Archiv für Mai 2012

Kamtschatka – Ökonomie und Wildnis im Widerstreit

Die Halbinsel Kamtschatka wird nicht nur von zwei Meeren umgeben, dem Ochotskischen Meer und dem Stillen Ozean, die das Klima an den Küsten bestimmen, sondern auch internationale Konzerne greifen immer mehr auf diese vom Menschen wenig berührte Natur zu. Bodenschätze wie Gold, Platin und Silber ziehen Konzerne in die einsame vulkanische Wildnis. Die ehemaligen Goldgebiete um die Kolyma und Magadan herum dünnen aus, einige Minen sind schon wegen Unrentabilität geschlossen, und manche Leute versuchen, mit privaten Lizensen oder illegal zu schürfen, so das der Druck auf neue unberührte Gebiete zunimmt.

Kreuzfahrt - Korjakengebirge
Kreuzfahrt – Eisbär in der Bucht Natalia im Korjakengebirge, Nordkamtschatka

Besonders das Korjakengebirge nördlich von Kamtschatka, seit 1930 ein eigenes autonomes Gebiet (301,500 Quadratkilometer, entspricht dem Gebiet des U.S. Staates Arizona), wird davon stark betroffen. Kein Tourist verliert sich in diese abhelegene Gegend, in der sich erkaltete Vulkane von tausend bis zweitausend Meter erheben. Nicht nur Rentierhirten und sesshafte Korjaken, sondern auch Tschuktschen, Itelmenen und Evenen (zusammen etwa knapp über 8.000) zählen zu den indigenen Völkern. Zugezogene Russen und Ukrainer bilden weit über 50% der Bevölkerung, und sie sind es dann auch, die die langen wirtschaftlichen Hebel besitzen.

Die Küstenregion des Korjakengebirges mit den herrlichen tiefeinschneidenden Fjorden wird im Sommer von Kreuzfahrtschiffen befahren. Das romantische Herz der Einsamkeit schlägt über diesen wilden Weiten. Gestört werden sie „nur“ durch riesengroße Erdaufschürfungen, ähnlich wie wir sie in den Braunkohlengebieten der Lausitz kennen, die aber für Tourismus unsichtbar bleiben, weil sich die Minen im Landinneren befinden.
600 kg Platin werden aus 6 Tonnen Erz gewonnen. Russisches und internationales Kapital erfreuen sich der hohen Ausbeute. Der Gewinn lag 1998 bei 68 Millionen Rubel und steigerte sich im Jahre 2000 auf 130 Millionen. Im Jahre 2000 wurde Gold im Werte von 300-400.000 Dollar gewonnen, und 2005 sollten 130-140 Kilogramm Gold gefördert werden. In Russland klafft eine große Schere: es gibt reiche Vorkommen an Rohstoffen, aber andererseits sind die eigenen Produkte international kaum weltmarktfähig (außer in der Rüstungsindustrie, aber auch nur bedingt, da macht es die Quantität).
Moderne Maschinen aus Japan, Westeuropa, Amerika bestimmen das Bild, neben der maroden russischen Technik. Die wissenschaftliche, technische und künstlerische Intelligenz wandert aus, seitdem unter Gorbatschow die Möglichkeit des Reisens geschaffen wurde: russische Studenten, die in Westeuropa oder Amerika studieren, kommen kaum in ihr Mutterland zurück. Trotzdem hat sich ein Mittelstand und sogar eine Opposition entwickelt, auch wenn das nur zaghafte Anfänge sind — eine kreative Umgestaltung im eigenen Land ist noch nicht in Sicht.

Mehr über die Goldminen in Zentral-Kamtschatka folgt demnächst.

