Joseph B. Mauch – ein Schwabe reist zum Nordpol

Es gibt wenige Arktisreisende unter den Schwaben. Vielleicht fehlt ihrer Heimat das Meer und auch die eisige Kälte des Winters, um in jungen Leuten die Sehnsucht nach den polaren Regionen zu wecken? Über die Arktisreisen des Schwaben Franz Joseph Lang haben wir schon berichtet.

Joseph_B_Mauch
Joseph B. Mauch

Die Anregung für Joseph B. Mauchs Interesse an einer Forschungsexpedition kam von seinem Bruder Karl, der sich von 1865 bis 1871 im Süden Afrikas aufhielt und unter anderem die Ruinen von Groß-Simbabwe untersuchte, beschrieb und in Europa bekannt machte. Heute gehören sie als eine der bedeutenden frühen Großbauten Afrikas zum UNESCO-Welterbe.

Centralbahn Ludwigsburg um 1860
Centralbahn Ludwigsburg um 1860

Joseph B. Mauch, am 19.10.1849 in Ludwigsburg geboren, wählte eine andere Himmelsrichtung als sein Bruder. Er begab sich 1866 nach Nordamerika und begann dort mit dem Studium der Medizin und der Pharmazie. 1871 bewarb er sich als Teilnehmer der Amerikanischen Nordpolexpedition unter Führung von Charles Francis Hall. Da die Positionen der Wissenschaftler schon besetzt waren – der führende deutsche Kartograph August Petermann hatte seinen ehemaligen Studenten Dr. Emil Bessels als wissenschaftlichen Leiter wärmstens empfohlen – zögerte Mauch nicht und heuerte als einfacher Matrose an.

Charles Francis Hall
Charles Francis Hall

Als das Expeditionsschiff Polaris den Hafen in Brooklyn verließ, befanden sich neben Mauch und Bessels noch acht weitere Deutsche an Bord, unter ihnen der in Gingst auf Rügen geborene Wilhelm Nindemann. Die Expedition stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Ständig gab es Spannungen zwischen Hall, seinem wissenschaftlichen Leiter Dr. Bessels und dem Kapitän der Polaris Sidney O. Budington. Auch der hohe Anteil deutscher Teilnehmer soll zu „internationalen“ Konflikten auf dem Schiff geführt haben.

Expeditionsschiff Polaris
Expeditionsschiff Polaris

Die Expedition verlief zunächst erfolgreich. Dank günstiger Eisbedingungen erreichte das Schiff immerhin die Position 82°29′ N und überwinterte dort. Hall begab sich auf eine Schlittenexpedition, um noch weiter in Richtung Nordpol zu gelangen.
Nach seiner Rückkehr zum Schiff wurde er plötzlich krank und verstarb am 8.11.1871, vermutlich an einer Arsenvergiftung. Mauch, der persönliche Assistent Halls, der auch sein Expeditionstagebuch führte, hatte von ungewöhnlichen chemischen Gerüchen in Halls Kabine berichtet. Bis heute ist trotz einer Obduktion des Leichnams, die fast 100 Jahre später vorgenommen wurde, nicht geklärt, ob Hall durch Mord oder eine Fehlmedikation vergiftet wurde.

Hier endete die Polaris
Hier endete die Polaris

Nach Halls Tod und der ersten Überwinterung wollte Budington nur noch nach Hause, während Bessels und andere die wissenschaftlichen Aufgaben fortsetzen wollten. Am 15. Oktober 1872 stieß das Schiff gegen einen Eisberg, und der Kapitän befahl, Teile der Ausrüstung auf das Eis zu bringen. Da das in der Nacht geschah, herrschte großes Durcheinander. Ein Teil der Besatzung befand sich auf dem Eis und der Rest auf dem Schiff, als die Eisscholle und mit ihr ein Großteil der Besatzung vom Schiff abgetrieben wurde. Glücklicherweise waren alle Inuit auf der Eisscholle. Nur dank ihrer Fähigkeiten überlebten alle auf dem Eis Gestrandeten die nun folgende Drift von sechs Monaten in Richtung Süden.

