Archiv für August 2012

Ein kleiner Schritt vorwärts, ein großer zurück

Gestern wurde bekannt, dass ein Segelboot auf dem Weg durch die Nordwestpassage die McClure Strait zwischen Banks und Melville Island durchfahren hat. Das ist eine viel weiter nördlich gelegene Route als die herkömmliche. Die Belzebub II ist damit die erste Yacht, der gelungen ist, was bisher nur Eisbrecher oder von ihnen unterstützte Schiffe geschafft hatten.

Dieser viele Experten überraschende Coup hat eine wesentliche Voraussetzung – den dramatischen Rückgang der Eisbedeckung in der Arktis. Schon jetzt ist absehbar, dass 2012 ein neuer „Tiefpunkt“ der durch den Menschen verstärkten Klimaänderung erreicht wird, obwohl es noch immer viele Politiker, ihnen im Wunschdenken verfallene Bürger und auch noch einige wenige Wissenschaftler gibt, die genau das abstreiten.

McClure in Winterkleidung
McClure in Winterkleidung – Illustrated London News

Die McClure Strait wurde nach Kapitän Sir Robert McClure benannt, der mit dem Schiff HMS Investigator 1850 bzw. 1851 zwei mögliche Varianten der Nordwestpassage entdeckte.

McClure Strait – Cresswell drawing
McClure Strait mit Melville Island – nach einer Zeichnung von S. G. Cresswell

Das Bild von der eisbedeckten McClure Strait mit Melville Island im Hintergrund stammt vom Ersten Offizier der Investigator, Samuel Gurney Cresswell, und gehört heute zu einem sehr gesuchten grafischen Zyklus über die Entdeckung der Nordwestpassage.

McClure als gefeierter Entdecker
McClure als gefeierter Entdecker – Illustrated London news

Die HMS Investigator blieb allerdings im Eis der Mercy Bay, Banks Island, stecken und kam nicht mehr frei, und die Mannschaft musste sich 1853 zu Fuß auf den Marsch über das Eis der heutige McClure Strait begeben, um die rettenden Schiffe einer anderen Expedition zu erreichen. Unter den ersten, die auf Melville Island ankamen, befand sich Johann August Miertsching aus Gröditz bei Bautzen, der als Übersetzer für Inuktitut angeheuert war. Er schrieb am 23. April 1853 in sein Tagebuch:
„Hier stand ich nun auf Mellvile Insel, u. konnte mich bei allen Elend u. Noth des schmeichelnden Gedanckens nicht enthalten, dass ich hier in diesen Polar-Regionen der einzige Wende aus Deutschland bin, u. an der seit mehr als 300 Jahren gesuchten nun von uns entdeckten Nordwestlichen Durchfahrt theil habe.“
Miertsching sollte noch einen einen weiteren, den vierten, Winter in der Arktis verbringen, bevor er seine Heimat wiedersehen konnte.

posted by Wolfgang Opel

A Sorb in the Arctic

Deutsche Version hier

Johann August Miertsching was born on August 21, 1817 in Groeditz, then called Hrodzischczo (later Hrodźišćo), just 195 years ago today.

Old house in Groeditz
Old house in Groeditz – photo: Wolfgang Opel

The people of the small country village in Upper Lusatia, Germany, then containing of around 50 houses, were mostly rooted to the soil. They were mainly gardeners and farmers, and some worked as craftsmen. At least there was a school in the village. But, at that time, no one could know that the little Sorbian boy, who lost his father at the early age of two, would later become well-known after his journey into the High Arctic, in which he took part as an Inuktitut translator on behalf of the British Admiralty.

Church of Groeditz
Church of Groeditz – photo: Wolfgang Opel

33 years later, on August 21, 1850, Miertsching was beyond the Arctic circle and wrote in his diary: „Strong north wind, we sailed quickly… passed Flaxmans Island, saw people and tents there, came close to Pelly Island which is located near the mouth of the Mackenzie River at the evening; anchored at an ice floe… I was able to celebrate my birthday today very quietly. In the evening, two very pleasant hours in my cabin with Mr. Piers and Farquarson.“

Mackenzie Delta
Mackenzie Delta – photo: Wolfgang Opel

In search for Franklin’s lost expedition and the Northwest passage, HMS investigator had sailed from the West into the polar seas and had reached the Mackenzie Delta. However, Miertsching did not suspect at this time that he would have to spend four more birthdays in the Arctic …

More about Miertsching’s Arctic trip will follow in the course of the next few weeks

Update: See also „Johann August Miertsching zum Gedenken“

posted by Mechtild Opel

Ein Sorbe in der Arktis

English version here

Am 21. August 1817, heute vor genau 195 Jahren, wurde Johann August Miertsching in Gröditz, das damals noch Hrodzischczo (später Hrodźišćo) hieß, geboren.

