Vulkane, Tang und Krebse

Evolutionsbeobachtungen im Gezeitengewässer auf der Beringinsel

Mein Fotoapparat mit Tele liegt verloren und unauffindbar in der Weite der Tundra. Grund genug, sich nicht nur mit Vögeln zu beschäftigen. Dazu kommt die wunderbare Lektüre von Raoul Schrott „Erste Erde Epos“, das ich vor meiner Reise zu lesen begann und dessen faszinierende Themen mich bis heute in Bann ziehen. Die Kommandeurinseln sind aus starken Vulkaneruptionen unter den Ozeanboden entstanden. Das Meer kochte und zischte, als vor Millionen Jahren diese glühende Inselgruppe als Landmasse sichtbar erschien. Noch viele hunderte Jahre vergingen, und die ersten Lebewesen besiedelten diese kargen Inseln, wie ich es heute noch beobachten kann. Ein Versuch, in dieser Kürze, und in Ansätzen, die Evolution wiederzugeben.

Blasentang-Feld
Blasentang-Feld – Foto © Ullrich Wannhoff

Graue, dunkle Wolkenbänke treibt der Wind über die aufbrausende See. Das wenige Licht wird nur durch die weißen Schaumkronen unterbrochen. Das grünlich, schwarze Meer verschluckt den schwarzen Basalt. Die starken Wellen zerren an den Algen. Ein großes helles, ockerfarbenes Blasentangfeld überzieht die Benthalzone. Im flachen Bereich der Gezeitenzonen bedecken Rotalgen und Grünalgen den erkalteten Lavaboden. Die letztere Algenart wanderte vor vielen Millionen Jahren an Land. Sie waren die ersten pflanzenartigen Gewächse, die unsere Erde begrünten, halb Tier, halb Pflanze. Die ersten richtigen Pflanzen waren die Leber- und Hornmoose, die sich von den Grünalgen abspalteten. Die Flechten an den Steinen bestehen aus Grünalgen und Pilzen.

Rotalgen
Rotalgen – Foto © Ullrich Wannhoff

Gruenalgen an einer Suesswassermuendung
Grünalge an einer Süßwassermündung – Foto © Ullrich Wannhoff

Krustenflechte
Krustenflechte – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Ebbe beginnt, und die schwarzen Lavafelder werden frei gelegt. Im Niedrigwasser finden wir Lebewesen, die an die Kambrium-Zeit erinnern. Das zurückgelassene Wasser ist von Kleinstlebewesen besiedelt.

Plattwuermer
Plattwürmer – Foto © Ullrich Wannhoff

Fast alle Arten sind lichtscheu. Erst nach längerem Hinschauen bemerkt man, wie die Lebewesen von einem Schatten zum nächsten huschen. Andere lauern unter den Hohlräumen der Steine. Solange das Ebbefeld frei lag, drehte ich viele, viele Steine um – und fand eine Vielfalt an Lebewesen, die aus einer Zeit stammen, wo Gondwana sich als tektonische Platte aus dem Meer hob.

Seeanemone
Seeanemone – Foto © Ullrich Wannhoff

Ich beobachte eine Seeanemone. In der Evolutionsgeschichte ist diese Art älter als die Plattwürmer. Seeanemonen besitzen keine Blut- und Kreislaufsysteme und mussten daher flach bleiben. Der Verdauungstrakt bildete sich heraus. Eine Weiterentwicklung sind die Peniswürmer, die ihren rüsselförmigen Kopf in ihren Hautmuskelsack verstecken können.

Peniswuermer ausgezogen
Peniswürmer in ausgezogener Form – Foto © Ullrich Wannhoff

Peniswurm
Peniswurm zusammengezogen – Foto © Ullrich Wannhoff

Die ältesten Spuren davon finden wir in Neufundland, einem Eldorado für Paläontologen, die das Kambrium lieben. Einen evolutionären Vorteil besitzt der Ringelwurm (in der Form ähnlich wie an Land der Tausendfüßler). Seine schnelle Fortbewegung erzeugen– anstelle von Füßen – die viele Borsten, die an den Ringmuskeln ansetzen und eine schlängelnde Fortbewegung ermöglichen, um seinen Feinden zu entkommen. Auf dem Foto schwimmt ein Ringelwurm ohne Kopf zielgerichtet weiter. Möglich, dass es noch kein zentrales Nervensystem gibt.

