. 1930
Die „Maud“ auf Grund gelaufen – ca. 1930

Amundsen war bereits 1903-1906 mit der Gjoa eine erstmals vollständige Befahrung der Nordwestpassage geglückt, und mit dem schon durch Nansens Expeditionen bekannten Schiff Fram war er dann in die Antarktis gefahren, wo er mit seinen Mitstreitern am 14. Dezember 1911 als erster den Südpol erreichte. Nun suchte Amundsen nach neuen Herausforderungen, nachdem sowohl Cook als auch Peary bereits 1909 die „Entdeckung“ des Nordpols für sich beansprucht hatten. Auch die Nordostpassage war schon 1878 erstmalig unter Führung von Adolf Erik Nordenskiöld bezwungen worden. Bei einem Versuch, den Nordpol von Sibirien aus zu erreichen, war George W. DeLong 1881 gescheitert; sein Schiff Jeannette wurde nördlich des Lena-Deltas vom Eis zerstört. Ziel für Amundsens Ehrgeiz wurde nun die erfolgreiche Vollendung der Expedition Fridtjof Nansens, der 1895 seinen Versuch aufgeben musste, den Nordpol mit der im Eis driftenden Fram zu erreichen.

Denkmal von Amundsen vor der Gjoa
Denkmal für Amundsen vor der „Gjoa“

Im Juni 1918 verließ Amundsen mit der Maud Tromsoe im Norden Norwegens. Das Packeis verhinderte den direkten Weg zum Nordpol, so dass er sich entschloss, an der russischen Polarküste zu überwintern. Aber auch im folgenden Jahr führte kein Weg in den Norden, und die Maud musste einen weiteren Winter im Eis verbringen. Diese zweite Überwinterung und das Zusammentreffen und -leben der Crew der Maud mit den Bewohnern eines kleinen sibirischen Dorfes sind Gegenstand des Romans Die Suche nach der letzten Zahl des nach 1990 auch im Westen bekanntgewordenen Schriftstellers Juri Sergejewitsch Rytchëu.

Der Schriftsteller Juri Rytcheu
Der Autor Juri Rytcheu – Foto: Unions Verlag

Der 1930 in Uelen auf Tschukotka am östlichsten Ende der Sowjetunion geborene Rytchëu ist der bekannteste Schriftsteller der indigenen Völker im Nordosten Russlands. In seinen Romanen und Erzählungen kann man viel über das Alltagsleben in der Arktis und über die Mythen der Tschuktschen erfahren. Thema ist auch der Zusammenprall von Lebensformen und Kultur dieses Volkes mit der Lebensweise der Fremden: der immer weiter in den Norden drängenden Russen wie auch der amerikanischen und kanadischen Händler, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch fast unbegrenzten Zugang in die russischen Polargebiete hatten.

An der Küste von Tschukotka
An der Küste von Tschukotka

Als auch ein letzter Versuch Amundsens fehlschlug, mit der Maud und sogar mit dem Flugzeug den Nordpol zu erreichen, verkaufte er das Schiff schließlich an die Hudson’s Bay Company. Umgetauft auf Baymaud diente es zuletzt dem Handel mit den Inuit in Cambridge Bay, bis es dort 1930 auf Grund lief. Weder die Gemeinde von Cambridge Bay noch die kanadische Regierung oder die Hudson’s Bay Company selbst waren willens, das Wrack zu heben und zu sanieren. Nur einige wenige Touristen interessierten sich hin und wieder für das Schiff.
Im September 2012 konnten wir uns von den in der arktischen See erstaunlich gut erhaltenen Überresten der Maud überzeugen, als wir das Wrack mehrfach mit dem Zodiac umkreisten. Das Holz der Decksplanken machte einen festen und stabilen Eindruck. Wie mögen die Reste von Franklins Schiffen Erebus und Terror aussehen, die nur 250 Kilometer von hier entfernt irgendwo im Meer ruhen? Sind sie genauso gut erhalten wie das Wrack der Investigator in der Mercy Bay von Banks Island?

Wrack der Maud in Cambridge Bay 2012
Das Wrack der Maud in Cambridge Bay 2012

2012 gelang es einigen norwegischen Enthusiasten endlich, die Einwohner von Cambridge Bay und die kanadischen Offiziellen zu überzeugen, das Wrack für einen Transport nach Norwegen im Jahr 2013 freizugeben, um die Maud dort nach einer Rekonstruktion in einem Museum ausstellen zu können. Die Norweger hatten besonders die unter Wasser liegenden Teile des Schiffes sorgfältig untersucht und sich von der Solidität überzeugt. Zuhause in Norwegen wird die Maud wohl endlich das Interesse erfahren, das sie mit ihrer Geschichte verdient hat. Sie wird dann einmal die Arktis vollständig umrundet haben, was man nicht von vielen Schiffen aus Holz sagen kann. Vielleicht bekommt sie auch einmal Besuch aus den Weiten Nordrusslands und von den Lesern Juri Rytchëus, für die Cambridge Bay zu abgelegen und nicht erreichbar war.

posted by Wolfgang Opel

Update Juni 2015 – Eistaucher auf Schatzsuche

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