Groeditz
Gröditz, Dorfmitte – Foto: Wolfgang Opel

Die Menschen in dem kleinen Gutsdorf in der Oberlausitz, in dem damals um die 50 Häuser standen, waren zumeist bodenständig. Sie betrieben vor allem Garten- und Landwirtschaft, und manche arbeiteten als Handwerker. Immerhin gab es im Ort eine Schule. Aber damals ahnte niemand, dass der kleine Sorbenjunge, der dann schon als zweijähriger seinen Vater verlor, später durch eine Reise in die Hocharktis bekannt werden sollte, an der er im Auftrag der britischen Admiralität als Inuktitut-Übersetzer teilnahm.

Johann August Miertsching
Johann August Miertsching in einer zeitgenössischen Darstellung

33 Jahre später, am 21. August 1850, befand Miertsching sich jenseits des Polarkreises und schrieb in seinem Tagebuch: „Starcker Nordwind, wir segelten schnell … passierten Flaxmans Island, sahen auf derselben Menschen und Zelte, kamen gegen Abend nahe an Pelly Island welche am Ausfluss des Mackenzie-Flusses liegt; gingen vor Ancker an einer Eisscholle … Meinen Geburtstag konnte ich heute so recht in der Stille feiern. Abends zwei recht angenehme Stunden in meiner Kajüte, mit Mr. Piers und Farquarson.“
Die HMS Investigator war auf der Suche nach Franklins verschollener Expedition und nach der Nordwestpassage vom Westen her in das Polarmeer gesegelt und hatte dort das Mackenzie-Delta erreicht. Miertsching ahnte damals allerdings nicht, dass er noch vier weitere Geburtstage in der Arktis verbringen würde …

Karte Alaska/Mackenzie-Delta
Alaska und das Mackenzie-Delta in Kanada – Kartenwerk

Mehr über Miertschings Arktisreise folgt im Laufe der nächsten Wochen.

Update: Siehe u.a. auch „Johann August Miertsching zum Gedenken“

posted by Mechtild Opel

Der Flug des Kolibris oder „Ich tue was ich kann“

Jedes Jahr gegen Ende des Sommers beginnt die Diskussion neu: Ist es der Klimawandel, dessen Auswirkungen wir gerade beobachten, ist er von uns Menschen verursacht? Ist der Sommer kühl und wechselhaft, heißt es: Das ist doch alles Unsinn mit dem Klimawandel, wo blieb denn die angekündigte Hitze? Ist der Sommer zu heiß und zu trocken, heißt es: Das ist doch kein Klimawandel, heiße Sommer gab es früher auch schon. Klima und Wetter werden häufig mit einander verwechselt, oder man nimmt das lokale Wettergeschehen als Maß für das Klima der Erde. Was sagen nun aber die Fakten für den Sommer des Jahres 2012 auf der Nordhalbkugel?

Shrinking Ice Caps
Verkleinerte Eiskappe in der Arktis – credit: Giulio Frigieri

Seit April 2010 umkreist der Satellit CryoSat-2 die Erde, seine Hauptaufgabe ist die Messung der von Eis bedeckten Fläche der Arktis und der Stärke dieses Eises. Obwohl der Sommer noch nicht vorbei ist, sehen die Wissenschaftler einen neuen (negativen) Rekord. Der Verlust an Eis in diesem Jahr ist derzeit 50% höher als bisher vorausgesagt. Ein Blick auf die im Internet veröffentlichten Daten zeigt, dass Gebiete, die vor Jahren auch im Sommer nie ohne Eis waren, jetzt komplett eisfrei sind. In diesem Jahr hätte die HMS Investigator kein Problem gehabt, die Nordwestpassage vollständig zu befahren, ganz anders 1850, als sie nahe Banks Island zum ersten Mal im Eis stecken blieb und Kapitän McClure, sein Inuktitut-Übersetzer Johann August Miertsching und die gesamte Mannschaft in der Prince of Wales Strait überwintern mussten.

