Schuhmacher und Polarforscher

Heute jährt sich J. A. Miertschings Todestag – 30.3.1875

Wir haben schon oft an ihn erinnert: so an seinem 140. Todestag vor drei Jahren an seine Umrundung Amerikas – oder im Jahr davor mit einem Kurzabriss seines Lebens.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Dieser Tage sprachen wir oft über Johann August Miertsching, den Sorben und Herrnhuter, den Schuhmacher und Polarforscher, den Pflanzenkundigen und Jäger – und vor allem den Mitmenschen seiner Gefährten, ob bei den Inuit in der kanadischen Arktis oder bei den Seeleuten an Bord von HMS Investigator.
Unser Vortrag im Völkerkundemuseum Herrnhut über den Sorben in der Arktis wurde mit große Interesse aufgenommen, und auch bei der Maćica Serbska in Bautzen fanden wir aufmerksame Zuhörer.

Miertschings letztes Wohnhaus in Kleinwelka
Miertschings letztes Wohnhaus in Kleinwelka

Bei unserem Vortrag „A New Take on Johann August Miertsching“, gehalten auf der Internationalen Polartagung in Rostock (27. International Polar Conference) stellten wir fest, dass – wie vermutet – Johann August Miertsching bei vielen der anwesenden Polarforscher nahezu unbekannt war. Im englischen Sprachraum ist Miertschings Reisetagebuch jedoch seit Jahrzehnten eine vielzitierte Quelle, besonders bei Polarhistorikern und Kulturanthropologen.

27. Internationale Polarkonferenz in Rostock

Das große Interesse an Miertsching lässt uns hoffen, dass er, wenn auch verspätet, endlich auch in heimischen Gefilden angemessen beachtet und gewürdigt wird.

posted by Mechtild Opel

Ohne Wodka kein Fischen

Nachdem die Pelztierjäger die Seekuh ausgerottet hatten – weil das Fleisch wie Rindfleisch schmeckte, wie dies der deutsche Naturforscher Steller in seinen Tagebuchaufzeichnungen 1740/41 beschrieb – war das Nächstliegende, auf den Kommandeur-Inseln Lachse zu fangen.
Die Fische dienten als Grundnahrung bei der Überwinterung auf der einsamen Insel und als Proviant für die Weiterfahrten im kommenden Frühjahr. Die Expansion verlief Richtung Osten, zu den unbekannten Aleuten-Inseln und zum Festland Amerika, von den russischen Seeleuten und Abenteurern unter der Führung reicher Kaufleute über die Jahrzehnte nach und nach erobert.


Detail einer frühen Karte von Chitrow, einem Teilnehmer der Bering-Expedition, mit Beringinsel, Stellerscher Seekuh, Pelzrobbe und Seelöwe

Geblieben über die Zeit ist der Fischfang, heute der einzige Erwerb auf der Bering-Insel. Die Fisch-Behörde in Kamtschatka teilt den Familien und Fischerbrigaden auf der Insel die Fluss-Reviere zu. Das kann von Jahr zu Jahr recht unterschiedlich sein.

Fischer mit Hund
Fischer mit Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine der Brigaden nimmt mich freundlicher Weise mit zum Fluss Podutjosnaya an der Westküste der Beringinsel. Am zeitigen Morgen ziehen dunkle Wolken auf, als würden sie schlechte Nachrichten ankündigen. Ich steige auf die offene Ladefläche des URAL’s. Das ist ein sowjetischer LKW, der die Wende vom Sozialismus zum Raubkapitalismus überlebte und sich in allen technischen Museen Westeuropas gut machen würde. Der über die Jahre deutlich sichtbare Verschleiß verrät nichts Gutes.

Zwei Fischer
Zwei Fischer – Foto © Ullrich Wannhoff

Auf der Ladefläche werde ich übermütig begrüßt, auch von zwei Fischern, die ich aus früheren Jahren kenne. Die Wodkafahne ummantelt mich herzlich. Wir fahren den steilen Dorfberg hoch, um auf der anderen Seite talwärts in Richtung Meeresufer zu gelangen.

Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer
Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Blüten des Eisenhuts
Blüten des Eisenhuts – Foto © Ullrich Wannhoff

Danach geht es auf einer aufgewühlten, schlammigen Straße parallel zum Ufer entlang. Umsäumt wird die Piste von Hochstauden wie Bärenklau, Greiskraut, Disteln und blau blühenden Eisenhut. Während der Hund über die Holzplanke bellt, flattern die auf den weißen Dolden sitzenden Petschora-Pieper davon.