Messarbeiten bei Etah
Messarbeiten bei Etah

Joseph B. Mauch befand sich während der Trennung der Mannschaft gerade an Bord der Polaris. Budington setzte das Schiff am folgenden Tag in der Nähe der grönländischen Inuit-Siedlung Etah auf den Strand. Dort überwinterten die Seeleute. Bessels, Mauch und andere nahmen die wissenschaftlichen Arbeiten wieder auf. Mauch vervollständigte seine Aufzeichnungen und fertigte eine Vielzahl von Zeichnungen an. Im folgenden Sommer gelangten die Seeleute mit zwei aus Holzresten gezimmerten Booten nach Süden, wo sie von einem Walfänger aufgenommen wurden.

Skizze von Mauch - Halo
Halo – Skizze von Joseph B. Mauch

Mauch erreichte auf dem Umweg über Schottland wieder die USA, wo er seine Studien fortsetzte und später als promovierter Pharmazeut eine Apothekerpraxis führte. Er gründete eine Familie und war in verschiedenen Gesellschaften tätig, so im Arctic Club of America, im Deutschen Liederkranz und in einer Freimaurer-Loge.

Sundog near Etah
„Halo“ – Nebensonne bei Etah

Bei verschiedenen Gelegenheiten hielt er Vorträge über seine Teilnahme an der Polaris-Expedition. Als einer der letzten Überlebenden der Expedition starb Joseph B. Mauch am 2. Februar 1909. In seiner Heimat in Schwaben ist er fast vergessen; dort erinnert man nur an seinen Bruder, den Afrikareisenden Karl Mauch.
Herzlicher Dank gilt Herrn Roschmann für wichtige Informationen über Joseph B. Mauch!

posted by Wolfgang Opel

Franz Joseph Lang – ein Arktisreisender von der Schwäbischen Alb

Am 17. Juli 1884 – vor 130 Jahren – erreichten sechs Überlebende der Lady Franklin Bay Expedition (1881-1884, unter der Leitung von Leutnant Adolphus Greely) mit den zu ihrer Rettung ausgesandten Schiffe Thetis und Bear den Hafen von St. Johns auf Neufundland. Die anderen 20 Teilnehmer der Expedition waren ab Januar 1884 während der Überwinterung auf Pim Island (an der Ostküste Ellesmere Islands im Norden Kanadas) infolge Erschöpfung und Hunger gestorben.

Pim Island im September 2012
Pim Island im September 2012

Die Überlebenden befanden sich in einem bedauernswerten Zustand. Schon bald nach ihrer Rückkehr gelangten Gerüchte über unglaublich schreckliche Ereignisse auf Pim Island in die Öffentlichkeit: Kannibalismus und die Hinrichtung eines Expeditions-Teilnehmers – des Deutschen Carl Heinrich Buck, der sich vor der Expedition in Charles Henry umbenannt hatte (siehe auch Mysterium um die Toten von Pim Island).

die Ueberlebenden der Greely_Expedition
Die Überlebenden der Greely-Expedition, oben rechts Franz-Joseph Lang

Zu den sechs Überlebenden gehörten neben dem Expeditionsleiter Leutnant Greely auch drei deutschstämmige Soldaten: Francis Long, eigentlich Franz Joseph Lang aus Böhmenkirch bei Göppingen, Georg Heinrich Christian Biederbick und Julius Robert Frederick.
Obwohl die Expedition als wissenschaftlich erfolgreich galt, endete sie in einer menschlichen Katastrophe. Greely hatte zunächst versucht, die Hinrichtung Henrys zu verheimlichen, und behauptete, am Kannibalismus weder beteiligt gewesen zu sein noch davon gewusst zu haben.
Doch sowohl die Erschießung Henrys als auch die Störung der Totenruhe waren durch die Kapitäne der Rettungsschiffe festgestellt und in einzelnen Fälle durch spätere Obduktionen bestätigt worden.

Galionsfigur der SS Bear
Die Galionsfigur der „SS Bear“

Der Versuch, die schrecklichen Ereignisse aufzuklären, ist bis heute nicht abgeschlossen. Sowohl die mit der Hinrichtung Henrys Beauftragten als auch die an Zerteilung und Verzehr der menschlichen Überreste beteiligten Expeditionsteilnehmer hatten sich wechselseitig zum Schweigen verpflichtet. Erst nach dem Tod Greelys ging David Brainard, damals der letzte der Überlebenden, mit der Information an die Öffentlichkeit, dass es auf dem Weg von der Lady Franklin Bay nach Pim Island den Versuch einer Meuterei gegen Greely gegeben hatte. Sie wurde wegen Brainards fehlender Bereitschaft abgebrochen; vielleicht aber hätte sie zumindest einigen das Leben retten können.