Abbruch Petermann Gletscher
Abbruch vom Petermann-Gletscher 21.7.2012 – credit: NASA Earth Observatory

Während vom Petermann-Gletscher in Grönland ein neuer Eisberg von ungefähr 120 km² abgebrochen ist – das entspricht der Fläche der Müritz, dem zweitgrößten deutschen See, oder der anderthalbfachen Größe von Manhattan, war die Frobisher Bay durch riesige Eisfelder verstopft, so dass selbst größere Schiffe Iqaluit, die Hauptstadt von Nunavut, nicht mit Versorgungsgütern erreichen konnten. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich, denn bei vorwiegend südöstlichen Winden können sich hier große Eisfelder in den Buchten stauen, wie es der Dresdener Ornithologe Bernhard Hantzsch erfahren musste, als sein Schiff 1910 nach einem Zusammenstoß mit einem Eisberg unterging und sich die gesamte Mannschaft nur mit Mühe retten konnte.

Frobisher Bay
Eis in der Frobisher Bay im Juli 2010 – Foto: Wolfgang Opel

Ganz anders sieht es zur Zeit in Südeuropa aus. Große Waldbrände auf La Gomera und der griechischen Halbinsel Chalkidiki vernichten Wälder, landwirtschaftlich genutzte Flächen, Ortschaften und menschliche Existenzen.
Wir Menschen zeigen uns jedoch kaum lernfähig. Nach wie vor fühlen sich nur wenige persönlich verantwortlich. Viele verweisen auf die Regierungen und auf die Konzerne – die anderen sollen es richten. Dabei scheint es so einfach zu sein. Die kenyatische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai hat es in einem Vorwort zu einem kleinen Büchlein auf den Punkt gebracht: Wir Menschen müssten nur die „Vier R“ berücksichtigen: Reduce, Reuse, Recycle und Repair, was im deutschen entspricht: Reduzieren, Wiederverwenden, Aufbereiten und Reparieren. Das letzte R stammt übrigens vom ehemaligen CDU-Umweltminister Klaus Töpfer.
Das grafisch wunderschön gestaltete Buch Flight of the Hummingbird (Greystone Books, Vancouver 2008) enthält die Parabel von dem kleinen Kolibri, der versucht einen Waldbrand zu löschen.

Hummingbird
Kolibri – Hummingbird – Foto: Mechtild Opel

Tropfen für Tropfen holt er aus einem Fluss und lässt sie über den Bränden fallen, während die anderen Tiere nur verstört und erschrocken zusehen. Als der Bär den kleinen Kolibri fragt, was er denn tue, antwortet der: “I am doing what I can – Ich tue was ich kann“. Das bedarf keiner weiteren Erklärung.

Diese wunderschöne Geschichte gibt es nicht nur als Buch, sondern auch als animiertes Video im Internet zu sehen.

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Buch und Film stammen von dem bekannten Haida-Künstler Michael Nicoll Yahgulanaas, das Nachwort zum Buch schrieb der Dalai Lama.

posted by Wolfgang Opel

Shumagin Islands (Aleuten, Alaska)

Sehnsuchtsvoll segelte die Crew um Vitus Bering im August 1741 in Richtung Westen, denn dieser Kurs war in den Gehirnen der Seeleute mit den Gefühlen von Heimat und Geborgenheit verbunden. Die Heimreise war beschlossen und in einer „verfassten Schrift von dem ganzen Commando bis auf den Bootsmannsmaar (aber wie stets gewöhnlich, nicht von mir) unterschrieben“; so formulierte der ungeduldige Steller in seinem Reisejournal von Kamtschatka nach Amerika; denn er selbst möchte noch viel, viel mehr unbekanntes Land erkunden. Nachdem die Crew Kayak Island verlassen hatten, sichteten sie Anfang August häufig Inseln in nur wenigen Meilen Entfernung. Widrige kalte Westwinde behinderten ein schnelleres Vorwärtskommen. Oft versteckten sich die schroffen, felsigen grünen Inseln im Seenebel und tauchen plötzlich auf, um gleich wieder zu verschwinden. …

