Zweimal Nischny Kamtschatsk am Fluß Kamtschatka

Den Fluss Kamtschatka vergleicht der Agronom Johann Karl Ehrenfried Kegel (1784-1863) mit der „Mutter Wolga“, in einem altrussischen Lied, das der Opernsänger Schaljapin im tiefen Bass sang. Im hellen Klang des Frauenchors im Hintergrund schwingt die Weite der Landschaft mit, die unsere Seelen erfüllt. Als er Russland nach der Oktoberrevolution 1917 verlassen hatte und als Emigrant die meiste Zeit in der USA und Paris lebte, fand er Trost in den alten Heimatliedern, in denen sich die Sehnsucht nach seinem großen Land widerspiegelt. So wie der Fluss Wolga die Bewohner mit Fisch versorgt, so werden die Itelmenen, Korjaken, Ewenen und Russen am Kamtschatka Fluss bis heute mit Fisch ernährt. Der Ethnograf Hans Findeisen spricht von „Fischbarbaren“.

Hund holt Blaurückenlachs aus dem Fluss
Hund holt Blaurückenlachs aus dem Fluss – Foto: © Ullrich Wannhoff

Millionen Lachse ziehen in den Fluss, in die Nebenarme zu ihren steinigen Geburtsorten, den Quellflüssen aus den Gebirgen entgegen. Bevor die Kosaken von den Itelmenen den „Jassak“ (eine Fellsteuer) erpressten, gab es an den Flussmündungen zum Kamtschatka Fluss viele kleine Siedlungen. Eine dieser Siedlungen lag an der Mündung des Jelovka, der von Norden kommend in den Kamtschatka Fluss einfließt, etwa 10 Kilometer westlich von der heutigen Ortschaft Kljutschi.

Ausgrabungsgegenstaende aus dem neuen Nischny Kamtschatsk
Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk am Fluss Raduga

Einer der ersten Kosaken, die 1697 von Norden gewaltsam in ein damals fast unentdecktes Land eindrangen, war Atlassow. Mit seinem Tross zog er an der größten Itelmenensiedlung vorbei. Später errichtete man unmittelbar an dieser Itelmenensiedlung ein Ostrog (russische Befestigung), dessen Palisadenumzäunung Schutz vor den Ureinwohnern bot. Im Ostrog mit den Namen Nishny Kamtschatsk befanden sich eine Kirche und die Wohnhütten der Kosaken. Außerhalb der Befestigung wurde später ein kleines Kloster erbaut.

auf der Karte sind beide Nischny Kamtschatsk eingetragen
Auf dieser Karte sind beide Nischny Kamtschatsk eingetragen © Ullrich Wannhoff

Diese Ortschaft lag an einem wichtigen Knotenpunkt, daher gab es im Zusammenhang mit den strategischen Interessen von russischer Seite unterschwellig ständig Spannungen. Hier verliefen die Wege nach dem Norden Kamtschatkas, bis hin nach Anadyr. Ein anderer Weg ging flussaufwärts an den Jelovka Fluss bis zur Wasserscheide des westlich erkalteten Vulkangebirges (bis 2000m hoch). Hier gelangte man in Richtung Westen zur Küste des Ochotskischen Meeres.
Recht häufig zogen Kosakenverbände vorbei, die nicht nur in den Siedlungen den Jassak erpressten, sondern die Winternahrung den Itelmenen plünderten, ihre Vorratskammern ausraubten und sie für Transporte einsetzten, ohne dafür zu bezahlen. So waren Hungerzeiten vorprogrammiert. Oft konnten die Männer die nötige Nahrung für ihre Familien nicht beschaffen, weil die Kosaken sie für ihre Interessen einspannten. Von der Anzahl der Einwohner her hätte der Ort die Regionalhauptstadt werden können.

Herbstlicher Fluss Jelovka
Herbstlicher Fluss Jelovka – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Ort Bolscheretsk lag strategisch noch besser und hatte den Zugang zum Ochotskischen Meer. Der Meeresweg zum Festland nach Ochotsk gestaltete sich direkter und einfacher als der nördlich gelegene schwierige Landweg zum Ostrog Anadyr an der Tschuktschenhalbinsel. Von Bolscheretsk gelangten alle Waren, die vom Festland kamen, in das Innere der Halbinsel und wurden über den Bolschaja Reka in die Bystrya transportiert, dann über die Wasserscheide in den Kamtschatkafluss.

