Archiv für Juni 2012

Eine Rose für Noggasak

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Einen nicht alltäglichen Besuch hatte vor einigen Wochen der Alte Friedhof in Darmstadt – für eine Inuk aus dem fernen Labrador (Kanada) gab es einen ganz besonderen Anlass, hier eine Blume niederzulegen.
Nur wenigen Bewohnern der Stadt dürfte bekannt sein, dass in Darmstadt im Dezember 1880 eine Gruppe von Inuit (damals Eskimo genannt) in einer „Völkerschau“ auftrat. Der Tierparkunternehmer Carl Hagenbeck war damals der Initiator solcher Veranstaltungen, bei denen exotische Menschen aus fernen Ländern sich in ihrer traditionellen Kleidung und Lebensweise präsentierten und so Impressionen aus der weiten Welt in deutsche Groß- und Provinzstädte brachten. Die Völkerschauen erfreuten sich damals großer Beliebtheit bei den Menschen aller Schichten, bei Groß und Klein, und somit füllten sich auch die Kassen der Veranstalter, die meist mit beträchtlichen Gewinnen abschließen konnten – wenngleich der Aufwand, Menschen aus Afrika, Amerika, Ozeanien, Indien oder Grönland, samt deren traditionellen Ausrüstungsgegenständen, nach Europa zu bringen, doch recht groß war.
Die Inuit, die damals nach Darmstadt kamen, waren von dem Bootsbesitzer Adrian Jacobsen im Auftrag Hagenbecks angeworben worden, gegen Bezahlung ihre Heimat an der Nordostküste des heutigen Kanadas zu verlassen und mit ihm nach Hamburg zu segeln, um dort eine einjährige Europatour anzutreten: Abraham und seine Frau Ulrike mit zwei kleinen Kinder, und der junge Mann Tobias, getaufte Christen aus Hebron, der Missionsiedlung der Herrnhuter Brüdergemeine, sowie die „heidnischen“ Nomaden vom Nachvakfjord, Terrianiak, seine Frau Paingo und die 15jährige Tochter Noggasak.

Missionsstation Hebron
Die alte Missionsstation Hebron

Der dreitägige Auftritt der Inuit in Darmstadt fand im Skating Rink statt, nahe der Stelle, wo wenig später das Varieté-Theater Orpheum erbaut wurde. Am 15.12. 1880 schrieb das Darmstädter Tageblatt:
„Die Vorführung der zwei Eskimo-Familien im Skating Rink erregt wegen des gebotenen höchst eigenthümlichen nordischen Bildes das höchste Interesse der Besucher und es ist recht zu bedauern, daß die so ungünstige Witterung Viele abhalten wird, sich diesen ungewöhnlichen Eindruck zu verschaffen. Die Leute, obwohl sehr klein, sehen gesund, vergnügt und reinlich aus und bemühen sich in Schlittenfahrten (wobei sechs kräftige Zughunde energisch mitwirken), Beschleichen des Seehundes und Anderem, dem Zuschauer einen kleinen Begriff ihres arctischen Lebens beizubringen.“
Doch schon einen Tag später berichteten die Zeitungen vom plötzlichen Tod des Mädchens Noggasak und ihrer Bestattung. Sie war nur die erste; wenige Tage später verstarben zwei weitere Inuit in Krefeld; sie waren an Pocken erkrankt. Keiner der acht Inuit sollte die ferne Heimat je wieder erreichen: die anderen fünf kamen noch bis Paris, wo auch sie – nach einigen Tagen Auftritt im Jardin d‘Acclimatation – im Januar 1881 der Tod ereilte.

Noggasak und ihr Vater Terrianiak
Noggasak und ihr Vater Terrianiak – zeitgenössische Darstellung

Über das tragische Schicksal dieser Inuit-Gruppe berichteten damals lokale Tageszeitungen, später noch das „Missionsblatt“ der Herrnhuter Brüdergemeine, doch gerieten die Ereignisse bald in Vergessenheit. Erst hundert Jahre später stieß der kanadische Wissenschaftler J.Garth Taylor in einem Archiv zufällig auf die Abschrift der deutschen Übersetzung eines Tagebuches, in dem Abraham damals Eindrücke von der Reise der Inuit in seiner Muttersprache Inuktitut niedergeschrieben hatte. Ein daraufhin 2005 in Kanada veröffentlichtes Buch, das eine Übersetzung von Abrahams Text wie auch Fotos und Zeitdokumente in Englisch enthielt (2007 erschien eine erweiterte deutsche Version, „Abraham Ulrikab im Zoo“), geriet vor zwei Jahren in die Hände von Zippora Nochasak. Als sie von dem Schicksal ihrer Landsleute erfuhr und das Foto ihrer Namensvetterin Noggasak (eine nicht mehr gebräuchliche Schreibweise ihres eigenen Familiennamens) erblickte, war sie tief bewegt. Die Geschichte ließ sie nicht mehr los und brachte sie zur Zusammenarbeit mit uns, einer Gruppe von Autoren, die wir tiefergehende Recherchen zu diesem Thema unternommen haben und derzeit ein Buch und einen Dokumentarfilm über unsere neuesten Forschungsergebnisse zur Reise der Labrador-Inuit in Europa vorbereiten.

Gedenken für Nochasak
Gedenken für Noggasak

Zippora Nochasak reiste im Frühjahr 2012 nach Deutschland und besuchte gemeinsam mit uns die Stätten der tragischen Reise von 1880. Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt suchten wir den Abschnitt auf, in dem das Mädchen Noggasak einst bestattet worden war. Wohl erstmals nach über 130 Jahren wurde hier, in einer informellen Zeremonie mit einem Gebet in Inuktitut, des verstorbenen Mädchens gedacht.