Insel Unga
Insel Unga – Foto: Ullrich Wannhoff

… Steller beschreibt: „Es besteht diese Insel, so wie die andern alle, aus lauter erhabn, grün überwachsenen festen Felsen. Das Gestein ist meistens ein roher, grauer und gelblicher Graufels, an einigen Orten grauer Sandstein; so fand sich auch schwarzer, dicker Schieferstein.“ Die Steinstrukturen entstanden aus verschiedenen gepressten Ascheschichten, durch die Vulkantätigkeit der jüngeren Erdzeit Schicht für Schicht aufgesetzt. Wind, Regen, Schnee und Frost bilden in dem weichen Gestein bizarre Formen und Rillen, die an der Küste steil abbrechen; das härtere Gestein bildet sich wie Zinnen spitz nach oben heraus. Ich sah viele beeindruckende Basaltsäulen, die sich mehr oder weniger kristallartig in die Höhe erhoben. Die unteren Felspartien wurden über Millionen Jahre beharrlich von den Meereswellen ausgespült. Die zu der jetzigen Jahreszeit saftig grünen und sanften Täler waren von Gletschern aus einer der letzten Eiszeiten weich ausgeformt worden. …

Klippenausternfischer
Klippenausternfischer mit zwei Jungen – Foto: Ullrich Wannhoff

„Allerley Wasservögel sah man hier im Überfluß; als Schwäne [Zwergschwan (Cygnus columbianus)], zwey Arten von Urilen (Pelicani) [Rotgesichtmeerscharbe (Phalacrocorax urile) und Beringmeerscharbe (Ph. pelagicus)], Alken (Torda) [Dickschnabellumme (Uria lomvia) und Trottellumme (Uria aalge)], Enten, Schnepfen, Strandläufer, verschiedene Mewen [unter andern Beringmöwe (Larus glaucescens) und Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)], Taucher, darunter eine ganz besonderbare und unbekannte Gattung war, Grönländische Tauben [Taubenteise (Cepphus columba)], Seepapageien (Alca artica) [Hornlund (Fratercula corniculata)], Mitschagatten (Alca cirrata) [Gelbschopflund (Fratercula cirrhata)]; aber Landvögel waren nur Raben, Fliegenstecher (Grisola), Schneevögel (Emberiza nivalis) [Schneeammer (Plectrophenes nivalis)], Morasthüner (Tetrao Lagopus) [Alpenschneehühner (Lagopus mutus) oder Moorschneehuhn (Lagopus lagopus)] und sonst nicht das geringste zu sehen.“ In eckigen Klammern stehen die heutigen Namen.

Die von mir beobachteten Vögel fallen dagegen recht bescheiden aus: Elster, Singammer, Klippenausternfischer, Beringmöwen, Dreizehenmöwen, Weißkopfseeadler, Lummen, Rotschnabelalke, Schopfalke, Hornlunde, Gelbschopflunde und Taubenteiste, die ich auf der gegenüberliegenden großen Insel Unga beobachten konnte.

Zerfallene Kirche - Sitka-Fichte
Zerfallene Kirche mit einer Sitka-Fichte – Foto: Ullrich Wannhoff

In der Bucht befand sich einst eine Siedlung. Frühere Pelztierjäger hatten sich 1767(?) mit den Ureinwohnern, den Unangan (Qagaan Tayagungin), Gefechte geliefert, wobei auch Russen tödlich verletzt wurden. Die Russen wurden ständig aufgerieben und fanden auf der Insel keine Ruhe. Zu dieser Zeit gab es zwölf kleine Ansiedlungen, die sich auf sechs Inseln verteilten. Ende des 18. Jahrhundert löschte eine Riesenwelle einige Ansiedlungen aus. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhundert gab es nur noch eine Siedlung an der Südöstlichen Bucht von Unga, die bis 1959 bestand und danach aufgegeben wurde. Noch heute sind stille Zeugen da, die eingefallen ausgeblichenen grauen Holzhäuser, die in der Landschaft einen
besonderen Reiz ausüben. …

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

posted by Ullrich Wannhoff




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