Literatur:
Newell, J.(2004): The Russian Far East – A reference guide for conservation and development, S.312-339, Daniel & Daniel Publishers, Inc. McKinleyville, Kalifornia
Schedtschenko, A, K. (2000): Koryakiya v Serdze moem. russ. (Korjaken im Herzen mein), Prachtbildband -S.297 Verlag: „Penta“ Moskau
Wannhoff, U. (2008) Der weite Weg nach Fernost – Spurensuche auf Kamtschatka- S.237 Kahl Verlag, Dresden

posted by: Ulli Wannhoff

Lady Franklin und der Kensal Green Cemetery


Friedhof mit dem Grab von John Ross
(summary in English below)

Wir verbrachten eine kalte und regnerische Woche in Londoner Archiven auf der Suche nach Hinweisen auf Johann August Miertsching und Bernhard Hantzsch. Beide waren an der Erforschung der kanadischen Arktis beteiligt, der eine von 1850-1854 auf der Suche nach Sir John Franklin und der Nordwestpassage, der andere verbrachte 1906 einen Sommer in Nordlabrador und versuchte 1910/1911 – als erster Nicht-Inuit – Baffin Island zu überqueren. Unglücklicherweise starb er nach erfolgreicher Durchquerung, vermutlich wegen dem Verzehr von durch Trichinen befallenen Eisbärfleisches.


Lady Franklins Gruft in den Katakomben

Da am ersten Tag die Archive wegen einem Feiertag geschlossen waren, suchten wir auf dem Kensal Green Cemetery die Gräber einiger Arktisforscher. Leider völlig erfolglos, denn es gab dort, ganz im Gegensatz zu Berliner Friedhöfen, keinerlei Hinweistafeln auf wichtige Grabstätten. Als wir einige Tage später besser vorbereitet wiederkamen, fanden wir glücklicherweise einen Friedhofsmitarbeiter, der uns in die Katakomben unterhalb der Anglican Chapel zum Grab von Jane Franklin führte. Nach dem Scheitern aller offiziellen Suchaktionen nach Franklins Schiffen hatte sie privat finanzierte Expeditionen veranlasst, die letztendlich die Kunde vom Tod Sir John Franklins und seiner ganzen Mannschaft nach England brachten. Lady Franklin gilt für viele Briten als die wichtigste weibliche Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts – natürlich nach Königin Victoria.


Der Grabstein für Robert McClure

Innerhalb der nächsten Stunden fanden wir auch die Gräber von Sir Robert McClure, dem Entdecker der Nordwestpassage, und von Sir John Ross und Sir Edward Inglefield, alle beteiligt an den Expeditionen zur Suche nach dieser Passage und nach der verschwundenen Franklin-Expedition. Nur das Grab von Admiral Bedford Pim konnten wir unter den vielen verwitterten und von Bewuchs überdeckten Gräbern nicht entdecken. 1853 war die HMS Investigator, das Schiff von McClure, auf dem Miertsching als Inuit-Übersetzer mitreiste, im Eis der Mercy Bay auf Banks Island steckengeblieben; Pim hatte das Schiff und die Mannschaft gefunden und damit entscheidenden Anteil an ihrer Rettung.


Captain Inglefields Grab

Die Identifizierung weiterer Gräber von wichtigen Arktisforschern des 19. Jahrhunderts, wie die von George Back und Sir Horatio Thomas Austin, bleibt anderen Enthusiasten der Geschichte um die Nordwest Passage vorbehalten.

Englische Zusammenfassung – English summary:

We spent a week in different London archives searching for Miertsching, Hantzsch and other Germans involved in Arctic research. And we tried to find some graves at Kensal Green Cemetery. Unfortunately we were not well prepared; we hoped to get some information about Arctic related graves at the office. But – it was Bank Day; and so, on that rainy day, our first try ended up without success. After some days we went there again, better prepared and with the help of the sun. We had the luck to find a guide who showed us Lady Franklin’s grave in the catacombes, and we got also some advice for other graves: Sir Robert McClure (24045/143/5), Sir John Ross (13388/112/4), Sir Edward Inglefield (22008/124/10) and Amiral Bedford Pim (20994/40/3) who found the HMS Investigator stuck in Mercy Bay in 1853. We could identify all, except the grave of Pim. Maybe someone else will be more successful.
posted by Wolfgang Opel




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