Zuflucht in Whalers Point, Port Leopold

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Suchmaschinen finden unter „Whaler Point“ u.a „Luxury Condominium with Spectacular Panoramic Ocean Views on the Cliffs“. Den spektakulären Blick auf Ozean und Klippen gibt es in Port Leopold tatsächlich – aber Immobilienagenten haben hier nichts verloren.
Die Bucht im Nordosten von Somerset Island ist an einem Kreuzweg von vier arktischen Wasserstraßen – Lancaster Sound, Barrow’s Strait, Wellington Channel, und Prince Regent’s Inlet – gelegen und von Tafelbergen umgeben; vor den Steilwänden liegen Geröllhalden, die sich im Herbst bereits mit Puderzuckerschnee bedeckt präsentieren.

Strandterrassen Port Leopold
Strandterrassen – Port Leopold

Davor erstrecken sich Strandterrassen in mehreren Stufen, die vor allem aus schieferartigen Kieselsteinen bestehen: scharfkantig und spröde, eine scheinbar farblose Masse, die erst bei näherer Betrachtung ihre Nuancen zeigt: lehmfarben? graublau? gelblich? rötlich? bräunlich? Von allem etwas, dazwischen auch Flechten in Grau und kräftigem Orangerot, und jetzt im Herbst hin und wieder das Graugrün der wenigen Gräser und die bereits braun verfärbten Blätter und Samenstände von Silberwurz oder Steinbrech. In den Mulden, vom Wind angeweht, liegt auch noch der Schnee der letzten Nacht. Ein unwirtlicher, abgeschiedener, öder Ort, der nicht sehr anziehend wirkt.

Ruins Thule culture
Ruinen aus der Thule-Kultur

Und doch gab es an diesem Ort zeitweilig Bewohner.
Die ersten lebten hier bereits vor rund Tausend Jahren. Auf den Strandterrassen sind die Steinfundamente von Behausungen zu finden, die sich der Thule-Kultur zuordnen lassen. Diese Vorfahren der heutigen Inuit jagten hier Robben, Walrosse und vor allem Wale, deren zahlreiche Knochen noch immer nahe der Fundstätten verstreut liegen. Die Anzahl der Ruinen weist darauf hin, dass es ein guter Platz mit reichem Nahrungsangebot gewesen sein muss.

HBC post at Port Leopold
Ruine des HBC-Postens Port Leopold

Von anderen zeitweiligen Besuchern – im 20. Jahrhundert – zeugt ein verfallendes Holzhaus am Ende der Bucht. Die Hudson’s Bay Company ließ hier 1926 einen Handelsposten errichten, der aber nur für wenige Jahre in Betrieb war (mehr zu den Aktivitäten dieser Gesellschaft in der hohen Arktis folgt zu einem späteren Zeitpunkt auf diesem Blog).

Im 19. Jahrhundert erhielt die Bucht den Namen Whaler Point. Damals kamen in der Sommersaison hunderte Walfangschiffe aus Europa und Neuengland in die Arktis, und pro Jahr wurden Tausende von Walen erlegt – ein lukratives, wenn auch gefährliches „Handwerk“. Das hinreichend tiefe Wasser der geschützten Bucht bot den Walfängern ein Refugium – und dazu noch einen Briefkasten, in dem man Nachrichten hinterlassen konnte.
Dieser „Briefkasten“ bestand aus einem eisernen Boiler, Teil der Dampfmaschine. Das erste Dampfschiff, das jemals in die Arktis fuhr, war das Schiff Victory der Expedition von 1829–33 unter dem Kommando von Sir John Ross. Aufgrund der damals allerdings noch unausgereiften Technik ging die Dampfmaschine ständig kaputt, und Ross ließ sie schließlich demontieren. Der Boiler auf Port Leopold stammt vermutlich von der Dampfbarkasse einer weiteren Expedition:

Boiler at Whalers Point
Boiler am Whalers Point – Foto: Denis A. St-Onge

Im September 1848 kamen zwei Schiffe, HMS Enterprise und HMS Investigator, unter dem Kommando von James Clark Ross nach Port Leopold. Auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition wollte man an Land ein Depot mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern anlegen, das bei Bedarf anderen Expeditionen zur Verfügung stehen sollte. Kaum waren die Anker gesetzt, driftete dichtes Packeis in die Bucht, wodurch die für den nächsten Tag geplante Ausfahrt verhindert wurde. Die Schiffe blieben schließlich für die kommenden neun Monate eingeschlossen, so dass die Mannschaften hier überwintern mussten. Als sie im nächsten Sommer freikamen, ließen sie ein Haus und eine Dampfbarkasse zurück, dazu Lebensmittel wie Pemmikan, Schokolade und Biskuit – alles vorgesehen als Rettungsmöglichkeit für Franklins Expedition.

Enterprise and Investigator at Whalers Point
HMS Enterprise und HMS Investigator – Illustrated London News, 1850

Anfang 1853, etwa 900 km weiter westlich, in der Mercy Bay von Banks Island fasste Kapitän McClure dieses Depot als Rettungsmöglichkeit ins Auge – als nämlich der Mannschaft der eingefrorenen HMS Investigator nach drei Wintern im Eis der Hungertod drohte. Johann August Miertsching, als Dolmetscher für Inuktitut auf der Investigator, schrieb am 3. März in seinem Tagebuch: „… Offiziere … nebst 26 Matrosen … sind bestimmt, von hier nach Port Leopold zu gehen …, wo ein in 1848 erbautes Haus nebst Lebensmittel, Kleidung und Steinkohlen im Überfluß und ein kleines Dampfboot zu finden sei; von Port Leopold sollte man suchen, mit einem in die Baffinbay kommenden Wallfischfänger nach England zu kommen …“. Miertsching selbst jedoch sollte mit sieben Gefährten eine andere Route nehmen und sich etwa 1000 km weit in Richtung Südwest nach Fort Good Hope durchschlagen.
Glücklicherweise brauchte dieser Verzweiflungsmarsch nicht mehr stattfinden: denn am Tage des Aufbruchs am 25. April 1853 tauchte unvermutet ein Rettungstrupp unter Leitung von Leutnant Bedford Pim in der Mercy Bay auf.

Update: Siehe auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“

posted by Mechtild Opel

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