Petschora-Pieper
Petschora-Pieper – Foto © Ullrich Wannhoff

Nicht lange, und der URAL steht. Die lange Motorhaube wird geöffnet und die Suche nach dem Fehler beginnt. Nach ein paar Handgriffen wird die Haube zugeknallt.
Doch einige hundert Meter weiter steht das Fahrzeug wieder. Ratlos öffnen Fahrer und Beifahrer die Motorhaube. Kein Benzin will in den Motor. Warum nicht, geht die Pumpe nicht? Ein Blick in den bauchigen Tank unter der Ladefläche verrät das Übel. Das Sieb ist voller Schlamm, der kein Benzin durchlässt.

Die Suche nach dem Fehler
Die Suche nach dem Fehler – Foto © Ullrich Wannhoff

Reparatur
Reparatur – Foto © Ullrich Wannhoff

Nach der Reinigung läuft es wie geschmiert, und wir fahren durch die Flüsse. Das schnell fließende Wasser kommt von den Bergen und füllt das Meer. Sobald die rotierenden Räder des Fahrzeuges das Kiesbett der Flüsse erreichen, spritzen hunderte von Buckellachsen auseinander. Wer will schon überfahren werden und das noch unter Wasser. Während der Fahrt wird eine Wodkaflasche herumgereicht. Jeder hat wohlbehütet ein Gläschen unter seiner Jacke. „Ulli, ein bisschen Kultur muss sein“, und ich nicke lächelnd.

Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund
Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Wir beziehen die Hütte in der Podutjonaya Bucht, die Iwan, eine Aleut, vorher schon beheizt hatte. Es wird in Ruhe ausgiebig gefrühstückt. Keine Eile, warum auch? Man begutachtet den Fluss mit runzelnder Stirn. Zu wenig Fische und zu viele abgelaichte Lachse, wird mir mitgeteilt.
Die Fischer spannen ein Netz über den Fluss. Mit diesem Netz laufen die Männer dem Meer entgegen und ziehen es kurz zuvor kreisartig zusammen. Hunderte Lachse zappeln im Netz. Die Abgelaichten werden sofort ins Wasser geworfen, die anderen kommen in Kisten.

Kleine Ausbeute an Buckellachs
Kleine Ausbeute an Buckellachs – Foto © Ullrich Wannhoff

Aussortieren der Lachse
Aussortieren der Lachse – Foto © Ullrich Wannhoff

Leerer Bottich
Leerer Bottich – Foto © Ullrich Wannhoff

Drei große Bottiche stehen auf der Ladefläche. Nur einer wird mit den Kisten gefüllt. Der zweite Versuch bringt noch weniger. Sie ziehen das Ölzeug aus und rauchen. Anschließend fahren sie lustlos zurück. Nicht ganz. Eine Wodkaflasche wird herum gereicht.

Transport- und Passagierschiff Sawoiko
Transport- und Passagierschiff Sawoiko – Foto © Ullrich Wannhoff

Lachse in der Schwebe
Lachse in der Schwebe – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Im Dorf kommen die Lachse in verpackten Kisten in Kühlcontainer, und dort warten sie, bis das marode Schiff „Sawoika“ kommt. Es grenzt an Wunder, das dieses von Kamtschatka aus die Insel erreicht. Über dreißig Tonnen Lachs und Kaviar (in diesem Jahr viel zu wenig) verschwinden in den Ladeluken. Wohin danach? Keine Ahnung, vielleicht nach Moskau…

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Passagiere
Passagiere – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff
Hier gibt es mehr über die Beringinsel und Ullis Erlebnisse dort

Berlinale-Impressionen: Asinnajaq’s „Three Thousand“

Ausführliches über den Film gibt es hier, nun noch ein paar visuelle Impressionen vom heutigen Abend im Zoopalast, wo „Three Thousand“ gemeinsam mit „Fata Morgana“, einem Film über Tschuktschen, ihre Kolonialisierung und die heutigen Überlebenskämpfe, gezeigt wurde.
Copyright für alle Fotos: Wolfgang Opel

Poster am Eingang
Vor dem Kinosaal im Zoopalast

Three_Thousand_Q&A
Nach dem Film: Fragen und Antworten

Die Filmemacherin Asinnajaq
Asinnajaq, aka Isabella-Rose Weetaluktuk – Foto © Wolfgang Opel