Schiff_St._Gabriel
Schiff St. Gabriel mit dem blauen Andreas-Kreuz, Symbol für die russische Kriegsmarine. Mit dem Ausleger ein typisches Küstenfahrzeug, mit dem es möglich ist, in der Nähe der Küste zu kartografieren. Zeichnung © Ullrich Wannhoff

Diesen gleichen Weg nutzte Vitus Bering mit seinem Tross der Ersten Kamtschatka-Expedition, die im Verhältnis viel mehr zu transportieren hatte als die kleineren Kosakenverbände. Dazu wurden im Winter die Itelmenen, ihre Schlitten und Hunde mehr oder weniger gewaltsam eingespannt. Die Transportarbeiten zogen sich von Dezember 1728 bis März 1729 hin. Vitus Bering veranlasste, neben der Ortschaft Nischny Kamtschatsk für seine Mannschaft Unterkünfte zu errichten. Außerdem sollte hier das Schiff – die St. Gabriel – gebaut werden. Das flache Ufer war gut geeignet für den Schiffsbau. Es wurden mindesten 4.000 Hölzer gerodet. Soviel brauchte man für ein Schiff von dieser Größe sowie für die Unterkunftshäuser.

Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk
Weitere Ausgrabungsgegenstände aus dem neuen Nischny Kamtschatsk am Fluss Raduga

Der Baustoff war das Holz der Lärchen, die es aufwärts am Jelovka-Fluss gab. Mit großer Sicherheit wurden die Hölzer geflößt. Da es hier keine Sägemühlen gab, mussten alle Bretter gebeilt werden, was einen großen Schwund hervorrief: Ein Baum – ein Brett. Für das Fällen und Sägen wurden großenteils die Ureinwohner herangezogen. Auch in europäischen Teil waren für diese Arbeit oft andere ethnischen Gruppen herangezogen worden. Dazu gab es Ukasse, die Peter I. verordnete und von der nachfolgenden Zarin fortgesetzt wurden.

Jelovka mit Schivelutsch
Der Fluss Jelovka. Im Herbst scheint Hintergrund der weiße Vulkan Schivelutsch heraus – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jetzt stehen die Lärchen nicht mehr dicht an dicht, sondern zwischen Steinbirken. Um diese Siedlung entstand ein Kahlschlag. All zu weite Wege hat man aus Zeitgründen vermieden. Natürlich ist die Lärche für die Ureinwohner ein wichtiger Brennstoff, der nach dem Holzeinschlag nicht mehr so einfach zur Verfügung stand; das bedeutete, das dafür weitere Wege zu gehen waren. Die Itelmenen wurden auch gezwungen ständig vorüber ziehende Kosaken aufzunehmen und zu bewirten.

Wals mit Steinbirken und Laerchen
Auch wenn die Lärchen versteckt sind: der Wald lieferte das wichtigste Material zum Bau des Schiffes St. Gabriel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der andauernde Druck rief bei den gutmütigen Itelmenen Gegendruck hervor. Ihre oft aussichtslose Lage trieb sie manchmal in den Selbstmord, aber es wuchs auch der Widerstand, der 1731 sich entlud. Die Itelmenen erfuhren, dass sich 60 Kosaken nach Tschukotka bewegten, um dort den Jassak einzutreiben. Diese Nachricht bewegte sie dazu, flussabwärts von Süden aus nach Norden alle russischen Häuser und die darin wohnenden Einwohner zu vernichten. Sie kamen bis nach Nischny Kamtschatsk und verwüsteten die russische Siedlung einschließlich des Klosters. Das erfuhren die Kosaken in Ust Kamtschatsk und schickten eine Kosakenbrigade in diese Richtung, die mit ihren Feuergewehren die Rebellen vernichteten.