Siehe auch unser neuer Blog vom 21.4.2013.
Literatur: Hilke Thode-Arora, “Das Eskimo-Tagebuch von 1880. Eine Völkerschau aus der Sicht eines Teilnehmers,” Kea 2, S. 87-115 ; Hartmut Lutz (Hg.): Abraham Ulrikab im Zoo – Tagebuch eines Inuk 1880/81. von der Linden, Wesel 2007; The Diary of Abraham Ulrikab. Text and Context, University of Ottawa Press 2005
Basierend auf intensiven Recherchen arbeiten wir derzeit in einem Team an einem neuen Buch zu diesem Thema, und auch ein Dokumentarfilm ist in Planung.

posted by Mechtild Opel

Franklins Todestag – Arktische Souveränität

Heute vor 165 Jahren starb Sir John Franklin. Sein Grab, irgendwo bei King William Island in der kanadischen Arktis, wurde bisher nicht gefunden. Franklins Expedition von 1845 war mit den Schiffen Erebus und Terror und 129 Mann Besatzung auf der Suche nach der Nordwestpassage, einer schiffbaren Route zu den Schätzen und Handelsgütern Asiens. Wie schon viele Expeditionen vor ihm, scheiterte auch Franklin. Jahrelang hatte man nichts mehr von ihm gehört.

Denkmal für Sir John Franklin
Denkmal für Sir John Franklin in London
Die britische Admiralität sowie Privatleute sandten Suchschiffe aus. Eins davon, HMS Investigator, stand unter dem Kommando von Robert McClure. Die Seeleute fanden zwar nicht Sir John Franklin und seine Mannschaft, doch gilt McClure heute als Entdecker einer der möglichen Passagen nach Asien. An Bord war übrigens der Sorbe Johann August Miertsching, der als Herrnhuter Missionar Inuktitut, die Sprache der Inuit, beherrschte. Er leistete nicht nur wertvolle Dienste als Übersetzer, sondern erwarb auch anderweitig Verdienste, so als Sammler von Pflanzen, Tieren und Ethnografika, aber auch als Jäger und mit seinen handwerklichen Fertigkeiten, sowie durch sein Beispiel und sein Vermögen, einigen Seeleuten mit Trost und seelischem Beistand zu helfen.

Bisher wurde zwar HMS Investigator, aber nicht HMS Erebus und Terror gefunden. Bei den Suchaktionen von Parks Canada geht es aber nicht mehr um die Nordwestpassage, sondern um die Begründung der territorialen Souveränität Kanadas, die u. a. von den USA angezweifelt wird. Diese interessieren sich weniger für Sir John Franklin, sondern vielmehr für Öl, Gas und natürlich militärische Präsenz, denn Russland ist nicht weit – gleich hinter dem Nordpol!

Im 19. Jahrhundert war Franklin einer der Nationalhelden des viktorianischen Großbritanniens. Heute jedoch ist er sogar in seinem Heimatland nur noch wenigen historisch Interessierten bekannt. Zu seinem Gedenken wurden in London zwei Denkmäler aufgestellt, das eine am Carlton House Terrace Garden unweit der Londoner Prachtstraße The Mall, ein anderes in Westminster Abbey, der britischen Krönungskirche. Trotz Befragung einiger der Angestellten und Priester der Kirche konnte uns dort niemand das Denkmal für Franklin zeigen. Die Seemacht Großbritannien wurde inzwischen durch die Finanzmacht Londons abgelöst. Forscher und Entdecker spielen kaum noch eine Rolle — heute bestimmen längst andere „Helden“ das Bild von London: Börse, Banken, Versicherungen und Hedgefonds.

posted by Wolfgang Opel

„Welcome to Canada“ – Einwanderungsgeschichte im Museum

Museum

Bevor das Flugzeug zum hauptsächlichen Verkehrsmittel wurde, kam die Mehrheit der europäischen Kanada-Reisenden mit dem Schiff in Halifax an.
Beim Flanieren an der Waterfront kann man die maritime Atmosphäre der Hafenstadt auf sich wirken lassen. Viele der Gebäude am Harbourwalk verkörpern Geschichte – seien es die Gemäuer der Historic Properties, alte Speicher oder Lagerhallen, die heute restauriert sind und umfunktioniert wurden; sei es das berühmte Maritime Museum of the Atlantic mit seinen vielfältigen Ausstellungen und Sammlungen – oder Kanadas Museum of Immigration am Pier 21.

Koffer

Mehr als eine Million Einwanderer setzten erstmals hier ihren Fuß auf kanadischen Boden, ihre neue Heimat. Das Museum macht die damaligen folgenschweren Ortsveränderungen der zahlreichen Immigranten, die oft genug Heimat- und Familienbande kappten und manchmal nicht einmal mehr auf Besuch zurückkehren konnten, ganz greifbar bewusst.

Pass

Welche Hoffnungen, welche Träume mögen die Menschen gehabt haben, die aus ganz Europa hierherkamen, um ein neues, anderes Leben zu beginnen? Der erste Tag im neuen Land, nach langer Schiffsreise über den Atlantik, mag für einige sicherlich sehr ernüchternd gewesen sein.

Mehr über das Museum ist nachzulesen im soeben erschienenen Heft 3/2012 des Magazins „360° Kanada“.

posted by: Mechtild Opel




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