Archiv für Juli 2012

Aleuten windig und kalt

„Es regnet in Strömen“, „Aleuten windig und kalt“, steht in der Email unseres Co-Bloggers Ullrich Wannhoff von seiner Reise Mitte Juli durch die Inselgruppe der Aleuten. Der Archipel vulkanischen Ursprungs liegt etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Berlin, gehört jedoch zur subarktischen Klimazone, und das Wetter ist in der Regel rau: die Sonne macht sich rar, die Niederschläge sind häufig, nicht selten herrscht Nebel, und die Temperaturen erreichen im Sommer höchstens 10-13°C.
Neblig war es auch im Juli 1850, als Johann August Miertsching an Bord der „Investigator“ die Inselgruppe passierte. Das Schiff war Anfang Juli in Hawaii gelandet, wo Miertsching die dortige Missionsstation besuchte.

Honolulu Mission Station
Die alte Missionsstation in Honolulu – Foto: Wolfgang Opel

Schon wenige Tage später segelte die Investigator mit frischen Lebensmitteln an Bord wieder los, um das Beringmeer zu erreichen. Auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition und nach der Nordwestpassage wollte Kapitän McClure keine Zeit verlieren und entschied sich für die risikoreichere, aber wesentlich kürzere Passage durch die Aleuten, anstatt des damals für die englische Flotte üblichen westlichen Seeweges über Petropawlowsk/Kamtschatka, der rund 60 Tage gekostet hätte.
Trotz des Nebels kam das Schiff auf seinem Kurs nach Norden gut voran und erreichte die gewünschte Passage durch die Aleuten schon am 20. Juli. In seinem Reisetagebuch schreibt Miertsching von den Inseln Amlia, Seguam und Tschunam, die am 20. Juli nacheinander kurz aus dem Nebel auftauchten; er fügt hinzu, dass Amlia und Tschunam bewohnt seien. Heute leben auf Seguam ca. 2000 Einwohner, Amlia aber hat keine ständigen Bewohner mehr. Was mit der Insel Tschunam gemeint war, konnten wir noch nicht herausfinden.

HMS Investigator zeitgenössische Darstellung
HMS Investigator in einer zeitgenössischen Darstellung

Die HMS Investigator setzte ihren Kurs aufgrund der günstigen Winde geradewegs nach Norden fort, um vorbei an der St. Lawrence Insel und zwischen den Diomedes-Inseln das Nordpolarmeer zu erreichen.
In künftigen Blogeinträgen – und hoffentlich auch einmal in einem Buch – werden wir mehr über das weitere Schicksal dieses Schiffes und über das Leben von J.A. Miertsching berichten. (Mehr zur HMS Investigator auch im Artikel Das Wrack im Eis – Die Entdeckung der Nordwestpassage und die Verbindung zur Oberlausitz im Heft 01/2012 des Magazins „360° Kanada“)

Unser Co-Blogger Ullrich Wannhoff aber gelangte auf einem anderen Kurs als Miertsching aus dem Aleuten-Tief heraus – er kam zu den Shumagin Islands, weiter östlich, wo er die weißen schneebedeckten Berge Alaskas im strahlenden Sonnenschein sehen konnte. Die Insel trägt den Namen von Nikita Shumagin, der an Vitus‘ Berings Großer Nordischen Expedition teilnahm, unterwegs an Skorbut starb und auf Nagai Island beerdigt wurde.

Nagai Island
Nagai Island – Foto: U. S. Fish and Wildliefe Service

Mehr als 1.500 km weiter, ganz am anderen, westlichen Ende der Aleutenkette, auf der sibirischen Seite, liegen die Kommandeurinseln, auf denen sich Ullrich Wannhoff bestens auskennt. Mehr über seine monatelangen Aufenthalte dort kann man in seinem Buch Comandor nachlesen.

posted by Mechtild Opel

Hebron (Labrador) im Juli

Ein sehr friedlicher Platz ist Hebron im Juli – das schöne breite grüne Tal, durchflossen von drei Bächlein, Hänge voller alpiner Blumen und Sträucher, auch die Polarbirken blühen gerade, ebenso die Bärentrauben, die in dichten Teppichen vorkommen. In den schattigen Dellen der Hänge kann man noch kleine Schneefelder erblicken, und kahle Flächen mit braunen, niedergedrückten Sträuchern zeigen, wo vor kurzen noch eine Schneewehe die Vegetation unterdrückt hat.

Baerentrauben
Blühende alpine Bärentrauben – Foto: Mechtild Opel

Man kann sich gut vorstellen, dass die 1959 umgesiedelten Bewohner diesem Platz, ihrer Heimat in der geschützten Bucht immer noch nachtrauern.

Hebron im Juli Blick vom Hügel auf die alte Missionsstation – Foto: Wolfgang Opel

Die 1830 gegründete Herrnhuter Missionsstation Hebron ist darum ein Ort von ganz besonderer Bedeutung für die Labrador-Inuit – aber auch für uns, für unsere Vorhaben:
Nach Hebron fuhr im Winter 1846 Johann August Miertsching von Okak aus auf seiner ersten selbständigen Hundeschlittentour mehr als 200 km über Land und Eis, um seinen Missionarskollegen Herzberg zur medizinischen Behandlung eines ernstlich erkrankten Missionars zu transportieren.

Hebron im 19. Jahrhundert
Hebron im 19. Jahrhundert – Zeichnung von L.T. Reichel ca. 1861

Aus Hebron stammten Abraham, Ulrike, Sara, Maria und Tobias, die auf der Hagenbeckschen Völkerschau 1880/81 allesamt an den Pocken starben – siehe Blogeintrag vom 26. Juni.

Hebron zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Hebron zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Foto: Ernst Bohlmann

Und in Hebron hielt sich am 15.10.1906 auch der Dresdener Ornithologe Bernhard Hantzsch auf, als er auf der Reise aus Killinek, wo er die Vogelwelt Labradors erkundet hatte, Station machte.

Hebron fotografiert von Bernhard Hantzsch
Hebron 1906 – Foto: Bernhard Hantzsch/Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz Dresden

Gestern hat Noah Nochasak Hebron erreicht. 10 Tage zuvor war er in Nain gemeinsam mit zwei Mitreisenden zu einer Kajaktour an der Küste Labradors nach Norden aufgebrochen. Auf dem rund 950 km langen Wasserweg um die Nordspitze Labradors herum will er nach Kangiqsualujjuaq (George River). Der 24jährige Inuk aus Nain ist auf der Suche nach einer Synthese von heutigem Wissen, modernster Technik und den besonderen Fertigkeiten, die den Inuit über Jahrhunderte das Leben in der Arktis ermöglichten. Er baute im vorigen Jahr bereits sein zweites qajaq nach der traditionellen Art der Inuit, wenngleich es nicht mit Seehundfell bespannt ist, sondern mit Segeltuch, das mit einem wasserfesten Anstrich versehen wurde. Zur Reiseausstattung gehören auch Satellitentelefon und GPS; denn Noah will die Kultur seine Vorväter wiederbeleben, ohne sie zu dabei zu „fossilisieren“. Siehe auch dieser Beitrag im Explorersweb.

posted by Mechtild Opel




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