Klutschewskaya Sopka, Srednaya Sopka und rechts Uschkowsky
Links der Klutschewskaya Sopka, der Srednaya Sopka und rechts Uschkowsky. Vom rechten Bildausgang noch zwanzig bis dreißig Kilometer entfernt lag bis 1731 das alte Nischny Kamtschatsk – Kupferstich aus Krascheninnikows Werk

Zu dieser Zeit war Bering schon in Petersburg und erstattete bei der Marine-Akademie Rapport über seine erste Seereise in Fernen Russland und darüber, ob Asien mit Amerika zusammenhängt oder nicht.
Die Siedlung war soweit niedergebrannt, dass man sich entschloss, am Fluss Raduga (russ. Regenbogen) einen neuen Ort zu gründen – mit gleichen Namen, Nischny Kamtschatsk. Er liegt zwischen zwei kleineren Gebirgskämmen in einem breiten feuchten Tal mit Blick auf den Schivelutsch.

Das neue Nischny Kamtschatsk mit dem rauchenden Schivelutsch
Das neue Nischny Kamtschatsk mit dem rauchenden Schivelutsch – Kupferstich aus Krascheninnikows Werk

Nach der Wende restaurierte man die Kirche, die früher nach der Gründung der Siedlung (etwa 1735-1739) aus zwei Kirchen bestand: Uspenski und Nikolajewski.

Uspenski-Kirche am Raduga Fluss
Uspenski-Kirche am Raduga Fluss

Aufgrund von Überschwemmungen am Radugafluss zur Schneeschmelze wurden aber viele Gebäude in Mitleidenschaft gezogen. Die Siedlung ist heute aufgegeben.
Wenn in der Literatur Nischny Kamtschatska angegeben wird, ist meist der zweite, später entstandene Ort gemeint. Die erste Siedlung, die Vitus Bering mit seiner Crew der Ersten Kamtschatka-Expedition kennen gelernt hat, ist fast aus dem Gedächtnis der Historiker verschwunden.

posted by Ullrich Wannhoff

Is it Terrebus or Error? It is HMS Erebus!!!

Updated: – positiv identifiziert von Parks Canada:
Das Anfang September gefundene Schiffswrack ist HMS Erebus – das Schiff, auf dem 1845 der Expeditionsleiter Sir John Franklin reiste.
Sturm und hohe Wellen machten es den Tauchern schwer. Hier bekommt man eine Vorstellung von dem Wellengang, als Ryan Harris, leitender Unterwasser-Archäologe bei Parks Canada, das HD-Videokamerasystem zu seinem Kollegen Marc-Andre Bernier herabließ, der bereits im Wassser wartete.

Ryan Harris laesst Videosystem zu Wasser
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Bei den sieben Tauchgängen, die im September insgesamt noch möglich waren, bis die Wetter- und Eisbedingungen weitere Arbeiten unmöglich machten, konnten die Archäologen von Parks Canada verschiedene Untersuchungen am Wrack vornehmen.
Auf dem Foto sieht man, wie der Unterwasserarchäologe Filippo Ronca den Durchmesser der Mündung von einer der beiden Kanonen bestimmt, die am Wrack gefunden wurden – sie erwies sich als Sechspfünder.

Filippo Ronca beim Messen
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Obwohl die Taucher das Innere des Schiffes nicht aufgesucht haben, war es doch möglich, durch verschiedene Öffnungen hineinzusehen.
Ryan Harris untersucht ein Oberlicht. Es besteht aus runden Prismenglas in einer Messingfassung und ermöglichte, Tageslicht in den dunklen Raum unter dem Deck zu bringen.

Ryan Harris untersucht Oberlicht
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Ein zeitgenössisches Gemälde zeigt HMS Erebus beim Passieren von Eisbergen.

Erebus_Gemaelde
HMS ‚Erebus‘ passing through the chain of bergs, 1842
painting by Admiral Richard Brydges Beechey


See also Endlich gefunden – ist es Erebus oder Terror and Viel Glück und mündliche Überlieferung as well as the blog about last year’s search Erebus und Terror: Suche nach verlorenen Schiffen in der Arktis.

posted by Mechtild Opel

Die Welt der Eisbären

Bevor wir in den Zodiac steigen, ziehen wir dicke Pullover und mehrere Schichten Jacken über. Der kalte Wind scheint von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Wir fahren tief in die Coningham Bay hinein; bald sind wir nahe genug am nebligen Ufer, um mit dem Fernglas dort Knochen zu erkennen: Wirbelsäulenteile von Walen. Und dazwischen ein Eisbär. Anfangs halte ich ihn für einen glänzenden Felsen, denn er bewegt sich nicht. Als wir nahe genug heran sind, schwinden alle Zweifel. Da steht ein Eisbär direkt über einem Stück abgenagten Walkadaver, man erkennt deutlich die Wirbelknochen des Meeressäugers.