Pim Island im September 2012
Ein düsterer Ort: hier befand sich einst das Camp der Greely-Expedition

Francis Long aus Böhmenkich war neben Brainard der körperlich und mental widerstandsfähigste der Mannschaft. Er hatte an der Schlacht am Little Bighorn teilgenommen, bei der 1876 die Truppen unter General Custer von Indianern unter der Führung von Sitting Bull, Crazy Horse und Häuptling Gull vollständig vernichtet worden waren. Long hatte überlebt, da er von Custer beauftragt worden war, zusätzliche Kräfte zur Hilfe zu holen, die allerdings zu spät kam, um Custers Soldaten beizustehen.

Sitting Bull
Häuptling Sitting Bull

Wahrscheinlich hatte Long bereits damals ausreichend Leid gesehen und erfahren, um dann die Ereignisse auf Pim Island durchstehen zu können. Er war der erfolgreichste Jäger der Expedition und oft stunden- und tagelang auf der Suche nach jagdbarem Wild unterwegs. Er war es auch, der genügend Kräfte hatte, um am 22. Juni eine Hügelkette in der Nähe des Camps zu besteigen und die Rettungsschiffe auf sich und die Überlebenden aufmerksam zu machen. Wohl keiner der Teilnehmer hätte die nächsten beiden Tage überlebt, denn Lebensmittel gab es schon seit Wochen nicht mehr.

Francis Long alias Franz Joseph Lang
Francis Long, alias Franz Joseph Lang

Nach der Heimkehr verschaffte Greely seinen Mit-Überlebenden Jobs und später auch Pensionen; vermutlich wurde ihm mit Schweigen über die Ereignisse auf Pim Island gedankt. David Brainard brachte es sogar vom Sergeanten zum Brigade-General. Er starb mit 89 Jahren. Einige Zeit danach fand man ein unbekanntes Notizbuch, das den letzten Teil seines Tagebuches mit den entscheidenden Ereignissen auf Pim Island enthielt. Dabei lagen zwei Patronenhülsen, die vermutlich von der Erschießung Henrys stammten. Auch Brainard hatte sich bis zu seinem Lebensende an das vereinbarte Schweigen über den Tod Henrys und über den Kannibalismus gehalten.

Ziegler-Expedition_Russel W. Porter
Die Ziegler-Expedition, Gemälde von Russel W. Porter

Unzufrieden mit der Beachtung seiner außergewöhnlichen Leistungen während der Greely-Expedition war aber Francis Long; er hatte seinen Mit-Überlebenden 1898 sogar mit der Aufdeckung der Umstände um Henrys Tod gedroht. Dazu kam es aber letztendlich nicht. Stattdessen nahm er – als einziger Teilnehmer der Greely-Expedition – sogar noch an zwei weiteren Arktisexpeditionen, den sogenannten Ziegler-Expeditionen 1901-1905 nach Franz-Josef-Land, teil.

Long auf Bärenjagd
Franz Joseph Lang auf Bärenjagd

Im Nachlass von Francis Long fand man keine Tagebuchaufzeichnungen. Hat es gar keine gegeben, oder sind sie „verloren gegangen“? Dass er sich genau an die dramatischen Ereignisse der Greely-Expedition erinnern konnte, kann man an seinem Bericht über die erfolgreiche Jagd eines Eisbären auf Pim Island im Internet nachlesen. Berichte über Meuterei, eine Hinrichtung und Kannibalismus wollte er vermutlich aber nicht veröffentlichen. Und noch heute – 130 Jahre nach den tragischen Ereignissen auf Pim Island – fällt es schwer, über die damaligen Geschehnisse auf Pim Island zu urteilen.

Paddelsaison Teil II (von Berlin nach Kamtschatka …)

Das süße Spreewasser fließt in den Dämeritzsee – Sonnige Tierbeobachtungen

Meine kurze Schienenreise geht nach Hangelsberg über Erkner bis kurz vor Fürstenwalde.
Die Helligkeit stieg schnell aus dem blauen dunklen Himmelszelt auf, während ich auf der Zugtoilette mein verbrauchten Tee ausspüle. Mein müder Blick geht zum milchigen Fensterglas. Rotes leuchtet auf. Das Rote wird schnell gelb und die Strahlen erleuchten die flache Landschaft in warmen satten Farben und langen Schatten.