Ringelwurm
Ringelwurm – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine weitere Entwicklung sind die Schnecken, deren gesamter Körper sich in einer harten Schale, in einem Häuschen befindet. Ihre Langsamkeit ist kein Nachteil, sonst würden sie heute nicht mehr leben. Gerne sitzen sie an Klippensteinen oder an den langblättrigen Braunalgen.

Meeresschnecken bedecken das Lavagestein
Meeresschnecken bedecken das Lavagestein – Foto © Ullrich Wannhoff

Meeresschnecken an Braunalgen
Meeresschnecken an Braunalgen – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine Meeresassel bildet auf dem Rücken eine harte Schale und kann somit ihre Weichteile schützen – damit besitzt sie einen existenziellen Vorsprung im „Wettrüsten“ mit anderen Arten.

Meerassel
Meeresassel – Foto © Ullrich Wannhoff

Millionen Strandflohkrebse leben in den Gezeitengewässern und am feuchten Ufer im nassen Sand oder vom Meer ausgeworfenen Tang.

Flohkrebs
Flohkrebs – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine andere Form der Fortbewegung haben die Einsiedlerkrebse. Sie nutzen die leeren Schneckengehäuse und stecken ihr leicht verletzbaren weichen, hinteren Körperteil hinein, so dass nur die wehrhaften Schere herausschauen – und ihre Fühler.

Einsiedlerkrebs
Wehrhafte Schere eines Einsiedlerkrebses – Foto © Ullrich Wannhoff

Noch viele Millionen Jahre vergingen, und die ersten Fische entwickelten sich. Ich beobachte in dem zurück gelassenen Wasser auf den Ebbefeldern Grundel und Wolfsfische. Noch weitere hundert Millionen Jahren vergingen bis zum Anthropozän, wo der Mensch aktiv in die Evolution eingreift und sein Gehirn der Datenbank abgibt.

posted by Ullrich Wannhoff

Schuhmacher und Polarforscher

Heute jährt sich J. A. Miertschings Todestag – 30.3.1875

Wir haben schon oft an ihn erinnert: so an seinem 140. Todestag vor drei Jahren an seine Umrundung Amerikas – oder im Jahr davor mit einem Kurzabriss seines Lebens.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Dieser Tage sprachen wir oft über Johann August Miertsching, den Sorben und Herrnhuter, den Schuhmacher und Polarforscher, den Pflanzenkundigen und Jäger – und vor allem den Mitmenschen seiner Gefährten, ob bei den Inuit in der kanadischen Arktis oder bei den Seeleuten an Bord von HMS Investigator.
Unser Vortrag im Völkerkundemuseum Herrnhut über den Sorben in der Arktis wurde mit große Interesse aufgenommen, und auch bei der Maćica Serbska in Bautzen fanden wir aufmerksame Zuhörer.

Miertschings letztes Wohnhaus in Kleinwelka
Miertschings letztes Wohnhaus in Kleinwelka

Bei unserem Vortrag „A New Take on Johann August Miertsching“, gehalten auf der Internationalen Polartagung in Rostock (27. International Polar Conference) stellten wir fest, dass – wie vermutet – Johann August Miertsching bei vielen der anwesenden Polarforscher nahezu unbekannt war. Im englischen Sprachraum ist Miertschings Reisetagebuch jedoch seit Jahrzehnten eine vielzitierte Quelle, besonders bei Polarhistorikern und Kulturanthropologen.

27. Internationale Polarkonferenz in Rostock

Das große Interesse an Miertsching lässt uns hoffen, dass er, wenn auch verspätet, endlich auch in heimischen Gefilden angemessen beachtet und gewürdigt wird.

posted by Mechtild Opel

Ohne Wodka kein Fischen

Nachdem die Pelztierjäger die Seekuh ausgerottet hatten – weil das Fleisch wie Rindfleisch schmeckte, wie dies der deutsche Naturforscher Steller in seinen Tagebuchaufzeichnungen 1740/41 beschrieb – war das Nächstliegende, auf den Kommandeur-Inseln Lachse zu fangen.
Die Fische dienten als Grundnahrung bei der Überwinterung auf der einsamen Insel und als Proviant für die Weiterfahrten im kommenden Frühjahr. Die Expansion verlief Richtung Osten, zu den unbekannten Aleuten-Inseln und zum Festland Amerika, von den russischen Seeleuten und Abenteurern unter der Führung reicher Kaufleute über die Jahrzehnte nach und nach erobert.