Touristen und Eisbaeren
Alle Touristen wollen den Eisbären fotografieren

Nun sieht der Eisbär uns – er blickt her, aber zeigt sich nicht beeindruckt. Was mag in seinem Kopf vorgehen? Er behält die Ruhe, wartet ab, dann macht er etwas Verblüffendes: er setzt sich auf seine Beute. Eine Geste der Besitzverteidigung? Er bewegt den Kopf, schaut immer wieder her. Und dann verlässt er seinen Platz. Dass er absolut keine Angst hat, erkennen wir daran, dass er sich auf uns zu bewegt, ohne Hast. Langsam und gemessenen Schrittes kommt er näher.

Der Eisbaer naehert sich
Der Eisbär nähert sich

Dann kommt er ohne Hast noch näher an die Uferlinie, mit einwärts gesetzten Vorderfüßen und schwingenden Hüfte, und wir können die kraftvolle Pose des Eisbären bewundern. Er tritt mit seinen riesigen Tatzen ins flache Wasser, so als wollte er sagen: „Ich weiß zwar nicht, wer ihr seid und was ihr hier wollt, aber eins ist klar: Das hier ist mein Platz und meine Beute; bleibt lieber weg!“ …

Ruhender Eisbaer
Ruhender Eisbär

… Da die Eisbären, selbst wenn sie sich temporär an Land aufhalten, vom Meereis abhängig sind – für ihre Jagd und Ernährung wie für ihre Vermehrung – liegt die Zukunft der Eisbären da, wo die Zukunft des Polareises liegt. … Ob auch unsere Ur-Ur-Enkel noch Eisbären sehen können?

Hungriger Eisbaer
Hungriger Eisbär

Den vollständigen Artikel kann man im Sonderheft Norden des Magazins „360° Kanada“ nachlesen.

Mehr über die Welt der Eisbären erfährt man in „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“, das in Kürze im MANA-Verlag erscheint.

Siehe auch unser Blog „Eisbären auf dünnem Eis“

posted by Mechtild Opel

Viel viel Glück – und mündliche Überlieferung
Franklins Wrack bei Hat Island

Unendlich glücklich waren die Archäologen von Parks Canada, als sie am Sonntag, den 7.9.2014, im Queen Maud Golf im Kanadischen Archipel ein Wrack ausmachen konnten – eines der Schiffe der vor 169 Jahren letztmalig gesehenen Franklin-Expedition zur Auffindung einer Nordwest-Passage.

Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks_Theresa Nichols_ Fisheries and Oceans Canada
Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks – Foto: Theresa Nichols © Fisheries and Oceans Canada

Aufgrund der schwierigen Eisbedingungen in diesem Jahr war das eigentliche geplante Suchgebiet in der Victoria Strait über Wochen noch nicht erreichbar, so dass sich die Suche auf ein zweites Gebiet südwestlich von King William Island konzentrierte. Ob man hier wirklich auf den großen Fund hoffte oder die Messungen eher als „Zeitvertreib“ der Kartierung der schwierigen Seewege in dieser Region dienten, wird nun, nach dem glücklichen Fund des Wracks, wohl nicht mehr verraten.

Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes
Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes– Foto: Jonathan Moore © Parks Canada

In den mündlichen Überlieferungen der Inuit wurde schon seit 150 Jahren von einem großen Schiff gesprochen, das südwestlich von King William Island im Eis feststeckte und später verschwand. Immer wieder hatten Forschungsreisende wie Charles Francis Hall, Frederick Schwatka, William H. Gilder oder auch später Knud Rasmussen darüber berichtet. Doch die Finanziers der Suchexpeditionen trauten den Erzählungen der Inuit nicht.

Oral History
„Oral History“ – Weitergabe mündlicher Überlieferungen: Mabel Angulalik untersucht einen Artefakt – Foto: © David F. Pelly

So blieb es denn – neben den „Offiziellen“ John Rae und Francis Leopold McClintock – Enthusiasten wie dem Händler William Gibson, Autoren wie Richard J. Cyriax und David C. Woodman, dem Inuit-Historiker Louie Kamookak aus Gjoa Haven oder Barry Ranford, einem fast fanatischen Hobby-Forscher, vorbehalten, das Wissen um das Schicksal der Franklin Expedition Stück für Stück zu erweitern. Sie alle setzten auf das Wissen der älteren Inuit, die noch aus eigenem Erleben oder Hörensagen über die Geschehnisse um das Schicksal der Franklin-Expedition berichten konnten.