Flussnebel am Ufer der Spree bei Hangelsberg
Flussnebel am Ufer der Spree bei Hangelsberg – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach einer dreiviertel Stunde bin ich vor Ort, am Ufer der Spree. Die Feen auf den feuchten Wiesen bleiben unsichtbar, nur noch der tief hängende Nebelschleier ist zu sehen. Ich blase mein rotes Gummiboot auf. Zum Glück war das Gras gemäht. In Kamtschatka wäre ich am zeitigen Morgen wegen Nässe und Kühle an den feuchten Hochstauden bis auf die Haut durchweicht: Pflanzen, die bis zu drei Meter gegen den Himmel wachsen.

Neugierige Kuh
Neugierige Kuh – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Sonne saugt den feuchten Feen den Nebel weg, und die klare Luft bildet die Bilder scharf ab. Mit aufgeblasenen Luftpolstern sitze ich auf dem dunklen Wasser, und eine andere Art der Bewegung treibt mich federleicht in westliche Richtung. In einer halben Stunde beobachte ich fünf Biber. Sie alle sind mir nicht freundlich gesinnt.

Gelbe Wasserschwertlilie
Gelbe Wasserschwertlilie – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bevor die Pelztiere kurz vor dem Boot abtauchen, schlagen sie mit der breiten Schwanzflosse noch mal kräftig zu. Kamera wie Hemd werden unfreiwillig nass. Von Weitem sieht der Kopf des Bibers aus, wie dunkles Schwemmholz – nur das das Holzstückchen gegen die Strömung schwimmt. Meine ersten Biber sah ich in Nordalaska, mitten in der Stadt Anchorage auf dem See; die menschlichen Aktivitäten am Ufer berührten ihn kaum.

Abtauchender Biber
Wenn der Biber abtaucht, bleibt eine Spritzfontäne zurück – Foto: © Ullrich Wannhoff

Schwärme von Alt- und Jungstaren zwitschern aus den Baumkronen der hohen Eichen und Pappeln. Sie fliegen geschäftig hin und her und erinnern an die flirrende Flügelschläge der Kolbris. Möglich, das die Stare bei den erwärmenden Sonnenstrahlen in der Höhe viele Insekten antreffen und sich daran sättigen. Es mögen weit über tausend Vögel sein, die ich unterwegs bis zum Dämeritzsee beobachte.

Grosse Teichrose
Große Teichrose – Foto: © Ullrich Wannhoff

Das laute Gekräcke vom Teichrohrsänger ist nicht zu überhören. Mit Gesang hat das wenig zu tun, dafür laut und eindringlich. Dort wo sich die Teichrohrsänger befinden, ist der Kuckuck nicht weit, der seinen Wirt sucht und wohl schon längst gefunden hat. Ich sah, wie der Kuckuck einen Rotmilan ärgert. Meist sind es Krähen, die spielerisch um den Greifvogel fliegen oder ihn sogar attackieren, wenn er sich den Nestern nähert.

Junge Schwanenkinder unterm Mutterbauch
Junge Schwanenkinder unterm Mutterbauch – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Auenlandschaft befinden sich einzelnen Büsche, und manch Neuntöter sitzt beobachtend darauf und hält Ausschau nach Insekten. Ein wunderschöner Vogel, der offene Landschaften mit Strauchvegetation bevorzugt. Durch die intensive Landwirtschaft werden sie immer weniger.

Distelfalter
Distelfalter – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Sonne steigt und steigt und ich bevorzuge jetzt die schattigen Ufer der überhängenden Eichen, deren vereinzelte Blattgruppen im gleißenden Sonnenlicht punktuell hellgrün leuchten. Ein inneres Licht zwischen den größeren dunkelgrünen Blattgruppen, die bis fast ins Schwarze übergehen. Sie erinnern mich an dem französischen Maler Maurice de Vlamink (1876-1958), der tiefe schwarze Farben in das kräftige Grün seiner Bäume setzt. Ein Pinselduktus, der mir sehr nahe kommt. Diese Bilder sah ich in der Eremitage in Petersburg, wo sich die französische Malerei in der letzten Etage befindet. Kleine Räume ohne Stuck und Prunk. Einfach wunderschön.

Weisse Seerose
Weiße Seerose – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ein Rotfuchs mit seiner Beute flüchtet durch die blühende Wiese in Richtung Kiefernwald, während ich meinen Frühstückssalat genieße. Weiße Weiden- und Pappelsamen tanzen auf der dunklen Wasseroberfläche, bilden ein Knäuel und fliegen unbeschwert weiter, ohne ein Ziel zu haben.