Detail einer frühen Karte von Chitrow, einem Teilnehmer der Bering-Expedition, mit Beringinsel, Stellerscher Seekuh, Pelzrobbe und Seelöwe

Geblieben über die Zeit ist der Fischfang, heute der einzige Erwerb auf der Bering-Insel. Die Fisch-Behörde in Kamtschatka teilt den Familien und Fischerbrigaden auf der Insel die Fluss-Reviere zu. Das kann von Jahr zu Jahr recht unterschiedlich sein.

Fischer mit Hund
Fischer mit Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine der Brigaden nimmt mich freundlicher Weise mit zum Fluss Podutjosnaya an der Westküste der Beringinsel. Am zeitigen Morgen ziehen dunkle Wolken auf, als würden sie schlechte Nachrichten ankündigen. Ich steige auf die offene Ladefläche des URAL’s. Das ist ein sowjetischer LKW, der die Wende vom Sozialismus zum Raubkapitalismus überlebte und sich in allen technischen Museen Westeuropas gut machen würde. Der über die Jahre deutlich sichtbare Verschleiß verrät nichts Gutes.

Zwei Fischer
Zwei Fischer – Foto © Ullrich Wannhoff

Auf der Ladefläche werde ich übermütig begrüßt, auch von zwei Fischern, die ich aus früheren Jahren kenne. Die Wodkafahne ummantelt mich herzlich. Wir fahren den steilen Dorfberg hoch, um auf der anderen Seite talwärts in Richtung Meeresufer zu gelangen.

Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer
Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Blüten des Eisenhuts
Blüten des Eisenhuts – Foto © Ullrich Wannhoff

Danach geht es auf einer aufgewühlten, schlammigen Straße parallel zum Ufer entlang. Umsäumt wird die Piste von Hochstauden wie Bärenklau, Greiskraut, Disteln und blau blühenden Eisenhut. Während der Hund über die Holzplanke bellt, flattern die auf den weißen Dolden sitzenden Petschora-Pieper davon.

Petschora-Pieper
Petschora-Pieper – Foto © Ullrich Wannhoff

Nicht lange, und der URAL steht. Die lange Motorhaube wird geöffnet und die Suche nach dem Fehler beginnt. Nach ein paar Handgriffen wird die Haube zugeknallt.
Doch einige hundert Meter weiter steht das Fahrzeug wieder. Ratlos öffnen Fahrer und Beifahrer die Motorhaube. Kein Benzin will in den Motor. Warum nicht, geht die Pumpe nicht? Ein Blick in den bauchigen Tank unter der Ladefläche verrät das Übel. Das Sieb ist voller Schlamm, der kein Benzin durchlässt.

Die Suche nach dem Fehler
Die Suche nach dem Fehler – Foto © Ullrich Wannhoff

Reparatur
Reparatur – Foto © Ullrich Wannhoff

Nach der Reinigung läuft es wie geschmiert, und wir fahren durch die Flüsse. Das schnell fließende Wasser kommt von den Bergen und füllt das Meer. Sobald die rotierenden Räder des Fahrzeuges das Kiesbett der Flüsse erreichen, spritzen hunderte von Buckellachsen auseinander. Wer will schon überfahren werden und das noch unter Wasser. Während der Fahrt wird eine Wodkaflasche herumgereicht. Jeder hat wohlbehütet ein Gläschen unter seiner Jacke. „Ulli, ein bisschen Kultur muss sein“, und ich nicke lächelnd.

Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund
Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Wir beziehen die Hütte in der Podutjonaya Bucht, die Iwan, eine Aleut, vorher schon beheizt hatte. Es wird in Ruhe ausgiebig gefrühstückt. Keine Eile, warum auch? Man begutachtet den Fluss mit runzelnder Stirn. Zu wenig Fische und zu viele abgelaichte Lachse, wird mir mitgeteilt.
Die Fischer spannen ein Netz über den Fluss. Mit diesem Netz laufen die Männer dem Meer entgegen und ziehen es kurz zuvor kreisartig zusammen. Hunderte Lachse zappeln im Netz. Die Abgelaichten werden sofort ins Wasser geworfen, die anderen kommen in Kisten.