Mabel Angulalik_David_F_Pelly
Porträt Mabel Ekvanna Angulalik, die über Schiffsteile auf Hat Island berichtete – Foto: © David F. Pelly


Obwohl es durch Mabel Ekvanna Angulalik (1925-2002), einer Inuit Elder aus Cambridge Bay, wichtige Hinweise auf den möglichen Ort eines Wracks in der Nähe von Hat Island gab, war es letztendlich reiner Zufall, dass Archäologen auf der Insel auf Artefakte stießen, die sich zweifelsfrei einem Schiff aus dem 19. Jahrhunderts zuordnen ließen. Eines der Objekte wog 5kg und konnte also kaum über größere Strecken angeschwemmt worden sein. Das überzeugte Ryan Harris, leitender Unterwasserarchäologe der Suchexpedition, dass eine Suche im Meer in unmittelbarer Nähe der Fundstätte vielversprechend sein würde. Der Rest war reine Routine: nicht lange, nach dem man das Seitenscan-Sonar ins Wasser gelassen hatte, erschienen die Umrisse eines Wracks auf dem Bildschirm. Mit einer Unterwasserkamera wurden zur Bestätigung der Scans erste Videoaufnahmen gemacht – und die Sensation war perfekt.

Blick auf das Deck des Wracks
Unterwasserkamera: Blick auf das Deck des Wracks – Courtesy of Parks Canada

Inzwischen sind die Archäologen und Taucher wieder am Wrack, in der Hoffnung, noch vor dem Einsetzen des Winters weitere Aufnahmen und Vermessungen vorzunehmen, und wichtige Artefakte und Beweisstücke zu sichern und neue Erkenntnisse – HMS Erebus oder HMS Terror ? – zu gewinnen.

Updated: Schiff positiv identifiziert

posted by Wolfgang Opel

Endlich gefunden: ist es Erebus oder Terror?

[Updated: mit Unterwasser-Videoaufnahmen von Parks Canada!]
Obwohl aufgrund der schwierigen Eisverhältnisse des Sommers viele gar nicht mehr damit gerechnet hatten, gab es heute am Vormittag (kanadischer Zeit) eine spektakuläre offizielle Verlautbarung vor der Presse: Die wochenlange Suche des Unterwasser-Archäologenteams von Parks Canada in den Gewässern vor King Williams Island hat mithilfe hochentwickelter Technologie ein Ergebnis gebracht: ein Schiff auf dem Grund des Queen-Maud-Golfs.

Erster_Blick_Seitensonar_Courtesy_of_Parks_Canada
Erster Blick mittels Seitensonar – Foto: Courtesy of Parks Canada

Trotz deutlich erkennbarer Beschädigungen insbesondere am Heck des Schiffes meint Ryan Harris, leitender Mitarbeiter des Team der Unterwasserarchäologen, dass dieses Schiff recht gut erhalten sein muss – vielleicht sogar besser als die 2010 gefundene HMS Investigator.
Nach wochenlangen Arbeiten, zu denen auch ermüdendes stundenlanges Starren auf die Ultraschallbilder gehörte, die langsam über den Computerbildschirm liefen, hat das Team nun einen historischen Durchbruch erreicht.
Vielleicht war es sogar gut, dass die lokale Eisbedeckung in der Victoria Strait die Crew vom nördlichen Suchgebiet in der Erebus Bay fern- und im Queen-Maud-Golf festhielt?