Kopulierende Adonislibelle
Kopulierende Frühe Adonislibelle – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Mittagssonne verliert der Himmel seine Bläue und die flimmernde weiße Luft endet hinten am Wirtschaftswald voller hochgeschossener Kiefern, die in Reih und Glied stehen. Zarte blaue, grüne, rote, braune mosaikartige Edelsteine schwirren mit seidenen Flügeln dicht vibrierend an mir vorbei.

Larve mit frisch geschlüpfter Gebaenderter Prachtlibelle
Larve mit frisch geschlüpfter Gebänderter Prachtlibelle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ufer schlüpft eine Blauflügel-Prachtlibelle aus der braunen Larve und trocknet ihre Flügel. Auf den schmalen Schilfblättern sehe ich mehrere verlassene leere Larven mit Öffnungen, als würde eine Frau aus ihrem altmodischen Kleid schlüpfen, und ein neues frisches, farbiges Kleid kommt zum Vorschein; Männerpupillen vergrößern sich um ein Vielfaches.

ausgeschluepft - und zurueck bleibt die Libellenlarve
Ausgeschlüpft – und zurück bleibt die Libellenlarve – Foto: © Ullrich Wannhoff

Mindesten fünf farbenfreudige Libellenarten beobachte ich, deren Namen mir unbekannt bleiben, so wie eine Azurjungfer. In Europa gibt es 135 europäische Libellenarten.
In Kamtschatka fliegen viele Libellen bis weit in den September hinein über die Feuchtwiesen. Einer ihrer Hauptfeinde ist der Baumfalken, der im schnellen Flug diese Edelsteine erbeutet.

Libellenjaeger - Junger Baumfalke aus Kamtschatka
Libellenjägert – Junger Baumfalke aus Kamtschatka – Foto: © Ullrich Wannhoff

posted by Ullrich Wannhoff

Kafkas Affe und Hagenbecks Völkerschau

Seit Shakespeares „Ein Wintermärchen“ wissen wir, dass Böhmen am Meer liegt: „Bohemia. A desert country by the sea.“ Grund genug hier auf dem Trimaris-Blog an Franz Kafka, den Schriftsteller aus Böhmen, zu erinnern, der heute vor 90 Jahren in Wien gestorben ist und wie Shakespeare zu den bedeutenden Autoren der Weltliteratur gehört.

Kafka_1906
Kafka als junger Mann – Foto: Wikipedia

Genau vor 100 Jahren verlobte Kafka sich mit der im Berliner Prenzlauer Berg (Immanuelkirchstrasse 29) wohnenden Felice Bauer; es begann eine komplizierte Beziehung zwischen Annäherung und Abgrenzung, Verlobung und Entlobung. Sie wechselten hunderte Briefe, sahen sich aber nicht sehr oft. In den zweieinhalb Jahren bis zur endgültigen Trennung von Felice Bauer schrieb Kafka wichtige Erzählungen: „In der Strafkolonie“, „Die Verwandlung“, „Ein Bericht für die Akademie“ und arbeitet am Roman „Der Process“. Das meiste davon entstand in einem kleinen Häuschen, das Kafkas Schwester für ihn in der Prager Alchimistengasse angemietet hatte.

Prag_Alchimistengasse
Die Alchimistengasse in Prag 1966 (ganz links Kafkas Wohnhaus)

In „Ein Bericht an die Akademie“ beschreibt Kafka den ungewöhnlichen Vorgang der „Menschwerdung“ eines in Afrika gefangenen Menschenaffen, der vor die Wahl gestellt, ob er lieber im Zoo oder im Varieté auftreten möchte, sich umgehend für die zweite Variante entscheidet.

Diese Frau wurde auf einer Freakshow gezeigt
Sogenannte „Affenfrau“, die auf einer Freakshow gezeigt wurde

Das ganze Szenarium erinnert uns sofort an Freak Shows oder auch an die Hagenbeckschen Völkerschauen und ähnliche Vorführungen, für die „Wilde“ aus Samoa, aus Grönland und Labrador, aus Afrika und vielen anderen Teilen der Welt zur Bildung und Belustigung eines neugierigen Publikums mehr oder weniger freiwillig engagiert wurden. Auch Prag war ein Ort für solche Darbietungen.