Kleine Ausbeute an Buckellachs
Kleine Ausbeute an Buckellachs – Foto © Ullrich Wannhoff

Aussortieren der Lachse
Aussortieren der Lachse – Foto © Ullrich Wannhoff

Leerer Bottich
Leerer Bottich – Foto © Ullrich Wannhoff

Drei große Bottiche stehen auf der Ladefläche. Nur einer wird mit den Kisten gefüllt. Der zweite Versuch bringt noch weniger. Sie ziehen das Ölzeug aus und rauchen. Anschließend fahren sie lustlos zurück. Nicht ganz. Eine Wodkaflasche wird herum gereicht.

Transport- und Passagierschiff Sawoiko
Transport- und Passagierschiff Sawoiko – Foto © Ullrich Wannhoff

Lachse in der Schwebe
Lachse in der Schwebe – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Im Dorf kommen die Lachse in verpackten Kisten in Kühlcontainer, und dort warten sie, bis das marode Schiff „Sawoika“ kommt. Es grenzt an Wunder, das dieses von Kamtschatka aus die Insel erreicht. Über dreißig Tonnen Lachs und Kaviar (in diesem Jahr viel zu wenig) verschwinden in den Ladeluken. Wohin danach? Keine Ahnung, vielleicht nach Moskau…

Der Kaviar geht in die Ladeluke
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff

Passagiere
Passagiere – Foto © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff
Hier gibt es mehr über die Beringinsel und Ullis Erlebnisse dort

Berlinale-Impressionen: Asinnajaq’s „Three Thousand“

Ausführliches über den Film gibt es hier, nun noch ein paar visuelle Impressionen vom heutigen Abend im Zoopalast, wo „Three Thousand“ gemeinsam mit „Fata Morgana“, einem Film über Tschuktschen, ihre Kolonialisierung und die heutigen Überlebenskämpfe, gezeigt wurde.
Copyright für alle Fotos: Wolfgang Opel

Poster am Eingang
Vor dem Kinosaal im Zoopalast

Three_Thousand_Q&A
Nach dem Film: Fragen und Antworten

Die Filmemacherin Asinnajaq
Asinnajaq, aka Isabella-Rose Weetaluktuk – Foto © Wolfgang Opel

Asinnajaq über ihren Film: „The purpose for me in work is not so much to shame anyone. It’s more to show how strong we can be as people ….. it’s about me and where I‘m from and all of us and how strong we are. And that’s why it’s going into the future and saying that we can have a world that we wanna have…“

Fata_Morgana
Anastasia Lapsui und Markku Lehmuskallio schufen den Film „Fata Morgana“

Wo die Atemluft zu Nebel wird –
„Three Thousand“ von Asinnajaq

Update: Hier einige Impressionen vom Filmabend im Berlinale-Kino Zoopalast

Es sind nur 12 Minuten Film, doch welche Fülle und Intensität!
Zarte farbige, abstrakte Gebilde bewegen sich, fließen und setzen sich neu zusammen, während die ersten Sätze erklingen wie Musik, gesprochen in Inuktitut und gleich darauf in englischer Übersetzung, in denen Asinnajaq eigentlich Unfassbares umreißt: „…jetzt lebe ich, aber ich werde sterben, und es wird eine Welt geben, in der ich nicht existiere“. Wie Poesie klingen auch die nächsten Worte, doch sie sind auch konkret, einfache Realität: “Mein Vater wurde im Frühlings-Iglu geboren – halb aus Schnee, halb aus Tierhäuten. Ich wurde im Krankenhaus geboren, mit Gelbsucht und zwei Zähnen“. Zwei Sätze, die das Tempo der Zeit erfassen, einen Generationswechsel – einen kulturellen Umbruch.

Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char
Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char

Beim Klang von Inuit-Kehlgesang zerfließen die farbigen Gebilde, geben den Blick frei auf eine eisbedeckte Meeresbucht vor hohen Bergen, auf Pitsik, rohe rote Fische, die zum Trocknen aufgehängt sind, auf eine schneebedeckte Tundralandschaft, über die der Wind fegt. Ein Hundeschlittengespann, Iglus, Frauen bei der Arbeit, neugierige Kinder … – Szenen aus alten Dokumentarfilmen in Schwarzweiß: Impressionen aus dem Alltagsleben der Inuit vor Jahrzehnten.

Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek
Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek

Szenenwechsel: Das Schiff „Arctic“ kämpft sich durch raue See, Inuit bereiten den Landungssteg vor, Kapitän Bernier, ein bekannter Polarfahrer, defiliert in Uniform vor den am Rand versammelten Inuit, an die Süßigkeiten ausgeteilt werden: Bilder einer Zeit, in der koloniale Attitüden gegenüber indigenen Völkern offensichtlich waren – und in der einschneidende Umwälzungen eingeleitet wurden, wie in der Folge erkennbar wird.

Die Filmemacherin Asinnajaq
Die Filmemacherin Asinnajaq – Foto: Alex Tran

Die junge Inuit-Filmemacherin Asinnajaq ist Absolventin des NSCAD in Halifax, in Montreal geboren und aufgewachsen, aber der Welt ihrer Vorfahren fest verbunden. Sie verwendet Filmmaterial aus den Archiven des NFB (das National Film Board of Canada, das den Film auch produziert hat), darunter Dokumentationen, Propaganda- und Bildungsfilme wie auch Spielfilme von Inuit-Filmschaffenden; kombiniert mit Animationen schafft sie daraus eine faszinierende Collage.
Farbige Naturaufnahmen zeigen arktische Tiere, wie Karibus, die erstaunlicherweise in der schneebedeckten Tundra existieren können – genau wie die Inuit; trotz aller Unwirtlichkeit, der unerbittlichen Kraft der Natur in diesen hohen Breitengraden. Wir, weiter südlich lebend, gewöhnt an milderes Klima, könnten dort kaum überleben; die Inuit tun es seit Jahrtausenden, es ist ihre Heimat – die sich gerade radikal verändert.

Gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden
Ein Fourwheeler, gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden

Die „Videoschnipsel“ aus dem NFB-Archiv zeigen, wie die Inuit in erstaunlicher Weise, unter Nutzung der lokalen Ressourcen und mit einfachsten Mitteln ihr Leben meisterten und meistern. Viele der gezeigten Handlungen erscheinen uns nahezu archaisch. Das Abhäuten von Tieren, das Trocknen und Reinigen von Pelzen, das Schneiden von Lederriemen aber gehört noch immer zum Alltagsleben (wie auch der auf der Berlinale 2017 vorgestellte Film Angry Inuk zeigte) – dies auch in der großen arktischen Siedlung mit Supermarkt, Strom- und Wasserversorgung, farbenfrohen Häusern und modernen Küchen. Neugierige Kinder im Klassenzimmer, ein großes Fabrikgebäude in arktischer Landschaft und Inuit in der Essenspause in der Werkkantine stehen für den radikalen Umbruch. Der Fourwheeler hat das Hundeschlittengespann abgelöst, doch es ist noch immer Arktis; wo im Winter die Atemluft gefriert; wo auch die Kleinkinder wissen, dass ein totes Tier neben ihnen bedeutet, dass es etwas zu Essen gibt.

Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert
Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert in Zusammenarbeit mit Patrick Doan

Packend die Intensität der Szenen, die in schneller Folge wechseln – und doch immer wieder Ruhepole zeigen: eine behaarte Raupe im Tundragras; die Großmutter, die ein kunstvolles Behältnis aus trockenem Gras flicht. Das alles eingebettet in Schichten von traumartigen Animationen, die sich in Landschaftsbildern auflösen; Musik, anfangs weich und sanft, sphärische Klänge, konturiert durch den rauen, hektischen Kehlgesang (hier wirkt auch Tanya Tagaq mit) – bereichert durch Naturgeräusche. Es ist Poesie, und es ist Alltag. Und es wird zur Vision, wenn Asinnajaqs digitale Animationen in die Zukunft führen, in das Jahr Dreitausend: unter den Nordlichtern im Dunkel der Polarnacht – oder des Universums? – glüht eine futuristische Inuit-Siedlung auf; ein Elternpaar in traditioneller Kleidung, das Baby im Amauti, schaut von einem Berg auf die strahlende Lichtkuppel im Zentrum der Siedlung: Kontinuität und Hoffnung.

Filmposter, Ausschnitt
Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt

Three Thousand, eine Produktion des National Film Board of Canada, ist auf der Berlinale zu sehen:
Dienstag, 20.3.2018, 22:00 Uhr im Zoopalast, Hardenbergstraße 29A,
Freitag, 23.2.2018, 21:30 Uhr im Cinestar IMAX, Sony-Center, Potsdamer Straße 4.

posted by Mechtild Opel



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