Eiskarte vom Tag des Fundes - 7.9.2014
Eiskarte vom Tag des Fundes – 7.9.2014

Schon am Vorabend gab es Berichte über Artefakte, die von einem Archäologenteam an Land, an der Küste von Hat Island, gefunden wurden: eine Halterung für ein Beiboot und eine vermutete Ankerklüse, die wahrscheinlich von einem der vermissten Franklin-Schiffe stammen. Eigentlich ein verspäteter Fund, wenn man weiß, dass ältere Inuit ihre Kenntnisse aus den traditionellen Überlieferungen ihrer Verfahren bereits vor Jahren zu Protokoll gaben* – denn dabei wurden bereits Schiffsteile am Strand von Hat Island erwähnt! – Viel zu lange wurden diese Inuit-Berichte für Erfindungen oder eine Art Märchen gehalten.
(*Eber, Dorothy: Encounters on the Passage: The Inuit Meet the Explorers, Toronto 2008)

Karte mit Hat Island
Karte mit Hat Island – Quelle: Toporama – Atlas of Canada

Nach dem Fund auf Hat Island wurde das Sonargerät auf den Meeresboden nahe der Insel gerichtet. Und tatsächlich erschien dann etwas Vielversprechendes auf dem Bildschirm! Ein ferngesteuertes U-Boot mit hochauflösenden Kameras wurde zu Wasser gelassen; obwohl starker Wind und hohe Wellen die Aktion behinderten, war es möglich, Aufnahmen zu machen, die bestätigten, das da ein Schiff in aufrechter Position auf dem Meeresboden liegt, zwar ohne die drei Masten, aber noch in intakter Form, sieht man von einigen fehlenden Deckplanken ab.



Sogar zwei Kanonen waren auszumachen. Die Archäologen sind inzwischen sicher, dass es sich entweder um HMS Erebus oder um HMS Terror handelt.

Ryan Harris, leitender Unterwasserarchaeloge von Parks Canada
Ryan Harris, leitender Unterwasserarchäloge von Parks Canada

Ist der Fund des Schiffes, wie der kanadische Ministerpräsident bei der Pressekonferenz erklärte, ein historischer Moment für Kanada? Die Suche nach Franklins verlorener Expedition hatte bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts dazu geführt, dass weite Bereiche der Arktis erkundet und kartiert worden waren. Während dieser Suchunternehmungen hatte die Crew der HMS Investigator schon 1850 das „missing link“ gefunden und sich davon überzeugt, dass es tatsächlich eine Passage vom atlantischen zum pazifischen Ozean gab, die berühmte „Nordwestpassage“ (vgl. auch Kanada-Lesebuch).

Erebus und Terror
HMS Erebus und HMS Terror, hist. Darstellung

Franklins Schiffe wurden zum „bedeutenden Bestandteil der kanadischen Geschichte“ erklärt, womit die Gebietsansprüche Kanadas für die Wasserwege im kanadischen arktischen Archipel untermauert werden sollen. Die britische Regierung hatte diese Inseln 1880 an Kanada übergeben. Die von der kanadischen Regierungsbehörde Parks Canada durchgeführte sechste Suchexpedition nach Erebus und Terror, bei der hunderte Quadratkilometer Meeresgrund in Queen-Maud-Golf und Viktoria Strait gescannt wurden, war in diesem Jahr von der Royal Canadian Geographical Society, der Arctic Research Foundation, der Canadian Coast Guard, der Royal Canadian Navy und der Territorialregierung von Nunavut unterstützt worden.

Blick auf das Wrack-Courtesy of Parks Canada
Das Team ist sich sicher: eines von Franklins Schiffen

Es wäre einfacher, zum Untermauern von Gebietsansprüchen das heranzuziehen, was die einst hier lebenden Menschen hinterließen: Es gibt tausende archäologische Stätten – Zeltringe, Steinmale, Reste von Behausungen – die Zeugnis davon ablegen, dass die Vorfahren der Inuit, die heute kanadische Staatsbürger sind, bereits vor Jahrtausenden den arktischen Archipel besiedelten.

Julius von Payers Gemaelde
Ölbild „Die Bay des Todes“ von Julius von Payer, 1897

Ein historischer Moment ist die Bekanntgabe des Fundes jedenfalls für die Schar von Enthusiasten mit verstärktem Interesse für die Entdeckungsgeschichte der Arktis, auf die das Mysterium um die verschollene Franklin-Expedition eine dauerhaft ungebrochene Faszination ausübt und die sämtliche neue Forschungsergebnisse, Artikel, Bücher etc. verfolgen und diskutieren: sie wollen wissen, was vor 166 Jahren mit Franklin, seinen Schiffen und der Crew von 129 Männern tatsächlich passierte.

Updated: Schiff positiv identifiziert

posted by Mechtild Opel



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