Asinnajaq über ihren Film: „The purpose for me in work is not so much to shame anyone. It’s more to show how strong we can be as people ….. it’s about me and where I‘m from and all of us and how strong we are. And that’s why it’s going into the future and saying that we can have a world that we wanna have…“

Fata_Morgana
Anastasia Lapsui und Markku Lehmuskallio schufen den Film „Fata Morgana“

Wo die Atemluft zu Nebel wird –
„Three Thousand“ von Asinnajaq

Update: Hier einige Impressionen vom Filmabend im Berlinale-Kino Zoopalast

Es sind nur 12 Minuten Film, doch welche Fülle und Intensität!
Zarte farbige, abstrakte Gebilde bewegen sich, fließen und setzen sich neu zusammen, während die ersten Sätze erklingen wie Musik, gesprochen in Inuktitut und gleich darauf in englischer Übersetzung, in denen Asinnajaq eigentlich Unfassbares umreißt: „…jetzt lebe ich, aber ich werde sterben, und es wird eine Welt geben, in der ich nicht existiere“. Wie Poesie klingen auch die nächsten Worte, doch sie sind auch konkret, einfache Realität: “Mein Vater wurde im Frühlings-Iglu geboren – halb aus Schnee, halb aus Tierhäuten. Ich wurde im Krankenhaus geboren, mit Gelbsucht und zwei Zähnen“. Zwei Sätze, die das Tempo der Zeit erfassen, einen Generationswechsel – einen kulturellen Umbruch.

Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char
Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char

Beim Klang von Inuit-Kehlgesang zerfließen die farbigen Gebilde, geben den Blick frei auf eine eisbedeckte Meeresbucht vor hohen Bergen, auf Pitsik, rohe rote Fische, die zum Trocknen aufgehängt sind, auf eine schneebedeckte Tundralandschaft, über die der Wind fegt. Ein Hundeschlittengespann, Iglus, Frauen bei der Arbeit, neugierige Kinder … – Szenen aus alten Dokumentarfilmen in Schwarzweiß: Impressionen aus dem Alltagsleben der Inuit vor Jahrzehnten.

Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek
Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek

Szenenwechsel: Das Schiff „Arctic“ kämpft sich durch raue See, Inuit bereiten den Landungssteg vor, Kapitän Bernier, ein bekannter Polarfahrer, defiliert in Uniform vor den am Rand versammelten Inuit, an die Süßigkeiten ausgeteilt werden: Bilder einer Zeit, in der koloniale Attitüden gegenüber indigenen Völkern offensichtlich waren – und in der einschneidende Umwälzungen eingeleitet wurden, wie in der Folge erkennbar wird.

Die Filmemacherin Asinnajaq
Die Filmemacherin Asinnajaq – Foto: Alex Tran

Die junge Inuit-Filmemacherin Asinnajaq ist Absolventin des NSCAD in Halifax, in Montreal geboren und aufgewachsen, aber der Welt ihrer Vorfahren fest verbunden. Sie verwendet Filmmaterial aus den Archiven des NFB (das National Film Board of Canada, das den Film auch produziert hat), darunter Dokumentationen, Propaganda- und Bildungsfilme wie auch Spielfilme von Inuit-Filmschaffenden; kombiniert mit Animationen schafft sie daraus eine faszinierende Collage.
Farbige Naturaufnahmen zeigen arktische Tiere, wie Karibus, die erstaunlicherweise in der schneebedeckten Tundra existieren können – genau wie die Inuit; trotz aller Unwirtlichkeit, der unerbittlichen Kraft der Natur in diesen hohen Breitengraden. Wir, weiter südlich lebend, gewöhnt an milderes Klima, könnten dort kaum überleben; die Inuit tun es seit Jahrtausenden, es ist ihre Heimat – die sich gerade radikal verändert.

Gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden
Ein Fourwheeler, gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden

Die „Videoschnipsel“ aus dem NFB-Archiv zeigen, wie die Inuit in erstaunlicher Weise, unter Nutzung der lokalen Ressourcen und mit einfachsten Mitteln ihr Leben meisterten und meistern. Viele der gezeigten Handlungen erscheinen uns nahezu archaisch. Das Abhäuten von Tieren, das Trocknen und Reinigen von Pelzen, das Schneiden von Lederriemen aber gehört noch immer zum Alltagsleben (wie auch der auf der Berlinale 2017 vorgestellte Film Angry Inuk zeigte) – dies auch in der großen arktischen Siedlung mit Supermarkt, Strom- und Wasserversorgung, farbenfrohen Häusern und modernen Küchen. Neugierige Kinder im Klassenzimmer, ein großes Fabrikgebäude in arktischer Landschaft und Inuit in der Essenspause in der Werkkantine stehen für den radikalen Umbruch. Der Fourwheeler hat das Hundeschlittengespann abgelöst, doch es ist noch immer Arktis; wo im Winter die Atemluft gefriert; wo auch die Kleinkinder wissen, dass ein totes Tier neben ihnen bedeutet, dass es etwas zu Essen gibt.

Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert
Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert in Zusammenarbeit mit Patrick Doan

Packend die Intensität der Szenen, die in schneller Folge wechseln – und doch immer wieder Ruhepole zeigen: eine behaarte Raupe im Tundragras; die Großmutter, die ein kunstvolles Behältnis aus trockenem Gras flicht. Das alles eingebettet in Schichten von traumartigen Animationen, die sich in Landschaftsbildern auflösen; Musik, anfangs weich und sanft, sphärische Klänge, konturiert durch den rauen, hektischen Kehlgesang (hier wirkt auch Tanya Tagaq mit) – bereichert durch Naturgeräusche. Es ist Poesie, und es ist Alltag. Und es wird zur Vision, wenn Asinnajaqs digitale Animationen in die Zukunft führen, in das Jahr Dreitausend: unter den Nordlichtern im Dunkel der Polarnacht – oder des Universums? – glüht eine futuristische Inuit-Siedlung auf; ein Elternpaar in traditioneller Kleidung, das Baby im Amauti, schaut von einem Berg auf die strahlende Lichtkuppel im Zentrum der Siedlung: Kontinuität und Hoffnung.

Filmposter, Ausschnitt
Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt

Three Thousand, eine Produktion des National Film Board of Canada, ist auf der Berlinale zu sehen:
Dienstag, 20.3.2018, 22:00 Uhr im Zoopalast, Hardenbergstraße 29A,
Freitag, 23.2.2018, 21:30 Uhr im Cinestar IMAX, Sony-Center, Potsdamer Straße 4.

posted by Mechtild Opel

Die Einsamkeit des Kapitäns

Gedanken am Geburtstag von Robert Le Mesurier McClure

Als Robert McClure am 28. Januar 1807 in Wexford (Irland) geboren wurde, war er bereits Halbwaise; daher trägt er auch den Namen von Le Mesurier, dem hochgestellten Freund des Vaters, der den Knaben adoptierte und einige Zeit für seine Erziehung und Ausbildung sorgte. Bei der Royal Navy musste McClure sich allerdings Aufstieg und Beförderungen hart und langwierig erkämpfen, ohne jede Protektion. Es dauerte bis 1850, dass er erstmals als Kapitän ein Schiff befehligte: HMS Investigator, die zusammen mit HMS Enterprise unter Kapitän Collinson zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition aufbrach.

Plymouth Harbour im 19. Jh - unbekannter Meister
Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister

Miertsching berichtet vom 18. Januar 1850, als er vor Beginn der Reise in Plymouth Sound bei den Schiffen eintraf: „Kapitän Collinson und sein Gast Comander McClure von dem Investigator hatten soeben ihr Mittagsmahl beendigt, und bewillkommten mich aufs freundlichste“. Die Kapitäne speisten also miteinander; war ihre Trennung von den Offzieren bei den Mahlzeiten, ebenso wie die Trennung letzterer von der „gewöhnlichen“ Mannschaft, eine Maßnahme, um die strikte Rangordung an Bord und die Disziplin zu wahren? „Die Officiere essen 2 Uhr, der Kapitain 4 Uhr Mittag“, schreibt Miertsching am ersten Reisetag. In welcher Situation befindet sich der wichtigste Entscheidungsträger an Bord der Investigator? Die Offiziere trafen sich im ward room oder gun room, leisteten dort einander Gesellschaft, lachten, scherzten, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinam ein. Der Kapitän dagegen, der eine sehr große Kabine hatte – in der sich natürlich auch Kartentisch und nautische Instrumente befanden – tafelte dort in der Regel mutterseelenallein, und nur selten, bei besonderen Anlässen wie etwa am Silvestertag 1851, lud er die Offiziere dazu ein.

Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte
Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London

Wie kollegial durfte und konnte damals ein Kapitän mit seinen Untergebenen umgehen? Man weiß, dass Kapitän Collinson mit den Offizieren von HMS Enterprise aneinander geriet, sie schließlich sämtlich unter Arrest stellte. Auch Admiral Belcher, dessen Kompetenz wohl im Gegensatz zu seiner Macht stand, hatte bei der Durchsetzung seiner Autorität Probleme. War etwa die eigene Position in Gefahr, wenn man sich mit anderen beriet und auf Kritik einging? Mir ist nicht bekannt, dass Kapitän Kellet, Kommandant von HMS Resolute, solchen Konflikten gegenüberstand. Doch welche Gratwanderung mag es sein, wenn das eigene Selbstvertrauen vielleicht nicht der hohen Verantwortung entspricht, wenn man zudem die jungen Offiziere für zu unerfahren hält, wenn ein Teil der Mannschaft ein disziplinloser Haufen ist, und man sein Gesicht, seine Autorität um jeden Preis wahren muss, bei Strafe von Meuterei?

HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson
HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson

Miertsching, der Außenseiter an Bord von HMS Investigator, ist eine Landratte, er ist kein Offizier, auch wenn er auf Anweisung des Kapitäns als solcher zu behandeln ist, und er versteht anfangs kaum Englisch. In den ersten Wochen und Monaten an Bord erlebt er ständige „Zänckerei zwischen dem Kapitän und den Officieren“ und hält sich nach Möglichkeit davon fern.
Doch wiederholt wird Miertsching vom Kapitän zu Tisch geladen. Sein Tagebucheintrag vom 8. Februar 1850 lautet: „Von Heute an soll ich jeden Mittag 12 Uhr zum Kapitain kommen, und mit ihm ein Glas Wein trinken (Luncheon). Meine Bücher und Schreibereien, die ganz naß und feucht sind, so wie meine Guittare soll ich von nun an in des Kapitains Kajüte haben.“ Zudem berichtet er in Abständen davon, dass er mit dem Kapitän zu Abend speiste. Warum diese Sonderbehandlung? Sucht der einsame McClure die Gegenwart eines anderen Einsamen? Sucht er gar Trost?

Der Geburtsort McClures, Wexford
Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia

Miertsching erlebt McClure in der Auseinandersetzung mit der Mannschaft als ungeduldig und jähzornig, zum Beispiel als bei einem Sturm die Takelage Schaden nahm, während der diensthabende Offizier unter Deck war: „Der Kapitain war wüthend böse; förmlicher Unmensch“, schreibt er am 15. Mai 1850, doch drei Tage später heisst es: „Der Kapitain war heute sehr freundlich, und ich mußte den Tag über in seiner Kabine sein. Unsere Unterhaltungen waren lang und interessant; es schien ihm Leid zu thun dass er sich dieser Tage so vergessen hatte“. Nach der Abfahrt von Hawaii in die Bering Strait ist Miertsching erleichtert: „Das unangenehme Verhältniß zwischen dem Kapitain und Officieren hatte sich in den wenigen Tagen in ein sehr angenehm und freundliches verwandelt… Der Kapitain war bei uns zu Tische…“.

McClure_National_Portrait_Gallery_London
Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London

Doch mit wem bespricht der Kapitän seine Entscheidungen? Aus Miertschings Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass er sich mit seinen Offizieren beraten hätte. Hingegen sucht er in schwierigen Situationen oft die Gegenwart des als Übersetzers eingestellten Herrnhuter Bruders. Ist da endlich einer, mit dem er mal reden, sich aussprechen kann, ohne in Gefahr zu laufen, dass dies seiner Autorität Abbruch tut?
Man sollte aber nicht glauben, dass der so „bevorzugte“ Miertsching nun immer mit dem Kapitän einer Meinung war. So beklagt er im Tagebuch am 30.11.1850: „Ich habe rheumatische Schmerzen in allen Gliedern und fortwährend ist mir kalt; zum Auswärmen oder Kleidertrocknen ist keine Gelegenheit, weil die Schiffsöfen nicht geheizt werden; denn der Kapitain glaubt, Wärme ist dem Menschen schädlich, sagt: die Eskimo haben keine Öfen und keine Feuer, sind dabei die gesündesten Menschen. Der Kapitain … feuert in seinem Stubenofen täglich 32 Pfund Steinkohlen“. Miertsching erwähnt auch seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kapitän, wenn dieser mit ihm etwa über die Bestrafung von Delinquenten und vor allem über religiöse Fragen diskutierte.

im arktischen Eis
Eis, wohin das Auge blickt

Nach der ungeplanten Trennung von HMS Enterprise war die 65-köpige McClure-Expedition bereits im Herbst 1850 auf das damals fehlende Glied der langgesuchten Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik gestoßen; doch die Männer mussten noch harte und entbehrungsreiche Jahre in einer der entlegendsten Gegenden der Arktis zubringen, bevor sie gerettet wurden. Ihr Schiff, HMS Investigator, musste schließlich im Eis der Arktis zurückgelassen werden, wo es Unterwasserarchäologen von Parks Canada erst 2010 fanden.