Groenlaender bei einer Voelkerschau
Grönländer bei einer Völkerschau – Abbildung aus den Hottinger Volksblatt 1878

Wissenschaftler wie Virchow oder Boas nutzten auch Völkerschauen für ihre anthropologischen Studien, wobei damals die Messungen von Schädeln und Gliedmaßen zum Teil auch Hypothesen von der Überlegenheit der Europäer gegenüber den wohl bald aussterbenden „primitiven“ Völker stützen sollten.

Virchow mit Messinstrument
Rudolf Virchow mit einem Instrument für anatomische Vermessungen

Material für weitere derartige Studien besorgten auch Forschungsreisende, die in der ganzen Welt begierig Gräber plünderten, Leichen skelettierten und vermutlich sogar vor Auftragsmorden nicht zurückschreckten, um an ganz besonders spektakuläres „Material“ zu kommen.

Schaedel Eskimokind
In einer Abhandlung ging Virchow auf diesen Schädel eines Ekimokindes ein

Kafka wäre nicht Kafka, wenn sich die gerade beschriebenen Vorgänge nur eindimensional in „Ein Bericht an die Akademie“ wiederfinden würden. Die Erzählung ist natürlich viel komplexer und bietet viele Möglichkeiten zur Interpretation – damals wie heute. „Kafkaesk“ ist sie auf jeden Fall.

Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus
Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus

Bestimmte aktuelle Entwicklungen und Ereignisse – das Ausgeliefertsein gegenüber Überwachungsmechanismen und mangelnde Möglichkeiten von Einflussnahme auf weitreichende politische Entscheidungen etc. – fordern geradezu auf, sich wieder einmal intensiver mit Kafkas Werken auseinanderzusetzen – nicht nur weil sich gerade heute sein Todestag jährt.

Kafka 1924
Kafka 1924 – Foto: Wikipedia

posted by Wolfgang Opel

Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka

Ende April und Anfang Mai paddelte ich kleine Abschnitte der Flüsse Havel, Spree, Oder und Peene ab, immer von dort, wo deren Ortschaften Anbindung haben an die Gleise, die mich wieder zurück brachten in die Metropole zum Berliner Ostbahnhof.

Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Kuestrin
Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Küstrin – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich fröhnte meiner Menschenallergie in der Stille der unterschiedlichen Landschaften, aus denen die Töne der Vögel geboren werden, die mit ihrem Gesang alljährlich akustisch ihre Räume abstecken, ähnlich wie der moderne Mensch mit seinem iPod unüberhörbar die Wege seiner langen arbeitsamen Tage abläuft.

Wasser im Boot
Wasser im Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Verglichen mit dem Kamtschatka-Fluss spüre ich die Kleinteiligkeit der Kulturlandschaft, aber auch Relikte der letzten Eiszeit, die in Ufernähe bis heute unberührt blieben. Während in den Uferzonen des Kamtschatka-Flusses unendlich viele junge Weiden im Wasser stehen, haben wir an der Oder einen weitläufigen Auenwald mit breiten Schilfflächen, die der Wind streichelt.

Schilfguertel
Schilfgürtel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Spreeufer beeindrucken die dicken Stämme der Kopfweiden, die im Sterben tiefe Furchen auf der Rinde hinterlassen; und am Fuße des Alten rollt sich der frische Farn aus und streckt sein leuchtendes, helles Grün dem Lichte zu, „schaut her, ich bin der Frühling“.

Weide mit Ente an der Spree bei Erkner
Weide mit Ente an der Spree bei Erkner – © Ullrich Wannhoff

Die Havel in Nähe Wannsee aber zeigt unser menschliches Gestalten. Barocke, klassizistische und historisierende Stilelemente der Architektur widerspiegeln die Kunstgeschichte der letzten dreihundert Jahre.

Große Wegschnecke
Große Wegschnecke – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die grünen Uferzonen sind im englischen Parkstil gestaltet und wir erfreuen uns an der Blütenpracht der Narzissen und Rhododendron-Sträucher. Revolutionen werden gemacht, um Altes in neuer Form zu konservieren. Der einfache heutige Mensch lebt bequemer, als viele Fürsten frühere Jahrhunderte. Und so paddle ich von Grundstück zu Grundstück, bis ich Potsdam erreiche.

Morgensonnengruss an die Hoeckerschwaene
Morgensonnengruß an die Höckerschwäne – Foto: © Ullrich Wannhoff

Drei Tage war ich auf dem schwarzen Wasser der Peene von Demmin nach Anklam und lauschte den vielseitigen Gesang der Vögel.

Entwurzelte Erle
Entwurzelte Erle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit dem Abschmelzen des Eispanzers (etwa zwei Kilometer hoch) vor 10.000 Jahren hat sich das Flussufer mit dem Erlenbruch und Mooren kaum verändert. Die Jäger und Sammler, die sesshaft wurden, siedelten sich etwas abseits vom Fluss, denn das Wasser ist nicht trinkbar – zu viele Schwebstoffe – und sehr torfhaltig, daher dunkel gefärbt. So entwickelte sich die Kulturlandschaft im Hinterland, und nur punktuell traute man sich ans Ufer; denn der Fluss ernährte die Menschen mit Fischen.

Abfliegender Kormoran
Abfliegender Kormoran. Abgestorbene Erlenbäume sind willkommenen Ruheplätze – Foto: © Ullrich Wannhoff

In Russland gibt es ein sehr altes Lied „Mütterchen Wolga“. Flüsse waren nicht nur die ersten Transportwege, sondern auch die Ernährer der am Ufer lebenden Menschen, und daran erinnert dieses einfache schwermütige Lied.

Wolkensuechtig
Wolkensüchtig – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der blaue Himmel mit seinen lustigen weißen Wolken, zusammen mit Vogelgezwitscher, erheiterte mein Gemüt. So paddle ich ohne Störung durch andere Kanufahrer oder gar Motorboote ganz allein durch die stille Flusslandschaft (die Saison ist noch nicht eröffnet), die kaum Fließgeschwindigkeit aufweist und meine Muskeln gegen den kühlen Wind beanspruchte. Einfach großartig.

junge Birkenblaetter
Verträumte junge Birkenblätter über der Peene – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens war mein Zelt mit dünnem Zuckerguß überzogen: Raureif verzauberte kurzzeitig die so grüne Landschaft mit Weiß. In ein, zwei Stunden leckte die Sonne alles Weiße ab. Die normalerweise versteckten kleinen Vögeln (Teichrohrsänger, Rohrschwill, Beutelmeise, Schilfrohrsänger, Zilpzap, Rohrammer), die man sonst nur hören kann, stiegen in der Morgenfrüh ganz hoch auf die Schilfstäbe, auf getrocknete Äste, die aus dem wiegenden Schilfmeer herausschauten, wärmten sich auf und sangen die Welt farbig.

Nest der Beutelmeise
Nest der Beutelmeise über dem Wasser auf Birkenzweigen hängend – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dort wo keine Menschen waren, fehlte Gott und ich genoss die Fülle der Natur und mein egozentrischer Blick wurde so klein wie ein Schilfhalm.

Erdhummel
Erdhummel auf einer Wiesen-Bocksbart-Blüte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ende der Reise lief ich vom Bootshaus durch die intellektuelle Wüste Anklam Richtung Bahnhof. Jede Laterne war gespickt mit NPD-Plakaten. Andere Parteien gab es nicht! So stand ich fast verlassen an dem schön gestalteten, aber leerstehenden Backsteinbahnhof.

Leuchtender Raps
Leuchtender Raps – Foto: © Ullrich Wannhoff

Laute gewalttätige Musik schallte herüber, von zwei Jungen im Alter etwa 14-16 Jahre, die auf der Bank saßen. Alle verlassenen trostlosen Bahnhöfe in Mecklenburg erinnern an den Film „12 Uhr Mittags“. Die Sonne schien und der Schlagschatten überdeckte die beiden jungen Menschen, die dumpf, verloren auf der Verlierer-Bank saßen, die sich ihre Zukunft selber versperren, weil die Eltern ihnen keine Zukunft (Bildung) geben. Musikalische Pistolenschüsse aus dem Recorder durchzucken mein Herz, während die Bleichgesichter da sitzen mit leeren Augen im Gesicht, nicht wissend, was für eine großartige stille, weite Landschaft sie vor sich haben, mit einem unendlichen Horizont, der irgendwo weit hinten mit der Erde in Verbindung steht.

posted by Ullrich Wannhoff
Zu Ullis Paddeltour in Kamtschatka August 2013, und hier noch mehr über Sibirien und auch Ullis Unternehmungen dort.



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