Finden des Wracks
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Die Zeit der Entbehrungen und Hoffnungslosigkeit wirkt sich auf das psychische Befinden der Männer aus – auch auf ihren Kapitän. Miertsching, der McClure oft zur Jagd und auf Spaziergängen begleitete, bemerkt in seinem Tagebuch: „Es thut mir Leid um unsern viel geprüften werthen Kapitain; er muß sich zwingen guten Muth zu zeigen.“ Im dritten Winter im vom Eis eingeschlossenen Schiff, in der Zeit von drastischen Hunger und um sich greifenden Skorbut, mit wenig Hoffnung auf Rettung, bringt Miertsching Verständnis für die schwierige Situation des Kapitäns auf: „Ach wie mag es dem von Sorgen und Kummer niederdrückenden Kapitain zu Muthe sein, wenn er seine einst so starken, rüstigen und gesunden, und nun kaum sich aufrecht haltenden dahinwelkenden Matrosen ansieht!

HMS Investigator im Polareis
HMS Investigator im Polareis – Buchillustration

In dieser verzweifelten Lage mussten überaus schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr mit Segeltechnik und Navigation zu tun hatten: Wie klein darf und wie groß muss die Ration für den Einzelnen sein, damit alle, oder möglichst viele, überleben können? Harrt man an Bord des eingefrorenen Schiffes aus und hofft auf einen warmen Sommer und verhungert gemeinsam – oder muss das Schiff verlassen werden? Zumindest von Teilen der Mannschaft? Wen sendet man fort, wohin soll zu Fuß übers Eis oder Land gewandert werden, wo ist die Aussicht auf Rettung am größsten?

Leutnant Pim taucht auf - die Mannschaft ist gerettet
Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration

Wohl keiner von uns wüsste, was in einer so verzweifelten Lage zu tun wäre, und so ist es zwar heute einfach, aber nicht ganz gerecht, McClure für seine einsamen Enscheidungen zu verurteilen, auch wenn das Aufteilen der Mannschaft und Aussenden der kranken Männer zu Fuss mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Tod eines großen Teils bewirkt hätte. Vielleicht aber wäre es auch eine – wenn auch geringe – Möglichkeit des Überlebens, zumindest für Einige, gewesen? Und welche andere Chance hätte es denn noch gegeben, wenn nicht unvermutet Rettung aufgetaucht wäre? – Vier Männer der McClure-Expedition fanden ihren letzten Ruheplatz in der Arktis – nur vier; es hätten leicht auch viel mehr sein können, bedenkt man das Schicksal der Franklin-Expedition.

Das Grab von Thomas Morgan auf Beechey Island
Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut

Die Nordwestpassage wurde nicht von einer einzelnen Person entdeckt. Dutzende hatten ihren Anteil an der Kartierung der unbekannten Küsten und Meeresstraßen, und die „Passage“ ergab sich erst aus dem Zusammenfügen dieser Landkarten und Erkenntnisse. McClure und seine Männer aber waren zumindest die ersten, die die gesamte Nordwestpassage durchquerten, wenn auch auf mehreren Schiffen und teilweise zu Fuß. Bei aller berechtigten und vielleicht auch unberechtigten Kritik an der Person McClures ist dies eine der bemerkenswertesten Leistungen bei der Erforschung der Arktis.

Grabmal McClures auf dem Kensal Green Cemetery
Grabinschrift für McClure:
„In Memory of Vice Admiral Sir Robert John le M. McClure C.B. Born 28 January 1807 died 17 October 1873. As Captain of HMS ‚Investigator‘ AD 1850-54 he discovered and accomplished the Northwest Passage“ – „Thus we launch into this formidable frozen sea“ – „SPES MEA IN DEO“

posted by Mechtild Opel

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auch, wenn Sie oben, unter der Überschrift, auf die Schalftfläche „Miertsching“ klicken, und danach weitere, wenn Sie im Archiv der Kategorie Miertsching oben links auf „Älter“ klicken. Dort sind einige Seiten mit jeweils mehreren Artikeln verfügbar.



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